Zwei bedeutende Theorien haben sich in der Wissenschaft bis in den
Anfang unseres Jahrhunderts hinein schroff und unvermittelt gegenüber
gestanden, +die Theorie der Präformation oder Evolution und die
Theorie der Epigenese+.
Der +Präformationstheorie+ huldigten viele der Geistesheroen
des 17. und 18. Jahrhunderts, Swammerdam, Malpighi und Leeuwenhoek,
Haller, Bonnet (IX. 3) und Spallanzani (vgl. His. IX. 14). Sie
waren der Ansicht, dass die Keime in ihrem Bau mit den erwachsenen
Organismen auf das Vollständigste übereinstimmen und daher von Anfang
an dieselben Organe in derselben Lage und Verbindung wie diese, nur
in einem ausserordentlich viel kleineren Zustand besitzen sollten.
Da es nun aber mit den damaligen Vergrösserungsgläsern nicht möglich
war, in den Eiern am Anfang ihrer Entwicklung die vorausgesetzten
Organe wirklich zu sehen und nachzuweisen, nahm man zu der Hypothese
seine Zuflucht, dass die einzelnen Theile, wie Nervensystem, Drüsen,
Knochen etc. nicht nur in einem sehr kleinen, sondern auch in einem
durchsichtigen Zustande vorhanden sein müssen.
Um sich den Vorgang verständlicher zu machen, wies man als
erläuternde Beispiele auf die Entstehung des Schmetterlings aus der
Puppe und namentlich auf die Entstehung einer Pflanzenblüthe aus
ihrer Knospe hin.
Wie in einer kleinen Knospe von den grünen, noch fest
zusammengeschlossenen Hüllblättern doch bereits schon alle
Blüthentheile, wie die Staubfäden und die gefärbten Kelchblätter,
eingehüllt werden, wie diese Theile im Verborgenen wachsen und sich
dann plötzlich zur Blüthe entfalten, wobei alle bis dahin verborgenen
Theile enthüllt werden, so sollten auch in der Thierentwicklung die
bereits vorhandenen, aber kleinen und durchsichtigen Theile wachsen,
sich allmählich enthüllen und unserem Auge erkennbar werden.
Daher der alte Name „+Theorie der Evolution oder Entfaltung+“,
an dessen Stelle man neuerdings die noch zutreffendere und klarere
Bezeichnung „Präformationstheorie“ eingeführt hat. Denn das
Eigentümliche dieser Lehre ist, dass sich in keinem Augenblick der
Entwicklung etwas Neues bildet, vielmehr jeder Theil von Anfang an
vorhanden oder präformirt ist, dass also das eigentliche Wesen der
Entwicklung, das Werden, in Abrede gestellt wird. „Es giebt kein
Werden,“ heisst es in den Elementen der Physiologie von Haller: „Kein
Theil im Thierkörper ist vor dem anderen gemacht worden, und alle
sind zugleich erschaffen.“
In schroffem Gegensatz zur Präformationslehre steht die +Theorie
der Epigenese+, welche ihren Hauptvertreter in der Mitte des 18.
Jahrhunderts in +Caspar Friedrich Wolff+ (IX. 36) gefunden hat.
Derselbe stellte in seiner bahnbrechend gewordenen Doctordissertation
„Theoria Generationis“ im Jahre 1759 (deutsche Ausgabe 1764) dem
damals allmächtigen Dogma der Präformation den wissenschaftlichen
Grundsatz entgegen: was man nicht mit seinen Sinnen wahrnehmen könne,
sei auch nicht im Keime präformirt vorhanden. Am Anfang sei der Keim
nichts Anderes als ein unorganisirter, von den Geschlechtsorganen
der Eltern ausgeschiedener Stoff, welcher sich erst in Folge der
Befruchtung während des Entwicklungsprocesses allmählich organisire.
Aus dem zunächst +ungesonderten Keimstoffe+ lässt Wolff sich
nacheinander die einzelnen Organe des Körpers sondern, welchen
Process er in einzelnen Fällen bereits durch Beobachtung genauer
festzustellen suchte. So zeigte er, wie sich aus dem Keimstoff
allmählich einzelne Pflanzenorgane sondern und dabei in ihrer Form
Metamorphosen eingehen; er lehrte, dass sich der Darmkanal des
Hühnchens aus einer blattförmigen Anlage entwickelt.
Indem Wolff an der Hand von genauen Untersuchungen an Stelle
vorgefasster Meinungen der Beobachtung und sinnlichen Wahrnehmung zu
ihrem Rechte verhalf, hat er den Grundstein gelegt zu dem stolzen
Bau, zu dem sich in unserem Jahrhundert die Entwicklungslehre auf
Grund von Beobachtungen allmählich gestaltet hat.
Vergleichen wir jetzt beide Theorieen prüfend miteinander, so lassen
uns beide in ihrer älteren Fassung unbefriedigt. Beide haben ihre
Achillesferse, an der sie verwundbar sind.
Was zunächst die Präformationstheorie anbetrifft, so trug sie
einen Angriffspunkt zu einer auf dem Standpunkt der Evolutionisten
unlösbaren, wissenschaftlichen Fehde in sich, insofern sich bei den
höheren Organismen ein jedes Individuum durch das Zusammenwirken
zweier getrennter Geschlechter entwickelt. Als man daher ausser dem
thierischen Ei später auch mit den Samenfäden durch Leeuwenhoeks
Entdeckung (1677) bekannt geworden war, erhob sich alsbald die
lebhaft discutirte +Streitfrage, ob das Ei oder ob der Samenfaden
der vorgebildete Keim sei+.
Ein Jahrhundert lang standen sich die +feindlichen Schulen der
Ovisten und der Animalculisten entgegen+. Wie die Ovisten,
Spallanzani z. B., das unbefruchtete Ei des Frosches geradezu als ein
kleines Fröschchen bezeichneten und den Samen nur ein Reizmittel sein
liessen, das die Bethätigung des Lebens und das Wachsthum anrege, so
glaubten Vertreter der Animalculisten bei Zuhilfenahme der damaligen
Vergrösserungsgläser die Samenfäden auch wirklich mit einem Kopf, mit
Armen und mit Beinen ausgestattet zu sehen. Sie erblickten im Ei nur
den geeigneten Nährboden, welcher für das Wachsthum des Samenfadens
erforderlich sei.
Aber auch ausserdem musste die Präformationstheorie bei einer ins
Einzelne genauer durchgeführten Durchbildung zu sehr bedenklichen
Consequenzen führen. Eine solche Consequenz, die auch die Physiologen
Haller und Spallanzani nicht glaubten umgehen zu können, ist der
+Satz, dass in einem Keim auch die Keime für alle späteren
Geschöpfe schon angelegt oder eingeschlossen sein müssen+. Dieser
Satz ist die nothwendige Folgerung aus der Thatsache, dass sich
die Thiergeschlechter in ununterbrochener Reihenfolge auseinander
entwickeln. +Die Präformationstheorie hat so aus ihrem Schoosse als
natürliche Frucht die „Einschachtelungstheorie“ erzeugen müssen+
oder wie sich Blumenbach (IX. 2) scherzend ausdrückt: die Lehre von
den „eingewickelten Keimen“. Im Eifer ist man sogar so weit gegangen,
zu berechnen, wie viel Menschenkeime im Eierstock der Stammmutter Eva
zum mindesten eingeschachtelt gewesen sind, wobei man damals auf die
Zahl von 200,000 Millionen kam (Elemente der Physiologie von Haller).
Auf der anderen Seite führt aber auch die Theorie der Epigenese
in der älteren Fassung bei einer tieferen Durchführung auf
Schwierigkeiten. Denn in welcher Weise, so kann man fragen, vermag
die Natur mit den uns bekannten Kräften aus einem unorganisirten
Stoff in wenigen Tagen oder Wochen einen thierischen Organismus,
ähnlich seinen Erzeugern, neu zu bilden? Hierüber vermag keine Lehre,
welche den Organismus als eine vollständige Neuzeugung betrachtet,
uns eine irgendwie annehmbare, zufriedenstellende Auskunft zu
ertheilen.
Blumenbach (IX. 2) nahm daher seine Zuflucht zu einem besonderen
+„Nisus formativus“ oder „Bildungstrieb“+, welcher die ungeformten
väterlichen und mütterlichen Zeugungssäfte zur „Formation“, d. h. eine
bestimmte Gestalt anzunehmen veranlasst und auch später dafür sorgt,
dass Verstümmelungen wieder ersetzt werden. Aber mit der Annahme eines
besonderen Bildungstriebes ist doch nicht viel mehr als ein leeres Wort
für eine unbekannte Sache gewonnen.
+Neue Grundlagen für die Aufstellung vervollkommneter Zeugungs-
und Vererbungstheorieen wurden erst durch die Zellentheorie und
ihre weitere Ausbildung von der Mitte unseres Jahrhunderts an
allmählich geschaffen.+ Diese Grundlagen sind: erstens die
Erkenntniss, dass Ei und Samenfaden einfache, vom Organismus zum
Zweck der Fortpflanzung sich ablösende Zellen sind und dass die
entwickelten Organismen selbst nichts Anderes sind als geordnete
Verbindungen von ausserordentlich zahlreichen, zu verschiedenen
Zwecken angepassten Zellen, entstanden durch vielmals wiederholte
Theilung der befruchteten Eizelle. Eine zweite Grundlage ist
die sich immer mehr Bahn brechende Vorstellung, dass die Zelle
etwas ausserordentlich Complicirtes, d. h., dass sie selbst ein
Elementarorganismus ist. Hierzu gesellt sich drittens die tiefere
Erkenntniss des Befruchtungsvorganges, der Kernstructur und des
Kerntheilungsprocesses, namentlich der Längsspaltung und Vertheilung
der Kernsegmente, die Entdeckung der Verschmelzung des Ei- und
Samenkerns, der Aequivalenz der männlichen und weiblichen Kernmasse
und ihrer Vertheilung auf die Tochterzellen, der Einblick in die
complicirten Processe der Ei- und Samenreife und der durch sie
herbeigeführten Reduction der Kernsubstanz.