_Ein zerlumpter blinder Bettler_ kommt, von seinem struppigen Hunde

geführt. Er trägt einen schwarzen Schirm über den Augen, den Bettelsack

umgehängt. An seinem Humpelstock ist sein Hund angebunden.

Komm, mein Hund, du Steigbereiter

meiner Blindheit, Hungerleider

aus Beruf und Mitgefühl,

tags mein Stab und nachts mein Pfühl,

komm, mein guter Hund, Gefährte

meiner Bettelwegsbeschwerde,

andre Zeiten führst du mich,

heute führ’ ich einmal dich.

(Unbeirrt auf Mutter und Kind zu.)

Hier ist Helle, hier ist Wärme,

spür’s bis in mein tiefst’ Gedärme,

hier ist Herberg’ aufgetan,

und da spricht der Bettler an.

(Er tastet nach dem Kind.)

_Maria_ (erschrocken):

Josef, Jo –

[Illustration]

_Der blinde Bettler_:

Nur keine Bange,

waches Stimmlein, hold von Klange!

Ich und dieser Hund, wir ziehn

einem Stern nach, der uns schien,

innerlich war er entglommen,

und – nun sind wir angekommen.

_Josef_:

Ja, was wollt ihr?

_Der blinde Bettler_:

Nichts als Milde!

Unwirtlich starrt das Gefilde,

Nacht und Winter, Bettlers Feind;

aber hier scheint’s gut gemeint,

hier ist Heizung, hier ist Helle,

gehn nicht mehr von dieser Schwelle.

(zögernd:)

Seid – ihr – mehr als zwei?

_Maria_:

Wir sind

drei, hier liegt ein kleines Kind.

_Der blinde Bettler_ (voll Freude zu seinem Hund):

Hast du’s auch gehört, mein Alter?

Fehlt nur ein Zitronenfalter

und ein Vogelpiep im Hain,

glaub ich, ’s müßte Frühling sein!

Unter der linken Achselhöhle der Maria trällert der

kleine Vogel. Aus ihrer rechten Achselhöhle kommt ein

Zitronenfalter geflattert, setzt sich auf Bettelmanns Nase,

probt die Schwingen und schwirrt weiter.

_Der blinde Bettler_ (entgeistert):

Vogel singt und Falter fliegen –

(Außer sich:)

Laßt mich in der Sonne liegen!

(Stammelnd vor Entzücken:)

Laßt mich streicheln – Kinderhand –

Wunder – Allmacht – Unterpfand! –

Ich bin blind, jedoch ich sehe:

hier ist Gott in nächster Nähe!

(Er sinkt vor dem Kind in die Knie.)

_Maria_ (zu Josef, der wie betäubt sitzt):

Josef, Josef, hörst du mich?

Mir ist gar so wunderlich.

_Josef_ (sich wendend):

Wunderlich? Ach, meine Gute,

mir ist ganz verquer zumute;

überhaupt – du lieber Schreck! –

hier – und hier – der Schnee ist weg!

Während sie sich voll Erstaunen umblicken und der Bettler

sich zu ihren Füßen mit wohligen Gebärden neben seinen Hund

kauert, kommen

_drei Dorfmusikanten_, vergnügte Seelen, etwas angeheitert,

denn sie haben bis spät nach Mitternacht bei einer Hochzeit

aufgespielt: zwei Fiedeln und ein Kontrabaß, ein Langer,

ein Dünner und ein Dicker.

Inzwischen ist es fast hell geworden. Der Schein des

Kindes, das wieder eingeschlafen ist, ist in Morgenlicht

übergegangen.

_Der erste Fiedler_ (schwankend):

Dunnerkiel, das war ’ne scheene

Hochzeit! Bloß die Wackelbeene!

_Der zweite Fiedler_ (sich die Pelzmütze befühlend):

Ui, mir is mei Kopp fexiert!

Hab’n wir drei nich musiziert?

_Der mit dem Baß_ (sehr wacklig):

Musiziert? Nu ob, ich gloobe.

Und dann kam de Nagelprobe!

(Er lacht selig, die andern stimmen in sein Gelächter ein.)

_Der erste_ (sich betroffen umsehend):

Sagt emal: bin ich verrückt?

Hat uns nich eb’n noch Frost gezwickt?

_Der zweite_:

Frost? Nu freilich! (Sich betastend.) Nas und Ohren!

Aber hier? Wie neugeboren!

[Illustration]

_Der dritte_:

Sapperment! (Schnüffelnd.) Und Blumenduft!

Riecht ihr’sch? Richt’ge Maienluft?

_Der erste_:

Hab ich denn so viel gesoffen?

Sind wir nich im Schnee geloffen?

_Der zweite_:

Schnee? Weeß Gott! Bis zu den Knien!

Mensch, und hier is alles grün!

_Der dritte_:

Ohne Tauwind und Spektakel,

das ’s ja förmlich e Mirakel!

_Der erste_ (die heilige Familie entdeckend):

Und was hockt denn hier zuhauf?

(Die andern treten verdutzt herzu, alle plötzlich nüchtern

und verständig.)

_Maria_ (bittend, mit leisem Vorwurf):

Weckt mir doch mein Kind nicht auf!

_Der zweite Fiedler_ (in täppischer Verlegenheit):

Nee, das woll’n wir nich, behüte. –

(Das Kind betrachtend:)

So ’ne Unschuld, so e Friede!

_Der erste_:

Und die hübschen kleenen Patschen!

_Der zweite_ (ihn zurechtweisend):

Tu’s doch nich so derb antatschen!

_Der dritte_:

He, laßt mich nur ooch mal ’ran,

(Zu Josef:)

’samster Diener, guter Mann!

_Der erste_ (in plötzlicher, nachträglicher Höflichkeit vor Maria und

Josef die Mütze abnehmend):

Kompliment!

_Der zweite_ (ebenso):

Ich hab de Ehr’.

(Den Bettler und den Hund bemerkend):

Hoi, hier hauchen ja noch mehr.

_Der Bettler_:

Achtet nicht des alten Blinden.

(Nach dem Kind hinweisend:)

Dort ist euer Heil zu finden.

_Der erste Fiedler_ (durch den Liebesanhauch des Kindes erwärmt):

Wart’ emal, – das wär’ noch scheener –,

wer gesund, wie unsereener,

kann schon mal ’en Pfeng entbehr’n

und den Armen was bescher’n.

(Er langt dem Bettler Geld hin.)

_Der zweite_:

Stimmt, wir lassen uns nich lumpen;

komm, ich werd’ dir ooch was pumpen;

Hochzeitsvater hat spendiert –

(Er schüttet dem Bettler einen Beutel Geld in den Schoß.)

Immerzu und nich scheniert!

_Der dritte_:

Na, bei soviel guten Gaben

muß das Hundchen ooch was haben;

da ’en Zippel Leberwurscht

und ’ne halbe Gänsebrust.

(Er füttert den Hund.)

_Der Bettler_ (segnend):

Gott vergelt’s, ihr wackern Leute:

Wahrlich: Feiertag ist heute!

_Maria und Josef_ (gerührt):

Gott vergelt’s euch, gute Herrn!

_Der erste Fiedler_ (immer mehr entfacht):

Ha, das tut mer doch ganz gern! –

Wenn mer nur was Hübsches wüßt’

für den kleenen Strampelchrist.

_Der zweite_:

Hast ooch recht. Und nich zu wenig!

Stehn da wie die heil’gen Dreikönig’,

müssen ’s Kindel nu bedenken

und ihm was Gehörig’s schenken.

_Der dritte_:

Sind wir denn nich Musici?

Bring’n wir ihm e Ständchen. Wie?

_Der erste_ (begeistert):

Mensch, das haste fein erdacht,

gleich geht’s los!

_Der zweite_ (mit Entschiedenheit):

Das wird gemacht!

Sie stellen sich umständlich auf und kratzen und schaben

mit Andacht eine schlichte, sanft heitere Musik, die dem

Liede der Maria ähnlich ist. Während sie spielen, schwingt

sich der kleine Vogel auf einen Baum und fängt inbrünstig

zu singen an. Eine Wolke gelber Schmetterlinge kommt

geflogen und umtanzt die Fiedelleute, sich dann und wann

auf den schwirrenden Saiten niederlassend.

Wie die Musikanten stolz geendet haben, steht der Wald

frühlingsfrisch und grün. Wolken wandern. Auf den Wegweiser

fällt helles Morgenlicht.

_Maria_ (die versonnen lächelnd und über das Kind gebeugt gelauscht

hat, steht rasch auf, mit ernstem Angesicht):

Josef, komm, ’woll’n weiterziehn,

viel Wunderliches ist gediehn.

Bin zwar froh, doch klopft mein Herz,

an der Freude zupft ein Schmerz.

Mein’, unser Kindlein, kaum geboren,

zu schweren Dingen ist’s erkoren;

können’s nur noch nicht verstehn.

Josef, komm, woll’n weitergehn.

_Josef_ (nickt ihr nachdenklich zu, wendet sich zu den Spielleuten):

Dank euch, war ein braves Stück.

Müssen weiter!

_Die Musikanten_:

Bleiben nicht zurück.

_Maria_ (die sich ebenfalls gewendet, umfängt, das Kind an sich

gedrückt, mit grübelnden Augen den Platz, auf dem sie gesessen hat. Wie

sich ihr Blick zu dem Wegweiser hebt, schreit sie auf: Er steht da,

mit schwarzgespreizten Armen gegen den hellen Morgenhimmel, starr und

unerbittlich wie ein Kreuz):

Josef, sieh, ein schwarzes Kreuz,

Lieber, das bedeut’ was Leids.

Um unser Kind ist mir so bang:

sorge mich, es lebt nicht lang!

[Illustration]

_Josef_:

Komm, ’s geht alles seinen Gang.

_Der blinde Bettler_:

Arme Mutter, laß das Härmen:

Was den kalten Wald tut wärmen,

heil’ge Wintersonnenwende,

ist ohne Anfang, ohne Ende.

Stehn wir auch noch blind und fern:

Ewig ist das Herz des Herrn!

Maria geht mit dem Kinde langsam dahin, kopfschüttelnd.

Josef folgt ihr. Hinterdrein schreiten die Musikanten, die

eine getragene Weise spielen. Den Beschluß macht der Blinde

mit seinem Hund.

Zuletzt ragt nur noch hoch das Kreuz. Oben drauf sitzt, von

der Morgensonne beschienen, der kleine Vogel und jubiliert.

Beim Türmer in Marienberg

Von _Martin Schmidt-Breitung_

Mit Aufnahmen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz

Von welcher Seite du auch unser Marienberger Stadtbild schaust, ob von

den Wäldern des Reitzenhainer Gebirgskamms, vom geschlängelten Tale

des Schlettenbachs, in dem dich die Bahn aus dem Niederland zu uns

heraufbringt – ja, von den die Stadt überragenden Höhen im Westen, die

du beim Anwandern von Wolkenstein und Zschopau überwinden mußt – immer

grüßt dich als Wahrzeichen der allein beherrschende, im weiten Achteck

unverjüngt bis zur Zwiebelkuppel aufgeführte Turm der Stadtkirche. Kein

Fabrikschlot, keine unmäßige Mietskaserne verschandelt bis zur Stunde

das Bild des alten Stadtkerns. Der zierliche Uhrturm des Rathauses hat

vor allem verständig-bescheiden Maß und Linie gewahrt, so daß auch er

als Nebenbuhler sich nicht vordrängt. Er weiß, der große Kirchturm muß

ihm anderwärts doch parieren, denn die Rathausuhr schlägt nach altem

Herkommen die Stunden vor, ehe die Kirchglocke mit tieferem Baß die

Zahl wiederholen darf.

[Illustration: Abb. 1. =Marienberg, von Osten gesehen=]

Aber wie wir nun unmittelbar vor der wuchtigen Stadtkirche stehen

und in der Morgensonne zum Turme hinauflugen, da erkennen wir ja

Fenster einer Wohnung dort oben und eine kleine Ziegelesse, die die

Schieferhaube zaghaft durchbricht. Die offene Treppentüre braucht

darum nicht lange auf uns zu warten und entdeckerfreudig klimmen wir

die breiten, steinernen Wendelstufen hinan. An die dreihundert Stufen

haben wir hinter uns, als wir am Ende des Treppenturms angelangt

sind. Nun geht es schmälere Holzstiegen hinan, vorbei an den Glocken,

bis auf unsern Anruf sich über unsern Köpfen eine Dielentüre öffnet

und wir, man kann es ruhig heute sagen, ins Märchenreich einer alten

Türmerwohnung treten!

[Illustration: Abb. 2. =Marienberger Stadtkirche=, vom Marktplatz

gesehen]

Wohl ragen noch aller Orten die Glockentürme im Land. Aber sie haben

ihre frühere Alleinherrschaft, der politischen Entwicklung folgend, oft

mit zahllosen anderen Großhäuptern teilen müssen, die meist wenig von

ihrer inneren Art haben: Rathaustürme, qualmende Fabrikschlote, Silos,

Krane und bald Wolkenkratzer amerikanischen Geistes. Aber schlimmer

noch – die neue Zeit hat die Turmwarte, die Jahrhunderte ihres schönen

Amtes walteten, entbehrlich gemacht. Elektrische Alarmwerke rufen jetzt

bei gemeiner Feuers- und Wassergefahr die Wehren zusammen, mechanische

Kunst läßt die Uhren schlagen und Glocken läuten. Und so mag bald

in unserem Lande die Zeit kommen, wo der letzte Türmer seines Amtes

gewaltet haben wird und abermals ein Denkmal heimatlicher Romantik

dahingegangen ist …

[Illustration: Abb. 3. =Die Bergstraße in Marienberg=]

In der Behaglichkeit des Wohnzimmers, in das wir zuerst von dem

durchaus nicht beengten Vorraum treten, der sogar ein Gastbette birgt,

schweigen vor der lebendigen Gegenwart alle diese Empfindungen. Ein

munterer Zeisig und ein Kreuzschnabel bewillkommnen uns seltene Gäste.

Die dicken Außenwände des Turmes bieten jedem Wetter wacker Trotz

und der Knick im Zimmer – zwei Seiten des Achtflächners gehören ihm

– schafft ein desto traulicheres Gehäuse. Die kräftige Hausfrau, der

das Treppensteigen ebenso wie allen anderen Familiengliedern gut zu

bekommen scheint, waltet gerade am Herde ihres Amtes. Die Quellen der

städtischen Wasserleitung liegen so hoch, daß das Wasser noch eben

hier oben läuft. Holz und Kohlen werden mit der Winde, deren Holzarm

man schon im Mittelflächner von unten gewahrt, heraufgezogen. »S is

itze grade Lichtmeß im Hulze«, meint der Hausvater, »de Feiertog

werd neies rankomm!« – An der Wand hängt das Horn des Türmers, eine

blecherne Tuba. Ihr Äußeres zeigt, daß sie manchem Geschlechte schon

gedient hat. Mit einem: »Versuchens ner mal!« reichts uns der Meister

unbefangen zum Blasen hin. – In der Nacht wird jede Viertelstunde,

volle Stundenschläge ausgenommen, darauf zum Fenster hinaus stadtwärts

geblasen: ein einziger, hoher Ton – zum Zeichen, daß der Türmer seines

Amtes waltet und alles in Ordnung befunden hat. Wie streng hierüber

gewacht wird, zeigt folgendes Geschichtchen, das wir am besten so

wiedergeben, wie es in den Akten des Stadtrates zu lesen ist:

»933 ~IA.~ Marienberg, am 21. XI. … wird bemerkt, daß der

Türmer in der Nacht vom 20. zum 21. ds. Ms. um 4 Uhr früh

die Stunde nicht angeschlagen, auch, und ¼, ½ und ¾ fünf Uhr

entgegen § 1 seiner Dienstanweisung das Hornzeichen nicht

gegeben hat«.

(Unterschrift)

Beschluß vom 21. XI. …

Zur verantwortlichen Auslassung an den Türmer, Herrn …

Marienberg, 22. XI. … An den Stadtrat.

Zur Beantwortung vorstehender Bemerkung habe ich folgendes zu

berichten:

Daß ich am 21. früh 4 Uhr nicht angeschlagen haben soll, ist

nicht zutreffend. Jedenfalls ist es von meinem Ankläger nicht

gehört worden, weil wegen Westwindes die Schalläden geschlossen

waren.

Dagegen ist es richtig, daß ich die erwähnten Hornzeichen nicht

gegeben habe, aber trotzdem wachsam sein mußte, schon wegen des

5-Uhr-Läutens. Ich leugne auch gar nicht, daß ich mir in dieser

Beziehung zuweilen Einschränkungen eigenmächtig erlaubt habe,

die in Umständen zu suchen sind, die anzuführen ich jederzeit

mündlich oder schriftlich bereit bin. Ich versichere, daß ich

das infolge dieses Vorkommnisses vielleicht gesunkene Vertrauen

meiner vorgesetzten Behörde durch erneute Aufmerksamkeit und

Wahrnehmung meiner Dienstpflicht wieder zu erreichen bestrebt

sein werde.

Hochachtungsvoll

(Name), Türmer.

Beschluß vom 23. XI. … Herrn Türmer … zur Kenntnis vorzulegen,

daß der Unterzeichnete der »Ankläger« ist.

Im übrigen soll es für diesmal bei der Ausführung bewenden usw.

(Name des Bürgermeisters.)

23. XI. … Vom Vorstehenden Kenntnis genommen.

(Name), Türmer.

[Illustration: Abb. 4. =Haus Nr. 14 der Bergstraße in Marienberg=]

Jetzt waltet ein Nestler, aus dem nahen Großrückerswalde gebürtig,

seines verantwortungsvollen Amtes. Außer dem besonders nachts

ununterbrochenen Rundgang hat er die in der Turmspitze hängende kleine

Glocke zu folgenden Zeiten zu läuten: Früh 5 Uhr, vormittags 11 Uhr,

mittags 12 Uhr, abends 7 und 8 Uhr. Das 11-Uhr-Läuten trägt dem Brauch

der Bauern Rechnung, um diese Zeit Mittag zu halten, da sie ja ihr

Tagewerk schon so früh beginnen. Aber auch die vollen Stunden muß er

selber anschlagen. Um diese Zeit ist das Fenster nach der Marktseite

geöffnet und sobald es dort ausgeschlagen hat, beginnt der Nestler

gewichtig zählend seinen Glockenstrang vom Vorraum seiner Wohnung zu

ziehen. Welche Verwirrung im Tageslauf der Marienberger, wenn er sich

einmal verzählen sollte!

[Illustration: Abb. 5. =Marienberger Rathausportal=]

Nun aber gilt es Ausschau zu halten. Wir klimmen noch eine Stiege höher

und sind im gebälkereichen Boden der Türmerwohnung. Da läßt es sich gut

Wäsche trocknen!

[Illustration: Abb. 6. =Das Zschopauer Tor in Marienberg mit Rest der

Stadtmauer.= (Im Vordergrund ein geschickt angeschlossener elektrischer

Transformator)]

Unser erster Ausblick aus dem Fensterkranz geht nach dem Markte der

Stadt. Welche ganz ungewöhnliche Größe für diese Bergstadt, deren

Kern heute, vierhundert Jahre nach der Stadtgründung, nicht mehr als

fünftausend Seelen zählt! Dem Gründer Marienbergs, Herzog Heinrich

dem Frommen, dessen Standbild den Platz ziert und das Mittelpunkt aller

Marktveranstaltungen ist, wird nach dem Beispiel Freibergs eine größere

Zukunftsstadt vorgeschwebt haben. Wir freuen uns jedenfalls heute

dieses großen, lindengesäumten Freiplatzes, dem freilich die Stadt, das

gilt besonders von dem erfreulicherweise vorhandenen Marktbrunnen, eine

etwas liebevollere Pflege durch Blumenschmuck angedeihen lassen könnte.

[Illustration: Abb. 7. =Ausblick vom Kirchturm nach dem Marienberger

Markt und der Zschopauer Straße=]

Nächstdem zieht die breite Zschopauer Straße mit ihrem köstlichen

Stadttore unsere Blicke auf sich. Noch heute steht dieses Tor am

eigentlichen Eingang (Nordwest) der Stadt und seine Maße waren

weitschauend genug gewählt, daß in unsern Tagen die großen gelben

Wagen der Kraftwagenlinie Wolkenstein–Olbernhau ohne Gefahr passieren

können. Ja, zu abendlicher Stunde ergibt sich aus solcher Durchfahrt

ein köstliches Bild:

In das spärliche Licht der Straßenlaternen fällt auf einmal die

blendende Helle der Scheinwerfer eines Kraftwagens und je näher diese

Lichter dem Tore kommen, desto wuchtiger tritt es aus dem Straßenbilde

hervor, bis die Lichtbahn sich mehr und mehr in die Toröffnung

zusammenzieht, schließlich in dieses Dunkel einen goldenen Kegel

zaubert, um dann unvermittelt nach der Durchfahrt alles wieder in

seinen Märchentraum versinken zu lassen …

Aber jetzt wandern unsere Blicke aus luftiger Höhe ins Weite! Da

grüßen als Wahrzeichen des schon Ende des vorigen Jahrhunderts

zur Ruhe gegangenen Bergbaues die mehr und mehr baumbestandenen,

umbuschten Halden von Lauta und Lauterbach. Nach Sonnenaufgang

blinken auf luftiger Höhe die Häuser der Stadt Zöblitz mit ihren

Serpentinsteinbrüchen, gen Nordosten geht der Weg ins Niederland

durchs waldgesäumte, felsumragte Pockautal und nach der Grenzseite

liegen die ausgedehnten Wälder der Reitzenhainer Reviere. Eben

faucht in weitausholendem Bogen ein Güterzug bergan nach Gelobtland,

ein etwa dreiviertel Wegstunde vom Stadtkern abgelegener Ortsteil

Marienbergs. Der biblische Name, ebenfalls ein Zeuge vergangener

Bergbauherrlichkeit, lockt dich in anderem Sinne auch heute nicht

unbelohnt in sein waldumschirmtes Hochland.

An Großartigkeit freilich können sich diese Bilder nicht messen mit dem

Ausblick nach Süden und Südosten. Der Pöhlberg (830 Meter) erscheint

in seinem langgezogenen Kamm wie die schirmende Bastion Annabergs.

Links davon, ganz zart in bläulichen Konturen, grüßt das Massiv des

Fichtelberges. Noch einmal so hoch, als unsere Gebirgsstadt über dem

Meeresspiegel liegt, gilt es zu steigen, um jenen stolzen Gipfel

unseres Erzgebirges zu gewinnen.

Das Gesamtbild vor unseren Augen ist ein echtes Stück sächsischen,

waldreichen Kammlandes – in seinen Hauptlinien noch nicht zerrissen von

geschlossenen, großen Ortschaften, noch nicht bestimmt von rauchenden

Essen gewaltiger Industriezentren, sondern ausgedehnte Wälder umsäumen

kleine Siedlungen, die bald am schirmenden Berghang eingenistet, bald

auf zugiger Höhe weithin verstreut liegen.

Unser Führer braucht keine Landkarte. Jedes Gehöft ist ihm vertraut.

Er weiß zu erzählen, wie da und dort einmal ein Brand ausgekommen;

aber auch für die verschiedenen Bilder der Jahreszeiten, der Tag- und

Nachtstunden, der Sonne- und Sturmeswetter findet er seine schlichten

Worte. »Wanns när recht verwerrt zugieht, is es am schänsten«, gibt er

zur Antwort auf unsere Frage, ob es bei Wind und Gewitter nicht oft

recht ungemütlich hier oben sei.

Die rote Fahne an langer Stange wird tagsüber zu der Seite

rausgehangen, nach der ein Brand gesichtet worden ist. Bei Dunkelheit

erscheint an Stelle der Fahne eine große, altväterische Laterne mit

roten Scheiben. Zudem ist ein dickbauchiges Horn vorhanden, durch das

der Türmer seine Wahrnehmungen unten nach der Straße verständlich

machen kann, wenn schon dieses Horn jetzt durch den Fernsprecher meist

entbehrlich wird.

[Illustration: Abb. 8. =Türmer Nestler beim Ausblick nach der Stadt=]

Eine alte Eisenbahner-, eine Infanterie- und eine Jägermütze, die

beiden letzten mit ergänzter weicher Blende, alle drei von Bekannten

geschenkt, geben dem an Körperlänge kleinen Wächter der Stadt

doch eine gewisse amtliche Würde. Und er weiß uns zu erklären,

wie jede Kopfbedeckung einer anderen »Funktion« dient: die steife

Eisenbahnermütze ist natürlich für den Ausgang in die Stadt, aber die

weite Infanteriemütze kann man hübsch mit über die Ohren ziehen, wenn

man in kalter Nacht seinen Umgang zu halten hat!

Auf der höchsten Turmspitze, zu der immer steiler und schmäler die

Holzstiegen führen, hängt jetzt die Glocke, die ehedem bei Kindtaufen

geläutet wurde und die daher den Spruch trägt: »Lasset die Kindlein zu

mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solcher ist das Himmelreich«.

Alle anderen alten Glocken sind der Kriegszeit zum Opfer gefallen,

diese kleine silberne Glocke, Anfang des siebzehnten Jahrhunderts

gegossen, hat die Zeiten überdauert und läutet nun Morgen, Mittag und

Abend von ihrer luftigen, einsamen Höhe (64 Meter).

»Ja, ja«, meint der brave Nestler abschließend, »Törmer, das hob ich

mir schu immer gewünscht, all mei Lebtag. Hier hat mer sei Ruh – da

kimmt mir kee Hauswirt zu nahe un mer hat aa ken Menschen noch über

sich als när den lieb’n Gott!«

Glückliche Seele! Du stehst wirklich über vielen von uns, die da

unten hasten und jagen, die kaum einen Blick einmal über sich und um

sich tun. Und du erfaßt in deiner Art ohne viel Umschweife, was für

ein köstlich Amt dir gesetzt ist, über deiner Stadt emsig zu wachen,

allen Schaden von ihr und ihrem Umkreis nach Möglichkeit zu wehren,

die rechten Stunden allem Tagewerk und allen Festen zu schlagen, zum

Gotteshaus zu rufen, zu Brautfahrt und zu seligem Heimgang deiner

Mitbürger fröhlich wie tröstlich die Glocken zu läuten …

Urnen- und Gefäßfunde in Meißen-Zaschendorf

Von Polizei-Oberleutnant _Fritz Göhler_

(Mit zwei Aufnahmen des Verfassers)

Die Urnen- und Gefäßfunde in Weinböhla vom vorigen Jahre sind noch in

bester Erinnerung. Glücklicherweise hat das Eingreifen staatlicher

Organe die dort gefundenen Schätze in größerem Umfange geborgen.

Weniger bekannt dürften die Funde sein, die in dem etwa eine halbe

Stunde von Weinböhla entfernten Zaschendorf, das der Stadt Meißen

einverleibt ist, gemacht worden sind.

Unmittelbar am Ostausgang von Zaschendorf hat der Gärtnereibesitzer

Schönfeld sein Anwesen. Zaschendorf liegt am Fuße des mittleren Teiles

des Spaargebirges, geschützt gegen Nord- und Nordwestwinde. Hinter den

Gärtnereigebäuden, die an dem Wege nach Niederau liegen, ziehen sich

die gärtnerischen Anlagen hin und stoßen am Ende der Gärtnerei an einen

Bach, der noch innerhalb des Schönfeldschen Grundstückes durch einen

künstlich erweiterten Teich fließt, der für Pflanzenfreunde sehenswert

ist. Die Ländereien hinter den Gebäuden sind nicht eben, vielmehr zieht

sich eine kaum wahrnehmbare Geländewelle durch das Grundstück und diese

Geländewelle barg den letztgehobenen Schatz. Vielerlei Gründe lassen

mich als Laien ahnen, warum in die sanfte Welle die Gefäße eingegraben

wurden. Die Geländewelle besteht nämlich aus Sand. Ob die Gefäße auch

dann dort eingegraben worden wären, wenn die Erdwelle aus schwerem

harten Tonboden bestünde, der sonst in dieser Gegend so überaus häufig

vorkommt? Ich glaube es nicht.

Ein Zufall brachte die Gefäße zutage. Beim Rigolen eines Feldstückes

stieß man in der Tiefe von fünfzig bis sechzig Zentimetern auf Scherben

und förderte zunächst drei gut erhaltene Urnen, mehrere tassenähnliche

Gefäße, in denen die gleichen Gefäße in verkleinertem Maßstabe

enthalten waren, ans Tageslicht. Aus einem größeren Scherbenhaufen

gelang es mir, noch zwei Schüsseln, die mit je einem Henkel versehen

sind, zusammenzustellen. Da die Urnen verbrannte und ausgeglühte

Knochenteilchen enthielten, unterliegt es keinem Zweifel, daß man es

mit einem Gräberfeld zu tun hat.

[Illustration: Abb. 1. =Höhle, in der die Gefäße verborgen lagen=]

Diese Funde sind nicht die ersten, die auf dem Schönfeldschen

Grundstück gemacht worden sind. Schon vor Jahren hat Herr Schönfeld

einen sehr reichen Fund gemacht, der restlos in Privathände

übergegangen ist. Man darf annehmen, daß es sich bei den Zaschendorfer

Urnen- und Gefäßfunden um einen Begräbnisplatz einer größeren Siedlung

handelt. Zu dieser Annahme berechtigt auch die Angabe des Herrn

Schönfeld, der beim Umgraben einer Feldparzelle auch einen großen

Brandplatz freigelegt hatte, von dem aber heute leider nichts mehr,

auch keine Photographie, erhalten geblieben ist.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XV, Heft 11–12 · 第 2 / 6 段