III. Giebt es kernlose Elementarorganismen?

An die Beschreibung der chemischen und morphologischen Eigenschaften

des Kerns lässt sich noch die wichtige Frage knüpfen, ob der

Kern ein unentbehrlicher Bestandtheil jeder Zelle ist. Gibt es

kernlose Elementarorganismen? Noch vor einer Reihe von Jahren war

man mit einer Antwort auf diese Frage nicht verlegen. -- Da man

in Folge der Mangelhaftigkeit der älteren Untersuchungsmethoden

bei vielen niederen Organismen keine Kerne gefunden hatte, nahm

man die Existenz von zwei verschiedenen Arten von Elementartheilen

an, von einfacheren, die nur aus einem Klümpchen von Protoplasma

bestehen, und von zusammengesetzten, welche in ihrem Innern noch als

besonderes Organ den Kern entwickelt haben. Die ersteren bezeichnete

+Haeckel+ (I. 10. II. 15) als Cytoden und ihre einfachsten,

einzellebenden Formen als Moneren, die letzteren als Cellulae oder

Cyten. Seitdem aber hat sich der Stand der Frage wesentlich verändert.

Dank den verbesserten optischen Hülfsmitteln und den vervollkommneten

Färbungsmethoden ist die Existenz von Organismen ohne Kern sehr in

Frage gezogen.

Bei sehr vielen niederen Pflanzen (Algen, Pilzen) und bei Protozoen,

Vampyrellen, Polythalamien, Myxomyceten, die früher als Beweisobjecte

für das Fehlen des Kerns gegolten hatten, gelingt es mit leichter

Mühe, Kerne nachzuweisen. Nachdem auch bei der reifen Eizelle der

Kern gefunden worden ist (Hertwig II. 19a), können wir sagen, dass

im gesammten Thierreich kein sicher bewiesener Fall von kernlosen

Zellen existirt. Man wird mir vielleicht die rothen Blutkörperchen

der Säugethiere entgegenhalten. Freilich fehlt bei ihnen ein Kern, es

fehlt ihnen aber ebensogut auch das Protoplasma, und es lässt sich

mit guten Gründen, die später zusammengestellt werden sollen, die

Ansicht verfechten, dass die Blutscheiben der Säugethiere nicht den

Werth von Elementarorganismen besitzen, sondern nur die Umwandlungs-

oder Bildungsproducte ehemals vorhandener Zellen sind.

[Illustration: =Fig. 33.= _A_ Oscillaria. Optischer

Durchschnitt einer Zelle eines Fadens. Mit Alcohol getödtet und in

Hämatoxylin gefärbt. Nach ~Bütschli~ Fig. 12a.

_B_ Bacterium lineola (~Cohn~) im optischen Durchschnitt.

Mit Alcohol getödtetes und in Hämatoxylin gefärbtes Exemplar. Nach

~Bütschli~ Fig. 3a.]

Eine Zuflucht findet jetzt die Lehre von der Kernlosigkeit nur noch

bei den Mikroorganismen, bei den Bacterien und verwandten Formen, bei

denen wegen ihrer ausserordentlichen Kleinheit die Unterscheidung

von Protoplasma und Kernsubstanz auf Schwierigkeiten stösst.

Indessen auch hier hat Bütschli (II. 6) die Existenz kernartiger

Gebilde nachzuweisen versucht. Als solche deutet er bei Oscillarien

u. a. (Fig. 33 _A_. _B_) Körper, welche bei der Verdauung

durch Magensaft nicht aufgelöst werden und einzelne in Farbstoff

sich intensiv färbende Körnchen (wahrscheinlich Nucleinkörnchen)

beherbergen. Dieselben machen den grösseren Theil des Zellkörpers

aus, während Protoplasma nur als dünne Umhüllung vorhanden ist.

Bütschli’s Ansichten werden im Allgemeinen von Zacharias (II. 47)

getheilt.

Wer diese Angabe nicht als beweisend anerkennen will, wird zugeben

müssen, dass die Annahme, welche die Mikroorganismen ganz oder

vorzugsweise aus Kernsubstanz bestehen lässt, wenigstens ebenso

viel wenn nicht mehr für sich hat, als die Annahme, sie seien nur

kleinste, einfache Protoplasmaklümpchen. Denn für die erste Annahme

fällt ihre ausserordentliche Neigung, Farbstoffe in sich aufzunehmen,

sehr in die Wagschale.

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 1/2) · 第 83 / 170 题