Wechselwirkungen zwischen Protoplasma, Kern und Zellproduct.
In einem lebenden Organismus stehen notwendiger Weise alle
morphologisch unterscheidbaren Theile in bestimmten, gesetzmässigen
Wechselwirkungen zu einander. In dieselben einen Einblick zu
gewinnen, ist bei der ganzen Complication des Lebensprocesses in den
meisten Fällen ausserordentlich schwer. Immerhin ist auch hier durch
Beobachtung und Experiment schon ein erfreulicher Anfang gemacht, um
das dunkle Gebiet unserer Erkenntniss zu erschliessen.
Auf eine Betheiligung des Protoplasma an allen formativen Processen,
an der Bildung der Zellmembran, der Intercellularsubstanzen etc.
weisen verschiedenartige Befunde hin, welche sich wohl kaum in einer
anderen Weise erklären lassen.
Bei Pflanzen ist stets an den Stellen, von denen das Wachsthum
hauptsächlich ausgeht, die Hauptmasse des Protoplasma angesammelt: so
an den Spitzen wachsender Wurzelhaare, sprossender Pilzfäden etc.,
an den Vegetationspunkten vielzelliger und einzelliger Pflanzen, wie
Caulerpa.
Auch in der einzelnen Zelle häuft sich das Protoplasma stets an den
Orten grösster formativer Thätigkeit an.
Wenn in einer Pflanzenzelle sich die Cellulosemembran zu
vorspringenden Leisten oder sonstigen Sculpturen verdickt, geht das
Protoplasma schon einige Zeit, ehe die Verdickungen angelegt werden,
vorbereitende Veränderungen ein, indem es sich zu den Stellen des
stärkeren Wachsthums hinbegiebt. Auch während sich die Leisten und
Verdickungen bilden, gehen an ihnen fortwährend Ströme von körnigem
Protoplasma entlang.
Wenn bei Vaucheria ein kleines Stück abgetrennt wird, so sucht
alsbald das Protoplasma den Defect wieder zu ergänzen. Man sieht „zu
der Wunde körniges Plasma in dichteren Massen herandrängen und sich
zu einer nach aussen scharf begrenzten Schicht zusammenschliessen. An
dieser beginnt sich alsbald Zellhaut zu bilden.“ (Klebs.)
Wenn man durch Plasmolyse den Protoplasmakörper einer Pflanzenzelle
von seiner Membran abgelöst hat, ohne dass er dadurch in seinen
Lebensfunctionen gelitten hat, so scheidet er nach kurzer Zeit wieder
auf seiner Oberfläche eine neue Celluloseschicht aus, welche sich
durch Zusatz von Congoroth zum Wasser roth färben lässt.
Solange Zellen jung und in kräftigem Wachsthum begriffen sind,
enthalten sie die grösste Menge von Protoplasma, während dasselbe in
alten Zellen, namentlich wenn dieselben ihre formative Thätigkeit
eingestellt haben, oft nur in geringen Spuren nachzuweisen ist. So
kann in grossen, ausgewachsenen Pflanzenzellen der protoplasmatische
Beleg an der Innenfläche der Cellulosemembran so außerordentlich
dünn werden, dass er als ein besonderes Häutchen nur vermittelst der
Plasmolyse nachzuweisen ist. Ebenso ist in den blasigen Chordazellen
der Thiere etc. Protoplasma nur noch in geringen Spuren vorhanden.
Besonders ist gegenwärtig die Forschung auf die Beziehungen des
Kerns zu den übrigen Bestandteilen der Zelle gerichtet. Dass
derselbe namentlich während des ganzen Theilungsprocesses in sehr
auffälligen Wechselbeziehungen zum Protoplasmakörper steht, wurde
schon früher gezeigt. (Seite 172). Aber auch zu anderen Zeiten
spielt er offenbar eine wichtige, physiologische Rolle im Leben
der Zelle; alle formativen und nutritiven Processe scheinen in
einem näheren, zur Zeit allerdings nicht genauer zu definirenden
Abhängigkeitsverhältniss von ihm zu stehen, wie sich aus den jetzt
näher zu besprechenden Beobachtungen von Haberlandt und Korschelt,
sowie aus Experimenten von Gruber, Nussbaum, Balbiani, Klebs und
Hofer schliessen lässt.
I. Beobachtungen über Stellungen des Kerns, welche auf eine
Betheiligung bei formativen und nutritiven Processen hinweisen.
Nach den ausgedehnten, wichtigen Untersuchungen von Haberlandt
(VIII. 4) befindet sich der +Kern von jungen, sich entwickelnden
Pflanzenzellen „meist in grösserer oder geringerer Nähe derjenigen
Stelle, an welcher das Wachsthum am lebhaftesten vor sich geht
oder am längsten andauert. Dies gilt sowohl für das Wachsthum der
ganzen Zelle als solcher, wie auch speciell für das Dicken- und
Flächenwachsthum der Zellhaut. Ist mehr als eine Stelle im Wachsthum
bevorzugt, so nimmt der Kern eine solche centrale Lage ein+ (Fig.
161 II), +dass er von den Orten ausgiebigsten Wachsthums ungefähr
gleichweit entfernt ist+. Zuweilen stellen Plasmastränge (Fig. 161
II) eine Verbindung der Kerne mit den Wachsthumsstätten auf kürzestem
Wege her. In der ausgebildeten Zelle behält der Kern seine frühere
Lage nur in der kleineren Anzahl der Fälle bei. Gewöhnlich verlässt
er den in der wachsenden Zelle innegehabten Platz und zeigt dann
zumeist eine unbestimmte, in einzelnen Fällen jedoch aufs Neue eine
bestimmte Lagerung.“
Von den zahlreichen Beobachtungen, an denen Haberlandt diese Sätze
begründet, theile ich einige besonders lehrreiche Beispiele mit.
Die Epidermiszellen vieler Pflanzen zeigen häufig Verdickungen
entweder an ihrer nach aussen oder nach innen gerichteten Wandfläche.
Je nachdem liegt der Kern entweder der Aussenwand oder der Innenwand
und zwar der Mitte der Verdickung dicht an. In sehr anschaulicher
Weise lehren dies die in Fig. 161 zusammengestellten Beispiele: Nr.
I eine Zellreihe von der Epidermis des Laubblattes von Cypripedium
insigne, Nr. III eine Epidermiszelle der Fruchtschale von Carex
panicea. Nr. IV. eine junge Epidermiszelle des Laubblattes von Aloë
verrucosa.
Eine zweite Reihe von Beobachtungen betrifft das Wachsthum ober- und
unterirdischer Pflanzenhaare.
Die zarten +Wurzelhaare+ der Pflanzen zeigen ein deutlich
ausgesprochenes Spitzenwachsthum. Hier findet sich denn auch der
Kern, so lange das Wachsthum andauert, stets in der Spitze (Fig. 162
_A_), während er in ausgewachsenen, alten Haaren sich weiter von
ihr entfernt hat. Wenn ein Wurzelhaar sich aus einer Epidermiszelle
neu anlegt, so geschieht dies stets durch Ausstülpung der über dem
Zellkern gelegenen Parthie der Aussenwand (Fig. 162 _B_).
Bei manchen Pflanzen (Brassica oleracea) kann sich die Zelle des
Wurzelhaares verzweigen, wobei dann der einfache Kern in einen der
Zweige hereinrückt. Dieser wird dann sowohl der protoplasmareichste,
als auch der längste, während die anderen Zweige zu wachsen aufhören.
[Illustration: =Fig. 161. _I_ Epidermiszellen des Laubblattes
von Cypripedium insigne.= Nach ~Haberlandt~ Taf. I, Fig. 1.
=_II_ Epidermiszelle von Luzula maxima.= Nach
~Haberlandt~ Taf. I, Fig. 3.
=_III_ Epidermiszelle der Fruchtschale von Carex panicea.=
Nach ~Haberlandt~ Taf. I, Fig. 14.
=_IV_ Junge Epidermiszelle des Laubblattes von Aloë
verrucosa.= Nach ~Haberlandt~ Taf. I, Fig. 7.]
[Illustration: =Fig. 162. _A_ Wurzelhaar von Cannabis
sativa.= Nach ~Haberlandt~ Taf. II, Fig. 26.
=_B_ Entstehung der Wurzelhaare von Pisum sativum.= Nach
~Haberlandt~ Taf. II, Fig. 22.]
Von den Wurzelhaaren unterscheiden sich die +oberirdischen
Haare+ dadurch, dass sie ein basipetales, intercalares Wachsthum
besitzen, wie Haberlandt durch Messungen festgestellt hat. In Folge
dessen liegt hier der Kern nicht in der Spitze, sondern ungefähr
da, wo sich der secundäre, basale Vegetationspunkt befindet und das
Längenwachsthum am längsten andauert.
Unter +Sternhaaren+ (Fig. 163) versteht man eigenthümliche,
einzellige Gebilde, die sich nach ihrem peripheren Ende in mehrere,
in radiärer Richtung auseinander weichende Zweige spalten. Hier liegt
der Kern im Mittelpunkt der Verzweigung, so lange die formativen
Processe andauern, rückt dann aber nach beendetem Wachsthum wieder
näher an die Basis heran.
Auch +Pilze+ und +Algen+ liefern Belege für eine Theilnahme
des Kerns an den formativen Processen. Bei den +vielkernigen Hyphen
von Saprolegnia+ bilden sich seitliche Schläuche stets unmittelbar
über einem in nächster Nähe der Wandung befindlichen Kern. +Bei
Vaucheria und anderen vielkernigen Algen+ giebt es, wie bei den
höheren Pflanzen, besondere +Vegetationspunkte+, von denen das
hauptsächliche Wachsthum ausgeht; an diesen sieht man nun zahlreiche
kleine Kerne der Cellulosemembran unmittelbar angelagert, dann folgt
eine Schicht von Chromatophoren, während in dem übrigen Theil der
Zelle die Lage gerade eine umgekehrte ist.
[Illustration: =Fig. 163. Junges Sternhaar von Autrietia
delloidea.= Nach ~Haberlandt~ Taf. II, Fig. 28.]
Noch auffälliger ist die Beziehung der Kerne zur Bildung der
Zellhaut bei den Erscheinungen, die sich bei der +Wundheilung von
Vaucheria+ beobachten lassen. Denn jetzt treten in dem an der
Wundstelle sich ansammelnden Protoplasma zahlreiche kleine Kerne
auf; sie rücken also an die Oberfläche empor, die Chlorophyllkörner
dagegen werden gerade in entgegengesetzter Richtung zurückgezogen.
+Kerne und Chlorophyllkörner tauschen so ihre Plätze gegen
einander aus.+ Durch diese Wahrnehmung widerlegt sich zugleich
der sonst leicht zu erhebende Einwand, dass der oder die Kerne
einfach an den Stellen vorgefunden würden, zu denen das Protoplasma
in grösserer Menge zuströme und sie mit sich schleppe. Denn dann
wäre eine gleichzeitige entsprechende Verlagerung der viel kleineren
Chlorophyllkörner noch eher zu erwarten, zumal diese ja unter dem
Einfluss verschiedener Beleuchtung sehr leicht ihren Ort verändern.
Von dieser Wanderung bleiben nun aber wieder die Kerne unberührt.
„Wir sehen also,“ bemerkt Haberlandt, „dass Zellkerne und
Chlorophyllkörner unabhängig von einander bestimmte Ortsveränderungen
zeigen, welche, vorausgesetzt, dass dieselben passiv erfolgen,
keinenfalls durch Bewegungen des gesammten Körnerplasmas bewirkt
werden können. Wenn nun das strömende Plasma betreffs der
mitzuführenden Inhaltskörper gewissermaassen eine bestimmte Auswahl
trifft, in dem einen Falle den grösseren Zellkern mitschleppt,
die kleineren Chromatophoren zurücklässt, im anderen Falle wieder
die Chromatophoren verschiebt und die ebenso kleinen oder oft
noch kleineren Zellkerne unverrückt lässt, so kann +eine solche
Verschiedenheit der Bewegungs-Erscheinungen doch nur den Sinn
haben, dass durch dieselben bestimmte, mit der Function der Kerne,
beziehungsweise der Chromatophoren zusammenhängende Lagerungsweisen
bezweckt werden.+“
Aehnliche Beziehungen zwischen Lage und Function der Kerne, wie
Haberlandt für die Pflanzenzellen, hat Korschelt (VIII. 8) für
+thierische Zellen+ nachgewiesen.
Zellen, welche sich durch reichliche Aufnahme von Reservestoffen
beträchtlich vergrössern, sind die Eier. Diese haben häufig
das Keimbläschen an dem Orte gelagert, an dem vorzugsweise die
Stoffaufnahme vor sich gehen muss. So nehmen z. B. bei einem Theil
der Cölenteraten die Eier ihre Entstehung aus dem Entoderm und
werden aus dem Inhalt des Gastrovascularsystems durch Vermittelung
von Entodermzellen ernährt. In Uebereinstimmung mit dem oben
aufgestellten Satz liegen in jungen Eiern die Keimbläschen ganz
oberflächlich und zwar an der nach der Gastralhöhle zugewandten
Seite (Fig. 164). Bei manchen Actinien (Hertwig VIII. 5b) reichen
die Eier sogar noch lange Zeit mit einem stielartigen Fortsatz in
das Darmepithel bis an seine Oberfläche heran (Fig. 165). Der Stiel
lässt eine regelmässig fibrilläre Structur erkennen, wie sie überall
da auftritt, wo ein reger Stoffaustausch stattfindet und dieser
Stoffaustausch bestimmte Bahnen einhält; er lässt sich daher als ein
besonderer Nährapparat des Eies in Anspruch nehmen. Auch hier liegt
das Keimbläschen regelmässig der Basis des Nährapparats unmittelbar
an (Fig. 165).
[Illustration: =Fig. 164. Junges Ei von Adamsia rondeleti.=
Vergr. 145. Nach ~Korschelt~ Ste. 47, Fig. 8.]
[Illustration: =Fig. 165. Querschnitte durch das periphere Ende und
den Stiel von Eizellen der Sagartia parasitica= (nach O. und R.
~Hertwig~). Nach ~Korschelt~ Fig. 10.
Nach oben sieht man den gestreiften Stiel der Eizelle in das Epithel
eindringen.]
Ein ähnliches Verhalten trifft man in den schlauchförmigen Ovarien
der Insekten, die in Eifächer und in Nährfächer gegliedert sind.
Entweder ist hier wieder das Keimbläschen an das Nährfach dichter
herangerückt, oder es zeigt das noch interessantere Verhalten,
dass es nach dem Nährfach zu zahlreiche, pseudopodienartige
Fortsätze (Fig. 166) ausstreckt und dadurch nach der Seite, wo die
Stoffaufnahme stattfindet seine Oberfläche in auffälliger Weise
vergrössert. Hier beginnt sich denn auch der Dotter in der Umgebung
des Keimbläschens in zahlreichen, dunkeln Körnchen abzuscheiden,
welche von den Nährzellen zugeführt worden sind.
Bei den meisten Thieren werden die Eier durch Vermittelung des
Follikelepithels ernährt. Korschelt findet dementsprechend, dass
bei Insekten die Kerne der Follikelzellen, so lange die Bildung des
Dotters und des Chorions vor sich geht, unmittelbar an der nach dem
Ei gerichteten Oberfläche liegen, dagegen nach Fertigstellung des
Chorions in die Mitte der Zelle zurückweichen.
Noch frappanter ist das Verhalten der +Kerne in den sogenannten
Doppelzellen+, welche strahlenartige Chitinfortsätze an dem Chorion der
Eier von Wasserwanzen (Ranatra und Nepa) erzeugen (Fig. 167 _A_ _B_).
Die Protoplasmakörper der beiden Zellen, welche einen Strahl zwischen
sich ausscheiden, verschmelzen. Während der Ausscheidung schicken die
beiden überaus grossen Kerne an der nach dem Strahl zugekehrten Seite
zahlreiche, feine Fortsätze aus.
[Illustration: Fig. 166.]
[Illustration: Fig. 167.]
=Fig. 166. Ein Eifollikel von Dytiscus marginalis mit angrenzendem
Nährfach, in welchem eine reichliche Körnchenausscheidung
stattfindet. Das Keimbläschen des Eies sendet Fortsätze aus nach der
Richtung der Körnchenanhäufungen.= Nach ~Korschelt~ Taf. I, Fig. 20.
=Fig. 167. _A_ Querschnitt einer secernirenden Doppelzelle aus dem
Eifollikel von Nepa cinerea L. Die Bildung des Strahles ist noch im
Gange.= Vergr. 270fach. Nach ~Korschelt~ Taf. V, Fig. 120.
=_B_ Längsschnitt einer Doppelzelle aus dem Eifollikel von Nepa.
Bildung der Basis des Strahles.= Vergr. 195fach. Nach ~Korschelt~
Taf. V, Fig. 121.
Aus diesen und ähnlichen Beobachtungen ziehen Haberlandt und
Korschelt folgende, die Function des Zellkerns betreffende Schlüsse:
1) „Die Thatsache, dass der Kern gewöhnlich blos in der jungen, sich
erst entwickelnden Zelle eine bestimmte Lagerung zeigt, weist darauf
hin, dass seine Function hauptsächlich mit den Entwickelungsvorgängen
der betreffenden Zelle zusammenhängt.“ (Haberlandt.)
2) „Aus der Art seiner Lagerung ist zu schliessen, dass der Kern
beim Wachsthum der Zelle, speciell beim Dicken- und Flächenwachsthum
der Zellhaut, eine bestimmte Rolle spielt. Damit ist nicht
ausgeschlossen, dass er in der ausgebildeten Zelle eventuell noch
andere Functionen zu erfüllen hat.“ (Haberlandt.)
3) Der Kern ist wie bei der Abscheidung, so auch bei der
Nahrungsaufnahme der Zelle betheiligt. Ausser in der Lage kann sich
dies auch darin kundgeben, dass der Kern nach dem Ort der Abscheidung
und der Stoffaufnahme seine Oberfläche durch Ausstrecken zahlreicher
Fortsätze vergrössert.
II. Experimente, aus denen sich auf eine Wechselwirkung zwischen Kern
und Protoplasma schliessen lässt.
Zu gleichem Ergebnisse haben die experimentellen Untersuchungen
von Gruber, Nussbaum, Hofer, Verworn, Balbiani und Klebs geführt.
Die Methode besteht darin, dass man in irgend einer Weise einen
einzelligen Organismus oder eine einzelne Zelle in ein kernhaltiges
und in ein kernloses Stück trennt und dann das weitere Verhalten
derselben verfolgt und vergleicht.
Durch Plasmolyse in 16% Zuckerlösung konnte Klebs (IV. 14, VIII.
7) die Zellen von Spirogyrafäden in ein kernhaltiges und mehrere
kernlose Stücke zerlegen. Obwohl die letztern zuweilen sechs
Wochen am Leben blieben, ehe sie zerfielen, bestand doch in
ihrer Lebensfunction ein grosser Unterschied im Vergleich zu den
kernhaltigen Theilstücken. +Die kernhaltigen Stücke fahren fort
zu wachsen und umgeben sich mit einer neuen, durch Congoroth leicht
nachweisbaren Zellhaut. Die kernlosen dagegen bleiben vollständig
kuglig, vergrössern sich nicht und können keine Zellhaut bilden.+
Wie weit der letztere Process vom Vorhandensein des Kerns beeinflusst
wird, geht in besonders auffälliger Weise daraus hervor, dass, wenn
die durch Plasmolyse erhaltenen Theilstücke nur noch durch eine feine
Plasmabrücke verbunden sind, dieser Zusammenhang schon genügt, um das
kernlose Stück zur Abscheidung von Cellulose zu befähigen.
Indessen gehen im Protoplasma gewisse Stoffwechselprocesse auch ohne
Anwesenheit des Zellkerns vor sich; zum Beispiel +assimiliren die
kernlosen Stücke noch+ und vermögen sowohl Stärke aufzulösen,
als auch neu zu bilden, vorausgesetzt dass sie einen Theil des
Chlorophyllbandes besitzen. Wenn sie längere Zeit im Dunkeln
gehalten sind, werden sie stärkefrei durch Verbrauch der vorher
abgelagerten Körnchen; in das Licht zurückgebracht, füllen sich die
Chlorophyllbänder wieder mit neuassimilirter Stärke; ja, es wird hier
sogar reichlicher als beim kernhaltigen Theil Stärke angesammelt,
wahrscheinlich aus dem naheliegenden Grunde, weil der Verbrauch der
Stärke bei dem Daniederliegen aller übrigen Lebensfunctionen auf ein
Minimum herabgesetzt ist.
Kernlose Theilstücke von Funaria hygrometrica zeigen ein etwas
abweichendes Verhalten, indem sie zwar Stärke auflösen, aber keine
neue bilden können, trotzdem sie 6 Wochen am Leben bleiben.
Beim Zerschneiden von Vaucheria erhält man grössere und kleinere
Protoplasmaklumpen theils mit, theils ohne Kern. Die Lebensfähigkeit
derselben, sowie das Abscheiden einer neuen Cellulosehülle ist an
das Vorhandensein von mindestens einem Zellkern geknüpft (Haberlandt
VIII. 4).
Nicht mindere wichtige Ergebnisse wie bei den Pflanzen sind durch
Zerstückelungen von Amöben, Rhizopoden und Infusorien gewonnen
worden. Wie Nussbaum (VIII. 9), Gruber (VIII. 3), Hofer (VIII.
6) und Verworn (VIII. 10) in übereinstimmender Weise mittheilen,
+können nur kernhaltige Theilstücke die verloren gegangenen Organe
wieder durch Neubildung ersetzen+ und sich zu einem normalen
Individuum, das wächst und sich vermehrt, umgestalten. +Kernlose
Theile, selbst wenn sie grösser als die kernhaltigen sind, können
sich weder ergänzen noch wachsen+, aber längere Zeit, oft mehr
als 14 Tage, eine Art von Scheindasein führen; schliesslich aber
zerfallen sie. Die formative Thätigkeit des Protoplasma scheint
daher in erster Linie unter dem Einfluss des Kerns zu stehen.
Weniger sicher gestellt ist dies für andere Functionen der Zelle,
wie für die Bewegungsfähigkeit, für die Reizbarkeit und für die
Verdauungsprocesse. Die Urtheile der einzelnen Beobachter gehen hier
auseinander.
Bei Amöben sah Hofer das kernlose Theilstück, nachdem das erste durch
die Operation bedingte Reizstadium überwunden war, 15–20 Minuten lang
ziemlich normale Bewegungen ausführen; er erblickt hierin noch eine
Nachwirkung des Kernes, welchem er einen regulatorischen Einfluss auf
die Bewegungen des Protoplasma zuschreibt. Denn während weiterhin
das kernhaltige Stück wie ein normales Individuum die Pseudopodien
ausstreckt und sich fortbewegt, bleibt der kernlose Theil zu einem
rundlichen Körper zusammengezogen und macht nur ab und zu nach
stundenlangen Ruhepausen anormale, ruckartige Bewegungen; er heftet
sich an der Unterlage nicht fest, wie herumkriechende Amöben thun,
und beginnt daher bei der geringsten Wasserbewegung zu flottiren.
Eine grössere Unabhängigkeit der Protoplasmabewegung vom Einfluss des
Kerns fand Verworn bei Difflugia. Selbst kleine, kernlose Theilstücke
streckten in der für das unverletzte Rhizopod charakteristischen
Weise lange, fingerförmige Pseudopodien aus und setzten noch nach
fünf Stunden ihre Bewegungen fort. Auch waren sie noch vollkommen
reizbar und reagirten auf mechanische, galvanische und chemische
Reize durch Contraction ihres Körpers.
Protisten, welche besondere locomotorische Organe, wie Cilien,
Wimpern, Cirrhen etc. entwickelt haben, lassen nach Verworn bei
Theilungsversuchen eine vollständige Autonomie und Unabhängigkeit
derselben vom Kern erkennen.
Bei Lacrymaria führt jeder des Kerns beraubte Körpertheil nach seiner
Abtrennung vom Körper dieselben Bewegungen aus, wie zur Zeit, als er
noch mit ihm in Zusammenhang stand. Kleine Stücke von Stylonichia,
die mit einer Anzahl Bauchwimpern versehen sind, machen mit diesen
noch die eigenthümlichen Laufbewegungen. Selbst bei einem kleinsten
Plasmastückchen, das nur eine einzige Sprungcirrhe besitzt, fährt
diese in ihren charakteristischen Bewegungen fort. Wenn sie nach
hinten gerichtet war, wird sie von Zeit zu Zeit plötzlich nach vorn
geschnellt, wodurch dem Theilstück ein kurzer Ruck nach rückwärts
ertheilt wird; darauf kehrt sie selbst wieder in die Ruhelage zurück
u. s. w.
Gleich den Cilien und Cirrhen zeichnen sich auch die contractilen
Vacuolen der Protisten durch vollständige Autonomie aus. Denn auch an
kernlosen Stücken kann man sehen, wie sie sich tagelang rhythmisch
contrahiren (Verworn).
In Bezug auf die Verdauung endlich macht sich ein erheblicher
Unterschied zwischen kernlosen und kernhaltigen Theilstücken
bemerkbar. Während von letzteren gefressene, kleine Infusorien,
Räderthierchen etc. in der normalen Weise verdaut werden, hat bei
ersteren die Verdauung sowohl der Zeit nach, als auch an Intensität
eine erhebliche Abnahme erfahren. Man könnte hieraus schliessen, dass
es dem Protoplasma nur unter der Mitwirkung des Kerns möglich ist,
verdauende Secrete zu produciren (Hofer, Verworn).
Dass zwischen einzelnen Beobachtungen und Experimenten, die im
achten Capitel mitgetheilt wurden, noch Widersprüche bestehen, wird
nicht Wunder nehmen, wenn man die Schwierigkeit der zu lösenden
Aufgaben im Auge behält.
Literatur. VIII.
1) =Balbiani.= _Recherches expérimentales sur la mérotomie des
Infusoires ciliés. Prem. part. Recueil. Zool. Suisse. 1889._
2) =Boveri.= _Ein geschlechtlich erzeugter Organismus ohne
mütterliche Eigenschaften. Gesellsch. f. Morphol. u. Physiol. zu
München. 1889._
3) =Gruber.= _Ueber die Einflusslosigkeit des Kerns auf die
Bewegung, die Ernährung u. das Wachsthum einzelliger Thiere. Biolog.
Centralblatt. Bd. III._
_+Derselbe.+ Ueber künstliche Theilung bei Infusorien. Biolog.
Centralbl. Bd. IV u. V._
4) =Haberlandt.= _Ueber die Beziehungen zwischen Function und
Lage des Zellkerns bei den Pflanzen. Jena 1887._
5a) =Oscar= _u._ =Richard Hertwig=. _Ueber den
Befruchtungs- u. Theilungsvorgang des thierischen Eies unter dem
Einfluss äusserer Agentien. Jena 1887._
5b) _+Dieselben.+ Die Actinien, anatomisch und histologisch
mit besonderer Berücksichtigung des Nervenmuskelsystems untersucht.
Jena 1879._
6) =Hofer.= _Experimentelle Untersuchungen über den
Einfluss des Kerns auf das Protoplasma. Jenaische Zeitschrift f.
Naturwissenschaft. Bd. XXIV._
7) =Klebs.= _Ueber den Einfluss des Kerns in der Zelle.
Biolog. Centralbl. Bd. VII. 1887._
8) =Korschelt.= _Beiträge zur Morphologie u. Physiologie des
Zellkerns. Zool. Jahrbücher. Abth. f. Anatomie. Bd. IV. 1889._
9) =Nussbaum.= _Ueber die Theilbarkeit der lebendigen Materie.
Archiv f. mikroskop. Anatomie. Bd. XXVI. 1886._
10) =Verworn.= _Die physiologische Bedeutung des Zellkerns.
Archiv f. d. ges. Physiologie. Bd. LI. 1891._