Es lohnte sich meines Erachtens sehr, wenn mit dem Besitzer des an das

Schönfeldsche Grundstück angrenzenden Feldes in Verbindung getreten

würde und die Ausgrabungen in östlicher Richtung – und zwar vom Fundort

der letzten Ausgrabungen beginnend – weitergeführt würden. Es steht

zu erwarten, daß sich genügend freiwillige Helfer finden würden, die

unter sachkundiger Leitung die erfolgversprechenden Ausgrabungsarbeiten

unternehmen.

Damit die Fundstelle nicht das Schicksal ereilen sollte, das der

sicherlich interessante und aufschlußreiche Brandplatz gefunden hat,

habe ich vor dem Rigolen von der historischen Fundstelle einige

Aufnahmen gemacht.

[Illustration: Abb. 2. =Der Gefäßfund aus nächster Nähe=]

Die Abbildung 1 zeigt die Höhlung unter dem lockeren Ackerboden, in

der die Gefäße verborgen lagen. Auf dem umgestürzten Pflanzkasten

stehen drei größere Urnen mit verschiedener Ornamentik und eine

kleine Urne. Davor sind vier größere tassenähnliche Gefäße und drei

kleinere aufgebaut, die in der Form den größeren gleichen, und die in

die größeren Henkeltöpfchen hineingelegt waren. Vor dem Kasten liegen

große Scherben mit Henkeln und Ornamenten versehen, aus denen später

noch einzelne Stücke gebildet werden konnten. Die links und rechts

des Kastens niedergelegten Steine haben vermutlich als Seiten- und

Dachplatten für die Urnenkammer gedient.

Die Abbildung 2 zeigt den Gefäßfund aus nächster Nähe. Besonders

auffällig ist das kleine Henkelschälchen und das kleine,

zuckerschälchenähnliche Gefäß, das am Rande ein eingebohrtes Loch von

etwa drei Millimetern Durchmesser aufweist.

Leider hat die Zeitungsmitteilung und die Ausstellung der Bilder von

dem Funde noch nicht den Erfolg gehabt, daß weitere Ausgrabungen

vorgenommen worden sind. Und doch steht zu erwarten, daß hier ein den

Weinböhlaer Funden ebenbürtiges Ergebnis die Ausgrabungsarbeiten reich

belohnt. Zur weiteren Erforschung der Besiedlung unsrer Heimat wäre

eine systematische Durchsuchung des Geländes unter fachkundiger Leitung

von jedem Heimatfreunde zu wünschen.

_Anmerkung_:

Das Gräberfeld gehört in die Kultur der älteren vorrömischen

Eisenzeit. Die Gefäße zeigen den für diese Zeit

charakteristischen Billendorfer Typus. – Wenn auf meine Orts-

und Fundbesichtigung vom 30. Juni 1926 bisher an dieser Stelle

keine Grabung erfolgen konnte, dann liegt der Grund darin, daß

ich vom 19. Juli an bis zum 23. Oktober in Köllmichen bei der

teilweisen Abtragung des dortigen slawischen Walles beschäftigt

war. So lange seitens des Staates nicht die erforderlichen

Mittel bewilligt werden, wie sie zur Anstellung von

wissenschaftlich vorgebildeten Hilfskräften erforderlich sind,

so lange ich zu allen Arbeiten sowohl für das Museum als auch

ganz besonders für die Inventarisation der urgeschichtlichen

Altertümer des _ganzen_ Landes allein tätig sein muß, so lange

wird es vollkommen unmöglich sein, alle Fundnachrichten durch

eine Grabung weiter zu verfolgen, wie es an sich notwendig und

auch mir selbst am meisten erwünscht wäre. Ich möchte an dieser

Stelle mit allem Nachdruck betonen, daß weder die mit der

Inventarisation der urgeschichtlichen Altertümer beauftragte

Dienststelle noch mich auch nur ein kleiner Teil Schuld daran

trifft, wenn im Laufe jeden Jahres unzählige Überreste der

Vorzeit verkommen müssen und unerkannt für die Wissenschaft

verloren gehen. In bezug auf die Erwähnung der Weinböhlaer

Funde aber will ich den Verfasser des Artikels damit trösten,

daß die siebenunddreißig Kisten Ausgrabungsergebnisse von

Weinböhla heute noch ganz genau so in ihren Kisten schlummern,

in denen sie seiner Zeit hereintransportiert worden sind.

Und das aus dem Grunde, weil die Zeit zur Bearbeitung bisher

gefehlt hat und weil die katastrophale und nachgerade

unerträgliche Raumnot im Museum in Verbindung mit den baulichen

Arbeiten _jede_ Arbeit unmöglich macht, zu der irgendwie Platz

erforderlich ist.

Dr. Georg Bierbaum, Archiv urgeschichtlicher Funde aus Sachsen.

Wo die Sage raunt

Eine Anregung von _F. Sieber_

Es ist eine eigene Sache um das Leben der Sage. Seit fünfundsiebzig

Jahren etwa wird sie von den Volkskundlern für tot gesagt, seit

fünfundsiebzig Jahren etwa sprechen sie in den Aufrufen zur Sammlung

von Sagen von der berühmten zwölften Stunde.

Und doch, bei näherem Hinsehen zeigt sich, daß die Sage lebendig blieb,

daß sie lebendig blieb bis heute. Freilich haben die Volkskundler

in einem recht gehabt: Die Volkssage hat in den letzten Jahrzehnten

starke innere Umbildungen erfahren. Wann dieser Vorgang einsetzte?

Das ist in Jahreszahlen schwer festzuhalten. Ganz allmählich wächst

einer nach dem andern, ein Volkskreis nach dem andern, heraus aus den

Anschauungsformen der urtümlichen Gemeinschaft. Manche lösen sich ganz

los von diesem ihren Heimatboden, andere stehen noch mit einem Fuße

darin, wieder andere beginnen sich mit erstem schüchternem Griffe zu

entstricken. Dieser Vorgang des Herauswachsens aus dem Bannkreis der

urtümlichen Gemeinschaft ist bis heute noch nicht abgeschlossen. Auch

unter uns gibt es noch den Primitiven.

Der Vorgang setzt für weitere Volksschichten etwa ein mit der

Reformation. Er schwillt beträchtlich an zur Zeit der Aufklärung. Ein

Halberstädtischer Bauer sagte in den vierziger Jahren des vorigen

Jahrhunderts den beiden norddeutschen Sammlern Kuhn und Schwartz: Der

alte Fritz hat die Zwerge verjagt, Napoleon hat allen Spuk aus dem

Lande vertrieben. Nach der Gegenwart zu steigert sich der Vorgang des

Herauswachsens zu außerordentlicher Geschwindigkeit. Das Zeitmaß in

den einzelnen deutschen Landschaften ist verschieden. In Sachsen ist

ein besonderer Unterschied innerhalb der einzelnen Landschaften kaum

spürbar.

Dieser Vorgang des Sichlösens mußte natürlich das Wesen aller

Volksüberlieferungen tief berühren. Die Treue der Überlieferung

wird erschüttert. Schwierigere Überlieferungen, die Anforderungen

an das Gedächtnis stellen, verkümmern. Die organische Lagerung

der Überlieferung, die als ein durchaus Sinnganzes zu werten ist,

wird verschoben. Stücke wachsen ineinander und verschmelzen, die

ursprünglich einander fremd waren. Entstellung und Verzerrung auf

allen Seiten. Der üppige Wuchs der Überlieferung, der einige deutlich

erkennbare Hauptstämme umrankte, wurde zur wirren, ungegliederten

Hecke. Glaube wurde zum Aberglauben. Die primitivsten Züge, da sie am

sinnlichsten, am einfachsten sind, blieben oft erhalten. In diesem

Zustande befindet sich die heutige Volksüberlieferung.

Die Entwicklung, die wir kennzeichneten, ist mit der gesamten geistigen

Entwicklung der letzten Jahrhunderte unlöslich verbunden. Aber auch

von der rein zivilisatorischen Seite der Lebensentwicklung her droht

der Volksüberlieferung die größte Gefahr. Beschränken wir uns auf das

Gebiet der Sage.

Die zivilisatorische Umbildung der Landschaft und der mittelalterlichen

Architektur raubte der Sage ihre natürliche Grundlage. Denn die

Sage ist tief im Boden verwurzelt. Diese ihre Bodenständigkeit ist

eine ihrer wertvollsten Eigenschaften, die sie in der Erziehung zum

heimatlichen Menschen zu einem hervorragenden Bildungsmittel erhebt.

Aber die erwähnte zivilisatorische Entwicklung ist heute dabei, die

Sage zu entwurzeln und heimatlos zu machen. In der volksläufigen

Überlieferung werden die Sagenörtlichkeiten allmählich vergessen. Wer

aber weiß, mit welch’ bewundernswerter Treue die Sagenörtlichkeit

Jahrhunderte hindurch in der Überlieferung festgehalten wurde, wer

weiß, in wie vielen Geschlechtern durch diese Stätten und den damit

verknüpften Glaubenswert die Heimat zu einer geradezu metaphysischen

Gegebenheit erhöht wurde, der kann auch ermessen, welch’ großer Verlust

unserm Volkstum hier droht.

Und darum wende ich mich an den Heimatschutz. Der Heimatschutz hat für

die Erhaltung natürlicher, unberührter Landschaftsgebiete, für die

Erhaltung vorgeschichtlicher und geschichtlicher Denkmale aller Art

seine Kräfte eingesetzt. Soll uns aber der im Boden festgewachsene

Volksglaube verloren gehen? Die geschichtlichen Denkmäler sind

überwiegend dem hochkultivierten Geiste der Volksgemeinschaft

entsprungen. Sie müssen selbstverständlich geschützt werden. Aber

sollen uns die Örtlichkeiten, Landschaft und Bauwerk gleichermaßen, an

die sich der Glaube unsrer Ureltern rankte, die für sie Anhaltpunkte

ihres metaphysischen Erlebens waren und in diesem Sinne neben den

Kirchen als Kultstätten zu werten sind, sollen diese Örtlichkeiten

tatsächlich der Vergessenheit und unwiederbringlicher Zerstörung

anheimfallen? Wollen wir die Bildungswerte, die in diesen Stätten für

die Erziehung zur Bodenständigkeit liegen, ungenutzt verkümmern lassen?

Nein, so reich an heimatlichen Werten sind wir nicht.

Und so bitte ich den Heimatschutz: Breite deine schützende Tätigkeit

auch auf die Sagenstätten aus! Schaffe uns ein Anschauungsbuch unseres

bodenständigen Volksglaubens! Wir werden in stiller Betrachtung dieses

Anschauungsbuches die Schauer nachempfinden können, die unsere Ureltern

an diesen Orten empfanden. Wir werden uns in die seelischen Grundlagen

einfühlen können, aus denen heraus ihr Glaube entsprang. Uralte

Wesensgründe, die in der Hast der Tage in uns verfallen, werden offen

bleiben. Wir werden groß und riesig empfinden das Wirken der ewigen

Kräfte der Natur, wir werden schauernd stehen vor dem Geheimnis des

Lebens. Unsere heimische Landschaft, für uns nur belebt aus der Fülle

oder Dürftigkeit der Einzelseele heraus, wird gleichsam objektives

metaphysisches Leben in sich tragen.

Und wie ich mir die Herstellung eines solchen Anschauungsbuches denke?

Der Heimatfreund und Liebhaberphotograph hält die Sagenstätte im

Lichtbilde fest. Doch ehe er das tut, muß er sich in die Sage, die an

der Örtlichkeit haftet, mit aller Kraft seelisch einzufühlen versuchen.

Er wird den Waldstreifen, durch den der wilde Jäger zieht, nicht

photographieren im stillen Glanze eines Sommertages, nein, wenn zu den

Zeiten der Tag- und Nachtgleiche in der Dämmerung der Sturm die Wipfel

biegt und Wolkenfetzen darüber hasten, dann wird er sein Werk tun. Aber

die Fluren, auf denen die Mittagsfrau sich zeigte, wird er festhalten

im hellen Flimmer des Sommermittags. Im Photographen schon muß die Sage

in aller ihrer dunklen Gewalt lebendig sein.

Das Gebiet, das hier dem Heimatfreunde und Liebhaberphotographen

aufgetan ist, ist reich und dankbar wie kaum ein andres. Von

zahlreichen Felsen werden Sprungsagen erzählt, viele gewaltige

Landschaftsgebilde stehen mit der Riesen- und Teufelssage im

Zusammenhang. Die unheimlichen Gemäuer alter Türme und Ritterhöfe sind

belebt von allerlei Spuk. In den trägen Wirbeln der Flüsse sitzt der

Wassermann. An Bergen wohnen die Zwerge oder an den Halden bleichen

die weißen Frauen ihre Wäsche. Und die vielen, vielen Schatzstätten!

Alle Möglichkeiten aufzuzählen geht hier nicht an. Aber zu weiteren

Hinweisen und Ratschlägen bin ich gern bereit.

Hat der Heimatfreund ein schönes Lichtbild hergestellt, wird er dem

Heimatschutze einen Abzug oder die Platte zur Verfügung stellen. Ob

der Heimatschutz die Selbstkosten bezahlen wird, das weiß ich nicht.

Der Heimatschutz legt eine Sammelstelle für diese Bilder an und

läßt Lichtbilder fertigen. Die werden gegen eine geringe Gebühr an

Schulen, Jugendgruppen und Vereine verliehen. Vielleicht kann auch

der Heimatschutz selbst einen seiner Vorträge nach dieser Seite hin

organisieren.

Von den Lichtbildern und den geistigen Werten, die daran haften, wird

eine wirksame Kraft in der Erziehung zum heimatlichen Menschen hinaus

ins Land strömen.

Wie »Tier«photographien entstehen können

Dem Landesverein Sächsischer Heimatschutz wurden vor einigen Jahren

von einem Dresdner Liebhaberphotographen eine Anzahl Tieraufnahmen

verkauft. Diese Photographien, von ihrem Urheber ausdrücklich als

solche _freilebender Tiere_ bezeichnet, gelangten dann, ebenfalls

wieder als »Naturaufnahmen« und »Natururkunden«, auch an verschiedenen

Stellen zur Veröffentlichung. So ging eine dieser, den Ernemann-Werken

überlassene Aufnahme: »Bussard im Kampfe mit einem Hamster« in die

von Carl W. Neumann besorgte Brehm-Ausgabe (Leipzig, Reclam; Bd. 5,

Vögel 2, Tafel n. S. 112) über und neuerdings erschien eine den

gleichen Vorgang darstellende, von jener aber verschiedene Aufnahme

zusammen mit einer Anzahl anderer in der Sonntagsbeilage »Heim und

Welt« des Dresdner Anzeigers (Nr. 34 v. 22. 8. 1926). In diesem

letzteren Falle hat der Photograph den Bildern noch einen kurzen, in

die Form persönlicher Erlebnisse gekleideten Begleittext angefügt, in

dem die Eigenschaft der Aufnahmen als solcher _freilebender_ Tiere noch

ganz besonders dick unterstrichen wird.

Die Bezeichnung der Bilder als »Naturaufnahmen«, »Natururkunden« usw.

und ihre Veröffentlichung unter dieser Bezeichnung verdient jedoch

die schärfste Zurückweisung. Denn sie sind bestimmt keine Aufnahmen

freilebender Tiere, sondern stellen lediglich nur photographische

Wiedergaben von im Freien nicht einmal mit viel Verständnis und

Geschick aufgebauten toten Stopfpräparaten dar!! Sie verraten dem

Kundigen die Unehrlichkeit ihres Wesens nicht bloß aus Gründen der

tierphotographischen Technik, sondern sind zum Teil auch direkte

zoologische Unmöglichkeiten, aber – wie es ja auch die Möglichkeit

ihrer Veröffentlichungen beweist – geeignet, in einem für derartige

Dinge weniger geschultem Auge die Vorstellung tatsächlichen Geschehens

zu erwecken. – Mir liegen neben einigen anderen auch die folgenden

drei Aufnahmen vor:

Rauhfußbussard im Kampfe mit einem Hamster,

Kampfläufer bei ihren Balzkämpfen und

Rohrdommel einen Feind sichtend.

Von der ersten, auf der man einen Bussard mit noch erhobenen

Schwingen vor einem in der Abwehr sich aufgerichteten Hamster sieht

und von dem der Photograph in seinem vorerwähnten Begleittext sagt,

daß diese »in ihrer Tragik wohl einzig dastehende Naturaufnahme

(!) nur einem glücklichen Zufall (!) zu verdanken ist«, kenne ich

nicht weniger als vier verschiedene, mir in den Originalabzügen

vorliegende »Aufmachungen«. Sie zeigen – wovon sich auch der Leser

meiner Ausführungen leicht selbst durch einen Vergleich der Bilder

in Brehms Tierleben und dem Dresdner Anzeiger überzeugen kann – in

_unverändert gleicher Stellung ein und dieselbe Tiergruppe_, sind

aber teils mit verändertem Kamerastandort aufgenommen worden, teils

durch das Umstellen der Gruppe an einen anderen Platz entstanden! Die

zoologische Unmöglichkeit des dargestellten Vorganges – als Ort der

Aufnahme hat der Photograph, wie aus dem Charakter der auf den Bildern

mit wiedergegebenen Landschaft hervorgeht, wohl eine Sandgrube in

der Dresdner Heide benutzt – liegt u. a. darin, daß der Hamster auf

Sandboden nie vorkommen wird und vorkommen kann; als auf Sandboden

entstanden bezeichnet sie aber wiederum der Photograph selbst (»Auf der

Wanderung durch die Dünen« usw.). Außerdem wird der Hamster nur in sehr

seltenen Fällen einmal eine Beute des Rauhfußbussards werden können.

Denn der letztere ist ja ein nordischer Brutvogel, der sich bei uns in

der Regel zu einer Zeit aufhält, in der der Hamster seinen Winterschlaf

hält.

Auf der Kampfläufer-Aufnahme sind zwei sich befehdende Männchen in

einer Weise wiedergegeben, wie man sie in Wirklichkeit überhaupt

nicht sieht und die jeder, der schon einmal die so interessanten

Kämpfe dieses Vogels in der Natur hat sehen dürfen, ohne weiteres als

»gestellt« empfindet. Und sie sind es tatsächlich auch, wie wiederum

einige – drei – mir vorliegende Originalabzüge bezeugen, auf denen –

natürlich! – wieder in unveränderter Stellung die gleichen zwei Vögel,

aber an drei verschiedenen Stellen, dargestellt sind. Einmal sogar im

Wasser, in dem die Kämpfe niemals stattfinden! Eine andere dieser, nach

des Photographen eigenen Worten »in den Niederungen Norddeutschlands«

entstandenen Kampfläufer-Aufnahmen ist genau an der Stelle im Dresdner

Heidesand gemacht worden, an der sich auch der »in seiner Tragik wohl

einzig dastehende« Bussard-Hamster-Kampf abgespielt hat! Denn die

Aufnahmen geben nicht nur »urkundgetreu« des Photographen sich im Sande

abgedrückte Fußtapfen wieder, sondern es kehrt auf beiden auch eine aus

einigen Einzelbüschelchen bestehende Grasgruppe wieder, in der sogar

die leicht zu zählenden Grashälmchen miteinander übereinstimmen! Selbst

der Schatten von des Photographen Hut ist auf der einen dieser, nach

des Photographen eigenen Angaben aus 25 Meter (!!) Entfernung gemachten

Aufnahme enthalten!

Daß auch die »einen Feind sichtende Rohrdommel« in ihrem ganzen

Ungeschick nur »gestellt« ist, sieht jeder, der unseren Vogel kennt;

der Photograph selbst aber verrät es uns auch in diesem Falle wieder,

wenn er den dargestellten Vorgang sich »in der Teichgegend von Weißig

bei Dresden« abspielen läßt. Ob er wohl jemals hier außer seinem

gestopften Vogel schon eine Rohrdommel gesehen hat? Ich bezweifle es!

Ich könnte nun auch noch auf die übrigen dieser »Naturaufnahmen«

eingehen, etwa auf die des Helgoländer Lummenfelsens, die im Museum

entstanden ist und auf der in dem mir vorliegenden Diapositiv die

verräterischen Schrankleisten ausgekratzt sind, und könnte dem

Photographen auch verraten, wo noch vor der Entstehung seiner

»Naturaufnahmen« die von ihm dazu verwendeten Stopfpräparate

bereits künstlerisch verwertet worden sind, glaube jedoch, daß das

bereits Gesagte genügen dürfte, diese Art der Tierphotographie und

Tierdarstellung zu kennzeichnen und vor ihr zu warnen. –

Ernste tierphotographische Arbeit stellt man heute anderen

naturwissenschaftlichen Betätigungen gleichwertig an die Seite,

naturwissenschaftliche Arbeit aber setzt Treue und peinlichste

Wahrheitsliebe voraus. Daher wird der Unterzeichnete jeden Versuch, die

gleichen oder ähnliche Aufnahmen als »Natururkunden« in die Welt zu

schicken, entgegentreten und damit einer Pflicht genügen, die für den,

der sie ausüben muß, freilich nicht gerade die angenehmste ist.

_Rud. Zimmermann._

Das verborgene Gesicht

Von _Paul Hille_, Schneeberg

Du wirst es mir nicht glauben wollen, lieber Leser, daß es so viele

Schminkgesichter gerade in der Kleinstadt gibt. Aber es ist doch so.

Also wäre die Kleinstadt der Sitz der Überfeinerung und Unnatur?

Ja, leider.

Mir würde es ein Hauptspaß sein, einmal nachts mein Unwesen zu treiben

unter den Schminkgesichtern. Das gäb andern Tages einiges Aufsehen!

Rotschwänzchen, die lieben Frühaufe, die heiser und stotternd, wie

es sich in dem ungewissen Dämmerlichte ziemt, von Dach zu Dachfirst

Zwiesprach halten in der Morgeneinsamkeit, sie würden ihre alte

Gasse nicht wiedererkennen. Ihr Getue bringt die schlafbefangenen

Kleinstadthäuschen zum aufmerken. Im Morgengrauen werfen sie sich

lange Frageblicke zu. Was ist’s mit dir? Wie steht’s mit mir? Wenn’s

doch erst richtig hell wäre, damit man klarer sehen könnte! – Arbeiter

eilen zum Frühzug, eilen und stocken. Welche Neuerung im gewohnten

Straßenbilde! – Etwas später. Der Bürgersmann guckt zum Fenster heraus.

»Potz tausend! Wie ist das mit meiner Brille, was hat’s mit Nachbars

Häuschen?« – Als dann der Schwarm der Schulkinder kommt, geht das

Verwundern erst richtig an. »Guck, Karle; sieh nur, Liesel!«

Was ist geschehen?

Nichts weiter. Der falsche Putz ist verschwunden vom Obergeschoß der

Häuschen. Altes Fachwerk kam zum Vorschein. Die Felder zwischen dem

Gebälk sind frisch abgeputzt, die Balken mit einer rechtschaffenen

Farbe gestrichen. Die Gasse sieht in der munteren Gliederung ihrer

Wandflächen viel schmucker aus als ehedem. Etwas Behagliches,

Erwärmendes, viel Bildhafteres, durchaus zum Wesen der gemütlichen

deutschen Siedelung Passendes ist hereingekommen. Die Häuschen haben

mit ihrem neuen Gesicht geradezu Charakter gekriegt, stehen da wie

Persönlichkeiten mit erhöhtem Selbstgefühl.

Gut, diese Verschönerung und Wertsteigerung lasse ich gelten.

Wie aber steht es mit der Haltbarkeit? Das Gebälk ist doch jetzt Wind

und Wetter preisgegeben und verfällt viel rascher als früher, da

schützender Kalkbewurf darüber lag!

Mit Verlaub! Man hat Beispiele, daß unter dem Putz der Verfall des

Holzes munter vor sich ging. Niemand sah es; der Schaden war ja

verkleistert. Als man aufmerksam wurde, war die Sache schon bedenklich.

Also ist es besser, man entzieht das wandelbare Holzgebälk nicht dem

kontrollierenden Blicke.

Übrigens ist Holz in der Form von Fachwerkbalken ein recht dauerhafter

Stoff. Viele, viele Städte im deutschen Lande reden vernehmlich davon.

Drei, vier Jahrhunderte sind die Fachwerkbauten alt in Nord und Süd,

in Quedlinburg, Goslar, Hildesheim, in Nürnberg, Dinkelsbühl und im

Schwabenland. Genannte Örtlichkeiten sind vielbesuchte Wanderziele.

Der Fremde läßt Geld dort sitzen. Die trauliche Schönheit der

Fachwerkbauten hat es ihm angetan.

Warum aber ist man bei uns im Sachsenland zum Verbergen der

Fachwerkflächen unter Putz gekommen?

Das hängt mit unserer Art zusammen, die nicht so urtümlich und

fest ist wie die anderer deutscher Stämme. Und das hängt mit

unserem Schicksal zusammen. Sachsen ist Industrieland. Überall

wollte man sich der aufblühenden Industriestadt anpassen. Wo nicht

Steinfassaden waren, wurden sie wenigstens vorgetäuscht. Der Stolz

auf das Vätererbe war nicht so groß, wie die Sucht nach dem Neuen.

So bekamen die alten Häuser zwei Gesichter, eines, das man schamhaft

versteckte und eines, mit dem man neumodisch zu blenden suchte.

Diese Einstellung ist vom Standpunkte der Wahrheit und Ehrlichkeit

ebenso anfechtbar wie von dem der Schönheit. Was hältst du von einem

Menschen, der gewisse Äußerlichkeiten der vornehmen Welt zur Schau

trägt, dabei unverkennbar ein ungehobelter Kerl ist? Da fühlst du

die Ungereimtheit, die Würdelosigkeit. Das frisierte Bürschchen

ist verächtlich, der unverkünstelte Mensch aus dem Volk aber

eindringlich und achtunggebietend in seiner Art. Häuser gehören zu den

Ausstattungsstücken, die den Kultur- und Bildungsstand eines Menschen

fast ebenso untrüglich anzeigen wie Sprache, Kleidung, Gebaren. Wie

steht es mit der Bildung auf sittlichem und schönheitlichem Gebiete bei

denen, die aus den alten bodenständigen Fachwerkbauten Wechselbälge

machen?

Der Dörfler, vor allem der kleine Häusler, hat sich scheinbar den Sinn

für das Natürliche am überlieferten Wohnhaus treuer bewahrt. Jedenfalls

ist das Fachwerkhaus, wie es uns L. Richter auf seinen trauten Blättern

gerade aus Sachsen zeigt, im Bauerndorfe auch heute noch nicht selten.

Ist diese Tatsache nur auf die größere Unberührtheit des Landbewohners

von industriellen Einflüssen zurückzuführen?

Zuweilen sieht man auch in diesen Beobachtungsgebieten Zeichen von

Verkümmerung, die als Blutleere des natürlichen Schönheitsempfindens

anzusprechen sind. Fachwerkhäuser, deren Gebälk zwar noch offen zutage

liegt, bei denen aber der Pinsel des Tünchers von oben bis unten

dieselbe Farbe hinstrich, sind lieblos behandelte, fade Dinger. Denn

ihnen war bestimmt, in kontrastreicher Munterkeit zu erscheinen, nicht

in einförmigem Gleichton. Dunkles Geäder und helle Wänglein dazwischen,

das ist ihre Art. Stellen sie sich in dieser nicht offensichtlich als

wieder zeitgemäße Gebilde dar?

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XV, Heft 11–12 · 第 3 / 6 段