III. Die Vielzellbildung.

Das Eigenthümliche der Vielzellbildung besteht darin, dass sich

der Kern in einer Zelle mehrfach hintereinander theilt, während

der Protoplasmakörper längere Zeit ungetheilt bleibt, ja nicht

einmal die Neigung zu einer partiellen Zerlegung zeigt. Durch

öfters sich wiederholende Zweitheilung kann die Anzahl der Kerne

in dem einheitlichen Protoplasmakörper sich allmählich auf mehrere

Hunderte belaufen. Diese ordnen sich dann in regelmässigen Abständen

voneinander an. Endlich tritt eine Zeit ein, in welcher die

vielkernige Mutterzelle auf einmal oder mehr allmählich in so viele

Tochterzellen zerfällt, als sie Kerne einschliesst.

Vielzellbildung kommt bei Thieren und Pflanzen, namentlich bei

der Entwicklung der Geschlechtsproducte, häufiger vor. Zur

Veranschaulichung wähle ich drei Beispiele: die superficielle

Furchung der centrolecithalen Eier von Arthropoden, die Bildung des

Endosperms in dem Embryosack der Samenknospen von Phanerogamen und

die Sporenbildung in den Sporangien der Saprolegnien.

Bei den +Eiern der Arthropoden+ ist gewöhnlich die

Dottermasse im Centrum des Eies angesammelt und von einer dünnen

Rindenschicht von Protoplasma umgeben. Sie werden daher als

+centrolecithale Eier+ oder Eier mit mittelständigem Dotter

den +telolecithalen+ Eiern oder Eiern mit polständigem Dotter

gegenüber gestellt (Balfour VI. 3). Der Furchungskern findet sich

gewöhnlich, von einer Protoplasmahülle umgeben, in der Mitte des

Nahrungsdotters; hier theilt er sich in zwei Tochterkerne, ohne dass

eine Theilung der Eizelle auf dem Fusse folgt. Die Tochterkerne

(Fig. 122 _A_) theilen sich wieder in 4, diese in 8, 16, 32

Kerne und so weiter, während das Ei als Ganzes immer noch ungetheilt

bleibt. Später rücken die Kerne auseinander, wandern zum grössten

Theil allmählich an die Oberfläche empor (Fig. 122 _B_) und

dringen in die protoplasmatische Rindenschicht ein, wo sie sich in

gleichmässigen Abständen voneinander anordnen. Jetzt erst erfolgt

auch am Ei der Furchungsprocess, indem die Rindenschicht in so viele

Zellen zerfällt, als Kerne in ihr liegen, während der centrale

Dotter ungetheilt bleibt oder erst sehr viel später abgefurcht wird.

Letzteres tritt ein, wenn er wie bei den Insecten, ähnlich den

Eiern mit polständigem Dotter, einige Dotterkerne oder Merocyten

einschliesst (Fig. 122 _C_).

[Illustration: =Fig. 122. Superficielle Furchung des Insecteneies

(Pieris crataegi)= nach ~Bobretzky~. Aus ~R. Hertwig~ Fig. 100.

_A_ Theilung des Furchungskerns. _B_ Heraufrücken der Kerne zur Bildung

der Keimhaut (Blastoderm). _C_ Bildung der Keimhaut.]

Der +Embryosack der Phanerogamen+ wird von einem protoplasmatischen

Wandbeleg ausgekleidet, der auf einem gewissen Entwicklungsstadium

viele hundert regelmässig vertheilte Kerne einschliesst, die man

früher durch freie Kernbildung wie die Krystalle aus einer Mutterlauge

entstehen liess. Wir wissen jetzt, dass sie von einem Mutterkern

durch oftmals wiederholte Zweitheilung, wie im Ei der Arthropoden,

abstammen (Fig. 123). Die Theilungen spielen sich in einem Bezirk des

Embryosackes ziemlich gleichzeitig ab. Hat es daher bei Anfertigung

eines Präparates der Zufall glücklich gefügt, so kann man auf kleinem

Raum gleich Hunderte von Theilungsstadien (Fig. 123) vor Augen haben.

[Illustration: =Fig. 123. Fritillaria imperialis. Protoplasmatischer

Wandbeleg aus dem Embryosack. Ein Streifen alle Phasen der Kerntheilung

zeigend.= Vergr. 90. Nach ~Strasburger~, Botan. Prakticum Fig. 190.]

[Illustration: =Fig. 124. Reseda odorata. Protoplasmatischer Wandbeleg

des Embryosacks zu Beginn der freien Zellbildung.= Vergr. 240. Nach

~Strasburger~, Botan. Prakticum Fig. 192.]

Wenn Kerne in genügend grosser Anzahl entstanden sind, so tritt ein

Stadium ein, in welchem es zur Zellbildung im Wandbeleg kommt (Fig.

124). Zwischen den in regelmässigen Abständen vertheilten Kernen

differenzirt sich das Protoplasma in radiäre Fäden. Es bilden sich

nach allen Richtungen Verbindungsfäden aus, die sich in ihrer Mitte

verdicken und eine +Zellplatte+ erzeugen. In den Zellplatten

entstehen in der früher geschilderten Weise leicht quellende

+Cellulosewände+, durch welche um je einen Kern ein Theil des

protoplasmatischen Wandbelegs zur Zelle abgekapselt wird. Zuweilen

sind in einer Zelle zwei Kerne eingeschlossen, die dann entweder noch

nachträglich durch eine Scheidewand getrennt werden, oder auch wie

bei Corydalis cava zu einem einzigen Kern untereinander verschmelzen.

Das +Sporangium der Saprolegnien+ ist Anfangs eine lange von

Protoplasma erfüllte Zelle. In derselben werden zunächst die Kerne

durch Zweitheilung, die meist gleichzeitig eintritt, beträchtlich

vermehrt. Später vertheilen sie sich regelmässig im Zellraum. Um

jeden Kern sondert sich die angrenzende Protoplasmapartie zu einem

kleinen Klümpchen, welches sich auf seiner Oberfläche mit einer

festen, glänzenden Hülle umgiebt, und so zerfällt der Zellinhalt

gleichzeitig in so viel einzelne +Sporen+, als kleine Kerne

vorher vorhanden waren. Dieselben werden später durch Platzen der

Membran der Mutterzelle (des Sporangiums) nach Aussen entleert.

Die früher erwähnte +Schwärmerbildung der Radiolarien+ (Seite

170) ist auch als ein besonderer Fall der Vielzellbildung zu

betrachten.

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 1/2) · 第 140 / 170 题