Der Byronismus

(1877)

Unsere beiden großen Dichter vom Anfang des Jahrhunderts, Puschkin und

Lermontoff, waren „Byronianer“. Dieses Wort wurde am Grabe Nekrassoffs

in einem Tone gesagt, als wäre es ein Scheltwort. Wer es aber in diesem

Sinne gebraucht, befindet sich in einem Irrtum.

Der „Byronismus“ war allerdings nur eine vorübergehende, fast nur

momentane, aber, an sich betrachtet, doch große, notwendige und heilige

Erscheinung im Leben der europäischen Geister oder sogar im Leben der

ganzen Menschheit. Er entstand in einer Zeit der allgemeinen

Enttäuschung, wenn nicht gar Verzweiflung. Mit überschwenglicher

Begeisterung hatte man die neuen Ideale des neuen Glaubens, der gegen

Ende des achtzehnten Jahrhunderts von Frankreich verkündet wurde,

aufgenommen, – als plötzlich der Verlauf der Dinge in der führenden

Nation Europas eine Wendung nahm, die so wenig den großen Erwartungen

entsprach und die Menschen in ihrem hoffnungsvollen Glauben so tief

enttäuschte, daß gerade jene Zeit für die suchenden Geister vielleicht

die traurigste Zeit war, die die Geschichte Westeuropas kennt. Und nicht

nur aus äußeren (politischen) Gründen stürzten die für einen Augenblick

erhobenen Götzen, sondern ebenso infolge ihres inneren Bankrotts, was

denn auch alle führenden Geister und alle starken Herzen sofort

erkannten. Aber der neue _Ausweg_ war noch nicht zu finden, noch öffnete

sich keine neue Tür, und so rang man mit dem Ersticken, rang innerhalb

eines entsetzlich verkleinerten Horizonts und unter einem drückend tief

herabgesenkten Himmel. Die alten Götterbilder lagen in Trümmern, die

neuen aber blieben aus. Das war die Zeit, die ihren dichterischen

Ausdruck in einem großen Genie, einem leidenschaftlichen Dichter fand.

Aus seinen Strophen tönte die damalige Sehnsucht der Menschheit, sprach

zugleich ihre finstere Enttäuschung, ja ihr Irrewerden an ihrem

Lebenszweck und an ihren Idealen, von denen sie sich betrogen sah.

Byrons Muse war damals eine neue, noch völlig unbekannte Muse der

Vergeltung und Trauer, der Verwünschung und Verzweiflung. Und dieser

Geist, der aus Byron sprach, sprach plötzlich aus der ganzen Menschheit:

aus allen Ländern hörte man einen Widerhall seiner Stimme. Der

Byronismus – der war nun gleichsam die erste Tür, die sich öffnete; oder

wenigstens war in der allgemeinen traurigen Stimmung, die zum größten

Teil ganz unbewußt sein mochte, gerade Byrons Stimme jener mächtige

Schrei, in dem sich alles Gestöhn der Menschheit sammelte. Wie hätte er

da nicht auch bei uns ein Echo finden sollen, und noch dazu in einem so

großen, genialen und führenden Geist wie Puschkin? Denn dem Byronismus

konnte sich bei uns damals weder ein größerer Geist, noch ein großes

Herz verschließen, und das war durchaus natürlich und geschah nicht etwa

nur aus Mitgefühl mit Europa und der europäischen Menschheit, so aus der

Ferne, sondern weil auch bei uns in Rußland gerade zu jener Zeit gar zu

viele neue, gleichfalls noch ungelöste und quälende Probleme auftauchten

und auch noch gar zu viele alte Enttäuschungen zu verwinden waren ...

Aber die Größe Puschkins, als führendes Genie, bestand ja gerade darin,

daß er so schnell und als einziger in einer fast vollständig

verständnislosen Umgebung den festen Weg, _den großen und ersehnten

Ausweg für uns Russen fand und auf ihn hinwies_. Dieser Ausweg aus der

Verzweiflung, diese Rettung war – _das Volk, die Anerkennung des

russischen Volksgeistes_ und die Einsicht, daß wir uns seiner Wahrheit

unterwerfen müssen.

Sämtliche Werke 12 · 第 27 / 44 题