I. Geschichte der Zellenentstehung.

Schon Schleiden und Schwann (I. 28, 31) legten sich bei Ausarbeitung

ihrer Theorieen die sich naturgemäss aufdrängende Frage vor: In

welcher Weise entstehen die Zellen? Ihre Antwort, die sie auf Grund

sehr lückenhafter und ungenauer Beobachtungen gaben, war eine

verfehlte; sie liessen die Zellen, die sie mit Vorliebe Krystallen

verglichen, sich wie Krystalle in einer Mutterlauge bilden. Die

Flüssigkeit im Innern einer Pflanzenzelle bezeichnete Schleiden

als +Cytoblastem+, als Keimstoff, als eine Art Mutterlauge.

In dieser sollten junge Zellen dadurch entstehen, dass sich zuerst

ein festes Körnchen bildet, der Nucleolus des Kerns, dass darauf

um dasselbe sich eine Substanzschicht niederschlägt und indem

Flüssigkeit zwischen beide dringt, zur Kernmembran wird. Der Kern

ist wieder der Organisationsmittelpunkt für die Zelle, daher er auch

+Cytoblast+ genannt wird. Es wiederholt sich derselbe Process,

wie bei der Bildung des Kerns um den Nucleolus. Der Cytoblast umgiebt

sich mit einer durch Niederschlag aus dem Zellsaft entstandenen

Membran, welche ihm anfangs dicht aufliegt, dann aber sich von ihm

entfernt, indem wieder Flüssigkeit zwischen beide eindringt.

+Schwann+ (I. 31) adoptirte die Schleiden’sche Theorie, verfiel

aber dabei in einen zweiten, noch grösseren Irrthum. Er liess nämlich

die jungen Zellen sich nicht allein im Innern von Mutterzellen

entwickeln, wie es Schleiden that, sondern auch ausserhalb

derselben in einem organischen Stoff, welcher bei den Thieren als

Intercellularsubstanz zwischen vielen Zellen vorgefunden wird und

welchen er ebenfalls als Cytoblastem bezeichnete. Schwann lehrte also

freie Zellbildung sowohl innerhalb als ausserhalb von Mutterzellen,

eine wahre +Urzeugung von Zellen aus formlosem Keimstoff+.

Das waren schwere, fundamentale Irrthümer, von denen sich am

raschesten die Botaniker losgesagt haben. Durch Mohl (VI. 47),

Unger und besonders durch die vorzüglichen Untersuchungen Nägeli’s

(VI. 48) konnte schon im Jahre 1846 ein allgemeines Gesetz

formulirt werden. Nach diesem Gesetz bilden sich neue Pflanzenzellen

stets nur aus bereits vorhandenen, und zwar in der Weise, dass

+Mutterzellen durch einen Theilungsakt, wie ihn Mohl zuerst

beobachtet hat, in zwei oder mehrere Tochterzellen zerfallen+.

Viel hartnäckiger hat sich die Lehre von der Urzeugung von Zellen

aus einem Cytoblastem in der thierischen Gewebelehre, namentlich

auf dem Gebiete der pathologischen Anatomie, erhalten, wo die

Geschwulst- und Eiterbildung auf sie zurückgeführt wurde. Erst nach

manchen Irrwegen und durch die Bemühungen von vielen Forschern,

insbesondere von Kölliker (VI. 44. 45), Reichert (VI. 58. 59) und

Remak (VI. 60. 61), wurde auch hier mehr Klarheit in die Frage der

Zellengenese gebracht und zuletzt noch der Cytoblastemlehre das

Schlagwort „+Omnis cellula e cellula+“ durch Virchow (I. 33)

entgegengestellt. Wie bei den Pflanzen existirt auch bei den Thieren

keine Urzeugung von Zellen. Die vielen Milliarden von Zellen, aus

denen z. B. der erwachsene Körper eines Wirbelthieres besteht, sind

insgesammt hervorgegangen aus der unendlich oft wiederholten Theilung

+einer+ Zelle, des Eies, mit welchem das Leben eines jeden

Thieres beginnt.

Ueber die Rolle, welche der Kern bei der Zelltheilung spielt,

gelang es den älteren Histologen nicht, zur Klarheit zu gelangen.

Mehrere Jahrzehnte lang standen sich zwei Ansichten gegenüber, von

denen bald die eine, bald die andere zeitweilig zu einer grösseren

Allgemeingeltung gelangt ist. Nach der einen Ansicht (die meisten

Botaniker, Reichert (VI. 58), Auerbach (VI. 2a] etc.) soll +der

Kern vor jeder Theilung verschwinden und sich auflösen+, um in

jeder Tochterzelle wieder von Neuem gebildet zu werden; nach der

andern Ansicht dagegen (C. E. v. Baer, Joh. Müller, Remak VI. 60,

Leydig, Gegenbaur, Haeckel V. 4b, van Beneden etc.) soll der Kern

in den Theilungsprocess activ eingreifen, noch vor Beginn desselben

soll +er sich strecken und der spätern Theilungsebene entsprechend

einschnüren und in zwei Hälften zerfallen+, welche nach

entgegengesetzter Richtung etwas auseinanderweichen. Dann soll sich

auch der Zellkörper selbst einschnüren und in zwei Stücke trennen,

für welche die beiden Tochterkerne Attractionscentren darstellen.

Jede dieser diametral entgegengesetzten Ansichten enthielt ein

kleines Stück Wahrheit, keine entsprach dem wirklichen Vorgang,

der den älteren Histologen zum Theil wegen der von ihnen

angewandten Untersuchungsmethoden verborgen blieb. Erst in den

letzten zwei Jahrzehnten ist die Erkenntniss des Zellenlebens

durch die Erforschung der hochinteressanten Kernstructuren und

Kernmetamorphosen bei der Zelltheilung durch Schneider VI. 66, Fol.

VI. 18. 19, Auerbach VI. 2a, Bütschli VI. 81, Strasburger VI. 71–73,

O. u. R. Hertwig VI. 30–38, Flemming VI. 13–17, van Beneden VI. 4a,

4b, Rabl VI. 53, Boveri VI. 6, 7 in eingreifender Weise gefördert

worden. Ihre Untersuchungen, auf die ich in diesem Abschnitt noch

öfters zurückkommen werde, haben zu dem allgemeinen Resultat geführt,

dass der Kern ein permanentes Organ der Zelle ist, welchem eine sehr

wichtige und namentlich bei der Theilung sich äussernde Aufgabe im

Zellenleben zugefallen ist. +Wie eine Zelle nicht durch Urzeugung

entsteht, sondern direct auf dem Wege der Theilung von einer andern

Zelle hervorgeht, so bildet sich auch der Kern niemals neu, sondern

stammt immer von Substanztheilen eines andern Kernes ab.+ Das

Schlagwort „Omnis cellula e cellula“ findet eine Ergänzung durch den

Zusatz „+Omnis nucleus e nucleo+“. (Flemming VI. 12.)

Nach dieser historischen Einleitung wollen wir zuerst die

Veränderungen, von denen der Kern bei der Theilung betroffen wird,

alsdann die verschiedenen Arten der Zellvermehrung näher in das Auge

fassen.

II. Der Process der Kerntheilung und die verschiedenen Arten

desselben.

Bei jeder Vermehrung der Zellen spielen ihre Kerne eine Hauptrolle

und fesseln in erster Linie das Interesse des Beobachters. Je nach

den Veränderungen, die sie hierbei erleiden, unterscheidet man drei

Arten der Kernvermehrung, die indirecte oder Kernsegmentirung, die

directe (Flemming) oder Kernzerschnürung und die endogene Kernbildung.

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 1/2) · 第 129 / 170 题