2) Die sexuelle Affinität.

Unter sexueller Affinität verstehe ich Wechselwirkungen, welche

befruchtungsbedürftige Zellen verwandter Art aufeinander ausüben in

der Weise, dass sie in bestimmte Nähe zu einander gebracht, sich

anziehen, sich verbinden und in eins verschmelzen, wie zwei chemische

Körper, zwischen denen nicht gesättigte, chemische Affinitäten

bestehen. Wenn beide Geschlechtszellen beweglich sind, so stürzen

beide aufeinander zu; wenn die eine Zelle als Ei unbeweglich

geworden ist, so wird die wechselseitige Anziehung sich in der

Bewegungsrichtung des Samenfadens besonders bemerkbar machen. Aber

auch nach der Verschmelzung der beiden Zellen wirkt die sexuelle

Affinität noch weiter und äussert sich in der Anziehung, welche Ei-

und Samenkern, mit ihren Centralkörperchen auf einander ausüben und

zu den früher beschriebenen Aneinanderlagerungen und Verschmelzungen

führen.

Es bleibt nun zweierlei in diesem Abschnitt an Beispielen zu

beweisen, erstens, dass zwischen befruchtungsbedürftigen Zellen

überhaupt Wechselwirkungen bestehen, welche mit dem Namen

sexuelle Affinität bezeichnet werden können, und zweitens,

dass diese Affinität nur zwischen Zellen bestimmter Art in

Wirksamkeit tritt, woran sich die Frage schliesst, welcher Art die

befruchtungsbedürftigen Zellen sein müssen.

a) Die sexuelle Affinität im Allgemeinen.

Dass Geschlechtszellen auf eine gewisse Entfernung hin eine deutlich

nachweisbare, eigenartige Einwirkung aufeinander ausüben, geht aus

zahlreichen Mittheilungen zuverlässiger Beobachter hervor. Ich

beschränke mich auf einige besonders lehrreiche Fälle, welche von

Falkenberg, de Bary, Engelmann, Juranyi, Fol beschrieben worden sind.

Falkenberg (VII. 10) hat den Befruchtungsvorgang an einer niederen

Algengattung Cutleria verfolgt. Zu empfängnissfähigen, zur

Ruhe gekommenen Eiern von Cutleria adspersa setzte er lebhaft

schwärmende Samenfäden von der nahe verwandten und äusserlich nur

durch geringe Differenzen unterscheidbaren Cutleria multifida

hinzu. „In solchen Fällen sah man die Spermatozoïden unter dem

Mikroskop ziellos umherirren und endlich absterben, ohne an den

Eiern der verwandten Algenspecies den Befruchtungsakt vollzogen zu

haben. Freilich blieben einzelne Spermatozoïden, welche zufällig

auf die ruhenden Eier stiessen, momentan an diesen hängen, aber

nur um sich eben so schnell wieder von ihnen loszureissen. Ganz

anders aber wurde das Bild unter dem Mikroskop, sobald man auf

derartigen Präparaten den Spermatozoïden auch nur ein einziges

befruchtungsfähiges Ei der gleichen Species hinzusetzte. Wenige

Augenblicke genügten, um sämmtliche Spermatozoïden von allen Seiten

her um dies eine Ei zu versammeln, selbst wenn dasselbe mehrere

Centimeter von der Hauptmasse der Spermatozoïden entfernt lag.“ Dabei

überwanden sie selbst die Kraft, welche sie sonst dem einfallenden

Licht entgegenführt und wurden befähigt, die dem Lichteinfall

entgegengesetzte Richtung einzuschlagen.

Falkenberg zieht aus seinen Beobachtungen den Schluss, dass die

Anziehungskraft zwischen den Eiern und Spermatozoïden von Cutleria

sich auf verhältnissmässig bedeutende Distanzen geltend macht und in

ihnen selbst ihren Sitz haben muss, dass auf der anderen Seite aber

diese Anziehungskraft nur zwischen den Geschlechtszellen derselben

Species existirt.

Bei Untersuchung der geschlechtlichen Fortpflanzung von Peronosporeen

hat de Bary (VII. 2b) beobachtet, dass in durcheinander gewachsenen

Thallusfäden sich zunächst die Oogonien anlegen. Etwas später

entstehen die Antheridien, aber stets nur in unmittelbarer

Nachbarschaft der Eizelle und zwar sehr häufig aus Thallusfäden,

die mit dem Faden, aus dem das Oogonium abstammt, selbst keinen

Zusammenhang haben. De Bary schliesst hieraus, dass vom Oogonium

auf eine geringe Distanz eine Wirkung ausgehen müsse, durch welche

der Thallusfaden zur Bildung eines Antheridiums veranlasst werden

müsse. Besonders aber erblickt er eine Fernwirkung darin, dass der

das Antheridium liefernde Schlauch bei seiner Annäherung an das

Oogonium von seiner Wachsthumsrichtung abgelenkt wird, sich mit

seinem Ende ihm zuneigt und sich ihm dann dicht anlegt. De Bary

schätzt die Distanz, in welcher das Oogonium ablenkend wirkt, auf

ungefähr die Grösse des Oogoniumdurchmessers und bemerkt dazu: „Die

beschriebene Ablenkung der Nebenäste lässt sich auf keine andere als

in den besonderen Eigenschaften des Oogoniums selbst gelegene Ursache

zurückführen“.

Nicht minder interessant und bemerkenswerth sind die Angaben, die

Engelmann (VII. 9) über die Conjugation von Vorticella mikrostoma

gemacht hat. Bei dieser Art bilden sich durch Knospung (siehe Seite

183) kleine, männliche Schwärmzellen, die dann wie Samenfäden die

grossen weiblichen Individuen befruchten (Seite 217). In vier

Versuchen glückte es Engelmann, die Knospe nach ihrer Abtrennung

von der Mutterzelle zu verfolgen, bis sie sich mit einem anderen

Individuum verbunden hatte.

„Anfangs schwärmte die Knospe“, so lautet die Darstellung von

Engelmann, „mit ziemlich constanter Geschwindigkeit (etwa 0,6–1 mm in

der Secunde) und immer um ihre Längsaxe rotirend, meist in ziemlich

gerader Richtung durch den Tropfen. Dies dauerte 5–10 Minuten oder

noch länger, ohne dass etwas Besonderes geschehen wäre. Dann änderte

sich plötzlich die Scene. Zufällig in die Nähe einer festsitzenden

Vorticelle gerathen, änderte die Knospe, zuweilen wie mit einem Ruck,

ihre Richtung und nahte nun, tanzend wie ein Schmetterling, der

um eine Blume spielt, der Vorticelle, glitt wie tastend und dabei

immer um die eigene Längsaxe rotirend auf ihr hin und her. Nachdem

dies Spiel minutenlang gedauert hatte, auch wohl nacheinander bei

verschiedenen festsitzenden Individuen wiederholt worden war, setzte

sich die Knospe endlich fest, und zwar meist am aboralen Ende, nahe

dem Stiel. Nach wenigen Minuten war die Verschmelzung schon merkbar

im Gange.“

„Ein in physiologischer und speciell psychophysiologischer Beziehung

noch merkwürdigeres Schauspiel,“ bemerkt Engelmann im Anschluss an

die oben gegebene Schilderung, „beobachtete ich ein anderes Mal.

Eine frei schwärmende Knospe kreuzte die Bahn einer mit grosser

Geschwindigkeit durch den Tropfen jagenden, grossen Vorticelle,

die auf die gewöhnliche Weise ihren Stiel verlassen hatte. Im

Augenblicke der Begegnung -- Berührung fand inzwischen durchaus

nicht statt -- änderte die Knospe plötzlich ihre Richtung und folgte

der Vorticelle mit sehr grosser Geschwindigkeit. Es entwickelte

sich eine förmliche Jagd, die etwa 5 Secunden dauerte. Die Knospe

blieb während dieser Zeit nur etwa ¹⁄₁₅ mm hinter der Vorticelle,

holte sie jedoch nicht ein, sondern verlor sie, als dieselbe eine

plötzliche Seitenschwenkung machte. Hierauf setzte die Knospe mit der

anfänglichen, geringeren Geschwindigkeit ihren eigenen Weg fort.“

Eine Einwirkung auf Distanz ist auch bei den Thieren durch Fol (VI.

19a) und zwar an Seesterneiern beobachtet worden. Dieselben sind von

einer dünnen Gallerthülle umgeben. Sowie neue Samenfäden derselben

Art sich der Oberfläche der Gallerte nähern, übt der am weitesten

vorgedrungene eine deutlich wahrnehmbare Einwirkung auf den Dotter

aus (Fig. 160). Die hyaline Rindenschicht desselben erhebt sich als

ein kleiner Fortsatz und streckt sich als Empfängnisshügel (cône

d’attraction) dem Samenfaden entgegen. Bald ist er zart und in Form

einer Nadel oder einer Zunge ausgezogen, bald ist er breit und kurz.

Wenn die Berührung mit dem Samenfaden hergestellt ist, wird der

Empfängnisshügel eingezogen.

+Fol+ hält die Beobachtung für ganz sicher und bemerkt zu ihr:

„Wenn die Thatsache selbst, dass der Samenfaden auf den Dotter, von

welchem er noch durch einen relativ beträchtlichen Zwischenraum

getrennt ist, eine Wirkung ausübt, unbestritten ist, so ist doch der

Mechanismus dieser Fernwirkung (Action à distance) nichts weniger als

klar.“

[Illustration: =Fig. 160. _A_, _B_, _C_ Kleinere

Abschnitte von Eiern von Asterias glacialis= nach ~Fol~.

Die Samenfäden sind bereits in die Schleimhülle, welche die Eier

überzieht, eingedrungen. In _A_ beginnt sich eine Vorragung

gegen den am weitesten vorgedrungenen Samenfaden zu erheben. In

_B_ sind Vorragung und Samenfaden zusammengetroffen. In _C_

ist der Samenfaden in das Ei eingedrungen. Es hat sich jetzt eine

Dottermembran mit einer kraterförmigen Oeffnung ausgebildet.]

Ich beschränke mich auf die angeführten Beobachtungen, deren Zahl

sich leicht vermehren liesse, und füge noch folgende Worte des

Botanikers Sachs (II. 33) hinzu:

„Zu den überraschendsten Thatsachen im Bereich der

Befruchtungsvorgänge gehört die Fernwirkung oder gegenseitige

Anziehung der beiden Sexualzellen aufeinander. Ich wähle diesen

Ausdruck für die näher zu beschreibenden Thatsachen, weil er kurz

ist und den Sachverhalt wenigstens bildlich klar bezeichnet; mit den

Worten Fernwirkung und Anziehung soll aber zunächst nicht gerade

der in der Physik damit verbundene Sinn verstanden sein.“ „In den

zahlreichen Beschreibungen, welche die Beobachter von dem Verhalten

der Samenfäden in der Nähe der Eizelle, der schwärmenden Gameten und

der Antheridien in der Nachbarschaft der Oogonien geben, begegnet

man ausnahmslos den bestimmtesten Ausdrücken dafür, dass irgend eine

gewisse Einwirkung der Sexualzellen auf eine gewisse Entfernung

hin sich geltend macht und zwar immer in dem Sinne, dass dadurch

die Vereinigung beider herbeigeführt oder begünstigt wird. Dieser

Vorgang ist um so merkwürdiger, als unmittelbar nach stattgehabter

Befruchtung diese gegenseitige Anziehung verschwunden ist.“

Man wird sich naturgemäss die Frage vorlegen, welcher Art Kräfte

denn bei den geschilderten Erscheinungen zur Erklärung dienen

können. Pfeffer hat auf Grund der früher besprochenen Experimente

(Seite 97) die Ansicht ausgesprochen, dass bei den von ihm geprüften

Objecten die Samenfäden durch chemische Substanzen, welche die

Eizelle ausscheidet, zu dieser hingelockt werden. Man muss sich

hüten, diesen Beobachtungen eine zu weittragende Bedeutung

beizulegen, was der Fall sein würde, wenn man mit ihnen die

Vereinigung zweier Geschlechtszellen glaubte erklären zu können.

Nach meiner Ansicht können die chemischen Substanzen, welche von

den Eizellen ausgeschieden werden, nur untergeordnete Hülfsmittel

bei der Befruchtung sein, welche etwa eine ähnliche Rolle spielen,

wie die Schleim- und Gallerthüllen mancher Eier, durch welche die

Samenfäden festgehalten werden. Dagegen können sie zur Erklärung der

unmittelbaren Vereinigung der Geschlechtszellen selbst, also zur

Erklärung des eigentlichen Befruchtungsvorgangs, nichts beitragen.

Es geht dies schon aus einer einfachen Erwägung hervor. Nach den

Untersuchungen von Pfeffer wird Aepfelsäure von den Archegonien

der verschiedensten Farne ausgeschieden. Trotzdem verschmelzen nur

die Samenfäden derselben Art mit der Eizelle, während Samenfäden

einer andern Art gewöhnlich die Befruchtung nicht ausführen

können. Hier liegen demnach Beziehungen der Geschlechtsproducte zu

einander vor, welche sich nicht durch Reizwirkung ausgeschiedener,

chemischer Stoffe erklären lassen. Dasselbe gilt von der Vereinigung

schwärmender Gameten, von der Bildung des Empfängnisshügels

thierischer Eier, von dem Entgegenwandern des Ei- und Samenkerns.

Nägeli (IX. 20) spricht die Vermuthung aus, dass der geschlechtlichen

Anziehung elektrische Kräfte zu Grunde liegen möchten, was mir schon

eine weiter reichende Erklärung zu sein scheint. So lange aber

ein Beweis dafür nicht erbracht ist, wird es richtiger sein, die

geschlechtlichen Erscheinungen allgemein auf die Wechselwirkungen

zweier etwas verschiedenartig organisirter Protoplasmakörper

zurückzuführen und diese Wechselwirkungen als sexuelle Affinität

zu bezeichnen. Wir müssen uns noch mit einem solchen allgemeinen

Ausdruck bescheiden, da wir die in Wirkung tretenden Kräfte nicht

genauer analysiren können. Vermuthlich handelt es sich hier nicht um

eine einfache, sondern um eine sehr zusammengesetzte Erscheinung.

Es wird uns dies noch klarer werden, wenn wir jetzt den zweiten Punkt

untersuchen: Welcher Art die befruchtungsbedürftigen Zellen sind,

wenn zwischen ihnen eine sexuelle Affinität besteht.

b) Die sexuelle Affinität im Einzelnen und die verschiedenen

Abstufungen derselben.

+Die Möglichkeit und der Erfolg einer Befruchtung wird wesentlich mit

bestimmt von dem Verwandtschaftsgrad, in welchem die Geschlechtszellen

zu einander stehen.+ Da aber der Verwandtschaftsgrad auch der

Ausdruck für eine grössere oder geringere Aehnlichkeit in ihrer

Organisation ist, so würden damit +Unterschiede in der Organisation das

Ausschlaggebende sein+.

Die Verwandtschaftsgrade zwischen zwei Zellen können ausserordentlich

abgestufte sein. Die Verwandtschaft ist am engsten, wenn die beiden

für Befruchtung bestimmten Zellen unmittelbar von ein und derselben

Mutterzelle abstammen; sie wird eine entferntere, wenn aus der

Mutterzelle viele Zellgenerationen hervorgegangen sind, von deren

Endproducten erst Geschlechtszellen erzeugt werden. Auch hier

sind wieder Unterfälle näherer und entfernterer Verwandtschaft

möglich. Wenn wir als Beispiel eine höhere Blüthenpflanze wählen, so

können die männlichen und weiblichen Geschlechtszellen von ein und

demselben Geschlechtsapparat, also von einer Blüthe, oder aber von

verschiedenen Blüthen desselben Sprosses oder endlich verschiedener

Sprosse abstammen, womit drei verschiedene Verwandtschaftsgrade

gegeben sind. Bei zwitterigen Thieren können sie ein und demselben

Individuum angehören, bei Thierstöcken entweder demselben Individuum

oder verschiedenen Individuen desselben Stockes.

Noch mehr erweitert sich der Grad der Verwandtschaft, wenn die

Geschlechtsproducte von zwei verschiedenen Individuen ein und

derselben Art abstammen. Auch in diesem Falle ergeben sich wieder

viele Verwandtschaftsgrade, je nachdem die beiden zeugenden

Individuen Abkömmlinge eines gemeinsamen Elternpaares sind oder

in entfernterer, noch nachweisbarer oder überhaupt in keiner mehr

erkennbaren Blutsverwandtschaft zu einander stehen. Daran schliessen

sich die Vermischungen der Geschlechtsproducte zweier Eltern, die

sich in ihrer Organisation so weit voneinander unterscheiden, dass

sie entweder als Varietäten und Raçen einer Art oder als Angehörige

verschiedener Arten oder gar verschiedener Gattungen vom Systematiker

bezeichnet werden.

Die zahllosen Möglichkeiten, welche uns die eben aufgestellte Reihe

darbietet, ordnet man gewöhnlich in drei Gruppen zusammen, indem

man 1) von Selbstbefruchtung und Inzucht, 2) von Normalbefruchtung

und 3) von Bastardbefruchtung redet. Meist ist aber viel Willkür

mit der Art und Weise verbunden, wie man die einzelnen Fälle unter

die drei Gruppen unterordnet. Denn es fehlt an einem Maass, nach

welchem man in einer für das ganze Organismenreich gültigen Weise das

Verwandtschaftsverhältniss der Geschlechtszellen bestimmen könnte.

Ein Ueberblick über das Thatsachenmaterial wird uns lehren,

dass sowohl zu nahe als auch zu enge Verwandtschaft der

Fortpflanzungszellen -- wobei ich den Ausdruck Verwandtschaft im

weitesten Sinne fasse -- die geschlechtliche Affinität entweder

beeinträchtigt oder ganz aufhebt. Daher bewegt sich im Allgemeinen

die Möglichkeit der Befruchtung auf einem mittleren Gebiet, welches

für einzelne Arten bald weiter bald enger ist.

Auch hier wird sich zeigen, dass äussere Einwirkungen die

geschlechtliche Affinität umzustimmen im Stande sind. Wir besprechen

zuerst die Selbstbefruchtung, dann die Bastardbefruchtung, zuletzt

die Beeinflussung derselben durch äussere Eingriffe.

α) Die Selbstbefruchtung.

Die Selbstbefruchtung liefert uns sehr verschiedenartige Ergebnisse.

In manchen Fällen besteht keine geschlechtliche Affinität

zwischen befruchtungsbedürftigen Zellen, die in einem nahen

Verwandtschaftsverhältniss zu einander stehen, sei es, dass sie in

directer oder entfernterer Weise von einer gemeinsamen Mutterzelle

oder von einem und demselben höher differenzirten, vielzelligen

Mutterorganismus erzeugt worden sind. Niedere Algen, Infusorien,

phanerogame Pflanzen, zwitterige Thiere liefern uns hierfür eine

Anzahl Belege.

Bei Acetabularia findet die geschlechtliche Fortpflanzung in der

Weise statt, dass Schwärmsporen in grösserer Anzahl aus dem Inhalt

von Dauersporen erzeugt werden. Eine +Copulation zwischen zwei

Schwärmern tritt aber nur dann ein, wenn sie+, wie Strasburger

und de Bary berichtet haben, +von zwei verschiedenen Dauersporen

abstammen, während die aus einer und derselben Dauerspore erzeugten

einander ausweichen+.

„Ich sah um die Mittagstunde,“ berichtet Strasburger (VII. 38),

„zwei benachbarte, durchaus nicht voneinander unterscheidbare Sporen

sich unter meinen Augen öffnen und die Schwärmer beider in gerader

Richtung dem Fensterrande des Tropfens zueilen. Hier bot sich

alsbald ein von dem gewöhnlichen durchaus verschiedener Anblick dar.

Während ich nämlich sonst die Schwärmer einer und derselben Spore in

gleichmässiger Vertheilung sich sichtlich ausweichen sah, bildeten

sich jetzt alsbald Copulationsknoten, wenn ich so sagen darf, nämlich

haufenweise Ansammlungen, in welche sich die einzelnen Schwärmer

gleichsam hineinstürzten. Solchen Copulationscentren sieht man nun

immer neue Paare vereinter Schwärmer enteilen.“

Bei seinen Infusorienstudien hat Maupas (VII. 30) durch mehrere

hundert Experimente für vier verschiedene Arten (Leucophrys,

Onychodromus, Stylonichia, Loxophyllum) festgestellt, dass auch in

der Zeit der Befruchtungsbedürftigkeit Copulationen nur stattfinden,

wenn Individuen verschiedener Generationscyklen zusammengebracht

werden.

„In zahlreichen Präparaten nahe verwandter und nicht gemischter

Individuen,“ bemerkt Maupas, „endete das Fasten, welchem ich sie

unterwarf, entweder mit Encystirung oder mit dem Tod durch Hunger.

Nur zu einer Zeit, wo schon senile Degeneration in den Culturen um

sich zu greifen begonnen hatte, sah ich Conjugationen nahe verwandter

Individuen in Versuchspräparaten eintreten. Aber alle Conjugationen

der Art endeten mit dem Untergang der gepaarten Infusorien, welche

nach ihrer Vereinigung nicht im Stande waren, ihre Entwicklung

fortzusetzen und sich zu reorganisiren. Derartige Paarungen

sind daher pathologische Phänomene, hervorgerufen durch senile

Degeneration.“

+Maupas glaubt daher auch für die Infusorien eine gekreuzte

Befruchtung zwischen Individuen verschiedenen Ursprungs annehmen zu

müssen.+

+Auch bei phanerogamen Pflanzen ist für einzelne Fälle die

Wirkungslosigkeit der Selbstbefruchtung nachgewiesen worden.+ So

berichtet Hildebrandt (VII. 24 Seite 66) von Corydalis cava:

„Wenn die Blüthen dieser Pflanze, bei welchen die geöffneten Antheren

der Narben eng anliegen, vor Insektenbefruchtung ganz geschützt

werden, bildet sich aus ihnen niemals eine Frucht; dass hier nicht

etwa der Umstand an der Fruchtlosigkeit Schuld ist, dass vielleicht

doch der Pollen nicht an die empfängliche Stelle der Narbe komme,

geht daraus hervor, dass auch solche Blüthen, deren Narben rings

mit dem Pollen der umgebenden Antheren bewischt wurden, dennoch

keine Frucht ansetzten. Zu einer vollständigen Fruchtbildung kommen

die Blüthen nur dann, wenn man den Pollen von den Blüthen der

einen Pflanze auf die Narbe der Blüthen einer anderen bringt; zwar

entstehen auch Früchte, wenn die Blüthen einer und derselben Traube

miteinander gekreuzt werden, aber diese enthalten bedeutend weniger

Samen und kommen nicht immer zur vollständigen Ausbildung“.

Ebenso ist die Erfolglosigkeit der Selbstbefruchtung noch für einige

andere Pflanzen, einzelne Arten von Orchideen, Malvaceen, Reseda,

Lobelia, Verbascum beobachtet worden.

Ueber das Verhalten bei zwitterigen Thieren liegen leider noch keine

ausgedehnteren Versuche vor. Dieselben würden auch mit bedeutenden

Schwierigkeiten verbunden sein. Sollten sich nicht hier gleichfalls

Fälle finden lassen, in denen zwischen Eiern und Samenfäden desselben

Individuums, wenn sie künstlich zusammengebracht werden, keine

Befruchtung erfolgt? Bei den Schnecken z. B. muss dies der Fall sein.

Den angeführten Beispielen stehen andere gegenüber, die zeigen, dass

zwischen sehr nahe verwandten Geschlechtszellen sowohl volle sexuelle

Affinität besteht, als auch normale Entwicklung bei Selbstbefruchtung

eintritt.

So können bei einzelnen Conjugaten (Rhynchonema) Schwesterzellen

miteinander copuliren oder Zellen, welche wie bei Spirogyra, ein und

demselben Faden angehören. (Siehe Seite 227.)

Bei manchen Phanerogamen lassen sich die Eizellen mit dem Pollen

derselben Blüthe nicht nur befruchten, sondern liefern auch kräftige

Pflanzen, und zwar lässt sich diese Inzucht viele Generationen

hindurch mit gleich günstigem Erfolg fortsetzen.

Zwischen beiden Extremen, dem Mangel jeder sexuellen Affinität

und dem vollen Bestand einer solchen bei nahe verwandten

Geschlechtszellen kommen Abstufungen vor.

Von den zahlreichen, in einem Fruchtknoten eingeschlossenen Eizellen

entwickeln sich bei künstlich vorgenommener Selbstbefruchtung mit

dem Pollen derselben Blüthe nur einzelne und werden zu reifen

Samenkörnern. Es lässt sich hieraus schliessen, dass sich die

einzelnen Eizellen in ihren Affinitäten etwas verschieden verhalten,

dass einige sich befruchten lassen mit dem eigenen Pollen, andere

nicht, Differenzen, die uns in ähnlicher Weise auch bei der

Bastardbefruchtung wieder begegnen werden.

Endlich scheint auch der Fall eintreten zu können, dass zunächst

zwar die Eizellen befruchtet werden, auch sich zu entwickeln

beginnen, dann aber frühzeitig absterben. Hierauf möchte ich die

Erscheinung zurückführen, dass manche Blüthen, bei denen man die

Selbstbefruchtung künstlich auszuführen sucht, rascher verwelken,

als wenn der Versuch nicht gemacht wird, und dass dabei die Blüthen

gewisser Orchideen schwarz und nekrotisch werden. Wahrscheinlich

ist dies eine Folge vom frühzeitigen Absterben und Zerfall der in

Entwicklung begriffenen Embryonen (Darwin VII. 8).

Die aus Selbstbefruchtung erzielten Samen liefern häufig nur

schwächliche Pflanzen, die in ihrer Constitution irgend einen

Nachtheil zeigen; auch sind die Samenkörner selbst häufig

unvollkommen entwickelt.

Aus den Thatsachen, dass bei vielen Organismen sich nahe verwandte

Geschlechtszellen überhaupt nicht verbinden, dass bei anderen, wenn

Befruchtung zu Stande kommt, der Embryo bald in seiner Entwicklung

gehemmt wird und abstirbt, dass endlich häufig, auch wenn die

Entwicklung ungestört verläuft, doch die so erzeugten Organismen

schwächlich ausfallen, lässt sich der allgemeine Schluss ziehen,

dass Selbstbefruchtung im Grossen und Ganzen ungünstig wirkt. Wenn

in einzelnen Fällen eine ungünstige Wirkung nicht zu verspüren ist,

so wird durch solche Ausnahmen die Richtigkeit dieses Satzes ebenso

wenig aufgehoben, als aus dem Vorkommen von Parthenogenese sich

ein Einwand gegen die Ansicht, dass ein grosser Vortheil mit der

Befruchtung verbunden sein muss, erheben lässt.

Dass der Selbstbefruchtung irgend etwas Schädliches anhaften

muss, lässt sich indirect auch aus einem Ueberblick über das

Organismenreich erschliessen, welches uns, um mit Darwin (VII.

8) zu reden, in eindringlicher Weise lehrt, dass die Natur

beständige Selbstbefruchtung verabscheut. Denn überall sehen wir

oft ausserordentlich complicirte Einrichtungen getroffen, um

Selbstbefruchtung in dieser oder jener Weise zu verhüten.

Solche Einrichtungen sind: 1) die Vertheilung der Geschlechter auf

zwei verschiedene Individuen, so dass das eine nur weibliche, das

andere nur männliche Geschlechtszellen zu erzeugen im Stande ist, 2)

die wechselseitige Befruchtung zwitteriger Thiere, 3) die ungleiche

Reifezeit von Eiern und Samenfäden bei Pyrosomen, manchen Mollusken

etc., 4) die von Koelreuter, Sprengel, Darwin (VII. 8), Hildebrandt

(VII. 24), H. Müller (VII. 49) u. A. entdeckten Eigenthümlichkeiten

in der Organisation der Zwitterblüthen der Phanerogamen, die

Dichogamie, Heterostylie, die vermittelnde Rolle der Insekten, welche

den Pollen von einer Blüthe auf die andere übertragen und dadurch

Kreuzung hervorrufen. Namentlich bei den Blüthenpflanzen sind zur

Verhütung von Selbstbefruchtung die Vorkehrungen so vielseitige und

springen oft so deutlich in die Augen, dass schon +Sprengel+

in seinem grundlegenden Buch: „Das entdeckte Geheimniss der Natur,

die Befruchtung der Blumen durch Insekten“ sagen konnte: „Die Natur

scheint es nicht haben zu wollen, dass irgend eine Zwitterblume durch

ihren eigenen Staub befruchtet werde.“

β) Die Bastardbefruchtung.

+Das Gegenstück zur Selbstbefruchtung und zur Inzucht bildet

die Bastardzeugung.+ Darunter versteht man die Verbindung der

Geschlechtsproducte von Individuen, die in ihrer Organisation solche

Verschiedenheiten zeigen, dass sie vom Systematiker zu verschiedenen

Varietäten und Raçen einer Art oder zu verschiedenen Arten und

Gattungen gerechnet werden.

Im Allgemeinen ist der Grundsatz festzuhalten, dass die

Geschlechtsproducte von Individuen, die im System sehr weit

auseinander stehen, sich nicht miteinander verbinden lassen. Jeder

wird es von vorn herein für unmöglich halten, dass sich das Ei

eines Säugethieres mit dem Samen eines Fisches befruchten lasse

oder das Ei eines Kirschbaums durch den Pollen einer Conifere. Je

näher sich aber die verschiedenen Individuen im System stehen,

sei es, dass sie nur verschiedenen Familien oder Arten angehören

oder selbst nur Varietäten einer Art sind, um so unmöglicher wird

es a priori das Ergebniss der Befruchtung vorauszusagen; nur das

Experiment kann uns darüber Gewissheit verschaffen, und dieses

lehrt uns, dass die +einzelnen Arten im Thier- und Pflanzenreich

sich gegen Bastardbefruchtung nicht immer gleich verhalten, dass

manchmal Individuen, die sich in ihrer Form bis auf geringfügige

Merkmale gleichen, sich nicht kreuzen lassen, während wieder ab und

zu zwischen anderen, mehr ungleichartigen Individuen Kreuzung möglich

ist+.

Mit einem Wort: die geschlechtliche Affinität geht nicht immer

parallel zu dem Maass der äussern Aehnlichkeit, welche zwischen

einzelnen Pflanzen und einzelnen Thieren wahrgenommen wird.

Bei so geringfügigen Unterschieden, wie sie zwischen Anagallis

arvensis und A. coerulea bestehen, die wesentlich nur durch die

Farbe ihrer Blüthen unterschieden sind, ist eine Kreuzung zwischen

beiden trotzdem ohne Erfolg. Von Apfel- und Birnbaum, von Primula

officinalis und Pr. elatior hat man noch keine Bastarde erhalten,

während man auf der anderen Seite zwischen Arten, die verschiedenen

Gattungen angehören, wie zwischen Lychnis und Silene, Rhododendron

und Azaleen etc. Kreuzungen mit Erfolg ausgeführt hat.

„In noch auffallenderer Weise,“ bemerkt Sachs, „wird die

Verschiedenheit der sexuellen Affinität und systematischen

Verwandtschaft dadurch bewiesen, dass zuweilen die Varietäten

derselben Species unter sich ganz oder theilweise unfruchtbar

sind, z. B. Silene inflata var. alpina mit var. angustifolia, var.

latifolia mit var. litoralis u. A.“

Im Thier- und Pflanzenreich giebt es einzelne Gattungen, deren Arten

sich leichter kreuzen lassen, während Arten anderer Gattungen allen

Versuchen hartnäckigen Widerstand entgegensetzen. Im Pflanzenreich

geben Liliaceen, Rosaceen, Saliceen, im Thierreich die Forellen und

Karpfenarten, die Finkenarten etc. leicht Bastarde. Hunderaçen, die

sich im Körperbau so ausserordentlich unterscheiden wie Dachs- und

Jagdhund, Seidenpinscher und Bernhardshund erzeugen miteinander

Mischformen.

Wie unberechenbar für uns die Factoren sind, um welche es sich bei

der Bastardbefruchtung handelt, geht nicht minder klar aus der sehr

häufig zu beobachtenden Erscheinung hervor, dass die Eier einer Art

A sich zwar mit dem Samen einer Art B befruchten lassen, nicht aber

umgekehrt die Eier von B mit dem Samen von A. In der einen Richtung

besteht also geschlechtliche Affinität zwischen den Geschlechtszellen

zweier Arten, in der anderen Richtung aber fehlt sie. Der Ausschlag

gebende Factor scheint mir übrigens hierbei in der Organisation

des Eies zu suchen zu sein, was sich aus später mitzutheilenden

Experimenten schliessen lässt.

Einige Beispiele für solche einseitige Kreuzung seien hier angeführt:

Eier von Fucus vesiculosus lassen sich mit Samen von Fucus serratus

befruchten, aber nicht umgekehrt. Mirabilis Jalappe giebt mit dem

Pollen von Mirabilis longiflora befruchtet Samen, während die

letztere Art bei entgegengesetzter Kreuzung unfruchtbar bleibt.

Aehnliches findet sich häufig im Thierreich, wo namentlich solche

Arten von Interesse sind, bei denen man künstliche Befruchtung

durch Vermischung der Geschlechtsproducte ausführen kann. So nahmen

mein Bruder und ich (VII. 20) Kreuzungen zwischen verschiedenen

Echinodermenarten vor und fanden, dass, wenn Eier von Echinus

mikrotuberculatus mit Samen von Strongylocentrotus lividus vermischt

werden, nach wenigen Minuten überall Befruchtung eingetreten ist,

indem sich die Eihaut vom Dotter abhebt. Nach 1½ Stunden waren

alle Eier in regelmässiger Weise zweigetheilt. Am folgenden Tage

hatten sich flimmernde Keimblasen, am dritten Gastrulae entwickelt,

am vierten Tage hatte sich das Kalkskelet angelegt. Kreuzungen in

entgegengesetzter Richtung ergaben abweichende Resultate. Als in

einem Uhrschälchen zu Eiern von Strongylocentrotus lividus Samen

von Echinus mikrotuberculatus zugefügt wurde, hob sich die Eihaut

nur in sehr seltenen Fällen von dem Dotter ab. Fast alle Eier

blieben ganz unverändert. Nach zwei Stunden war nur hie und da ein

Ei zweigetheilt. Bei den ausserordentlich wenigen, sich theilenden

Eiern war die Eihaut entweder nur ein wenig abgehoben, oder sie

lag dem Dotter noch ziemlich dicht auf. Am anderen Tag waren im

Uhrschälchen einige wenige flimmernde Keimblasen zu bemerken, während

die Hauptmasse der Eier noch ganz unverändert war.

Ein ähnliches Verhältniss beobachtete +Pflüger+ (VII. 50)

zwischen Rana fusca und Rana esculenta. Eier der ersten Art in

Wasserextrakt des Hodens von Rana esculenta versenkt, blieben stets

unbefruchtet. Als jedoch Eier von Rana esculenta mit Samen aus dem

Hoden von Rana fusca vermischt wurden, entwickelten sie sich in

regelrechter Weise mit Ausnahme einzelner, die sich abnorm theilten;

nachdem aber das Blastulastadium erreicht war, starben sie auch

wieder ohne Ausnahme ab.

Die weiteren Folgen der Bastardbefruchtung, wie sie sich später in

der Entwicklung des Kreuzungsproductes zu erkennen geben, bieten

vielfach Vergleichspunkte zu den Folgen der Selbstbefruchtung. Wenn

auch Befruchtung eintritt, sterben in vielen Fällen die Embryonen

frühzeitig ab oder erhalten eine schwächliche Constitution.

Bei Kreuzung einzelner Echinodermen kommen die Larven nicht über

das Gastrulastadium hinaus. Ebenso sah Pflüger die bastardirten

Eier (Rana fusca mit Samen von R. esculenta) schon als Keimblasen

absterben. Thierische Bastarde, wenn sie in das Alter der

Geschlechtsreife eintreten, sind gewöhnlich in ihren Zeugungsorganen

geschwächt und bleiben selbst unfruchtbar.

Aehnliches lehrt das Pflanzenreich durch noch zahlreichere Beispiele.

Zuweilen bilden sich in Folge der Bastardbefruchtung zwar Samen

aus, dieselben sind aber mangelhaft entwickelt und hie und da nicht

keimungsfähig. Wenn Keimung eintritt, entwickeln sich die Pflänzchen

bald schwächlich, bald kräftig. „Bastarde zwischen beträchtlich

verschiedenen Arten sind häufig sehr zart, insbesondere in der

Jugend, so dass die Aufzucht der Sämlinge schwer gelingt. Bastarde

zwischen näher verwandten Arten und Raçen sind dagegen in der Regel

ungemein üppig und kräftig; sie zeichnen sich meistens durch Grösse,

Schnellwüchsigkeit, frühe Blüthenreife, Blüthenreichthum, längere

Lebensdauer, starke Vermehrungsfähigkeit, ungewöhnliche Grösse

einzelner Organe, und ähnliche Eigenschaften aus.“

„Bastarde aus verschiedenen Arten bilden in ihren Antheren eine

geringere Zahl normaler Samen aus, als die Pflanzen reiner Abkunft;

häufig bringen sie weder Pollen noch Samen hervor. Bei Mischlingen

aus nahe verwandten Raçen ist diese Schwächung der sexuellen

Reproductionsfähigkeit in der Regel nicht vorhanden.“

+Im Allgemeinen gedeiht das Bastardproduct um so besser, je näher

die systematische Verwandtschaft und je grösser die geschlechtliche

Affinität der Eltern ist.+ In einzelnen Fällen kann es dann sogar

besser gedeihen, als ein normal befruchtetes Ei. So liefert Nicotiana

rustica mit Pollen von N. Californica gekreuzt eine Pflanze, die sich

zur Höhe der Eltern wie 228:100 verhält (Hensen VII. 18).

γ) Beeinflussung der geschlechtlichen Affinität durch äussere

Eingriffe.

Wir haben bisher in den Experimenten über Selbstbefruchtung und

Bastardbefruchtung die geschlechtliche Affinität der Ei- und

Samenzellen schon als einen ausserordentlich unberechenbaren Factor

kennen gelernt, mit welchem eine Reihe der verschiedenartigsten

Folgeerscheinungen -- Eintritt oder Nichteintritt der Befruchtung,

frühzeitig gehemmte oder geschwächte oder kräftige Entwicklung etc.

-- zusammenhängt. Die geschlechtliche Affinität erweist sich aber

als ein noch complicirteres Phänomen, da sich zeigen lässt, dass sie

sich durch äussere Eingriffe in vielen Fällen beeinflussen lässt.

Höchst eigenthümliche Verhältnisse liessen sich durch experimentelle

Untersuchungen über die Bedingungen der Bastardbefruchtung bei

einzelnen Echinodermen feststellen (VII. 20). Die unbefruchteten

Eier sind hüllenlos. Trotzdem tritt in der Regel keine Befruchtung

ein, wenn Samenfäden nahe verwandter Arten, die in ihrer Form nicht

zu unterscheiden sind, hinzugefügt werden, obschon dieselben sich an

die Oberfläche der Eier ansetzen und bohrende Bewegungen ausführen.

Der Nichteintritt der Befruchtung kann hier nur dadurch erklärt

werden, dass das Ei, wenn ich so sagen darf, die ihm nicht adaequaten

Samenfäden zurückweist.

Das ist nun aber nicht ausnahmslos der Fall. Bei Kreuzungen, die

zwischen Strongylocentrotus lividus und Sphärechinus granularis

vorgenommen wurden, kam unter Hunderten immer eine bald kleinere,

bald grössere Anzahl von Eiern vor, die durch den fremden Samen

befruchtet wurden, während die grosse Mehrheit der Eier nicht

reagirte. Die Eier ein und desselben Thieres waren also verschieden

voneinander, in ähnlicher Weise wie zuweilen die Schwärmsporen ein

und derselben Art auf Licht verschieden reagiren können, indem einige

den positiven Rand, andere den negativen Rand aufsuchen und wieder

andere zwischen beiden hin- und herschwanken (siehe Seite 83).

Wie die Schwärmsporen eine verschiedene +Lichtstimmung+, so

zeigen hier die Eier eines und desselben Thieres eine verschiedene

Geschlechtsstimmung, und, was noch wunderbarer ist, diese

Geschlechtsstimmung kann durch äussere Einflüsse in hohem Grade

beeinflusst und abgeändert werden.

Das Verfahren ist ein sehr einfaches. Es lassen sich nämlich die

reifen Echinodermeneier nach ihrer Entleerung aus den Eierstöcken

24 bis 48 Stunden unbefruchtet in Meerwasser aufheben, ohne ihre

Entwicklungsfähigkeit zu verlieren. In dieser Zeit aber gehen

Veränderungen in ihnen vor, die sich in ihrem Verhalten gegen fremden

Samen kund thun.

Bei den Experimenten wurden zwei verschiedene Methoden eingeschlagen,

von denen die eine als die Methode der successiven Nachbefruchtung

bezeichnet werden kann. Sie besteht darin, dass der Experimentator

ein und dasselbe Ei-Quantum zu wiederholten Malen und zu

verschiedenen Zeiten mit fremdem Samen kreuzt. Dabei wurde das

wichtige Ergebniss gewonnen: +Eier, welche gleich nach ihrer

Entleerung aus dem strotzend gefüllten Eierstock bastardirt wurden,

wiesen mit Ausnahme eines verschwindend kleinen Bruchtheils den

fremden Samen zurück, aber nach 10, 20 oder 30 Stunden, bei der

zweiten, dritten oder vierten Nachbefruchtung hatte eine immer

grössere Anzahl von Eiern ein dem früheren entgegengesetztes

Verhalten angenommen, indem sie sich bastardiren liessen und

eine Zeit lang auch völlig normal weiter entwickelten+. Das

Resultat fiel immer in derselben Weise aus, mochten die Eier von

Strongylocentrotus lividus mit Samen von Sphärechinus granularis oder

von Echinus mikrotuberculatus, oder mochten die Eier von Sphärechinus

granularis mit Samen von Strongylocentrotus lividus gekreuzt werden.

Das Gelingen oder Nichtgelingen der Bastardirung lässt sich

in diesen Fällen nicht auf eine Verschiedenheit des Samens

zurückführen, da derselbe jedesmal neu aus dem strotzend gefüllten

Hoden entnommen wurde und daher bei den Versuchen als ein relativ

constant bleibender Factor angesehen werden konnte. Hier ist es

über jeden Zweifel erhaben, dass sich allein die Eizelle in ihrem

Verhalten gegen die Einwirkung des fremden Samens verändert hatte.

Wenn aber überhaupt in der Eizelle Veränderungen eintreten oder

künstlich hervorgerufen werden können, durch welche die Bastardirung

gelingt, dann muss es vom theoretischen Standpunkt aus auch möglich

sein, die Geschlechtsproducte zweier Arten, zwischen denen ein

gewisser Grad sexueller Affinität besteht, fast ohne Zurückbleiben

eines unbefruchteten Restes zu bastardiren. Man wird dann je nach den

Bedingungen, unter denen man die Geschlechtsproducte zusammenbringt,

ein Minimum und ein Optimum der Bastardirung gewinnen können.

Um diese Verhältnisse festzustellen, nimmt man die Experimente am

besten in der Weise vor, dass man das Eimaterial eines Weibchens in

mehrere Portionen theilt und zu verschiedenen Zeiten befruchtet.

Stets erhält man hier den geringsten Prozentsatz von Bastarden, wenn

den Eiern gleich nach der Entleerung aus den Ovarien der fremde Samen

zugesetzt wird. Je später die Befruchtung geschieht, sei es nach 5

oder 10 oder 20 oder 30 Stunden, um so mehr wächst der Prozentsatz

der bastardirten Eier, bis schliesslich ein Bastardirungsoptimum

erreicht wird. Als solches bezeichnet man das Stadium, in welchem

sich bei Zusatz fremden Samens das möglichst grösste Eiquantum in

normaler Weise entwickelt. Das Stadium ist von kurzer Dauer, da sich

in den Eiern für uns unsichtbare Veränderungen ohne Unterbrechung

weiter abspielen. Dann beginnt der Prozentsatz der in Folge der

Bastardbefruchtung sich normal entwickelnden Eier wieder abzunehmen

und zwar hauptsächlich deshalb, weil ein immer grösser werdender

Theil in Folge des Eindringens mehrerer Samenfäden sich ganz

unregelmässig theilt und missgebildet wird.

Die Erfolge, die man erhält, wenn das Eimaterial zu verschiedenen

Zeiten gekreuzt wird, kann man sich unter dem Bilde einer auf-

und absteigenden Curve darstellen, deren Höhepunkt durch das

Bastardirungsoptimum bezeichnet wird. Zur Veranschaulichung können die

Ergebnisse von Kreuzungen der Eier von Sphärechinus granularis mit

Samen von Strongylocentrotus lividus dienen. ¼ Stunde nach Entleerung

aus dem Ovarium befruchtet entwickeln sich nur äusserst vereinzelte

Eier (Bastardirungsminimum). Nach 2¼ Stunden lassen sich 10%, nach

6¼ Stunden schon etwa 60% und nach 10¼ Stunden fast alle Eier mit

Ausnahme von etwa 5% befruchten, wobei sie sich meist in normaler

Weise weiter entwickeln (das Bastardirungsoptimum ist erreicht).

Bei Befruchtung nach 25 Stunden entwickelt sich ein Theil normal,

ein nicht unbedeutender Theil in unregelmässiger Weise in Folge von

Mehrbefruchtung, ein kleiner Rest bleibt unbefruchtet.

Aus den an Echinodermeneiern erhaltenen Resultaten scheint sich

mir eine Erklärung für die bekannte Thatsache zu bieten, dass

domesticirte Thier- und Pflanzenarten sich im Allgemeinen leichter

kreuzen lassen, als nahe verwandte Arten im Naturzustande. Durch

die Domestication wird eben im Ganzen die Constitution verändert

und biegsamer gemacht. Dies äussert sich dann besonders an den

Geschlechtsproducten, indem der Generationsapparat bei allen

Veränderungen im Körper in Mitleidenschaft gezogen wird.

Wie bei der Bastardirung, lässt sich auch bei der Selbstbefruchtung

zeigen, dass die geschlechtliche Affinität sich durch äussere

Eingriffe umstimmen lässt. Wie Darwin (VII. 8) mittheilt, ist

Eschscholtzia californica in Brasilien nicht selbstfruchtbar, nach

England gebracht, wird sie es; Samen von England nach Brasilien

zurückgebracht, werden dort sehr bald wieder für Selbstbefruchtung

untauglich. Auch individuelle Verschiedenheit zeigt sich hier

in ähnlicher Weise. Gleichwie bei Echinodermen von Eiern eines

Eierstocks einige sich mit fremdem Samen kreuzen lassen, andere

nicht, so hat sich durch das Experiment ergeben, dass von Reseda

odorata einige Individuen mit sich selbst fruchtbar sind, andere

nicht. Ebenso wird es auf ähnliche individuelle Unterschiede der

Eizellen einer Blüthe zurückzuführen sein, dass bei manchen Pflanzen

sowohl Selbstbefruchtung als auch Bastardbefruchtung immer nur viel

weniger Samen liefert als Normalbefruchtung. Eine gewisse Anzahl von

Eiern werden eben entweder den fremden Pollen gar nicht annehmen,

oder, wenn sie befruchtet werden, frühzeitig absterben.

δ) Rückblick und Erklärungsversuche.

Wenn wir jetzt noch auf die im letzten Kapitel besprochenen

Erscheinungen einen Rückblick werfen, so kann es keinem

Zweifel unterliegen, dass in der Befruchtungsbedürftigkeit

der Geschlechtszellen und in der damit eng zusammenhängenden,

geschlechtlichen Affinität ein ausserordentlich complicirtes

Phänomen des Lebens vorliegt. Die Factoren, die hierbei maassgebend

sind, entziehen sich unserer genauen Kenntnissnahme. Aber Vieles

scheint darauf hinzudeuten, dass in geringen Verschiedenheiten der

molekularen Organisation die Bedingungen zu suchen sein werden dafür,

dass hier Eizellen sich parthenogenetisch, dort nur in Folge der

Verbindung mit einer Samenzelle zu entwickeln vermögen, dass bald

Selbstbefruchtung und Bastardbefruchtung gelingt, bald nicht, dass

die Eizellen ein und desselben Individuums sich oft bei Selbst-

und Bastardbefruchtung verschieden verhalten, dass der Eintritt

von Befruchtungsbedürftigkeit und von Parthenogenese, das Gelingen

von Selbst- und Bastardbefruchtung durch äussere Eingriffe oft

beeinflusst werden können, dass das Gedeihen der Zeugungsproducte von

der Art der Befruchtung abhängig ist.

Lässt sich nun darüber eine Vermuthung aussprechen, wie die zum

Zweck der Befruchtung geeignete moleculare Organisation der

Geschlechtszellen sein muss? Die Erscheinungen der Selbst- und

Bastardbefruchtung verglichen mit der Normalbefruchtung sind wohl im

Stande, uns wenigstens einen wichtigen Fingerzeig zu geben.

Wie aus den zahlreichen Beobachtungen wohl klar hervorgeht, wird

der Erfolg der Befruchtung wesentlich mit bestimmt durch das

Verwandtschaftsverhältniss, in welchem die weiblichen und männlichen

Geschlechtszellen zu einander stehen. Sowohl zu nahe, als zu

entfernte Verwandtschaft oder wie wir anstatt dessen auch sagen

können, zu grosse Aehnlichkeit oder zu grosse Verschiedenheit der

Geschlechtsproducte beeinträchtigen den Erfolg der Befruchtung. Er

wird beeinträchtigt entweder unmittelbar in der Weise, dass sich die

Geschlechtszellen gar nicht verbinden, da sie keine geschlechtliche

Affinität zu einander äussern, oder mittelbar dadurch, dass das

Mischungsproduct beider, der aus der Befruchtung hervorgehende Keim,

nicht ordentlich entwicklungsfähig wird. Letzteres äussert sich bald

darin, dass schon nach den ersten Anfangsstadien der Entwicklung der

Keim abstirbt, bald darin, dass ein allerdings lebensfähiges, aber

schwächliches Product entsteht, bald darin, dass das schwächliche

Product durch Vernichtung seiner Reproductionsfähigkeit zur

Erhaltung der Art nicht taugt. +Unter allen Fällen gedeiht das

Zeugungsproduct am besten, wenn die zeugenden Individuen und in Folge

dessen auch ihre Geschlechtszellen unbedeutend in ihrer Constitution

oder Organisation voneinander verschieden sind.+

Es ist ein grosses Verdienst von Darwin (VII. 8), durch ausgedehnte

Experimente und Studien uns eine Grundlage für diese Erkenntniss

verschafft und sie zuerst klar formulirt zu haben. Ich führe

drei Sätze von ihm an: „Kreuzung von Formen, welche unbedeutend

verschiedenen Lebensbedingungen ausgesetzt gewesen sind oder variirt

haben, begünstigt Lebenskraft und Fruchtbarkeit der Nachkommen,

während grössere Veränderungen oft nachtheilig sind.“ „Der blosse Akt

der Kreuzung thut an und für sich nicht gut, sondern das Gute hängt

davon ab, dass die Individuen, welche gekreuzt werden, unbedeutend

in ihrer Constitution voneinander verschieden sind und zwar in

Folge davon, dass ihre Vorfahren mehrere Generationen hindurch

unbedeutend verschiedenen Bedingungen oder dem, was wir spontane

Abänderung nennen, ausgesetzt gewesen sind.“ +Der Nutzen der

Befruchtung besteht in der „Vermischung der unbedeutend verschiedenen

physiologischen Elemente unbedeutend verschiedener Individuen.“+

Die Darwinschen Erfahrungen hat Herbert Spencer (IX. 26) benutzt, um

auf molekularem Gebiet eine Hypothese von dem Wesen der Befruchtung

aufzubauen, die als ein vorläufiger Versuch erwähnt zu werden

verdient.

Spencer stellt gewissermaassen als ein Axiom den Satz auf,

dass die Befruchtungsbedürftigkeit der Geschlechtszellen darin

besteht, dass „ihre organischen Einheiten (Micellen) sich einem

Gleichgewichtszustand genähert haben“, und dass „ihre gegenseitigen

Anziehungen sie verhindern, ihre Anordnung auf die Einwirkung

äusserer Kräfte hin leicht zu verändern.“

Wäre diese Annahme fester zu begründen, während sie augenblicklich

mir nur eine Möglichkeit zu sein scheint, so könnte man wohl ohne

Bedenken der Erklärung von Spencer zustimmen: „+Der Hauptzweck der

geschlechtlichen Zeugung ist, eine neue Entwicklung durch Zerstörung

des annähernden Gleichgewichts herbeizuführen, auf welchem die

Moleküle der elterlichen Organismen angekommen sind.“ Denn „wenn

eine Gruppe von Einheiten des einen Organismus und eine Gruppe von

etwas verschiedenen Einheiten des anderen miteinander vereinigt

werden, wird das Streben nach dem Gleichgewichtszustand vermindert,

und die vermischten Einheiten werden in den Stand gesetzt sein, ihre

Anordnung durch die auf sie einwirkenden Kräfte leichter abändern

zu lassen; sie werden soweit in Freiheit gesetzt sein, dass sie nun

jeder Andersvertheilung fähig sind, welche das Wesen der Entwicklung

ausmacht.+“

In diesem Sinne kann die Befruchtung auch als ein

+Verjüngungsprocess+ betrachtet werden, wenn man sich dieses

von Bütschli (VII. 6), Maupas (VII. 30) u. A. gebrauchten Ausdruckes

bedienen will.

Der Ausspruch von Spencer entzieht sich zur Zeit noch einer

genaueren, wissenschaftlichen Begründung, scheint mir aber als

vorläufiger Versuch zur Lösung der ausserordentlich schwierigen Frage

Beachtung zu verdienen.

Aus dem oben aufgestellten Satz, dass der Befruchtungsprocess

eine Vermischung der unbedeutend verschiedenen physiologischen

Einheiten unbedeutend verschiedener Individuen ist, lässt sich noch

eine wichtige Folgerung ziehen. Wenn die geschlechtliche Zeugung

eine Vermischung der Eigenschaften zweier Zellen ist, so muss sie

Mittelformen liefern.

Sie gleicht Verschiedenheiten aus, indem sie etwas Neues hervorruft,

was zwischen den beiden alten Zuständen die Mitte hält; sie schafft

zahllose neue Varianten, die aber Verschiedenheiten geringeren Grades

darstellen. Weismann (IX. 34) erblickt daher in der Befruchtung eine

Einrichtung, durch die ein immer wechselnder Reichthum individueller

Gestaltung hervorgerufen werde; ihr Zweck sei, das Material an

individuellen Unterschieden zu schaffen, mittelst dessen Selection

(natürliche Auslese) neue Arten hervorbringe.

Indem ich dem ersten Theil dieses Satzes beistimme, habe ich gegen

den zweiten Theil Bedenken. Die durch Befruchtung hervorgerufenen

individuellen Verschiedenheiten, welche Gegenstand der natürlichen

Auslese werden sollen, können im Allgemeinen nur geringfügiger Art

sein und laufen stets Gefahr, durch eine der folgenden Mischungen

wieder aufgehoben oder abgeschwächt oder in eine andere Richtung

gedrängt zu werden. Eine neue Abart kann sich nur bilden, wenn

zahlreiche Individuen einer Art nach einer bestimmten Richtung hin

variiren, so dass es zu einer Summirung und Verstärkung dieser

Eigenthümlichkeit kommt, während andere Individuen derselben Art,

die ihren alten Charakter bewahren oder in einer anderen Richtung

variiren, an der geschlechtlichen Vermischung gehindert werden. Ein

solcher Process setzt constant wirkende äussere Factoren und eine

gewisse räumliche Sonderung der Individuen einer Art voraus, die sich

in zwei neue Arten spalten soll.

Mir scheint daher die geschlechtliche Zeugung auf die Artbildung

im entgegengesetzten Sinne, als es Weismann annimmt, einzuwirken.

Sie gleicht die Unterschiede, welche durch Einwirkung äusserer

Factoren in den Individuen einer Art hervorgerufen werden, beständig

aus, indem sie Mittelformen schafft; sie drängt geradezu dahin,

die Art homogen zu machen und in ihrer Besonderheit zu erhalten.

Von Bedeutung ist hierbei ferner die sexuelle Affinität, jene

räthselhafte Eigenschaft der organischen Substanz, sowohl mit zu

gleichartig als auch mit zu fremdartig beschaffener Substanz keine

Verbindung oder wenigstens keine gedeihliche Verbindung einzugehen.

Denn die Arten und Gattungen werden getrennt erhalten, weil die

Geschlechtsproducte sich wegen ihrer verschiedenartigen Organisation

und der damit zusammenhängenden, geringen geschlechtlichen Affinität

nicht mit Erfolg vermischen können.

In gleichem Sinne äussern sich Darwin und Spencer. Nach Darwin

„spielt die Kreuzung eine sehr wichtige Rolle in der Natur, indem

sie die Individuen derselben Species oder Varietät getreu und

gleichförmig in ihrem Charakter erhält.“ Und H. Spencer bemerkt: „In

der Species findet vermittelst der geschlechtlichen Zeugung eine

ununterbrochene Neutralisation jener gegensätzlichen Abweichungen

vom Mittelzustande statt, welche in ihren verschiedenen Theilen

durch verschiedene Gruppen einwirkender Kräfte verursacht werden,

und in gleicher Weise ist es diese rhythmische Erzeugung und

Wiederaufhebung solcher gegensätzlichen Abweichungen, welche die

Fortdauer des Lebens der Species verbürgt.“

Literatur. VII.

1) =Auerbach.= _Ueber einen sexuellen Gegensatz in der

Chromatophilie der Keimsubstanz etc. Sitzungsber. d. kgl. Preuss.

Akad. d. Wissensch. Nr. 35._

2a) =A. de Bary.= _Ueber apogame Farne u. die Erscheinungen

der Apogamie im Allgemeinen. Botanische Zeitung. Bd. XXXVI. 1878._

2b) _+Derselbe.+ Beiträge zur Morphologie u. Physiologie der

Pilze. Abhandl. d. Senkenberg. naturf. Gesellschaft. 1881._

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 1/2) · 第 151 / 170 题