Die Zelle als Anlage eines Organismus (Vererbungstheorieen).
Schon aus der Fähigkeit der Zelle, Bewegungen auszuführen und auf
die verschiedensten äussern Einwirkungen, seien es thermische oder
optische oder chemische oder mechanische, in ganz gesetzmässiger
Weise zu reagiren, ferner aus der Fähigkeit complicirte, chemische
Processe auszuführen und sehr zahlreiche, mit besonderer Structur
versehene Substanzen zu bilden, mussten wir schließen, dass die
Zelle ein hoch zusammengesetzter Körper, aufgebaut aus zahlreichen
kleinsten, verschiedenartigen Theilchen, also selbst gewissermaassen
ein kleiner Elementarorganismus ist.
Noch mehr wird uns dieser Gedanke aufgedrängt, wenn wir sehen,
wie die Ei- und Samenzellen durch ihre Vereinigung die Grundlage
bilden für die Entwicklung eines Organismus, welcher im Grossen
und Ganzen die Eigenschaften der zeugenden Eltern und oft auch
geringfügige, individuelle Züge derselben reproducirt. Wir müssen
hieraus schliessen, dass in der Ei- und Samenzelle alle Bedingungen
enthalten sein müssen, welche erforderlich sind, um das Endproduct
des Entwicklungsprocesses schliesslich zu Stande kommen zu lassen.
Unserer Wahrnehmung entziehen sich allerdings diese Bedingungen; dass
dieselben aber nichts weniger als einfacher Art sein werden, geht
schon aus der ausserordentlichen Zusammensetzung hervor, welche das
Endproduct der Entwicklung bei den höchsten Organismen erreicht.
+Die Geschlechtszellen müssen daher zahlreiche, uns verborgene
Eigenschaften und Merkmale besitzen, durch deren Vorhandensein die
Entstehung des Endproducts ermöglicht wird. Solche verborgenen oder
latenten Eigenschaften, die erst durch den Entwicklungsprocess
allmählich offenbar werden, nennt man Anlagen. In der Gesammtheit der
Anlagen ist der entwickelte Organismus gewissermaassen vorgebildet
oder potentiell enthalten.+
Nun gleichen sich auf einem gewissen Stadium ihrer Entwicklung alle
Organismen ausserordentlich, insofern sie einfache Zellen sind.
Die Eier des Menschen, eines Nagethiers, eines Wiederkäuers, ja
selbst mancher wirbellosen Thiere sind nicht wesentlich voneinander
verschieden. Ihre Unterschiede sind ausserordentlich viel geringer
als die Unterschiede zwischen dem Ei und der Samenzelle ein und
desselben Organismus.
Solche formalen Aehnlichkeiten und formalen Unterschiede haben aber
wenig zu bedeuten, wenn wir tiefer auf den Grund der Sache gehen.
Denn so wie Mensch, Nagethier, Wiederkäuer und wirbelloses Thier in
ihrer Organisation mehr oder minder tiefgreifende, uns äusserlich
wahrnehmbare Unterschiede darbieten, so müssen auch die von ihnen
abstammenden Geschlechtszellen, insofern sie die Anlagen des späteren
ausgebildeten Zustandes darstellen, durch die Beschaffenheit der
Anlagen in entsprechender Weise von einander unterschieden sein, nur
dass die unterscheidenden Momente jetzt auf einem unserer Wahrnehmung
noch verschlossenen Gebiete liegen. Auf der anderen Seite müssen Ei-
und Samenzelle ein und desselben Organismus, die äusserlich so sehr
ungleich aussehen, in ihren wesentlichen Eigenschaften, durch welche
die Anlage des ausgebildeten Geschöpfs repräsentiert wird, nur in
geringem Grade voneinander abweichen.
Treffend bemerkt Nägeli (IX. 20): „Die Eizellen enthalten alle
wesentlichen Merkmale ebenso gut, wie der ausgebildete Organismus,
und als Eizellen unterscheiden sich die Organismen nicht minder
voneinander, als im entwickelten Zustande. In dem Hühnerei ist die
Species ebenso vollständig enthalten, als im Huhn, und das Hühnerei
ist von dem Froschei eben so weit verschieden, als das Huhn vom
Frosch.“
Was von den Eiern gilt, dasselbe gilt nicht minder auch von jeder
einzelnen Zelle und jedem Zellencomplex, welcher als Spore und Knospe
vom Mutterorganismus abgelöst, im Stande ist, den letzteren wieder zu
erzeugen. Auch sie müssen alle wesentlichen Eigenschaften des Ganzen
als Anlagen in einem unserer Wahrnehmung entzogenen Zustand enthalten.
Welche Vorstellungen können wir uns zur Zeit von diesen unsichtbaren
Eigenschaften der Zellen bilden, durch welche sie die Anlage für
einen zusammengesetzten Organismus abgeben? In welchem Verhältniss
stehen Anlage und ausgebildeter Zustand zu einander?
Bei der Beantwortung dieser Fragen stehen wir vor den
allerschwierigsten Problemen, welche die Lehre vom Leben darbietet.
Mit ihnen haben sich Naturforscher und Denker zu den verschiedensten
Zeiten beschäftigt und ihre Denkergebnisse in Hypothesen
zusammengefasst, welche die Forschung in manchen Zeiträumen in
nachhaltiger Weise beeinflusst haben. Auf die historisch wichtigsten
derselben in Kürze einzugehen, dürfte sowohl von allgemeinem
Interesse als auch eine passende Einleitung für den Versuch sein, die
Anschauungen zusammenzustellen, zu denen die moderne Naturforschung
hinleitet.