IV. Die Central- oder Polkörperchen der Zelle.

In jüngster Zeit ist neben dem Kern im Protoplasma einiger Zellen

ein ausserordentlich winziges, aber durch seine Function sehr

wichtiges Gebilde nachgewiesen worden, das +Central-+ oder

+Polkörperchen+ (+Centrosoma+). Bei der Zelltheilung, bei

deren Darstellung es uns in Capitel VI wieder beschäftigen wird, ist

es schon seit längerer Zeit bekannt und spielt hier eine sehr grosse

Rolle, da es den Mittelpunkt für eigenthümliche Strahlungsfiguren und

überhaupt einen Mittelpunkt in der Zelle bildet, nach welchem die

verschiedensten Zellbestandtheile gewissermaassen centrirt sind.

Seine +Grösse+ liegt an der Grenze des eben sichtbaren und

bleibt häufig unter dem Durchmesser kleinster Mikroorganismen

zurück. Es scheint +stofflich+ aus derselben Substanz, wie das

Mittelstück der Samenfäden zu bestehen, zu welchem sich übrigens

auch beim Befruchtungsprocess genetische Beziehungen ergeben (s.

Cap. VII, 1). Bei den gewöhnlichen Kernfärbemethoden nimmt es keinen

Farbstoff auf, lässt sich aber bei geeignetem Verfahren, namentlich

durch saure Anilinfarben, wie Säurefuchsin, Safranin, Orange, lebhaft

tingiren. Es ist dies das einzige Mittel, das Centralkörperchen in

den Fällen, wo es nicht von einer besonderen Strahlung oder Sphäre

eingehüllt ist, von andern Körnchen des Zellinhalts (Mikrosomen) zu

unterscheiden.

Wenn wir von der Zelltheilung und dem Befruchtungsprocess absehen,

über welche spätere Abschnitte handeln, so ist das Centralkörperchen

bis jetzt am häufigsten in Lymphzellen (Flemming II. 11 u. 12b

und Heidenhain II. 16), in Pigmentzellen des Hechts (Solger II.

38), in sehr flachen Epithel-, Endothel- und Bindegewebszellen von

Salamanderlarven (Flemming II. 12b) aufgefunden worden.

In Lymphzellen kommt meist nur ein einziges Centralkörperchen vor

(Fig. 34) und ist dies ausser der Färbung noch dadurch kenntlich

gemacht, dass das Protoplasma in seiner nächsten Umgebung ein

deutlich strahliges Gefüge zeigt und die später uns noch öfters

beschäftigende Strahlensphäre oder Attractionssphäre bildet. Das

Centralkörperchen liegt zuweilen in einer Einbuchtung des Kerns oder,

wenn dieser in mehrere Stücke zerfallen ist, was bei den Lymphzellen

häufig vorkommt, bald zwischen ihnen an dieser oder jener Stelle des

Protoplasmakörpers.

[Illustration: =Fig. 34. Leukocyt aus dem Peritoneum einer

Salamanderlarve. Der Centralkörper in der strahligen Sphäre ist

zur Verdeutlichung des Zinkdrucks von einem hellen Ring umgeben

dargestellt, welcher in natura fortzudenken ist.= Nach ~Flemming~ Fig.

5.]

Bei Pigmentzellen (Fig. 35) hat +Solger+ (II. 38) nur die

Strahlensphäre als eine helle Stelle zwischen den Pigmentkörnchen

gesehen und daraus auf die Anwesenheit eines Centralkörperchens

geschlossen.

In den Epithelien der Lunge, in Endothel- und Bindegewebszellen des

Bauchfells von Salamanderlarven (Fig. 36 _A_, _B_), fand +Flemming+

fast stets anstatt eines einzigen zwei dicht zusammengelegene

Centralkörperchen, entweder in grosser Nähe des im Ruhezustand

befindlichen Kerns oder sogar in einer Delle desselben in unmittelbarer

Nachbarschaft der Kernmembran. Eine Strahlensphäre war in diesen Fällen

meist nicht nachweisbar; zuweilen waren die beiden Polkörperchen,

anstatt sich fest zu berühren, ein wenig auseinandergerückt und war

dann der erste Anfang einer Spindelbildung zwischen ihnen wahrzunehmen.

[Illustration: Fig. 35.]

[Illustration: Fig. 36.]

=Fig. 35. Pigmentzelle des Hechts mit 2 Kernen und 1 Polkörperchen in

einer Strahlensphäre.= Nach ~Solger~ Fig. 2.

=Fig. 36.= _A_ Kern einer Endothelzelle des Peritoneums einer

Salamanderlarve mit in der Nähe gelegenen Polkörperchen. Nach

~Flemming~ Fig. 2.

_B_ Kern einer Bindegewebszelle des Peritoneums einer Salamanderlarve

mit in der Nähe gelegenen Polkörperchen. Nach ~Flemming~ Fig. 4.

Von +van Beneden+ (II. 4) ist zuerst die Hypothese aufgestellt worden,

dass +das Centralkörperchen gleich dem Kern ein constantes Organ jeder

Zelle sei+ und dass es sich neben dem Kern irgendwo im Protoplasma

jeder Zelle eingeschlossen finden müsse. Für den ersten Theil dieser

Ansicht spricht die Eigenschaft des Centralkörperchens, sich auf dem

Wege der +Selbsttheilung+ vermehren zu können (siehe Cap. VI) und seine

Rolle beim Befruchtungsprocess (siehe Cap. VII, 1). Die an zweiter

Stelle behauptete Zugehörigkeit der Centralkörperchen zum Protoplasma,

die jetzt sehr allgemein angenommen wird, scheint mir dagegen weniger

sicher gestellt zu sein.

Ich habe früher die Ansicht gehabt und halte sie aus Gründen,

die ich später (siehe Cap. VI) anführen werde, auch jetzt noch

für beachtenswerth, dass die Centralkörperchen für gewöhnlich

Bestandtheile des ruhenden Kerns selbst sind, indem sie nach der

Theilung in seinen Inhalt eintreten und bei der Vorbereitung zur

Theilung in das Protoplasma wieder austreten. Nur in besonderen

Fällen würde das oder die Centralkörperchen auch während der Ruhe des

Kerns im Protoplasma selbst verbleiben und dann gewissermaassen neben

dem Haupt- noch einen Nebenkern darstellen. Bei dieser Auffassung

würde es sich erklären, dass auch mit den neueren Methoden und

optischen Hülfsmitteln sich +Centralkörperchen für gewöhnlich

neben dem ruhenden Kern im Protoplasma der Zellen nicht nachweisen

lassen+.

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 1/2) · 第 84 / 170 题