III. Die contractilen Vacuolen oder Behälter einzelliger Organismen.

Contractile Vacuolen treten sehr häufig bei Amöben, Rhizopoden,

Flagellaten (Fig. 7, 43, 44) und Infusorien (Fig. 50 cv) auf. Bei

letzteren, bei denen sie am genauesten untersucht worden sind, ist

meist im ganzen Körper nur eine einzige Vacuole, zuweilen sind

zwei (Fig. 50), selten einige mehr vorhanden; sie liegen stets

dicht unter der Körperoberfläche unter dem Ektoplasma. Von anderen

Flüssigkeitsvacuolen, die im Körper in grosser Zahl verbreitet sein

können, unterscheiden sie sich leicht dadurch, dass ihr Inhalt in

regelmässigen Intervallen vollständig nach aussen entleert und

wieder ergänzt wird. Sie verschwinden daher vorübergehend (Fig. 50

_cv_), um bald wieder zum Vorschein zu kommen (_cv.′_). Die

Entleerung geschieht durch einen oder mehrere besondere Poren, die

an der Oberfläche des Infusorienkörpers unmittelbar über der Vacuole

nachweisbar sind. „Jeder Porus erscheint gewöhnlich als ein sehr

kleines, von einem dunklen Randsaum umzogenes und im Inneren lichtes

Kreischen. Die Helligkeit des Innern rührt von der Durchbrechung

der Pellicula und Alveolarschicht her. Zuweilen setzt sich jeder

Porus bis zur contractilen Vacuole in ein feines Ausflussröhrchen

fort. Nicht selten sind sogar auch besondere Zufuhrkanäle (1, 2 und

mehr) in ihrer Umgebung in regelmässiger Anordnung zu erkennen. Bei

Paramaecium Aurelia und P. caudatum (Fig. 50), deren zuführendes

Kanalsystem schon seit längerer Zeit bekannt ist und am häufigsten

studirt wurde, strahlen von jeder der beiden dorsalen Vacuolen ca.

8–10 ziemlich gerade Kanäle aus, die fast über den gesammten Körper

zu verfolgen sind. Jedoch greifen die Kanäle beider Vacuolensysteme

nicht zwischen einander hinein.“ Sie sind in der Nähe der

contractilen Vacuole am stärksten und verfeinern sich distal mehr und

mehr.

[Illustration: =Fig. 50. Paramaecium caudatum= (halbschematisch). ~R.

Hertwig~, Zoologie Fig. 139.

_k_ Kern, _nk_ Nebenkern, _o_ Mundöffnung (Cytostom), _na′_

Nahrungsvacuole in Bildung begriffen, _na_ Nahrungsvacuole, _cv_

contractile Vacuole im contrahirten, _cv′_ im ausgedehnten Zustand, _t_

Trichocysten, bei _t′_ hervorgeschleudert.]

Sehen wir uns nun die Wirkungsweise dieser eigenthümlichen Apparate

näher an, wozu sich Paramaecium als sehr geeignetes Object darbietet

(Fig. 50). Wenn die beiden contractilen Vacuolen ihre grösste

Ausdehnung erreicht haben, wird plötzlich in kurzer Zeit und mit

beträchtlicher Energie ihr ganzer Inhalt durch ihre Ausfuhrkanäle und

Poren nach aussen entleert, sodass die Vacuolenhöhle vorübergehend ganz

verschwindet. Wie bei der Zusammenziehung des Herzens, bezeichnet man

diesen Zustand als +Systole+, dagegen die Periode, in welcher sich die

Vacuole wieder mit Flüssigkeit füllt, ausdehnt und sichtbar wird, als

+Diastole+.

Die Füllung geht in der Weise vor sich: Schon vor Beginn der

Systole nehmen die oben beschriebenen, zuführenden Kanäle aus dem

Entoplasma des Infusorienkörpers Flüssigkeit auf, die wahrscheinlich

mit Kohlensäure und einigen Stoffwechselproducten beladen ist.

Die Füllung geschieht wohl, wie Schwalbe (III. 21) vermuthet, in

Folge „des Druckes, unter dem die durch immer neue Wasseraufnahme

durch den Mund sich mehrende Flüssigkeit im Körper des Thieres

steht.“ Zu dieser Zeit sind wegen der Füllung mit Wasser die

zuführenden Kanäle gut sichtbar. Sie schwellen in der Umgebung des

contractilen Behälters, welcher jetzt den höchsten Grad der Füllung

erreicht hat, spindelförmig an und bilden dadurch um denselben

einen Kreis rosettenförmig angeordneter Vacuolen, welche Bütschli

als Bildungsvacuolen bezeichnet. Wegen ihrer Füllung kann bei der

Systole der contractile Behälter die in ihm enthaltene Flüssigkeit

nicht in die Zufuhrkanäle, sondern nur nach aussen entleeren. Wenn er

dann wieder in die Diastole eintritt, ergiessen die prall gefüllten

Bildungsvacuolen ihre Flüssigkeit in ihn hinein, wodurch er wieder

sichtbar wird und sich allmählich zur ursprünglichen Grösse ausdehnt.

In Folge dessen verschwinden am Anfang der Diastole die leer

gewordenen Bildungsvacuolen vorübergehend, füllen sich aber von Neuem

aus dem Körperparenchym bis zum Beginn der nächstfolgenden Systole.

„Bei gleichzeitiger Gegenwart mehrerer Vacuolen herrscht im

Allgemeinen die Regel, dass sie sich alternierend entleeren, was eine

möglichst gleichmässige Wasserausscheidung bewirkt. Die Frequenz

ihrer Entleerung ist bei den einzelnen Infusorienarten im Allgemeinen

eine sehr schwankende. Nach den Beobachtungen von Schwalbe (III.

21), lässt sich hierbei die Regel feststellen, dass die Frequenz der

Contractionen um so grösser ist, je kleiner die contractilen Vacuolen

sind. „So ziehen sich dieselben bei Chilodon cucullulus in 2 Minuten

ungefähr 13- bis 14mal zusammen, bei Paramaecium aurelia in derselben

Zeit nur 10- bis 11mal, bei Vorticella mikrostoma nur 1- bis 2mal.

Noch seltener erfolgen die Contractionen bei Stentor und Spirostomum.

Von den angeführten Thieren haben in der That Stentor und Spirostomum

die grössten contractilen Behälter, dann kommt die Vorticella, dann

Paramaecium aurelia und endlich Chilodon cucullulus, dessen Vacuolen

wohl nur den halben Durchmesser von den bei Paramaecium vorkommenden

haben; bei diesem beträgt der Durchmesser 0,0127 mm, bei der

Vorticella 0,0236 mm.“ (Schwalbe.)

Das Zeitintervall zwischen zwei Entleerungen ist bei derselben

Temperatur ein sehr gleichmässiges, verändert sich aber sehr bei

Erhöhung oder Erniedrigung derselben. (Rossbach [III. 19], Maupas).

Während bei Euplotes Charon das Zeitintervall zwischen zwei

Contractionen 61 Secunden beträgt, ist es bei 30 Grad Cels. auf 23

Sec. gesunken. (Rossbach.) Die Frequenz der Contractionen hat sich

demnach fast verdreifacht.

Der durch die contractilen Vacuolen erzeugte Wasserwechsel ist ein

erstaunlich grosser. Nach Berechnungen von Maupas entleert z. B.

Paramaecium aurelia bei 27° Celsius ein ihrem Körpervolum gleiches

Volum Wasser in 46 Minuten.

Aus den mitgetheilten Beobachtungen scheint hervorzugehen,

dass +die contractilen Behälter nicht einfache, unbeständige

Flüssigkeitstropfen im Plasma, sondern feststehende, morphologische

Differenzierungen im Körper der Protozoen sind, wirkliche Zellorgane,

die wahrscheinlich im Dienste der Athmung und Excretion eine wichtige

Function zu erfüllen haben+. Die Energie, mit welcher der Behälter

seinen Inhalt bis zum vollständigen Schwund entleert, spricht dafür,

dass die aus hyaliner Substanz gebildete Wandschicht wie die Substanz

der Geisseln in besonderem Maasse contractil ist und sich durch diese

Eigenschaft vom Entoplasma des Infusorienkörpers unterscheidet.

Allerdings ist an dem contractilen Behälter mikroskopisch keine

eigene Wandschicht von der übrigen Körpermasse scharf abzugrenzen,

wie ja auch an der glatten Muskelfaser contractile Substanz und

Protoplasma sich nicht immer sehr deutlich gegen einander absetzen,

und wie die Geisseln auch an ihrer Basis in das Protoplasma der

Zelle übergehen.

Mit Schwalbe (III. 21.) und Engelmann bin ich also der Ansicht,

dass die Behälter eine contractile Wandschicht besitzen, welche

von der übrigen Körpermasse nicht abgegrenzt ist. Im Uebrigen sind

bekanntlich feine Häutchen oft mikroskopisch nicht nachweisbar,

obwohl sie unzweifelhaft vorhanden sind. An vielen Pflanzenzellen ist

es unmöglich, den sogenannten Primordialschlauch zu sehen, solange er

der Cellulosemembran fest anliegt, während man sich durch Plasmolyse

von seinem Dasein überzeugen kann.

Mit dieser Auffassung befinde ich mich mit +Bütschli+ (III. 3.)

im Widerspruch. Bütschli betrachtet die contractilen Behälter als

einfache Flüssigkeitstropfen im Plasma. „Jede Vacuole hört mit ihrer

Austreibung als solche zu existiren auf. Ihre Nachfolgerin ist ein

ganz neues Gebilde, ein neu entstandener Tropfen, welcher wiederum

nur bis zur Austreibung existirt.“ Sie entsteht nach ihm durch

Zusammenfluss mehrerer Bildungsvacuolen, die als kleine Tröpfchen

im Plasma ausgeschieden werden, sich vergrössern und dann durch

Einreissen der Zwischenwände verschmelzen. Die auch von Bütschli

beschriebene Existenz von zu- und abführenden Kanälen, die Constanz

in der Zahl der Behälter, der Umstand, dass sich bei der Diastole der

Behälter an der gleichen Stelle wieder findet, wo er bei der Systole

verschwunden ist, die Verhältnisse der Frequenz bei gleichbleibender

Temperatur und bei Temperaturschwankungen scheinen mir gegen die

Bütschli’sche Auffassung zu sprechen. Dass am Schluss der Systole der

Behälter nach Austreibung seines Inhaltes momentan nicht sichtbar

ist, kann wohl nicht schwer gegen die Annahme seiner Constanz in

die Wagschaale fallen, wenn man berücksichtigt, dass selbst grosse

Lymphspalten und capillare Blutgefässe bei den Wirbelthieren sich im

uninjicirten Zustand der Wahrnehmung entziehen.

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 1/2) · 第 96 / 170 题