Der Büßer

(1873)

In unseren russischen Klöstern gibt es, wie man weiß, auch jetzt noch

unter den Mönchen manche Asketen und Heilige, Beichtväter und Ratgeber.

Ob das nun gut oder schlecht ist, ob man der Mönche bedarf oder nicht –

diese Frage wollen wir hier nicht erörtern. Es soll zwar nicht zeitgemäß

sein, von Mönchen zu reden, doch können wir nicht umhin, es hier

trotzdem zu tun, da das Folgende ein Mönch erzählt hat. Diese

Beichtväter und Ratgeber sind bisweilen hochgebildete Menschen, Menschen

mit einem tiefen Verstande. Wenigstens wird so von ihnen berichtet, ich

kenne sie nicht. Einige von ihnen, sagt man, seien in ganz Rußland

bekannt, und aus den fernsten Gegenden kämen die Menschen zu ihnen, oft

sogar zu Fuß aus Archangelsk, aus Sibirien, aus dem Kaukasus. Wer zu

ihnen kommt, den treibt eine Verzweiflung, mit der die eigene Seele

nicht mehr kämpfen kann, oder auf dem Gewissen dieser Menschen ruht eine

so furchtbare Schuld, daß sie mit ihrem Geistlichen in der Heimat nicht

darüber sprechen mögen – nicht aus Angst oder Mißtrauen, sondern weil

die Verzweiflung ihnen jeden Glauben an eine Vergebung ihrer Sünde

genommen hat. Hören sie dann zufällig von einem solchen fernen,

trostspendenden Beichtvater, dann machen sie sich auf und pilgern zu

ihm.

So hat nun einer von diesen Mönchen in einem Gespräch unter vier Augen

seinem Zuhörer folgendes erzählt:

„Schon seit zwanzig Jahren höre ich Beichten, und, werden Sie es mir

glauben, in zwanzig Jahren lernt man so viele verborgene Krankheiten der

Menschenseele kennen, daß einen, wie man meinen sollte, nichts mehr

wunder nehmen könnte. Und dennoch kommt es vor, daß man selbst nach

zwanzig Jahren erschauert beim Anhören manch einer Schuld. Man verliert

die Gemütsruhe, die erforderlich ist, um dem Verzweifelten Trost geben

zu können, und man muß sich selber zu Demut und Vertrauen zwingen.“

Und hierauf hat er folgende unglaubliche Geschichte aus dem Volksleben

erzählt:

... Ich sehe, ein Bauer kommt auf den Knien zu mir gekrochen. Ich hatte

schon vom Fenster her gesehen, wie er draußen auf der Erde kriechend

näher kam. Sein erstes Wort zu mir war:

„Für mich gibt es keine Rettung mehr: bin verdammt! Was du auch sagst,

ich weiß: ich bin verdammt!“

Ich versuchte, ihn einigermaßen zu beruhigen. Ich sah, daß der Mensch

weither gekommen war, weil es ihn nach Strafe und Leiden für sein

Vergehen verlangte.

„Wir kamen im Dorf mehrere Burschen zusammen,“ begann er, „und da fingen

wir an unter uns zu streiten, wer den anderen in Frechheit überbieten

könne. Ich prahlte, daß ich sie alle ausstechen würde. Da zog mich ein

anderer Bursche beiseite und sagte mir unter vier Augen: ‚Hör mal, das

kannst du nie und nimmer, was du da sagst. Du prahlst ja nur.‘“

„Ich wollte schon schwören, aber er unterbrach mich: ‚Nein, wart,‘ sagte

er, ‚nicht so. Du schwöre mir _bei deinem Seelenheil_ in jener Welt, daß

du alles tun wirst, was ich dir sagen werde.‘“

„Ich schwor.“

„‚Gut,‘ sagte er. ‚Bald haben wir Fasten. Bereite dich zum Abendmahl

vor. Die Hostie nimm, aber verschluck sie nicht. Wenn du dann aufstehst

– tritt zur Seite, nimm sie aus dem Munde und behalt sie in der Hand.

Das weitere werde ich dir dann sagen.‘“

„So tat ich auch. Aus der Küche führte er mich geradewegs in den

Gemüsegarten. Nahm einen Pflock, stieß ihn in die Erde und sagte: ‚Leg’

hin!‘ Ich legte die Hostie auf den Pflock. ‚Jetzt geh und hol eine

Flinte,‘ sagte er. Ich ging und holte sie. ‚Lad’ sie,‘ sagte er. Ich

lud. ‚Ziele und schieß.‘ Ich erhob die Hand und zielte. Und da – wie der

Schuß fiel, stand plötzlich vor mir das Kreuz mit dem Gekreuzigten. Da

fiel ich bewußtlos hin ...“

Zugetragen hatte sich das schon mehrere Jahre vor der Beichte. Den Namen

dieses Pilgers wie auch die Strafe, die er ihm auferlegt, hat der Pater

natürlich nicht gesagt. Wahrscheinlich hat er die Seele dieses Menschen

mit einer furchtbaren Buße belastet, vielleicht sogar mit einer, die

fast über menschliche Kraft ging, in der Erwägung, daß, je schwerer die

Strafe, sie um so eher das Gewissen erleichtern werde. „... weil es ihn

doch nach Strafe und Leiden für sein Vergehen verlangte ...“

Dieser Fall verdient es entschieden, näher betrachtet zu werden, ja er

ist sogar äußerst charakteristisch. Ich bin immer der Meinung gewesen,

daß das letzte Wort gerade diese Menschen aussprechen werden, diese

reuigen oder auch nicht reuigen, bußfertigen oder unbußfertigen; sie

werden es sagen und uns den neuen Weg weisen, den neuen Weg ins Freie

aus allen unseren anscheinend vollkommen unlösbaren Problemen. Es wird

doch nicht Petersburg unser russisches Schicksal endgültig entscheiden.

Deshalb aber ist jeder, ja sogar jeder geringste _neue_ Zug dieser

„neuen Menschen“ unserer Aufmerksamkeit wert.

Erstens, was mich am meisten wundert, das ist der Anfang des Ganzen, die

Möglichkeit eines solchen Streites und Wettkampfes in einem russischen

Dorf: wer den anderen in Frechheit überbieten könne. Es ist das eine

Tatsache, die auf furchtbar vieles hindeutet, und ich muß sagen, daß sie

für mich eine sogar ganz unerwartete Erscheinung ist – ich habe doch

genug Menschen aus dem Volk gesehen, sogar die charakteristischsten

Verbrecher und Sträflinge.

Ferner ist die, sagen wir, krankhafte Seite des Vorfalls bemerkenswert.

Halluzinationen sind eine vornehmlich krankhafte Erscheinung und

zugleich hört man von dieser Krankheit nur sehr, sehr selten. Die

Möglichkeit einer plötzlichen Halluzination bei einem, wenn auch sehr

erregten, aber immerhin ganz gesunden Menschen ist an sich bisher

vielleicht noch nicht vorgekommen. Doch das ist eine medizinische Frage,

von der ich wenig verstehe.

Etwas ganz anderes ist es mit der psychologischen Seite des Falles. Da

erscheinen vor uns zwei Charaktere, die in hohem Maße für das ganze

russische Volk typisch sind! Da ist vor allen Dingen dieses Vergessen

eines jeden Maßes bezeichnend (doch ist das, wohlgemerkt, fast immer nur

eine zeitweilige Erscheinung, gleichsam eine vorübergehende Anfechtung).

Da ist dieses Bedürfnis, über das Maß hinauszugreifen, das Bedürfnis

nach herzbeklemmenden Empfindungen, das Verlangen, an einen Abgrund

heranzugehen, sich mit dem halben Körper schon über den Rand zu beugen,

in die schaudervolle Tiefe zu blicken und – sehr oft oder wenigstens in

nicht seltenen Fällen – sich wie ein Wahnsinniger mit dem Kopf voran in

die Tiefe zu stürzen. Das ist das Verneinungsbedürfnis im russischen

Menschen, bisweilen sogar in einem durchaus nicht verneinenden, sondern

in einem ehrfürchtig alles bejahenden Menschen – die Verneinung von

allem, selbst des größten Heiligtums des eigenen Herzens, seines

höchsten Ideals, des ganzen Volksheiligtums, vor dem er soeben noch

ehrfurchtsvoll gekniet, das aber dann plötzlich gleichsam zu einer

unerträglichen Last für ihn wird. Auffallend ist dabei namentlich jene

Hast, jener unbezwingbare Drang, in dem der Russe sich in manchen

Augenblicken seines eigenen oder des ganzen Volkslebens zu äußern

beeilt, wenn der Augenblick einer von jenen ist, die den Charakter des

Menschen herausfordern – gleichviel ob es in einer guten oder in einer

unflätigen Tat geschieht. Mitunter gibt es für ihn dann überhaupt keine

Schranken mehr. Was es auch sei, Liebe, Wein, Eigenliebe, Neid oder die

tolle Stimmung eines Gelages – da gibt sich mancher Russe rückhaltlos

dem Augenblick hin, ist imstande, alles zu zerreißen, zu vernichten, von

allem sich loszusagen, von der Familie, von den Sitten, von Gott. Manch

ein herzensguter Mensch kann plötzlich zum Tier und Verbrecher werden,

wenn er einmal in diesen Wirbel hineingerät – in diesen für uns

verhängnisvollen Wirbel momentaner, konvulsivischer Selbstverneinung und

Selbstzerstörung, die dem russischen Volkscharakter seit jeher zu seinem

Verhängnis eigen sind. Aber mit ebensolcher Kraft, mit ebenso großem

Ungestüm im Verlangen nach Selbsterhaltung und Buße versteht es das

ganze Volk, wie auch der einzelne Russe, sich selber wieder zu retten,

und er rettet sich gewöhnlich gerade in dem Augenblick, wenn er schon

bei der letzten Grenze angelangt ist, d. h. wenn er nirgendwohin mehr

weitergehen kann. Doch besonders bezeichnend ist es, daß der Rückschlag

– der die Wiederherstellung, die Rettung zur Folge hat – immer ernster

ist als der erste Stoß, der ihn zur Verneinung und Selbstvernichtung

treibt. Jene erste Anwandlung ist eben immer eine Art Kleinmut oder eine

Laune, während der Rückschlag mit der Wiederherstellung und Rettung aus

eigener Kraft immer etwas Großes ist: und ihm gibt sich der russische

Mensch mit der größten, gewaltigsten und ernstesten Anstrengung hin und

blickt dann auf seine frühere Verneinung mit Selbstverachtung zurück.

Ich glaube, das hauptsächlichste, das ursprünglichste geistige Bedürfnis

des russischen Volkes ist das Bedürfnis zu leiden, ewig und

unersättlich, überall und in allem. Dies Lechzen nach Leid hat es, wie

mir scheint, schon von jeher in sich gehabt. Wie ein leidtragender Strom

zieht es durch seine ganze Geschichte, und zwar nicht nur in Gestalt

äußeren Unglücks und verschiedener Heimsuchungen, vielmehr entspringt

seine Quelle dem lebendigen Herzen des Volkes. Sogar im Glück des

Russen, sowohl des einzelnen wie des ganzen Volkes, ist unbedingt ein

Teil Leid enthalten, anderenfalls ist für ihn das Glück nicht

vollständig. Niemals, nicht einmal in den Stunden der größten Triumphe,

die seine Geschichte kennt, hat das russische Volk ein stolzes oder

triumphierendes Aussehen, sondern nur ein, bis zum Leid ergriffenes; es

atmet wohl auf, aber den Ruhm schreibt es der Gnade Gottes zu. Im Leid

findet das russische Volk gleichsam einen Genuß. Und was vom ganzen Volk

gilt, gilt auch vom einzelnen Russen, natürlich nur im allgemeinen

gesprochen. Man betrachte z. B. die zahlreichen Typen des randalierenden

Russen. Es ist bei ihm nicht nur übermäßige Ausgelassenheit, deren

Schrankenlosigkeit oder Frechheit einen wundernimmt oder einen durch die

Tiefe des Falles einer Menschenseele anwidert. Dieser widerliche Mensch

ist in erster Linie selber ein Märtyrer. Eine naiv triumphierende

Selbstzufriedenheit, eine satte Gespreiztheit ist einem Russen nie

eigen, nicht einmal einem dummen. Man vergleiche einen russischen

Betrunkenen mit – nun, meinetwegen mit einem deutschen: der betrunkene

Russe ist vielleicht gemeiner als der betrunkene Deutsche, doch ist

dieser zweifellos dümmer und komischer als der Russe. Die Deutschen sind

ein vornehmlich selbstzufriedenes, auf sich stolzes Volk. Im betrunkenen

Deutschen pflegen nun diese Grundzüge des Volkscharakters an

Ausgeprägtheit proportional dem Quantum des getrunkenen Bieres

zuzunehmen. Der betrunkene Deutsche ist ein zweifellos glücklicher

Mensch und denkt nicht daran, zu weinen; statt dessen singt er

selbstgefällige Lieder und ist stolz. Er kommt stocksteif besoffen nach

Haus, aber er ist dabei stolz! Der russische Trinker dagegen trinkt

gewöhnlich aus Leid und weint nachher. Oder wenn er auch großtut, so ist

das doch kein Triumphieren, sondern nur ein Randalieren. In der Regel

fällt ihm dann irgendeine ihm widerfahrene Kränkung ein und er fängt an,

dem Beleidiger, gleichviel, ob dieser zugegen ist oder nicht, bittere

Vorwürfe zu machen. Schließlich beweist er ihm mit Nachdruck, daß er

womöglich ein General sei, schimpft dabei aufrichtig, wenn man ihm nicht

glaubt, bis er zu guter Letzt, um alle zu überzeugen, unbedingt nach der

Polizei schreit. Aber er ist ja nur deshalb so, ruft auch nur deshalb

nach der Polizei, weil er in den geheimsten Tiefen seiner betrunkenen

Seele nur zu gut weiß, daß er ganz und gar kein General, sondern nur ein

ekelhafter Säufer und tiefer gesunken ist als das niedrigste Vieh. Was

wir hier im mikroskopischen Beispiel sehen, sehen wir auch im großen

Ganzen. Selbst der größte Schandkerl, der fast schön ist in seiner

Frechheit, in seiner eleganten Lasterhaftigkeit, so daß ihn die

Dummköpfe sogar nachäffen, selbst dieser fühlt in den verborgensten

Tiefen seiner verderbten Seele, daß er doch nur ein Nichtswürdiger ist.

Er ist unzufrieden mit sich, die bittere Selbsterkenntnis nagt an seinem

Herzen, und dafür rächt er sich an den anderen. Er martert sich, er tobt

gegen sich und alles Gute in ihm und um ihn, bis er, unter ständigem

Kampf gegen den in seinem Herzen sich ansammelnden Schmerz und doch

zugleich sich wie daran berauschend, diese letzte Grenze erreicht. Wenn

er aber dann, schon über dem Abgrund hängend, sich doch noch

aufzurichten vermag, so straft er sich selbst am grausamsten, straft er

sich mehr als andere es je könnten.

Was trieb diese Burschen in den Streit: „Wer den anderen an Frechheit

überbieten könne?“ Und warum wählte der Bursche gerade diese Tat zur

Prüfung der Vermessenheit des anderen? Er hätte doch auch eine andere

Tat wählen können, etwa die Ermordung einer hochgestellten

Persönlichkeit oder sonst einen ganz besonderen Mord, denn der Bursche

hatte doch geschworen, daß er „_zu allem_“ bereit sei, und sein

Versucher wußte, daß er tatsächlich „alles“ tun werde, was er von ihm

als Beweis seiner Vermessenheit verlangte. Doch nein! Selbst die

schrecklichsten Verbrechen scheinen dem Versucher nicht schrecklich

genug zu sein. Er denkt sich etwas noch nie Dagewesenes, etwas

Unerhörtes aus, woran noch nie jemand gedacht hat! Doch das, daß er

gerade in dieser Tat das Unerhörteste, das Vermessenste sah, gerade das

verrät die ganze Weltanschauung unseres Volkes!

Ich sagte – „woran noch nie jemand gedacht hat“. Ist es so? Nein, denn

alles beweist, daß er sich schon lange mit diesem Gedanken beschäftigt

haben muß. Vielleicht war schon in seiner Kindheit dieser Traum in seine

Seele gekrochen, hatte sie mit Schrecken erfüllt und gequält – und diese

Qual war für ihn vielleicht zum Genuß geworden. Er hatte sich das alles

vielleicht schon lange zuvor ausgedacht – die Flinte, die Hostie – und

nur als tiefstes Geheimnis in sich bewahrt. Selbst hätte er es

vielleicht nicht zu tun gewagt, er spielte nur mit dieser Vorstellung,

die ihm gefiel, die ihn verführte, der er nachgab. Eine Sekunde lang

unerhörteste Vermessenheit – und wenn’s die Seele kostet! – doch dafür

eine Sekunde über diesem Abgrund! Natürlich glaubte der Bursche, daß er

für diese Tat ewig verdammt sein werde, aber – das Wagnis war doch zu

verführerisch.

Man kann vieles unbewußt wissen, indem man es nur fühlt, aber nicht

weiß. Jedenfalls ist dieser Verführer ein interessantes Seelenproblem,

und dabei nicht zu vergessen, daß er ein Bauer war, unter Bauern lebte!

Gerade das ist es, was einen am meisten überrascht. Auch wäre es

interessant, zu erfahren, ob er, der Verführer, sich für schuldiger

hielt als sein Opfer. Es ist anzunehmen, daß er es tat, oder wenigstens

wird er sich für ebenso schuldig betrachtet haben – so daß er, als er

den anderen Burschen herausforderte, zugleich sich selbst

herausforderte.

Man sagt, das russische Volk kenne kaum das Evangelium, kenne nicht

einmal die Grundlehren seines Glaubens. Mag sein, doch dafür kennt es

Christus und trägt ihn seit jeher im Herzen. Das ist über jeden Zweifel

erhaben! Wie aber eine richtige Auffassung von Christus ohne

vorhergegangenen Religionsunterricht möglich ist, das ist eine andere

Frage?! Jedenfalls hat das Volk dieses Gefühl für Christus von

Generation zu Generation vererbt, und so ist es gleichsam eins geworden

mit seinem Herzen. Vielleicht ist Christus die einzige Liebe des

russischen Volkes, das ihn eben auf seine Art liebt, d. h. bis zur Qual.

Deshalb ist ihm auch die liebste seiner Benennungen „das rechtgläubige

Volk“, wie es sich denn vor allen anderen Völkern auf die richtigste

Weise zu Christus bekennt. Es ist zugleich das einzige, worauf unser

Volk stolz ist. Ich wiederhole – man kann vieles unbewußt wissen.

Und nun: gerade an diesem Volksheiligtum sich zu versündigen, mit der

ganzen Überlieferung, mit der ganzen Umgebung, mit der Erde selbst, mit

allen und allem zu brechen und sich selbst unrettbar, auf ewig ins

Verderben zu stürzen _für diesen einen Augenblick des Triumphes und

Stolzes_ – nein, eine größere Versuchung hätte der russische Mephisto

wahrlich nicht ersinnen können! Schon die bloße Möglichkeit so dunkler,

geheimnisvoller und vielverschlungener Regungen in der Seele eines

einfachen Bauern macht einen stutzig! Und dabei nicht zu vergessen, daß

sich das alles in diesem Burschen doch fast bis zur bewußten Idee

entwickelt hatte.

Ein anderes ist folgendes. Menschen können freilich bis zum Tierischen

gefühllos sein, doch hier handelt es sich nicht um Gefühllosigkeit,

sondern um etwas ganz Besonderes: um den mystischen Schrecken, der die

größte Macht über die Menschenseele hat. Daß es sich in diesem Fall

tatsächlich um eine mystische Angst gehandelt hat, steht nach dem ganzen

Verlauf der Begebenheit wohl außer Frage. Die starke Seele des Burschen

konnte zunächst noch gegen diese Angst ankämpfen. Übrigens – war das ein

Beweis von Stärke oder von ängstlichem Kleinmut? Vermutlich wird es

sowohl das eine wie das andere gewesen sein: eine Mischung der

Gegensätze. Diese mystische Angst hat dann den Kampf noch verlängert,

indem sie vom Herzen des Sünders das natürliche Empfinden fernhielt. Das

Gefühl der Angst ist grausam, es verhärtet das Herz und panzert es gegen

jede weiche oder hochherzige Regung. So konnte der Bursch die Tat

vollbringen. Doch warum erschlug der Gepeinigte nicht seinen Peiniger?

Das ist es eben, daß sowohl bei diesem wie bei jenem in der Tiefe der

Seele dasselbe Gefühl gewesen sein muß, so daß sie beide eine gewisse

höllische Lust am eigenen Verderben empfunden haben werden – als sie dem

atemraubenden Verlangen nachgaben, sich über diesen Abgrund zu beugen –

und einen gewissen erschütternden Genuß von ihrer eigenen Vermessenheit.

Und da – im Augenblick, als die Tat geschehen war – steht plötzlich die

Erscheinung des Gekreuzigten vor ihm!

Sein Herz hatte ihn gerichtet. Warum nicht sein Bewußtsein, warum zeigte

ihm nicht sein Verstand die ganze Kleinlichkeit der Tat, die er für

Kühnheit gehalten hatte, warum erblickte er das Gericht in der Gestalt

einer Erscheinung, die doch wie von außen vor ihn hintrat, gleichsam

unabhängig von seinem Geist und Gewissen? Das zu erklären, wäre eine

große psychologische Aufgabe. Doch für ihn, den Verbrecher, war es

natürlich ein Wunder des Herrn. Als Büßer kroch er über die Erde im

Verlangen nach Strafe.

Der andere aber, der Versucher? Von ihm hatte der Büßer nichts gesagt

und wir wissen nicht, was aus ihm geworden ist. Vielleicht kroch auch er

auf den Knien, vielleicht aber ... blieb er im Dorf und lebt dort noch

heute, trinkt und lacht und spottet an den Feiertagen nach wie vor. Die

Erscheinung war ja nicht ihm erschienen! Oder? ... Es wäre doch sehr

wesentlich, näheres auch über ihn zu erfahren, so – als Studienmaterial.

Ja, es wäre wesentlich. Denn man fragt sich doch unwillkürlich: wie

aber, wenn dieser nun der unverfälschte Dorfnihilist war? der

einheimische Verneiner und Denker, der an nichts glaubt, der sich mit

hochmütigem Lächeln ein Versuchsobjekt aussucht, einer, der mit seinem

Opfer weder Mitleid hat noch bei der Ausführung der Tat zittert, sondern

mit kalter Beobachtungslust das Beben und Zittern seines Opfers

verfolgt? einzig aus dem Verlangen heraus, fremde Qualen zu sehen, oder

Menschen in der Erniedrigung, weiß der Teufel – vielleicht sogar zu

einer Art von wissenschaftlicher Erforschung?

Wenn solche Züge sogar schon in unserem Volkscharakter vorhanden sind,

unter den Landleuten – so ist das allerdings eine etwas überraschende

Entdeckung. Früher hat man nie ähnliches vernommen.

Die Bedeutung dieses ganzen Vorfalls liegt darin, daß er nicht von einem

Dichter erdacht ist, sondern daß sich tatsächlich alles so zugetragen

hat: es dürfte wahrlich nicht müßig sein, einmal in die Seele unseres

zeitgenössischen Büßers zu schauen. Unsere Büßer verändern sich schnell.

Dort unten im Volk gärt es seit der Aufhebung der Leibeigenschaft ebenso

wie oben in der Gesellschaft. Der Riese erwacht und dehnt seine Glieder;

vielleicht will er zu toben anfangen, will schrankenlos sich ausleben

... Man sagt, er tue es bereits; man spricht von Räubern und

Verbrechern, von Trunksucht, von betrunkenen Kindern, betrunkenen

Müttern, von Zynismus, von Armut, Unredlichkeit, von Gottlosigkeit ...

Doch erinnern wir uns dieses Büßers und seien wir voll Zuversicht: im

letzten Augenblick wird sich die ganze Lüge – wenn hier wirklich Lüge

ist – aus dem Herzen des Volkes herausreißen, und vor sich wird es eine

überirdische Erscheinung sehen. Dann wird das Volk zu sich kommen und

sich auf seine göttlichen Aufgaben besinnen. Jedenfalls wird es sich

selbst retten, wenn es wirklich bis zum Rande des Verderbens mit ihm

kommen sollte. Sich selbst und auch uns wird es retten, denn wieder sei

es gesagt: das Licht und die Rettung werden von unten kommen.

Mit der Aufhebung der Leibeigenschaft ist in der Tat die Periode Peters

in der Geschichte Rußlands abgeschlossen: nun leben wir in der größten

Ungewißheit ...

Sämtliche Werke 12 · 第 37 / 44 题