Forderung der Gegenwart. Man sucht ihr gerecht zu werden. Schon
bekommen die Hauswände auch in den kleineren Orten unseres sächsischen
Gebietes farbigen Anflug. Die Fachwerkbauten sind _Natur_kinder mit
farbigem Gesicht. Man erkenne und würdige sie als solche. Dann werden
sie auch wieder ungeschminkt ihre schlichte Schönheit zeigen. Sie
ersparen dem Maler die Verlegenheit, wie er die Farbe anordnen soll
und verbürgen durch ihre bauliche Eigenheit eine gewisse Güte der
ornamentalen Behandlung. Bei zweistöckigen Gebäuden, die im Erdgeschoß
massiv und nur im Oberstock als Fachwerkbau errichtet sind, stellt sich
ungesucht eine treffliche Beherrschung der großen Wandflächen ein. Es
wirkt der Gegensatz zwischen dem im Fachwerk rege aufgeteilten Oberbau
und der Unterwand mit ihrer viel geringeren Gliederung.
Die volkstümliche Farbgebung, wie sie nach bisheriger Gepflogenheit
bei Fachwerkhäuschen üblich war, ist eine interessante Äußerung des
Landschafts- und Stammescharakters, als solche einfach und überzeugend.
Schwarzes Gebälk hat der Schneeberger Bergbaubezirk, schwarz wie
der Bergmannskittel, ernst wie die Bergmannsarbeit, düster wie die
erzgebirgischen Nadelwälder. Vollfarbig grün, braun, rot wird im
Gebiet, wo Lausitz und Sächsische Schweiz aneinanderrainen, der Balken
gestrichen, entsprechend der mannigfaltigeren, anmutigeren Formenwelt
der Landschaft. Das farblustigste Häuschen fand ich in der heiteren
Elbtalwanne, ein himmelblaues Wesen mit warm braunem Holzwerk und
Strohdach. Trotz seiner armseligen Bauart machte es einen anheimelnd
wohligen Eindruck. Mehr Beobachtungen in dieser Richtung sind erwünscht.
[Illustration: Abb. 1]
Welches sind nun die Häuschen, unter deren trügerischer Außenhaut ein
Fachwerkbau seinen Dornröschenschlaf hält: Das ist leicht zu ergründen.
Selbst für den Unkundigen gibt es ziemlich sichere Kennzeichen des
verborgenen Gesichtes. Solche sind: Das Vorkragen des Obergeschosses,
der Mangel steinerner Fenstergewände, zuweilen ein helles Negativ
des gesamten Gebälkes, geradlinige Risse im Putz oder Bloßlegung
eines Balkenteiles (denn gerade auf dem Holze hält der Putz nur
unter Anwendung besonderer Vorkehrungen). Erstaunlich ist es, wie
viele Fachwerkgestalten der Vorzeit mancherorts unter einer Kalkhaut
verkrustet sind. Ganze Straßenzüge im älteren Ortsteil, namentlich
dessen äußere Gassen, enthüllen dem aufmerksamen Betrachter ihre wahre
Natur. Aber auch im vornehmeren Kerne der Stadt gibt es verborgene
Fachwerkgesichter. Ich bin schon wiederholt entzückt gewesen von der
Belebung des Ortsbildes, die entstand, wenn bei Erneuerungsarbeiten
altes Fachwerk zum Vorschein kam. Gestalten aus einer entschwundenen
schönen Zeit guckten herein in die Gegenwart. Und seltsam, wie gut und
lebendig diese warmen Wesen unter den Maskengesichtern einer nüchternen
Umgebung sich ausnahmen! Meinem Entzücken folgte aber auch regelmäßig
die Enttäuschung. Es waren stumpfe Erwecker, die das verzauberte
deutsche Kind aus seinem mehr als halbhundertjährigen Schlafe lösten.
Sie zogen samt und sonders, Besitzer, Tüncher und Baumeister in
trautem Verein, der schlichten lieben Schönheit die Kalkschicht wieder
übers Angesicht.
[Illustration: Abb. 2]
Nun, lieber Leser, versuche Entdeckungen zu machen in deinem Städtchen,
deinem Dorfe! Und versuche eine Tat! Sage den Besitzern von den schönen
Möglichkeiten, die sich bei einer Erneuerung ihrer Hauswände zeigen!
Vielleicht hast du Erfolg. Du bringst dabei ein Stück verlorene
Heimatschönheit wieder. Du bist Teilhaber daran. Heimatschönheit, das
ist öffentlicher Besitz, das ist etwas, was auch zum »goldenen Überfluß
der Welt« gehört und eine gute Medizin sein soll gegen allerlei
Anfechtungen. Wo die Erde schön ist, da schlägt die Seele Wurzel. Und
wo dies Pflänzchen gedeiht, da grünt etwas aus Gottes heil’gem Garten
Eden.
Nachwort.
Der Aufsatz »Das verborgene Gesicht« war schon seit Jahresfrist
in den Händen des Heimatschutzes, als durch die Tageszeitungen
bekannt wurde, daß der Bürgermeister eines rheinischen
Städtchens die Gedanken, für die vorstehend geworben wird,
in seinem Verwaltungsbezirk erfolgreich in die Tat umgesetzt
hat. Also: Es geht! Und was hier angestrebt wird, ist nicht
unzeitgemäß. An weit entfernten Orten unseres deutschen
Vaterlandes wird völlig unabhängig voneinander derselbe Gedanke
wach und verfochten.
Sachsens Binnenlands-Seeschwalben
Von _Rud. Zimmermann_, Dresden
Mit Abbildungen nach Naturaufnahmen des Verfassers
Von den im Binnenlande nistenden Seeschwalbenarten zählte Sachsen
drei zu seinen Brutvögeln: die Flußseeschwalbe, Sterna hirundo L.,
die Zwergseeschwalbe, St. albifrons Pall., und die Trauerseeschwalbe,
Chlidonias nigra L. Von ihnen nistet heute aber nur noch unregelmäßig
die Trauerseeschwalbe im Lande, während Zwerg- und Flußseeschwalbe
als Brutvögel verschwunden sind und höchstens die letztere ab
und zu sich noch einmal zu einem Brutversuch aufschwingt. Zwerg-
und Flußseeschwalbe, die erstere als die spärlichere neben ihrer
zahlreicheren größeren Schwester, bewohnten einst die Kiesbänke
und Heger der Elbe und der Vereinigten Mulde bei und unterhalb
Wurzens, die letztere außerdem noch geeignete Teiche vorzugsweise
Ostsachsens, auf denen noch zahlreicher als sie die den stehenden
Gewässern den Vorzug gebende Trauerseeschwalbe ihre manches Mal sehr
volkreichen Brutkolonien unterhielt. Das Verschwinden der Zwerg- und
der Flußseeschwalbe an der Elbe, über deren Brutvorkommen von Pirna
stromabwärts bis über Meißen hinaus zahlreiche Angaben früherer
Beobachter vorliegen, die heute in uns nur noch wehmütige Erinnerungen
an das Gewesene wecken, scheint um oder nach der Jahrhundertwende
erfolgt zu sein; keiner der doch wohl auch damals zahlreichen Dresdner
Beobachter jedoch hat uns sichere Angaben darüber hinterlassen! An
der Mulde dürften beide Vögel sich noch etwas länger gehalten haben;
Richard Schlegel in seiner »Vogelwelt des nordwestlichen Sachsenlandes«
gibt für die Zwergseeschwalbe noch einen gesicherten Brutnachweis für
das Jahr 1911 und für die Flußseeschwalbe für 1913 wieder. Für die
Oberlausitzer Teichgebiete bezeichnet 1917 Stolz die Flußseeschwalbe
als so selten, daß »jede Begegnung mit ihr ein ornithologisches
Ereignis bildet«. Ihm war also von einem Brüten des von allen früheren
Lausitzer Beobachtern noch nistend angetroffenen Vogels nichts mehr
bekannt. 1924 glückte es jedoch, zwei Brutpaare unseres Vogels in der
im folgenden Jahre aber leider eingegangenen Koblenzer Lachmöwenkolonie
(preuß. Oberlausitz) aufzufinden – die Flußseeschwalbe scheint gern die
Gesellschaft der Lachmöwe zu suchen, in deren Siedlungen sie dann auch
die eigenen Nester errichtet – und auch 1925 konnten die Vögel wieder
in der Nähe ihres vorjährigen Brutplatzes beobachtet werden, ohne daß
jedoch ein Brutnachweis möglich war. Im letztgenannten Jahre versuchte
außerdem ein Paar auf dem Königswarthaer Biwatschteich zu nisten; meine
Hoffnung auf einen (und vielleicht auch den letzten) photographischen
Brutnachweis für unseren Vogel für Sachsen machten leider Enten
zunichte, die das bereits fertige Nest des Seeschwalbenpaares als
Ruheplatz sich aneigneten und dadurch die beiden Vögel zum Abwandern
veranlaßten.
[Illustration: Abb. 1. =Brütende Trauerseeschwalbe.= Königswartha,
Biwatschteich. Juni 1925]
Der Trauerseeschwalbe begegnete ich in der Oberlausitz jedoch
alljährlich und sicherlich als Brutvogel auch in den Fällen, in
denen ein direkter Brutnachweis nicht möglich war. 1919 traf ich
sie bei Königswartha an, fand aber damals, da mich ein anhaltender
Landregen zu einer ungewollten, verfrühten Rückreise zwang, nicht
die erhoffte Kolonie. Und von neuem kreuzte sie, nachdem ich in der
Zwischenzeit die östliche Lausitz nicht mehr hatte aufsuchen können,
meine Wege 1923 am Caminauer Altteich, ohne daß es mir jedoch auch
jetzt möglich gewesen wäre, die auf diesem Teiche vermutete Brutkolonie
zweifelsfrei festzustellen. Jedoch erfuhr ich später von Herrn Dr.
Bäßler-Dresden, daß dieser eine Siedlung auf dem genannten Teiche
bereits 1920 bestätigen konnte. 1924 gelang dann ein Nachweis des
Brütens von unserem Vogel auf dem Groß-Särchener Großteich (preuß.
Oberlausitz), über dem kreuzende Trauerseeschwalben von mir bereits im
Vorjahre in größerer Zahl beobachtet worden waren. Die Art unterhielt
in diesem Jahre zwei Siedlungen auf dem Teiche, ein Besuch der einen
ergab eine schätzungsweise Stärke derselben von fünfundzwanzig bis
dreißig Brutpaaren. Die gleiche Stärke mochte auch die zweite Kolonie
besessen haben. 1925 aber hatte sich die Zahl der Vögel hier so
verringert, daß zwei Besuche des Teiches eine Schätzung auf höchstens
nur noch zehn Paare zuließen. Und im vergangenen Frühjahre endlich,
in dem der in nächster Zeit dem Kohlenabbau zum Opfer fallende Teich
auffallend niedrig bewässert war und einen größeren Wasserreichtum
erst nach den Überschwemmungen im Juni wieder erhielt, waren die
Vögel völlig verschwunden. Dagegen entstand 1925 eine neue Kolonie
der Trauerseeschwalbe auf dem Biwatschteich bei Königswartha, auf dem
nach einer Mitteilung des Herrn Professors Bernhard Hoffmann-Dresden
unser Vogel bereits in früheren Jahren Siedelungen unterhalten hatte.
Die Zahl der gebrüteten Paare dürfte mit zwanzig nicht zu hoch
gegriffen sein. Leider aber gingen zahlreiche Jungvögel unter den
Folgen der Kälte und Nässe des Juni zugrunde, so daß ich mit einer
Abnahme der Vögel im Jahre 1926 rechnete. Sie stellten sich jedoch
überraschenderweise im vergangenen Frühjahre in einer sichtlich
größeren Zahl wieder auf dem Teiche ein; ihr Verhalten deutete
Brutabsichten auch für dieses Jahr an und aus ihrem Betragen um Mitte
Mai durfte man auch auf die ersten getroffenen Brutvorbereitungen
schließen – als sie auf einmal spurlos verschwunden waren! Die Ursachen
ihres Wegzuges sind mir unbekannt geblieben, mögen aber vielleicht
in der Anwesenheit eines Rohrweihenpaares auf dem Biwatschteich und
in den Raubzügen von Krähengesellschaften begründet sein, durch die
die Vögel beunruhigt wurden. Den räuberischen Gelüsten der Krähen
fiel übrigens auch, wie ich aus den aufgefundenen Eischalenresten
feststellen konnte, das oder ein Gelege des Rohrweihenpaares zum Opfer,
sie vergalten ihm mit dem Maße, mit dem dieses auch seinerseits die
Gelege des Wassergeflügels zehntet! – Ein Teil der vom Königswarthaer
Biwatschteich abgewanderten Trauerseeschwalben – wahrscheinlich der,
der sich dann Ende Juni von neuem im Königswarthaer Teichgebiet
einstellte – hatte sich nach dem Holschaer Großteich gewendet; die
Nester wurden hier jedoch ein Opfer des Hochwassers. Wo der Rest der
Vögel – und zwar scheint dieser den größeren Teil umfaßt zu haben –
gebrütet hat, ließ sich leider nicht feststellen.
[Illustration: Abb. 2. =Trauerseeschwalbe am Neste anfliegend.= Auf
dem Neste neben einem Ei ein einen Tag alter Jungvogel. Königswartha,
Biwatschteich. Juni 1925]
Die Trauerseeschwalbe verlangt für die Anlage ihrer Nester schwimmendes
Pflanzenmaterial, Schlammbänke und dergl.; auf dem Groß-Särchener
Großteich bildeten Laichkrautpolster, die in einer manches Mal fast
undurchdringlichen Dichte den Teich durchsetzten, die Unterlage der
immer schwimmend angelegten und oft so wenig über die Wasserfläche
emporragenden Nester, daß die Eier fast im Wasser schwimmen, und
auf dem Königswarthaer Biwatschteich waren es Schlammbänke, die die
Vögel zur Gründung einer Siedlung auf diesem veranlaßten. Diese in
den vorhergegangenen Jahren nicht vorhanden gewesenen Schlammbänke
waren dadurch entstanden, daß der Teich im Winter trocken gestanden
hatte, vor seiner Wiederbewässerung aber umgepflügt worden war und daß
dann dadurch aus dem Boden gerissenes Wurzelwerk zusammen mit anderen
faulenden Pflanzenteilen an die Oberfläche gestiegen war; sie wurden
aber nicht nur die Ursache zur Ansiedlung der Trauerseeschwalbe,
sondern übten eine große Anziehungskraft auch auf anderes
Wassergeflügel aus, das sie ebenfalls teils für Nistzwecke benutzte,
teils aber auch infolge ihres Reichtums an allerhand Kleingetier als
üppig spendende, nie versagende Nahrungsquelle in Anspruch nahm.
Jedenfalls zeigen uns die hier beobachteten Erscheinungen sehr
deutlich die Abhängigkeit der Vogelwelt eines Teiches von der Art
seiner Bewirtschaftung und können uns dabei zugleich Hinweise werden
für die Behandlung solcher Teiche, die man dem Naturschutz dienstbar
gemacht hat oder dienstbar zu machen gedenkt. Auf ihnen der Natur
ausschließlich das Wort zu lassen, wie man dies immer fordert, ist
meines Erachtens grundfalsch, es würde auf diese Weise lediglich
nur ein Teil der Vogelwelt dieser Teiche erhalten, der andere aber
bestimmt zum Abwandern veranlaßt werden. Denn die Ansprüche eines
Vogels an seine Aufenthaltsorte sind selbst in einer so engbegrenzten
und scheinbar auffallendere Unterschiede gar nicht aufweisenden
Lebensgemeinschaft, wie sie ein Teich darstellt, grundverschieden.
Teiche mit nie oder selten beseitigter und infolgedessen dichter,
einen Urwald im Kleinen bildender Vegetation – um nur auf einige
gröbere Unterschiede einzugehen – zeigen ein ganz anderes Vogelbild
als jene, in denen Rohr und Schilf von Zeit zu Zeit gehauen werden
und infolgedessen auch lockerer stehen; jene ersteren »sich selbst
überlassen gebliebenen Teiche« sind nach meinen Erfahrungen in der
Regel vogelärmer, als sinngemäß bewirtschaftete, können allerdings
umgekehrt wieder gerade unseren seltensten gefiederten Teichbewohnern
Rahmen ihres Lebens werden. Ich würde daher auch, wenn ich in
derartigen Schutzfällen zu entscheiden hätte, nur einen Teil eines
solchen Teiches sich selbst überlassen, den anderen aber bis zu einem
gewissen Grade (und in Würdigung auch der mit ins Gewicht fallenden
örtlichen Verhältnisse) »unter Kultur nehmen« und ich bin dabei auf
Grund meiner ja nun schon langjährigen und in den verschiedensten
Teichgebieten gesammelten Erfahrungen davon überzeugt, daß nur auf
einem in dieser Weise behandelten Teiche das Vogelleben sowohl
hinsichtlich der Arten, wie auch in bezug auf die Stückzahl seiner
gefiederten Bewohner den größten Reichtum aufweisen würde. –
[Illustration: Abb. 3. =Trauerseeschwalbe auf dem Nest.= Ein Junges
auf dem Nest, das andere aus dem Wasser zu ihm emporkletternd. Der
alte Vogel im Übergang vom Frühjahrs- zum Herbstkleid. Königswartha,
Biwatschteich. Juni 1925]
Die Trauerseeschwalbenkolonie im Königswarthaer Biwatschteich konnte
ich im verflossenen Jahre, den Teich teils abwatend, teils mit dem
Boote befahrend, ziemlich regelmäßig besuchen. Ich sah die Nester
entstehen und konnte die Ablage der Eier, die einmal auch von ein
paar Knaben geplündert wurden, verfolgen, schaute dann wieder die
alten Vögel brütend auf den Nestern und sah die Jungen schlüpfen und
heranwachsen, sah sie aber auch, wie schon erwähnt, unter den Folgen
von Kälte und Nässe leiden und leider auch in größerer Zahl zugrunde
gehen. In das Erinnern an die dabei oft genossenen Stunden stiller
Beobachterfreuden mischen sich auch die Gedanken an einige weniger
angenehme Stunden. Es sind diese die des photographischen Ansitzes,
die gerade in die Zeit der größten Junikälte fielen und während deren
den Körper manches Mal eine rauhe Gänsehaut überlief, die Glieder
bitterlich vom Froste geschüttelt wurden. Sie waren aber wenigstens
nicht erfolglose, und der Leser der Heimatschutzmitteilungen mag beim
Betrachten der hier beigegebenen Aufnahmen wenigstens im Geiste mit mir
nochmals die Stunden durchkosten, die ich damals erlebte. Die Bilder
sollen von dem Vorkommen unseres Vogels in unserem schönen sächsischen
Vaterlande aber auch dann noch zeugen, wenn ihm – was jedenfalls sehr
wahrscheinlich ist – hier einmal das Schicksal ereilt haben wird, das
die Zwerg- und die Flußseeschwalbe schon betroffen hat.
[Illustration: Abb. 4. =Junge Trauerseeschwalben.= Königswartha,
Biwatschteich. Juni 1925]
Der Floßgraben bei Pegau[2]
Von _Fritz Irmscher_, Pegau
Mit Aufnahmen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz
[Illustration: _Der Floßgraben bei Pegau._
_M. 1 : 100000_]
Der Floßgraben, von dem ich erzählen will, bildet im Westen von
Pegau auf weite Strecken die Grenze zwischen Sachsen und Preußen. Er
heißt hier landläufig der »große« Floßgraben, auch Fließgraben, zum
Unterschied von dem später zu erwähnenden »kleinen« Floßgraben. Der
große Floßgraben beginnt etwa drei Wegstunden oberhalb von Zeitz bei
Crossen an der Elster. Ein kleines Wehr staut hier die Elster ein
wenig an. Nun zieht sich der etwa zweieinhalb Meter breite, nicht
sehr tiefe Wasserlauf an den Bahnstationen Wetterzeube und Haynsburg
vorbei, westlich von Zeitz vorüber, nähert sich der Eisenbahnstrecke
Leipzig–Gera–Saalfeld wieder bei den Bahnhöfen Bornitz und Reuden;
dann läßt er, in nördlicher Richtung weitergehend, Pegau in etwa
dreiviertel Stunde Entfernung rechts liegen. Er wendet sich nun nach
Werben, dem Orte, der Torstenson 1644 als Hauptquartier diente, während
er Pegau, damals »Trutz-Leipzig« genannt, belagerte. Nun kommt der
Floßgraben nach Orten, die uns aus der Geschichte der Freiheitskriege
bekannt sind, nach Kitzen und Großgörschen. Hier schien am 2. Mai
1813 Napoleons Stern, der sich im vorhergehenden Jahre in Rußland zum
Untergang neigte, wieder aufwärts zu steigen. Hier erlitt Scharnhorst
seine tödliche Wunde; ein schönes Denkmal erinnert uns heute daran. Im
Überfall bei Kitzen wurde der Freiheitssänger Theodor Körner verwundet.
Noch einmal berührt der Floßgraben historisches Gelände, wenn er
östlich von Lützen vorüberfließt, (ein Arm zweigt nach der Stadt
selbst ab) um sich endlich nach rund fünfzig Kilometer Luftlinie bei
Wallendorf in die Luppe, einen Arm der Weißen Elster, zu ergießen.
In Wirklichkeit ist der Floßgraben natürlich viel länger als fünfzig
Kilometer; kommt es doch an einzelnen Stellen vor, daß die Grabenlänge
infolge der vielen Bogen das vierfache der Luftlinie erreicht.
Verfolgen wir den Verlauf des Grabens auf dem Meßtischblatt, so finden
wir, daß sein Lauf fast übereinstimmt mit dem Verlauf der Höhenlinien,
auf Pegauer Gebiet mit der Hundertfünfzig-Meter-Linie. Gewiß eine
bewundernswerte Leistung, wenn man bedenkt, daß der Graben unter dem
Kurfürsten August gebaut wurde und 1587 vollendet war. Wie andre
Kunstgräben in Sachsen (ich erinnere an den Schneeberger Floßgraben und
an den Graben der sogenannten Grabentour; vgl. Band XII, Seite 49),
so hat auch unser Graben eine ganz besondere Aufgabe. Unter dem als
Vater August bekannten Kurfürsten entstanden die Salzwerke von Teuditz
und Kötzschau bei Bad Dürrenberg. Um diesen Salinen das zum Salzsieden
nötige Brennholz zu liefern, wurde der Floßgraben erbaut. Später wurde
die Aufgabe erweitert. Schon um 1590 hatte Leipzig den Wunsch, sich
durch den Floßgraben mit Feuerholz versorgen zu lassen. 1610 ging der
Wunsch in Erfüllung. Man zweigte vom großen Floßgraben den kleinen oder
Leipziger Floßgraben ab, der nun außer Leipzig unter anderem auch Pegau
mit Brennholz versorgte. In ungefähr ein Meter langen Stücken wurde
im Frühjahr im waldreichen Vogtland das Holz in die Elster geworfen.
Bei Wünschendorf wurden die Hölzer herausgefischt, aufgestapelt und
gezählt. Das war nötig, denn viel Holz wurde unterwegs gestohlen. Reuß
erhielt von Sachsen bedeutende Holzmengen als Entgelt für den Schutz
der Flößerei. Hohe Strafen standen auf Holzdiebstahl. Doch half das
alles nichts. Übrigens wurde auch Wasser gestohlen! Die Bauern nahmen
es zur Feldberieselung, die Herrschaften zur Füllung ihrer Fischteiche
und ihrer Schloßgräben und zum Waschen der Schafe. In den Berichten,
die aller zwanzig Jahre einzusenden waren, wurde bitter darüber
geklagt. Von Wünschendorf aus setzte nun das Holz seine Reise auf der
Elster fort bis Crossen. Hier wurde es abermals aufgehalten und in den
Floßgraben geleitet. Floßknechte mit hakenbewehrten Stangen standen
am Ufer, um hängengebliebene Hölzer fortzuschieben und Stauungen
zu verhindern. Nachts wurde das Holz aufgehalten, um Diebstähle zu
erschweren. Im Mai kam das Holz in Pegau an, wurde am Floßplatz
herausgezogen, aufgestapelt und dann an die Berechtigten verkauft.
Der Floßplatz lag etwa dort, wo heute die Haltestelle Pegau der Linie
Pegau–Kieritzsch liegt (in der gegenüberliegenden Gärtnerei). Einer der
ältesten Pegauer Einwohner erzählte mir, daß ihm und anderen Jungen
die Holzhaufen willkommene Gelegenheit zu Kletterpartien boten. Der
kleine Floßgraben beginnt westlich von Pegau bei dem Dorfe Stöntzsch
und führt dann nördlich von Pegau vorbei in die Weiße Elster. Kurz vor
seinem Ende hatte er noch ein Hindernis zu überwinden in dem breiten
und tiefen Elstermühlgraben. In einer breiten Holzrinne, dem Fluter,
wurde der Floßgraben drüberweg geleitet. Dann schwamm das Holz in der
Elster abwärts bis etwa nach Döhlen, von hier aus in einem Graben bis
Leipzig; der »Floßplatz« erinnert uns noch heute inmitten der Großstadt
an jene Zeiten. Ähnliche Hindernisse wie den Mühlgraben hatte der
Floßgraben noch an andern Orten zu überwinden, so daß Kunstbauten wie
Dämme, Brücken, Wasserablässe u. a. m. noch oft anzutreffen sind.
[Illustration: Abb. 1. =Der Floßgraben=]
[Illustration: Abb. 2. =Am Floßgraben.= Die Baumreihe links im
Hintergrund bezeichnet den Lauf des kleinen Floßgrabens]
Während der Floßgraben selbst von einem Anliegerverband unterhalten
wird, sind einige zum Graben gehörige Altertümer dem Verfall
preisgegeben. Diese Altertümer, es handelt sich um Steine mit
Inschriften, liegen zum Teil an der Abzweigstelle des Leipziger
Floßgrabens, also etwa dreiviertel Stunde westlich von Pegau. Ein
kleines Wehr führt das Wasser des großen Floßgrabens dem kleinen zu.
Dieser erweitert sich sofort talartig und wird nach etwa zweihundert
Meter von einer drei bis vier Meter hohen Steinmauer abgesperrt.
Diese Mauer, aus Sandsteinquadern errichtet und heute bis auf geringe
Reste verfallen (man hat einen Teil der Steine in der Nähe zu einem
Brückenbau benutzt), hatte offenbar den Zweck, das Wasser zunächst
anzustauen. War das Staubecken gefüllt und lag die für Pegau bzw.
Leipzig bestimmte Holzmenge darin, so wurde eine Schleuse geöffnet, und
das herausströmende Wasser riß das Holz mit fort.
[Illustration: Abb. 3. =Beginn des kleinen Floßgrabens=]
Neben dieser Abzweigstelle steht ein Gedenkstein. Er ist etwa
eineinviertel Meter hoch und neunzig Zentimeter breit und besteht aus
Sandstein. Leider steht er ganz schief, so daß man die Inschrift der
einen Seite kaum entziffern kann. Auf beiden Seiten stehen obenan die
gekreuzten Kurschwerter, auf einer Seite außerdem eine Krone. Die
Inschrift lautet nach Dr. Riedel (a. a. O.): »Anno 1713, als unter
Regierung des allerdurchlauchtigsten großmächtigen Königs in Pohlen
und Churfürsten von Sachsen Herrn Friedrich August der hochfreyherrl.
Exzellenz, Herr Baron von Löwendahl, Ritter des Elefantenordens,
Oberhofmarschall, wirklicher geheimbder Rath, Cammerpräsident und
Oberbergrath. Direktor, der Herr Cammerjunker Philipp Ferdinand von der
Heyde, Oberaufseher beyder Elsterflözen, der Herr Müntzinspektor Johann
Christoph Krauße Holzverwalter zu Leipzig, Samuel Man (?) Holzverwalter
zu Pegau waren …« Der Schluß ist nicht mehr zu entziffern.
[Illustration: Abb. 4. =Der Floßgraben.= Am Wehr beginnt der kleine
Floßgraben]