Nach der Besprechung der morphologischen Erscheinungen, die sich
im Organismenreich beim Befruchtungsprocess beobachten lassen,
bleibt noch ein weites und schwieriges Forschungsgebiet übrig,
die Untersuchung der Eigenschaften, welche Zellen haben müssen,
um sich im Zeugungsakt vereinigen und den Ausgang für einen neuen
Entwicklungscyclus bilden zu können.
Zunächst ist klar, dass nicht jede Zelle eines vielzelligen
Organismus in die Lage kommt, zu befruchten oder befruchtet zu
werden, und dass auch die Geschlechtszellen nur in einem oft kurz
bemessenen Zeitraum für die Zeugung tauglich sind. Es müssen also in
den Zellen zum Zweck der Zeugung bestimmte Dispositionen geschaffen
werden, welche wir einstweilen unter dem allgemeinen Ausdruck
„+Befruchtungsbedürftigkeit+“ zusammenfassen wollen.
Die Befruchtungsbedürftigkeit der Zellen allein garantirt aber
noch lange nicht den Erfolg der Befruchtung. Dies lehrt schon
die einfache Thatsache, dass reife Eier und reifer Samen, von
verschiedenen Organismen zusammengebracht, sich nicht entwickeln.
Zur Befruchtungsbedürftigkeit muss daher noch ein zweiter Faktor
hinzutreten; die Zellen, welche sich geschlechtlich vereinigen
sollen, müssen in ihrer Organisation zu einander passen und in
Folge dessen auch die Neigung haben, sich miteinander zu verbinden.
Wir wollen den Inbegriff dieser Eigenschaften als +sexuelle
Affinität+ bezeichnen.
Die Physiologie des Befruchtungsprocesses lässt sich mithin
in zwei Abschnitte zerlegen: 1) in die Untersuchung der
Befruchtungsbedürftigkeit, und 2) in die Untersuchung der sexuellen
Affinität der Zellen. In einem dritten Abschnitt soll schliesslich
noch auf einige Hypothesen eingegangen werden, welche von
verschiedenen Seiten über das Wesen und den Zweck der Befruchtung
aufgestellt worden sind.