3) Die Aufnahme fester Körper.

[Illustration: =Fig. 60. Actinosphärium Eichhorni.= Nach ~R.

Hertwig~, Zoologie Fig. 117. _M_ Marksubstanz mit Kernen (_n_). _R_

Rindensubstanz mit contractilen Vacuolen (_cv_), _Na_ Nahrungskörper.]

Zellen, die von keiner besonderen Membran umschlossen sind oder in

ihrer Membran Oeffnungen besitzen, sind auch im Stande, feste Körper

in ihr Protoplasma aufzunehmen und zu verdauen. Rhizopoden fangen

andere kleine, einzellige Organismen ein, die mit ihren im Wasser

weit ausgestreckten Pseudopodien in Berührung kommen (Fig. 10, 60).

Die Pseudopodien, die den Fremdkörper erfasst haben, legen sich um

denselben zusammen, verkürzen sich und ziehen ihn so allmählich in

die Hauptmasse des Protoplasma hinein, wo die brauchbaren Substanzen

verdaut werden, während unverdauliche Reste, wie Skeletbildungen etc.

nach einiger Zeit wieder nach Aussen hervorgestossen werden. Auch

feste Substanzen, die keinen Nährwerth besitzen, werden aufgenommen.

Wenn man Carmin- oder Zinnoberkörnchen in das Wasser bringt, so

bemächtigen sich die Rhizopoden derselben so gierig, dass nach

wenigen Stunden der ganze Körper von ihnen dicht erfüllt ist.

Infusorien (Fig. 50) fressen Flagellaten, einzellige Algen und

Bakterien und bringen dieselben durch eine als Zellmund bezeichnete

Oeffnung in ihrer Cuticula in das Körnerplasma hinein. Hier bildet

sich um jeden Fremdkörper eine mit Flüssigkeit gefüllte Vacuole aus,

in welcher die Verdauung vor sich geht.

In ähnlicher Weise wie einzellige Organismen, fressen auch manche

Gewebszellen der Metazoen feste, ihnen dargebotene Substanzen auf und

verdauen sie.

Die +intracellulare Verdauung+, wie sie +Metschnikoff+ (V.

12) genannt hat, ist bei wirbellosen Thieren weit verbreitet und

lässt sich am besten durch Fütterungsversuche mit leicht kenntlichen

Substanzen, Farbstoffkörnchen, Milchkügelchen, Pilzsporen etc.

feststellen. Bei einigen Cölenteraten nehmen sowohl Ectoderm- als

Entodermzellen fremde Körper auf. Die Tentakelenden von Actinien

können sich mit Carminkörnchen beladen. Solche findet man auch bei

Actinienlarven nach vorgenommener Fütterung im ganzen Entoderm

vertheilt.

Die meiste Beachtung aber wegen ihrer Fähigkeit, feste Körper

aufzunehmen und zu verdauen, verdienen die weissen Blutkörperchen,

die Lymphzellen und die Wanderzellen des Mesoderms sowohl bei

Wirbellosen als bei Wirbelthieren. Die wichtige Thatsache ist

zuerst durch Haeckel (V. 4a) festgestellt worden. Als er eine

Molluske (Tethys) mit Indigo injicirte, fand er nach kurzer Zeit

Indigokörnchen im Innern von Blutkörperchen auf.

+Metschnikoff+ (V. 12) hat diese Erscheinungen sehr eingehend

weiter untersucht. Bei einer andern Molluskenart, der durchsichtigen

Phyllirhoë, fand er, nachdem pulverisirtes Carmin unter die Haut

gespritzt worden war, die kleinen Körnchen von einzelnen Wanderzellen

gefressen; um grössere Carminklumpen aber hatten sich immer viele

Wanderzellen eingefunden, hüllten dieselben ringsum ein und waren

unter einander zu einem +Plasmodium+ oder einer vielkernigen

Riesenzelle verschmolzen.

Von derselben Erscheinung kann man sich auch bei Wirbelthieren leicht

überzeugen, wenn man einem Frosch in den dorsalen Lymphsack etwas

Carmin einspritzt und nach einiger Zeit einen Lymphtropfen entnimmt und

mikroskopisch untersucht. Unter dem Mikroskop lässt sich der Vorgang

des Fressens direct verfolgen. Man muss dann etwas Carminpulver oder

etwas Milch einem frisch entleerten Tropfen von Lymphe oder Blut unter

Beobachtung einiger Vorsichtsmaassregeln zusetzen. Handelt es sich

um ein Präparat von einem Säugethier oder vom Menschen, so muss man

dasselbe auf dem heizbaren Objecttisch von Max Schultze vorsichtig

bis auf 30–35 Grad Celsius erwärmen (V. 43). Indem jetzt die weissen

Blutzellen amöboide Bewegungen auszuführen beginnen, ergreifen sie mit

ihren Scheinfüsschen die Farbstoffkörnchen oder Milchkügelchen, mit

denen sie in Berührung kommen, und ziehen dieselben in ihren Körper

hinein. Sie sind daher von Metschnikoff als +Phagocyten+, und der ganze

Vorgang ist von ihm als +Phagocytose+ bezeichnet worden.

+Die Fähigkeit der amöboiden Elemente des thierischen Körpers, feste

Substanzen aufzunehmen, ist von einer sehr hohen physiologischen

Bedeutung; denn hierin besitzt der Organismus ein Mittel, um aus

seinen Geweben ihm fremdartige und schädliche, geformte Theile zu

entfernen.+ Es giebt besonders drei verschiedene, theils normale,

theils pathologische Zustände des Körpers, in welchen die Phagocyten

ihre Thätigkeit entfalten.

Erstens kommt es im Laufe der Entwicklung bei vielen Wirbellosen und

auch bei Wirbelthieren vor, dass einzelne Larvenorgane ihre Bedeutung

verlieren und unter Verfettung zu Grunde gehen. So schwinden einzelne

Theile bei der Metamorphose der Echinodermenlarven und der Nemertinen;

so wandelt sich die Kaulquappe in den jungen Frosch um, indem sie

ihren ansehnlich entwickelten Ruderschwanz verliert. In allen diesen

Fällen erleiden die Zellen in den zur Rückbildung bestimmten Organen

eine fettige Metamorphose, sterben ab und zerfallen. Währenddem haben

sich in der Nachbarschaft schon reichlich Wanderzellen oder Phagocyten

eingefunden, welche die Gewebstrümmer zu verschlingen und zu verdauen

anfangen, wie man bei durchsichtigen Meerthieren während des Lebens

genau verfolgen kann.

Zweitens besorgen die Phagocyten, ähnlich wie in den normalen

Vorgängen der Entwicklung, auch die Resorption abgestorbener und in

Zerfall befindlicher Theile, überall wo solche aus normalen oder

pathologischen Ursachen im Körper entstehen. Rothe Blutkörperchen

zerfallen, wenn sie eine Zeitlang im Blutstrom gekreist haben. Im

Milzblut hat man ihre Trümmer im Körper von weissen Blutkörperchen

aufgefunden, die auch hier ihre Aufgabe, das Abgestorbene zu

entfernen, erfüllen. Wenn in Folge einer Verletzung sich ein

Bluterguss in das Gewebe bildet, und Tausende von Blutkörperchen und

Elementartheilen zu Grunde gehen, dann machen sich auch wieder die

Wanderzellen an die Arbeit und vermitteln die Resorption und Heilung.

+Drittens endlich bilden die Phagocyten bei Infectionskrankheiten

eine Schutztruppe des Körpers, um der Verbreitung von Mikroorganismen

im Blut und in den Geweben entgegenzuwirken.+

[Illustration: =Fig. 61. Ein Leukocyt des Frosches, in dem ein

Bakterium eingeschlossen ist und verdaut wird. Das Bakterium durch

Vesuvin gefärbt.= Die beiden Figuren repräsentiren zwei Stadien

der Bewegung ein und derselben Zelle. Nach ~Metschnikoff~ Fig.

54.]

Es ist ein grosses Verdienst von Metschnikoff, auf diesen Gegenstand

die Aufmerksamkeit gelenkt zu haben (V. 13–15, IV. 22). Es gelang

ihm, zu zeigen, dass bei Erysipel die Coccen, bei Rückfalltyphus die

Spirillen, bei Milzbrand die Bacillen von Wanderzellen gefressen

und dadurch unschädlich gemacht werden (Fig. 61). Die gefressenen

Mikroorganismen, deren Zahl in einer Zelle oft 10–20 betragen kann,

zeigen nach einiger Zeit deutlich erkennbare Spuren der Auflösung.

Befinden sich die Mikroorganismen im Blut, so findet ihre Vernichtung

vorzugsweise in der Milz, der Leber und in dem rothen Knochenmark

statt. Ist ihre Ansiedelung an einer Stelle im Gewebe erfolgt, so

sucht sich der Körper der Eindringlinge dadurch zu entledigen, dass

in Folge der reactiven Entzündung zahlreiche Wanderzellen auf dem

Platz erscheinen.

+Zwischen Mikroorganismen und Phagocyten wird, wie sich

Metschnikoff ausdrückt, ein lebhafter Kampf geführt, welcher zu

Gunsten der einen oder anderen Partei entschieden wird, und je

nachdem die Heilung oder den Tod des von der Infection betroffenen

Thieres herbeiführt.+

Die Fähigkeit der Wanderzellen, bestimmte Arten von Mikroorganismen

zu vernichten, scheint bei einzelnen Thieren eine sehr verschiedene

zu sein und auch sonst noch von den verschiedensten Bedingungen

abzuhängen; so spielen namentlich die chemischen Reizwirkungen eine

Rolle, welche schon auf Seite 99 besprochen worden sind. (Negativer

und positiver Chemotropismus. Hertwig IV. 13). Hiermit scheint ferner

die grössere oder geringere Immunität der Organismen gegen manche

Infectionskrankheiten in Beziehung zu stehen. Hier ist ein Gebiet

gegeben, auf welchem sich eine weite Perspective für das Verständniss

und die Heilung der Infectionskrankheiten eröffnet.

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 1/2) · 第 116 / 170 题