Der am Ostende der Längsachse des Kapellenbaues aufgestellte

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Landesverein Sächsischer

Heimatschutz

Dresden

Mitteilungen

Heft

11 bis 12

Monatsschrift für Heimatschutz, Volkskunde und Denkmalpflege

Band XV

_Inhalt_: Burg Gnandstein, das Spiegelbild eines Jahrtausends

deutscher Kultur – Das Herz im Walde, ein kleines deutsches

Krippen- und Sonnenwendspiel – Beim Türmer in Marienberg –

Urnen- und Gefäßfunde in Meißen-Zaschendorf – Wo die Sage

raunt – Wie »Tier«photographien entstehen können – Das

verborgene Gesicht – Sachsens Binnenlands-Seeschwalben – Der

Floßgraben bei Pegau – Deutsche Volkskunde – Schützenfest in

der Kleinstadt – Wert und Bedeutung lokalhistorischer Forschung

für die allgemeine Geschichte – Das Liebenauer Christspiel –

Galgenmauern – Bücherbesprechungen

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100 Gewinne je 50 “ = 5000 “

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300 Gewinne je 10 “ = 3000 “

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Landesverein Sächsischer Heimatschutz

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Band XV Heft 11/12 1926

[Illustration: Landesverein Sächsischer Heimatschutz Dresden]

Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern

herausgegeben

Abgeschlossen am 30. November 1926

Burg Gnandstein, das Spiegelbild eines Jahrtausends deutscher Kultur

Von _Otto Eduard Schmidt_

Mit Aufnahmen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz

Wer in Chemnitz, dem geräuschvollen Mittelpunkt unserer sächsischen

Eisen- und Webwarenindustrie

»stumpf über Hallen und Höfen

den träge zerfasernden Atem der Kessel und Öfen«

gesehen und dann wieder »straßenlang gefoltertes Eisen zetern« gehört

hat, der ist, wenn er der Stadt den Rücken kehrt, darauf gefaßt,

noch lange Strecken zwischen Schornsteinen und surrenden Maschinen

dahinzufahren. Ja, wenn gar die noch größere Fabrikstadt Leipzig,

in der Luftlinie nur siebzig Kilometer von Chemnitz entfernt, sein

Ziel ist, dann fürchtet er wohl, auf der ganzen Strecke nicht aus der

rußigen, hämmernden, spinnenden und wirkenden Sphäre des sächsischen

Manchesters herauszukommen. Aber glücklicherweise ist dem nicht so.

Schon hinter Neumittelwittgensdorf strecken sich nach allen Richtungen

wieder gesegnete Breiten von Äckern aus, die der Sense des Schnitters

entgegenwogen. In Burgstädt stellen sich zwar die Fabrikschlote,

Geschäftshäuser und die langen Zeilen der Arbeiterwohnungen noch einmal

in Reih und Glied zum Kampf gegen die agrarischen Gewalten, aber sie

können den Sieg nicht behaupten. Denn weiterhin gewinnt das ländliche

Element unumstritten wieder die Oberhand, und wenn auch die Wasser der

Mulde, die wir hinter Cossen kreuzen, mit ihrer dunklen Farbe noch von

der Knechtschaft reden, die sie bis dahin erduldet haben, so sind doch

die Zuchtmeister des geschändeten Flusses selbst nicht mehr sichtbar:

in ihren natürlichen Verhältnissen liegen die fruchtbringenden Täler

da, und aus den Wiesengründen heben sich die grünen Baumgewölbe

der den Bach begleitenden Erlen, Pappeln und Linden empor bis zu

den beherrschenden Höhen, die dunkelgrüne Nadelwälder umsäumen.

Der starke und bis heute erfolgreiche Widerstand, den das zwischen

den beiden Großstädten liegende zentrale Gebiet der neuzeitlichen

Industrialisierung entgegensetzt, wurzelt in dem noch unzerstörten

Erbe der deutschen Kolonisationszeit, in der lehnsmännische,

kirchliche und bäuerliche Kulturschöpfungen wie ein engmaschiges,

festverknotetes Netz dieses Gebiet überzogen haben. Drum scharen sich

noch heute echte deutsche Bauerndörfer hier um eine ragende Burg,

dort um die Ruine eines Klosters, dort um eine altertümliche Kirche,

deren Glöcklein jeden Morgen und jeden Abend für die Einheimischen

wie für den Wandersmann über die grünen Auen siegesgewiß ruft: »Wir

sind noch da, wir leben noch und hoffen noch manches Jahrhundert zu

leben«. Und so geht es weithin nach Norden fort, bis die Randzone der

Leipziger Pflege den grünen Scharen der Ländlichkeit neue Kämpferhorden

des Gewerbfleißes siegreich entgegenwirft … Wir wollen heute nicht

bis zu dieser Linie vordringen, sondern im Herzen des ländlichen

Bezirks bleiben, um einen wichtigen Stützpunkt der alten Kultur- und

Lebensweise in aller Muße zu betrachten und dem zu lauschen, was er uns

Spätgebornen zu erzählen hat.

[Illustration: Abb. 1. =Burg Gnandstein vom Kohrener Wege aus.

Bergfried und Schildmauer=]

In Narsdorf verlassen wir die Bahn. Zwei stämmige Rappen ziehen

uns durch eine reichgegliederte Kulturlandschaft alten Stils. Zur

Linken winkt aus sattgrünen Wipfeln das trauliche Sahlis, einst die

Arbeitsstätte des Dichters Börries von Münchhausen, der jetzt im

Schlosse Windischleuba nahe bei Altenburg wohnt, rechts die heroische

Linie der beiden dohlenumflatterten Bergfriede von Kohren mit der

stimmungsvollen Kirche und zu ihren Füßen das idyllische Städtchen, in

dem der Ackerbürger noch immer den vorherrschenden Stand bildet. Ein

steilerer Anstieg des Sträßchens verkündet die Nähe der uralten Burg

_Gnandstein_ (Abb. 1), und bald grüßt uns der zinnengekrönte Turm des

Schlosses und unten auf smaragdener Wiese die behagliche Rinderherde

des Gutshofes. Wir durchfahren den Zwinger, vor dem zweiten Tore

(Abb. 2) steigen wir aus dem Wagen. Der Schloßherr, Kammerherr von

Einsiedel, begrüßt und geleitet uns in die uns zugedachten Zimmer. Ich

hause in zwei traulichen Räumen des älteren Torhauses. Aus jedem der

sechs Fenster schaue ich auf ein anderes Landschaftsbild, aber überall

herrscht das Grün alter Baumwipfel. Eine weiße Tür führt in eine

Nische, in der man die gewaltige Mauerstärke messen kann, und selbst

das einscheibige Fensterlein der Nische, eine ehemalige Schießscharte,

lenkt den Blick an der Talseite des Schlosses vorbei und vorbei an den

weißen Giebeln des tief unter mir ruhenden Dorfes hinüber zu der 1518

vollendeten gotischen Kirche (auf der anderen Seite des Tals), in der

die lange Reihe der auf Gnandstein gesessenen Einsiedel schlummert.

Aus meinem Vorzimmer führt der Wehrgang auf einer schwanken Bohle,

die nur lose auf den mächtigen Balken liegt, hinüber in die gotischen

Teile der Burg (Abb. 3), durch das Fenster des Vorraums aber blicke

ich empor zum gekoppelten romanischen Fenster des über dem Torbau

aufstrebenden älteren Palas; und ins obere Stockwerk des Torhauses, wo

mein Reisegefährte wohnt, führt ein echter Wendelstein aus den Tagen

Arnolds von Westfalen empor. So bin ich mitten hineingestellt in die

ganze romanische und gotische Herrlichkeit und Heimlichkeit dieser

alten Burg, und ein wohliges Gefühl des Geborgenseins überkommt mich,

das ganz und gar dem Namen und Zweck der »Burg« entspricht.

[Illustration: Abb. 2. =Blick vom zweiten Burgtor aus in den Zwinger=]

Wann und wie ist dieses wundersame Gebilde des »Gnannensteins«

entstanden? Der älteste Teil, der auf der höchsten (östlichen)

Felsplatte errichtete kreisrunde Bergfried (36 Meter hoch, 9¹/₃ Meter

Durchmesser, 3¹/₃ Meter Mauerstärke, 2²/₃ Meter Hohlraum) führt uns in

entlegene Jahrhunderte zurück. Zwischen sechshundert und neunhundert

war dieser Landesteil in den Händen der Sorben-Wenden gewesen, aber im

zehnten Jahrhundert wurde er von den über die Saale und Elster wieder

vorgedrungenen Deutschen zurückerobert und durch feste Burganlagen

gesichert. Im Verein mit der ebenso alten Feste _Kohren_, von der zwei

gewaltige Rundtürme übrig geblieben sind, bildete Gnandstein schon

um das Jahr Tausend den festen Mittelpunkt der deutschen Verwaltung:

Bischof Thietmar von Merseburg erzählt uns, daß er am 2. Mai 1018

seinen »Hof Chorun« besuchte, die Christen der Umgegend, die sich

dort zusammenfanden, segnete und ganze sieben Tage dort zubrachte.

Eine zweite Bauperiode, die sich die Erfahrungen der Kreuz- und

Römerzüge zunutze machte, umgab den Bergfried (zwischen 1150–1200) auf

der Nord- und Ostseite mit einer zweischenkeligen, zinnengekrönten

Schildmauer, der im Westen anfangs eine Mauer, später ein Wohngebäude,

der »Neubau«, im Süden ein romanischer Palas und das ihm rechtwinkelig

vorgelegte Torgebäude entsprach. Seitdem bildete die Burg (Abb. 4) ein

geschlossenes Viereck mit engem Hofe, aus dem der Bergfried gewaltig

emporstieg.

[Illustration: Abb. 3. =Das zweite Burgtor von innen, Wehrgang (rechts)

und Zwinger=]

Seit dieser Zeit (1205) ist Gnandstein der Sitz eines vornehmen

ritterlichen Geschlechts: der Marschall oder Kämmerer des Markgrafen

von Meißen, die ihren Amtstitel zugleich als Familiennamen führen;

so gibt es einen Heinrich Marschall von Gnannenstein, sein jüngerer

Bruder Konrad nennt sich Kämmerer von Gnannenstein; beide gehören schon

durch ihre Hofämter zu dem besonders angesehenen Teile des Meißner

Lehnsadels. Sie verpflanzten ein gewisses ritterlich-höfisches Leben

auch auf ihre Burg. Der steinerne Zeuge davon ist noch heute der bei

aller Schlichtheit vornehme romanische Saal im Palas mit seinen schönen

gekoppelten romanischen Fenstern und den Resten eines Kamins, der Saal,

in dem des fahrenden Sängers Lied ertönte und den Frauen nach der Sitte

des Minnedienstes ritterlich gehuldigt wurde. (Abb. 5.) Keine andere

sächsische Burg hat ein so echtes und so altes Kleinod aufzuweisen

(Abb. 6). Die Marschall von Frohburg (nördlich von Gnandstein), die

Marschall von Mockritz und die Marschall von Bieberstein, ebenso die

Kämmerer von Gruna sind aus der Familie der Schloßherren von Gnandstein

hervorgewachsen, indem sie ihren alten Amtstitel mit dem Namen eines

neuen Besitztums verbanden.

[Illustration: Abb. 4. =Gesamtansicht von Gnandstein.= Rechts das

geschlossene Viereck der romanischen Burg mit Bergfried, Schildmauer

und Palas. Links der größere gotische Palas; das ihm nördlich

gegenüberliegende »Bollwerk«, mit dem Kapellenflügel überbaut, ist nur

teilweise sichtbar]

Eine dritte Bauperiode legte um 1350 auf der weit geräumigeren

Westplatte des Gnandsteiner Felsens eine größere gotische Burg an,

die mit der romanischen durch einen steinernen Wehrgang (siehe oben)

an der Südseite verbunden war und aus einem zweiten Torbau, einem

hochragenden Palas und einem langgestreckten »Bollwerk« auf der

Nordseite bestand. Sowohl dieser gotische Palas wie das später zum

Kapellenflügel ausgebaute Bollwerk erheben sich auf tief in den Felsen

eingearbeiteten, in Tonnenform gewölbten Unterkellerungen, die unter

dem Palas bis zum Wasserspiegel der Wyhra hinabreichen und teils der

Wasserversorgung (Brunnenstube), teils der Verteidigung dienten.

[Illustration: Abb. 5. =Der Aufgang zum romanischen Saal im Palas.=

Rechts vor den Holzsäulen der kleine viereckige Hof, in dem der

Bergfried steht]

Nur zwei bis drei Menschenalter nach der ersten Erbauung der gotischen

Burg kam Gnandstein in die Hand des seit 1435 im Kohrener Land

angesessenen Geschlechts derer von Einsiedel. Die Nachricht des

Fabricius, daß schon 1265 ein Heinricius ab Einsiedel de Gnannenstein

zu verzeichnen und daß seit 1427 die Burg das Stammschloß dieser

Familie sei, ist urkundlich nicht verbürgt. Der erste geschichtlich

beglaubigte Einsiedel auf Gnandstein ist Hildebrand I. (seit 1435), der

1451 die Burg Kohren hinzu erwarb und mit dem Prinzenräuber Kunz von

Kauffungen verschwägert war. Sein Sohn Heinrich I. Einsiedel († 1507)

eröffnete die vierte Bauperiode, indem er den engräumigen gotischen

Palas zwischen 1475 und 1500 im Geiste Arnolds von Westfalen, des

Erbauers der Meißner Albrechtsburg, durch einen bequemeren, schon die

Weiträumigkeit der Renaissancekunst zeigenden Wohnbau ersetzte, der

noch heute den Mittelpunkt des Gnandsteiner Burglebens bildet (Abb.

4), und zugleich das ihm nördlich gegenüberliegende Bollwerk mit

einem seinen Grundlinien folgenden Kapellenbau bekrönte. Eine aus der

westöstlichen Hauptachse rechtwinkelig nach Norden ausfallende Bastion

bildete dabei eine Art von Apsis des langgestreckten Gotteshauses.

Das verfeinerte Adelsleben des achtzehnten Jahrhunderts führte eine

fünfte Bauperiode herauf: längs des Wohnschlosses wurde im Inneren

des Burghofes eine Reihe steinerne Arkaden errichtet als Träger von

Gängen vor den Zimmern des ersten und zweiten Obergeschosses, auf denen

die aufwartenden Diener hin und her eilten. Diesem die ganze Nordwand

des Palas umspannenden Vorbau entsprach auf der gegenüberliegenden

Hofseite ein aus hölzernen Säulen und Brettern gefügter Vorbau, auf

dem in beiden, auf offenen Holztreppen erreichbaren Obergeschossen

Holzgänge zu den Kaminen und Türen führten, durch die man in die

Kapelle und in die alte Gerichtsstube und einige Nebenräume gelangte.

Endlich begann, laut Ausweis der noch vorhandenen Rechnungen, 1809,

ein reichliches Jahr nach dem Einzuge der jungen Schloßherrin Julia

von Einsiedel geborenen Kunze, eine sechste und letzte Bauperiode, bei

der die alten baufälligen Holzgänge am Kirchengebäude abgerissen und

dadurch ersetzt wurden, daß man die Treppe einerseits in den Keller

hinab und andererseits durch ein ehemaliges Gewölbe und zwei Kammern

des Westbaues bis zum Boden emporführte, auch die neben der Kapelle

befindliche Stube wurde zum Vorzimmer der Kapelle gemacht (1812).

Gleichzeitig wurde der Eingang in den Zwinger (Burggraben) unter dem

Bogengang des Wohngebäudes durchgebrochen und der Holzschuppen und

Wagenschuppen teilweise in Stein erneuert und endlich der steinerne

Arkadengang der Langseite des Kirchenbaues vorgelegt. Damit war, wenn

man von kleinen Besserungen und Vervollkommnungen absieht, die die

neuzeitlichen Lebensgewohnheiten einführten, ungefähr der Baubestand

der Burg erreicht, der noch heute besteht.

[Illustration: Abb. 6. =Der romanische Saal im Obergeschoß des älteren

Palas mit den romanisch-gekoppelten Fenstern und den Resten des Kamins

in der rechten vorderen Ecke=]

Vielfältig waren die Schicksale der Burg und ihre Beziehungen zu

den Zeitverhältnissen. Bei der Gründung von Gnandstein überwog der

Gedanke, durch diese Burg die umwohnenden Slawen zu beherrschen alles

andere. Später diente sie der Sicherung der deutsch-christlichen

Bauern der benachbarten Dörfer vor feindlichen Überfällen und zum

Schutze der von Halle über Merseburg und Leipzig über Chemnitz nach

Prag führenden Straße (Salzstraße), im dreizehnten und vierzehnten

Jahrhundert war sie der Brennpunkt eines hochstrebenden ritterlichen

Lebens, das in diesem burgenreichen Landesteil (Gnandstein, Kohren,

Sahlis, Rüdigsdorf, Frohburg, Wolftitz, Waldenburg, Wolkenburg,

Rochsburg, Wechselburg, Rochlitz) sich besonders reich entfaltete. Aber

noch im sechzehnten Jahrhundert galt der Gnandstein als die festeste

und sicherste Burg Westsachsens: noch liegen in ihrem Archiv die

Verzeichnisse der Kostbarkeiten und Schätze, die aus dem Vogtland und

aus pleißenländischen Edelsitzen während des Schmalkaldischen Krieges

in der Gnandsteiner Burgkapelle geborgen wurden.

Die Gnandsteiner Lehnsbriefe sind auf dem sächsischen

Hauptstaatsarchive leider erst vom Jahre 1539 an erhalten. Sie

zeigen den weiten Umfang des Besitzes der Einsiedel auf Gnandstein.

So umfaßt der Lehnsbrief, den Herzog Heinrich im Jahre 1539 zu

Kempnitz (Chemnitz) Donnerstags nach Martini dem Heinrich Hiltbrand

von Einsiedel verlieh, außer Schloß und Dorf Gnandstein die Dörfer

Wüstenstein und Dolsenhain, Dorf und Vorwerk Syhra »mit der Siritz«,

Trusselsdorf, Roda, Niedergräfenhain in der Rochlitzer Pflege »wie

solch Dorf Her Heinrich von Einsiedeln seliger sein Vater etwan von

Caspar und Gorgen von Rüdigstorff abkaufft und zu Lehen empfangen,

ynnegehapt, besessen und gebraucht hat«, ferner Einkünfte aus

Rattendorf, Zinsen zu Seyffersdorf, Breitenborn, Ottenhain, Geithain,

Wickershain, Weißbach und Nauenmerbitz. Besonders im Übergang vom

fünfzehnten zum sechzehnten Jahrhundert und in der Zeit der Reformation

offenbarten die Gnandsteiner Herren von Einsiedel Treue gegen den

Landesherrn, religiösen Sinn und hohes Verständnis für die bildende

Kunst. Heinrich I. Einsiedel, der Erbauer des westlichen Wohnschlosses

in seiner heutigen Gestalt und des Kapellenflügels, war der vertraute

Rat des Kurfürsten Ernst und des Herzogs Albrecht, sein Sohn Heinrich

II. Hildebrand, der Freund Luthers, beherbergte am 18. April 1547 den

Kaiser Karl V. und bemühte sich, »durch Interzession großer Herren und

der Kaiserlichen Räte« den Kaiser von der Fortsetzung des Heereszuges

gegen den Kurfürsten Johann Friedrich abzuhalten. Ein reicher

Legendenkranz hat sich um das, was damals in Gnandstein vorging,

herumgeschlungen. Ein ehemals (1895) im Dresdner Hauptstaatsarchiv

im Locat (Fach) 9142 befindliches, augenblicklich nicht auffindbares

Manuskript erzählt, der Kaiser, der im Schlosse selbst zur Nacht blieb,

während sein Bruder Ferdinand, der Böhmenkönig, in der Dorfschänke, die

sächsischen Herzöge Moritz und August aber unterm Zelt im freien Feld

ihr Lager hielten, habe sich gewundert, daß er in einem ketzerischen

Hause Bilder der bedeutendsten Kirchenlehrer mit frommen Unterschriften

an den Wänden fand und daß der Hausherr dem Hause Sachsen so redlich

Treue hielt.

Im Freiheitskrieg war die Pflegeschwester Theodor Körners, Julie

von Einsiedel geborene Kunze, die Gattin Alexanders von Einsiedel,

Schloßherrin auf Gnandstein. Sie war die Tochter des Leipziger

Kauf- und Handelsherrn Kunze, eines vertrauten Freundes Christian

Gottfried Körners, des Vaters des Dichters. Dieser nahm nach dem Tode

der Eltern die verwaiste Tochter Julie, ein sehr schönes und reich,

namentlich musikalisch begabtes Kind, in sein Haus auf. Sie war die

Seele der kleinen Aufführungen, die Theodor Körner schon als Knabe

veranstaltete. Im Jahre 1807 hatte Heinrich von Kleist um sie geworben,

aber sein stürmisches und krankhaftes Wesen hatte ihre Liebe nicht

ausreifen lassen. Am 2. November hat sie Alexander von Einsiedel auf

Gnandstein geheiratet. Und hier fand Theodor Körner, als er nach seiner

schweren Verwundung bei Kitzen aus Leipzig flüchtete, vom 27. bis 28.

Juni 1813 ein Asyl, aus dem er am 28. nach Chemnitz und von da über

die böhmische Grenze nach Gottesgab und Joachimstal gelangte. Hier, im

Bereiche der böhmischen Armee der Verbündeten war er vor den Schergen

Napoleons gerettet. Unterwegs schrieb er auf einen Zettel an Julie von

Einsiedel: »Gnandsteins Gebieterin grüßt noch mit herzlichem Dank C. T.

Körner« und auf der Rückseite die beiden Distichen:

»Lebe wohl, du freundliches Schloß, wo die Schwester mir weilet,

Die mit melodischem Ton lieblich den Wandrer begrüßt;

Süß, wie des Frühlings Pracht auf deiner Flur mich umfangen,

So, an des Gatten Herz, blüh ihr ein ewiger Lenz!«

Ein Erinnerungsstein an Theodor Körner und Julie von Einsiedel, den die

jetzige Schloßherrschaft im Garten errichtet hat, trägt diese Verse als

Inschrift (Abb. 7).

Ein gütiges Schicksal hat die Burg Gnandstein vor feindlichen

Erstürmungen und vollständigen Einäscherungen bewahrt; nur kleinere

Feuerschäden, zwei davon durch Blitzschlag, werden aus den Jahren 1577

und 1646 und eine durch schwedische Brandstiftung (1632) verzeichnet.

So gehört Gnandstein neben Kriebstein nicht nur zu den am reichsten

entwickelten, sondern auch zu den am besten erhaltenen Burganlagen

Sachsens. Und dem jetzigen Burgherrn, Kammerherrn Hans von Einsiedel

und seiner Gemahlin gebührt der aufrichtige Dank aller wahren

Altertumsfreunde, daß sie die in Rücksicht auf die Behaglichkeit des

Wohnens wünschenswerten Veränderungen des Burginnern auf ein Mindestmaß

beschränkt haben und daß sie die baulichen Wiederherstellungen

verfallener Teile in der alten Schlichtheit und Wahrhaftigkeit

haben durchführen lassen. Das gilt namentlich von den Arbeiten des

Architekten Kandler an den romanischen Teilen der Burg. Der Bergfried

nebst seinen Schildmauern und der Palas, insbesondere der große Saal,

strahlen noch heute den kraftvollen, etwas rauhen Geist der Zeit

ihrer Entstehung wieder, ohne jede süßliche Verschönerung. Sie wirken

deshalb natürlich viel nüchterner auf den Beschauer als die mit Werken

neuzeitlicher Künstler geschmückten Säle der Wartburg, aber auch

viel echter (Abb. 6). Hervorzuheben ist auch der aus echten alten

Stücken der Schloßeinrichtung zusammengestellte »Empire-Saal« und das

»Biedermeierzimmer«, sowie die Beschaffung eines die handschriftlichen

Schätze des Hauses in mehreren Zimmern des Erdgeschosses vereinigenden

Archives.

[Illustration: Abb. 7. =Erinnerungsstein an Theodor Körner im

Schloßgarten=]

In den letzten Jahren haben sich die Bemühungen des Schloßherrn

besonders der Auffrischung des _Kapellenflügels_ zugewendet (Abb. 8).

Über den ursprünglichen Bestand dieses eigenartigen Bauwerkes (siehe

Seite 370) an kirchlichen Kunstwerken und Einrichtungsstücken fehlt

es leider an jeder zeitgenössischen Nachricht. Man wird aber wohl

annehmen dürfen, daß die Sitzbänke des langgestreckten Raumes, wenn

auch nicht in allen Einzelheiten (siehe unten Seite 381), ferner die

älteren Glasmalereien der Fenster, der Wandschrank mit den geschnitzten

Wappen Heinrichs I. von Einsiedel und seiner Frauen, eine Kanzel (die

jetzige ist allerdings späteren Ursprungs und steht auch nicht an der

ursprünglichen Stelle), vor allem aber die _drei schönen Flügelaltäre_,

die vermutlich auch das Andenken an die drei Eheschließungen Heinrichs

lebendig erhalten sollten, zur ursprünglichen Ausstattung der Kapelle

gehören.

[Illustration: Abb. 8. =Der Kapellenbau in der Längsachse, im

Vordergrunde rechts der Anfang der nördlich gerichteten Apsis und

ein Stück des Betschemels (S. 378), im Obergeschoß der Kapelle die

Betstübchen der Frauen=]

Der am Ostende der Längsachse des Kapellenbaues aufgestellte Altar

ist der schönste und best erhaltene (Abb. 9). Er gilt seit Flechsig

(Zeitschrift für bildende Kunst XX [1909] Seite 234) für eins der

Werke des Zwickauer Meisters _Peter Breuer_, eines Zeitgenossen Till

Riemenschneiders, der wie dieser (Riemenschneider) von der Würzburger

Bildschnitzschule beeinflußt war, aber in Einzelheiten auch wieder

seine eigenen Wege ging. Er war um 1470 in Zwickau geboren, wird

1492 als »Peter Breuer von Zwickaw« in Würzburg als Geselle erwähnt

(Hentschel, Sächs. Plastik um 1500, S. 35), schuf 1497 den Altar von

Steinsdorf bei Elsterberg (sein erstes Werk in Sachsen) und darnach

eine große Reihe von Altarwerken, die über das nördliche Vorgelände des

Erzgebirges und des Vogtlandes verstreut sind, vereinzelt aber auch

sich im Erzgebirge selbst und im nördlichen Böhmen finden. Die Liste

seiner Werke ist noch nicht völlig abgeschlossen (siehe Seite 378).

[Illustration: Abb. 9. =Der Marienaltar von Peter Breuer am Ostende des

Kapellenbaues.= An der linken Seitenwand der alte Kruzifixus aus der

Gnandsteiner Dorfkirche, davor ein Stück des Annenaltars]

Der Gnandsteiner Marienaltar trägt leider keine Bezeichnung von Peter

Breuers Hand und ist auch nicht datiert – wenigstens hat man bis jetzt

weder eine Jahreszahl noch ein Meisterzeichen Breuers an ihm entdeckt

– aber er hat doch so viele Merkmale der Breuerschen Werkstatt an

sich, daß er dem Meister mit einiger Sicherheit zugeschrieben werden

kann. Als solche Kennzeichen hat man an den unzweifelhaft echten, vom

Künstler selbst bezeichneten Werken Breuers außer anderen folgende

beobachtet: 1. die Sockel der Figuren sind oft gebildet als »grüne

Hügelchen aus schuppenartig übereinander vorstehenden Grasspitzen«,

2. »die Hände nehmen mit Vorliebe eine Falte zwischen die Finger oder

nehmen den Mantel hoch, um, indem sie sich durch den Stoff abzeichnen,

dem Beschauer fühlen zu lassen, wie anschmiegsam er ist«, 3. Johannes

und Barbara nehmen den Knauf ihres Kelches zwischen die Finger, 4.

die »schlichte Mütterlichkeit der Madonna«, die das Jesuskind am

Fuße anfaßt, oder am Knie stützt und ihm ein Spielzeug (eine Birne

oder Traube) in die Hand gibt, 5. die eigentümlich abgeplattete Form

des Daumens (z. B. bei der Papstgestalt und der Heiligen Barbara

aus Schweinsburg im Leipziger Kunstgewerbemuseum, siehe Flechsig a.

a. O. S. 230 und 231) und endlich 6. die eigenartige Behandlung des

Hintergrundes des Schreins als ornamentiertes Flachrelief[1].

Außerdem ist in Breuers Gestalten die überkommene steife spätgotische

Gewandform der »Knitterfalten« fast überwunden durch einen immer

natürlicher werdenden Faltenwurf und der unpersönliche Typus der

Gesichter durch individuelle Einzelzüge, die dem Leben und der

menschlichen Umgebung des Künstlers abgelauscht sind. Er ist noch

Gotiker, aber der große Drang vom Schema weg zur Natur, der die

anbrechende Renaissance kennzeichnet, beginnt sich in ihm schon zu

regen. Seine Männergestalten mit den tiefgebohrten, an Riemenschneiders

Art erinnernden Locken, den stark hervortretenden Backenknochen und den

teils weitgeöffneten, fragenden, teils schräg zueinander gestellten

Augen haben etwas Versonnenes, die weiblichen mit dem auffallend

kleinen, zusammengezogenen Mund, den schweren Augenlidern und dem etwas

geneigten Kopfe haben leicht etwas Versorgtes: die lebenden Ebenbilder

beider waren Frauen und Männer aus Zwickau und anderen westsächsischen

Städten.

Der Mittelschrein des Breuerschen Altars in Gnandstein enthält die

Gestalten der Maria, links davon die Heilige Katharina mit dem

Schwert, rechts die Heilige Margareta mit dem Kreuz in der Hand (Abb.

10), vielleicht in Anspielung auf die zweite Gemahlin Heinrichs von

Einsiedel, die Margareta von Schleinitz und Tochter des gewaltigen

Erbmarschalls Hugold von Schleinitz (siehe Kursächsische Streifzüge

III³, Seite 84). Im linken Flügel des Altars steht die Heilige Barbara

mit dem Kelche, im rechten die Heilige Dorothea mit dem Fruchtkorbe.

Wenn man diese Gestalten nach den oben genannten Kennzeichen prüft,

so muß jeder Zweifel an Breuers Urheberschaft schwinden. Denn 1. ist

der Hintergrund durchaus reliefartig behandelt, zu zwei Dritteln in

Gold, das oberste Drittel in Blau mit goldenen Sternen, 2. findet

sich das schuppenförmig sprießende Gras am Sockel der Barbara und der

Dorothea, 3. durchbricht bei Barbara der Knauf des Kelches in sehr

auffälliger Weise mit dem Rautenwürfel den Zusammenhang der Finger, 4.

wird das lebhaft spielende Jesuskind von der Mutter unter dem Arm mit

der Rechten, am Knie mit der Linken gestützt und 5. findet sich der

abgeplattete Daumen ganz ausgeprägt bei Barbara und Dorothea.

[Illustration: Abb. 10. =Der Mittelschrein des Breuerschen

Marienaltars.= Mittelgruppe: Maria mit dem Jesuskind; links davon: St.

Katharina mit dem Schwert; rechts davon: St. Margareta mit dem Kreuz.

Linker Flügel: St. Barbara mit dem Kelche; rechter Flügel: St. Dorothea

mit dem Fruchtkorbe]

Der mittlere Flügelaltar ist der Heiligen Anna gewidmet. Ihr Kultus

hängt mit der damaligen Blüte des sächsischen Silberbergbaues zusammen,

als dessen Patronin die Heilige galt. Auch Heinrich von Einsiedel

soll aus dem St. Annaberger Silberbergbau beträchtliche Einnahmen

bezogen haben. Der links vom Annenaltar nahe der Mitte der Apsis

aufgestellte Bartholomäusaltar hat leider durch die sehr ungeschickte

Über-Eck-Aufstellung (rechtwinkelig zur Wand) den linken Flügel und

von der Bekrönung das rechte (Schönbergische) Wappen verloren. Er war

vermutlich dem Andenken der dritten Gemahlin Heinrichs I. von Einsiedel

gewidmet. Flechsig hat ohne weitere Begründung auch diese beiden Altäre

dem Peter Breuer zugeschrieben; ob mit Recht, kann erst entschieden

werden, wenn man die geschnitzten Figuren der Aufsätze, die sich in

beträchtlicher Höhe befinden, genau untersucht. Denn diese beiden

Altäre haben statt der Schreine mit plastischen Gestalten nur gemalte

Tafelbilder.

[Illustration: Abb. 11. =Betschemel mit dem Gekreuzigten=, links

Maria, rechts der Apostel Johannes. In der Mitte des Astwerks das

Schönbergische Wappen. Das Ganze ein Werk von Peter Breuer]

Dagegen glaube ich in dem _altarartig ausgestatteten herrlichen

Betschemel_, der jetzt an der linken Seitenwand der Apsis angebracht

ist, ein Werk Peter Breuers neu entdeckt zu haben. Dieser Betschemel

stand bis vor wenigen Jahren in dem vordersten, erst 1812 zur

Kapelle hinzugekommenen Raume (siehe Seite 370) und galt manchen

als der Rest eines 1457 in der Gnandsteiner Pfarrkirche erwähnten

Dreifaltigkeitsaltars. Aber dieser Betschemel ist ein durchaus

einheitlich und organisch empfundenes und ausgeführtes Werk, das nicht

aus den Bruchstücken eines anderen zusammengeflickt sein kann. Sein

erster uns bekannter Standort deutet allerdings darauf hin, daß er

nicht zu den ursprünglichen Ausstattungsstücken der Kapelle gehörte.

Da er in der Mitte der Bekrönung das Schönbergsche Wappen trägt, nehme

ich an, daß dieser Betschemel ein eingebrachtes Ausstattungsstück der

ersten oder dritten Gemahlin Heinrichs I. von Einsiedel gewesen ist und

zuerst in ihrem Schlafzimmer im Palas oder in einer benachbarten Bet-

und Andachtsstube an der Wand befestigt war, vielleicht zu einer Zeit,

wo der Umbau des Bollwerks zur Burgkapelle noch nicht vollendet war.

Nach dem Einzug der evangelisch-lutherischen Lehre ist das Kunstwerk

vielleicht auf den Boden gekommen, aber durch den romantisch fühlenden

Alexander von Einsiedel (siehe Seite 380) wieder hervorgesucht und

im Vorraum der eigentlichen Kapelle angebracht worden, von wo es der

jetzige Schloßherr an seinen jetzigen, weit günstigeren Standpunkt

versetzte (Abb. 11). Der ganze Aufbau ist alt und echt, nur das die

Bibel tragende Lesebrett ist um 1812 statt des vermorschten alten

ergänzt worden. Der knieend Betende blickt vom Schemel empor zu

dem etwa in ²/₃ Lebensgröße (108 Zentimeter) dargestellten Heiland

am Kreuz, zur Linken steht die etwa 90 Zentimeter hohe trauernde

Maria, zur Rechten Johannes (92 Zentimeter), beide unter je einem

gotischen Baldachin, alle drei Gestalten werden zu einer Einheit

zusammengeschlossen durch ein kunstvolles, bekrönendes Astwerk. Für

Peter Breuer als Schöpfer dieses schönen Werkes spricht zunächst der

Gesichtsausdruck der Maria und des Johannes in ihrer versonnenen

Stille; Johannes (Abb. 12) ist ganz ähnlich aufgefaßt wie der

unbestritten Breuersche Johannes im Aufsatz des Marienaltars, selbst

die Farbe der Gewänder (Blau und Rot) stimmen überein, nur ist der Kopf

des Johannes am Betschemel ein wenig breiter. Auch die Kopfhaltung und

der Faltenwurf zeigen Breuersche Züge, ebenso die gebohrten Locken des

Apostels. Vor allem aber stimmt die Daumenprobe. Zwar bei Maria läßt

sie sich nicht anstellen, da leider beide Daumen abgebrochen sind, aber

bei Johannes sind beide Daumen und sogar die große Zehe des nackten

Fußes ganz in der Breuerschen Weise abgeplattet.

[Illustration: Abb. 12. =Der Apostel Johannes am Betschemel=, ein Werk

von Peter Breuer. Man beachte die eigenartig abgeplatteten beiden

Daumen und die große Zehe des rechten Fußes]

Endlich steht die ganze Kreuzigungsgruppe Peter Breuers von etwa

1505 (_Hentschel_ a. a. O. S. 36 und Tafel 21), die sich in der

Johanniskirche zu Chemnitz findet, in enger Beziehung zum Gnandsteiner

Betschemel: die Kopfform und der Gesichtsausdruck des Heilands, das

links nach unten und rechts nach oben schwingende Lendentuch mit seinen

Röhrenfalten, die Gewandung, der Gesichtsausdruck und die Kopfhaltung

der Maria, Gewandung, Körperhaltung, Kopfform und Haarbehandlung des

Johannes und anderes verraten in beiden Werken die Hand desselben

Künstlers und zwar die seiner Frühzeit.

Welch eine tiefe religiöse und künstlerische Kultur muß dem Vater

der Gattin Heinrichs von Einsiedel und diesem selbst eigen gewesen

sein, wenn sie ihr Leben und das ihrer Kinder und ihres Gesindes

durch das tägliche Anschauen von so hohen, vom Hauche innerlicher

Frömmigkeit beseelter Kunstwerke zu veredeln suchten. Auch das

weibliche Gesinde nahm am Gottesdienste in der Burgkapelle teil. Denn

zu den ursprünglichen Einrichtungen der Kapelle gehört auch die von

Konsolen aus Rochlitzer Stein getragene Empore, hinter deren hölzernen

Balustraden und holzvergitterten Fensterchen die Burgfrau mit ihren

Mägden, von den Männern ungesehen, die Messe hörte. Diese Empore war

von einer längs des Oberstockes der Kapelle hinlaufenden Holzgalerie

aus zugänglich (siehe Seite 370).

Um 1812, in der Zeit der blühenden deutschen Romantik, erfuhr

die Kapelle nach dem Bericht der noch vorhandenen Bauakten eine

durchgreifende Veränderung. Die dem Kirchenbau vorgelegten

dreigeschossigen Holzgänge wurden niedergerissen, der spitzbogige

Eingang vom Burghofe her (noch jetzt hinter der Kanzel als Nische

erkennbar) wurde vermauert und beides durch eine im westlichsten

Teil des Kirchenbaues vom Keller aus bis zum Boden hinauf geführte

hölzerne Treppenanlage ersetzt. Der Haupteingang zur Kapelle führte

nun vom Westgiebel des Kirchenbaues ins Innere und zwar zunächst in

das zur Kapelle gezogene Vorzimmer (siehe Seite 370), in dem jetzt die

Ahnenbilder hängen.

Damals wurde auch die Kanzel an ihre jetzige Stelle gerückt; die

beiden Plätze zunächst der Kanzel tragen die Wappen derer von

Einsiedel und derer von Ende. Diese Wappen wurden in dieser Zeit

der Franzosenherrschaft und der Sehnsucht nach der alten deutschen

Kaiserherrlichkeit der Ausgangspunkt einer weitläufigen Sagenbildung.

Das achtungsvolle Verhalten, das Kaiser Karl V., als er sechs Tage

vor der Mühlberger Schlacht in Gnandstein rastete, gegen den frommen

und seinem Landesfürsten getreuen Schloßherrn zur Schau trug, ließ

sich auch ohne geschichtliche Unterlagen weiter ausspinnen. So bildete

sich die Einsiedelsche Familiensage, der Kaiser habe einer an diesem

Tage stattfindenden Hochzeit der Tochter des Burgherrn mit Uz von

Ende beigewohnt und habe die Braut in eigener Person dem Bräutigam

zugeführt. Das ist aber, da doch die Trauung in diesem der Lehre

Luthers längst zugetanen Hause natürlich von einem evangelischen

Geistlichen vollzogen worden wäre, nach allem, was wir von der

Sinnesart des Kaisers wissen, ganz undenkbar. Wenn nun trotzdem eine

geschnitzte Heroldsgestalt des Gestühls der Kapelle auf dem Spruchband

die Bezeichnung trägt: Carl V., so ist diese aus dem Geiste der

Romantik geborene Bezeichnung als eine spätere Fälschung anzusehen,

die vermutlich 1812 hier vorgenommen wurde, als man das Gestühl

ausbesserte, beziehentlich teilweise erneuerte.

Eine andere Gnandsteiner Sage aus der Zeit der Romantik überliefert uns

Fr. Riehle (Sachsengrün ~I B.~ Dresden 1861, Seite 86 f.):

Um 1800 wurde ein Herr von Einsiedel bei einer italienischen Reise

von einer schweren Krankheit befallen. In einem Kloster fand er

Heilung. Der Prior des Klosters erzählte dem Genesenden, vor etwa

hundert Jahren sei ein Herr von Einsiedel im Kloster verstorben und

habe ein Testament hinterlassen, das niemand lesen könne. Diese

Schrift im Alphabet einer orientalischen Sprache schenkt der Prior dem

Gnandsteiner beim Abschied, der nahm sie mit in die Heimat und übergab

sie einem Leipziger Professor zur Deutung. Dieser entzifferte zunächst

das erste Blatt des Pergaments. Auf ihm stand zu lesen, eine Säule der

Kunigundenkapelle (?) in Gnandstein enthalte in einer Höhlung wertvolle

heilige Gefäße. Ferner war eine Stelle im alten Bergfried bezeichnet,

an der ein Schlüssel verborgen sei. Nach der Himmelsgegend zu, nach

welcher der Bart des Schlüssels zeige, liege der Schatz vergraben,

dessen Behältnis mit dem gefundenen Schlüssel zu öffnen sei. Die

bezeichnete Stelle in der Kapelle fand sich, aber sie war leer. Dann

durchbrachen die Maurer die Wand des Bergfrieds und fanden das eiserne

Kästchen mit dem Schlüssel. Aber gerade in diesem Augenblicke war der

Herr von Einsiedel nicht zugegen, und als er kam, war das Kästchen

schon von den Arbeitern verdreht worden, und keiner wußte, nach

welcher Richtung der Bart des Schlüssels gezeigt hatte. Zum Unglücke

war unterdes auch das Pergament bei einem Stubenbrand des Professors

N(obbe?) in Leipzig zugrunde gegangen. Diese Schatzsage entstammt

vielleicht dem romantisch gestimmten Kreise, der sich auf Einladung

Alexanders von Einsiedel und seiner Gemahlin Julie geborenen Kunze,

der Pflegeschwester Theodor Körners (siehe oben) gelegentlich in einem

gemieteten Lokale in Nenkersdorf oder im Jägerhause bei Frohburg oder,

wenn es der Gesundheitszustand des kränklichen Schloßherrn erlaubte,

auch in Gnandstein versammelte. Eine ganz ähnlich gestaltete Schatzsage

lebt noch heute in dem von Zehmenschen Schlosse Stauchitz bei Oschatz.

[Illustration: Abb. 13. =Das Kapellenfenster links vom Marienaltar mit

dem Spruch des Dichters Börries von Münchhausen= (S. 383)]

Zuletzt wurde die Gnandsteiner Kapelle 1922 durch den jetzigen

Schloßherrn wieder aufgefrischt und ihre Ausstattung durch einige

ältere und neuere Kunstwerke ergänzt. Dabei wurden die Wände und Decken

durch eine anspruchslose, an alte Muster aus dem Brandenburger Dom

und an das gotische Rosenmuster einer Schwarzwaldkirche angelehnte

Ausmalung geschmückt (von den Dresdner Kunstmalern Trede und Wendt),

die die Wirkung der trefflichen alten Kunstwerke nicht schädigt,

sondern durch den Ausgleich der Farben zusammenschließt.

Neu hinzu kam das Grabmal der kurfürstlichen Hofmeisterin Madalena

von Einsiedel, die am 11. April 1592 in Altenburg gestorben war. Es

wurde schon 1878 durch den Vater des Schloßherrn aus der dortigen

Bartholomäuskirche nach Gnandstein gebracht, aber erst im Jahre 1922

vom Bildhauer Dietze in der Kapelle wieder aufgestellt. Auch das

nach einem Vorbild in der Sakristei der Klosterkirche zu Reichenau

am Bodensee gebildete Lesepult, ferner der barocke Taufstein mit der

1923 von J. Pilling in Altenburg in Messing getriebenen Taufschüssel,

der alte schmiedeeiserne Kronleuchter bayrischen Ursprungs und

einige andere Ausstattungsstücke gehören nicht zu dem alten Bestand

der Kapelle. Ebenso ist das seitlich vom Annenaltar erhöhte

mittelalterliche Kruzifix erst seit 1922 in der Kapelle. (Abb. 9.) Es

lag vordem unbeachtet auf dem Boden der Dorfkirche, darf aber in seiner

herben Realistik als ein Werk des fünfzehnten Jahrhunderts gelten und

verdient in jeder Hinsicht den Platz, den es jetzt einnimmt.

Auch die Fenster der Apsis haben bedeutende Umgestaltungen erfahren.

Alt und von großer Schönheit sind im Mittelfenster die beiden auf

Glas gemalten Wappen der Einsiedel und der Schenk von Tautenburg, und

das einst über der Kapellentür angebrachte Einsiedelsche Wappen auf

Purpurgrund, das jetzt das vierte Fenster, links vom Marienaltar,

schmückt. Dagegen sind die zu den Füllungen zwischen den Glasmalereien

verwendeten Butzenscheiben zwar alt, aber nicht bodenständig, sondern

erst vom Schloßherrn in jahrelangem Bemühen gesammelt worden. Die

figürlichen Glasmalereien außer den genannten alten Wappen sind neu

und zwar ist die Kreuzigungsgruppe des Mittelfensters die Nachbildung

eines Fensters der Stadtkirche zu Rottweil in Württemberg, die

geschichtlichen Bilder in den Seitenfenstern der Apsis sind von

Professor Jelin, dem Direktor der Kunstakademie in Stuttgart, entworfen

und 1922 in der Glasmalerei Seile in Stuttgart ausgeführt worden.

Das Bild des rechten Fensters zeigt im Anschluß an die oben erwähnte

Sage den Brautzug mit Kaiser Karl V., das Bild des linken Fensters

den Erneuerer der evangelischen Religion Martin Luther, wie er in

der Gnandsteiner Kapelle in Anwesenheit Spalatins vor Heinrich

von Einsiedel predigt. Das Mittelfenster ist vom Schloßherrn »Dem

Andenken seiner Ahnen Hildebrand († 1461) und Heinrich von Einsiedel

(1457–1507)« geweiht, das vierte Fenster, links vom Marienaltar, von

Olbricht in Leipzig gezeichnet und von Stockinger ausgeführt, den in

den Kriegen von 1794, 1813, 1870, 1914 bis 1918 gefallenen Gliedern der

Familie von Einsiedel. (Abb. 13.) Den Spruch für dieses Fenster hat der

Freiherr Börries von Münchhausen, als ihn der Kammerherr von Einsiedel

zur Zeit der Kapellenerneuerung einmal auf Schloß Windischleuba

besuchte und ihm von seinen Plänen erzählte, in rasch geformter

Eingebung also gefaßt:

[Illustration: Abb. 14. =Schloß Gnandstein von Süden, in der Mitte der

es umgebenden Landschaft=]

»Ihrer die Wunden, unser die Narben«,

»Wir leben schwerer als jene starben«.

Dieser Spruch des Dichters ist ebenso herb wie wahrhaftig. Oder könnte

der Druck, der auf den Deutschen unserer Zeit lastet, treffender und

eindrucksvoller bezeichnet werden als durch diese Inschrift? So wird

jeder, der dem Gnandstein und insbesondere auch seiner erneuerten

Burgkapelle eine eingehende Betrachtung geschenkt hat, befriedigt und

innerlich bereichert von dannen gehen und der Schloßherrschaft dafür

dankbar sein, daß sie mit redlichem Bemühen und glücklichem Gelingen

eine altehrwürdige Erinnerungsstätte (Abb. 14 und 15) so schonend

und treu bewahrt und erhält, daß man in ihr durch echte Denkmäler fast

aller Epochen der deutschen Entwickelung, vom Jahre 1000 an bis zur

Gegenwart, schauend und sinnend hindurchschreitet.

[Illustration: Abb. 15. =Schloß Gnandstein mit dem Ausblick nach

Westen=]

Fußnote:

[1] Die Kennzeichen 1–4 hebt außer anderen _Johannes

Hartenstein_ (Sächs. Heimat 1921, 4. Heft, S. 272 f.)

hervor, die Kennzeichen 5 und 6 _Johannes Brückner_, Die

Holzplastik im Greizer Land (Marburger Dissertation 1924),

S. 28 und 34.

Das Herz im Walde

Ein kleines deutsches Krippen- und Sonnwendspiel

Von _Kurt Arnold Findeisen_

Mit vier Zeichnungen von Alfred Hofmann-Stollberg

Dezembernacht gegen Morgen.

Zu beiden Seiten verschneiter deutscher Wald. Kreuzweg mit

einem Meilenstein, dahinter ein schneebedeckter Wegweiser,

der von Wind und Wetter schwarz ist, deutlich gegen den

Himmel gestellt. Ein Stern darüber, der allmählich erblaßt.

_Josef_, ein ärmlicher alter Mann, mit einer erloschenen

Stall-Laterne, auf einen Stock gestützt, kommt gehumpelt.

_Maria_, ihr Kind auf dem Arm, das sie sorglich in Tücher

gewickelt trägt, folgt ihm mühsam.

_Maria_:

Lieber Mann, verhalt’ den Tritt

kann nicht weiter, nicht ein’ Schritt.

Seind zerschlagen mir die Knochen

als wär’ gewandert sieben Wochen,

seind zerrissen mir die Schuh’;

gönn mir ein halbes Stündlein Ruh! –

Will mich an diesen Wegweis setzen

und unser liebes Kindlein letzen.

_Josef_:

Liebes Weib, und hör mich an:

Hier rasten ist nicht wohlgetan;

nimm dein’ letzte Kraft zusammen,

müssen zu guten Leuten kommen,

setz’ dich nicht in Eis und Schnee,

tust uns allen ewig weh!

_Maria_:

Lieber Mann, ich muß mich setzen,

muß unser liebes Kindlein letzen.

Sieh, ich blas den Schnee vom Stein,

soll mir ein feiner Sessel sein.

(Sie setzt sich auf den Meilenstein unter den Wegweiser.)

_Josef_:

Liebes Weib, ich bitt’ dich teuer:

Im nächt’gen Wald ist’s nicht geheuer.

Du erfrierst im kalten Hauch

und unser armes Kindlein auch!

_Maria_:

Lieber Mann, woll’st dich nicht härmen:

Mich tut unser Kindlein wärmen,

fühl nur her, wie’s strahlt und glüht,

wie ein kleiner Sommer blüht.

Komm, dich freißt’s an Haupt und Füßen,

magst sein Gutsein mit genießen.

_Josef_ (rückt neben sie und kuschelt sich an Mutter und Kind,

brummend, schnurrend, buckelnd wie ein alter Kater):

Ei, ei, ei, das liebe Blut!

Sapperlot, wie wohl das tut!

Wie ein kleiner Kachelofen;

traun, ich seh das Türlein offen,

wirft ein hellen Flammenschein

über mein altes Herz herein.

[Illustration]

_Maria_ (verweisend):

Nicht ein Öflein, ein Sönnlein brav!

Sieh, jetzt tut es ab den Schlaf,

stemmt die Füße, hebt die Lider,

schickt die Äuglein hin und wider.

Gott, wie leuchten sie im Kreis!

Lieber Mann, mir wird ganz heiß!

(Es geht ein sanftes Licht von dem Kinde aus.)

_Josef_:

Ei potz Tausend, Mond und Sternel,

als wär’ entzunden das Laternel!

_Maria_:

Schau mir noch die Augen blind.

Josef, ist das unser Kind?

Trau mir nicht mehr, es zu tränken,

mein’, ich könnt’ sein’ Schimmer kränken;

trau mir nicht mehr aufzustehn,

fürcht’, es könnt’ sein Glanz vergehn.

_Josef_:

Bleib allhier, Maria mein,

könnten nicht besser behauset sein!

_Maria_ (drückt das Kind ans Herz und singt versonnen):

Jesulein zart,

von seltener Art,

leucht’ als ein Licht im Hage.

Jesulein lind,

mein goldnes Kind,

wandelt die Nacht zum Tage.

Jesulein zart

von seltner Art

glimmt als ein’ blanke Kerzen.

Jesulein lind,

mein goldnes Kind,

wärmt’ alle Welt mit dem Herzen.

(Josef und Maria kauern versunken. Vom Kinde geht nach wie

vor ein heller Schein aus.)

_Stimme des Meilensteins_ (auf dem die heiligen Eltern sitzen, tief):

Ich, der Stein am Scheidewege,

höre eines Herzens Schläge

meinen Drusen eingeprägt.

_Stimme eines Grashalms_ (mitteltönig):

Ich, ein Gras vom Straßendamme,

spüre eines Herzens Flamme

durch den kalten Wald gefegt.

_Stimme eines kleinen Vogels_ (der plötzlich auf dem Wegweiser sitzt,

hoch):

Ich, ein Piepmatz, halberfroren,

fühle eines Herzens Bohren,

das die ganze Nacht erregt.

_Stimme des Meilensteins_:

Warmes, gutes Herz im Walde,

Sonnenkuß im Felsenspalte,

alle Steine grüßen dich.

_Stimme des Grashalms_:

Warmes, gutes Herz im scharfen

Eiskristall, du Frühlingsharfe,

alle Pflanzen grüßen dich.

_Stimme des Vogels_ (indem er sich unter Mariens Schultertuch duckt):

Warmes, gutes Herz im bleichen

Todesdunkel. Lebenszeichen,

alle Tiere grüßen dich!

_Alle drei Stimmen_:

Heil’ger Herzschlag, Weltenuhr,

dich begreift die Kreatur!

_Maria_ (schlaftrunken):

Lieber Josef, sag, was machst du?

Träumst du, schläfst du oder wachst du?

_Josef_:

Träumte grad’, ich klebte fest

in ein’m warmen Vogelnest.

Frierst du, liebes Weib?

_Maria_:

O nein,

sitz an einem Feuerlein.

Wenn ich nur den Schein verstünde

über unserm lieben Kinde.

_Josef_:

Beste Frau, mich will bedeuchten:

alle kleinen Kinder leuchten.

_Maria_:

Wenn ich nur die Ursach wüßt,

daß es so voll Wunder ist.

Glaub mir, seines Herzens Tönen

spür ich weit und weiter dröhnen,

höre, wie der ganze Wald

leise davon widerhallt,

fühle, wie vor seinen blauen

Augen Eis und Schnee zertauen.

_Josef_:

Liebe Frau, sei unbeirrt,

schlafe, bis es Morgen wird.

Es dämmert grau. Im Umkreis des Kindes, immer weiter sich

verbreiternd, beginnen Eis und Schnee zu schwinden. Der

Wegweiser hebt sich deutlicher vom Himmel ab.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XV, Heft 11–12 · 第 1 / 6 段