Die Gase, die flüssigen und die festen Substanzen, die in das
Protoplasma durch Athmung und Ernährung aufgenommen werden, bilden
das sehr verschiedenartige Rohmaterial, das in der chemischen
Werkstatt der Zelle verarbeitet und in ausserordentlich zahlreiche
Stoffe umgesetzt wird. Von diesen sind für Pflanze und Thier
die wichtigsten: die Kohlenhydrate, Fette, Albuminate und die
verschiedenartigsten Umbildungsproducte derselben.
Ihre Verwendung im Lebensprocess der Zelle ist gleichfalls eine sehr
mannigfaltige. Theils dienen sie zum Ersatz der beim Lebensprocess
sich zerstörenden Zellstoffe; sie sind das Material, welches beim
Athmungsprocess durch den Sauerstoff verbrennt und die lebendigen
Kräfte für die Arbeitsleistungen der Zelle liefert. Theils dienen
sie zum Wachsthum und zur Vermehrung des Protoplasma, was für die
Function der Fortpflanzung unentbehrlich ist. Theils werden die im
chemischen Laboratorium neugebildeten Stoffe in irgend einer Form
im Zellkörper für spätere Verwendung abgelagert, sie stellen also
Reservestoffe dar. Endlich können sie in- oder ausserhalb der Zelle
zur Erfüllung einer bestimmten Function im Zellenleben ausgeschieden
werden.
So entstehen die namentlich im Thierreich sehr zahlreichen Stoffe,
auf denen die gewebliche Differenzirung beruht: Drüsensecrete, die
nach aussen entleert werden, Membranen und Intercellularsubstanzen
von chemisch sehr verschiedener Zusammensetzung, Muskel- und
Nervenfibrillen, die vermöge ihrer eigenartigen Organisation in
besonderer Weise mit Contractilität und Reizleitung begabt sind. In
letzterem Falle nimmt die chemische Arbeit der Zelle einen Charakter
an, welchen Max Schultze als ihre +formative Thätigkeit+
bezeichnet hat. +Das Protoplasma benutzt das ihm zugeführte
Rohmaterial, um aus ihm oft wunderbar zusammengesetzte Structuren
herzustellen, die ihm zu besonderen Arbeitszwecken dienen sollen.
In dieser Thätigkeit erscheint uns die Zelle gewissermaassen als ein
thätiger Baumeister, oder wie sich Haeckel (V. 4b) ausdrückt, als
eine Plastide, als eine Bildnerin.+
Die formative Thätigkeit der Zelle, oder besser gesagt, die Fähigkeit
vom Protoplasmakörper differente Structuren zu erzeugen, ist von
ausserordentlicher Bedeutung. Denn nur vermöge derselben kommt
die reiche Vielgestaltigkeit der Elementartheile zu Stande, durch
welche namentlich der Thierkörper seine hohe Vollendung erreicht;
nur auf dieser Grundlage ist die ausserordentlich weit gediehene
Arbeitstheilung der Zellen und die dadurch bedingte grössere
Leistungsfähigkeit der Zellengemeinschaften herbeigeführt worden.
Das Capitel von der Stoffumsetzung der Zelle bietet also der
Untersuchung zwei verschiedene Seiten dar, erstens eine chemische
Seite, insofern es sich um die Entstehung der zahllosen, durch
Vermittlung des Protoplasmas gebildeten Substanzen handelt, und
zweitens eine mehr morphologische Seite, insofern im Protoplasma die
von ihm differenten Substanzen dem Auge sichtbar zu machen sind, eine
besondere Lage einnehmen, eine bestimmte Form und Structur besitzen
und besonderen Entwicklungsgesetzen unterworfen sind.
+Es ist eine Hauptaufgabe der biologischen Chemie der
Zukunft, die einzelnen im Zellkörper vertheilten Stoffe der
morphologischen Untersuchung durch Herstellung charakteristischer
Farbstoffverbindungen zugänglich zu machen.+