Mit den Ergebnissen auf thierischem Gebiet harmoniren in
vollkommenster Weise die Entdeckungen des Befruchtungsprocesses
bei den Phanerogamen, welche wir in erster Reihe den Arbeiten von
Strasburger (VII. 38) und Guignard (VII. 15) verdanken. Die für
das Studium geeigneten Objecte bieten uns hier die Liliaceen,
hauptsächlich Lilium Martagon und Fritillaria imperialis. Dem
Samenfaden entspricht bei den Phanerogamen das Pollenkorn, dem
thierischen Ei die im Fruchtknoten des Stempels eingeschlossene, den
wichtigsten Theil des Embryosackes bildende, pflanzliche Eizelle.
Wenn das Pollenkorn auf die Narbe des Griffels gelangt ist, beginnt
sein Inhalt aus einer erweichten Stelle der Membran hervorzutreten
und zu einem langen Schlauch (Fig. 143) auszuwachsen, der sich
im Griffel nach abwärts einen Weg bahnt, bis er einen Embryosack
erreicht hat. Hier dringt er noch zwischen den beiden Synergiden
hindurch zur Eizelle selbst heran. Pollenkorn und Pollenschlauch
enthalten zwei Kerne, einen vegetativen, der bei der Befruchtung
keine weitere Rolle spielt, und den Samenkern. Letzterer kommt in
die Spitze des Pollenschlauchs zu liegen, wenn dieser zur Eizelle
vorgedrungen ist; von hier tritt er durch die ganz erweichte
Cellulosehaut hindurch in das Protoplasma des Eies ein, wobei
ihm immer zwei zu einem Paar verbundene Centralkörperchen dicht
vorangehen, deren Entdeckung dem französischen Forscher Guignard
geglückt ist (Fig. 143). Bei seiner Wanderung trifft er bald den
etwas umfangreicheren Eikern, an dessen Oberfläche ebenfalls ein Paar
Centralkörperchen wahrzunehmen sind.
[Illustration: Fig. 143.]
[Illustration: Fig. 144.]
=Fig. 143. Durchschnitt durch den Embryosack von Lilium
Martagon.= Nach ~Guignard~ XV, Fig. 75.
Am Ende des Pollenschlauches, dessen erweichte Wand seinen Inhalt
austreten lässt, sieht man den Samenkern mit seinen beiden
Centralkörperchen. Der Eikern ist ebenfalls mit seinen beiden
Centralkörperchen versehen. Rechts am Ende des Pollenschlauchs
bemerkt man eine Synergide, welche sich zu zersetzen beginnt.
=Fig. 144. Ei von Lilium Martagon.= Nach ~Guignard~ XVI,
Fig. 80 u. 81.
_A_ Kurze Zeit nach der Vereinigung von Ei- und Samenkern.
_B_ Späteres Stadium. Die Verschmelzung der Centralkörperchen
ist fast vollendet.
Die beiden Kerne (Fig. 144) copuliren darauf, ebenso die vier
Centralkörperchen, und zwar die letzteren der Art, dass aus ihnen
zwei neue Paare entstehen, von denen ein jedes aus je einem Element
männlichen und weiblichen Ursprungs zusammengesetzt ist. Die neuen
Paare liegen an entgegengesetzten Seiten des Keimkerns und werden
alsbald zu den beiden Polkörperchen der ersten Kernspindel (Fig. 145).
[Illustration: =Fig. 145. Ei des Embryosacks von Lilium Martagon
mit seinem Kern in Theilung.= Die Kernplatte besteht aus 24
Kernsegmenten. Nach ~Guignard~ XVI, Fig. 83.]
Wie bei den thierischen Geschlechtszellen wird auch bei der Bildung
des Pollens und der Eizelle der Phanerogamen das Nucleïn und die
Anzahl der aus ihm hervorgehenden Kernsegmente auf die Hälfte
eines Normalkerns herabgesetzt. Während bei Lilium Martagon die
gewöhnlichen Kerne bei ihrer Theilung 24 Kernsegmente entwickeln,
die sich in zweimal 24 Tochtersegmente der Länge nach spalten, ist
beim Ei- und Samenkern eine Reduction auf 12 Segmente herbeigeführt
worden. Erst aus ihrer Vereinigung entsteht wieder ein Vollkern, die
erste Theilspindel mit 24 Muttersegmenten, von denen 12 väterlicher,
12 mütterlicher Abstammung sind.
In Bezug auf die Centralkörperchen besteht bei Echinodermen und
Phanerogamen ein wohl nebensächlicher Unterschied. Bei ersteren ist
am Anfang das Centralkörperchen vom Ei- und vom Samenkern einfach
und wird erst später durch Theilung verdoppelt, bei letzteren
dagegen tritt es schon sehr frühzeitig im Pollenschlauch und in der
+Eizelle+ verdoppelt auf.
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Wenn wir jetzt die auf den letzten Seiten (206–212) erhaltenen
Resultate vergleichen, so lassen sich für den Befruchtungsprocess
bei Thieren und phanerogamen Pflanzen folgende Fundamentalsätze
aufstellen:
+Bei der Befruchtung finden deutlich nachweisbare, morphologische
Vorgänge statt. Bei diesen ist das Wichtige und Wesentliche
die Vereinigung zweier Zellkerne, die von zwei verschiedenen
Geschlechtszellen abstammen, eines Ei- und eines Samenkerns.+
+Beim Befruchtungsakt verschmelzen+:
1) +äquivalente Mengen männlicher und weiblicher färbbarer
Kernsubstanz (Nucleïn)+,
2) +die zwei Theilhälften eines männlichen Centralkörperchens mit
den entsprechenden Theilhälften eines weiblichen Centralkörperchens,
aus welcher Verschmelzung die zwei Polkörperchen der ersten
Kerntheilungsfigur hervorgehen+.
+Sowohl die männliche, wie die weibliche färbbare Kernsubstanz
sind ihrer Masse und der Zahl der Kernsegmente nach, aus denen sie
entstanden sind, auf die Hälfte eines Normalkerns reducirt. Erst
durch ihre Verschmelzung wird daher die volle Substanzmasse und die
volle Anzahl der Segmente eines Normalkerns wieder hergestellt.+