Wie namentlich die Experimente von Max Schultze (I. 29) und Kühne
(IV. 15), von Engelmann und von Verworn (IV. 39) gezeigt haben,
wirken galvanische Ströme und zwar sowohl die inducirten, als die
constanten, als Reiz auf das Protoplasma ein, soweit sie dasselbe
direct durchströmen.
Wenn man +Staubfadenhaare von Tradescantia+ (Fig. 53) quer
zwischen die dicht genäherten, unpolarisirbaren Elektroden legt und
mit schwachen Inductionsschlägen reizt, so sieht man in der vom Strom
durchflossenen Strecke des Protoplasmanetzes die Körnchenströmung
plötzlich still stehen. Es bilden sich unregelmässige Klumpen und
Kugeln an den Protoplasmafäden aus, die an den dünnsten Stellen
einreissen und in Nachbarfäden aufgenommen werden. Nach einiger Zeit
der Ruhe kehrt die Bewegung wieder, indem die Klumpen und Kugeln
von den benachbarten Protoplasmaströmen allmählich ergriffen, mit
fortgerissen und zur Vertheilung gebracht werden. Bei starken und oft
wiederholten Inductionsschlägen, welche die ganze Zelle getroffen
haben, ist eine Rückkehr zur Norm nicht mehr möglich, indem der
Protoplasmakörper unter partieller Gerinnung in trübe Schollen und
Klumpen verwandelt wird.
Bei +Amöben und weissen Blutkörperchen+ stockt die
Körnchenbewegung und das Vorwärtskriechen, wenn sie durch schwache
Inductionsschläge gereizt werden, eine kurze Zeit und wird dann
wieder in normaler Weise fortgesetzt. Stärkere Inductionsschläge
haben zur Folge, dass die Pseudopodien rasch eingezogen werden und
der Körper sich zur Kugel zusammenzieht; sehr starke Ströme endlich
rufen ein Platzen und eine Zerstörung des zur Kugel contrahirten
Körpers hervor.
+Durch längere Zeit fortgesetzte Inductionsströme kann man niedere
einzellige Organismen stückweise zerstören und verkleinern.+
Bei Actinosphärium verläuft der Vorgang in folgender Weise.
Die Pseudopodien, welche nach den beiden Elektroden gerichtet
sind, zeigen bald Varicositäten und werden allmählich, indem
das Protoplasma zu Kügelchen und Spindeln zusammenfliesst, ganz
eingezogen (Fig. 54). Dann fällt an diesen Stellen die Oberfläche
des Körpers immer mehr einer Zerstörung, gewissermaassen einer Art
von Einschmelzung, anheim, wobei die im Protoplasma eingeschlossenen
Flüssigkeitsvacuolen platzen. Dagegen erhalten sich die senkrecht zur
Stromesrichtung stehenden Pseudopodien unverändert. Nach Beseitigung
des Reizes erholt sich nach und nach das eventuell bis zur Hälfte
oder auf ein Drittel reducirte Individuum und ergänzt die durch
Einschmelzung verloren gegangenen Theile.
[Illustration: =Fig. 53. _A_ u. _B_ Zelle eines Staubfadenhaares
von Tradescantia virginica.= _A_ Ungestörte Protoplasmaströmung.
_B_ Protoplasma nach Reizung kugelig zusammengeballt. _a_ Zellwand,
_b_ Querwand zweier Zellen, _c_, _d_ Protoplasma zu Klumpen
zusammengeballt. (Nach ~Kühne~.) Aus ~Verworn~ Fig. 13.]
Aehnliches bewirkt die Anwendung des constanten Stromes bei
Actinosphärium (Fig. 55), Actinophrys, Pelomyxa, Myxomyceten. Beim
Schliessen des Stromes entsteht an dem positiven Pol (der Anode)
(Fig. 55 +) eine Erregung, die sich in Einziehung der Pseudopodien
und bei längerer Dauer in einer Zerstörung des Protoplasma an der
Eintrittsstelle des Stroms kund giebt. Beim Oeffnen desselben hört
die Einschmelzung an der Anode sofort auf und es tritt dagegen eine
bald vorübergehende Zusammenziehung an der der Kathode zugewandten
Körperoberfläche ein.
[Illustration: Fig. 54.]
[Illustration: Fig. 55.]
=Fig. 54. Actinosphärium Eichhornii. Wirkung von Wechselströmen.= An
beiden Polen gleichmässig fortschreitender Zerfall des Protoplasma.
Nach ~Verworn~ Taf. I, Fig. 5.
=Fig. 55. Actinosphärium Eichhornii zwischen den Polen eines
constanten Stromes.= Einige Zeit nach Schliessung des Stromes beginnt
an der Anode (+) der körnige Zerfall des Protoplasma. An der Kathode
(-) sind die Pseudopodien wieder normal geworden. Nach ~Verworn~ Taf.
I, Fig. 2.