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[Illustration: Cover]
Landesverein Sächsischer
Heimatschutz
Dresden
Mitteilungen
Heft
11 bis 12
Monatsschrift für Heimatschutz, Volkskunde und Denkmalpflege
Band XV
_Inhalt_: Burg Gnandstein, das Spiegelbild eines Jahrtausends
deutscher Kultur – Das Herz im Walde, ein kleines deutsches
Krippen- und Sonnenwendspiel – Beim Türmer in Marienberg –
Urnen- und Gefäßfunde in Meißen-Zaschendorf – Wo die Sage
raunt – Wie »Tier«photographien entstehen können – Das
verborgene Gesicht – Sachsens Binnenlands-Seeschwalben – Der
Floßgraben bei Pegau – Deutsche Volkskunde – Schützenfest in
der Kleinstadt – Wert und Bedeutung lokalhistorischer Forschung
für die allgemeine Geschichte – Das Liebenauer Christspiel –
Galgenmauern – Bücherbesprechungen
Einzelpreis dieses Heftes 3 Reichsmark
Geschäftsstelle: Dresden-A., Schießgasse 24
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Abteilung Pirnaischer Platz, Dresden
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Dresden 1926
Ziehung _bestimmt_ am 9. und 11. April 1927
3. Geldlotterie
für die Erhaltung des Dresdner Zwingers
500000 Lose
54643 Gewinne und 1 Prämie im Gesamtwerte von 160000 Reichsmark
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Höchstgewinn im günstigsten Falle 50000 Reichsmark
1 Prämie 30000 “
1 Hauptgewinn 20000 “
1 Hauptgewinn 10000 “
1 Hauptgewinn 5000 “
5 Gewinne je 1000 Reichsmark = 5000 “
10 Gewinne je 500 “ = 5000 “
25 Gewinne je 200 “ = 5000 “
50 Gewinne je 100 “ = 5000 “
100 Gewinne je 50 “ = 5000 “
150 Gewinne je 20 “ = 3000 “
300 Gewinne je 10 “ = 3000 “
1000 Gewinne je 5 “ = 5000 “
3000 Gewinne je 3 “ = 9000 “
50000 Gewinne je 1 “ = 50000 “
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Gewinne in barem Gelde ohne Abzug
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auf Abschnitt einer Postanweisung
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Landesverein Sächsischer Heimatschutz
Dresden-A., Schießgasse 24
Band XV Heft 11/12 1926
[Illustration: Landesverein Sächsischer Heimatschutz Dresden]
Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern
herausgegeben
Abgeschlossen am 30. November 1926
Burg Gnandstein, das Spiegelbild eines Jahrtausends deutscher Kultur
Von _Otto Eduard Schmidt_
Mit Aufnahmen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz
Wer in Chemnitz, dem geräuschvollen Mittelpunkt unserer sächsischen
Eisen- und Webwarenindustrie
»stumpf über Hallen und Höfen
den träge zerfasernden Atem der Kessel und Öfen«
gesehen und dann wieder »straßenlang gefoltertes Eisen zetern« gehört
hat, der ist, wenn er der Stadt den Rücken kehrt, darauf gefaßt,
noch lange Strecken zwischen Schornsteinen und surrenden Maschinen
dahinzufahren. Ja, wenn gar die noch größere Fabrikstadt Leipzig,
in der Luftlinie nur siebzig Kilometer von Chemnitz entfernt, sein
Ziel ist, dann fürchtet er wohl, auf der ganzen Strecke nicht aus der
rußigen, hämmernden, spinnenden und wirkenden Sphäre des sächsischen
Manchesters herauszukommen. Aber glücklicherweise ist dem nicht so.
Schon hinter Neumittelwittgensdorf strecken sich nach allen Richtungen
wieder gesegnete Breiten von Äckern aus, die der Sense des Schnitters
entgegenwogen. In Burgstädt stellen sich zwar die Fabrikschlote,
Geschäftshäuser und die langen Zeilen der Arbeiterwohnungen noch einmal
in Reih und Glied zum Kampf gegen die agrarischen Gewalten, aber sie
können den Sieg nicht behaupten. Denn weiterhin gewinnt das ländliche
Element unumstritten wieder die Oberhand, und wenn auch die Wasser der
Mulde, die wir hinter Cossen kreuzen, mit ihrer dunklen Farbe noch von
der Knechtschaft reden, die sie bis dahin erduldet haben, so sind doch
die Zuchtmeister des geschändeten Flusses selbst nicht mehr sichtbar:
in ihren natürlichen Verhältnissen liegen die fruchtbringenden Täler
da, und aus den Wiesengründen heben sich die grünen Baumgewölbe
der den Bach begleitenden Erlen, Pappeln und Linden empor bis zu
den beherrschenden Höhen, die dunkelgrüne Nadelwälder umsäumen.
Der starke und bis heute erfolgreiche Widerstand, den das zwischen
den beiden Großstädten liegende zentrale Gebiet der neuzeitlichen
Industrialisierung entgegensetzt, wurzelt in dem noch unzerstörten
Erbe der deutschen Kolonisationszeit, in der lehnsmännische,
kirchliche und bäuerliche Kulturschöpfungen wie ein engmaschiges,
festverknotetes Netz dieses Gebiet überzogen haben. Drum scharen sich
noch heute echte deutsche Bauerndörfer hier um eine ragende Burg,
dort um die Ruine eines Klosters, dort um eine altertümliche Kirche,
deren Glöcklein jeden Morgen und jeden Abend für die Einheimischen
wie für den Wandersmann über die grünen Auen siegesgewiß ruft: »Wir
sind noch da, wir leben noch und hoffen noch manches Jahrhundert zu
leben«. Und so geht es weithin nach Norden fort, bis die Randzone der
Leipziger Pflege den grünen Scharen der Ländlichkeit neue Kämpferhorden
des Gewerbfleißes siegreich entgegenwirft … Wir wollen heute nicht
bis zu dieser Linie vordringen, sondern im Herzen des ländlichen
Bezirks bleiben, um einen wichtigen Stützpunkt der alten Kultur- und
Lebensweise in aller Muße zu betrachten und dem zu lauschen, was er uns
Spätgebornen zu erzählen hat.
[Illustration: Abb. 1. =Burg Gnandstein vom Kohrener Wege aus.
Bergfried und Schildmauer=]
In Narsdorf verlassen wir die Bahn. Zwei stämmige Rappen ziehen
uns durch eine reichgegliederte Kulturlandschaft alten Stils. Zur
Linken winkt aus sattgrünen Wipfeln das trauliche Sahlis, einst die
Arbeitsstätte des Dichters Börries von Münchhausen, der jetzt im
Schlosse Windischleuba nahe bei Altenburg wohnt, rechts die heroische
Linie der beiden dohlenumflatterten Bergfriede von Kohren mit der
stimmungsvollen Kirche und zu ihren Füßen das idyllische Städtchen, in
dem der Ackerbürger noch immer den vorherrschenden Stand bildet. Ein
steilerer Anstieg des Sträßchens verkündet die Nähe der uralten Burg
_Gnandstein_ (Abb. 1), und bald grüßt uns der zinnengekrönte Turm des
Schlosses und unten auf smaragdener Wiese die behagliche Rinderherde
des Gutshofes. Wir durchfahren den Zwinger, vor dem zweiten Tore
(Abb. 2) steigen wir aus dem Wagen. Der Schloßherr, Kammerherr von
Einsiedel, begrüßt und geleitet uns in die uns zugedachten Zimmer. Ich
hause in zwei traulichen Räumen des älteren Torhauses. Aus jedem der
sechs Fenster schaue ich auf ein anderes Landschaftsbild, aber überall
herrscht das Grün alter Baumwipfel. Eine weiße Tür führt in eine
Nische, in der man die gewaltige Mauerstärke messen kann, und selbst
das einscheibige Fensterlein der Nische, eine ehemalige Schießscharte,
lenkt den Blick an der Talseite des Schlosses vorbei und vorbei an den
weißen Giebeln des tief unter mir ruhenden Dorfes hinüber zu der 1518
vollendeten gotischen Kirche (auf der anderen Seite des Tals), in der
die lange Reihe der auf Gnandstein gesessenen Einsiedel schlummert.
Aus meinem Vorzimmer führt der Wehrgang auf einer schwanken Bohle,
die nur lose auf den mächtigen Balken liegt, hinüber in die gotischen
Teile der Burg (Abb. 3), durch das Fenster des Vorraums aber blicke
ich empor zum gekoppelten romanischen Fenster des über dem Torbau
aufstrebenden älteren Palas; und ins obere Stockwerk des Torhauses, wo
mein Reisegefährte wohnt, führt ein echter Wendelstein aus den Tagen
Arnolds von Westfalen empor. So bin ich mitten hineingestellt in die
ganze romanische und gotische Herrlichkeit und Heimlichkeit dieser
alten Burg, und ein wohliges Gefühl des Geborgenseins überkommt mich,
das ganz und gar dem Namen und Zweck der »Burg« entspricht.
[Illustration: Abb. 2. =Blick vom zweiten Burgtor aus in den Zwinger=]
Wann und wie ist dieses wundersame Gebilde des »Gnannensteins«
entstanden? Der älteste Teil, der auf der höchsten (östlichen)
Felsplatte errichtete kreisrunde Bergfried (36 Meter hoch, 9¹/₃ Meter
Durchmesser, 3¹/₃ Meter Mauerstärke, 2²/₃ Meter Hohlraum) führt uns in
entlegene Jahrhunderte zurück. Zwischen sechshundert und neunhundert
war dieser Landesteil in den Händen der Sorben-Wenden gewesen, aber im
zehnten Jahrhundert wurde er von den über die Saale und Elster wieder
vorgedrungenen Deutschen zurückerobert und durch feste Burganlagen
gesichert. Im Verein mit der ebenso alten Feste _Kohren_, von der zwei
gewaltige Rundtürme übrig geblieben sind, bildete Gnandstein schon
um das Jahr Tausend den festen Mittelpunkt der deutschen Verwaltung:
Bischof Thietmar von Merseburg erzählt uns, daß er am 2. Mai 1018
seinen »Hof Chorun« besuchte, die Christen der Umgegend, die sich
dort zusammenfanden, segnete und ganze sieben Tage dort zubrachte.
Eine zweite Bauperiode, die sich die Erfahrungen der Kreuz- und
Römerzüge zunutze machte, umgab den Bergfried (zwischen 1150–1200) auf
der Nord- und Ostseite mit einer zweischenkeligen, zinnengekrönten
Schildmauer, der im Westen anfangs eine Mauer, später ein Wohngebäude,
der »Neubau«, im Süden ein romanischer Palas und das ihm rechtwinkelig
vorgelegte Torgebäude entsprach. Seitdem bildete die Burg (Abb. 4) ein
geschlossenes Viereck mit engem Hofe, aus dem der Bergfried gewaltig
emporstieg.
[Illustration: Abb. 3. =Das zweite Burgtor von innen, Wehrgang (rechts)
und Zwinger=]
Seit dieser Zeit (1205) ist Gnandstein der Sitz eines vornehmen
ritterlichen Geschlechts: der Marschall oder Kämmerer des Markgrafen
von Meißen, die ihren Amtstitel zugleich als Familiennamen führen;
so gibt es einen Heinrich Marschall von Gnannenstein, sein jüngerer
Bruder Konrad nennt sich Kämmerer von Gnannenstein; beide gehören schon
durch ihre Hofämter zu dem besonders angesehenen Teile des Meißner
Lehnsadels. Sie verpflanzten ein gewisses ritterlich-höfisches Leben
auch auf ihre Burg. Der steinerne Zeuge davon ist noch heute der bei
aller Schlichtheit vornehme romanische Saal im Palas mit seinen schönen
gekoppelten romanischen Fenstern und den Resten eines Kamins, der Saal,
in dem des fahrenden Sängers Lied ertönte und den Frauen nach der Sitte
des Minnedienstes ritterlich gehuldigt wurde. (Abb. 5.) Keine andere
sächsische Burg hat ein so echtes und so altes Kleinod aufzuweisen
(Abb. 6). Die Marschall von Frohburg (nördlich von Gnandstein), die
Marschall von Mockritz und die Marschall von Bieberstein, ebenso die
Kämmerer von Gruna sind aus der Familie der Schloßherren von Gnandstein
hervorgewachsen, indem sie ihren alten Amtstitel mit dem Namen eines
neuen Besitztums verbanden.
[Illustration: Abb. 4. =Gesamtansicht von Gnandstein.= Rechts das
geschlossene Viereck der romanischen Burg mit Bergfried, Schildmauer
und Palas. Links der größere gotische Palas; das ihm nördlich
gegenüberliegende »Bollwerk«, mit dem Kapellenflügel überbaut, ist nur
teilweise sichtbar]
Eine dritte Bauperiode legte um 1350 auf der weit geräumigeren
Westplatte des Gnandsteiner Felsens eine größere gotische Burg an,
die mit der romanischen durch einen steinernen Wehrgang (siehe oben)
an der Südseite verbunden war und aus einem zweiten Torbau, einem
hochragenden Palas und einem langgestreckten »Bollwerk« auf der
Nordseite bestand. Sowohl dieser gotische Palas wie das später zum
Kapellenflügel ausgebaute Bollwerk erheben sich auf tief in den Felsen
eingearbeiteten, in Tonnenform gewölbten Unterkellerungen, die unter
dem Palas bis zum Wasserspiegel der Wyhra hinabreichen und teils der
Wasserversorgung (Brunnenstube), teils der Verteidigung dienten.
[Illustration: Abb. 5. =Der Aufgang zum romanischen Saal im Palas.=
Rechts vor den Holzsäulen der kleine viereckige Hof, in dem der
Bergfried steht]
Nur zwei bis drei Menschenalter nach der ersten Erbauung der gotischen
Burg kam Gnandstein in die Hand des seit 1435 im Kohrener Land
angesessenen Geschlechts derer von Einsiedel. Die Nachricht des
Fabricius, daß schon 1265 ein Heinricius ab Einsiedel de Gnannenstein
zu verzeichnen und daß seit 1427 die Burg das Stammschloß dieser
Familie sei, ist urkundlich nicht verbürgt. Der erste geschichtlich
beglaubigte Einsiedel auf Gnandstein ist Hildebrand I. (seit 1435), der
1451 die Burg Kohren hinzu erwarb und mit dem Prinzenräuber Kunz von
Kauffungen verschwägert war. Sein Sohn Heinrich I. Einsiedel († 1507)
eröffnete die vierte Bauperiode, indem er den engräumigen gotischen
Palas zwischen 1475 und 1500 im Geiste Arnolds von Westfalen, des
Erbauers der Meißner Albrechtsburg, durch einen bequemeren, schon die
Weiträumigkeit der Renaissancekunst zeigenden Wohnbau ersetzte, der
noch heute den Mittelpunkt des Gnandsteiner Burglebens bildet (Abb.
4), und zugleich das ihm nördlich gegenüberliegende Bollwerk mit
einem seinen Grundlinien folgenden Kapellenbau bekrönte. Eine aus der
westöstlichen Hauptachse rechtwinkelig nach Norden ausfallende Bastion
bildete dabei eine Art von Apsis des langgestreckten Gotteshauses.
Das verfeinerte Adelsleben des achtzehnten Jahrhunderts führte eine
fünfte Bauperiode herauf: längs des Wohnschlosses wurde im Inneren
des Burghofes eine Reihe steinerne Arkaden errichtet als Träger von
Gängen vor den Zimmern des ersten und zweiten Obergeschosses, auf denen
die aufwartenden Diener hin und her eilten. Diesem die ganze Nordwand
des Palas umspannenden Vorbau entsprach auf der gegenüberliegenden
Hofseite ein aus hölzernen Säulen und Brettern gefügter Vorbau, auf
dem in beiden, auf offenen Holztreppen erreichbaren Obergeschossen
Holzgänge zu den Kaminen und Türen führten, durch die man in die
Kapelle und in die alte Gerichtsstube und einige Nebenräume gelangte.
Endlich begann, laut Ausweis der noch vorhandenen Rechnungen, 1809,
ein reichliches Jahr nach dem Einzuge der jungen Schloßherrin Julia
von Einsiedel geborenen Kunze, eine sechste und letzte Bauperiode, bei
der die alten baufälligen Holzgänge am Kirchengebäude abgerissen und
dadurch ersetzt wurden, daß man die Treppe einerseits in den Keller
hinab und andererseits durch ein ehemaliges Gewölbe und zwei Kammern
des Westbaues bis zum Boden emporführte, auch die neben der Kapelle
befindliche Stube wurde zum Vorzimmer der Kapelle gemacht (1812).
Gleichzeitig wurde der Eingang in den Zwinger (Burggraben) unter dem
Bogengang des Wohngebäudes durchgebrochen und der Holzschuppen und
Wagenschuppen teilweise in Stein erneuert und endlich der steinerne
Arkadengang der Langseite des Kirchenbaues vorgelegt. Damit war, wenn
man von kleinen Besserungen und Vervollkommnungen absieht, die die
neuzeitlichen Lebensgewohnheiten einführten, ungefähr der Baubestand
der Burg erreicht, der noch heute besteht.
[Illustration: Abb. 6. =Der romanische Saal im Obergeschoß des älteren
Palas mit den romanisch-gekoppelten Fenstern und den Resten des Kamins
in der rechten vorderen Ecke=]
Vielfältig waren die Schicksale der Burg und ihre Beziehungen zu
den Zeitverhältnissen. Bei der Gründung von Gnandstein überwog der
Gedanke, durch diese Burg die umwohnenden Slawen zu beherrschen alles
andere. Später diente sie der Sicherung der deutsch-christlichen
Bauern der benachbarten Dörfer vor feindlichen Überfällen und zum
Schutze der von Halle über Merseburg und Leipzig über Chemnitz nach
Prag führenden Straße (Salzstraße), im dreizehnten und vierzehnten
Jahrhundert war sie der Brennpunkt eines hochstrebenden ritterlichen
Lebens, das in diesem burgenreichen Landesteil (Gnandstein, Kohren,
Sahlis, Rüdigsdorf, Frohburg, Wolftitz, Waldenburg, Wolkenburg,
Rochsburg, Wechselburg, Rochlitz) sich besonders reich entfaltete. Aber
noch im sechzehnten Jahrhundert galt der Gnandstein als die festeste
und sicherste Burg Westsachsens: noch liegen in ihrem Archiv die
Verzeichnisse der Kostbarkeiten und Schätze, die aus dem Vogtland und
aus pleißenländischen Edelsitzen während des Schmalkaldischen Krieges
in der Gnandsteiner Burgkapelle geborgen wurden.
Die Gnandsteiner Lehnsbriefe sind auf dem sächsischen
Hauptstaatsarchive leider erst vom Jahre 1539 an erhalten. Sie
zeigen den weiten Umfang des Besitzes der Einsiedel auf Gnandstein.
So umfaßt der Lehnsbrief, den Herzog Heinrich im Jahre 1539 zu
Kempnitz (Chemnitz) Donnerstags nach Martini dem Heinrich Hiltbrand
von Einsiedel verlieh, außer Schloß und Dorf Gnandstein die Dörfer
Wüstenstein und Dolsenhain, Dorf und Vorwerk Syhra »mit der Siritz«,
Trusselsdorf, Roda, Niedergräfenhain in der Rochlitzer Pflege »wie
solch Dorf Her Heinrich von Einsiedeln seliger sein Vater etwan von
Caspar und Gorgen von Rüdigstorff abkaufft und zu Lehen empfangen,
ynnegehapt, besessen und gebraucht hat«, ferner Einkünfte aus
Rattendorf, Zinsen zu Seyffersdorf, Breitenborn, Ottenhain, Geithain,
Wickershain, Weißbach und Nauenmerbitz. Besonders im Übergang vom
fünfzehnten zum sechzehnten Jahrhundert und in der Zeit der Reformation
offenbarten die Gnandsteiner Herren von Einsiedel Treue gegen den
Landesherrn, religiösen Sinn und hohes Verständnis für die bildende
Kunst. Heinrich I. Einsiedel, der Erbauer des westlichen Wohnschlosses
in seiner heutigen Gestalt und des Kapellenflügels, war der vertraute
Rat des Kurfürsten Ernst und des Herzogs Albrecht, sein Sohn Heinrich
II. Hildebrand, der Freund Luthers, beherbergte am 18. April 1547 den
Kaiser Karl V. und bemühte sich, »durch Interzession großer Herren und
der Kaiserlichen Räte« den Kaiser von der Fortsetzung des Heereszuges
gegen den Kurfürsten Johann Friedrich abzuhalten. Ein reicher
Legendenkranz hat sich um das, was damals in Gnandstein vorging,
herumgeschlungen. Ein ehemals (1895) im Dresdner Hauptstaatsarchiv
im Locat (Fach) 9142 befindliches, augenblicklich nicht auffindbares
Manuskript erzählt, der Kaiser, der im Schlosse selbst zur Nacht blieb,
während sein Bruder Ferdinand, der Böhmenkönig, in der Dorfschänke, die
sächsischen Herzöge Moritz und August aber unterm Zelt im freien Feld
ihr Lager hielten, habe sich gewundert, daß er in einem ketzerischen
Hause Bilder der bedeutendsten Kirchenlehrer mit frommen Unterschriften
an den Wänden fand und daß der Hausherr dem Hause Sachsen so redlich
Treue hielt.
Im Freiheitskrieg war die Pflegeschwester Theodor Körners, Julie
von Einsiedel geborene Kunze, die Gattin Alexanders von Einsiedel,
Schloßherrin auf Gnandstein. Sie war die Tochter des Leipziger
Kauf- und Handelsherrn Kunze, eines vertrauten Freundes Christian
Gottfried Körners, des Vaters des Dichters. Dieser nahm nach dem Tode
der Eltern die verwaiste Tochter Julie, ein sehr schönes und reich,
namentlich musikalisch begabtes Kind, in sein Haus auf. Sie war die
Seele der kleinen Aufführungen, die Theodor Körner schon als Knabe
veranstaltete. Im Jahre 1807 hatte Heinrich von Kleist um sie geworben,
aber sein stürmisches und krankhaftes Wesen hatte ihre Liebe nicht
ausreifen lassen. Am 2. November hat sie Alexander von Einsiedel auf
Gnandstein geheiratet. Und hier fand Theodor Körner, als er nach seiner
schweren Verwundung bei Kitzen aus Leipzig flüchtete, vom 27. bis 28.
Juni 1813 ein Asyl, aus dem er am 28. nach Chemnitz und von da über
die böhmische Grenze nach Gottesgab und Joachimstal gelangte. Hier, im
Bereiche der böhmischen Armee der Verbündeten war er vor den Schergen
Napoleons gerettet. Unterwegs schrieb er auf einen Zettel an Julie von
Einsiedel: »Gnandsteins Gebieterin grüßt noch mit herzlichem Dank C. T.
Körner« und auf der Rückseite die beiden Distichen:
»Lebe wohl, du freundliches Schloß, wo die Schwester mir weilet,
Die mit melodischem Ton lieblich den Wandrer begrüßt;
Süß, wie des Frühlings Pracht auf deiner Flur mich umfangen,
So, an des Gatten Herz, blüh ihr ein ewiger Lenz!«
Ein Erinnerungsstein an Theodor Körner und Julie von Einsiedel, den die
jetzige Schloßherrschaft im Garten errichtet hat, trägt diese Verse als
Inschrift (Abb. 7).
Ein gütiges Schicksal hat die Burg Gnandstein vor feindlichen
Erstürmungen und vollständigen Einäscherungen bewahrt; nur kleinere
Feuerschäden, zwei davon durch Blitzschlag, werden aus den Jahren 1577
und 1646 und eine durch schwedische Brandstiftung (1632) verzeichnet.
So gehört Gnandstein neben Kriebstein nicht nur zu den am reichsten
entwickelten, sondern auch zu den am besten erhaltenen Burganlagen
Sachsens. Und dem jetzigen Burgherrn, Kammerherrn Hans von Einsiedel
und seiner Gemahlin gebührt der aufrichtige Dank aller wahren
Altertumsfreunde, daß sie die in Rücksicht auf die Behaglichkeit des
Wohnens wünschenswerten Veränderungen des Burginnern auf ein Mindestmaß
beschränkt haben und daß sie die baulichen Wiederherstellungen
verfallener Teile in der alten Schlichtheit und Wahrhaftigkeit
haben durchführen lassen. Das gilt namentlich von den Arbeiten des
Architekten Kandler an den romanischen Teilen der Burg. Der Bergfried
nebst seinen Schildmauern und der Palas, insbesondere der große Saal,
strahlen noch heute den kraftvollen, etwas rauhen Geist der Zeit
ihrer Entstehung wieder, ohne jede süßliche Verschönerung. Sie wirken
deshalb natürlich viel nüchterner auf den Beschauer als die mit Werken
neuzeitlicher Künstler geschmückten Säle der Wartburg, aber auch
viel echter (Abb. 6). Hervorzuheben ist auch der aus echten alten
Stücken der Schloßeinrichtung zusammengestellte »Empire-Saal« und das
»Biedermeierzimmer«, sowie die Beschaffung eines die handschriftlichen
Schätze des Hauses in mehreren Zimmern des Erdgeschosses vereinigenden
Archives.
[Illustration: Abb. 7. =Erinnerungsstein an Theodor Körner im
Schloßgarten=]
In den letzten Jahren haben sich die Bemühungen des Schloßherrn
besonders der Auffrischung des _Kapellenflügels_ zugewendet (Abb. 8).
Über den ursprünglichen Bestand dieses eigenartigen Bauwerkes (siehe
Seite 370) an kirchlichen Kunstwerken und Einrichtungsstücken fehlt
es leider an jeder zeitgenössischen Nachricht. Man wird aber wohl
annehmen dürfen, daß die Sitzbänke des langgestreckten Raumes, wenn
auch nicht in allen Einzelheiten (siehe unten Seite 381), ferner die
älteren Glasmalereien der Fenster, der Wandschrank mit den geschnitzten
Wappen Heinrichs I. von Einsiedel und seiner Frauen, eine Kanzel (die
jetzige ist allerdings späteren Ursprungs und steht auch nicht an der
ursprünglichen Stelle), vor allem aber die _drei schönen Flügelaltäre_,
die vermutlich auch das Andenken an die drei Eheschließungen Heinrichs
lebendig erhalten sollten, zur ursprünglichen Ausstattung der Kapelle
gehören.
[Illustration: Abb. 8. =Der Kapellenbau in der Längsachse, im
Vordergrunde rechts der Anfang der nördlich gerichteten Apsis und
ein Stück des Betschemels (S. 378), im Obergeschoß der Kapelle die
Betstübchen der Frauen=]
Der am Ostende der Längsachse des Kapellenbaues aufgestellte Altar
ist der schönste und best erhaltene (Abb. 9). Er gilt seit Flechsig
(Zeitschrift für bildende Kunst XX [1909] Seite 234) für eins der
Werke des Zwickauer Meisters _Peter Breuer_, eines Zeitgenossen Till
Riemenschneiders, der wie dieser (Riemenschneider) von der Würzburger
Bildschnitzschule beeinflußt war, aber in Einzelheiten auch wieder
seine eigenen Wege ging. Er war um 1470 in Zwickau geboren, wird
1492 als »Peter Breuer von Zwickaw« in Würzburg als Geselle erwähnt
(Hentschel, Sächs. Plastik um 1500, S. 35), schuf 1497 den Altar von
Steinsdorf bei Elsterberg (sein erstes Werk in Sachsen) und darnach
eine große Reihe von Altarwerken, die über das nördliche Vorgelände des
Erzgebirges und des Vogtlandes verstreut sind, vereinzelt aber auch
sich im Erzgebirge selbst und im nördlichen Böhmen finden. Die Liste
seiner Werke ist noch nicht völlig abgeschlossen (siehe Seite 378).
[Illustration: Abb. 9. =Der Marienaltar von Peter Breuer am Ostende des
Kapellenbaues.= An der linken Seitenwand der alte Kruzifixus aus der
Gnandsteiner Dorfkirche, davor ein Stück des Annenaltars]
Der Gnandsteiner Marienaltar trägt leider keine Bezeichnung von Peter
Breuers Hand und ist auch nicht datiert – wenigstens hat man bis jetzt
weder eine Jahreszahl noch ein Meisterzeichen Breuers an ihm entdeckt
– aber er hat doch so viele Merkmale der Breuerschen Werkstatt an
sich, daß er dem Meister mit einiger Sicherheit zugeschrieben werden
kann. Als solche Kennzeichen hat man an den unzweifelhaft echten, vom
Künstler selbst bezeichneten Werken Breuers außer anderen folgende
beobachtet: 1. die Sockel der Figuren sind oft gebildet als »grüne
Hügelchen aus schuppenartig übereinander vorstehenden Grasspitzen«,
2. »die Hände nehmen mit Vorliebe eine Falte zwischen die Finger oder
nehmen den Mantel hoch, um, indem sie sich durch den Stoff abzeichnen,
dem Beschauer fühlen zu lassen, wie anschmiegsam er ist«, 3. Johannes
und Barbara nehmen den Knauf ihres Kelches zwischen die Finger, 4.
die »schlichte Mütterlichkeit der Madonna«, die das Jesuskind am
Fuße anfaßt, oder am Knie stützt und ihm ein Spielzeug (eine Birne
oder Traube) in die Hand gibt, 5. die eigentümlich abgeplattete Form
des Daumens (z. B. bei der Papstgestalt und der Heiligen Barbara
aus Schweinsburg im Leipziger Kunstgewerbemuseum, siehe Flechsig a.
a. O. S. 230 und 231) und endlich 6. die eigenartige Behandlung des
Hintergrundes des Schreins als ornamentiertes Flachrelief[1].
Außerdem ist in Breuers Gestalten die überkommene steife spätgotische
Gewandform der »Knitterfalten« fast überwunden durch einen immer
natürlicher werdenden Faltenwurf und der unpersönliche Typus der
Gesichter durch individuelle Einzelzüge, die dem Leben und der
menschlichen Umgebung des Künstlers abgelauscht sind. Er ist noch
Gotiker, aber der große Drang vom Schema weg zur Natur, der die
anbrechende Renaissance kennzeichnet, beginnt sich in ihm schon zu
regen. Seine Männergestalten mit den tiefgebohrten, an Riemenschneiders
Art erinnernden Locken, den stark hervortretenden Backenknochen und den
teils weitgeöffneten, fragenden, teils schräg zueinander gestellten
Augen haben etwas Versonnenes, die weiblichen mit dem auffallend
kleinen, zusammengezogenen Mund, den schweren Augenlidern und dem etwas
geneigten Kopfe haben leicht etwas Versorgtes: die lebenden Ebenbilder
beider waren Frauen und Männer aus Zwickau und anderen westsächsischen
Städten.
Der Mittelschrein des Breuerschen Altars in Gnandstein enthält die
Gestalten der Maria, links davon die Heilige Katharina mit dem
Schwert, rechts die Heilige Margareta mit dem Kreuz in der Hand (Abb.
10), vielleicht in Anspielung auf die zweite Gemahlin Heinrichs von
Einsiedel, die Margareta von Schleinitz und Tochter des gewaltigen
Erbmarschalls Hugold von Schleinitz (siehe Kursächsische Streifzüge
III³, Seite 84). Im linken Flügel des Altars steht die Heilige Barbara
mit dem Kelche, im rechten die Heilige Dorothea mit dem Fruchtkorbe.
Wenn man diese Gestalten nach den oben genannten Kennzeichen prüft,
so muß jeder Zweifel an Breuers Urheberschaft schwinden. Denn 1. ist
der Hintergrund durchaus reliefartig behandelt, zu zwei Dritteln in
Gold, das oberste Drittel in Blau mit goldenen Sternen, 2. findet
sich das schuppenförmig sprießende Gras am Sockel der Barbara und der
Dorothea, 3. durchbricht bei Barbara der Knauf des Kelches in sehr
auffälliger Weise mit dem Rautenwürfel den Zusammenhang der Finger, 4.
wird das lebhaft spielende Jesuskind von der Mutter unter dem Arm mit
der Rechten, am Knie mit der Linken gestützt und 5. findet sich der
abgeplattete Daumen ganz ausgeprägt bei Barbara und Dorothea.
[Illustration: Abb. 10. =Der Mittelschrein des Breuerschen
Marienaltars.= Mittelgruppe: Maria mit dem Jesuskind; links davon: St.
Katharina mit dem Schwert; rechts davon: St. Margareta mit dem Kreuz.
Linker Flügel: St. Barbara mit dem Kelche; rechter Flügel: St. Dorothea
mit dem Fruchtkorbe]
Der mittlere Flügelaltar ist der Heiligen Anna gewidmet. Ihr Kultus
hängt mit der damaligen Blüte des sächsischen Silberbergbaues zusammen,
als dessen Patronin die Heilige galt. Auch Heinrich von Einsiedel
soll aus dem St. Annaberger Silberbergbau beträchtliche Einnahmen
bezogen haben. Der links vom Annenaltar nahe der Mitte der Apsis
aufgestellte Bartholomäusaltar hat leider durch die sehr ungeschickte
Über-Eck-Aufstellung (rechtwinkelig zur Wand) den linken Flügel und
von der Bekrönung das rechte (Schönbergische) Wappen verloren. Er war
vermutlich dem Andenken der dritten Gemahlin Heinrichs I. von Einsiedel
gewidmet. Flechsig hat ohne weitere Begründung auch diese beiden Altäre
dem Peter Breuer zugeschrieben; ob mit Recht, kann erst entschieden
werden, wenn man die geschnitzten Figuren der Aufsätze, die sich in
beträchtlicher Höhe befinden, genau untersucht. Denn diese beiden
Altäre haben statt der Schreine mit plastischen Gestalten nur gemalte
Tafelbilder.
[Illustration: Abb. 11. =Betschemel mit dem Gekreuzigten=, links
Maria, rechts der Apostel Johannes. In der Mitte des Astwerks das
Schönbergische Wappen. Das Ganze ein Werk von Peter Breuer]
Dagegen glaube ich in dem _altarartig ausgestatteten herrlichen
Betschemel_, der jetzt an der linken Seitenwand der Apsis angebracht
ist, ein Werk Peter Breuers neu entdeckt zu haben. Dieser Betschemel
stand bis vor wenigen Jahren in dem vordersten, erst 1812 zur
Kapelle hinzugekommenen Raume (siehe Seite 370) und galt manchen
als der Rest eines 1457 in der Gnandsteiner Pfarrkirche erwähnten
Dreifaltigkeitsaltars. Aber dieser Betschemel ist ein durchaus
einheitlich und organisch empfundenes und ausgeführtes Werk, das nicht
aus den Bruchstücken eines anderen zusammengeflickt sein kann. Sein
erster uns bekannter Standort deutet allerdings darauf hin, daß er
nicht zu den ursprünglichen Ausstattungsstücken der Kapelle gehörte.
Da er in der Mitte der Bekrönung das Schönbergsche Wappen trägt, nehme
ich an, daß dieser Betschemel ein eingebrachtes Ausstattungsstück der
ersten oder dritten Gemahlin Heinrichs I. von Einsiedel gewesen ist und
zuerst in ihrem Schlafzimmer im Palas oder in einer benachbarten Bet-
und Andachtsstube an der Wand befestigt war, vielleicht zu einer Zeit,
wo der Umbau des Bollwerks zur Burgkapelle noch nicht vollendet war.
Nach dem Einzug der evangelisch-lutherischen Lehre ist das Kunstwerk
vielleicht auf den Boden gekommen, aber durch den romantisch fühlenden
Alexander von Einsiedel (siehe Seite 380) wieder hervorgesucht und
im Vorraum der eigentlichen Kapelle angebracht worden, von wo es der
jetzige Schloßherr an seinen jetzigen, weit günstigeren Standpunkt
versetzte (Abb. 11). Der ganze Aufbau ist alt und echt, nur das die
Bibel tragende Lesebrett ist um 1812 statt des vermorschten alten
ergänzt worden. Der knieend Betende blickt vom Schemel empor zu
dem etwa in ²/₃ Lebensgröße (108 Zentimeter) dargestellten Heiland
am Kreuz, zur Linken steht die etwa 90 Zentimeter hohe trauernde
Maria, zur Rechten Johannes (92 Zentimeter), beide unter je einem
gotischen Baldachin, alle drei Gestalten werden zu einer Einheit
zusammengeschlossen durch ein kunstvolles, bekrönendes Astwerk. Für
Peter Breuer als Schöpfer dieses schönen Werkes spricht zunächst der
Gesichtsausdruck der Maria und des Johannes in ihrer versonnenen
Stille; Johannes (Abb. 12) ist ganz ähnlich aufgefaßt wie der
unbestritten Breuersche Johannes im Aufsatz des Marienaltars, selbst
die Farbe der Gewänder (Blau und Rot) stimmen überein, nur ist der Kopf
des Johannes am Betschemel ein wenig breiter. Auch die Kopfhaltung und
der Faltenwurf zeigen Breuersche Züge, ebenso die gebohrten Locken des
Apostels. Vor allem aber stimmt die Daumenprobe. Zwar bei Maria läßt
sie sich nicht anstellen, da leider beide Daumen abgebrochen sind, aber
bei Johannes sind beide Daumen und sogar die große Zehe des nackten
Fußes ganz in der Breuerschen Weise abgeplattet.
[Illustration: Abb. 12. =Der Apostel Johannes am Betschemel=, ein Werk
von Peter Breuer. Man beachte die eigenartig abgeplatteten beiden
Daumen und die große Zehe des rechten Fußes]
Endlich steht die ganze Kreuzigungsgruppe Peter Breuers von etwa
1505 (_Hentschel_ a. a. O. S. 36 und Tafel 21), die sich in der
Johanniskirche zu Chemnitz findet, in enger Beziehung zum Gnandsteiner
Betschemel: die Kopfform und der Gesichtsausdruck des Heilands, das
links nach unten und rechts nach oben schwingende Lendentuch mit seinen
Röhrenfalten, die Gewandung, der Gesichtsausdruck und die Kopfhaltung
der Maria, Gewandung, Körperhaltung, Kopfform und Haarbehandlung des
Johannes und anderes verraten in beiden Werken die Hand desselben
Künstlers und zwar die seiner Frühzeit.
Welch eine tiefe religiöse und künstlerische Kultur muß dem Vater
der Gattin Heinrichs von Einsiedel und diesem selbst eigen gewesen
sein, wenn sie ihr Leben und das ihrer Kinder und ihres Gesindes
durch das tägliche Anschauen von so hohen, vom Hauche innerlicher
Frömmigkeit beseelter Kunstwerke zu veredeln suchten. Auch das
weibliche Gesinde nahm am Gottesdienste in der Burgkapelle teil. Denn
zu den ursprünglichen Einrichtungen der Kapelle gehört auch die von
Konsolen aus Rochlitzer Stein getragene Empore, hinter deren hölzernen
Balustraden und holzvergitterten Fensterchen die Burgfrau mit ihren
Mägden, von den Männern ungesehen, die Messe hörte. Diese Empore war
von einer längs des Oberstockes der Kapelle hinlaufenden Holzgalerie
aus zugänglich (siehe Seite 370).
Um 1812, in der Zeit der blühenden deutschen Romantik, erfuhr
die Kapelle nach dem Bericht der noch vorhandenen Bauakten eine
durchgreifende Veränderung. Die dem Kirchenbau vorgelegten
dreigeschossigen Holzgänge wurden niedergerissen, der spitzbogige
Eingang vom Burghofe her (noch jetzt hinter der Kanzel als Nische
erkennbar) wurde vermauert und beides durch eine im westlichsten
Teil des Kirchenbaues vom Keller aus bis zum Boden hinauf geführte
hölzerne Treppenanlage ersetzt. Der Haupteingang zur Kapelle führte
nun vom Westgiebel des Kirchenbaues ins Innere und zwar zunächst in
das zur Kapelle gezogene Vorzimmer (siehe Seite 370), in dem jetzt die
Ahnenbilder hängen.
Damals wurde auch die Kanzel an ihre jetzige Stelle gerückt; die
beiden Plätze zunächst der Kanzel tragen die Wappen derer von
Einsiedel und derer von Ende. Diese Wappen wurden in dieser Zeit
der Franzosenherrschaft und der Sehnsucht nach der alten deutschen
Kaiserherrlichkeit der Ausgangspunkt einer weitläufigen Sagenbildung.
Das achtungsvolle Verhalten, das Kaiser Karl V., als er sechs Tage
vor der Mühlberger Schlacht in Gnandstein rastete, gegen den frommen
und seinem Landesfürsten getreuen Schloßherrn zur Schau trug, ließ
sich auch ohne geschichtliche Unterlagen weiter ausspinnen. So bildete
sich die Einsiedelsche Familiensage, der Kaiser habe einer an diesem
Tage stattfindenden Hochzeit der Tochter des Burgherrn mit Uz von
Ende beigewohnt und habe die Braut in eigener Person dem Bräutigam
zugeführt. Das ist aber, da doch die Trauung in diesem der Lehre
Luthers längst zugetanen Hause natürlich von einem evangelischen
Geistlichen vollzogen worden wäre, nach allem, was wir von der
Sinnesart des Kaisers wissen, ganz undenkbar. Wenn nun trotzdem eine
geschnitzte Heroldsgestalt des Gestühls der Kapelle auf dem Spruchband
die Bezeichnung trägt: Carl V., so ist diese aus dem Geiste der
Romantik geborene Bezeichnung als eine spätere Fälschung anzusehen,
die vermutlich 1812 hier vorgenommen wurde, als man das Gestühl
ausbesserte, beziehentlich teilweise erneuerte.
Eine andere Gnandsteiner Sage aus der Zeit der Romantik überliefert uns
Fr. Riehle (Sachsengrün ~I B.~ Dresden 1861, Seite 86 f.):
Um 1800 wurde ein Herr von Einsiedel bei einer italienischen Reise
von einer schweren Krankheit befallen. In einem Kloster fand er
Heilung. Der Prior des Klosters erzählte dem Genesenden, vor etwa
hundert Jahren sei ein Herr von Einsiedel im Kloster verstorben und
habe ein Testament hinterlassen, das niemand lesen könne. Diese
Schrift im Alphabet einer orientalischen Sprache schenkt der Prior dem
Gnandsteiner beim Abschied, der nahm sie mit in die Heimat und übergab
sie einem Leipziger Professor zur Deutung. Dieser entzifferte zunächst
das erste Blatt des Pergaments. Auf ihm stand zu lesen, eine Säule der
Kunigundenkapelle (?) in Gnandstein enthalte in einer Höhlung wertvolle
heilige Gefäße. Ferner war eine Stelle im alten Bergfried bezeichnet,
an der ein Schlüssel verborgen sei. Nach der Himmelsgegend zu, nach
welcher der Bart des Schlüssels zeige, liege der Schatz vergraben,
dessen Behältnis mit dem gefundenen Schlüssel zu öffnen sei. Die
bezeichnete Stelle in der Kapelle fand sich, aber sie war leer. Dann
durchbrachen die Maurer die Wand des Bergfrieds und fanden das eiserne
Kästchen mit dem Schlüssel. Aber gerade in diesem Augenblicke war der
Herr von Einsiedel nicht zugegen, und als er kam, war das Kästchen
schon von den Arbeitern verdreht worden, und keiner wußte, nach
welcher Richtung der Bart des Schlüssels gezeigt hatte. Zum Unglücke
war unterdes auch das Pergament bei einem Stubenbrand des Professors
N(obbe?) in Leipzig zugrunde gegangen. Diese Schatzsage entstammt
vielleicht dem romantisch gestimmten Kreise, der sich auf Einladung
Alexanders von Einsiedel und seiner Gemahlin Julie geborenen Kunze,
der Pflegeschwester Theodor Körners (siehe oben) gelegentlich in einem
gemieteten Lokale in Nenkersdorf oder im Jägerhause bei Frohburg oder,
wenn es der Gesundheitszustand des kränklichen Schloßherrn erlaubte,
auch in Gnandstein versammelte. Eine ganz ähnlich gestaltete Schatzsage
lebt noch heute in dem von Zehmenschen Schlosse Stauchitz bei Oschatz.
[Illustration: Abb. 13. =Das Kapellenfenster links vom Marienaltar mit
dem Spruch des Dichters Börries von Münchhausen= (S. 383)]
Zuletzt wurde die Gnandsteiner Kapelle 1922 durch den jetzigen
Schloßherrn wieder aufgefrischt und ihre Ausstattung durch einige
ältere und neuere Kunstwerke ergänzt. Dabei wurden die Wände und Decken
durch eine anspruchslose, an alte Muster aus dem Brandenburger Dom
und an das gotische Rosenmuster einer Schwarzwaldkirche angelehnte
Ausmalung geschmückt (von den Dresdner Kunstmalern Trede und Wendt),
die die Wirkung der trefflichen alten Kunstwerke nicht schädigt,
sondern durch den Ausgleich der Farben zusammenschließt.
Neu hinzu kam das Grabmal der kurfürstlichen Hofmeisterin Madalena
von Einsiedel, die am 11. April 1592 in Altenburg gestorben war. Es
wurde schon 1878 durch den Vater des Schloßherrn aus der dortigen
Bartholomäuskirche nach Gnandstein gebracht, aber erst im Jahre 1922
vom Bildhauer Dietze in der Kapelle wieder aufgestellt. Auch das
nach einem Vorbild in der Sakristei der Klosterkirche zu Reichenau
am Bodensee gebildete Lesepult, ferner der barocke Taufstein mit der
1923 von J. Pilling in Altenburg in Messing getriebenen Taufschüssel,
der alte schmiedeeiserne Kronleuchter bayrischen Ursprungs und
einige andere Ausstattungsstücke gehören nicht zu dem alten Bestand
der Kapelle. Ebenso ist das seitlich vom Annenaltar erhöhte
mittelalterliche Kruzifix erst seit 1922 in der Kapelle. (Abb. 9.) Es
lag vordem unbeachtet auf dem Boden der Dorfkirche, darf aber in seiner
herben Realistik als ein Werk des fünfzehnten Jahrhunderts gelten und
verdient in jeder Hinsicht den Platz, den es jetzt einnimmt.
Auch die Fenster der Apsis haben bedeutende Umgestaltungen erfahren.
Alt und von großer Schönheit sind im Mittelfenster die beiden auf
Glas gemalten Wappen der Einsiedel und der Schenk von Tautenburg, und
das einst über der Kapellentür angebrachte Einsiedelsche Wappen auf
Purpurgrund, das jetzt das vierte Fenster, links vom Marienaltar,
schmückt. Dagegen sind die zu den Füllungen zwischen den Glasmalereien
verwendeten Butzenscheiben zwar alt, aber nicht bodenständig, sondern
erst vom Schloßherrn in jahrelangem Bemühen gesammelt worden. Die
figürlichen Glasmalereien außer den genannten alten Wappen sind neu
und zwar ist die Kreuzigungsgruppe des Mittelfensters die Nachbildung
eines Fensters der Stadtkirche zu Rottweil in Württemberg, die
geschichtlichen Bilder in den Seitenfenstern der Apsis sind von
Professor Jelin, dem Direktor der Kunstakademie in Stuttgart, entworfen
und 1922 in der Glasmalerei Seile in Stuttgart ausgeführt worden.
Das Bild des rechten Fensters zeigt im Anschluß an die oben erwähnte
Sage den Brautzug mit Kaiser Karl V., das Bild des linken Fensters
den Erneuerer der evangelischen Religion Martin Luther, wie er in
der Gnandsteiner Kapelle in Anwesenheit Spalatins vor Heinrich
von Einsiedel predigt. Das Mittelfenster ist vom Schloßherrn »Dem
Andenken seiner Ahnen Hildebrand († 1461) und Heinrich von Einsiedel
(1457–1507)« geweiht, das vierte Fenster, links vom Marienaltar, von
Olbricht in Leipzig gezeichnet und von Stockinger ausgeführt, den in
den Kriegen von 1794, 1813, 1870, 1914 bis 1918 gefallenen Gliedern der
Familie von Einsiedel. (Abb. 13.) Den Spruch für dieses Fenster hat der
Freiherr Börries von Münchhausen, als ihn der Kammerherr von Einsiedel
zur Zeit der Kapellenerneuerung einmal auf Schloß Windischleuba
besuchte und ihm von seinen Plänen erzählte, in rasch geformter
Eingebung also gefaßt:
[Illustration: Abb. 14. =Schloß Gnandstein von Süden, in der Mitte der
es umgebenden Landschaft=]
»Ihrer die Wunden, unser die Narben«,
»Wir leben schwerer als jene starben«.
Dieser Spruch des Dichters ist ebenso herb wie wahrhaftig. Oder könnte
der Druck, der auf den Deutschen unserer Zeit lastet, treffender und
eindrucksvoller bezeichnet werden als durch diese Inschrift? So wird
jeder, der dem Gnandstein und insbesondere auch seiner erneuerten
Burgkapelle eine eingehende Betrachtung geschenkt hat, befriedigt und
innerlich bereichert von dannen gehen und der Schloßherrschaft dafür
dankbar sein, daß sie mit redlichem Bemühen und glücklichem Gelingen
eine altehrwürdige Erinnerungsstätte (Abb. 14 und 15) so schonend
und treu bewahrt und erhält, daß man in ihr durch echte Denkmäler fast
aller Epochen der deutschen Entwickelung, vom Jahre 1000 an bis zur
Gegenwart, schauend und sinnend hindurchschreitet.
[Illustration: Abb. 15. =Schloß Gnandstein mit dem Ausblick nach
Westen=]
Fußnote:
[1] Die Kennzeichen 1–4 hebt außer anderen _Johannes
Hartenstein_ (Sächs. Heimat 1921, 4. Heft, S. 272 f.)
hervor, die Kennzeichen 5 und 6 _Johannes Brückner_, Die
Holzplastik im Greizer Land (Marburger Dissertation 1924),
S. 28 und 34.
Das Herz im Walde
Ein kleines deutsches Krippen- und Sonnwendspiel
Von _Kurt Arnold Findeisen_
Mit vier Zeichnungen von Alfred Hofmann-Stollberg
Dezembernacht gegen Morgen.
Zu beiden Seiten verschneiter deutscher Wald. Kreuzweg mit
einem Meilenstein, dahinter ein schneebedeckter Wegweiser,
der von Wind und Wetter schwarz ist, deutlich gegen den
Himmel gestellt. Ein Stern darüber, der allmählich erblaßt.
_Josef_, ein ärmlicher alter Mann, mit einer erloschenen
Stall-Laterne, auf einen Stock gestützt, kommt gehumpelt.
_Maria_, ihr Kind auf dem Arm, das sie sorglich in Tücher
gewickelt trägt, folgt ihm mühsam.
_Maria_:
Lieber Mann, verhalt’ den Tritt
kann nicht weiter, nicht ein’ Schritt.
Seind zerschlagen mir die Knochen
als wär’ gewandert sieben Wochen,
seind zerrissen mir die Schuh’;
gönn mir ein halbes Stündlein Ruh! –
Will mich an diesen Wegweis setzen
und unser liebes Kindlein letzen.
_Josef_:
Liebes Weib, und hör mich an:
Hier rasten ist nicht wohlgetan;
nimm dein’ letzte Kraft zusammen,
müssen zu guten Leuten kommen,
setz’ dich nicht in Eis und Schnee,
tust uns allen ewig weh!
_Maria_:
Lieber Mann, ich muß mich setzen,
muß unser liebes Kindlein letzen.
Sieh, ich blas den Schnee vom Stein,
soll mir ein feiner Sessel sein.
(Sie setzt sich auf den Meilenstein unter den Wegweiser.)
_Josef_:
Liebes Weib, ich bitt’ dich teuer:
Im nächt’gen Wald ist’s nicht geheuer.
Du erfrierst im kalten Hauch
und unser armes Kindlein auch!
_Maria_:
Lieber Mann, woll’st dich nicht härmen:
Mich tut unser Kindlein wärmen,
fühl nur her, wie’s strahlt und glüht,
wie ein kleiner Sommer blüht.
Komm, dich freißt’s an Haupt und Füßen,
magst sein Gutsein mit genießen.
_Josef_ (rückt neben sie und kuschelt sich an Mutter und Kind,
brummend, schnurrend, buckelnd wie ein alter Kater):
Ei, ei, ei, das liebe Blut!
Sapperlot, wie wohl das tut!
Wie ein kleiner Kachelofen;
traun, ich seh das Türlein offen,
wirft ein hellen Flammenschein
über mein altes Herz herein.
[Illustration]
_Maria_ (verweisend):
Nicht ein Öflein, ein Sönnlein brav!
Sieh, jetzt tut es ab den Schlaf,
stemmt die Füße, hebt die Lider,
schickt die Äuglein hin und wider.
Gott, wie leuchten sie im Kreis!
Lieber Mann, mir wird ganz heiß!
(Es geht ein sanftes Licht von dem Kinde aus.)
_Josef_:
Ei potz Tausend, Mond und Sternel,
als wär’ entzunden das Laternel!
_Maria_:
Schau mir noch die Augen blind.
Josef, ist das unser Kind?
Trau mir nicht mehr, es zu tränken,
mein’, ich könnt’ sein’ Schimmer kränken;
trau mir nicht mehr aufzustehn,
fürcht’, es könnt’ sein Glanz vergehn.
_Josef_:
Bleib allhier, Maria mein,
könnten nicht besser behauset sein!
_Maria_ (drückt das Kind ans Herz und singt versonnen):
Jesulein zart,
von seltener Art,
leucht’ als ein Licht im Hage.
Jesulein lind,
mein goldnes Kind,
wandelt die Nacht zum Tage.
Jesulein zart
von seltner Art
glimmt als ein’ blanke Kerzen.
Jesulein lind,
mein goldnes Kind,
wärmt’ alle Welt mit dem Herzen.
(Josef und Maria kauern versunken. Vom Kinde geht nach wie
vor ein heller Schein aus.)
_Stimme des Meilensteins_ (auf dem die heiligen Eltern sitzen, tief):
Ich, der Stein am Scheidewege,
höre eines Herzens Schläge
meinen Drusen eingeprägt.
_Stimme eines Grashalms_ (mitteltönig):
Ich, ein Gras vom Straßendamme,
spüre eines Herzens Flamme
durch den kalten Wald gefegt.
_Stimme eines kleinen Vogels_ (der plötzlich auf dem Wegweiser sitzt,
hoch):
Ich, ein Piepmatz, halberfroren,
fühle eines Herzens Bohren,
das die ganze Nacht erregt.
_Stimme des Meilensteins_:
Warmes, gutes Herz im Walde,
Sonnenkuß im Felsenspalte,
alle Steine grüßen dich.
_Stimme des Grashalms_:
Warmes, gutes Herz im scharfen
Eiskristall, du Frühlingsharfe,
alle Pflanzen grüßen dich.
_Stimme des Vogels_ (indem er sich unter Mariens Schultertuch duckt):
Warmes, gutes Herz im bleichen
Todesdunkel. Lebenszeichen,
alle Tiere grüßen dich!
_Alle drei Stimmen_:
Heil’ger Herzschlag, Weltenuhr,
dich begreift die Kreatur!
_Maria_ (schlaftrunken):
Lieber Josef, sag, was machst du?
Träumst du, schläfst du oder wachst du?
_Josef_:
Träumte grad’, ich klebte fest
in ein’m warmen Vogelnest.
Frierst du, liebes Weib?
_Maria_:
O nein,
sitz an einem Feuerlein.
Wenn ich nur den Schein verstünde
über unserm lieben Kinde.
_Josef_:
Beste Frau, mich will bedeuchten:
alle kleinen Kinder leuchten.
_Maria_:
Wenn ich nur die Ursach wüßt,
daß es so voll Wunder ist.
Glaub mir, seines Herzens Tönen
spür ich weit und weiter dröhnen,
höre, wie der ganze Wald
leise davon widerhallt,
fühle, wie vor seinen blauen
Augen Eis und Schnee zertauen.
_Josef_:
Liebe Frau, sei unbeirrt,
schlafe, bis es Morgen wird.
Es dämmert grau. Im Umkreis des Kindes, immer weiter sich
verbreiternd, beginnen Eis und Schnee zu schwinden. Der
Wegweiser hebt sich deutlicher vom Himmel ab.