2) Die Aufnahme und Abgabe flüssiger Stoffe.

Die meisten Substanzen, welche dem Stoffwechsel dienen, werden von

den Organismen in gelöstem Zustand aufgenommen. Einzellige und

Wasserpflanzen beziehen dieselben aus der ihnen zum Aufenthalt

dienenden Flüssigkeit, die Landpflanzen mit Hülfe ihrer Wurzeln

aus dem von Wasser durchtränktem Boden. Die Zellen der höheren

Thiere ernähren sich durch Aufnahme gelöster Substanzen aus

Flüssigkeitsmedien, die bei ihnen freilich erst in Hohlräumen ihres

eigenen Körpers durch complicirte Einrichtungen gewonnen werden

müssen. Diese Flüssigkeitsmedien sind der Chymusbrei des Darmkanals,

das Blut, der Chylus und die Lymphe. Sie spielen für die thierischen

Zellen dieselbe Rolle, wie Wasser und Bodenfeuchtigkeit mit den in

ihnen gelösten Substanzen für niedere Organismen und für Pflanzen.

Gegenüber veralteten Anschauungen der Physiologie, nach denen die

hauptsächlichen Stoffwechselprocesse in die Säfte des Körpers verlegt

wurden, kann nicht scharf genug der Satz hervorgehoben werden: +Die

Zellen sind die Herde der Stoff-Aufnahme, Abgabe und Umsetzung. Die

Säfte haben nur die Aufgabe, den Zellen das Nahrungsmaterial in

gelöster Form darzubieten und die Zerfallsproducte des Stoffwechsels

wieder abzuführen.+

Zwischen den Zellen und dem sie umspülenden Medium bestehen die

complicirtesten Wechselbeziehungen physikalischer und chemischer Art.

Ihre Erforschung gehört zu den schwierigsten Aufgaben, auf die hier

nur zum kleinsten Theil eingegangen werden kann.

Jede Zelle ist in ihrer ganzen Organisation an das umgebende Medium

auf das genaueste angepasst. Irgendwie erhebliche Veränderungen in

der Concentration oder Zusammensetzung desselben führen ihren Tod

herbei, doch können in manchen Fällen grössere Veränderungen auch

dauernd ertragen werden, vorausgesetzt, dass die verschiedenen

Zustände allmählich und in längerer Zeit in einander übergehen,

wodurch es den Zellen möglich gemacht wird, sich in ihrer

Organisation für die anderen Bedingungen einzurichten.

Wie schon im Capitel der chemischen Reize (Seite 91) erwähnt

wurde, können Süsswasseramöben an einen Aufenthalt in Salzwasser

gewöhnt werden. Meerthiere können sich einer niederen und höheren

Concentration im Salzgehalt anpassen. Wahrscheinlich besteht die

Anpassung darin, dass ein Ausgleich zwischen der im Protoplasmakörper

eingeschlossenen Flüssigkeit und der Umgebung stattfindet. Daher

führen plötzliche Veränderungen zum sofortigen Tod unter Verquellung

oder Schrumpfung und Gerinnung des Protoplasma.

Da bei den Wirbelthieren sich die vom Gewebssaft umspülten Zellen

unter so ausserordentlich künstlichen Bedingungen befinden, ist es

schwierig, kleine Gewebstheile nach ihrer Abtrennung vom übrigen

Körper auch nur kürzere Zeit am Leben zu erhalten. Denn auch die

Gewebssäfte verändern sich fast sofort, wenn sie vom lebenden

Körper getrennt werden. Daher können zur Untersuchung der Gewebe

im Zustand des Ueberlebens Blutserum, Augenwasser, Fruchtwasser,

Jodserum oder künstlich zusammengesetzte ähnliche Gemische nur als

einigermaassen indifferente Zusatzflüssigkeiten dienen; einen Ersatz

für die natürlichen Bedingungen bieten sie selbstverständlicher Weise

keineswegs.

Wenn man genauer das Verhältniss untersucht, in welchem die Zelle

zu der sie umspülenden Flüssigkeit steht, muss man sich in erster

Linie vor der Vorstellung hüten, als ob die erstere von der letzteren

einfach durchtränkt werde. Eine solche Vorstellung würde eine

durchaus verfehlte sein. Im Gegentheil stellt jede Zelle eine in

sich abgeschlossene Einheit dar, welche aus dem Flüssigkeitsgemisch

einige Stoffe bald mehr, andere bald minder reichlich in ihr Inneres

aufnimmt, andere auch ganz abweist. Verschiedene Zellen können sich

in allen diesen Beziehungen sehr ungleich verhalten; mit einem

Wort, +die Zellen treffen unter den ihnen dargebotenen Stoffen

gewissermaassen eine Auswahl+.

Ein solches oft sehr +verschiedenartiges Wahlvermögen+ ist sehr

leicht nachzuweisen:

Unter den niedersten einzelligen Organismen bilden sich einige ein

Skelet aus Kieselsäure, andere aus kohlensaurem Kalk. Gegen beide

Stoffe, die in geringen Mengen im Wasser gelöst vorkommen, zeigen

sie demnach ein ganz entgegengesetztes Wahlvermögen, das in der

Bildung der Kreide und der aus Kieselschalen bestehenden Erdschichten

zu einem grossartigen Gesammtresultat geführt hat. Ebenso nehmen

die Zellen verschiedener Pflanzen, die in demselben Wasser unter

gleichen Bedingungen nebeneinander gedeihen, sehr verschiedene

Salze und in ungleichen Mengen in sich auf. Man kann die hier

vorkommenden, relativen Verhältnisse leicht berechnen, wenn man die

Pflanzen trocknet, verbrennt und die Gesammtasche in Procenten der

Trockensubstanz und die einzelnen Aschenbestandtheile wieder in

Procenten der Reinasche ausdrückt.

So führte die Aschenuntersuchung von Fucusarten, die an der

Westküste von Schottland gesammelt wurden, zu folgenden Ergebnissen,

welche Pfeffer (V. 23) in seiner Pflanzenphysiologie tabellarisch

zusammengestellt hat:

Fucus Fucus Fucus Laminaria

vesiculosus nodosus serratus digitata

Reinasche % 13,89 14,51 13,89 18,64

K₂O 15,23 10,07 4,51 22,40

Na₂O 24,54 26,59 31,37 24,09

CaO 9,78 12,80 16,36 11,86

MgO 7,16 10,93 11,66 7,44

Fe₂O₃ 0,33 0,29 0,34 0,62

P₂O₅ 1,36 1,52 4,40 2,56

SO₃ 28,16 26,69 21,06 13,26

SiO₂ 1,35 1,20 0,43 1,56

Cl 15,24 12,24 11,39 17,23

J 0,31 0,46 1,13 3,08

Ueberhaupt lehren Meerespflanzen am besten, in wie ungleichem Maasse

sie aus dem Gemenge von Salzen, das ihnen das Meerwasser bietet,

das ihnen zum Leben Nothwendige entnehmen. Denn vom Kochsalz, das

etwa zu 3% gelöst ist, speichern die Zellen nur wenig in sich auf,

dagegen relativ viel grössere Mengen von Kalium-, Magnesium- und

Calciumsalzen, die im Meerwasser nur in Spuren vorhanden sind. Und

ebenso gestalten sich sehr verschieden die Aschenanalysen der auf

demselben Boden nebeneinander gedeihenden Landpflanzen.

Zu demselben Ergebniss führt die Stoffwechseluntersuchung des

thierischen Körpers. Nur bestimmte Zellen haben die Neigung, sich

der Kalksalze zu bemächtigen, die in kaum nachweisbaren Mengen in

der Säftemasse des Körpers enthalten sind, und sie im Knochengewebe

aufzuspeichern, bestimmte Zellgruppen des Nierengewebes bemächtigen

sich der im Blutstrom circulirenden, zur Harnbildung dienenden

Stoffe, andere Zellen des Körpers wieder stapeln Fette in sich auf

u. s. w.

+Die Factoren, die bei der Aufnahme und Nichtaufnahme von

Stoffen mitsprechen+, entziehen sich zur Zeit fast ganz unserer

Beurtheilung. Doch ist jedenfalls der Nutzen, den ein Stoff für den

Haushalt der Zelle bietet, durchaus nicht immer das Entscheidende.

Zellen bemächtigen sich auch direct schädlicher oder vollkommen

nutzloser Stoffe. In dieser Beziehung ist die sehr verschiedenartige

Aufnahme der Anilinfarben in lebende Pflanzenzellen sehr lehrreich.

(Pfeffer V. 22b.)

Während Lösungen von Methylenblau, Methylviolett, Cyanin,

Bismarkbraun, Fuchsin, Safranin aufgenommen werden, ist dies nicht

der Fall mit Lösungen von Nigrosin, Anilinblau, Methylblau, Eosin,

Congoroth etc. Ueber Aufnahme oder Nichtaufnahme kann, nach der

Angabe von Pfeffer, welcher eingehende Studien hierüber angestellt

hat, nur die empirische Erfahrung entscheiden.

Wie mit der Aufnahme, verhält es sich auch mit der Abgabe von

Stoffen. Diese wird gleichfalls von den besonderen Eigenschaften

des lebenden Zellkörpers bestimmt. Die roth- oder blaugefärbten

Zellen der Blumenblätter einer phanerogamen Blüthe lassen die in

ihnen eingeschlossene, concentrirte Farbstofflösung, solange sie

lebensfrisch sind, nicht in das umgebende Wasser diffundiren. Sowie

indessen die Zelle abgetödtet wird, beginnt der Farbstoff durch die

Zellwand durchzutreten.

Um alle diese complicirten Verhältnisse wirklich zu verstehen,

würde eine erschöpfende Kenntniss der Chemie und Physik der Zellen

erforderlich sein. Denn was ich oben als ihr Wahlvermögen bezeichnet

habe, wird sich in letzter Instanz zurückführen lassen auf die

chemischen Affinitäten der zahlreichen Stoffe, die in den Zellkörpern

vorkommen und während der Stoffwechselprocesse vorübergehend gebildet

werden. Es wird sich hier ebenso verhalten wie mit der Aufnahme von

Sauerstoff und Kohlensäure, die auch nur erfolgen kann, wenn durch

den Stoffwechselprocess chemische Affinitäten zu denselben frei

werden. Daher denn im Dunkeln von der Pflanze keine Kohlensäure

aufgenommen wird, die Aufnahme aber sofort erfolgt, wenn durch die

Einwirkung der Sonnenstrahlen der zu ihrer Bindung erforderliche,

chemische Process angeregt wird.

Auch die Aufnahme von Anilinfarben in die lebende Zelle lehrt

Aehnliches. Aus sehr dünnen Lösungen von Methylenblau saugen Azolla,

Spirogyra, Wurzelhaare von Lemna etc. allmählich so viel Farbstoff

in sich auf, dass sie ein tiefblaues Colorit gewinnen, wie es etwa

einer einprocentigen Lösung entspricht. Das Methylenblau färbt dabei

das Protoplasma selbst nicht, sondern dringt nur durch dasselbe

hindurch, um sich im Zellsaft in immer concentrirter werdender Lösung

anzusammeln. In Folge dessen stirbt die Zelle selbst auch nicht

ab, was der Fall sein würde, wenn das giftig wirkende Methylenblau

sich in dem Protoplasma in solcher Concentration anhäufen würde.

+Die Aufspeicherung im Zellsaft aber wird dadurch hervorgerufen,

dass in ihm sich Stoffe vorfinden, welche eine schwer diosmirende

Verbindung mit der Anilinfarbe herstellen.+ Als einen solchen

Stoff bezeichnet Pfeffer die in Pflanzenzellen häufig vorkommende

Gerbsäure. Dieselbe geht mit den Anilinfarben Verbindungen ein,

die bald unlöslich sind und daher im Zellsaft als Concremente

ausgeschieden werden (Methylenblau, Methylviolett), bald mehr oder

weniger löslich sind (Fuchsin, Methylorange, Tropäolin).

Auch Thiere bieten uns schöne Beispiele von Speicherung der

Farbstoffe in lebenden Zellen dar. Befruchtete Seeigeleier erhalten

in ganz mattgefärbten Lösungen von Methylenblau in kurzer Zeit ein

mehr oder minder intensiv blaues Colorit. (Hertwig, IV. 12b.) Bei

geringeren Graden der Speicherung schreitet der Furchungsprocess,

wenn auch verlangsamt, doch in normaler Weise weiter und kann

bis zur Bildung der Gastrula führen. Hier ist denn der Farbstoff

besonders in den Entodermzellen angehäuft, was den Schluss erlaubt,

dass durch Dottermaterialien die Speicherung herbeigeführt wird.

Lebende Frosch- und Tritonlarven werden nach 5–8 Tagen in einer

dünnen Lösung von Methylenblau sehr stark gebläut. In diesem Falle

ist der Farbstoff an die Granula der Zellen gebunden. (Oscar

Schultze, V. 44.) Nach tagelangem Aufenthalt in reinem Wasser tritt

allmählich wieder Entfärbung ein. Wenn Indigcarmin einem Säugethier

direct ins Blut eingespritzt wird, so wird es bald sowohl von den

Leberzellen, als von den Epithelien der gewundenen Harnkanälchen

aufgenommen und dann weiter dort in die Gallencapillaren, hier in

die Harnkanälchen abgeschieden. (Heidenhain, V. 42). Methylenblau

ins Blut gespritzt geht mit der Substanz der Nervenfibrillen eine

Bindung ein und verleiht ihnen ein dunkelblaues Colorit. (Ehrlich,

V. 41.) Krappfarbstoff wird in der Grundsubstanz des Knochengewebes

gespeichert.

Abgesehen von den chemischen Affinitäten, welche zwischen den im

Zellkörper und den ausserhalb desselben befindlichen Stofftheilchen

bestehen, sind die physikalischen Vorgänge der Osmose für das

Verständniss der Stoffaufnahme und -Abgabe von der grössten

Bedeutung. Hier ist die grössere oder geringere Durchlässigkeit

der Zellhaut zu beachten, in den Fällen, wo eine solche vorhanden

ist. Dieselbe ist in der Regel für alle gelösten Substanzen viel

durchlässiger als der Protoplasmakörper selbst. Letzterer schliesst

sich nach Aussen (vergleiche Seite 13) durch eine +Hautschicht+

ab, welche Pfeffer bei der Osmose die Hauptrolle spielen lässt. Soll

nun ein gelöster Körper in das Protoplasma aufgenommen werden, so

muss er zunächst in die Halbschicht imbibirt werden, das heisst,

seine Moleküle müssen sich zwischen die Plasmatheilchen derselben

einlagern und von hier dann weiter in das Innere abgegeben werden.

Ein gelöster Körper kann aber auch dann, wenn er selbst nicht

imbibirt wird, noch eine osmotische Wirkung in der Weise hervorrufen,

dass er auf das in der Zelle enthaltene Wasser eine Anziehung ausübt

und so einen nach aussen gerichteten Wasserstrom hervorruft. „Das

Wesen der Osmose beruht also darin, dass gleichzeitig zwei Körper

nach entgegengesetzter Richtung eine Membran durchwandern, und von

einem endosmotischen Aequivalent (ein Ausdruck für die Relation

dieses Austausches, auf welchen vielfach zu viel Gewicht gelegt

wurde) kann in jenem Fall nicht die Rede sein, in welchem nur Wasser

durch eine Membran diosmirt“ (Pfeffer V. 23).

Bei der Zartheit und Kleinheit der thierischen Zellen stossen

osmotische Untersuchungen auf grosse Schwierigkeiten. Der Gegenstand

ist daher mehr von Seiten der Botaniker bei den weit geeigneteren,

pflanzlichen Zellen untersucht und besonders durch folgende

Experimente gefördert worden:

Wenn man Pflanzenzellen, die einen grossen Saftraum enthalten, in

eine 5–20procentige Lösung von einem geeigneten Salz oder von Zucker

oder Glycose bringt (Fig. 59), so verkleinern sich dieselben etwas,

indem Wasser von Innen nach Aussen abgegeben wird; darauf hebt sich,

wenn die Wasserentziehung weiter fortgeht, der Protoplasmaschlauch

von der Cellulosehaut ab, die selbst vermöge ihrer grösseren

Festigkeit nicht weiter zusammenschrumpfen kann (de Vries V. 36).

[Illustration: =Fig. 59.= Nr. 1. Junge, erst halbwegs erwachsene

Zelle aus dem Rindenparenchym des Blüthenstiels von Cephalaria

leucantha. Nr. 2. Dieselbe Zelle in vierprocentiger Salpeterlösung.

Nr. 3. Dieselbe Zelle in sechsprocentiger Lösung. Nr. 4. Dieselbe

Zelle in zehnprocentiger Lösung. Nr. 1 u. 4 nach der Natur, Nr. 2

u. 3 schematisch. Alle im optischen Längsschnitt, _h_ Zellhaut. _p_

Protoplasmatischer Wandbeleg. _k_ Zellkern. _c_ Chlorophyllkörner. _s_

Zellsaft. _e_ Eingedrungene Salzlösung. Nach ~de Vries~ (V. 36).]

Die Salz- oder Zuckerlösung ist also jetzt durch die Cellulosehaut

hindurchgetreten und fährt fort, dem Protoplasmaschlauch weiter

Wasser zu entziehen. Derselbe schrumpft daher je nach der

Concentration der Zusatzflüssigkeit auf einen immer kleineren Raum

zusammen. Der in ihm eingeschlossene Saft wird dem entsprechend

concentrirter. Trotz dieser unter dem Namen der +Plasmolyse+

zusammengefassten Veränderungen kann der Protoplasmakörper wochenlang

am Leben bleiben und das Strömungsphänomen zeigen; er kann sich

selbst mit einer neuen Zellhaut umgeben, verharrt aber in dem

collabirten Zustand.

Aus dem Verlauf der Plasmolyse kann man zwei Schlüsse ziehen: einmal,

dass die Cellulosehaut für die angewandten Salzlösungen durchlässig

ist, zweitens, „dass nennenswerthe Mengen des gelösten Salzes durch

die Plasmamembran nicht diosmiren, denn ein solches Eindringen in

den Protoplasmakörper oder in den Zellsaft würde eine Vermehrung

osmotisch wirkender Stoffe im Innern der Plasmamembran und damit eine

Volumzunahme des Protoplasmakörpers zur Folge haben“ (Pfeffer).

Wenn die durch Plasmolyse schlaff gewordenen Zellen wieder

vorsichtig in reines Wasser übertragen werden, so tritt jetzt der

umgekehrte Process ein. Die in der Cellulosemembran eingeschlossene

Zuckerlösung diffundirt in das Wasser. In Folge dessen dehnt sich der

Protoplasmaschlauch aus, weil jetzt der in ihm enthaltene Zellsaft

an osmotisch wirksamen Stoffen reicher als seine Umgebung ist und

so eine entgegengesetzte Wasserströmung verursacht. Die Ausdehnung

schreitet allmählich durch Wasseraufnahme so weit fort, bis sich der

Protoplasmaschlauch wieder an die Cellulosemembran fest angelegt

hat, und bis sich schliesslich auch die ganze Zelle wieder zur

ursprünglichen Grösse gestreckt hat.

Andere Experimente haben gelehrt, dass der im Innern der

Pflanzenzelle eingeschlossene Saft unter einem nicht unerheblichen,

oft mehrere Atmosphären betragenden Druck steht. Derselbe bewirkt

den natürlichen Turgor oder die Turgescenz von Pflanzentheilen. Er

wird dadurch hervorgerufen, dass im Zellsaft osmotisch sehr wirksame

Substanzen enthalten sind, wie Salpeter, Pflanzensäuren und ihre

Kalisalze, welche auf Wasser eine kräftige Anziehung ausüben (Pfeffer

V. 23, de Vries V. 36).

Somit lässt sich der den Zellsaft umschliessende Protoplasmaschlauch

einer dünnwandigen, sehr dehnbaren Blase vergleichen, die mit einer

concentrirten Salzlösung gefüllt ist. Wird eine solche Blase in

reines Wasser gelegt, so muss die Salzlösung Wasser anziehen und so

einen Strom hervorrufen, der zur Folge hat, dass die Blase unter

dem steigenden Druck ihres sich durch Anziehung vergrössernden

Inhalts anschwillt und ihre Wand immer mehr verdünnt wird. Die

Dehnung der Blase findet erst ihr Ende, wenn äussere und innere

Flüssigkeit sich in osmotischem Gleichgewicht befinden. So müsste

auch der Protoplasmaschlauch vieler Pflanzenzellen durch den von

innen wirkenden Druck (Turgor) mächtig ausgedehnt werden, wenn dieser

Dehnung durch die weniger nachgiebige Cellulosemembran keine Schranke

gesetzt würde.

Es könnte nun freilich ein Gleichgewichtszustand zwischen Zellsaft

und umgebender Flüssigkeit hergestellt werden, wenn aus der Zelle die

osmotisch wirksamen Stoffe in das Wasser diffundiren würden, wodurch

die Ursache für den inneren Druck entfernt worden wäre. Dies wird

aber ebenfalls durch die Eigenschaften der lebenden Plasmamembran

verhindert. Wie dieselbe darüber entscheidet, ob ein Körper in das

Innere der Zelle gelangt, so besitzt sie auf der andern Seite auch,

wie schon oben erwähnt und an einem Beispiel gezeigt wurde, die

wichtige Eigenschaft, im Zellsaft gelöste Stoffe zurückzuhalten,

welche ohne diese Eigenschaft vom umspülenden Wasser ausgewaschen

werden müssten (Pfeffer V. 23).

Dass der Zellsaft in der That unter einem höheren Druck steht,

bei Wasserpflanzen zum Beispiel unter einem höheren Druck als das

umgebende Wasser, davon kann man sich durch einfache Experimente

leicht überzeugen, wie Nägeli (V. 16) angegeben hat. Wenn in

einer Spirogyra eine Zelle durch einen Schnitt geöffnet wird, so

dass ihr Inhalt zum Theil ausfliesst, so werden die Querwände der

beiden angrenzenden Zellen nach dem Hohlraum des verletzten Gliedes

vorgewölbt. Der Druck in den unverletzten Zellen muss daher jetzt

grösser sein, als in der angeschnittenen Zelle, in welcher der Druck

in Folge der Verletzung auf die Spannung des umgebenden Wassers

herabgesunken ist.

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 1/2) · 第 115 / 170 题