III.

Zwei Hälften.

Ich komme jetzt zu Ihrer Auffassung von der „persönlichen

Vervollkommnung im Geiste der christlichen Liebe“ und Ihrer Behauptung,

daß dieselbe durchaus unzureichend sei im Vergleich mit „sozialen

Idealen“ und vor allem mit „sozialen Institutionen“. Ja, auch Sie

weisen darauf hin, daß dies der wichtigste Punkt in unserer

Meinungsverschiedenheit ist. Sie schreiben:

„Indem Herr Dostojewski Demut vor der Volkswahrheit und den

Volksidealen verlangt, scheint er diese ‚Wahrheit‘ und diese Ideale

für etwas bereits Fertiges, Feststehendes und Ewiges zu halten. Wir

erlauben uns, dieser Annahme zu widersprechen. Die _sozialen_ Ideale

unseres Volkes sind noch im Stadium des _Entstehens_, Sie fangen

erst an sich zu entwickeln. Das Volk muß noch viel an sich arbeiten,

um den Namen eines großen Volkes zu verdienen.“

In betreff der „Wahrheit“ und der Ideale des Volkes habe ich Ihnen zum

Teil schon geantwortet. Diese Wahrheit und diese Ideale des Volkes

halten Sie direkt für ungenügend zur Entwicklung sozialer Ideale

Rußlands. Das heißt also: Religion ist ein Ding für sich und alles

Soziale, Gesellschaftliche ist etwas ganz anderes, d. h. wiederum ein

Ding für sich. Sie schneiden den lebendigen Organismus mit Ihrem

Gelehrtenmesser in zwei Hälften und behaupten, daß diese voneinander

ganz unabhängig sein müssen. Betrachten wir sie näher, untersuchen wir

jede dieser Hälften für sich, vielleicht können wir dann irgendwelche

Schlüsse ziehen. Betrachten wir zunächst die Hälfte der „persönlichen

Vervollkommnung im Geiste der christlichen Liebe“.

Sie schreiben:

„Herr Dostojewski ruft uns zur Arbeit auf, zur Arbeit an uns selbst.

Die persönliche Vervollkommnung im Geiste der christlichen Liebe ist

natürlich die erste Voraussetzung jeder Tätigkeit, gleichviel, ob

sie groß oder klein ist! Aber daraus folgt noch nicht, daß Menschen,

die im _christlichen Sinne persönlich vollkommen_ sind, _unbedingt_

einen vollendeten Staat bilden. Nehmen wir ein Beispiel:

Der Apostel Paulus erklärt Sklaven und deren Herren ihr Verhältnis

zueinander. Sowohl diese wie jene konnten die Lehre des Apostels

befolgen und taten es meist auch wirklich, sie waren _persönlich_

gute Christen, aber die _Sklaverei_ wurde damit nicht geheiligt und

blieb eine unmoralische Einrichtung. So wird auch Herr Dostojewski,

wie ein jeder von uns, vortreffliche Christen gekannt haben, sowohl

unter Gutsbesitzern wie unter Bauern. Aber die Leibeigenschaft blieb

trotzdem eine Schändlichkeit vor Gott, und der Zar-Befreier erfüllte

nicht nur die Forderungen der _persönlichen_, sondern auch der

_sozialen_ Sittlichkeit, von der man in der alten Zeit keine

richtige Vorstellung hatte, obschon es ‚gute Menschen‘ damals nicht

weniger gab, als heutzutage. Persönliche und soziale Sittlichkeit

ist nicht ein und dasselbe. Daraus folgt, daß eine _soziale_

Vervollkommnung nicht _lediglich_ durch die Besserung der

persönlichen Eigenschaften der Menschen erreicht werden kann. Ein

Beispiel:

Nehmen wir an, daß seit dem Jahre 1800 eine Reihe von Predigern der

christlichen Liebe und Demut sich vorgenommen hätten, die

Sittlichkeit solcher Menschen, wie Gogols Gutsbesitzerin Frau

Korobotschka und Ssobakewitsch, zu heben. Wäre es auch nur denkbar,

daß sie die Aufhebung der Leibeigenschaft durchgesetzt hätten und

daß es keines Machtwortes mehr bedurft hätte? Im Gegenteil, die

Korobotschka hätte zu beweisen angefangen, daß sie eine wahre

Christin und ‚Mutter‘ ihrer Bauern sei und wäre trotz aller

gegenteiligen Versicherungen des Missionars bei ihrer Ansicht

verblieben.

Eine Verbesserung der Menschen in einem gesellschaftlichen Sinne

kann nicht lediglich durch Arbeit nur an der eigenen Person und

durch persönliche Demut erreicht werden. An sich selbst arbeiten und

sich zur Demut erziehen, das kann man auch in der Wüste oder auf

einer unbewohnten Insel. Aber als Angehörige einer Gesellschaft,

eines Staates, entwickeln und verbessern sich die Menschen erst in

der Arbeit _nebeneinander, füreinander und miteinander_. Das ist

auch der Grund, weshalb die soziale Vollkommenheit der Menschen in

einem so hohen Grade von der Vollkommenheit der _sozialen

Institutionen_ abhängt, die im Menschen wenn nicht christliche, so

doch bürgerliche Werte erziehen.“

Sehen Sie, wie viel ich aus Ihrem Artikel abgeschrieben habe! Das klingt

alles sehr selbstbewußt und die „persönliche Vervollkommnung im Geiste

der christlichen Liebe“ hat gründlich die Wahrheit zu hören bekommen.

Das heißt soviel wie: in staatlichen Dingen taugt sie zu nichts. Kurios,

fürwahr, fassen Sie demnach das Christentum auf! Allein schon die

Vorstellung, daß die Korobotschka und Ssobakewitsch wahre Christen

werden könnten, sogar vollkommene, und darauf die Frage: könnte man sie

dann dazu bringen, auf die Leibeigenschaft zu verzichten? ist

bemerkenswert. Mir scheint es eine recht verfängliche Frage zu sein, die

Sie da aufwerfen, und Ihre eigene Antwort lautet natürlich: „Nein, die

Korobotschka wäre selbst als wahre Christin nicht dazu zu bewegen.“

Darauf antworte ich ohne weiteres: wenn die Korobotschka überhaupt eine

wahre und vollkommene Christin hätte werden können oder geworden wäre,

so hätte die Leibeigenschaft auf ihrem Gut auch schon zu existieren

aufgehört, weshalb man sich dann um nichts weiter zu bemühen brauchte,

wenn auch alle Aktenstücke und Kaufbriefe in ihrem Besitz verblieben.

Erlauben Sie: die Korobotschka war doch auch früher schon Christin,

schon von Geburt an, d. h. seit ihrer Taufe, nicht wahr? Folglich

verstehen Sie unter der Lehre der neuen Prediger des Christentums dem

Wesen nach wohl dasselbe alte Christentum, nur erhöht, gesteigert, also

ein vollendetes oder vollkommenes, das sozusagen schon sein Ideal

erreicht hat? Aber was kann es dann noch für Sklaven geben, ich bitte

Sie! Man muß doch das Christentum wenigstens annähernd begreifen! Und

was würde es dann die Korobotschka, die _wahre_ Christin, noch angehen,

ob ihre Bauern Leibeigene sind oder nicht? Sie wäre ihnen „Mutter“, eine

richtige Mutter, und die „Mutter“ in ihr hätte sogleich die frühere

„Herrin“ in ihr einfach ausgeschaltet, und das wäre ganz von selbst

geschehen. Das frühere Verhältnis – dasjenige der Herrin zum Sklaven –

wäre in dem Fall wie Nebel vor der Sonne verschwunden und die alten

Menschen wären von anderen verdrängt worden, die in einem ganz neuen,

vordem undenkbar gewesenen Verhältnis zueinander gestanden hätten. Und

überhaupt wäre damit etwas schier Unglaubliches geschehen: es wären eben

_überall_ vollkommene Christen entstanden, solche, wie es ihrer bisher

auch als einzelne freilich so wenige gegeben hat, daß man selbst diese

kaum zu entdecken vermöchte. Übrigens sind ja Sie es, Herr Gradowskij,

der diese phantastische Möglichkeit in Erwägung zieht, nicht ich,

folglich dürfen Sie sich auch nicht den Folgerungen entziehen. Ich

versichere Ihnen, Herr Gradowskij, daß die Bauern der Korobotschka dann

freiwillig bei ihr geblieben wären, und zwar aus dem einfachen Grunde,

weil ein jeder sieht, wo er es am besten hat. Oder meinen Sie, daß die

Bauern es mit Ihren Institutionen besser hätten, als bei der sie

liebenden, wie eine leibliche Mutter für sie sorgenden Gutsbesitzerin?

Desgleichen erlaube ich mir, Ihnen zu versichern, daß die Sklaverei zu

Lebzeiten des Apostels Paulus nur deshalb auch in christlichen Gemeinden

bestehen blieb, weil die damaligen, eben erst entstehenden Gemeinden

noch nicht in dem Maße christlich waren, daß sie ein vollkommenes

Christentum darstellten (was wir aus den Sendschreiben des Apostels

ersehen). Aber die einzelnen Mitglieder der Gemeinden, die damals

persönlich die Vollkommenheit erreichten, hatten auch keine Sklaven mehr

und konnten sie ja gar nicht mehr haben, denn diese wurden sogleich zu

ihren Brüdern, ein Bruder aber, ein wirklicher Bruder kann nicht seinen

Bruder als Sklaven unter sich haben. Nach Ihren Worten müßte man dagegen

annehmen, daß die Predigt der christlichen Lehre machtlos gewesen sei.

Wenigstens schreiben Sie, daß durch die Predigt des Apostels die

Sklaverei noch nicht geheiligt worden wäre. Andere Gelehrte aber,

namentlich europäische Professoren der Geschichte, haben schon unzählige

Male dem Christentum gerade das vorgeworfen, daß es angeblich die

Sklaverei heilige. Das heißt aber, das Wesen der Sache nicht begreifen.

Man stelle sich vor: die Madonna hätte Leibeigene und wollte diesen

nicht die Freiheit geben. Welch ein Absurdum! Im Christentum, im

wirklichen Christentum wird es Herren und Diener geben, aber ein Sklave

ist undenkbar. Ich rede vom wahren, vollkommenen Christentum. Diener

sind nicht Sklaven. Der Jünger Timotheus diente dem Apostel Paulus, als

sie gemeinsam umherzogen, aber lesen Sie doch die Briefe Pauli an

Timotheum: schreibt er an einen Sklaven, ja überhaupt an seinen Diener?

Ich bitte Sie! – Das sind doch Briefe an seinen „Sohn Timotheus“ – an

seinen „geliebten Sohn“! Ja, in einem solchen, gerade in einem solchen

Verhältnis werden die Herren zu den Dienern stehen, wenn diese wie jene

vollkommene Christen sind. Herren und Diener wird es geben, aber die

Herren werden nicht Tyrannen sein, und die ihnen Dienenden nicht von

ihnen Tyrannisierte. Stellen Sie sich vor, daß es in der zukünftigen

Gesellschaft einen Kepler, einen Kant, einen Shakespeare gibt: sie

leisten die große geistige Arbeit für alle, und alle wissen das und

verehren und schätzen sie. Natürlich hat Shakespeare keine Zeit, sagen

wir, sein Zimmer aufzuräumen. Glauben Sie mir, unter solchen

Voraussetzungen wird unbedingt ein anderer Bürger zu ihm kommen, um ihm

zu dienen, er wird es freiwillig tun, wird ungebeten die geringe Arbeit

bei Shakespeare verrichten: sein Zimmer aufräumen usw. Wird er deshalb

erniedrigt oder ein Sklave sein? Keineswegs. Er weiß, daß Shakespeare

unvergleichlich nützlicher ist als er und er sagt sich oder ihm: „Dafür

sei dir Ruhm und Ehre, und mir ist es eine Freude, dir dienen zu können.

Soviel ich’s kann, trage ich auch meinen Teil zur großen Tat bei, indem

ich dir Stunden des Schaffens erhalte, doch bin ich deshalb noch kein

Sklave. Gerade durch diese meine Erkenntnis, daß du, Shakespeare, dank

deinem Genie höher stehst als ich, habe ich bewiesen, indem ich zu dir

kam, um dir zu dienen, daß ich an sittlicher Menschenwürde dir

keineswegs nachstehe, sondern _als Mensch_ dir ebenbürtig bin.“ Oder

vielmehr, er wird das gar nicht sagen. Es wäre schon allzu

selbstverständlich. Solche Fragen sind ganz ausgeschlossen, ja

undenkbar. Denn die Menschen werden dann wirklich neue Menschen sein,

Kinder Christi, und werden das ehemalige Tier in sich überwunden haben.

Sie werden freilich hierauf erwidern, dies sei eine phantastische

Zukunftsillusion. Aber mit dem Phantasieren habe ja nicht ich den Anfang

gemacht, sondern Sie, und Sie verstiegen sich sogar so weit, daß Sie

sich die Korobotschka als eine vollkommene Christin denken konnten, die

jedoch ihren „leibeigenen _Kindern_“ die Freiheit vorenthält. Das ist

wohl etwas phantastischer als alles von mir Geschriebene.

Nun werden vielleicht die klugen Leute lachend einwenden: „Ja, wozu sich

dann noch um die Vervollkommnung im Geiste der christlichen Liebe

bemühen, wenn wirkliches Christentum, wie aus alledem hervorgeht, auf

der Erde überhaupt nicht vorhanden ist, oder falls doch, dann nur so

selten, daß man diese vereinzelten Fälle kaum wahrnehmen kann,

anderenfalls (wie wiederum aus meinen eigenen Worten hervorgeht) wäre ja

sofort alles beigelegt, jegliche Sklaverei vernichtet, die Typen vom

Schlage der Korobotschka würden sich in lichte Genien verwandeln und den

Menschen bliebe nichts weiter übrig, als Gott dem Herrn eine Hymne zu

singen!“ Ja, natürlich, meine Herren Spötter, wirkliche Christen gibt es

noch entsetzlich wenige (aber immerhin gibt es doch schon einige!).

Woher aber wissen Sie, wievieler es bedarf, damit das Ideal des

Christentums im Herzen des Volkes nicht stirbt und mit diesem Ideal auch

seine große Hoffnung erhalten bleibt? Ins Weltliche übersetzt: wievieler

unverfälschter treuer Bürger bedarf es, damit in der Gemeinschaft der

Menschen die Idealgestalt eines Bürgers nicht vergessen wird? Auch diese

Frage werden Sie schwerlich beantworten können. Hier handelt es sich um

eine Sozialökonomie von eigener Art, von einer ganz besonderen Art, die

uns noch unbekannt ist und die sogar auch Sie, Herr Gradowskij, noch

nicht kennen.

Wieder wird man einwenden: wenn die große Idee nur so wenige Anhänger

hat, von welchem Nutzen kann sie dann sein? Ja aber wer vermag denn

jetzt schon zu sagen, von welchem Nutzen sie schließlich sein, was sie

zu guter Letzt bewirken wird? Offenbar ist bisher nur das Eine nötig

gewesen: daß der große Gedanke nicht starb. Ganz etwas anderes ist es

dagegen jetzt, wo etwas Neues in der Welt herannaht und man bereit sein

muß ... Und übrigens handelt es sich hier gar nicht um den Nutzen,

sondern um die Wahrheit. Denn wenn ich felsenfest daran glaube, daß die

Wahrheit hierin liegt, gerade hierin, woran ich glaube, was geht es mich

dann an, daß die ganze Welt an meine Wahrheit nicht glaubt, mich

verspottet und einen anderen Weg geht? Gerade darin liegt doch die Macht

eines großen ethischen Gedankens, gerade dadurch vereint er die Menschen

zum stärksten Verband, daß er sich nicht nach seinem sofortigen Nutzen

bewerten läßt, sondern die Menschen in die Zukunft leitet, zu ewigen

Zielen, zu absoluter Freude. Wodurch wollten Sie sonst die Menschen zur

Verwirklichung Ihrer sozialen Ideale vereinigen, wenn Sie keine

Grundlage in einer uranfänglichen großen sittlichen Idee haben? Diese

sittlichen Ideen haben aber alle das eine gemeinsam: daß sie ausnahmslos

auf der Idee der persönlichen absoluten Vervollkommnung am letzten Ende,

d. h. als Ideale beruhen, denn diese Vervollkommnung enthält alles in

sich, alles Streben, alles unendliche Verlangen, und folglich ist sie,

gerade sie der Mutterschoß aller unserer sozialen, bürgerlichen Ideale.

Versuchen Sie es doch mal, die Menschen zu einer bürgerlichen

Gesellschaft zu vereinigen: zu dem einzigen Zweck, um für ihre

„Bäuchlein zu leben“! Die sittliche Antwort auf Ihren Versuch wäre die

Formel: „_Chacun pour soi et Dieu pour tous._“ Unter dieser Formel wird

aber keine einzige bürgerliche Gesellschaft lange bestehen, Herr

Gradowskij.

Doch ich gehe noch weiter und beabsichtige, Sie in Erstaunen zu setzen.

So hören Sie denn, Herr Professor, daß es speziell soziale Ideale, die

mit ethischen Idealen in keiner organischen Verbindung stehen, die

vielmehr für sich ganz allein bestehen, also vom Ganzen abgeteilte

Ideale, wie Sie sie mit Ihrem gelehrten Messerchen abteilen zu können

meinen, ferner, daß es solche soziale Ideale, die äußerlich übernommen

und an jeden beliebigen neuen Ort verpflanzt werden könnten und daselbst

zu gedeihen vermöchten, als „Institution“ wie Sie sich ausdrücken – daß

es solche Ideale, sage ich, überhaupt nicht gibt, noch je gegeben hat

und auch gar nicht geben kann! Ja, und was ist denn eigentlich ein

soziales Ideal, wie ist dieses Wort überhaupt zu verstehen?

Sein Wesen liegt natürlich in dem Bestreben der Menschen, eine Formel

für ihre soziale Organisation zu finden, eine möglichst fehlerlose und

allen gerecht werdende Formel – nicht wahr? Aber diese Formel ist den

Menschen unbekannt, sie suchen sie schon seit Tausenden von Jahren, seit

dem Anfang ihrer geschichtlichen Entwicklung und können sie nicht

finden. Die Ameise kennt die Formel ihres Ameisenbaues, die Biene die

ihres Stockes (wenn sie sie auch nicht nach Menschenart kennen, so

kennen sie sie doch in ihrer eigenen Art und mehr ist ja nicht nötig),

aber der Mensch kennt seine Formel nicht. Wenn das aber der Fall ist,

woher sollte dann wohl das Ideal einer sozialen Organisation in die

menschliche Gesellschaft gekommen sein? Verfolgen Sie die Geschichte und

Sie werden sogleich sehen, woher das Ideal kommt. Sie werden sehen, daß

es einzig und allein ein Erzeugnis der sittlichen Vervollkommnung der

einzelnen Menschen ist: damit fängt es an, und so ist es von jeher

gewesen und wird ewig so bleiben. Als erstes sehen wir in der Geschichte

jedes Volkes, jeder Nationalität, daß die sittliche Idee der Entstehung

der betreffenden Nationalität immer vorangegangen ist, _denn gerade sie

ist das, was die nationale Besonderheit bildet_, sie erst erschafft die

Nationalität. Hervorgegangen aber ist diese sittliche Idee immer aus

mystischen Ideen, aus Überzeugungen, daß der Mensch ewig sei,

unsterblich, daß er nicht wie ein gewöhnliches Erdentier nur sein Leben

friste, sondern mit anderen Welten und der Ewigkeit verbunden sei. Diese

Überzeugungen sind immer und überall zur Religion geworden, zum

Bekenntnis der neuen Idee, und stets hat sich dann, kaum daß die neue

Religion entstanden war, sogleich auch staatlich eine neue Nation

gebildet. Nehmen Sie z. B. die Juden oder die Muselmänner: bei ersteren

bildete sich die Nation erst nach der Gesetzgebung durch Moses, obschon

sie bereits mit dem Gesetz Abrahams begonnen hatte, und ebenso sind die

mohammedanischen Nationen erst nach dem Koran entstanden. Um den

empfangenen geistigen Schatz zu erhalten, beginnen die Menschen

sogleich, sich zusammenzuschließen, und dann erst, in eifriger

gemeinsamer Arbeit „nebeneinander, füreinander und miteinander“ (wie Sie

sich beredt ausdrücken) – dann erst fangen die Menschen an, auch danach

zu suchen, wie sie sich wohl so einrichten könnten, daß von dem

erhaltenen Schatz nichts verloren gehe, dann suchen sie nach einer

sozialen Formel des gemeinschaftlichen Lebens, nach einer Staatsform,

die ihnen am ehesten helfen könnte, suchen jenen sittlichen Schatz, den

sie erhalten, wenn möglich über die ganze Welt hin zu seinem vollsten

Glanz zu entfalten und zu seinem größten Ruhme zu erheben. Und

wohlgemerkt, sobald nach Ablauf der Zeiten und Jahre (denn auch hierin

waltet ein Gesetz, das wir freilich nicht kennen) in der betreffenden

Nation das geistige Ideal zu verfallen begann, da begann zugleich auch

die Nation zu verfallen und mit ihr auch ihr ganzer Staatsbau, und es

verblich auch das soziale Ideal, das sich inzwischen in ihr gebildet

hatte. Von welcher Art der Charakter der Religion eines Volkes ist, von

dem Charakter sind auch die sozialen Formen dieses Volkes. Folglich sind

die sozialen Ideale mit den sittlichen Idealen stets unmittelbar und

organisch verbunden, doch die Hauptsache ist, daß sie einzig und allein

aus diesen hervorgehen. _Ganz für sich allein_ aber entstehen sie nie,

denn indem sie entstehen, ist ihr Zweck nur die Befriedigung des

sittlichen Strebens der betreffenden Nation, je nachdem wie und

inwieweit dieses sittliche Streben in ihr entstanden und vorhanden ist.

Folglich aber ist die „persönliche Vervollkommnung im religiösen

Geiste“, wie wir sehen, im Leben der Völker die Grundlage alles

weiteren, denn die persönliche Vervollkommnung ist _nichts anderes als

die Ausübung der empfangenen Religion_. Die „sozialen Ideale“ aber

entstehen nie ohne dieses Streben nach Selbstvervollkommnung und können

auch gar nicht ohne dasselbe entstehen. Sie werden vielleicht bemerken,

auch Sie hätten ja gesagt, daß die „persönliche Vervollkommnung der

Anfang alles weiteren“ sei und daß Sie nichts mit einem Messer geteilt

hätten. Das aber ist es ja gerade, daß Sie dies doch getan haben, daß

Sie einen lebendigen Organismus zerschnitten und somit in zwei einzelne

Hälften geteilt haben. Die persönliche Vervollkommnung ist nicht nur

„der _Anfang_ alles weiteren“, sondern auch die Fortsetzung des Ganzen

und sogar den Ausgang begreift sie in sich. Sie umfaßt, erschafft und

erhält den Organismus der Nation und zwar nur sie allein. Nur für sie

lebt die soziale Formel der Nation, da sie doch nur zu dem Zweck gesucht

wird, um den ursprünglichen ersten Schatz zu erhalten. Wenn aber in der

Nation das Bedürfnis nach allgemeiner einzelner Vervollkommnung _in dem

Geiste, der dies Bedürfnis hervorgerufen_, erlischt, dann verschwinden

allmählich auch alle „bürgerlichen Einrichtungen“, da es dann nichts

mehr zu erhalten gibt. Deshalb kann man unter keinen Umständen dem

zustimmen, was Sie in folgenden Worten ausdrücken:

„Dies ist auch der Grund, weshalb die soziale Vollkommenheit der

Menschen in so hohem Maße von der Vollkommenheit der _sozialen

Institutionen_ abhängt, die im Menschen wenn nicht christliche, so

doch bürgerliche Werte heranbilden.“

„Wenn nicht christliche, so doch bürgerliche“! Sieht man hier nicht das

Messer des Gelehrten, das Unteilbares trennt, das den ganzen, in sich

abgeschlossenen lebendigen Organismus in zwei getrennte tote Hälften

teilt, in eine sittliche und eine bürgerliche?

Sie werden vielleicht sagen, daß sowohl in den „sozialen Institutionen“

wie in der Rolle des „Bürgers“ die größte sittliche Idee enthalten sein

kann, daß in bereits ausgereiften, entwickelten Nationen die

„bürgerliche Idee“ stets an die Stelle der anfänglichen religiösen Idee

tritt, die sich also gewissermaßen zu jener entwickle und der jene daher

durchaus rechtmäßig folge.

Ja, das behaupten allerdings viele, wir aber können für die Richtigkeit

dieser Auffassung kein einziges historisches Beispiel finden. Wenn die

sittlich-religiöse Idee in der Nation sich überlebt hatte, so setzte

immer nur ein panisch ängstliches Vereinigungsbedürfnis ein, nämlich zu

dem Zweck, um für den Fall, daß etwas geschehen sollte, „die Bäuchlein

zu retten“ – andere Ziele kennt die bürgerliche Vereinigung dann nicht

mehr. Da vereinigt sich gerade jetzt die französische Bourgeoisie, und

vereinigt sich nur zu diesem Zweck: um die eigenen Bäuchlein vor dem

vierten Stand, der schon die Tür, die zu ihr führt, zu zertrümmern

droht, sicherzustellen. Aber das „Retten der eigenen Bäuchlein“ ist von

allen Ideen, die die Menschen zu vereinigen suchen, die schwächste und

letzte, in jeder Beziehung. Sie ist schon der Anfang vom Ende, ist die

Vorahnung des Endes. Sie vereinigen sich, und dabei spitzen doch alle

die Ohren und äugen ängstlich, um bei der ersten Gefahr möglichst

schnell auseinanderzustieben. Und was könnte dann die „Institution“ als

solche, als etwas für sich allein Genommenes, wohl noch retten? Gäbe es

Brüder, so gäbe es auch eine Brüderschaft. Wenn es aber keine Brüder

gibt, so können Sie durch keine einzige „Institution“ Brüderschaft

erzielen. Was für einen Sinn hat es, überhaupt eine „Institution“ zu

schaffen und mit der Aufschrift „_Liberté, Egalité, Fraternité_“ zu

versehen? Erreichen werden Sie mit einer solchen Institution entschieden

nichts, so daß man dann wohl – oder vielmehr unfehlbar, oder sogar

unbedingt – zu den drei Worten noch etwas als viertes hinzufügen müßte,

nämlich: „_ou la mort_“. „_Fraternité ou la mort_“ – und die Brüder

werden den Brüdern die Köpfe abschlagen, um durch eine „bürgerliche

Institution“ Brüderschaft einzuführen. Das ist nur ein Beispiel, aber

ein gutes. Sie, Herr Gradowskij, suchen, wie auch Aleko es tut, die

Rettung in Äußerlichkeiten. Sie meinen: Mag es auch bei uns in Rußland

auf Schritt und Tritt nur Dummköpfe und Spitzbuben geben (vielleicht hat

es auch wirklich den Anschein, natürlich je nach dem Standpunkt), aber

da brauchte man nur irgendeine europäische „Einrichtung“ aus Europa nach

Rußland zu verpflanzen und es wäre, Ihrer Ansicht nach, alles gerettet.

Die mechanische Übernahme europäischer Formen (Formen, die dort

vielleicht morgen schon zusammenbrechen werden), die unserem Volk fremd

und seiner Art nicht angepaßt sind, ist bekanntlich der Hauptgedanke der

russischen Westler. Übrigens belieben Sie, Herr Gradowskij, indem Sie

Rußland seine schlechte Organisation vorwerfen und ihm Europa vorhalten,

sich wörtlich auszudrücken:

„Vorläufig aber können wir uns nicht einmal in jenen Fragen und

Widersprüchen zurechtfinden, die Europa bereits längst beantwortet

und überwunden hat.“

Wie, Europa und bereits überwunden? Wer hat Ihnen nur so etwas aufbinden

können? Dieses Europa ist doch schon am Vorabend seines Falles

angelangt, eines Falles, der ausnahmslos allgemein und furchtbar sein

wird. Der Ameisenbau ohne Kirche und ohne Christus (denn die Kirche, die

ihr Ideal getrübt hat, hat sich dort allerorten schon längst in einen

Staat verwandelt) mit seinem bis auf den Grund erschütterten sittlichen

Prinzip, dieser Ameisenbau, der alles Gemeinsame und alles Absolute

eingebüßt hat – dieser Ameisenbau ist, behaupte ich, bereits so gut wie

untergraben. Der vierte Stand fängt an sich zu erheben, schon pocht er

an die Tür und begehrt Einlaß, und wenn man ihm den nicht gewährt, wird

er die Tür zertrümmern. Er will nicht die früheren Ideale, er verwirft

jedes Gesetz, das bisher gegolten. Auf Kompromisse und Nachgeben läßt er

sich nicht mehr ein, mit schwachen Stützen und kleiner Hilfe werden Sie

da das Gebäude nicht retten. Nachgiebigkeit im Kleinen feuert nur an,

und der vierte Stand will alles haben. Es wird etwas einsetzen, was

bisher noch niemand für möglich gehalten hat. Alle diese

parlamentarischen Regierungsysteme, alle gegenwärtig herrschenden

sozialen Theorien, alle zusammengescharrten Reichtümer, alle Banken,

Wissenschaften und Juden, alles das wird im Nu zunichte werden – außer

den Juden natürlich, die auch dann den Kopf nicht verlieren und wieder

obenauf sein werden, so daß der Krach ihnen sogar zugute kommen dürfte.

Alles das „steht nahe vor der Tür“. Sie belieben zu lachen? Selig sind

die Lachenden. Gäbe Gott Ihnen langes Leben, damit Sie alles mit eigenen

Augen schauen. Dann werden Sie sich wundern. Oder Sie erwidern mir

hierauf lachend: „Da muß ja Ihre Liebe zu Europa von recht

absonderlicher Art sein, wenn Sie Europa einen solchen Ausgang

prophezeien!“ Ja, freue ich mich denn? Ich sage es ja nur in der

Vorahnung, daß die Summe schon so gut wie gezogen ist. Die endgültige

Abrechnung aber, das Quittieren jener Summe, kann sogar viel früher

erfolgen, als selbst die stärkste Phantasie es sich ausdenken könnte.

Die Symptome sind furchtbar. Allein schon die ewig alte unnatürliche

politische Lage der europäischen Staaten könnte den Anfang bilden. Aber

wie sollte sie auch natürlich sein, wenn die Unnatur schon in ihrer

Grundlage ruht und sich im Laufe von Jahrhunderten aufgehäuft hat. Es

kann nicht ein kleiner Teil der Menschheit die ganze übrige Menschheit

wie einen Sklaven beherrschen, einzig zu diesem Zweck aber sind bisher

alle bürgerlichen (schon lange nicht mehr christlichen) Einrichtungen im

jetzt vollkommen heidnischen Europa entstanden. Diese Unnatürlichkeit

und diese „unlösbaren“ politischen Probleme (die übrigens allen bekannt

sind) müssen unfehlbar zum großen, endgültigen, abrechnenden,

politischen Kriege führen, in den alle hineingezogen werden und der noch

in diesem Jahrhundert, vielleicht sogar schon in diesem Jahrzehnt,

ausbrechen wird. Was meinen Sie: vermag die Gesellschaft dort einem

langen politischen Krieg _jetzt_ noch standzuhalten? Der Fabrikant ist

ängstlich und leicht zu erschrecken, der Jude gleichfalls, sie würden,

sobald der Krieg sich etwas in die Länge zieht, oder nur droht, sich in

die Länge zu ziehen, sogleich alle ihre Fabriken und Banken schließen,

und die Millionen hungriger entlassener Proletarier werden auf die

Straße gesetzt sein. Oder hoffen Sie etwa auf die Vernunft der

Staatsmänner und darauf, daß diese es nicht zum Kriege kommen lassen

werden? Aber wann hat man denn jemals auf diese Vernunft bauen können?

Oder hoffen Sie vielleicht auf die Parlamente? – daß diese nicht die

Mittel zum Kriege bewilligen werden, weil sie etwa die Folgen

voraussähen? Ja, aber wann haben denn die Parlamente irgendwelche Folgen

vorausgesehen und einem auch nur ein wenig energischen oder wenigstens

beharrlichen Staatsmann die Mittel verweigert? Und so setzt der Krieg

den Proletarier auf die Straße. Was meinen Sie, wird er auch jetzt

wieder nach alter Art geduldig warten und hungern? – jetzt, nach den

Siegen des politischen Sozialismus, nach der „Internationale“, den

Kongressen der Sozialisten und der Pariser Kommune? Nein, jetzt wird es

anders sein: die Proletarier werden sich auf Europa stürzen und alles

Alte auf ewig zerstören. Erst an unserem russischen Ufer werden die

Wogen zerschellen, denn dann erst wird es sich allen sichtbarlich

offenbaren, in welchem Maße unser nationaler Organismus sich von den

europäischen Organismen unterscheidet. Dann werden auch Sie, meine

Herren Doktrinäre, sich vielleicht besinnen und bei uns die „volklichen

Grundelemente“ zu suchen anfangen, über die Sie jetzt nur zu lachen

verstehen. Und dabei, meine Herren, weisen Sie jetzt, gerade jetzt auf

dieses Europa hin und empfehlen es uns als Vorbild und fordern uns auf,

bei uns jene selben „Einrichtungen“ einzuführen, die dort morgen schon

stürzen werden, als das überlebte Absurdum, das sie sind, jene

„Einrichtungen“, an die auch in Europa klügere Leute schon längst nicht

mehr glauben, und die sich nur nach den Gesetzen des Beharrungsvermögens

bis jetzt noch erhalten haben. Ja, und wer könnte denn überhaupt – außer

einem Doktrinär – die Komödie dieser bourgeoisen Vereinigung, die wir in

Europa sich abspielen sehen, für die normale Formel menschlicher

Vereinigung auf Erden halten? Und diese Leute, sagen Sie, hätten bei

sich zu Hause ihre Probleme schon längst gelöst! Etwa nach den zwanzig

Konstitutionen binnen weniger als einem Jahrhundert und nach wenig

weniger als zehn Revolutionen? Oh, vielleicht, – nur werden wir uns

dann, für einen Augenblick von Europa befreit, bereits selbständig, ohne

europäische Vormundschaft, mit _unseren_ eigenen sozialen Idealen

befassen, die unbedingt in Christus und der Idee der persönlichen

Vervollkommnung wurzeln, Herr Gradowskij. Sie werden nun wieder fragen:

was für eigene, von Europa unabhängige soziale Ideale kann es denn bei

uns geben? Ja, soziale Ideale – bessere, als Ihre europäischen, stärkere

als Ihre europäischen, stärkere und sogar – o Entsetzen! – freisinnigere

als es die Ihrigen sind! Ja, freisinnigere, denn sie kommen unmittelbar

aus dem Organismus unseres Volkes und sind nicht lakaienhaft

unpersönliche Kopien europäischer Vorbilder. Hier kann ich natürlich

nicht näher darauf eingehen, wenn auch nur deshalb nicht, weil der

Artikel ohnehin lang geworden ist. Übrigens – erinnern Sie sich: was war

und was wollte die älteste christliche Kirche sein? Sie bildete sich

sogleich nach Christus, damals nur aus einigen wenigen Menschen, und

sogleich, fast schon in den ersten Tagen nach Christus, war sie

bestrebt, ihre „bürgerliche Formel“ zu finden, die restlos auf der

sittlichen Hoffnung und der Idee der Wiedergeburt und Erneuerung des

Geistes auf Grund der persönlichen Vervollkommnung beruht. Es entstanden

christliche Gemeinden, Kirchen, und dann begann schnell eine neue, bis

dahin noch nie gesehene Nationalität zu entstehen – eine allbrüderliche,

allmenschliche in der Form der allgemeinen ökumenischen Kirche. Aber sie

wurde verfolgt, ihr Ideal entwickelte sich gleichsam unterirdisch – über

ihm aber, auf der Erde, entstand gleichfalls etwas Großes, ein

riesenhaftes Gebäude, ein ungeheurer Ameisenbau: das römische Imperium,

das gleichfalls so etwas wie ein Ideal und eine Auslösung des sittlichen

Strebens in der ganzen alten Welt war. Es erschien der Menschgott, und

das Imperium nahm als religiöse Idee Gestalt an, es ward Gestalt einer

Idee, die in sich und durch sich allem sittlichen Streben der ganzen

alten Welt den Ausweg bot. Aber der Ameisenhaufen ward von der Kirche

untergraben. Es kam zum Zusammenstoß der beiden entgegengesetztesten

Ideen, die es überhaupt auf der Erde geben kann: der Menschgott stieß

auf den Gottmensch, Apollon auf Christus. Und es kam zum Kompromiß: das

Imperium nahm das Christentum an und die Kirche das römische Recht und

seine Staatsform. Ein kleiner Teil der Kirche ging in die Einsamkeit und

setzte in der Einsiedelei die frühere Arbeit fort: Es entstanden wieder

christliche Gemeinden, dann Klöster – alles freilich nur Versuche, sogar

bis zum heutigen Tage. Der andere riesengroße Teil der Kirche teilte

sich in der Folge, wie Sie wissen, in zwei Hälften. In der westlichen

Hälfte ging die Kirche zu guter Letzt vollständig in den Staat auf. Und

als das Imperium unterging, trat die Kirche an seine Stelle – sie hatte

sich endgültig verwandelt und war tatsächlich zum Staat geworden. Das

Papsttum war die Fortsetzung des alten römischen Staates, nur in seiner

neuen Form.

In der östlichen Hälfte dagegen ward der Staat vom Schwerte Mohammeds

zerstört und so blieb ihr nur Christus, ein Christus, der vom Staat ganz

abgesondert war. Das Land aber, das dann von Byzanz aus diesen Christus

annahm und von neuem erhob, hat so grauenvoll unter Feinden, unter dem

Tatarenjoch, unter Unordnung im Reich, unter der Leibeigenschaft, unter

Europa und dem imitierten Europäertum zu leiden gehabt und erträgt auch

jetzt noch so unendlich viel Schweres, daß seine soziale Formel – im

Sinne des Geistes der Liebe und der christlichen Selbstvervollkommnung –

sich in ihm allerdings noch nicht hat ausarbeiten können. Nur haben Sie,

Herr Gradowskij, deshalb wohl noch nicht das Recht, diesem Volk daraus

einen Vorwurf zu machen. Vorläufig ist unser Volk meinetwegen erst nur

der Träger Christi, auf den allein es denn auch seine ganze Hoffnung

setzt. Es nennt sich, den Mann aus dem Volke, „Krestjanin“[30], d. h.

soviel wie „Christjanin“, und das ist nicht nur ein leeres Wort, sondern

hierin liegt eine Idee, die seine ganze Zukunft ausfüllen wird.

Sie, Herr Gradowskij, machen Rußland seine Unordnung zum Vorwurf. Aber

wer hat denn in diesen ganzen letzten zwei Jahrhunderten und namentlich

in den letzten fünfzig Jahren eine bessere innere Einrichtung des Landes

am meisten verhindert? Das waren doch gerade immer nur die Leute Ihres

Schlages, Herr Gradowskij, die sogenannten russischen Europäer, die in

den ganzen zwei Jahrhunderten nicht ausstarben und sich jetzt noch ganz

besonders breit machen. Wer ist der größte Feind der organischen und

selbständigen Entwicklung Rußlands auf seinen eigenen volklichen

Grundlagen? Wer ist es, der spöttisch und hochmütig nicht einmal das

Vorhandensein dieser Grundlagen anerkennt und sie überhaupt nicht

bemerken will?! Wer ist es, der unser Volk – nach irgendwelchen

illusorischen Begriffen nennen sie es: „zu sich emporheben“ – umwandeln

will?! d. h. einfach alle zu solchen machen, wie diese Herren selber

sind, zu liberalen Pseudoeuropäern, indem sie von der Masse des Volkes

immer wieder je ein Menschlein abreißen und verführen und „entarten“, d.

h. verderben und zum Europäer wandeln, sei es auch nur insoweit, als man

das mit europäisch zugeschnittenen Rockschößen erreichen kann?! Damit

sage ich nicht, daß der Europäer verderbt sei; ich sage nur, daß einen

Russen auf diese Weise in einen Europäer verwandeln, wie unsere

Liberalen es tun, oft nichts anderes als einfach „verderben“ bedeutet.

Gerade das aber ist das Ideal, das Programm ihrer Tätigkeit: von Zeit zu

Zeit ein Menschlein von der ganzen Masse abzureißen – das ist ihr

Bestreben. Wie absurd! Und so wollten sie alle achtzig Millionen unseres

Volkes nach und nach umwandeln? Ja, glauben Sie denn wirklich im Ernst,

daß unser Volk als Ganzes, die einheitliche Masse des Volkes, jemals

einwilligen werde, etwas ebenso Unpersönliches zu werden, wie es diese

russischen Herren Europäer sind?

Sämtliche Werke 12 · 第 26 / 44 题