1) Zur Chemie des Stoffumsatzes.

Die chemischen Vorgänge in den Zellen, die zum grössten Theil noch

in ein tiefes Dunkel gehüllt sind, können uns hier nur insoweit

beschäftigen, als es sich um einige fundamentale Fragen handelt. Eine

solche ist die Frage nach der Synthese der Kohlenhydrate, der Fette

und Eiweisssubstanzen aus einfacheren Elementarstoffen.

Es besteht ein anscheinend tiefgreifender Gegensatz zwischen der

chemischen Arbeit im Pflanzenreich und im Thierreich. Nur das mit

Chlorophyll versehene Protoplasma der Pflanzenzellen besitzt die

Fähigkeit, aus Kohlensäure und Wasser hochmoleculare, ternäre

Verbindungen herzustellen; das nicht chlorophyllhaltige Protoplasma

der Thiere und einzelner farbloser Pflanzentheile kann nur mit diesem

Ausgangsmaterial weitere Synthesen vornehmen und unter diesen auch

quaternäre Verbindungen liefern.

Welche chemischen Vorgänge sich im grünen Protoplasma unter Benutzung

der lebendigen Kraft der Sonne unter Aufnahme von Kohlensäure und

Wasser und unter Abspaltung von Sauerstoff abspielen, ist noch

nicht zu beantworten. Das erste sichtbare Product der Assimilation

ist die Stärke, eine Vorstufe derselben vielleicht Zucker. Dass

dieser oder jene durch eine directe Synthese von Kohlenstoff und

Wasser entsteht, ist kaum anzunehmen; wahrscheinlich bilden sich

beim complicirten Process mannigfache Zwischenproducte. „Es ist

sogar nicht unmöglich,“ wie Sachs (IV. 32a) bemerkt, „dass gewisse

+nähere+ Bestandtheile des grünen Plasmas selbst sich an dem

Vorgang betheiligen, dass z. B. dabei Spaltungen und Substitutionen

in den Molekülen des grünen Protoplasmas stattfinden. Diese

Möglichkeit erhält einige Wahrscheinlichkeit durch die Wahrnehmung,

dass in vielen (nicht allen) Fällen die Chlorophyllsubstanz, während

die Stärkekörner in derselben wachsen, nach und nach immer mehr an

Masse abnimmt, endlich ganz verschwindet.“

Die vermöge der Chlorophyllfunction im Pflanzenkörper gewonnenen

Kohlenhydrate (Stärke) bilden das Material, durch dessen Umsetzung

im Protoplasma die fetten Oele der Pflanzen entstehen. Die ternären

stickstofffreien, organischen Verbindungen geben ferner wieder die

Grundlage für die Synthese von quaternären Eiweisssubstanzen ab und

tragen so zur Ergänzung und Vermehrung des Protoplasma selbst bei.

Doch müssen bei diesen Synthesen noch salpetersaure und schwefelsaure

Salze hinzukommen, welche von den Pflanzen mit ihren Wurzeln aus dem

Boden aufgenommen werden.

Dass aus solchen Mitteln Proteïnsubstanzen durch die lebende Zelle

gebildet werden können, hat Pasteur experimentell sichergestellt,

indem er niedere Spaltpilze wie Mycoderma aceti, Hefe etc. in

künstlich zusammengestellten Nährlösungen cultivirte. So kann

Mycoderma aceti sich auch im Dunkeln lebhaft vermehren, wenn nur

wenige Zellen in eine Nährlösung gebracht werden, zusammengesetzt aus

entsprechend verdünntem Alkohol oder Essigsäure, einem Ammoniaksalz,

Phosphorsäure, Pottasche, Magnesia, Wasser. Durch chemische

Zersetzung dieser Stoffe müssen die Pilzzellen, wenn sie sich auf

ein Vielfaches vermehrt haben, ausser Cellulose und Fetten, auch

Proteïnstoffe gebildet haben.

Indem vermöge ihrer Chlorophyllfunktion die Pflanze Kohlenhydrate

erzeugt und diese wieder in Fette und Eiweisssubstanzen umsetzt,

liefert sie die ternären und quaternären Verbindungen, welche der

thierische Organismus zu seiner Ernährung bedarf und die er selbst

sich nicht mit den einfachen Mitteln, wie die Pflanzen, zu bereiten

vermag. +Zwischen Pflanzen- und Thierreich besteht in Folge dessen

ein Kreislauf des Lebens+, in welchem beide eine gegensätzliche

Stellung zu einander einnehmen und sich ergänzen. Der Gegensatz lässt

sich in folgender Weise formuliren:

+In der grünen Pflanzenzelle wird aus Kohlensäure und Wasser

durch Synthese organische Substanz erzeugt und die lebendige Kraft,

die ihr im Sonnenlicht zugeführt wird, in Spannkraft umgewandelt;

die thierische Zelle dagegen benutzt als Nahrungsmaterial die im

Pflanzenreich erzeugten ternären und quaternären Verbindungen und

verbrennt sie zum grossen Theil durch Oxydation; sie wandelt die

in den hochmolecularen Verbindungen angesammelten Spannkräfte

wieder in lebendige Kraft um, indem sie Arbeit verrichtet und Wärme

erzeugt.+ Die Pflanze nimmt während ihrer Chlorophyllfunction

Kohlensäure auf und spaltet aus ihr Sauerstoff ab; das Thier athmet

Sauerstoff ein und Kohlensäure wieder aus. Bei der Pflanze herrschen

in den chemischen Processen die Reduction und Synthese, beim Thier

die Oxydation, Verbrennung und Analyse vor.

Aus dem Gegensatz, welcher im Haushalt der Natur zwischen

Pflanzenreich und Thierreich besteht, darf man nun aber nicht auf

einen vollkommenen Gegensatz in den allgemeinen Lebenserscheinungen

zwischen pflanzlicher und thierischer Zelle schliessen. Ein solcher

existirt nicht. Tiefere Forschung deckt überall die Einheit in den

fundamentalen Lebensprocessen der ganzen Organismenwelt auf. Der oben

betonte Gegensatz rührt ja einfach nur daher, dass die Pflanzenzelle

eine besondere, der thierischen Zelle fehlende Function, die

Kohlensäure mit Hülfe ihres Chlorophylls zu zersetzen, ausgebildet

hat. +Von dieser Chlorophyllfunction abgesehen, spielen sich viele

für das Leben fundamentalen Stoffwechsel-Processe hier wie dort in

übereinstimmender Weise im Protoplasma ab+.

Bei Pflanzen wie Thieren muss das Protoplasma, um den Lebensprocess

zu unterhalten, athmen, Sauerstoff aufnehmen, Wärme erzeugen,

Kohlensäure abgeben. Hier wie dort geht Zerstörung und Neubildung von

Protoplasma neben einander her, greifen Processe chemischer Analyse

und Synthese in complicirter Weise ineinander.

Noch klarer wird das Verhältniss, wenn man berücksichtigt, dass in

+der Pflanze ein grosser Theil der Zellen, nämlich alle, welche

des Chlorophylls entbehren, sich in einer ähnlichen Lage wie die

thierischen Zellen befinden+; auch diese müssen, da sie nicht

assimiliren können, das Material zur Erhaltung des Lebensprocesses

und zum Wachsthum und zur Vermehrung ihrer Substanz von den grünen

Zellen beziehen. Derselbe Gegensatz, der im Haushalt der Natur

zwischen Thier und Pflanze besteht, herrscht also in der Pflanze

selbst zwischen den farblosen und den chlorophyllhaltigen Zellen.

In treffender Weise hat Claude Bernard (IV. 1a) das Verhältniss in

folgenden Worten kurz zusammengefasst:

„Wenn in der Sprechweise der Mechaniker die Lebensphänomene,

Neubildung und Zerstörung organischer Substanz, dem Heben und dem

Fallen eines Gewichts verglichen werden können, dann werden wir

sagen, dass Hebung und Fall sich in jeder lebenden Zelle vollziehen,

sowohl in der thierischen als der pflanzlichen, aber mit dem

Unterschied, dass das thierische Element sein Gewicht schon auf ein

gewisses Niveau gehoben vorfindet und es daher weniger zu heben

braucht, als es darauf wieder herabfällt. Das Umgekehrte findet bei

der grünen Pflanzenzelle statt. Mit einem Wort, des deux versants,

celui de la descente est prépondérant chez l’animal; celui de la

montée chez le végétal“ (Claude Bernard IV. 1a, Bd. II Seite 514).

Nachdem so die Bedeutung der Chlorophyllfunction in das rechte Licht

gesetzt ist, sei noch auf wichtige Uebereinstimmungen hingewiesen,

welche in dem Chemismus des Stoffwechsels zwischen thierischer und

pflanzlicher Zelle bestehen.

Hier sei zunächst noch hervorgehoben, dass eine sehr grosse Anzahl

von Stoffen der progressiven und regressiven Metamorphose dem Thier-

und Pflanzenreich gemeinsam sind.

Aehnlich scheinen ferner die Mittel zu sein, mit denen sich einige

sehr wichtige Processe in der thierischen und pflanzlichen Zelle

vollziehen. Kohlenhydrate, Fette und Eiweissstoffe sind nicht

in jedem Zustand geeignet, um im Laboratorium der Zelle direct

verbraucht und in andere chemische Verbindungen übergeführt zu

werden. Eine Vorbedingung ist, dass sie in eine lösliche und leicht

diffundirende Modification umgewandelt werden. Dies geschieht zum

Beispiel, wenn Stärke und Glycogen sich in Traubenzucker, Dextrose

und Lävulose umsetzen, oder wenn Fette in Glycerin und Fettsäuren

zerspalten, oder wenn Eiweissstoffe peptonisirt werden.

Sachs (IV. 32a) bezeichnet +die oben genannten Modificationen der

Kohlenhydrate, Fette und Eiweissstoffe als ihren activen Zustand

im Gegensatz zum passiven Zustand, in welchem sie sich als feste

Reservestoffe (Stärke, Oele, Fette, Eiweisskrystalle, in den

Zellen angesammelt finden oder vom Thier als Nahrung aufgenommen

werden+. Nur im activen Zustand können die plastischen Stoffe

die verschiedenartigen Wanderungen, sowohl im pflanzlichen als auch

im thierischen Körper vollziehen, durch welche sie nach den Orten

ihrer vorübergehenden Aufbewahrung oder ihres jeweiligen Verbrauches

gelangen.

Die +Stärke+ zum Beispiel, die sich in unterirdischen Theilen,

wie den Knollen, oder in den Samen ansammelt, ist an diesen Stellen

nicht assimilirt worden. Ihre Ursprungsorte sind die assimilirenden,

grünen Zellen. Von diesen sind sie durch Vermittelung aller

dazwischenliegenden Zellgebilde oft auf weite Strecken nach den

Knollen oder Samen hintransportirt worden. Da nun Stärkekörnchen

die Zellhäute nicht passiren können, kann die +Stoffwanderung

nur im gelösten Zustand+ (Zucker) stattfinden, worauf am Ort

der Aufbewahrung wieder die +Rückbildung in die unlösliche

Modification+ (Stärke) erfolgt. Wenn dann in der Knolle oder im

Samen sich der Keim entwickelt, werden die passiven Reservestoffe

von Neuem reactivirt und müssen im activen Zustand von Neuem eine

Wanderung nach den +Verbrauchsorten+, den Zellen des sich

entwickelnden Keims, durchmachen. Ebenso müssen beim Thiere die

Kohlenhydrate, Fette und Eiweissstoffe, die als Nahrung in den

Körper gelangen, löslich gemacht werden, damit sie an die Orte

ihres Verbrauchs gelangen können, oder es müssen die zur Reserve

im Fettgewebe abgelagerten Fette, wenn sie irgendwo im Körper zum

Verbrauch dienen sollen, reactivirt werden.

+In der thierischen und pflanzlichen Zelle scheint nun die so

wichtige Ueberführung der Kohlenhydrate, Fette und Eiweisssubstanzen

aus dem passiven in den activen Zustand in durchaus entsprechender

Weise vor sich zu gehen durch Vermittelung sehr eigenthümlicher,

chemischer Körper, die man als Fermente bezeichnet.+ Dieselben

sind den Eiweisskörpern verwandt und wohl durch Umwandlung aus

denselben entstanden; sie finden sich in der Zelle in sehr geringen

Quantitäten, bringen aber trotzdem eine intensive chemische Wirkung

hervor und leiten chemische Processe ein, bei denen sie selbst nicht

wesentlich verändert werden. Die +Fermentwirkung+ ist ein für

die Chemie der Zelle ausserordentlich charakteristischer Vorgang.

Es giebt +Fermente für die Umwandlung der Kohlenhydrate+,

+Fermente für die Umwandlung der Eiweissstoffe+, +Fermente für

die Fettumsetzung+.

Ueberall, wo in den Pflanzen Stärke löslich gemacht wird, geschieht

es durch ein Ferment, +die Diastase+, welche sich aus keimenden

Samen leicht gewinnen lässt. Ihre Wirksamkeit ist so gross, dass etwa

1 Gewichtstheil Diastase 2000 Gewichtstheile Stärke in kurzer Zeit

in Zucker umwandeln kann. Ein anderes auf Kohlenhydrate wirkendes

Ferment, das +Invertin+, kommt in Spalt- und Schimmelpilzen vor

und spaltet Rohrzucker in Dextrose und Lävulose.

Der pflanzlichen Diastase entspricht beim Thier das

+Speichelferment+ (+Ptyalin+), welches Stärke in Dextrin

und Traubenzucker verwandelt. Ebenso wird das nicht diffundirende

Glycogen, welches man seiner Eigenschaft nach als thierisches Amylum

bezeichnet hat, überall wo es vorkommt (Leber, Muskeln), durch ein

saccharificirendes Ferment in Zucker umgesetzt, wenn es weitere

Verwendung finden soll.

+Eiweisskörper werden, um weiter verwerthbar zu sein,

peptonisirt.+ Im thierischen Körper geschieht dies hauptsächlich

durch ein Ferment, das +Pepsin+, welches von den Zellen der

Magensaftdrüsen geliefert wird. Eine geringe Menge von Pepsin löst

bei Gegenwart von freier Salzsäure im Magen so gut wie bei Versuchen

im Reagensröhrchen beträchtliche Mengen von geronnenem Eiweiss auf

und versetzt es in einen Zustand, in welchem es durch Membranen

hindurch diffundiren kann.

Auch in Pflanzenzellen sind peptonisirende Fermente nachgewiesen

worden. Ein solches wird zum Beispiel von den fleischfressenden

Pflanzen an den Organen, welche zum Einfangen von Insekten

eingerichtet sind, als ein Verdauungssaft ausgeschieden, wie von den

Drüsenhaaren der zusammenklappenden +Blätter von Drosera+; es

werden auf diese Weise die kleinen Thierleichen zum Theil in Lösung

übergeführt und von den Pflanzenzellen aufgenommen. Ein pepsinartiges

Ferment hat sich auch in Keimpflanzen nachweisen lassen, wo es

zur Peptonisirung der als Reservestoffe im Samen aufgespeicherten

Proteinkörper dient. Bekannt wegen seiner energischen Wirkung ist das

peptonisirende Ferment aus dem Milchsaft von +Carica papaya+

und anderen Caricaarten. Ein solches ist endlich auch im Körper der

Myxomyceten durch Krukenberg entdeckt worden.

Bei der +chemischen Umsetzung der Fette+ findet im thierischen

Körper eine +Zerspaltung derselben in Glycerin und Fettsäuren+

statt. Eine solche Wirkung übt namentlich der Bauchspeichel aus;

Claude Bernard hat dieselbe auf ein vom Pankreas ausgeschiedenes,

+fettspaltendes Ferment+, zurückzuführen versucht. Auch bei der

Keimung fetthaltiger Pflanzensamen soll eine Zerspaltung des Oels

in Glycerin und Fettsäure durch Vermittelung von Fermenten erfolgen

(Schützenberger).

Schon aus diesen wenigen Thatsachen lässt sich erkennen, dass auch

der Stoffumsatz in der Zelle, so wenig bekannt uns derselbe zur Zeit

noch ist, doch in wichtigen Zügen eine weitgehende Uebereinstimmung

im gesammten Organismenreich zeigt.

Einer der dunkelsten +Punkte beim Stoffumsatz in der Zelle ist die

Rolle, welche das Protoplasma dabei spielt+. Namentlich gilt dies

für alle Vorgänge, welche oben als der formativen Thätigkeit der

Zelle angehörig bezeichnet wurden. In welchem Verhältniss stehen zum

Protoplasma die organisirten Producte desselben, wie die Membran, die

Intercellularsubstanzen und so weiter?

+Zwei ganz entgegengesetzte Ansichten+ finden hier in der Thier- und

Pflanzenbiologie Vertretung. Nach der einen Ansicht +entstehen die

organisirten Substanzen durch Umwandlung des Protoplasma selbst+, also

durch chemische Umsetzungen oder Abspaltungen von Protoplasmamolekülen;

nach der andern Ansicht dagegen +bilden sie sich aus plastischen

Stoffen, Kohlenhydraten, Fetten, peptonisirten Proteïnstoffen+ etc.,

welche in das Protoplasma beim Stoffwechsel aufgenommen, an die

Verbrauchsstelle geschafft und in einem organisirten Zustande zur

Abscheidung gebracht werden.

Am besten lässt sich der Gegensatz an einem Beispiel klar machen, als

welches ich die +Bildung der Cellulosemembran+ der Pflanzenzellen

wählen will.

Nach einer Hypothese, welche unter anderem besonders von Strasburger

(V. 31–33) vertreten wird, verwandelt sich das mikrosomenhaltige

Protoplasma direct in Celluloselamellen; die Cellulose geht als feste,

organisirte Substanz unmittelbar aus dem Protoplasma hervor.

Nach einer anderen Hypothese sind stickstofffreie, plastische Stoffe,

Glycose, Dextrin oder irgend ein anderes lösliches Kohlenhydrat das

Material zur Bildung der Zellhaut. Dasselbe wird vom Protoplasma an die

Verbrauchsstelle geschafft und hier in die unlösliche Modification, die

Cellulose, umgewandelt. Da dieselbe bei ihrer Entstehung eine bestimmte

Structur erhält, wird auch bei dieser Bildungsweise das Protoplasma

in einer uns unbekannten Weise mitwirken müssen, was man mit dem

Schlagwort „formative Thätigkeit“ ausdrückt.

Nach der ersten Hypothese kann man die Cellulosehaut kurzweg als ein

+Umwandlungsproduct des Protoplasma+, nach der zweiten als ein

+Abscheidungsproduct desselben bezeichnen+.

Derselbe entgegengesetzte Standpunkt tritt uns bei der Frage der

Bildung der Chitinhäute, der Knorpel- und Knochengrundsubstanz, der

leimgebenden und gallertigen Substanz entgegen; er spielt sogar mehr

oder minder in alle Auffassungen vom Stoffwechsel der Zelle hinein.

Claude Bernard (IV. 1a) hat dies Verhältniss mit den Worten

charakterisirt: „Vom physiologischen Standpunkt liesse es sich

vorstellen, dass im Organismus nur +eine+ Synthese, die von

Protoplasma, stattfindet, welches wachsen und sich entwickeln würde

vermittelst aufgenommener Stoffe. Von diesem complicirten Körper, dem

complicirtesten aller organisirten Körper, würden sich dann durch

weitere Spaltung alle zusammengesetzten ternären und quaternären

Verbindungen herleiten, deren Auftreten wir für gewöhnlich einer

directen Synthese zuschreiben.“ So musste auch Sachs bei der

Assimilation der Stärke die Möglichkeit offen lassen, welche er

aber für weniger wahrscheinlich hält, dass bei diesem chemischen

Process „Spaltungen und Substitutionen in den Molekülen des grünen

Protoplasmas stattfinden“.

Aus diesen Aeusserungen wird die Schwierigkeit der ganzen Frage

erhellen, soweit es die in Betracht kommenden chemischen Processe

betrifft.

Wenn es gestattet ist, aus analogen Verhältnissen Schlüsse zu ziehen,

so muss ich der zweiten Hypothese, nach welcher das Protoplasma

mehr indirect bei der Bildung der meisten Intercellularsubstanzen

betheiligt ist, entschieden den Vorzug geben. Denn wenn manche

Organismen sich eine Membran aus Kieselsäure oder aus kohlensaurem

Kalk bilden, so macht schon die Natur dieses Materiales den Schluss

unabweisbar, dass dasselbe nicht als feste organisirte Substanz

unmittelbar aus dem Protoplasma hervorgegangen sein kann. Hier kann

letzteres seiner ganzen chemischen Zusammensetzung nach nur eine

vermittelnde Rolle gespielt haben, indem es die Stoffe aus der

Umgebung ausgewählt, aufgenommen, an den Verbrauchsorten angehäuft

und in bestimmter Form als feste Verbindung und wohl stets an ein

organisches Substrat gebunden abgelagert hat.

Eine solche Vorstellung scheint mir auch für die Entstehung

der Cellulosemembranen näher zu liegen, wenn man die leichte

Umwandlungsfähigkeit der verschiedenen Kohlenhydrate in einander

berücksichtigt, auf der andern Seite den complicirten chemischen

Process in Betracht zieht, der jedenfalls bei Umwandlung von

Protoplasma in Cellulose stattfinden müsste. Und selbst die

Intercellularsubstanzen, die dem Protoplasma chemisch nahe stehen,

wie Chondrin, Glutin etc., könnten unter dasselbe Bildungsgesetz

fallen. Denn ausser den organisirten Proteïnstoffen, Protoplasma und

Kernsubstanz, kommen in jeder Zelle auch zahlreiche, unorganisirte

Proteïnstoffe als Bildungsmaterial meist in gelöstem Zustande vor,

wie im Zellsaft der Pflanzenzellen, im Saft der Kerne, in Blut und

Lymphe der Thiere. Anstatt dass bei der Entstehung stickstoffhaltiger

Intercellularsubstanzen das Protoplasma der Zelle selbst direct

angegriffen und aufgebraucht wird, könnten auch hier die unorganisirten

Proteinstoffe bei der formativen Thätigkeit der Zelle in Verwendung

kommen in derselben Weise, wie es oben für die Bildung der

Cellulosemembran angenommen wurde.

In welcher Weise bei diesen Processen das Protoplasma die vermittelnde

Rolle spielt, von der oben gesprochen wurde, entzieht sich zur Zeit,

wie die Mehrzahl der biochemischen Vorgänge, unserer Kenntnissnahme.

+Die vermittelnde Rolle des Protoplasma könnte aber vielleicht darin

bestehen, dass mit gewissen Stofftheilchen desselben+ (Plassome.

Wiesner. V. 39) +sich andere in Nährlösungen befindliche Stofftheilchen

durch Molecularaddition verbinden und dadurch zu einem organisirten

Product umgewandelt werden.+ So würden sich lösliche Kieselverbindungen

mit organischen Substanzmolekülen zu einem Kieselskelet vereinigen;

so würden sich Cellulosetheilchen aus löslichen Kohlenhydraten unter

dem Einfluss von Substanztheilchen des Protoplasma bilden, sich mit

letzteren molecular verbinden (wahrscheinlich dauernd, vielleicht aber

auch nur vorübergehend) und so zu einer Zellhaut organisirt werden. Mit

dieser Vorstellung lässt sich sehr gut die Beobachtung vereinbaren,

dass an manchen Objecten frisch gebildete Celluloseschichten und das

angrenzende Protoplasma continuirlich in einander übergehen.

2) Zur Morphologie des Stoffumsatzes. Die formative Thätigkeit der

Zelle.

Die Substanzen, die beim Stoffwechsel der Zellen gebildet werden,

fallen in das Bereich der morphologischen Untersuchung, soweit

sie vom Protoplasma optisch unterscheidbar werden. Sie können

in geformtem oder ungeformtem Zustand entweder im Innern des

Protoplasmas selbst oder auf seiner Oberfläche zur Abscheidung

kommen; je nachdem werden sie als innere oder äussere Plasmaproducte

unterschieden. Doch ist, wie so oft bei biologischen Eintheilungen,

nicht immer eine scharfe Grenze zwischen beiden Gruppen zu ziehen.

a) Die inneren Plasmaproducte.

In Wasser gelöste Substanzen können sich in grösseren und kleineren

Tropfen im Protoplasma abscheiden und dadurch Höhlungen oder

Vacuolen hervorrufen. Sie spielen namentlich in der Morphologie der

Pflanzen eine grosse Rolle. Wie schon früher im Einzelnen genauer

beschrieben (Seite 28), kann sich eine Pflanzenzelle (Fig. 62)

durch Saftabscheidung in sehr kurzer Zeit um mehr als das 100fache

vergrössern. Auf der summirten Wirkung zahlreicher, derartiger Zellen

beruht das beträchtliche Wachsthum, welches im Frühjahr die einzelnen

Pflanzenorgane zeigen.

Der Gehalt an fester Substanz kann in einem sehr wasserreichen

Pflanzentheil schliesslich nur 5% oder sogar nur 2% betragen.

Der Zellsaft ist nun aber nicht bloss Wasser, sondern eine sehr

zusammengesetzte Nährlösung, in welcher Pflanzensäuren und ihre Salze,

Salpeter- und phosphorsaure Salze, Zucker, in geringer Menge auch

gelöste Proteïnstoffe etc. enthalten sind. Zwischen Protoplasma und

Saft wird daher ein beständiger Stoffwechsel stattfinden, indem jener

bald Substanzen zum Verbrauch aus dieser Quelle bezieht, bald andere

Substanzen wieder an dieselbe abgiebt. Indem der Saft eine concentrirte

Lösung osmotisch wirksamer Substanzen darstellt, übt er auf Wasser eine

kräftig anziehende Wirkung und auf die ihn umgebenden Hüllen einen oft

bedeutenden inneren Druck aus, so dass sie in einem prallen Zustand,

der schon früher (Seite 114) als Turgor besprochen wurde, erhalten

werden.

[Illustration: =Fig. 62. Parenchymzellen aus der mittleren Schicht

der Wurzelrinde von Fritillaria imperialis; Längsschnitte, nach

550maliger Vergrösserung.= Nach ~Sachs~ (II 33) Fig. 75. _A_ dicht

über der Wurzelspitze liegende, sehr junge Zellen, noch ohne Zellsaft;

_B_ die gleichnamigen Zellen etwa 2 Millimeter über der Wurzelspitze,

der Zellsaft _s_ bildet im Protoplasma _p_ einzelne Tropfen, zwischen

denen Protoplasmawände liegen; _C_ die gleichnamigen Zellen etwa 7–8

Millimeter über der Wurzelspitze; die beiden Zellen rechts unten sind

von der Vorderfläche gesehen, die grosse Zelle links unten im optischen

Durchschnitt gesehen; die Zelle rechts oben durch den Schnitt geöffnet;

der Zellkern lässt unter dem Einfluss des eindringenden Wassers eine

eigenthümliche Quellungserscheinung wahrnehmen (_x_ _y_). _k_ Kern.

_kk_ Kernkörper. _h_ Membran.]

Manche Botaniker, wie namentlich de Vries (V. 35) und Went, erblicken

in den Vacuolen besondere Zellorgane, die sich nicht zufällig im

Zellkörper neubilden, sondern nur durch Theilung hervorgebracht werden

können. Schon in den allerjüngsten Pflanzenzellen sind nach ihrer

Annahme ausserordentlich kleine Vacuolen vorhanden, die sich durch

Theilung fortwährend vermehren und bei der Theilung der Zelle auf die

Tochterzellen vertheilt werden. In Folge dessen sollen sich von den

Vacuolen des Meristems die sämmtlichen Vacuolen der ganzen Pflanze

herleiten, was von anderen Forschern indessen in Abrede gestellt wird.

Wie das Protoplasma sich nach Aussen durch eine Hautschicht abgrenzt,

besitzen nach de Vries auch die Vacuolen eine eigene Wand (den

Tonoplasten), welche die Ausscheidung und Anhäufung der im Zellsaft

vorhandenen, gelösten Stoffe regelt.

[Illustration: =Fig. 63. Actinosphärium Eichhorni.= Nach ~R.

Hertwig~, Zoologie Fig. 117. _M_ Marksubstanz mit Kernen (_n_). _R_

Rindensubstanz mit contractilen Vacuolen (_cv_), _Na_ Nahrungskörper.]

+Vacuolen+bildung kommt auch bei niederen Organismen sehr häufig vor.

Bei Actinosphaerium z. B. gewinnt der Protoplasmakörper in Folge der in

ihm vorhandenen, zahlreichen, kleinen und grossen Saftblasen ein ganz

schaumiges Aussehen.

In geringer und constanter Anzahl vorkommende Vacuolen können, so

namentlich häufig bei Infusorien, eine mit besonderer Contractilität

ausgestattete Wandschicht erhalten und werden dann als +contractile

Vacuolen+ oder +Behälter+ (Seite 69) bezeichnet.

[Illustration: =Fig. 64. Becherzelle aus dem Blasenepithel von Squatina

vulgaris in Müller’scher Flüssigkeit erhärtet.=

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 1/2) · 第 118 / 170 题