II. Die Stoffumsetzung und die formative Thätigkeit der Zelle.

Die Gase, die flüssigen und die festen Substanzen, die in das

Protoplasma durch Athmung und Ernährung aufgenommen werden, bilden

das sehr verschiedenartige Rohmaterial, das in der chemischen

Werkstatt der Zelle verarbeitet und in ausserordentlich zahlreiche

Stoffe umgesetzt wird. Von diesen sind für Pflanze und Thier

die wichtigsten: die Kohlenhydrate, Fette, Albuminate und die

verschiedenartigsten Umbildungsproducte derselben.

Ihre Verwendung im Lebensprocess der Zelle ist gleichfalls eine sehr

mannigfaltige. Theils dienen sie zum Ersatz der beim Lebensprocess

sich zerstörenden Zellstoffe; sie sind das Material, welches beim

Athmungsprocess durch den Sauerstoff verbrennt und die lebendigen

Kräfte für die Arbeitsleistungen der Zelle liefert. Theils dienen

sie zum Wachsthum und zur Vermehrung des Protoplasma, was für die

Function der Fortpflanzung unentbehrlich ist. Theils werden die im

chemischen Laboratorium neugebildeten Stoffe in irgend einer Form

im Zellkörper für spätere Verwendung abgelagert, sie stellen also

Reservestoffe dar. Endlich können sie in- oder ausserhalb der Zelle

zur Erfüllung einer bestimmten Function im Zellenleben ausgeschieden

werden.

So entstehen die namentlich im Thierreich sehr zahlreichen Stoffe,

auf denen die gewebliche Differenzirung beruht: Drüsensecrete, die

nach aussen entleert werden, Membranen und Intercellularsubstanzen

von chemisch sehr verschiedener Zusammensetzung, Muskel- und

Nervenfibrillen, die vermöge ihrer eigenartigen Organisation in

besonderer Weise mit Contractilität und Reizleitung begabt sind. In

letzterem Falle nimmt die chemische Arbeit der Zelle einen Charakter

an, welchen Max Schultze als ihre +formative Thätigkeit+

bezeichnet hat. +Das Protoplasma benutzt das ihm zugeführte

Rohmaterial, um aus ihm oft wunderbar zusammengesetzte Structuren

herzustellen, die ihm zu besonderen Arbeitszwecken dienen sollen.

In dieser Thätigkeit erscheint uns die Zelle gewissermaassen als ein

thätiger Baumeister, oder wie sich Haeckel (V. 4b) ausdrückt, als

eine Plastide, als eine Bildnerin.+

Die formative Thätigkeit der Zelle, oder besser gesagt, die Fähigkeit

vom Protoplasmakörper differente Structuren zu erzeugen, ist von

ausserordentlicher Bedeutung. Denn nur vermöge derselben kommt

die reiche Vielgestaltigkeit der Elementartheile zu Stande, durch

welche namentlich der Thierkörper seine hohe Vollendung erreicht;

nur auf dieser Grundlage ist die ausserordentlich weit gediehene

Arbeitstheilung der Zellen und die dadurch bedingte grössere

Leistungsfähigkeit der Zellengemeinschaften herbeigeführt worden.

Das Capitel von der Stoffumsetzung der Zelle bietet also der

Untersuchung zwei verschiedene Seiten dar, erstens eine chemische

Seite, insofern es sich um die Entstehung der zahllosen, durch

Vermittlung des Protoplasmas gebildeten Substanzen handelt, und

zweitens eine mehr morphologische Seite, insofern im Protoplasma die

von ihm differenten Substanzen dem Auge sichtbar zu machen sind, eine

besondere Lage einnehmen, eine bestimmte Form und Structur besitzen

und besonderen Entwicklungsgesetzen unterworfen sind.

+Es ist eine Hauptaufgabe der biologischen Chemie der

Zukunft, die einzelnen im Zellkörper vertheilten Stoffe der

morphologischen Untersuchung durch Herstellung charakteristischer

Farbstoffverbindungen zugänglich zu machen.+

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 1/2) · 第 117 / 170 题