Das Milieu

(1873)

Mir scheint, daß das vorherrschende Gefühl aller Richter der Welt, der

unseren aber im besonderen, das Gefühl der Macht sein muß, oder besser

gesagt, der Eigenmacht. Um so bemerkenswerter ist es, daß sie heutzutage

bei uns nie verurteilen, sondern ausnahmslos freisprechen. Freilich ist

auch das ein Beweis ihrer Macht, sogar der Beweis eines übermäßigen

Gebrauches ihrer Macht, jedoch nur in einer, weiß Gott, sentimentalen

Richtung, die aber leider von allen eingehalten wird. Das ist eben das

Auffallende, daß die Manie, um jeden Preis freizusprechen, nicht nur die

Bauern unter den Geschworenen, die gestern noch Leibeigene waren,

ergriffen hat, sondern sogar die Geschworenen aus den höchsten Ständen,

selbst Edelleute und Universitätsprofessoren. Gerade diese Allgemeinheit

der Manie kann einen auf seltsame Gedanken bringen.

Viele erklären sich das damit, daß es ihnen leid täte, ein fremdes

Menschenleben zu vernichten. Das russische Volk sei mitleidig, sagen

sie.

Sonderbar, ich habe immer geglaubt, daß zum Beispiel das englische Volk

auch Mitleid empfindet, und wenn in ihm auch nicht diese, sagen wir,

Weichherzigkeit zu finden ist, so hat es doch jedenfalls auch seine

Menschenliebe. Das Bewußtsein und das Gefühl der christlichen Pflicht

ist bei den Engländern in hohem Maße vorhanden, ist bis zur festen und

selbständigen Überzeugung ausgebildet, vielleicht sogar ausgesprochener

als bei uns, wenn man ihre alte Bildung und Selbständigkeit in Betracht

zieht. Dort ist den Geschworenen die Macht doch nicht so wie den

unsrigen plötzlich vom Himmel in den Schoß gefallen. Auch haben sie das

ganze Geschworenengericht selbst geschaffen, haben es von niemandem

entlehnt, sondern aus dem eigenen Leben in Jahrhunderten ausgearbeitet.

Deshalb weiß dort jeder Geschworene, daß er, sobald er seinen Platz im

Gerichtssaal eingenommen hat, nicht nur ein gefühlvoller Mensch mit

einem guten Herzen ist, sondern in erster Linie Staatsbürger. Er ist

sogar der Meinung (ob er recht hat, ist eine andere Frage), daß die

Erfüllung einer Bürgerpflicht wertvoller ist als die christliche

Herzenstat eines Menschen. Der englische Geschworene weiß, daß er im

Gerichtssaal aufhört, eine Privatperson zu sein, daß er dort nur der

Vertreter der öffentlichen Meinung seines Landes ist und die Fahne

Englands hochzuhalten hat. Die Fähigkeit, ein Staatsbürger zu sein, ist

doch nichts anderes, als die Fähigkeit, in sich den Vertreter seines

ganzen Landes zu sehen. Auch in England kennt man Nachsicht im Urteil,

auch dort berücksichtigt man das „zersetzende Milieu“ (das bei uns jetzt

so beliebte Schlagwort), aber es geschieht das doch nur bis zu einer

gewissen Grenze, nur soweit es die gesunde Vernunft des Landes zuläßt.

Deshalb wird im alten England das Laster nicht Tugend genannt, sondern

bleibt Laster und das Verbrechen – Verbrechen, und die sittliche

Grundlage des Landes bleibt deshalb nicht minder fest bestehen.

Hier höre ich eine Stimme einwenden: „Aber woher soll es denn auch bei

uns Bürger geben? bedenken Sie doch nur, was wir noch gestern waren!

Unsere Bürgerrechte (und dazu noch was für welche!), die haben uns doch,

unvorbereitet wie wir waren, einfach überfallen und ruhen nun auf uns

wie eine Last, die uns fast erdrückt!“

„Freilich, in Ihrer Bemerkung liegt schon etwas Wahres, aber

andererseits, das russische Volk ...“

„Das russische Volk?“ unterbricht mich eine andere Stimme. „Aber,

erlauben Sie, wer kennt von uns denn das russische Volk? Ich glaube, daß

hier nicht nur Weichherzigkeit freispricht, sondern das Grauen vor der

Macht selbst! Diese plötzliche furchtbare Macht über ein

Menschenschicksal hat uns erschreckt, und bevor wir uns zu Ihren

englischen Bürgern ausbilden, sprechen wir eben vorläufig frei. Aus

Angst sprechen wir frei. Unsere Geschworenen denken vielleicht bei sich:

‚Sind wir denn besser als der Angeklagte? Wir sind reich und

sichergestellt, aber wenn wir in seiner Lage gewesen wären, wer weiß, ob

wir nicht noch Schlimmeres getan hätten als er?‘ – und deshalb sprechen

sie frei. Aber das ist vielleicht doch ein Wert, vielleicht ein

Unterpfand eines höheren Christentums der Zukunft, eines geistigen

Ausdrucks, wie die Welt bisher noch keinen ähnlichen gekannt hat!“

Dieser Gedanke wäre allerdings beruhigend, aber ... weshalb hat denn

unser Volk dieses Grauen vor der Macht? Spricht es frei, weil es sich

vor dem Mitleid mit dem Verurteilten, vor dem Schmerz des Mitleids

fürchtet? – Nun, so nehme man doch den Schmerz auf sich. Die Wahrheit

steht höher als Mitleid.

Allerdings, wenn wir uns mitunter wirklich selbst für schlechter halten

als den Verbrecher, so geben wir doch damit zu, daß wir zur Hälfte an

seinem Verbrechen mit schuld sind. Denn wir sagen uns, wenn wir selbst

besser wären, so würde auch er besser sein und jetzt nicht als

Angeklagter vor uns stehen ...

Aber muß man ihn deshalb freisprechen?

Nein, im Gegenteil: gerade deshalb muß man die Wahrheit aussprechen und

das Böse – das Böse nennen, doch die Hälfte der Last des Urteils auf

sich nehmen. Wir müssen den Gerichtssaal mit dem Gedanken betreten, daß

auch uns Schuld trifft, und eben dieser Schmerz des Mitleids, den jetzt

alle so fürchten und mit dem wir den Saal nach einer Verurteilung

verlassen, wird unsere Strafe sein. Wenn dieser Schmerz echt und tief

ist, so wird er uns besser machen, und nur wenn wir selbst besser

werden, machen wir das Milieu besser. Das ist es ja, daß man überhaupt

nur auf diese Weise das Milieu verbessern kann. Aber so aus Angst vor

dem eigenen Mitgefühl freisprechen – das ist nicht schwer, nur käme man

auf diesem Wege bald zu der Folgerung, daß es Verbrechen überhaupt nicht

gebe, sondern an allem bloß das Milieu schuld sei, und schließlich –

wenn wir folgerichtig weitergehen –, daß Verbrechen sogar Pflicht sei,

oder doch ein edler Protest gegen die herrschende Ungerechtigkeit. Dazu

führt die Lehre vom Milieu, im Gegensatz zur christlichen Lehre, die,

obgleich sie den Einfluß des Milieus durchaus anerkennt und

Barmherzigkeit predigt, dennoch den Kampf gegen das Milieu als sittliche

Pflicht des Menschen aufstellt und dabei scharf abgrenzt, wo das Milieu

aufhört und die Pflicht anfängt.

Indem das Christentum den Menschen verantwortlich macht, erkennt es

seine Freiheit an. Wenn man den Menschen von jedem Fehler der

gesellschaftlichen Einrichtung für abhängig erklärt, wie es die Lehre

vom Milieu tut, so führt man den Menschen zur vollständigen

Unpersönlichkeit und entbindet ihn von jeder persönlichen sittlichen

Pflicht, von jeder Selbständigkeit, und bringt ihn somit in die größte

Knechtschaft, die man sich nur denken kann.

„Ja, aber,“ höre ich jemandes ironische Stimme einwenden, „glauben Sie

denn, daß diese freisprechenden zwölf Geschworenen, die mitunter

ausnahmslos Bauern sind, auch nur eine Ahnung von Ihrer neuesten

Milieutheorie haben, die Sie ihnen da unterschieben?“

„Hm, ja ... freilich, wie sollten sie dazu kommen, d. h. alle die Vielen

... Aber Ideen ... Ideen liegen doch in der Luft, Ideen sind doch

ansteckend ...“

„Na, das fehlte noch!“ lacht die ironische Stimme.

„Aber wie ... wenn gerade unser Volk ganz besonders zur Lehre vom Milieu

neigte, schon seinem Wesen nach, sagen wir meinetwegen infolge seiner

slawischen Veranlagung? Wie, wenn gerade unser Volk das beste Material

für gewisse europäische Propaganda wäre?“

Die höhnische Stimme lacht noch lauter, aber das Lachen klingt etwas

gezwungen.

* * * * *

Nein, es scheint mir doch, daß es sich hier vorläufig nicht um eine

„Philosophie des Milieus“ handelt.

Es ist wahr, schon seit Jahrhunderten nennt unser Volk die Verurteilten

„Unglückliche“. Was will es damit ausdrücken? – die christliche

Auffassung oder die Auffassung des Milieus? Hier liegt der springende

Punkt, gerade hier konnte die Propaganda mit Erfolg einsetzen!

Es gibt unausgesprochene, unbewußte und nur intensiv gefühlte Ideen, die

mit der Menschenseele gleichsam verwachsen sind. Sie existieren sowohl

im einzelnen Volk, wie in der ganzen Menschheit. Solange diese Ideen

noch unbewußt dem Volksleben zugrunde liegen und erst nur stark und

sicher empfunden werden, nur so lange kann das Volk ein starkes und

lebendiges Leben führen. Im Bestreben, diese in sich verborgenen Ideen

zum Ausdruck zu bringen, liegt die ganze Energie seines Lebens. Je

unerschütterlicher das Volk seine Idee bewahrt, je weniger es fähig ist,

von seinem anfänglichen Gefühl abzuweichen, je weniger es geneigt ist,

sich falschen Deutungen dieser Idee hinzugeben, um so kraftvoller und

glücklicher wird es sein.

Ein Teil der Idee des russischen Volkes kommt nun zweifellos in der

Tatsache zum Ausdruck, daß es die Verbrecher „Unglückliche“ nennt. Kein

europäisches Volk hat je etwas Ähnliches geäußert, erst jetzt beginnen

in Europa einzelne Philosophen für diese Auffassung einzutreten; unser

Volk aber hat sie schon vor Jahrhunderten ausgesprochen. Doch daraus

folgt noch nicht, daß es nicht durch eine falsche Auslegung dieser Idee

irregeführt werden könnte, wenigstens zeitweilig.

Meiner Ansicht nach will das russische Volk mit der Bezeichnung

„Unglückliche“ den Verbrechern sagen: „Ihr habt gesündigt und büßt

dafür, aber auch wir sind Sünder. Wären wir besser, so würdet ihr

vielleicht nicht in den Gefängnissen sitzen. Mit der Strafe für eure

Verbrechen tragt ihr auch die Last der allgemeinen Ungerechtigkeit.

Betet für uns, wie wir für euch beten, und nehmt unser Almosen, das wir

euch geben, damit ihr seht und wißt, daß wir euer gedenken und unsere

brüderlichen Bande mit euch nicht zerrissen haben.“ Doch niemals hat das

Volk deshalb aufgehört, einen Verbrecher für schuldig zu halten. Es wäre

auch das größte Unglück für uns, wenn das Volk dem Verbrecher sagen

würde: „Du bist unschuldig, denn es gibt kein Verbrechen.“ Und daß das

Volk noch so denkt, das ist unsere Hoffnung, ist der Grund, weshalb wir

unseren Glauben an unsere Zukunft nicht aufzugeben brauchen.

Ich habe im Zuchthaus unter vielen Verbrechern gelebt, doch habe ich

unter ihnen nicht einen gesehen, der sich nicht selbst für einen

Verbrecher gehalten hätte. Niemand sprach von seinem Verbrechen. Niemand

murrte wider seine Strafe. Wenn einmal ein Neuling mit seiner

verbrecherischen Tat prahlen wollte, so erteilten ihm alle Sträflinge

einstimmig einen barschen Verweis. Man sprach einfach nicht von seinem

Verbrechen. Doch sicherlich gab es nicht Einen unter ihnen, dem eine

lange Zeit seelischen Leidens, reinigender und aufrichtender Reue

erspart geblieben war. Ich habe sie einsam grübeln, habe sie in der

Kirche beten gesehn, habe manches vielverratende Wort gehört und

erinnere mich noch des Ausdrucks ihrer Gesichter, – oh, man glaube mir,

da war nicht einer unter ihnen, der sich in seiner Seele schuldlos

gefühlt hätte!

Ich möchte nicht, daß meine Worte als Ausdruck von Grausamkeit aufgefaßt

werden, wenn ich behaupte, daß nur durch strenge Bestrafung, durch

Gefängnis und Zwangsarbeit die Hälfte aller Verbrecher gerettet werden

kann. Die Strafe bedrückt nicht, wie man meint, sondern erleichtert.

Selbstreinigung durch Leid ist leichter, leichter als das Los, welches

man ihnen bereitet, wenn man sie vollkommen freispricht. Man nimmt ihnen

damit nur die Möglichkeit, sich zu bessern, und pflanzt in ihre Seele

Zynismus, läßt in ihnen eine verfängliche Frage offen und ruft ihren

Spott über die Richter hervor. Man erreicht damit nur, daß der

Verbrecher selbst irre wird an den Dingen. „Freilich,“ wird er sich

sagen, „sie haben ja recht mit dem Freispruch; wenn ich in Not war, wie

sollte ich da nicht stehlen?“ Die Hauptsache aber ist, daß dadurch der

Glaube an die Gerechtigkeit und die Volkswahrheit erschüttert wird.

In den letzten Jahren, die ich im Auslande verbrachte, hat mir oft das

Herz geschmerzt, wenn ich dort unsere Emigranten und Absentisten sah,

deren Kinder die Muttersprache kaum verstanden oder schon verlernt

hatten. Aber bisweilen, wenn ich den Lesesaal nach der Lektüre unserer

Zeitungen verließ, konnte ich – bei Gott, meine Herren – unsere

Absentisten verstehen. Mein Herz krampfte sich zusammen, wenn ich las,

wie das in Rußland neueingeführte Geschworenengericht sich „bewährte“!

Es wurde nur freigesprochen – eine Frau, die ihren Mann erschossen, ein

Jüngling, der die Kasse bestohlen, um seine Geliebte zu bezahlen, ein

Bauer, der sein Weib solange und so grausam mißhandelt hatte, bis das

Weib sich erhängte – kurz, sie wurden alle für unschuldig erklärt. Und

wenn das noch wenigstens Menschen gewesen wären, die ein besonderes

Mitleid oder Nachsicht verdient hätten! Aber nein!! Deshalb konnte ich

mir auch den Grund des Freispruchs nie erklären. Der Eindruck war

bedrückend, nahezu beleidigend. In diesen bösen Augenblicken erschien

mir Rußland bisweilen wie ein Sumpf, ein Moor, auf dem sich’s jemand hat

einfallen lassen, einen Palast zu bauen. Von oben gesehen ist der Boden

scheinbar fest und glatt, in Wirklichkeit aber ist er wie ein Brei.

Tritt man auf ihn, so versinkt man in eine bodenlose Tiefe. Ich machte

mir heftige Vorwürfe wegen meines Kleinmuts und tröstete mich damit, daß

ich mich als Kritiker aus der Ferne immerhin täuschen konnte.

Doch jetzt bin ich wieder in Rußland ...

„Ja, sprechen sie überhaupt aus Mitleid frei?“ – das ist nun die Frage!

Lachen sie nicht darüber, daß ich ihr eine solche Bedeutung zuschreibe.

„Mitleid“ ist doch immerhin noch irgendwie zu erklären, es läßt

wenigstens die eine oder andere Deutung zu. Wenn es aber nun nicht

Mitleid ist?

Dann steht man wie vor einer Finsternis, in der irgendein Wahnsinniger

lebt.

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