Selbstmord und Unsterblichkeit

(1876)

„... In der Tat: welch ein Recht hatte diese Natur, mich in die Welt zu

setzen, infolge dort irgendwelcher ewigen Naturgesetze? Ich bin mit

Erkenntnisfähigkeit erschaffen und habe diese Natur _erkannt_: welches

Recht hatte sie, mich ohne meinen Wunsch und Willen erkenntnisfähig zu

erschaffen? Erkennend, folglich leidend, ich aber will nicht leiden –

denn warum sollte ich einwilligen zu leiden? Die Natur spricht zu mir

durch meine Erkenntnis von einer gewissen Harmonie innerhalb des Ganzen.

Die menschliche Erkenntnis hat aus dieser Verkündung Religionen gemacht.

Sie sagt mir, daß ich – obschon ich genau weiß, daß ich an der ‚Harmonie

des Ganzen‘ nicht mitwirken kann und auch niemals mitwirken werde, ja

überhaupt nicht begreifen werde, was sie denn nun eigentlich ist und

bedeutet – sagt mir, daß ich mich aber dennoch dieser Verkündung

unterwerfen, mich bescheiden, das Leid im Hinblick auf die Harmonie des

Ganzen auf mich nehmen und zu leben einwilligen soll. Wenn man dagegen

selbst und bewußt wählen könnte, so würde ich doch selbstverständlich

lieber nur in dem kurzen Augenblick, den mein Leben währt, d. h. solange

_ich_ existiere, glücklich sein wollen, da doch das Ganze und seine

Harmonie mich absolut nichts angehen, sobald ich aufhöre zu sein –

gleichviel ob dieses Ganze nach meinem Tode mit seiner Harmonie erhalten

bleibt oder ob es gleichzeitig mit mir zu existieren aufhört. Und wozu

sollte ich mich so um seine Erhaltung nach meinem Tode sorgen? – das ist

die Frage! Da wäre es doch besser, ich wäre wie alle Tiere erschaffen,

d. h. lebend, jedoch ohne vernunftgemäße Erkenntnis – meine Erkenntnis

ist ja nicht Harmonie, sondern ist Disharmonie, denn ich bin mit ihr

unglücklich. Man betrachte nur einmal daraufhin die Menschen: wer ist

denn glücklich in der Welt und was für Leute sind es denn, die

_widerspruchslos_ leben? – Gerade diejenigen, die den Tieren ähneln, die

infolge der geringen Entwicklung ihres Bewußtseins dem Tier am nächsten

stehen. Sie willigen gern ein, zu leben, aber gerade unter der

Bedingung, wie Tiere zu leben, nämlich fürs Essen, Trinken, Schlafen,

Nesterbauen und Kinder-in-die-Welt-Setzen. Essen, Trinken und Schlafen

nach Menschenart heißt im allgemeinen erwerben und rauben, ein Nest

einrichten aber schon unbedingt rauben. Man wird vielleicht einwenden,

daß man sein Nest auch auf vernünftigen, wissenschaftlich einwandfreien

sozialen Prinzipien aufbauen könne und durchaus nicht zu rauben brauche,

wie es bisher der Fall war. Möglich, aber ich frage: ‚wozu? Wozu

erwerben und bauen und sich soviel Mühe geben, um sich in der

Gesellschaft der Menschen richtig, um sich vernünftig und sittlich, kurz

– gerecht einzurichten?‘ Darauf vermag mir natürlich niemand eine

Antwort zu geben. Alles, was man mir darauf antworten könnte, wäre: ‚um

sich Genuß zu verschaffen.‘ Ja, wenn ich eine Blume oder eine Kuh wäre,

dann gäbe es für mich vielleicht auch einen Genuß. Indem ich mir aber,

wie jetzt, unaufhörlich Fragen vorlege, kann ich nicht glücklich sein,

nicht einmal im höchsten und _unmittelbarsten_ Glück der Liebe zum

Nächsten und der Liebe der Menschheit zu mir, denn ich weiß, daß morgen

schon alles dieses nicht mehr sein wird, sowohl ich wie dieses ganze

Glück und die ganze Liebe und die ganze Menschheit – daß wir uns in ein

Nichts verwandeln werden oder wieder in das anfängliche Urchaos. Unter

einer solchen Bedingung aber kann ich um keinen Preis ein Glück annehmen

– nicht aus Unlust, es anzunehmen, nicht aus Eigensinn um eines Prinzips

willen, sondern einfach deshalb, weil ich weder glücklich sein kann noch

werde, solange ich weiß, daß mich morgen das Nichtsein erwartet. Das ist

eben eine Gefühlssache, ein ganz unmittelbares Gefühl, das ich nicht

bewältigen kann. Nun gut, wenn ich allein sterben, und wenn dafür die

Menschheit an meiner Statt ewig weiterleben würde, dann wäre ich

vielleicht immerhin getröstet. Aber unser Planet ist doch nicht ewig und

die Lebensdauer der ganzen Menschheit ist im Verhältnis zur Ewigkeit

genau solch ein Augenblick wie mein Einzelleben. Und wie vernünftig, wie

herrlich, wie gerecht und heilig die Menschheit auf Erden sich auch

immer einrichtete – es wird morgen doch alles dieselbe Null sein. Und

wenn das auch alles da aus irgendeinem Grunde notwendig ist, infolge

irgendwelcher allmächtiger, ewiger und toter Naturgesetze, so ist doch,

ich versichere Sie, in diesem Gedanken eine gewisse allertiefste

Nichtachtung der Menschheit enthalten, die für mich tief beleidigend und

um so unerträglicher ist, als es hier keinen Schuldigen gibt.

„Und schließlich, wenn man dieses Märchen von der endlich mal nach

vernünftigen und wissenschaftlichen Grundsätzen eingerichteten

Menschheit auf Erden als möglich annimmt und an seine dereinstige

Verwirklichung glaubt, d. h. an das zukünftige Menschenglück auf Erden

glaubt – so ist doch schon der bloße Gedanke, daß die Natur infolge

irgendwelcher ihrer trägen Gesetze es nötig hatte, den Menschen

Jahrtausende zu quälen, bevor sie ihn zu diesem Glück brachte, schon

unerträglich und empörend. Jetzt füge man noch hinzu, daß dieselbe

Natur, die dem Menschen endlich einmal ein Glück gewährt, all das morgen

schon aus irgendeinem Grunde in eine Null verwandeln muß, ungeachtet

aller Leiden, mit denen die Menschheit für dieses Glück gezahlt hat, und

ohne mir und meiner Erkenntnis das zu verbergen, wie sie es einer Kuh

verbirgt, – so kommt einem unwillkürlich ein äußerst spaßiger, aber auch

unerträglich trauriger Gedanke: ‚Nun, wie, wenn der Mensch nur als ein

unverschämter Versuch in die Welt gesetzt worden ist, nur um zu sehen,

ob sich ein solches Wesen auf der Erde einleben kann oder nicht?‘ Das

Traurige dieses Gedankens besteht hauptsächlich darin, daß es wiederum

keinen Schuldigen gibt, es ist niemand da, der den Versuch anstellt,

somit kann man niemanden verfluchen, denn es ist alles infolge toter

Naturgesetze entstanden, die für mich vollkommen unbegreiflich sind und

mit denen sich meine Erkenntnis unter keinen Umständen abfinden kann.

_Ergo:_

„Da ich auf meine Fragen nach dem Glück durch meine eigene Erkenntnis

von der Natur nur die Antwort erhalte, daß ich nicht anders als einzig

in der Harmonie des Ganzen glücklich sein kann, ich aber diese Harmonie

nicht verstehe und offenbar niemals zu verstehen imstande sein werde –

„Da die Natur mir nicht nur nicht das Recht abspricht, von ihr

Rechenschaft zu fordern, sondern mir sogar überhaupt nicht antwortet –

und das nicht deshalb, weil sie etwa nicht antworten will, sondern

deshalb, weil sie nicht antworten kann –

„Da ich mich überzeugt habe, daß die Natur mir zum Beantworten meiner

Fragen (mir unbewußt) _mich selber_ bestimmt hat, und mir auf meine

Fragen durch eine eigene Erkenntnis antwortet (denn ich sage mir das

doch alles selbst) –

„Da ich bei einer solchen Einrichtung die Rolle sowohl des Klägers wie

des Beklagten, des Richters wie des Angeklagten gleichzeitig auf mich

nehme, diese Komödie von seiten der Natur aber so dumm finde und diese

Komödie zu ertragen meinerseits sogar für erniedrigend halte –

„So verurteile ich in meiner fraglosen Eigenschaft als Richter und

Kläger und Beklagter diese Natur, die mich so zeremonielos und

unverschämt zum Leiden erschaffen hat – mit mir zusammen zur Vernichtung

... Da ich aber die Natur nicht vernichten kann, so vernichte ich mich

allein, einzig weil es mich langweilt, eine Tyrannei zu ertragen, bei

der es keinen Schuldigen gibt.“

* * * * *

Die Oktober-Nummer meines „Tagebuchs“ enthielt diese Beichte eines

Selbstmörders, sein letztes Wort vor dem Tode, das er zur Rechtfertigung

seiner Tat und vielleicht auch zur „Erbauung“ niedergeschrieben hatte.

Einige meiner Freunde, deren Kritik ich sehr schätze, äußerten sich

durchaus beifällig über diesen kleinen Aufsatz und meinten, es sei in

ihm tatsächlich die Formel für diese Art Selbstmörder gefunden, ihr

Wesen, ihr Gedankengang sei vollkommen klar ausgedrückt ... Nur eines

flößte ihnen Bedenken ein: ob auch jeder Leser den Aufsatz richtig

verstehen werde, oder ob man nicht eher das Gegenteil herauslesen könne?

Auch ich hatte das schon während des Schreibens befürchtet, aber ich

schämte mich, offen gestanden, in meinem Leser so viel Naivität

vorauszusetzen, daß er die Absicht des Aufsatzes nicht durchschauen

könne, da sie meines Erachtens doch so greifbar ersichtlich war. Leider

war das ein Irrtum von mir. Denn kaum war diese Nummer des Tagebuchs

erschienen, als ich sowohl schriftlich wie mündlich von Fremden und von

Bekannten gefragt wurde, was dieser Aufsatz eigentlich zu bedeuten habe?

„Was wollen Sie damit gesagt haben? Ist es möglich, daß Sie den

Selbstmord verteidigen?“ lauteten die Fragen. Und nun erhielt ich noch

aus Moskau die letzte Nummer einer Wochenschrift zugesandt, die eine mit

„N. P.“ unterzeichnete, man kann sagen, „höflich schmähende“ Kritik

meines kleinen Aufsatzes enthielt.

Als ich diese Kritik gelesen hatte, verlor ich nahezu allen Mut. Mein

Gott, habe ich denn viele solcher Leser, und glaubt denn dieser Herr N.

P., der da behauptet, mein Selbstmörder verdiene nicht das geringste

Mitleid, daß ich ihm diesen Selbstmörder zum „bemitleiden“ vorgestellt

habe? Die persönliche Auffassung des Herrn N. P. ist für mich natürlich

nicht von solcher Bedeutung, daß ich sie widerlegen müßte, obschon Herr

N. P. ein Typ zu sein scheint und wohl eine ganze Schar Gleichgesinnter

hinter ihm steht – er ist nämlich der Typ einer ganz besonderen

„unverfrorenen“ und radikalen Menschensorte, ist der Vertreter eben der

„gußeisernen Begriffe“, von denen er in seiner Kritik ausgeht. Wenn ich

trotzdem meinem vor zwei Monaten erschienenen Aufsatz eine Erklärung

folgen lasse, so geschieht dies nicht wegen der Kritik des Herrn N. P.,

sondern weil ich schon vorher beschlossen hatte, es zu tun, – ich war ja

bereits, und nur zu bald belehrt worden, daß ich meinen Gedanken noch

erläutern und sogar breittreten mußte.

* * * * *

Meine Studie über den Selbstmörder bezieht sich auf die älteste und

höchste Idee des Menschen: auf die Notwendigkeit des Glaubens an die

Unsterblichkeit der Seele. Der Folgeschluß aus der Beichte dieses

Selbstmörders, der durch „logischen Selbstmord“ umkommt, sollte sein:

daß das Leben des Menschen ohne Glauben an seine Seele und ihre

Unsterblichkeit unnatürlich, undenkbar und unerträglich ist. Und es

schien mir allerdings, daß ich die Formel des logischen Selbstmörders

gefunden und klar ausgedrückt hatte.

Der Glaube an die Unsterblichkeit ist für diesen Selbstmörder nicht

vorhanden, was er gleich zu Anfang vorausschickt. Die Überzeugung von

der Zwecklosigkeit seines Lebens und die Empörung über die Stummheit des

ihn umgebenden Weltalls führen ihn allmählich und unvermeidlich zu der

Überzeugung von der vollständigen Sinnlosigkeit des menschlichen Daseins

auf Erden. Es ist für ihn hiernach sonnenklar, daß nur diejenigen

Menschen, die den Tieren am nächsten stehen, infolge der geringen

Entwicklung ihres Bewußtseins und der großen Entwicklung ihrer rein

physischen Bedürfnisse, _einwilligen_ können, dieses Leben anzunehmen.

Oh, er weiß, daß dieses rein körperliche Leben, essen, trinken,

schlafen, Kinderzeugen und im Warmen sitzen, den Menschen noch lange an

die Erde fesseln wird, wenn auch nicht in seinen höheren Typen. Dabei

sind es aber gerade diese höheren Typen, die auf Erden herrschen und

immer geherrscht haben, und denen, wenn die Zeit erfüllt war, die

Millionen der anderen Menschen zu folgen pflegten. Was ist das nun,

dieses höhere Wort und der höhere Gedanke? Dieses Wort, dieser Gedanke

(ohne die das Leben der Menschheit undenkbar ist) wird sehr oft von ganz

armen, unbeachteten, und sogar sehr oft verfolgten, in der Verbannung

umgekommenen oder in Unbekanntheit dahingehenden Menschen zum erstenmal

ausgesprochen. Doch der Gedanke selbst, das einmal von ihnen

ausgesprochene Wort – die sterben nicht mit ihnen, sie verschwinden

niemals spurlos und können auch gar nicht verschwinden, sobald sie

einmal ausgesprochen sind ... Das aber ist fast das Erstaunlichste an

der Menschheit! Der Gedanke eines Genies hat schon in der folgenden

Generation oder in zwei bis drei Jahrzehnten alle und alles erfaßt und

reißt alle und alles mit sich fort – und das Ergebnis ist, daß nicht die

Millionen Menschen und nicht die anscheinend so unerschütterlichen und

mächtigen materiellen Kräfte, nicht das Geld, nicht das Schwert, nicht

die Gewalt, sondern der anfangs so unbeachtete Gedanke irgendeines

äußerlich oft ganz unansehnlichen Menschen bleibt und herrscht. Herr N.

P. schreibt in seiner Kritik, die Veröffentlichung einer solchen

„Beichte“ in meinem Tagebuch sei ein „lächerlicher und bedauernswerter

Anachronismus“ ... denn heute lebten wir „im Jahrhundert der gußeisernen

Begriffe, im Jahrhundert der positiven Anschauungen, in einem

Jahrhundert, dessen Parole lautet: leben um jeden Preis! ...“ (Sehr

möglich! Das ist dann wohl auch der Grund, weshalb heutzutage die

Selbstmorde unter den Intelligenten so häufig sind.) Ich kann aber dem

verehrten Herrn N. P. und allen seinesgleichen versichern, daß dieses

„Gußeisen“ sich vor mancher Idee, wie belanglos diese den Herren der

„gußeisernen Begriffe“ anfangs auch erscheinen mag, wenn die Zeit kommt,

in Staub verwandelt! Für mich persönlich ist eine der größten

Befürchtungen für unsere Zukunft, und zwar schon für unsere nächste

Zukunft, die Tatsache, daß einer besonderen, seltsamen ... nun sagen

wir, Vorherbestimmung zufolge in einem großen, allzu großen Teil der

russischen Intelligenz sich vollständiger Unglaube an die eigene Seele

und ihre Unsterblichkeit zu verbreiten scheint, und zwar, wie mich

dünkt, mit einer progressiv zunehmenden Schnelligkeit. Und nicht nur,

daß dieser Unglaube sich aus Überzeugung ausbreiten wird (Überzeugung

ist bei uns noch sehr wenig vorhanden), er äußert sich vielmehr, und

zwar schon heute, in einem gewissen Indifferentismus zu der höchsten

Idee des Menschseins, – in einem (bisweilen fast spöttischen und weiß

Gott woher und nach welchen Gesetzen sich bei uns entwickelnden)

Indifferentismus nicht nur zu dieser Idee, sondern überhaupt zu allem,

was Leben ist, zur ganzen Lebenswahrheit, zu allem, was Leben gibt und

nährt, was das Leben gesund erhält und der Fäulnis und Auflösung

entgegenwirkt. Dieser Indifferentismus ist in unserer Zeit fast zu einer

russischen Besonderheit geworden – im Vergleich mit den anderen

europäischen Nationen. Er ist längst in die Familien der russischen

Intelligenz eingedrungen und hat sie fast vollständig zerstört. Ohne

eine höhere Idee aber kann weder ein Mensch noch eine Nation in der Welt

bestehen. Auf Erden jedoch gibt es _nur eine_ höhere Idee, und die ist:

die Idee der Unsterblichkeit der Menschenseele – denn die übrigen

„höheren“ Lebensideen haben alle ihren Ursprung _nur in dieser einzigen

Idee_. Hierüber kann man mit mir streiten (d. h. über diese Einheit der

Quelle alles Höheren auf Erden), doch ich übergehe das vorläufig und

spreche meine Idee aus, ohne sie zu begründen. In kurzen Worten läßt

sich nicht alles sagen, nach und nach kann man es besser erklären. Wir

haben ja noch Zeit vor uns.

Mein Selbstmörder nun ist ein leidenschaftlicher Verfechter seiner Idee,

d. h. der Notwendigkeit des Selbstmords, und nicht etwa ein

indifferenter, nicht etwa ein „gußeiserner“ Herr. Er leidet, er quält

sich tatsächlich, – wie mir scheint, habe ich das unmißverständlich

ausgedrückt! Es ist für ihn nur zu ersichtlich, daß er nicht leben kann,

und er weiß nur zu gut, daß er recht hat und daß es unmöglich ist, ihn

zu widerlegen. Vor ihm stehen unbesiegbar die höchsten, die ersten

Fragen: wozu soll der Mensch noch leben, wenn er bereits erkannt hat,

daß tierisch zu leben für einen Menschen widerlich ist? unnatürlich, so

zwecklos wie unzureichend? Was könnte ihn in solchem Fall da noch an die

Erde fesseln? – Auf diese Fragen kann er keine Antwort erhalten, und das

weiß er, denn wenn er auch erkannt hat, daß es, wie er sich ausdrückt,

„eine Harmonie des Ganzen“ gibt, so sagt er sich doch, daß er sie nicht

verstehen kann und niemals imstande sein wird, sie zu verstehen, und daß

er nie an ihr teilnehmen werde. Gerade diese Klarheit ist es, die ihn

umbringt. Wo liegt nun der Fehler, worin hat er sich geirrt? Der Fehler,

meine ich, liegt einzig in dem Verlust des Glaubens an die

Unsterblichkeit.

Doch er sucht ja selbst glühend (d. h. er suchte, als er noch lebte, und

suchte mit Pein) nach Versöhnung. Er wollte sie in der Liebe zur ganzen

Menschheit finden. „Wenn nicht ich, so könnte doch die Menschheit

glücklich sein und irgendeinmal die Harmonie erreichen: dieser Gedanke

könnte mich auf Erden zurückhalten,“ sagt er, und verrät sich. Denn dies

ist doch wohl kein kleinlicher Gedanke, sondern verrät Großmut und

Opferbereitschaft. Aber die unwiderlegbare Überzeugung, daß das Leben

der ganzen Menschheit im Grunde genau solch ein Augenblick ist wie sein

eigenes, und daß schon am nächsten Tage nach dem Eintritt der „Harmonie“

(wenn man an die Möglichkeit der Verwirklichung dieses Traumes überhaupt

glaubt) die Menschheit sich genau so wie er in ein Nichts auflösen

werde, kraft träger Naturgesetze, und noch dazu nach soviel Leid und

Qual, die die Menschheit zur Verwirklichung dieses Traumes ausgestanden

hat – dieser Gedanke bringt ihn um die letzte Versöhnungsmöglichkeit,

denn sein Geist empört sich dagegen, empört sich gerade aus Liebe zur

Menschheit. Er fühlt sich gekränkt für die ganze Menschheit, und dem

Gesetz der Reflexion der Ideen zufolge – tötet das in ihm diese seine

Liebe zur Menschheit. So geschieht es in Familien, die vor dem

Hungertode stehn, daß die Eltern ihre Kinder, diese von ihnen am meisten

geliebten Wesen, zu hassen anfangen, wenn die Qual dieser Kinder zu

unerträglich wird – eben wegen der _Unerträglichkeit_ ihrer Qualen. Ja

ich behaupte sogar, daß die Erkenntnis ihrer vollkommenen

Machtlosigkeit, ihrer Unfähigkeit, der leidenden Menschheit zu helfen,

ihre Schmerzen, wenn auch nur ein wenig, zu lindern, während sie doch

gleichzeitig von ihrem Leiden überzeugt sind, _im Herzen der Menschen

die Liebe zur Menschheit in Haß verwandeln kann_. Die Herren der

„gußeisernen Ideen“ werden das natürlich nicht glauben und natürlich

auch gar nicht verstehen: für sie ist die Liebe zur Menschheit und deren

Glück etwas so Wohlfeiles, da ist alles so billig und so bequem

eingerichtet, so althergebracht, schon zu Urväterzeiten eingeführt und

niedergeschrieben, daß es sich ihrer Meinung nach überhaupt nicht lohnt,

darüber besonders nachzudenken. Doch ich hätte Lust, diese Herren noch

ein wenig zu erheitern: daher behaupte ich denn (_vorläufig_ wieder ohne

zu begründen), daß die Liebe zur Menschheit sogar vollkommen undenkbar,

unverständlich und _unmöglich_ ist, _ohne den Glauben an die

Unsterblichkeit der Menschenseele_. Diejenigen aber, die dem Menschen

den Glauben an seine Unsterblichkeit nehmen und diesen Glauben durch die

„Liebe zur Menschheit“ – im Sinne eines höheren Lebenszweckes – ersetzen

wollen, die, sage ich, erheben ihre Hand gegen sich selbst; denn anstatt

der Liebe zur Menschheit pflanzen sie in das Herz dessen, der den

Glauben verloren hat, nur den Keim des Menschenhasses. Mögen die Weisen

der gußeisernen Ideen über meine Behauptung meinetwegen die Achsel

zucken! Dieser Gedanke ist weiser als ihre Weisheit, und ich glaube ohne

zu zweifeln, daß er in der Menschheit einmal zu einer Aktion werden

wird, obschon ich auch dieses ohne Begründungen ausspreche.

Ja ich behaupte sogar und wage auszusprechen: daß die Liebe zur

Menschheit im _allgemeinen_ und _als Idee_ eine der für den

Menschenverstand unfaßlichsten Ideen ist. Gerade _als Idee_! Nur das

Gefühl kann sie rechtfertigen. Doch dieses Gefühl ist eben nur mit der

gleichzeitigen Überzeugung von der Unsterblichkeit der Menschenseele

möglich. (Auch dies ohne Begründungen.)

Das Ergebnis ist klar: daß der Selbstmord nach dem Verlust der

Unsterblichkeitsidee zur unvermeidlichen, bedingungslosen Notwendigkeit

für jeden Menschen wird, der in seiner Entwicklung auch nur ein wenig

über dem Tier steht. Die Unsterblichkeit dagegen, die ein ewiges Leben

verheißt, verbindet den Menschen um so mehr, um so fester mit der Erde.

Hierin liegt scheinbar ein Widerspruch: wenn das Leben so lang ist, wenn

es außer dem Leben hier auf Erden noch ein ewiges gibt, weshalb sollte

einem dies Erdenleben dann noch so teuer sein? Das Ergebnis jedenfalls

ist, daß der Mensch nur durch den Glauben an seine Unsterblichkeit

seinen vernünftigen Zweck auf Erden erfaßt. Ohne Überzeugung von seiner

Unsterblichkeit, lösen sich die den Menschen mit der Erde verbindenden

Fäden, sie werden dünner und fangen an zu faulen, und der Verlust eines

höheren Lebenssinnes (mag dieser auch nur in der Form einer ganz

unbewußten Sehnsucht sich äußern) zieht zweifellos den Selbstmord nach

sich. Hieraus folgt umgekehrt die Moral meines Aufsatzes: „Wenn die

Überzeugung von der Unsterblichkeit für das Menschenleben so

unentbehrlich ist, so ist sie folglich auch der normale Zustand der

Menschheit ... Wenn dem aber so ist, dann muß diese Unsterblichkeit der

Menschenseele _zweifellos auch vorhanden sein_.“

Mit einem Wort, die Unsterblichkeitsidee – das ist das Leben selbst, das

lebendige Leben, seine endgültige Formel und der Hauptquell der Wahrheit

und der richtigen Erkenntnis für die Menschheit. Das war und das ist der

Sinn meines Aufsatzes, und ich nahm an, daß ein jeder, der ihn gelesen,

sich über diesen seinen Sinn auch im klaren sein werde[35].

Dritter Teil.

Sämtliche Werke 12 · 第 38 / 44 题