Interessanter und wichtiger als diese Reizvorgänge sind vielleicht

die Erscheinungen des Galvanotropismus,

welche Verworn an einer Anzahl einzelliger Organismen (IV. 39 u. 40)

entdeckt hat.

[Illustration: =Fig. 56.= Bei Schliessung des constanten Stromes

schwimmen in einem Wassertropfen (_A_) alle Paramäcien innerhalb

der Stromcurven nach dem negativen Pol und haben nach einiger

Zeit sich jenseits des negativen Pols angehäuft (_B_). Nach

~Verworn~ (IV. 40) Fig. 20.]

Unter Galvanotropismus versteht Verworn die Erscheinung, dass

durch den constanten Strom manche Organismen zu Bewegungen in

einer bestimmten Richtung veranlasst werden, in ähnlicher Weise

wie durch den Lichtstrahl (Heliotropismus). „Bringt man auf einen

Objectträger zwischen zwei unpolarisirbare Elektroden einen Tropfen,

der Paramäcium aurelia in möglichst grosser Individuenzahl enthält

und schliesst dann den constanten galvanischen Strom, so sieht

man im Augenblick der Schliessung sämmtliche Paramäcien die Anode

verlassen und als dichten Schwarm auf die Kathode zueilen, wo sie

sich in grossen Mengen ansammeln. Nach wenigen Secunden ist der

übrige Theil des Tropfens vollkommen leer von den Protisten und nur

die kathodische Seite desselben zeigt ein dichtes Gewimmel von ihnen.

Hier bleiben sie während der ganzen Dauer des Stromes. Wird nun der

Strom geöffnet, so sieht man den ganzen Schwarm wieder die Kathode

verlassen und in der Richtung nach der Anode hinüberschwimmen.

Diesmal findet keine vollkommene Ansammlung an der Anode statt,

sondern ein Theil der Protisten bleibt gleichmässig im Tropfen

zerstreut, Anfangs jedoch ohne der Kathode näher zu kommen, was

erst ganz allmählich einige Zeit nach der Stromöffnung geschieht.

Schliesslich sind wieder alle Protisten gleichmässig im Tropfen

vertheilt.“

Hat man spitze Elektroden angewandt, so schwärmen die Paramäcien

innerhalb der Stromcurven der Kathode zu (Fig. 56 _A_). Es

entsteht ein Bild, wie wenn Eisenfeilspähne von einem Magneten

angezogen werden. „Dabei macht man,“ wie Verworn bemerkt, „die

Beobachtung, dass, nachdem alle Paramäcien nach dem negativen Pol

hinübergewandert sind, die grösste Anhäufung sich hinter, d. h.

also jenseits des negativen Pols (vom positiven Pol aus gerechnet),

gebildet hat und dass sich nur wenige an der anderen Seite des Pols

aufhalten (Fig. 56 _B_). Bei Oeffnung des Stroms schwimmen die

Protisten in der oben beschriebenen Weise wieder in der Richtung

nach dem positiven Pol zurück und zwar ebenfalls zuerst mit strenger

Innehaltung der Stromcurven, bis allmählich die Bewegung und damit

die Vertheilung im Tropfen wieder regellos wird.“

In derselben Weise sind noch manche andere Infusorien, wie Stentor,

Colpoda, Halteria, Coleps, Urocentrum, und Flagellaten, wie

Trachelomonas, Peridinium galvanotropisch.

Galvanotropismus zeigen auch Amöben. Während sie im ersten

Augenblick der Schliessung des constanten Stroms eine Sistirung der

Körnchenströmung erfahren, treten dann plötzlich an dem der Kathode

zugewandten Ende hyaline Pseudopodien hervor und indem in derselben

Richtung die andere Leibessubstanz nachfliesst und immer wieder neue

Pseudopodien hervorgestreckt werden, kriechen die Amöben nach der

Kathode zu. Bei Umkehr des Stromes kann man auch eine plötzliche,

ruckweise Umkehr der Körnchenströmung und ein Kriechen nach der

entgegengesetzten Richtung beobachten.

Die Bewegung nach der Kathode kann man als +negativen

Galvanotropismus+ bezeichnen. Wie es nun einen negativen und

positiven Heliotropismus und Thermotropismus giebt, so lässt

sich auch in einzelnen Fällen die Erscheinung eines +positiven

Galvanotropismus+ nachweisen. Verworn hat ihn bei Opalina

ranarum, bei einigen Bakterien und Flagellaten, wie Cryptomonas

und Chilomonas beobachtet. Beim Schliessen des Stromes wandern die

genannten Arten anstatt nach der Kathode nach der Anode hin und

sammeln sich daselbst an. Sind in einem Tropfen gleichzeitig ciliate

Infusorien und Flagellaten vorhanden, dann eilen sie bei Schliessung

des constanten Stromes nach entgegengesetzter Richtung auseinander,

so dass schliesslich zwei scharf von einander gesonderte Gruppen

zu sehen sind, die Flagellaten an der Anode, die Ciliaten an der

Kathode. Wurde der Strom nun gewendet, so rückten sie wie zwei

feindliche Heere gegeneinander los, bis sie sich wieder an den

gegenüberliegenden Polen angesammelt hatten. Jede Stromschliessung

vollzog in wenigen Secunden eine scharfe Trennung der vorher in

unentwirrbarem Gewimmel vermischten Infusorienformen.

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 1/2) · 第 103 / 170 题