IV. Die Entfaltung der Anlagen.

Wenn wir eine besondere Anlagesubstanz oder Idioplasma in der Zelle

unterscheiden, so bleibt zu untersuchen, in welcher Weise die

einzelnen Idioblasten wirksam werden und durch ihre Entfaltung die

specifischen Eigenschaften oder den Charakter einer Zelle bestimmen.

Man hat sich vorgestellt, dass das Idioplasma während des

Entwicklungsprocesses des Eies durch den Kerntheilungsprocess

qualitativ ungleich getheilt würde, so dass ein Theil der Zellen

diese, ein anderer Theil wieder jene Eigenschaften, die sich dann

später in ihnen entfalten würden, überliefert bekäme. Nach dieser

Anschauung würde die wesentliche Form der Entwicklung darin bestehen,

den gesammten Anlagecomplex, welchen das Idioplasma des befruchteten

Eies repräsentirt, nach und nach in seine einzelnen Anlagen zu

zerlegen und dieselben örtlich und zeitlich verschieden auszutheilen.

Nur die Zellen, welche zur Wiedererzeugung des Organismus dienen,

sollen eine Ausnahme machen und beim Entwicklungsprocess den

gesammten Anlagecomplex wieder empfangen. Es wird also eine doppelte

Vertheilungsweise des Idioplasma angenommen, eine gleichartige durch

Wachsthum und Halbirung und eine ungleichartige durch Zerlegung in

verschiedenartige Componenten.

Wie ein solcher Vorgang sich in Wirklichkeit in einem concreten Fall

vollziehen soll, ist nicht leicht vorzustellen. Auch setzt sich diese

Annahme in Widerspruch mit den schon früher angeführten Thatsachen

der Zeugung und Regeneration, mit der Thatsache, dass bei Pflanzen

und niederen Thieren fast jeder Zellenhaufen das Ganze wieder

erzeugen kann, und mit der Thatsache, dass Zellen ihre Function

verändern können, wie das Studium der Regeneration lehrt.

So erscheint denn die von mir (IX. 10–13) mehrfach verfochtene

Ansicht, die auch von Nägeli, de Vries etc. getheilt wird, in

grösserem Rechte, dass +im Allgemeinen jede Zelle eines Organismus

den ganzen Anlagecomplex von der Eizelle empfängt und ihre besondere

Natur nur dadurch bestimmt wird, dass je nach den Bedingungen aus

dem Anlagecomplex einzelne Anlagen oder Idioblasten in Wirksamkeit

treten, während die anderen latent bleiben+.

In welcher Weise aber können einzelne Idioblasten activ werden und

die Natur einer Zelle bestimmen? Zwei Hypothesen bieten sich uns

hier dar, eine dynamische und eine materielle, die eine von Nägeli

(IX. 20), die andere von de Vries (IX. 30) entwickelt.

Nägeli lässt, um die specifische Wirksamkeit des Idioplasma in

der Zelle zu erklären, „jeweilen eine bestimmte Micellgruppe oder

einen Complex von solchen Gruppen thätig werden,“ das heisst „in

bestimmte Spannungs- und Bewegungszustände gerathen,“ und er lässt

„diese locale Erregung durch dynamische Einwirkung und durch

Uebertragung eigenthümlicher Schwingungszustände bis auf eine

mikroskopisch sehr geringe Entfernung die chemischen und plastischen

Processe beherrschen.“ „Es erzeugt weicheres Ernährungsplasma oft

in tausendfacher Menge, und mit Hilfe desselben bewirkt es die

Bildung von nicht albuminartigem Baumaterial, von leimgebenden,

elastischen, hornartigen, celluloseartigen Substanzen u. s. w., und

es giebt diesem Baumaterial die gewünschte plastische Gestalt.“

„Welche Micellgruppe des Idioplasma während der Ontogenese in

Erregung gerathe, hängt von der Configuration desselben, von den

vorausgegangenen Erregungen und von der Stelle im individuellen

Organismus ab, an welcher sich das Idioplasma befindet.“

Anstatt der dynamischen Hypothese nimmt de Vries (IX. 30) eine

Beeinflussung des Zellcharakters auf materiellem Wege an. Er denkt

sich, dass in der +Anlagesubstanz, während die meisten Idioblasten oder

„Pangene“+ (de Vries) +inactiv bleiben, einige in Wirksamkeit treten,

wachsen und sich vermehren. Dabei wandert ein Theil von ihnen aus dem

Kern in das Protoplasma aus, um hier ihr Wachsthum und ihre Vermehrung

in einer der Function entsprechenden Weise fortzusetzen.+ Das Verlassen

des Kerns kann aber stets nur der Art geschehen, dass alle Arten von

Idioblasten in ihm vertreten bleiben.

Die Hypothese von de Vries scheint mir zur Zeit die einfachere

Erklärung zu sein und sich manchen Erscheinungen besser anzupassen.

So sind z. B., wie früher beschrieben wurde, in der Pflanzenzelle

besondere Stärkebildner, Chromatophoren und Chlorophyllkörner

vorhanden, Träger einer specifischen Function, die selbständig wachsen

und sich vermehren und sich bei jeder Zelltheilung von einer auf die

andere Zelle vererben. De Vries nennt dies „+Erblichkeit ausserhalb

der Zellkerne+.“ Nach seiner Hypothese würden es activ gewordene

Idioblasten sein, die sich im Protoplasma vermehrt und zu grösseren

Einheiten verbunden haben, während sie ausserdem noch im Kern, in

der Anlagesubstanz, inactiv vertreten sind. Dasselbe würde für die

Centralkörperchen gelten, wenn sie sich nicht schon an sich als zum

Kern gehörig erweisen sollten.

Durch die +Hypothese der „intracellularen Pangenesis“+ wird der scharfe

Gegensatz, der anscheinend durch die Erblichkeitstheorie zwischen

Kernsubstanz und Protoplasma geschaffen worden ist, vermittelt, ohne

dabei den Grundcharakter der Theorie aufzuheben; +es wird ferner der

Weg gezeigt, wie eine Zelle die Gesammtheit der Eigenschaften des

ganzen zusammengesetzten Organismus latent enthalten+ und dabei doch

specifisch functioniren kann.

+Die Ueberlieferung eines Charakters und seine Entwicklung sind+,

wie de Vries mit Recht hervorhebt, +verschiedene Vermögen. Die

Ueberlieferung ist die Function des Kernes, die Entwicklung ist

Aufgabe des Protoplasma. Im Kerne sind alle Arten von Idioblasten des

betreffenden Individuums vertreten; -- daher ist er das Vererbungsorgan

kat-exogen; -- das übrige Protoplasma enthält in jeder Zelle im

Wesentlichen nur die Idioblasten, welche in ihr zur Thätigkeit gelangen

sollen und in einer entsprechenden Weise ausserordentlich vermehrt sein

können.+

+Wir haben daher zwei Arten der Vermehrung der Idioblasten zu

unterscheiden, eine auf die Gesammtheit sich erstreckende, die zur

Kerntheilung und zur gleichmässigen Vertheilung auf die beiden

Tochterzellen führt, und eine gewissermassen functionelle Vermehrung,

welche nur die in Action tretenden Idioblasten betrifft, auch mit

stofflichen Veränderungen derselben verbunden sein wird und sich

besonders ausserhalb des Kerns im Protoplasma abspielt.+

Auf diesem Wege werden wir auch dazu geführt, eine Zusammensetzung des

Protoplasma aus kleineren Elementareinheiten anzunehmen, wie sie in der

letzten Zeit mehrere Forscher, von anderen Voraussetzungen ausgehend,

gelehrt haben, Altmann (II. 1) in seiner Theorie der Bioblasten

und Wiesner (IX. 35) in seinem kürzlich erschienenen Buch: „Die

Elementarstructur und das Wachsthum der lebenden Substanz.“

+Wie der Kern, ist auch das Protoplasma aus zahlreichen, kleinen,

durch ihre chemische Zusammensetzung unterschiedenen Stofftheilchen

aufgebaut, welche das Vermögen besitzen, Stoff zu assimiliren, zu

wachsen und sich durch Selbsttheilung zu vermehren.+ (Omne granulum

e granulo, wie sich Altmann ausdrückt.) Stoff zum Wachsthum ist

ihnen in der Flüssigkeit geboten, von welcher Kern und Protoplasma

reichlich durchtränkt sind und in welcher sich plastische Stoffe der

verschiedensten Art (Eiweissstoffe, Fette, Kohlenhydrate, Salze) gelöst

vorfinden.

Zum Unterschied von den Idioblasten des Kerns wollen wir die

+Elementareinheiten des Protoplasma als Plasome+ bezeichnen, einen

Namen, den Wiesner für sie vorgeschlagen hat.

Wie von den Idioblasten des Kerns die Plasome (gleichsam activ

gewordene Idioblasten) nach der Theorie der „intracellularen

Pangenesis“ abstammen würden, so könnten die Plasome wieder den

Ausgangspunkt für die organischen Plasmaproducte bilden, indem sie je

nach ihrer specifischen Natur diese oder jene anderen Stoffe an sich

binden; es könnten z. B. gewisse Arten von Plasomen durch Verbindung

mit Kohlenhydraten die Cellulosehaut oder durch Verbindung mit Stärke

die Amylumkörner erzeugen; sie könnten demnach als Zellhautbildner und

Stärkebildner bezeichnet werden.

+So lassen sich die verschiedensten Vorgänge im Zellenleben von

einem einheitlichen Gesichtspunkt aus als Lebensprocesse kleinster,

organisirter, sich selbständig vermehrender, verschiedenartiger

Stofftheilchen erfassen, die im Kern, im Protoplasma und im

organisirten Plasmaproduct in verschiedenen Phasen ihrer

Lebensthätigkeit vertreten sind.+

Wiesner hat seine hiermit übereinstimmende Auffassung in den Sätzen

zusammengefasst: „Es ist eine durch den Entwicklungsgang der neuen

Forschung uns förmlich aufgenöthigte Annahme, dass das Protoplasma noch

andere theilungsfähige, organisirte Individualitäten birgt, ja dass es

ganz und gar aus solchen lebenden Theilungskörpern bestehe.“ Durch

ihre Theilung „wird das Wachsthum vermittelt“ und, „an sie sind alle

Vorgänge des Lebens innerhalb des Organismus geknüpft.“ „Sie sind also

als die wahren Elementarorgane des Lebens zu betrachten.“

Literatur. IX.

1) =R. S. Bergh.= _Kritik einer modernen Hypothese von der

Uebertragung erblicher Eigenschaften. Zoolog. Anzeiger. 1892._

2) =Blumenbach.= _Ueber den Bildungstrieb und das

Zeugungsgeschäft. 1781._

3) =Bonnet.= _Considérations sur les corps organisés.

Amsterdam 1762._

4) =Boveri.= _Ein geschlechtlich erzeugter Organismus ohne

mütterliche Eigenschaften. Gesellschaft f. Morphol. u. Physiol. zu

München. 1889._

5) =Chabry.= _Contribution à l’embryologie normale et

tératologique des Ascidies simples. Journal de l’anat. et de la phys.

1887._

6) =Darwin.= _Das Variiren der Thiere und Pflanzen im Zustande

der Domestication. Bd. II._

7) =Driesch.= _Entwicklungsmechanische Studien. Der Werth

der beiden ersten Furchungszellen in der Echinodermenentwicklung.

Experimentelle Erzeugung von Theil- und Doppelbildungen. Zeitschr. f.

wissenschaftl. Zoologie. Bd. LIII. Leipzig 1891._

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 1/2) · 第 166 / 170 题