NEUNTES CAPITEL.

Die Zelle als Anlage eines Organismus (Vererbungstheorieen).

Schon aus der Fähigkeit der Zelle, Bewegungen auszuführen und auf

die verschiedensten äussern Einwirkungen, seien es thermische oder

optische oder chemische oder mechanische, in ganz gesetzmässiger

Weise zu reagiren, ferner aus der Fähigkeit complicirte, chemische

Processe auszuführen und sehr zahlreiche, mit besonderer Structur

versehene Substanzen zu bilden, mussten wir schließen, dass die

Zelle ein hoch zusammengesetzter Körper, aufgebaut aus zahlreichen

kleinsten, verschiedenartigen Theilchen, also selbst gewissermaassen

ein kleiner Elementarorganismus ist.

Noch mehr wird uns dieser Gedanke aufgedrängt, wenn wir sehen,

wie die Ei- und Samenzellen durch ihre Vereinigung die Grundlage

bilden für die Entwicklung eines Organismus, welcher im Grossen

und Ganzen die Eigenschaften der zeugenden Eltern und oft auch

geringfügige, individuelle Züge derselben reproducirt. Wir müssen

hieraus schliessen, dass in der Ei- und Samenzelle alle Bedingungen

enthalten sein müssen, welche erforderlich sind, um das Endproduct

des Entwicklungsprocesses schliesslich zu Stande kommen zu lassen.

Unserer Wahrnehmung entziehen sich allerdings diese Bedingungen; dass

dieselben aber nichts weniger als einfacher Art sein werden, geht

schon aus der ausserordentlichen Zusammensetzung hervor, welche das

Endproduct der Entwicklung bei den höchsten Organismen erreicht.

+Die Geschlechtszellen müssen daher zahlreiche, uns verborgene

Eigenschaften und Merkmale besitzen, durch deren Vorhandensein die

Entstehung des Endproducts ermöglicht wird. Solche verborgenen oder

latenten Eigenschaften, die erst durch den Entwicklungsprocess

allmählich offenbar werden, nennt man Anlagen. In der Gesammtheit der

Anlagen ist der entwickelte Organismus gewissermaassen vorgebildet

oder potentiell enthalten.+

Nun gleichen sich auf einem gewissen Stadium ihrer Entwicklung alle

Organismen ausserordentlich, insofern sie einfache Zellen sind.

Die Eier des Menschen, eines Nagethiers, eines Wiederkäuers, ja

selbst mancher wirbellosen Thiere sind nicht wesentlich voneinander

verschieden. Ihre Unterschiede sind ausserordentlich viel geringer

als die Unterschiede zwischen dem Ei und der Samenzelle ein und

desselben Organismus.

Solche formalen Aehnlichkeiten und formalen Unterschiede haben aber

wenig zu bedeuten, wenn wir tiefer auf den Grund der Sache gehen.

Denn so wie Mensch, Nagethier, Wiederkäuer und wirbelloses Thier in

ihrer Organisation mehr oder minder tiefgreifende, uns äusserlich

wahrnehmbare Unterschiede darbieten, so müssen auch die von ihnen

abstammenden Geschlechtszellen, insofern sie die Anlagen des späteren

ausgebildeten Zustandes darstellen, durch die Beschaffenheit der

Anlagen in entsprechender Weise von einander unterschieden sein, nur

dass die unterscheidenden Momente jetzt auf einem unserer Wahrnehmung

noch verschlossenen Gebiete liegen. Auf der anderen Seite müssen Ei-

und Samenzelle ein und desselben Organismus, die äusserlich so sehr

ungleich aussehen, in ihren wesentlichen Eigenschaften, durch welche

die Anlage des ausgebildeten Geschöpfs repräsentiert wird, nur in

geringem Grade voneinander abweichen.

Treffend bemerkt Nägeli (IX. 20): „Die Eizellen enthalten alle

wesentlichen Merkmale ebenso gut, wie der ausgebildete Organismus,

und als Eizellen unterscheiden sich die Organismen nicht minder

voneinander, als im entwickelten Zustande. In dem Hühnerei ist die

Species ebenso vollständig enthalten, als im Huhn, und das Hühnerei

ist von dem Froschei eben so weit verschieden, als das Huhn vom

Frosch.“

Was von den Eiern gilt, dasselbe gilt nicht minder auch von jeder

einzelnen Zelle und jedem Zellencomplex, welcher als Spore und Knospe

vom Mutterorganismus abgelöst, im Stande ist, den letzteren wieder zu

erzeugen. Auch sie müssen alle wesentlichen Eigenschaften des Ganzen

als Anlagen in einem unserer Wahrnehmung entzogenen Zustand enthalten.

Welche Vorstellungen können wir uns zur Zeit von diesen unsichtbaren

Eigenschaften der Zellen bilden, durch welche sie die Anlage für

einen zusammengesetzten Organismus abgeben? In welchem Verhältniss

stehen Anlage und ausgebildeter Zustand zu einander?

Bei der Beantwortung dieser Fragen stehen wir vor den

allerschwierigsten Problemen, welche die Lehre vom Leben darbietet.

Mit ihnen haben sich Naturforscher und Denker zu den verschiedensten

Zeiten beschäftigt und ihre Denkergebnisse in Hypothesen

zusammengefasst, welche die Forschung in manchen Zeiträumen in

nachhaltiger Weise beeinflusst haben. Auf die historisch wichtigsten

derselben in Kürze einzugehen, dürfte sowohl von allgemeinem

Interesse als auch eine passende Einleitung für den Versuch sein, die

Anschauungen zusammenzustellen, zu denen die moderne Naturforschung

hinleitet.

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 1/2) · 第 156 / 170 题