4) Die Isotropie des Protoplasma.

Von manchen Seiten ist versucht worden, dem ganzen Ei eine

Organisation zuzuschreiben der Art, dass es aus kleinsten Theilchen

zusammengesetzt sei, die in ihrer räumlichen Anordnung Organen des

erwachsenen Thieres entsprechen und die Anlagen derselben darstellen.

Am klarsten ist die Auffassung von His für das Hühnerei formulirt

worden in seinem +Princip der organbildenden Keimbezirke+.

Danach muss „einestheils jeder Punkt im Embryonalbezirk der

Keimscheibe einem späteren Organ oder Organtheil entsprechen und

anderentheils muss jedes aus der Keimscheibe hervorgehende Organ in

irgend einem räumlich bestimmbaren Bezirk der flachen Scheibe seine

vorgebildete Anlage haben. Das Material zur Anlage ist schon in der

ebenen Keimscheibe vorhanden, aber morphologisch nicht abgegliedert

und somit als solches nicht ohne Weiteres erkennbar. Auf dem Wege

rückläufiger Verfolgung werden wir dahin kommen, auch in der Periode

unvollkommener oder mangelnder morphologischer Gliederung den Ort

jeder Anlage räumlich zu bestimmen; ja wenn wir consequent sein

wollen, haben wir diese Bestimmung auch auf das eben befruchtete und

selbst auf das unbefruchtete Ei auszudehnen.“

Es braucht wohl kaum hervorgehoben zu werden, in welchem schroffen

Gegensatz das Princip der organbildenden Keimbezirke zu der oben

vorgetragenen Vererbungstheorie steht. Dasselbe bietet -- was ihm

von vornherein vorgeworfen werden muss -- für die Wirksamkeit der

väterlichen Anlage auf die Formbildung des Embryo keinen Raum; es

müsste schon lediglich aus diesem Grunde fallen gelassen werden.

Aber hiervon abgesehen, lässt es sich auch auf Grund verschiedener,

experimenteller Thatsachen, welche, wie Pflüger sich ausgedrückt hat,

+eine Isotropie des Eies+ beweisen, direct widerlegen.

Unter Isotropie des Eies versteht Pflüger (VII. 50) die Erscheinung,

dass der Inhalt des Eies nicht in der Weise gesetzmässig angeordnet

ist, dass sich auf diesen oder jenen Theil die einzelnen Organe

zurückführen lassen. Er schliesst dies aus Versuchen an Froscheiern.

Da dieselben aus einer animalen, schwarz pigmentirten und aus einer

vegetativen, specifisch schwereren, helleren Kugelhälfte bestehen, so

nehmen sie im Wasser gleich nach der Befruchtung eine genau bestimmte

Gleichgewichtslage derart an, dass sie die schwarze Seite stets nach

oben kehren, wobei die Eiaxe, die Verbindung des animalen mit dem

vegetativen Pol, vertical steht. Der Experimentator kann nun eben

befruchtete Eier in Zwangslage bringen, d. h. sie verhindern, dass

sie sich in der Dotterhaut, ihrer Schwere folgend, drehen, indem

Reibungen an der Dotterhaut ihrer Drehung entgegenwirken. Er kann

z. B. dem Ei eine solche Zwangslage geben, dass die Eiaxe, anstatt

sich vertical einzustellen, in eine horizontale Richtung zu liegen

kommt. Wenn jetzt die erste Theilung beginnt, so bildet sich die

erste Theilebene trotz der veränderten Lage des Eies doch wieder in

verticaler Richtung aus, denn ihre Stellung hängt, wie auf Seite 176

gezeigt wurde, von der Lage der Kernspindel ab. Der Kern aber und die

specifisch leichteren Inhaltstheile erfahren bei der Zwangslage des

Eies Umlagerungen, die von +Born+ (IX. 37) genauer beschrieben

worden sind und die eine verticale Stellung der ersten Theilebene

zur Folge haben. Letztere kann hierbei mit der horizontal gelegenen

Eiaxe bald diesen, bald jenen Winkel beschreiben. Z. B. sah Pflüger

öfters, dass die erste Theilungsebene das Ei in eine schwarze und

in eine weisse Hemisphäre sonderte. Hier besteht also ganz offenbar

jede Halbkugel aus anderen Substanztheilchen als bei der normalen

Entwicklung. Trotzdem geht aus dem Ei ein normaler Embryo hervor

und lässt sogar zur Zeit, wo Chorda und Rückenmark schon entstanden

sind, noch erkennen, dass seine eine Körperhälfte dunkler als die

entgegengesetzte gefärbt ist. Je nach der einen oder anderen Stellung

der ersten Furchungsebene müssen sich die einzelnen Organe immer aus

verschiedenen Inhaltsportionen des Eies aufbauen.

Weitere Beweise für die Isotropie des Eies liefern die Experimente

von Richard Hertwig und mir (VI. 38), von Boveri (IX. 4), von Driesch

(IX. 7) und von Chabry (IX. 5).

Richard Hertwig und ich fanden, dass sich Seeigel-Eier durch heftiges

Schütteln in kleinere Stücke zerlegen lassen, die sich kuglig

abrunden und durch Samen befruchtet werden können. Aus derartigen

kleinen, befruchteten Stücken konnten von Boveri einzelne Zwerglarven

gezüchtet werden.

Driesch hat bei normal entwickelten, zweigetheilten Seeigeleiern

durch Schütteln die zwei ersten Furchungskugeln voneinander getrennt

und durch Isolirung derselben festgestellt, dass aus jeder Hälfte

sich eine normal gestaltete, nur etwas kleinere Blastula und Gastrula

und in einzelnen Fällen selbst ein Pluteus entwickelt.

Ein entsprechendes Ergebniss hat Chabry gewonnen. Er hat entweder

bei zweigetheilten Ascidieneiern die eine Theilhälfte oder auf

dem Viertheilungsstadium eine der vier Zellen durch Anstechen

zerstört. In vielen Fällen gelang es ihm, aus so verstümmelten

Eiern vollständige normale Larven zu züchten, die nur zuweilen

untergeordnete Organe wie einen Otolithen oder eine Haftpapille

vermissen liessen.

Aus allen diesen Experimenten wird der fundamentale Satz bewiesen,

dass der +Zellkern in einen beliebigen Bruchtheil des Eidotters

eingeschlossen noch einen vollständigen Organismus hervorzubringen

im Stande ist. Die Isotropie des Eies widerlegt das Princip der

organbildenden Keimbezirke. Sie ist zugleich ein weiterer Beweis für

die Ansicht, dass das Idioplasma nicht im Protoplasma, sondern im

Kern zu suchen ist.+ Zugleich gestattet sie uns, einige Schlüsse

über den Aufbau des Protoplasma und der Kernsubstanz zu ziehen.

Das Protoplasma muss aus mehr gleichartigen, locker untereinander

verbundenen Theilchen oder Micellen bestehen. Denn erstens genügen

Bruchstücke einer Zelle, wenn sie den Kern noch besitzen, um eine

normale Entwicklung durchzumachen (siehe die Experimente auf Seite

264). Zweitens kann die erste Theilebene durch äussere Eingriffe

veranlasst werden, in den verschiedensten Richtungen den Eiinhalt

zu halbiren, ohne dass dadurch das Entwicklungsproduct irgend eine

Abweichung von der Norm erführe. Drittens können an Froscheiern,

die in Zwangslage gehalten sind, unter dem Einfluss der Schwere

beträchtliche Umlagerungen der Eisubstanzen hervorgerufen werden,

ohne die Entwicklung zu stören. Viertens können wir auf einen

lockern Micellarverband aus der Erscheinung der Protoplasmaströmung

schliessen, bei welcher ja nothwendiger Weise die Micellengruppen

sich in den verschiedensten Richtungen und scheinbar regellos

an einander vorbeischieben müssen. Auf eine stabilere Anordnung

der Kernsubstanz dagegen weist die Complicirtheit der ganzen

Kernsegmentirung hin.

Einen gleichen Unterschied hat Nägeli für sein hypothetisches

Ernährungsplasma und sein Idioplasma angenommen. „Wenn die Anordnung

der Micellen,“ heisst es bei ihm (p. 27, 41), „die specifischen

Eigenschaften des Idioplasmas begründet, so muss das letztere eine

ziemlich feste Substanz darstellen, in welcher die Micellen durch

die in dem lebenden Organismus wirksamen Kräfte keine Verschiebung

erfahren, und in welcher der feste Zusammenhang bei der Vermehrung

durch Einlagerung neuer Micellen die bestimmte Anordnung zu sichern

vermag. Das gewöhnliche Plasma dagegen ist ein Gemenge von flüssigem

und festem Plasma, wobei die beiden Modifikationen leicht ineinander

übergehen und die Micellen oder Micellverbände der unlöslichen

Modification, wie dies für das strömende Plasma nicht anders

angenommen werden kann, sich mit grosser Leichtigkeit gegenseitig

verschieben.“ Nägeli bezeichnet es daher als „eine kaum von der Hand

zu weisende Annahme, dass das Idioplasma durch den ganzen Organismus

als zusammenhängendes Netz ausgespannt sei.“

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 1/2) · 第 165 / 170 题