Obwohl von jedem Protoplasma wahrscheinlich Bewegungen ausgeführt
werden können, so sind dieselben doch meist wegen ihrer
ausserordentlichen Langsamkeit für unsere jetzigen Erkenntnissmittel
nicht wahrnehmbar; es sind immer nur vereinzelte Objecte im Pflanzen-
und Thierreich, welche sich zum Studium und zur Demonstration des
Phänomens eignen. Dasselbe äussert sich theils in einer Veränderung
der äusseren Form des Zellkörpers, theils in Verlagerungen der im
Protoplasma eingeschlossenen Theile, des Zellenkerns, der Körner und
Körnchen und Vacuolen.
Die Erscheinungen fallen etwas verschieden aus, je nachdem es sich
um Bewegungen nackter Protoplasmakörper oder solcher handelt, die in
eine feste Membran eingeschlossen sind.
a) Bewegungen nackter Protoplasmakörper.
Kleine, einzellige Organismen, weisse Blut- und Lymphkörperchen,
Bindegewebszellen u. s. w. führen Bewegungen aus, welche man nach
den Amöben, die das Schauspiel am schönsten darbieten, als amöboide
bezeichnet.
Wenn man ein +Lymphkörperchen des Frosches+ (Fig. 37) unter
geeigneten Bedingungen beobachtet, wird man dasselbe fortwährend
Formveränderungen erleiden sehen. An der Oberfläche treten kleine
Fortsätze von Protoplasma, die Scheinfüsschen oder Pseudopodien nach
aussen hervor; meist bestehen sie zuerst aus hyalinem Protoplasma,
in welches nach einiger Zeit Körnerplasma nachströmt. Dadurch
vergrössern sich die Füsschen, breiten sich aus und können dann
an ihrer Oberfläche wieder neue kleinere Füsschen hervortreiben.
Oder sie werden auch durch Zurückfliessen des Protoplasma schwächer
und schliesslich ganz eingezogen, während sich an einer anderen
Stelle des Körpers neue Fortsätze bilden. Auf diese Weise führen
die kleinen Protoplasmakörper durch Ausstrecken und Einziehen ihrer
Pseudopodien +Ortsveränderungen+ aus und bewegen sich auf
unterliegenden Gegenständen, an deren Oberfläche sie anhaften, mit
einer mikroskopisch messbaren Geschwindigkeit kriechend fort. Amöben
können in einer Minute eine Wegstrecke von ½ mm zurücklegen.
Auf diese Weise wandern weisse Blutkörperchen bei
Entzündungsprocessen durch die Wandung von Capillaren und kleineren
Blutgefässen hindurch, bahnen sich die Lymphkörperchen als
Wanderzellen in kleinen Gewebsspalten, wie in den Interlamellarlücken
der Hornhaut, ihren Weg, wobei sie nicht unerhebliche Widerstände
überwältigen müssen, oder drängen dicht aneinanderschliessende
Epithelzellen auseinander und gelangen so an die Oberfläche von
Epithelmembranen.
Mit am lebhaftesten erfolgt das Ausstrecken und Einziehen der
Pseudopodien bei einer +kleinen Amöbe+ (Fig. 38), welche schon
Roesel von Rosenhof 1755 beschrieben und wegen ihres lebhaften
Formenwechsels den kleinen Proteus genannt hat.
[Illustration: Fig. 37.]
[Illustration: Fig. 38.]
=Fig. 37. Ein Leukocyt des Frosches, in dem ein Bakterium
eingeschlossen ist und verdaut wird. Das Bakterium durch Vesuvin
gefärbt.= Die beiden Figuren repräsentiren 2 Stadien der Bewegung
ein und derselben Zelle. Nach ~Metschnikoff~ Fig. 54.
=Fig. 38. Amöba proteus.= Nach ~Leidy~. Aus ~R.
Hertwig~ Fig. 16. _n._ Kern. _cv._ Contractile Vacuole.
_N._ Nahrungsballen. _en._ Körnerplasma. _ek._
Hautplasma.
Einen etwas abweichenden Anblick bietet uns die Protoplasmabewegung
bei den Myxomyceten einerseits, bei Thalamophoren, Heliozoën,
Radiolarien andererseits dar.
Um von +Myxomyceten+, deren Plasmodien sich bei einigen Arten,
wie bei Aethalium septicum oft als faustgrosse Kuchen auf einer
feuchten Unterlage ausbreiten, ein zur Beobachtung geeignetes
Präparat zu erhalten, verfährt man am besten so, dass man an den
Rand eines Plasmodiums einen schräg geneigten und befeuchteten
Objectträger stellt, über dessen nasse Oberfläche man durch
eine besondere Vorrichtung Wasser langsam herabrinnen lässt.
Die Plasmodien des Aethaliums haben die Eigenschaft, sich dem
Wasserstrome entgegen zu bewegen, (Rheotropismus); sie kriechen durch
Ausstrecken zahlreicher Pseudopodien auf der benetzten Glasfläche
in die Höhe und breiten sich, indem sich benachbarte Pseudopodien
durch Queräste verbinden, zu einem feinen, durchsichtigen Netzwerk
aus (Fig. 39). Bei starker Vergrösserung untersucht zeigt uns das
Netzwerk zweierlei Arten von Bewegungen.
[Illustration: =Fig. 39. Chondrioderma difforme.= Nach ~Strasburger~.
_f_ Theil eines älteren Plasmodiums. _a_ trockene Spore. _b_ Dieselbe
im Wasser quellend. _c_ Spore mit austretendem Inhalt. _d_ Zoospore.
_e_ aus Umwandlung der Zoospore hervorgegangene Amöben, die sich zum
Plasmodium zu vereinen anfangen. (Bei _d_ und _e_ Kern u. contractile
Vacuolen zu sehen.)]
Erstens sieht man in den Fäden und Strängen, die aus einer
peripheren, oft sehr dünnen Lage von hyalinem Protoplasma und
aus davon umschlossenem Körnerplasma bestehen, letzteres in
einer raschen, fliessenden Bewegung, welche namentlich durch die
Ortsveränderung der kleinen Körnchen auffällig wird und sich der
Blutcirculation in den Gefässen eines lebenden Thieres vergleichen
lässt. Zwischen fliessendem Körnerplasma und ruhendem Hautplasma
besteht übrigens keine scharfe Grenze, indem am Rande eines Stromes
die Körnchen sich langsamer fortbewegen, zuweilen auch ganz stille
stehen, um nach einiger Zeit wieder mit fortgerissen zu werden. In
feineren Fäden geht immer nur ein Strom der Länge nach, während in
dickeren Aesten oft zwei Ströme in entgegengesetzten Richtungen
aneinander vorbeifliessen. „In platten, hautartigen Ausbreitungen,“
welche sich hie und da im Netzwerk bilden, „laufen meistens
zahlreiche verzweigte Ströme entweder nach der gleichen oder nach
verschiedenen Richtungen, und nicht selten gehen entgegengesetzte
Strömungen dicht neben einander her.“ Dabei kann die Geschwindigkeit
der Strömung an den einzelnen Stellen eine verschiedene sein und kann
sich auch allmählich ändern; sie kann so gross sein, dass man bei
starker Vergrösserung den vorbeieilenden Körnchen kaum mit dem Auge
folgen kann, kann aber auch so langsam werden, dass ein Körnchen kaum
seinen Ort zu verändern scheint.
Die zweite Art der Bewegung besteht in einer Formveränderung der
einzelnen Fäden und des ganzen Netzwerks. Wie bei einer Amöbe werden
hie und da neue Fortsätze bald ausgestreckt, bald wieder eingezogen;
wie dort wölbt sich erst eine homogene Plasmamasse als Höcker hervor,
dann folgt das Körnerplasma nach, und sieht es hier zuweilen, wenn
die Strömung eine recht lebhafte ist, aus, als werde die Körnermasse
mit Gewalt in das sich neubildende Zweigende hineingepresst. Auf
diese Weise kann sich das Plasmodium, einer Amöbe gleich, auf einer
Unterlage nach einer bestimmten Richtung kriechend fortbewegen. An
einem Rande, welchem die Körnerströme vorwiegend zufliessen, werden
neue Fortsätze hervorgetrieben, während andere am entgegengesetzten
Rande eingezogen werden.
Unter den +Rhizopoden+ bietet die schon auf Seite 26
beschriebene +Gromia oviformis+ (Fig. 40) ein klassisches
Object zum Studium der Protoplasmabewegung. Von dem aus der Kapsel
herausgetretenen Protoplasma entspringen, wenn der kleine Organismus
nicht gestört worden ist, sehr zahlreiche, lange und feine Fäden, die
sich in radiärer Richtung wie Strahlen nach allen Seiten im Wasser
ausbreiten, hie und da Seitenäste abgeben und zuweilen auch durch
solche netzförmig unter einander verbunden werden. Auch die feinsten
Protoplasmafädchen zeigen Bewegung. Bei starker Vergrösserung sieht
man, wie Max Schultze (I. 29) treffend beschreibt, „ein Gleiten,
ein Fliessen der in die Fadensubstanz eingebetteten Körnchen“.
„Mit grösserer oder geringerer Schnelligkeit ziehen sie in dem
Faden entweder dem peripherischen Ende desselben zu oder in der
umgekehrten Richtung, oft sogar selbst an den dünnsten Fäden in
beiden Richtungen zugleich. Körnchen, die sich begegnen, ziehen
entweder einfach aneinander vorbei oder bewegen sich umeinander, bis
nach einer kleinen Pause beide ihre ursprüngliche Richtung fortsetzen
oder eins das andere mit sich nimmt. Nicht alle Körnchen eines
Fadens bewegen sich mit gleicher Schnelligkeit, so dass oft eins das
andere überholt oder an dem langsameren in seiner Bewegung stockt.
„Viele laufen offenbar an der äussersten Oberfläche der Fäden, über
welche man sie deutlich hervorragen sieht. Oft bemerkt man auch
grössere Substanzklümpchen wie spindelförmige Anschwellungen oder
seitliche Auftreibungen eines Fadens in ähnlicher Bewegung wie die
Körnchen. Selbst fremde Körper, welche der Fadensubstanz anhaften
und in sie aufgenommen werden, schliessen sich dieser Bewegung an,
deren Geschwindigkeit bis 0,02 mm in der Secunde erreichen kann. Wo
mehrere Fäden zusammenstossen, sieht man die Körnchen von einem auf
den andern übergehen. An solchen Stellen befinden sich oft breitere
Platten, welche aus einer stärkeren Anhäufung der Fadensubstanz
hervorgegangen sind.
[Illustration: =Fig. 40. Gromia oviformis.= Nach ~M.
Schultze~.]
Eine besondere Art der Protoplasmabewegung wird von Engelmann (III.
5 u. 7) noch als +Glitschbewegung+ beschrieben. Sie findet
sich besonders bei Diatomeen und Oscillarien. Bei ersteren ist
der Protoplasmakörper in eine Kieselschale, bei letzteren in eine
Cellulosemembran eingehüllt. Nach aussen von diesen Hüllen findet
sich aber noch eine äusserst dünne Schicht von ganz körnchenfreiem
Protoplasma, welches beim lebenden Organismus nicht wahrzunehmen
ist, zuweilen aber nach Anwendung von Reagentien nachgewiesen werden
kann. Dadurch, dass sich nun dieselbe auf der Kieselschale oder der
Cellulosemembran nach einer bestimmten Richtung verschiebt, können
sich die kleinen Organismen „auf einer festen Unterlage gleitend oder
kriechend fortbewegen.“ (Engelmann.)
b) Bewegung von Protoplasmakörpern im Innern von Zellmembranen.
Diese Art der Bewegung findet sich hauptsächlich im Pflanzenreich und
ist hier im Allgemeinen in den Elementartheilen krautartiger Gewächse
besser zu beobachten als bei Sträuchern und Bäumen. Nach de Vries
(III. 25) soll sie in keiner Pflanzenzelle ganz fehlen, aber häufig
so langsam sein, dass sie sich der directen Wahrnehmung entzieht.
Am besten beobachtet man sie in stoffaufspeichernden und leitenden
Geweben und zu jenen Zeiten, wo ein intensiver Transport plastischer
Stoffe, sei es zur Fortbildung oder zu localer Anhäufung oder zu
eigenem Gebrauch stattfindet (de Vries). Die Protoplasmabewegung soll
daher auch direct für den Stofftransport in der Pflanze von grosser
Bedeutung sein. Seltener ist sie bei niederen Organismen und im
Thierreich zu bemerken, so bei Noctiluken, an den blasigen Zellen in
der Axe der Tentakeln von Coelenteraten etc.
Man unterscheidet bei den Pflanzen zwei verschiedene Arten der
Bewegung als +Rotation+ und als +Circulation+.
Die schönsten Objecte zum Studium der +Rotation+, die schon
im Jahre 1774 durch Bonaventura Corti (I. 8) beobachtet, dann aber
vergessen und von Treviranus wieder aufs Neue entdeckt wurden,
liefern uns die Characeen, ferner die Wurzelhaare von Hydrocharis
morsus ranae und Trianea bogotensis, die Blätter von Vallisneria
spiralis etc. In den grossen Zellen der Characeen breitet sich das
Protoplasma, wie schon auf Seite 29 beschrieben wurde, nur als eine
zusammenhängende dicke Lage an der Innenfläche der Cellulosemembran
aus und umgiebt als ein geschlossener Sack den reichlichen Zellsaft.
Am wandständigen Protoplasma sind stets zwei gesonderte Schichten zu
erkennen, eine äussere, an die Cellulose grenzende und eine innere,
dem Zellsaft zugekehrte. Die erstere befindet sich stets in Ruhe;
sehr dünn ist sie bei Hydrocharis, relativ dick bei Characeen, bei
denen sie auch in grosser Zahl die Chlorophyllkörner einschliesst,
an denen man keine Ortsveränderung wahrnimmt. Die ruhende geht
allmählich in die innere bewegliche Schicht über, die bei Chara zwar
keine Chlorophyllkörner, aber Zellkerne und Körnchen einschliesst.
Das im Verhältniss zur Aussenschicht wahrscheinlich wasserreichere
Protoplasma der Innenschicht zeigt eine rotirende Strömung in der
Weise, dass in den langgestreckten Zellen der Strom an der einen
Längswand in die Höhe steigt, dann an der oberen Querwand nach der
anderen Längswand umbiegt, an dieser nach abwärts fliesst und endlich
an der unteren Querwand wieder zum Ausgangspunkt zurückgelangt,
von wo der Kreislauf wieder von Neuem beginnt. +Zwischen auf-
und absteigendem Strom befindet sich ein mehr oder minder breiter
Indifferenzstreifen, in dessen Bereich sich das Protoplasma in
Ruhe befindet+ und gewöhnlich auf eine sehr dünne Schicht
reducirt ist. Bei Nitella fehlen längs des Indifferenzstreifens die
Chlorophyllkörner in der Aussenschicht.
Ein Uebergang von der rotirenden Bewegung des Protoplasma zur
Circulation wird durch die „+sogenannte springbrunnenartige
Rotation+ vermittelt“ (Klebs. III. 14). Diese im Allgemeinen
seltene Form kommt in jungen Endospermzellen von Ceratophyllum,
in jungen Holzgefässen des Blattstiels von Ricinus etc. vor. Hier
bedeckt das Protoplasma einmal als dicke Schicht die Innenfläche
der Cellulosewand, durchsetzt aber ausserdem noch als ein dicker,
centraler Strang den Saftraum der Zelle ihrer Länge nach. Ein
einziger Strom fliesst nun im centralen Strang entlang, breitet
sich dann an der Querwand, auf die er stösst, nach allen Seiten wie
bei einer Fontäne aus und bewegt sich von hier im Wandbeleg zur
entgegengesetzten Querwand, an welcher die Strömung wieder in den
Axenstrom einbiegt.
Die als +Circulation+ bezeichnete Bewegung beobachtet man
bei solchen pflanzlichen und thierischen Zellen, bei denen das
Protoplasma sich sowohl als dünne Schicht unter der Membran, als auch
in feineren und stärkeren, netzartig verbundenen Fäden im Saftraum
ausbreitet.
Die am meisten studirten Untersuchungsobjecte sind die
Staubfadenhaare von den verschiedenen Tradescantiaarten, die jungen
Haare von Brennnesseln und Kürbissprossen.
Das Phänomen der Circulation ist ein ähnliches, wie wir es an
dem Protoplasmanetz der Myxomyceten und den feinen Pseudopodien
der Rhizopoden kennen gelernt haben. Es setzt sich wie dort aus
zwei Arten von Bewegungen zusammen. Einmal unterscheidet man die
Körnchenströmung. In den feinsten Fäden bewegen sich die Körnchen
nach einer Richtung bald langsamer, bald rascher vorwärts; im
Wandbeleg und in den breiteren Bändern circuliren oft mehrere
getrennte Ströme dicht neben einander, bald in der gleichen, bald
auch in entgegengesetzter Richtung. Chlorophyll- und Stärkekörner,
die in dem Protoplasma liegen, werden durch die Strömung ebenso wie
der Zellenkern langsam mitgeführt. Auch hier befindet sich eine
äusserste, der Cellulosemembran anliegende Schicht von hyalinem
Protoplasma in relativer Ruhe. Zweitens bewegt sich auch langsam der
Protoplasmakörper im Ganzen und verändert in Folge dessen seine Form.
Breite Bänder werden verdünnt, und können nach einiger Zeit ganz
eingezogen werden, feine Fäden nehmen an Masse zu, neue Fortsätze
bilden sich, wie neue Pseudopodien von Myxomyceten oder Rhizopoden
nach aussen hervorgestreckt werden. Bald haben sich hier, bald dort
im Wandbeleg grössere Protoplasmamassen angehäuft, während an andern
Stellen Verdünnung eingetreten ist.
[Illustration: =Fig. 41. _A_ u. _B_ Zelle eines Staubfadenhaares
von Tradescantia virginica.= _A_ Ungestörte Protoplasmaströmung.
_B_ Protoplasma nach Reizung kugelig zusammengeballt. _a_ Zellwand,
_b_ Querwand zweier Zellen, _c_, _d_ Protoplasma zu Klumpen
zusammengeballt. (Nach ~Kühne~.) Aus ~Verworn~ Fig. 13.]
c) Erklärungsversuche der Protoplasmabewegung.
Von verschiedenen Forschern [Quincke (III. 17), Bütschli (II. 7 b),
Berthold (III. 2) u. A.] ist in letzter Zeit der Versuch gemacht
worden, die Protoplasmabewegung mit Bewegungserscheinungen, welche
Gemische unorganisirter Substanzen darbieten, zu vergleichen und aus
ihnen zu erklären.
+Quincke+ hat die Bewegungserscheinungen, die an den
Berührungsflächen verschiedener Flüssigkeiten entstehen, genauer
untersucht. Er brachte einen Tropfen eines Oelgemisches, dessen
specifisches Gewicht ein wenig grösser als das des Wassers war und
welches aus Mandelöl und Chloroform hergestellt wurde, in ein Glas
mit Wasser und liess darauf durch ein feines Capillarröhrchen einen
Tropfen zweiprocentiger Sodalösung an die Oelkugel herantreten.
Dieselbe erfuhr hierauf Gestaltveränderungen ähnlich denen, welche
gewisse Amöben bei mikroskopischer Beobachtung zeigen. Dieselben
erklären sich dadurch, dass die Sodalösung sich allmählich über die
Oeloberfläche ausbreitet und dabei eine Seife bildet.
In analoger Weise beurtheilt Quincke das Wesen der
Protoplasmabewegung. Bei der Plasmolyse von Pflanzenzellen zerfällt
ihr Protoplasmakörper zuweilen in zwei oder mehr Kugeln, die sich
beim Ausdehnen entweder wieder vereinigen oder durch eine ebene
Fläche getrennt bleiben, wie zwei gleich grosse Seifenblasen, die man
miteinander in Berührung bringt. Aus diesen Erscheinungen wird mit
Rücksicht auf die physikalischen Eigenschaften fester und flüssiger,
dünner Lamellen geschlossen, dass der Protoplasmakörper von einer
sehr dünnen, +flüssigen+ Membran umgeben sein müsse, ähnlich wie
bei einer Seifenblase die Luft von einer dünnen Haut aus Seifenwasser
eingeschlossen ist. „Die Substanz der den Plasmakörper umgebenden
Membran,“ so folgert Quincke weiter, „muss eine Flüssigkeit sein,
welche im Wasser Tropfen bildet. Da von allen bekannten Stoffen der
organischen Natur nur Oele diese Eigenthümlichkeit zeigen, so muss
sie aus fettem Oel oder flüssigem Fette bestehen. Die Dicke dieser
Oelschicht kann sehr gering sein, kleiner als 0,0001, so dass man
sie mikroskopisch nicht mehr wahrnehmen kann.“ Durch die Einwirkung
des Eiweisses auf das Oel entsteht an ihren Berührungsflächen eine
Substanz, die sich in Wasser löst und ausbreitet, ähnlich wie die
aus Soda und Oel gebildete Seife. Sie wird daher als Eiweissseife
bezeichnet.
Die Ursache für die Protoplasmabewegung erblickt nun Quincke in der
periodischen Ausbreitung von Eiweissseife an der inneren Oberfläche
der Oelhaut, welche den Plasmakörper einhüllt. Die Seife wird an
der Berührungsfläche in demselben Maasse immer wieder neugebildet,
als sie gelöst wird und in die umgebende Flüssigkeit diffundirt.
Daraus, dass für den chemischen Vorgang die Gegenwart von Sauerstoff
nothwendig ist, erklärt es sich, dass bei Fehlen desselben die
Protoplasmabewegung stockt, desgleichen erklärt sich aus den
chemisch-physikalischen Bedingungen ihr Stillstand bei zu hohen und
zu niedrigen Temperaturen.
Angeregt durch Quincke’s Untersuchungen und ausgehend von der Annahme
einer schaumigen Structur des Protoplasma, nahm +Bütschli+
einige interessante Experimente vor, welche ihm Licht auf die
Ursachen der Protoplasmabewegung zu werfen schienen. Er stellte sich
in verschiedener Weise Oelschäume her. Die feinsten und lehrreichsten
Schäume erhielt er, wenn er einige Tropfen Olivenöls, das im
Wärmeschrank eingedickt worden war, mit sehr fein pulverisirtem
K₂CO₃ zu einem zähen Brei vermischte und ein kleines Tröpfchen
desselben in Wasser brachte. Der entstehende Schaum, dessen sehr
kleine Vacuolen mit einer sich bildenden Seifenlösung gefüllt sind,
sieht milchweiss aus; durch Zusatz von dünnem Glycerin lässt er
sich aufhellen. Dabei treten lebhafte Strömungen auf, die volle
6 Tage an einem gelungenen Präparate im Gang bleiben und den
Protoplasmabewegungen einer Amöbe ausserordentlich gleichen. „Nach
einer Stelle des Randes zog der Strom durch die Axe des Tropfens hin,
floss dann vom Rande nach beiden Seiten und hinten ab, um allmählich
wieder in den centralen Strom einzutreten.“ „Bald hier, bald dort
wird ein flacher Fortsatz hervorgeschoben, wieder zurückgezogen und
so fort, ja manchmal gerathen einzelne Tropfen auf einige Zeit in
ziemlich lebhafte Ortsbewegung.“ Bütschli erklärt nach den Versuchen
von Quincke die Bewegungsphänomene in der Weise, dass „an irgend
einer Stelle der Oberfläche einige feine Schaumwaben platzen, und
dass an dieser Stelle Seifenlösung an die Oberfläche des Tropfens
tritt, welche von einer ganz dünnen Oellamelle gebildet wird.
Die Folge hiervon muss eine Herabsetzung der Oberflächenspannung
an dieser Stelle und daher ein schwaches Vorwölben derselben und
Abströmen von ihr sein. Beides veranlasst, dass Schaummasse von innen
zu dieser Stelle strömt. Bei diesem Zustrom zur Ausbreitungsstelle
dürften wieder einige Maschen platzen und so fort, so dass die
einmal angeregte Strömung an dieser Stelle fortdauert, wenn nicht
erhebliche Störungen auftreten.“ Bütschli ist von der principiellen
Uebereinstimmung der Strömungen in den Oelschaumseifetropfen mit der
amöboiden Protoplasmabewegung überzeugt.
Die von Quincke und Bütschli angestellten Experimente sind von hohem
Interesse, insofern sie zeigen, dass sich mit relativ einfachen
Mitteln schon complicirte Bewegungsphänomene hervorrufen lassen.
Gegen ihre Schlussfolgerung aber, dass bei der Protoplasmabewegung
ähnliche Vorgänge stattfinden, lassen sich wohl verschiedenartige
Bedenken erheben. Schon die Annahme, dass der Protoplasmakörper von
einer feinen Oellamelle überzogen sei, ist eine sehr fragwürdige.
Aus der Thatsache allein, dass das Protoplasma sich aus sehr
vielen chemischen Stoffen zusammensetzt, die fortwährend im
Stoffwechselprocess, auf dem das Leben beruht, chemisch-physicalische
Veränderungen erfahren, dürfen wir schliessen, dass die Bedingungen
für die Bewegungen viel complicirterer Art sein werden, als in einem
sich bewegenden Tropfen von Oelschaumseife, und zwar in demselben
Maasse, als chemische Zusammensetzung und Organisation der beiden
in Vergleich gezogenen Objecte eine himmelweit verschiedene ist.
(Vergleiche auch hierüber das auf Seite 20 Gesagte, und Verworn:
Die Bewegung der lebendigen Substanz (III. 24). Ferner bilden
Protoplasmaströmung, radiäre Anordnung um Attractionscentren,
Flimmer- und Geisselbewegung, Muskelcontraction +eine+ Gruppe
zusammengehöriger Vorgänge, die eine einheitliche Erklärung
verlangen. Eine solche können nun weder die von Quincke noch die
von Bütschli angestellten Experimente geben. Die von ihnen an
Stoffgemischen hervorgerufenen Bewegungen verhalten sich zu den
Bewegungen der lebendigen Körper, wie die Structur der von Traube
erzeugten künstlichen Zellen zu der Structur der lebendigen Zellen.
Um zu zeigen, wie schon durch einfache Ausbreitung eines Oeltropfens
auf wässerigen Lösungen sehr verschiedenartige Bilder entstehen, welche
den einzelnen Arten von Pseudopodienausbreitung sehr ähnlich sehen,
diene Figur 42, welche einer Schrift von Verworn (III. 24) entnommen
ist. _a_-_d_ „ist ein Tröpfchen Provenceröl, das sich auf einer
schwachen Sodalösung von verschiedener Concentration ausbreitet und
bei _a_ die Form von Amöba guttula, bei _b_ und _c_ die Form von Amöba
proteus, bei _d_ die Form eines Myxomycetenplasmodiums zeigt. Fig.
42 _e_ und _f_ ist Mandelöl, das heliozoën- und radiolarienähnliche
Pseudopodienbildung besitzt, und Fig. 42 _g_ ist ein aus Lehmanns
Molecularphysik übernommenes Bild eines Kreosottropfens auf Wasser, der
ein typisches Actinosphärium nachahmt. (Verworn III. 24. Seite 47.)“
[Illustration: =Fig. 42. Ausbreitungsformen von Oeltropfen.= Nach
~Verworn~ Fig. 11.]
Andere Versuche, die Protoplasmabewegungen zu erklären [Engelmann
(III. 6), Hofmeister (II. 20) Sachs], führen uns auf das Gebiet der
Theorieen über die Molecularstructur der organisirten Körper, indem
als Ursache der Bewegungen die active Formveränderung kleinster
Theilchen angenommen wird. Wieder nach einer anderen Richtung bewegt
sich der jüngste Erklärungsversuch von Verworn (III. 24). Eine
Erörterung derselben würde uns zu weit führen.
Alles in Allem lässt sich wohl von allen bisher aufgestellten
Hypothesen sagen, dass keine uns eine befriedigende Vorstellung von
den Ursachen und mechanischen Verhältnissen der Plasmabewegungen
zu geben vermag, und dass wir uns daher noch auf eine einfache
Beschreibung der beobachteten Verhältnisse beschränken müssen. Auch
ist dies kaum zu verwundern, wenn wir erwägen, wie schon über die
+feinere Structur des Protoplasma+ (Siehe Seite 17–23) so sehr
abweichende Ansichten bestehen, was natürlich auch auf die Erklärung
der Protoplasmabewegung von Einfluss sein muss.