In jüngster Zeit ist neben dem Kern im Protoplasma einiger Zellen
ein ausserordentlich winziges, aber durch seine Function sehr
wichtiges Gebilde nachgewiesen worden, das +Central-+ oder
+Polkörperchen+ (+Centrosoma+). Bei der Zelltheilung, bei
deren Darstellung es uns in Capitel VI wieder beschäftigen wird, ist
es schon seit längerer Zeit bekannt und spielt hier eine sehr grosse
Rolle, da es den Mittelpunkt für eigenthümliche Strahlungsfiguren und
überhaupt einen Mittelpunkt in der Zelle bildet, nach welchem die
verschiedensten Zellbestandtheile gewissermaassen centrirt sind.
Seine +Grösse+ liegt an der Grenze des eben sichtbaren und
bleibt häufig unter dem Durchmesser kleinster Mikroorganismen
zurück. Es scheint +stofflich+ aus derselben Substanz, wie das
Mittelstück der Samenfäden zu bestehen, zu welchem sich übrigens
auch beim Befruchtungsprocess genetische Beziehungen ergeben (s.
Cap. VII, 1). Bei den gewöhnlichen Kernfärbemethoden nimmt es keinen
Farbstoff auf, lässt sich aber bei geeignetem Verfahren, namentlich
durch saure Anilinfarben, wie Säurefuchsin, Safranin, Orange, lebhaft
tingiren. Es ist dies das einzige Mittel, das Centralkörperchen in
den Fällen, wo es nicht von einer besonderen Strahlung oder Sphäre
eingehüllt ist, von andern Körnchen des Zellinhalts (Mikrosomen) zu
unterscheiden.
Wenn wir von der Zelltheilung und dem Befruchtungsprocess absehen,
über welche spätere Abschnitte handeln, so ist das Centralkörperchen
bis jetzt am häufigsten in Lymphzellen (Flemming II. 11 u. 12b
und Heidenhain II. 16), in Pigmentzellen des Hechts (Solger II.
38), in sehr flachen Epithel-, Endothel- und Bindegewebszellen von
Salamanderlarven (Flemming II. 12b) aufgefunden worden.
In Lymphzellen kommt meist nur ein einziges Centralkörperchen vor
(Fig. 34) und ist dies ausser der Färbung noch dadurch kenntlich
gemacht, dass das Protoplasma in seiner nächsten Umgebung ein
deutlich strahliges Gefüge zeigt und die später uns noch öfters
beschäftigende Strahlensphäre oder Attractionssphäre bildet. Das
Centralkörperchen liegt zuweilen in einer Einbuchtung des Kerns oder,
wenn dieser in mehrere Stücke zerfallen ist, was bei den Lymphzellen
häufig vorkommt, bald zwischen ihnen an dieser oder jener Stelle des
Protoplasmakörpers.
[Illustration: =Fig. 34. Leukocyt aus dem Peritoneum einer
Salamanderlarve. Der Centralkörper in der strahligen Sphäre ist
zur Verdeutlichung des Zinkdrucks von einem hellen Ring umgeben
dargestellt, welcher in natura fortzudenken ist.= Nach ~Flemming~ Fig.
5.]
Bei Pigmentzellen (Fig. 35) hat +Solger+ (II. 38) nur die
Strahlensphäre als eine helle Stelle zwischen den Pigmentkörnchen
gesehen und daraus auf die Anwesenheit eines Centralkörperchens
geschlossen.
In den Epithelien der Lunge, in Endothel- und Bindegewebszellen des
Bauchfells von Salamanderlarven (Fig. 36 _A_, _B_), fand +Flemming+
fast stets anstatt eines einzigen zwei dicht zusammengelegene
Centralkörperchen, entweder in grosser Nähe des im Ruhezustand
befindlichen Kerns oder sogar in einer Delle desselben in unmittelbarer
Nachbarschaft der Kernmembran. Eine Strahlensphäre war in diesen Fällen
meist nicht nachweisbar; zuweilen waren die beiden Polkörperchen,
anstatt sich fest zu berühren, ein wenig auseinandergerückt und war
dann der erste Anfang einer Spindelbildung zwischen ihnen wahrzunehmen.
[Illustration: Fig. 35.]
[Illustration: Fig. 36.]
=Fig. 35. Pigmentzelle des Hechts mit 2 Kernen und 1 Polkörperchen in
einer Strahlensphäre.= Nach ~Solger~ Fig. 2.
=Fig. 36.= _A_ Kern einer Endothelzelle des Peritoneums einer
Salamanderlarve mit in der Nähe gelegenen Polkörperchen. Nach
~Flemming~ Fig. 2.
_B_ Kern einer Bindegewebszelle des Peritoneums einer Salamanderlarve
mit in der Nähe gelegenen Polkörperchen. Nach ~Flemming~ Fig. 4.
Von +van Beneden+ (II. 4) ist zuerst die Hypothese aufgestellt worden,
dass +das Centralkörperchen gleich dem Kern ein constantes Organ jeder
Zelle sei+ und dass es sich neben dem Kern irgendwo im Protoplasma
jeder Zelle eingeschlossen finden müsse. Für den ersten Theil dieser
Ansicht spricht die Eigenschaft des Centralkörperchens, sich auf dem
Wege der +Selbsttheilung+ vermehren zu können (siehe Cap. VI) und seine
Rolle beim Befruchtungsprocess (siehe Cap. VII, 1). Die an zweiter
Stelle behauptete Zugehörigkeit der Centralkörperchen zum Protoplasma,
die jetzt sehr allgemein angenommen wird, scheint mir dagegen weniger
sicher gestellt zu sein.
Ich habe früher die Ansicht gehabt und halte sie aus Gründen,
die ich später (siehe Cap. VI) anführen werde, auch jetzt noch
für beachtenswerth, dass die Centralkörperchen für gewöhnlich
Bestandtheile des ruhenden Kerns selbst sind, indem sie nach der
Theilung in seinen Inhalt eintreten und bei der Vorbereitung zur
Theilung in das Protoplasma wieder austreten. Nur in besonderen
Fällen würde das oder die Centralkörperchen auch während der Ruhe des
Kerns im Protoplasma selbst verbleiben und dann gewissermaassen neben
dem Haupt- noch einen Nebenkern darstellen. Bei dieser Auffassung
würde es sich erklären, dass auch mit den neueren Methoden und
optischen Hülfsmitteln sich +Centralkörperchen für gewöhnlich
neben dem ruhenden Kern im Protoplasma der Zellen nicht nachweisen
lassen+.