1) Die Befruchtungsbedürftigkeit der Zellen.

Unter Befruchtungsbedürftigkeit verstehen wir einen Zustand der

Zelle, in welchem sie für sich allein die Fähigkeit verloren hat, den

Lebensprocess fortzusetzen, diese Fähigkeit aber in sehr gesteigertem

Maasse wiedererlangt, wenn sie sich mit einer zweiten Zelle im

Befruchtungsakt verbunden hat. Ein tieferer Einblick in das Wesen

dieses Zustandes fehlt uns zur Zeit noch durchaus; denn es handelt

sich um Eigenschaften der lebenden Substanzen, die ausserhalb des

Bereiches unserer sinnlichen Wahrnehmung liegen und sich uns nur

in ihren Folgeerscheinungen zu erkennen geben. Auch ist das dunkle

Gebiet von Seiten der Physiologie noch wenig einer planmässigen

Bearbeitung unterworfen worden. Wir können daher hier nur auf

einige Erfahrungen aufmerksam machen, welche die physiologische

Untersuchung in Zukunft zu vermehren und zu vertiefen haben wird.

Am meisten wird hierbei eine Vertiefung unseres Wissens von dem

Studium der niedersten Organismen zu erwarten sein, weil bei ihnen

die Einzelzellen eine absolute oder wenigstens noch eine sehr grosse

Selbständigkeit besitzen und nicht wie bei den höheren Organismen in

Beziehung und Abhängigkeit von den übrigen Zellen des Körpers gesetzt

sind. Bei ihnen sind daher die Grundphänomene des Lebens in grösserer

Klarheit zu erkennen.

Die zur Zeit vorliegenden Erfahrungen lassen sich in folgende Sätze

zusammenfassen:

1) Die Befruchtungsbedürftigkeit tritt im Leben der Zelle periodisch

ein; 2) sie ist überall nur von kurzer Zeitdauer; 3) sie ist bis zu

einem gewissen Grade von äusseren Einflüssen abhängig, und damit

hängt es dann wohl 4) zusammen, dass sie in manchen Fällen aufgehoben

und in Parthenogenese und Apogamie umgewandelt werden kann.

+Dass die Befruchtungsbedürftigkeit eine im Lebensprocess der Zelle

periodisch eintretende Erscheinung ist+, lässt sich am besten

auf experimentellem Wege durch das Studium der Infusorien beweisen.

Maupas (VII. 30) hat hierüber sehr zahlreiche, verdienstvolle

Untersuchungen angestellt.

+Im Leben eines jeden Infusors kann man eine Periode der

Geschlechtslosigkeit und eine Periode der Geschlechtsreife oder

Befruchtungsbedürftigkeit unterscheiden.+ Die erstere beginnt,

wenn sich zwei Thiere gegenseitig befruchtet haben und sich trennen;

sie führt zu einer Vermehrung der Individuen durch rasch sich

wiederholende Theilungen. In dieser Periode kann man Individuen

aus verschiedenen Culturen zusammenbringen und sie Bedingungen

aussetzen, welche für die Conjugation am günstigsten sind, ohne dass

es jemals zu Paarungen kommt. Erst längere Zeit nach Ablauf einer

Paarung werden die Infusorien wieder befruchtungsbedürftig. Werden

dann aus zwei Culturen Individuen unter geeigneten Bedingungen

zusammengebracht, so erfolgen reichliche Paarungen in wenigen Tagen.

So hat Maupas festgestellt, dass bei Leukophrys patula Individuen,

welche der 300sten bis 450sten Generation nach einem Befruchtungsakt

angehören, allein fruchtbare Copulationen ausführen können. Für

Onychodromus fällt diese Periode der Befruchtungsbedürftigkeit

etwa zwischen die 140ste bis 230ste Generation und bei Stylonichia

pustulata zwischen die 130ste bis 180ste.

Der zweite Satz lautete: Der Zustand der Befruchtungsbedürftigkeit

ist überall nur von kurzer Zeitdauer. Wenn Zellen, die für die

Befruchtung reif sind, nicht rechtzeitig befruchtet werden, so gehen

sie bald zu Grunde. Infusorien, Algenschwärmer, thierische Eizellen

liefern uns Beispiele zur Bestätigung des Satzes.

Wenn die einzelnen Individuen der oben als Beispiel benutzten

Infusorienart „Onychodromus“ während der 140sten bis 230sten

Generation oder Individuen von Stylonichia pustulata während der

130sten bis 180sten Generation nicht Gelegenheit erhalten, sich zu

paaren, so werden sie geschlechtsalt oder überreif. Sie fahren zwar

noch fort, sich durch Theilung zu vervielfältigen, können sich sogar

noch paaren, aber ohne Erfolg. Denn trotz der Paarung verfallen

sie einer allmählichen Zerstörung ihrer Organisation durch „senile

Degeneration“, wie sich Maupas ausdrückt. Der Eintritt derselben

lässt sich an charakteristischen Veränderungen des Kernapparats

erkennen.

Schwärmsporen oder Gameten von Algen sterben oft schon nach

einigen Stunden ab, wenn sie im Wasser herumgeschwärmt sind,

ohne zur Paarung mit geeigneten Individuen gelangt zu sein.

Die Empfängnissfähigkeit der grossen weiblichen Gameten von der

Algenart Cutleria, wenn sie, zur Ruhe gekommen, ein Ei darstellen,

ist eine verhältnissmässig kurze. Mehrfache, von Falkenberg (VII.

10) angestellte Versuche zeigten, „dass am dritten Tage nach

eingetretener Ruhe noch nahezu alle Eier, am vierten Tage noch etwa

die Hälfte derselben befruchtungsfähig waren. Nach dem vierten Tage

hatten dagegen alle Eier ihre Empfängnissfähigkeit eingebüsst, und

wenn man ihnen auch jetzt noch Spermatozoïdien zusetzte, so begannen

sie doch nunmehr unter denselben Erscheinungen wie die vom Zutritt

der befruchtenden Zellen gänzlich abgeschnitten gebliebenen Eier

abzusterben“.

Reife, thierische Eizellen endlich haben, auch wenn sie sich in ihrer

normalen Umgebung im Eierstock oder in den Eileitern befinden, nicht

minder eine kurze Lebensdauer; sie gerathen bald in einen Zustand

der Ueberreife (Hertwig VI. 32). Ihre normalen Functionen sind

geschwächt; sie lassen sich zwar noch eine Zeit lang befruchten, aber

in anormaler Weise durch Eindringen vieler Samenfäden; sie treten in

Folge dessen auch nur in einen gestörten Entwicklungsprocess ein.

Hierin liegt unverkennbar eine Analogie mit der senilen Degeneration

von Infusorien vor, die zur geeigneten Zeit an der Paarung verhindert

waren.

Der dritte Satz, dass das frühere oder spätere Eintreten der

Befruchtungsbedürftigkeit von äusseren Verhältnissen abhängig ist,

lässt sich in einigen Fällen sehr deutlich nachweisen.

So kann man durch stets erneute, reichliche Zufuhr von Nahrung

Culturen von Infusorien an der Paarung verhindern (Maupas VII.

30). Sie fahren fort, sich zu theilen, bis die ganze Cultur in

Folge Eintritts von „seniler Degeneration“ (Entartung) ausstirbt.

Umgekehrt kann man Culturen von Infusorien, welche sich dem Zustand

der Geschlechtsreife nähern, durch Nahrungsentziehung sofort zur

Paarung bestimmen. „Une riche alimentation“, bemerkt Maupas, „endort

l’appétit conjugant; le jeûne, au contraire, l’éveille et l’excite.“

Ebenso hat +Klebs+ (VII. 28) für das Wassernetz (Hydrodiktyon)

einen Einfluss der äusseren Lebensbedingungen auf die Bildung der

Geschlechtszellen wahrnehmen und dieselbe bald früher hervorrufen,

bald verhindern können.

Klebs hat gesunde, aus der freien Natur stammende Netze zur

Gametenbildung dadurch gebracht, dass er sie in eine Rohrzuckerlösung

von 7–10% cultivirte. Nach 5–10 Tagen zerfällt das Netz vollständig,

indem in fast allen Zellen sich Gameten entwickelten. Ferner wird

in den Zellen die Neigung zur Gametenbildung gesteigert, wenn man

frische Netze in niedrigen Glasschalen mit relativ wenig Wasser an

einem sonnigen Fenster cultivirt. Nach Klebs besteht der Einfluss

der Zimmercultur darin, „dass durch sie das Wachsthum zum Stillstand

gebracht, dagegen die Erzeugung organischer Substanz mit Hilfe der

Assimilation nicht behindert wird, während gleichzeitig ein gewisser

Mangel an Nährsalzen eintritt.“

Auf der anderen Seite lässt sich, in ähnlicher Weise wie bei den

Infusorien, die geschlechtliche Fortpflanzung unterdrücken. Zu dem

Zwecke braucht man nur ein Netz, welches in seinen Zellen Gameten

zu bilden beginnt, in eine 0,5–1,0%ige Nährlösung zu übertragen,

welche aus 1 Theil schwefelsaurer Magnesia, 1 Theil phosphorsauren

Kalis, 1 Theil salpetersauren Kalis und 4 Theilen salpetersauren

Kalks besteht. Nach einiger Zeit liefert es ungeschlechtliche

Schwärmsporen, namentlich wenn es dann in frisches Wasser

zurückgebracht wird.

Nach Beobachtungen von Eidam bildet ein kleiner Pilz, +Basidiobolus

ranarum+, auf reichlichem Nährsubstrat aus Conidien gezüchtet,

ein kräftiges Mycel, das gleichzeitig sowohl ungeschlechtliche

Fortpflanzungszellen (Conidien) als auch Geschlechtszellen erzeugt.

Auf einem erschöpften Nährboden dagegen liefern die Conidien ein

spärliches Mycel, welches sich sofort und ausschliesslich durch

Geschlechtszellen, die sich zu Zygosporen verbinden, fortpflanzt.

Reichliche Ernährung begünstigt bei Pflanzen, wie die Erfahrung

der Gärtner lehrt, die vegetative Vermehrung und behindert die

Samenbildung, während umgekehrt Blüthen- und Samenbildung befördert

wird durch Beschränkung des vegetativen Wachsthums (Beschneiden

von Wurzeln und Sprossen) und dadurch hervorgerufene Hemmung des

Nahrungszuflusses.

Auch für Thiere, die sich auf parthenogenetischem Wege vermehren,

liegen entsprechende Beobachtungen vor. Wenn der Phylloxera vastatrix

die Nahrung entzogen wird, so kommen alsbald, wie Keller (VII. 26)

durch Experimente gezeigt hat, die geflügelten Geschlechtsformen zum

Vorschein, und es werden befruchtete Eier abgelegt.

+In manchen Fällen, namentlich bei niederen Organismen, ist die

Befruchtungsbedürftigkeit nur eine relative.+

Wenn bei der +Alge Ectocarpus+ (VII. 51) die weibliche Gamete

zur Ruhe gekommen ist, so ist sie für wenige Minuten empfängnissfähig

geworden. „Erfolgt in dieser Zeit keine Befruchtung, so wird der

Geisselfaden vollständig eingezogen, das Ei rundet sich ab und

scheidet eine Cellulosehaut aus. Nach 24–48 Stunden zeigen sich dann

die ersten Spuren einer parthenogenetischen Keimung.“ Sogar die

männlichen Gameten sind hier, wenn auch in geringerem Grade als die

weiblichen, spontan entwicklungsfähig. Nachdem dieselben mehrere

Stunden herumgeschwärmt sind, gelangen sie schliesslich, wie Berthold

mittheilt, zur Ruhe, „aber nur ein Theil entwickelt sich langsam zu

sehr schwächlichen und empfindlichen Keimpflanzen, ein anderer Theil

desorganisirt sich sogleich oder nach Verlauf von ein bis zwei Tagen“.

Ein sehr eigenthümliches, facultatives Verhältniss zeigen die Bienen,

deren Eier sich, gleichgültig ob sie befruchtet werden oder nicht,

wieder zu Bienen entwickeln. Nur liefern sie im unbefruchteten

Zustand Drohnen, dagegen in Folge der Befruchtung weibliche Thiere

(Arbeitsbienen und Königinnen). Zuweilen entstehen Zwitter, wie

Leuckart meint, aus Eiern, bei denen die Befruchtung zu spät

erfolgte, um die in männlicher Richtung fortgeschrittene Entwicklung

ganz umzugestalten. Die Möglichkeit, durch äussere Eingriffe in

Geschlechtszellen den Eintritt der Befruchtungsbedürftigkeit zu

beschleunigen oder sie im entgegengesetzten Fall aufzuhalten und

eventuell aufzuheben, wirft Licht auf +die Erscheinungen der

Parthenogenese und Apogamie+, auf welche wir jetzt noch viertens

näher einzugehen haben.

a) Die Parthenogenese.

In den meisten Fällen sind die Geschlechtszellen im Thier- und

Pflanzenreich, wenn sie nicht rechtzeitig zur Copulation gelangen,

unfehlbar dem raschen Untergang verfallen. Obwohl aus eminent

entwicklungsfähiger Substanz bestehend, können sie sich trotzdem

nicht beim Fehlen der einen Bedingung entwickeln.

Von der Unmöglichkeit spontaner Entwicklung der Eizellen waren die

meisten Naturforscher bis vor Kurzem so sehr überzeugt, dass sie

die Angaben über Jungfernzeugung bei einzelnen Thierarten ungläubig

aufnahmen, weil sie in ihnen einen Verstoss gegen ein Naturgesetz

erblickten. Und in der That kann es ja für die Säugethiere und für

die meisten anderen Organismen als ein Naturgesetz bezeichnet werden,

dass ihre männlichen und weiblichen Geschlechtszellen für sich allein

absolut entwicklungsunfähig sind. Eine Säugethierart würde unfehlbar

aussterben, wenn ihre männlichen und weiblichen Individuen sich nicht

zum Zeugungsakt verbänden. Trotzdem kann es nicht als ein allgemeines

Naturgesetz bezeichnet werden, dass die Eier ohne Befruchtung auch

stets entwicklungsunfähig sind.

Sowohl im Pflanzenreich wie im Thierreich kommen zahlreiche Fälle

vor, dass in besonderen Geschlechtsorganen Zellen gebildet werden,

welche ihrer ganzen Anlage nach ursprünglich bestimmt waren,

sich als Eier durch Befruchtung zu entwickeln, welche aber die

Befruchtungsbedürftigkeit nachträglich verloren haben und sich in

Folge dessen ganz wie vegetative Fortpflanzungszellen, wie Sporen,

verhalten.

Eine höhere Alge, die Chara crinita, findet sich im ganzen nördlichen

Europa nur in weiblichen Exemplaren. Trotzdem werden in ihren

Oogonien Eier gebildet, die sich auch ohne Befruchtung zu normalen,

keimfähigen Früchten entwickeln.

Noch lehrreicher sind die Fälle von Parthenogenese im Thierreich.

Sie sind namentlich bei kleinen Thieren aus dem Stamm der

Arthropoden, bei Rotatorien, Aphiden, Daphnoiden, Lepidopteren

etc. beobachtet worden. Dieselben Weibchen bringen zu gewissen

Zeiten in ihrem Eierstock nur Eier hervor, welche sich ohne

Befruchtung entwickeln, und zu anderer Zeit wieder Eier, welche

der Befruchtung bedürfen. Beide physiologisch so verschiedenen

Eier unterscheiden sich gewöhnlich auch in ihrem Aussehen. Die

parthenogenetischen Eier sind ausserordentlich klein und dotterarm

und werden demgemäss in grösserer Zahl und in kurzer Zeit entwickelt.

Die befruchtungsbedürftigen Eier dagegen übertreffen sie um ein

Vielfaches an Grösse und Dotterreichthum und brauchen längere Zeit zu

ihrer Entwicklung. Da die ersteren allein im Sommer, die letzteren

hauptsächlich bei Beginn der kalten Jahreszeit gebildet werden, hat

man sie auch als +Sommer-+ und +Wintereier+ unterschieden.

Letztere heissen auch +Dauereier+, da sie nach der Befruchtung

eine längere Ruheperiode durchmachen müssen, während die Sommereier

immer sofort wieder in den Entwicklungsprocess eintreten

(+Subitaneier+).

Eine Beziehung zu äusseren Bedingungen ist bei der Entwicklung der

parthenogenetischen Sommereier und der befruchtungsbedürftigen

Wintereier unverkennbar. Bei den Aphiden begünstigt reichliche

Ernährung die Bildung von Sommereiern, während Nahrungsbeschränkung

die Erzeugung befruchtungsbedürftiger Eier veranlasst. Auch

bei den Daphnoiden bestehen augenscheinlich Beziehungen zu den

äussern Lebensbedingungen, wenn auch die einzelnen Factoren sich

experimentell weniger leicht feststellen lassen. Es geht dies schon

daraus hervor, dass bei den einzelnen Arten der +Daphnoiden+,

je nach den Lebensbedingungen, unter denen sie sich befinden, der

Generationscyclus ein verschiedenes Aussehen gewinnt.

Bewohner kleiner Pfützen, die leicht austrocknen, bringen

nur +eine+ oder wenige Generationen von Weibchen hervor, die

sich auf ungeschlechtlichem Wege vermehren, dann werden schon

befruchtungsbedürftige Eier erzeugt, so dass im Laufe eines

Jahres mehrere Zeugungskreise (bestehend aus Jungfernweibchen und

Geschlechtsthieren) aufeinander folgen. See- und Meerbewohner dagegen

erzeugen eine lange Reihe von Jungfernweibchen, ehe es gegen Ende der

warmen Jahreszeit zur Ablage von befruchtungsbedürftigen Dauereiern

kommt. Ein Zeugungskreis füllt daher hier ein ganzes Jahr aus.

(Polycyklische und monocyklische Arten von Weismann.)

Weismann (VII. 39), der den Gegenstand einer sehr eingehenden

Prüfung unterworfen hat, bemerkt, „dass ein- und zweigeschlechtliche

Generationen in verschiedener Weise bei den Daphnoiden miteinander

abwechseln und dass der Modus ihres Wechselns in auffallender

Beziehung zu den äusseren Lebensverhältnissen steht. Je nachdem

Vernichtungsursachen (Kälte, Austrocknen u. s. w.) mehrmals im Jahre

oder nur einmal oder gar nicht die Colonien einer Art heimsuchen,

finden wir Daphnoiden mit mehrfachem Cyclus innerhalb eines Jahres

oder mit +einem+ Cyclus oder schliesslich sogar Arten, welche gar

keinen Generationscyclus mehr erkennen lassen, und wir können danach

polycyklische, monocyklische und acyklische Arten unterscheiden“.

Bei manchen Arten, die häufig wechselnden Bedingungen ausgesetzt sind,

beobachtet man, dass von den im Eierstock sich entwickelnden Eiern

einige sich zu Sommereiern ausbilden, während andere den Ansatz machen,

zu Wintereiern zu werden. Es findet nach einem Ausspruch von Weismann

im Körper der Weibchen „gewissermaassen ein Kampf statt zwischen der

Tendenz zur Bildung von Dauereiern und derjenigen zur Bildung von

Sommereiern.“

So kann man namentlich bei Daphnia pulex zwischen mehreren

Sommereiern öfters die Anlage eines Dauereies im Ovarium erkennen,

welche einige Tage wächst, sogar beginnt, den feinkörnigen,

charakteristischen Dotter in sich abzulagern, dann aber in der

Entwicklung stille steht, um sich sodann allmählich aufzulösen und

vollständig zu verschwinden. Wenn Wintereier entwickelt worden sind,

dieselben aber in Folge der Abwesenheit von Männchen nicht befruchtet

werden können, so zerfallen sie nach einiger Zeit, und es kommt jetzt

wieder zur Entstehung von Sommereiern.

Wie erklärt es sich nun, dass von Eiern, die in demselben Keimstock

nacheinander entstehen, die einen der Befruchtung bedürfen, die

anderen nicht? Weismann (VII. 40), Blochmann (VII. 44), Platner (VII.

47) und Andere haben die sehr interessante Entdeckung gemacht, dass

in der Bildung der Polzellen (siehe darüber Seite 189) ein wichtiger

und ziemlich durchgreifender Unterschied zwischen parthenogenetischen

und befruchtungsbedürftigen Eiern besteht. Während nämlich bei

letzteren zwei Polzellen wie gewöhnlich abgeschnürt werden,

unterbleibt bei ersteren die Entwicklung der zweiten Polzelle und in

Folge dessen auch die mit diesem Vorgang sonst verbundene Reduction

der Kernsubstanz. +Der Eikern des Sommereies der Daphnoiden z. B.

besitzt daher auch ohne Befruchtung die ganze Nucleinmasse eines

Normalkerns.+

Es ist aber leicht einzusehen, dass durch dies interessante Verhalten

das Wesen der Parthenogenese selbst in keiner Weise erklärt wird. Denn

das Sommerei hat ja die Neigung, sich ohne Befruchtung zu entwickeln,

schon ehe es zur Bildung der Polzellen schreitet, wie aus der geringen

Ansammlung des Dotters, der abweichenden Beschaffenheit der Hüllen

etc. hervorgeht. +Das Ei wird nicht dadurch parthenogenetisch, weil

es die zweite Polzelle nicht bildet, sondern weil es schon für

parthenogenetische Entwicklung bestimmt ist, bildet es die zweite

Polzelle nicht; es bildet sie nicht, weil unter diesen Verhältnissen

eine Reduction der Kernmasse, die ja eine nachfolgende Befruchtung zur

Voraussetzung hat, keinen Zweck mehr hat.+

Auf dem Gebiet der Parthenogenese sind noch manche eigenthümliche

Erscheinungen beobachtet worden, deren genaueres Studium wahrscheinlich

zur Klärung dieser und jener Frage noch Manches beitragen wird. Eine

solche Erscheinung, deren Tragweite zur Zeit noch nicht übersehen

werden kann, ist die Thatsache, dass der Vorbereitungsprocess für die

Befruchtung sogar dann, wenn er schon weiter als bis zur Bildung der

ersten Polzelle geschritten ist, wieder rückgängig gemacht werden kann.

Bei manchen Thieren machen die Eier, wenn sie nicht zu normaler

Zeit befruchtet werden, gewissermaassen noch einen Ansatz zu einer

parthenogenetischen Entwicklung. Von den Eiern mancher Würmer,

einzelner Arthropoden, Echinodermen, ja selbst Wirbelthiere (Vögel)

werden Angaben gemacht, dass sie auch bei Abwesenheit von männlichem

Samen sich zu furchen, eventuell selbst Keimblätter zu bilden

beginnen, dann aber in ihrer Entwicklung still stehen bleiben und

absterben. Abnorme, äussere Verhältnisse scheinen das Zustandekommen

solcher Parthenogenese in einzelnen Fällen zu begünstigen, wie z. B.

bei Asteracanthion. In derartigen Fällen ist nun von Boveri bei

Nematoden und bei Pterotrachea, von mir bei Asteracanthion folgender

bemerkenswerther Vorgang bei der Entstehung der Polzellen beobachtet

worden.

Nach der Abschnürung der ersten Polzelle ergänzt sich die im Ei

zurückgebliebene Spindelhälfte wieder zu einer Vollspindel, als ob

jetzt noch die zweite Polzelle abgeschnürt werden soll. Trotzdem

unterbleibt ihre Bildung: denn aus der zweiten Spindel gehen durch

Theilung nur zwei Kerne hervor, die im Ei selbst bleiben. Hier

verschmelzen sie nach einiger Zeit, indem sie sich nach der Mitte

des Dotters hin bewegen, nachträglich wieder miteinander und liefern

so +gewissermaassen durch eine Selbstbefruchtung+ wieder einen

Kern, durch welchen die bald nachfolgenden, parthenogenetischen

Processe eingeleitet werden. Es wird hier also die zweite Theilung,

welche die Reduction der Kernmasse und eine nachfolgende Befruchtung

zum Zweck hat, wieder rückgängig gemacht. Dass hierdurch kein

ausreichender Ersatz für den Ausfall der Befruchtung geschaffen ist,

lehrt der weitere Verlauf des in Scene gesetzten, parthenogenetischen

Entwicklungsprocesses, nämlich das mehr oder minder früh erfolgende

Absterben des Keimes.

Aus dem Umstand, dass bei parthenogenetischer Entwicklung die Bildung

der zweiten Polzelle unterbleibt oder wieder rückgängig gemacht wird,

könnte man den Schluss ziehen, dass eine Entwicklung in allen Fällen

unmöglich gemacht sei, wo sich schon die Reduction der Kernmasse auf

die Hälfte des Normalmaasses vollzogen habe und dass sie dann nur

durch Befruchtung wieder hervorgerufen werden könne.

Zur Zeit kann auch dieser Schluss, der vielleicht etwas Wahres

in sich schliesst, nicht als ein allgemein gültiger bezeichnet

werden. Denn von Platner (VII. 47), Blochmann (VII. 46) und

Henking (VII. 17) werden Beobachtungen mitgetheilt, dass Eier von

gewissen Arthropoden (Liparis dispar, Bienen), trotzdem sie wie

befruchtungsbedürftige Eier zwei Polzellen geliefert haben, sich

doch auf parthenogenetischem Wege zu normalen Thieren entwickeln.

Allerdings ist in diesen Fällen eine genauere Feststellung des

Sachverhalts mit Rücksicht auf die Zahl der Kernsegmente noch

wünschenswerth.

Principiell muss jedenfalls die Möglichkeit zugegeben werden, dass

Eier, die nach Bildung zweier Polzellen reducirte Kerne enthalten,

sich doch noch parthenogenetisch weiter entwickeln können. Denn an

Nucleïnmasse reducirte Kerne haben keineswegs ihr Theilvermögen

verloren, wie man leicht glauben könnte. Besonders schlagend beweist

dies ein von Richard Hertwig und mir (VI. 38, 32) an den Eiern der

Seeigel ausgeführtes Experiment.

Man kann durch kräftiges Schütteln die Eier von Seeigeln in

kleine, +kernlose+ Stücke zerlegen, die sich abrunden und

während längerer Zeit noch Lebensfähigkeit aufweisen. Die Stücke

lassen sich durch Samen befruchten. Hierbei konnte regelmässig

festgestellt werden, dass der Samenkern oder, was noch häufiger

der Fall war, die in Mehrzahl eingedrungenen Samenkerne sich zu

kleinen, typisch gebauten Kernspindeln mit zwei Strahlungen an ihren

Polen umwandelten. Indem hierauf der Samenkern sich in Tochterkerne

theilte, die sich ihrerseits wieder durch indirecte Theilung

vermehrten, zerfiel das Eifragment in einen Haufen von vielen,

kleinen Embryonalzellen. Boveri (VIII. 2) hat diese Entdeckung noch

weiter verfolgt und ist zu dem wichtigen Ergebniss gelangt, dass sich

aus einem grösseren, kernlosen, einfach befruchteten Eifragment sogar

eine normale, nur entsprechend kleinere Larve züchten lässt.

b) Die Apogamie.

An die Parthenogenese lassen sich noch die ihr sehr nahe stehenden

Erscheinungen anschliessen, welche de Bary (VII. 2) unter dem Namen

+Apogamie+ zusammengefasst hat.

Apogamie wurde bei einigen Farnkräutern beobachtet. Bei denselben

findet bekanntlich eine Entwicklung mit Generationswechsel statt.

Aus vegetativen Fortpflanzungszellen, den Sporen, keimen kleinste

Pflänzchen, die Prothallien, hervor, die bestimmt sind, männliche und

weibliche Geschlechtsorgane und aus letzteren Eier zu bilden. Wenn

die Eier befruchtet werden, liefern sie wieder auf vegetativem Wege

ein sich fortpflanzendes Farnkraut.

Bei Pteris cretica und Asplenium filix femina cristatum und falcatum

ist nun der sonst so constante Generationswechsel durchbrochen.

Entweder erzeugen die Prothallien dieser drei Arten überhaupt keine

Geschlechtsorgane oder nur solche, die nicht mehr in Function treten,

also rudimentär geworden sind; dagegen entsteht aus jedem Prothallium

durch vegetative Sprossung ein neues Farnkraut.

Da es sich bei den drei Farnarten um Culturpflanzen handelt, so liegt

die Vermuthung nahe, dass die Entwicklung befruchtungsbedürftiger

Zellen durch die überreiche Ernährung unterdrückt und die vegetative

Vermehrung begünstigt worden ist.

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 1/2) · 第 150 / 170 题