II. Die Physiologie des Befruchtungsprocesses.

Nach der Besprechung der morphologischen Erscheinungen, die sich

im Organismenreich beim Befruchtungsprocess beobachten lassen,

bleibt noch ein weites und schwieriges Forschungsgebiet übrig,

die Untersuchung der Eigenschaften, welche Zellen haben müssen,

um sich im Zeugungsakt vereinigen und den Ausgang für einen neuen

Entwicklungscyclus bilden zu können.

Zunächst ist klar, dass nicht jede Zelle eines vielzelligen

Organismus in die Lage kommt, zu befruchten oder befruchtet zu

werden, und dass auch die Geschlechtszellen nur in einem oft kurz

bemessenen Zeitraum für die Zeugung tauglich sind. Es müssen also in

den Zellen zum Zweck der Zeugung bestimmte Dispositionen geschaffen

werden, welche wir einstweilen unter dem allgemeinen Ausdruck

„+Befruchtungsbedürftigkeit+“ zusammenfassen wollen.

Die Befruchtungsbedürftigkeit der Zellen allein garantirt aber

noch lange nicht den Erfolg der Befruchtung. Dies lehrt schon

die einfache Thatsache, dass reife Eier und reifer Samen, von

verschiedenen Organismen zusammengebracht, sich nicht entwickeln.

Zur Befruchtungsbedürftigkeit muss daher noch ein zweiter Faktor

hinzutreten; die Zellen, welche sich geschlechtlich vereinigen

sollen, müssen in ihrer Organisation zu einander passen und in

Folge dessen auch die Neigung haben, sich miteinander zu verbinden.

Wir wollen den Inbegriff dieser Eigenschaften als +sexuelle

Affinität+ bezeichnen.

Die Physiologie des Befruchtungsprocesses lässt sich mithin

in zwei Abschnitte zerlegen: 1) in die Untersuchung der

Befruchtungsbedürftigkeit, und 2) in die Untersuchung der sexuellen

Affinität der Zellen. In einem dritten Abschnitt soll schliesslich

noch auf einige Hypothesen eingegangen werden, welche von

verschiedenen Seiten über das Wesen und den Zweck der Befruchtung

aufgestellt worden sind.

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 1/2) · 第 149 / 170 题