Alle Räthsel des Lebens, welche Pflanzen und Thiere darbieten,
sind schon im Keim in der einfachen Zelle eingeschlossen. Wie der
zusammengesetzte ganze Organismus, hat auch jede einzelne Zelle
ihr eigenes Leben. Wollen wir daher noch tiefer in das Wesen von
Protoplasma und Kern eindringen, so müssen wir uns vor allen Dingen
noch mit dem Wichtigsten von Allem, mit ihren Lebenseigenschaften
bekannt machen. Das Leben aber, auch das Leben des allereinfachsten
Elementarorganismus, ist ein ausserordentlich zusammengesetztes
und schwer definirbares Phänomen; es äussert sich, im Allgemeinen
ausgedrückt, darin, dass die Zelle kraft ihrer eigenen Organisation
und unter den Einflüssen der Aussenwelt beständig Veränderungen
erfährt und Kräfte entfaltet, wobei ihre organische Substanz auf der
einen Seite unter bestimmten Kraftäusserungen beständig zerstört,
auf der andern Seite wieder neu erzeugt wird. Auf dem beständigen
Ineinandergreifen organischer Zerstörung und organischer Neubildung
beruht, wie Claude Bernard (IV. 1a) sich ausdrückt, der ganze
Lebensprocess.
Am zweckmässigsten lässt sich dieses complicirteste aller Phänomene
in vier verschiedene Gruppen von Erscheinungen zerlegen. Jeder
lebende Elementarorganismus zeigt uns nämlich vier verschiedene
Grundfunctionen oder Grundeigenschaften, in denen sich sein Leben
zu erkennen giebt: er kann seine Form verändern und Bewegungen
ausführen; er reagirt auf bestimmte Reize der Aussenwelt in
verschiedener Weise, ist mithin reizbar; er kann sich ernähren,
Stoffe aufnehmen, umwandeln und wieder abgeben, dabei formt er
Substanzen, welche zum Wachsthum, zur Gewebebildung und für
spezifische Leistungen des Lebens dienen; endlich kann er sich durch
Fortpflanzung vermehren.
Die Lebenseigenschaften der Zelle besprechen wir daher in vier
Capiteln, und zwar in folgender Reihenfolge:
1. die Bewegungserscheinungen,
2. die Reizerscheinungen,
3. den Stoffwechsel und die formative Thätigkeit,
4. die Fortpflanzung.
Daran schliesst sich noch ein besonderes Capitel über den
Befruchtungsprocess.
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Viele +verschiedene Arten von Bewegungen+ können sich, wie ein
ausgedehntes vergleichendes Studium lehrt, am Zellkörper abspielen.
Wir unterscheiden hier: 1. die eigentliche Protoplasmabewegung, 2.
die Flimmer- und Geisselbewegung, 3. die Bewegung der pulsirenden
Vacuolen, 4. die Bewegungen und Formveränderungen, welche Zellkörper
passiv erfahren.
Ausser diesen vier Arten giebt es noch einige besondere
Bewegungsphänomene, die in späteren Abschnitten zweckmässiger
besprochen werden, zum Beispiel die Empfängnisshügel, die an der
Eizelle in Folge der Befruchtung entstehen, die Strahlenfiguren, die
in der Umgebung des in das Ei eingedrungenen Samenfadens und beim
Theilungsprocess der Zelle wahrgenommen werden, die Zerschnürung des
Zellkörpers in zwei oder mehrere Stücke bei der Theilung.