II.

Aleko und Dershimorda[24]. Alekos Kummer um den leibeigenen

Bauern. Einige Anekdoten.

Sie schreiben in Ihrer Kritik meiner Rede:

„... doch hat Puschkin, als er Aleko und Onegin in ihrer Verneinung

darstellte, nicht gezeigt, was sie denn eigentlich ‚verneinten‘, und

es dürfte sehr gewagt sein, zu behaupten, daß sie gerade die

‚Volkswahrheit‘, diese Grundlage der russischen Weltanschauung,

verneint hätten. Das ist bei ihm nirgendwo gesagt.“

Nun, ob es von ihm gesagt oder nicht gesagt wurde, und wie groß das

Wagnis einer solchen Behauptung auch gewesen sei – darauf werden wir

sogleich zu sprechen kommen. Zunächst wenden wir uns dem Passus zu, in

dem Sie von Gogols Skwosnik-Dmuchanowskijs sprechen, bei denen Puschkins

Aleko es nicht ausgehalten haben soll, weshalb er das Weite suchte –

angeblich suchen mußte – und zu den Zigeunern lief. Sie schreiben:

„In der Tat, die Welt des damaligen ‚Skitaletz‘ war eine Welt, die

eine andere Welt verneinte. Zur Erklärung dieser Typen sind die

anderen Typen erforderlich, die Puschkin niemals dargestellt hat,

obschon er sich hin und wieder in heftigem Unmut gegen sie wandte.

Die Natur seines Talents hinderte ihn daran, in diese Finsternis

hinabzusteigen und in die ‚Perle der Schöpfung‘ Eulen und

Fledermäuse mit aufzunehmen, dieses lichtscheue Nachtvolk, das die

Kellerräume in den unteren Stockwerken des russischen Gebäudes

bevölkert.“ (sollten es nicht die oberen Stockwerke sein?) „Das hat

erst Gogol getan, die große Kehrseite Puschkins. Er ist es denn

auch, der der Welt die Erklärung gibt, weshalb Aleko zu den

Zigeunern flüchtete, weshalb Onegin sich langweilte und quälte,

weshalb alle diese ‚überflüssigen Menschen‘[25] entstanden.

Die Korobotschka[26], die Ssobakewitschs, die

Skwosnik-Dmuchanowskijs, die Dershimordas und Tjäpkin-Ljäpkins bei

Gogol, sind die Gegenstücke zu Puschkins Aleko, Rudin und den vielen

anderen: sie bilden den Hintergrund, ohne den diese Gestalten

unverständlich wären. Aber die Gogolschen Helden waren doch auch

Russen – Gott, und wie echte noch dazu! Die Korobotschka kannte

keinen Weltschmerz. Skwosnik-Dmuchanowskij verstand es vortrefflich

mit den Kaufleuten umzugehen. Ssobakewitsch durchschaute vollkommen

seine Bauern und sie durchschauten ihn gleichfalls. Aleko und Rudin

sahen das alles natürlich nicht und sie begriffen es auch nicht; sie

liefen einfach fort, wohin ein jeder nur konnte: Aleko zu den

Zigeunern, Rudin nach Paris, um dort auf den Barrikaden für eine

Sache zu sterben, die ihn gar nichts anging.“

Also sehen Sie mal, sie liefen _einfach_ fort. Oh, welch eine

Feuilletonistenleichtfertigkeit im Urteil! Und _wie_ einfach das alles

bei _Ihnen_ ist, wie klipp und klar und von vornherein schon

entschieden! Sie reden ja wahrlich in _fertigen Worten_, wie man zu

sagen pflegt. Übrigens, weshalb heben Sie es so nachdrücklich hervor,

daß Gogols Helden Russen waren – „und wie echte noch dazu!“ Das hat ja

nichts mit unserer Meinungsverschiedenheit zu schaffen! Wer weiß es denn

nicht, daß sie Russen waren? Auch Aleko und Onegin waren Russen, auch

wir, Sie und ich, sind Russen, und ein Russe, ein echter Russe, war doch

auch Rudin, der nach Paris „fortlief“, um dort für eine Sache zu

sterben, die ihn nach Ihrer Ansicht gar nichts anging. Aber gerade

deshalb ist er doch ein so echter Russe, eben weil diese Sache ihn

keineswegs so „gar nichts anging“, wie etwa einen Engländer oder

Deutschen, – denn eine europäische, eine universale, eine allmenschliche

Angelegenheit ist für einen Russen niemals gleichgültig. Und das ist

doch auch der Zug, der Rudin auszeichnet. Seine Tragödie bestand doch

hauptsächlich darin, daß er auf seinem Felde keine Arbeit fand und auf

ein anderes Feld ging und dort starb, nur war dieses Feld ihm durchaus

nicht so fremd, wie Sie annehmen. Um was es sich aber hierbei eigentlich

handelt, ist folgendes: alle diese Menschen Gogols, wie

Skwosnik-Dmuchanowskij und Ssobakewitsch, sind zwar Russen, das läßt

sich nicht leugnen, aber sie sind entartete, vom Volksboden getrennte

Russen, die, wenn sie das Volk auch von der einen Seite kennen, von der

anderen Seite des Volkes dagegen nichts ahnen, ja sie vermuten nicht

einmal, daß es eine solche andere Seite gibt – und das ist die ganze

Ursache des Unglücks dieser Menschen. Von der Seele des Volkes, von

allem dem, wonach das Volk sich sehnt, und um was es betet – von all dem

wußten sie nichts, denn sie verachteten das Volk über alle Maßen. Ja,

sie sprachen ihm die Seele einfach ab – außer im Moment der

‚Seelenrevision‘[27] natürlich. „Ssobakewitsch durchschaute vollkommen

seine Bauern,“ behaupten Sie. Das ist nicht möglich. Ssobakewitsch sah

in seinem Leibeigenen nur dessen Marktwert, den er an Tschitschikoff

verkaufen konnte. Sie behaupten, Skwosnik-Dmuchanowskij habe es

vortrefflich verstanden, mit den Kaufleuten umzugehen. Aber ich bitte

Sie! Lesen Sie doch nur die Rede dieses Skwosnik an die Kaufleute im

fünften Akt: so kann man allenfalls zu Hunden reden, aber nicht zu

Menschen – Sie jedoch nennen das „vortrefflich“ mit einem russischen

Menschen umgehen? Ist es möglich, daß Sie das wirklich „vortrefflich“

finden? Da wär’s doch besser, einfach Ohrfeigen auszuteilen und die

Menschen an den Haaren über die Erde zu schleifen.

In meiner Kindheit sah ich einmal auf der Landstraße einen Feldjäger

vorüberfahren – in einem prächtigen Uniformrock, einen Dreimaster mit

Federbesatz auf dem Kopf, – der den Postknecht während der rasenden

Fahrt unausgesetzt und ganz fürchterlich mit der Faust ins Genick und

auf den Rücken schlug, der Postknecht aber peitschte wiederum wie

wahnsinnig die in gestrecktem Galopp jagende Troika. Dieser Feldjäger

war natürlich von Geburt ein Russe, aber doch so verblendet und dem Volk

entfremdet, daß er sich anders nicht mit einem einfachen Russen

verständigen konnte, als mittels seiner riesigen Faust – anstatt aller

Worte. Und doch hat er sein Leben lang mit solchen Postknechten und

anderen Leuten aus dem Volk zu tun gehabt. Aber die Schöße seines

Uniformrocks und der Hut mit dem Federbesatz, sein Offiziersrang und

seine blankgeputzten Petersburger Stiefel waren ihm teurer, seelisch und

geistig teurer, nicht nur als der russische Bauer, sondern vielleicht

sogar teurer als ganz Rußland, das er kreuz und quer durchfahren und in

dem er doch aller Wahrscheinlichkeit nach so gut wie nichts

Bemerkenswertes gefunden hatte, nichts, das mehr wert gewesen wäre, als

einen Hieb seiner Faust oder einen Fußtritt mit seinem blankgeputzten

Stiefel. Seine Vorstellung von ganz Rußland beschränkte sich nur auf

seine Vorgesetzten, alles andere, was es außer dieser vorgesetzten

Behörde noch gab, schien ihm einer Existenz überhaupt nicht wert zu

sein. Wie könnte nun wohl ein solcher Mensch das Wesen des Volkes und

seine Seele begreifen! Er war zwar ein Russe, aber doch schon ein

„europäischer“ Russe, nur mit dem Unterschied, daß sein „Europäertum“

nicht etwa mit der Aufklärung begonnen hatte, sondern mit der

Ausschweifung, wie das ja bei vielen, sehr vielen der Fall ist. Ja,

diese Verderbnis ist bei uns schon mehr als einmal für das richtigste

Mittel zur Verwandlung des Russen in einen Europäer gehalten worden. Der

Sohn eines solchen Feldjägers wird vielleicht ein Professor, d. h.

bereits ein patentierter Europäer geworden sein. Also reden Sie doch

nicht von ihrem Verständnis des Volkswesens! Da taten Männer not wie

Puschkin, Chomjäkoff, Ssamarin, Aksakoff[28], die als erste von dem

wirklichen Wesen des Volkes zu sprechen anfingen. (Vor ihnen war von

diesem Wesen allerdings schon manchmal die Rede gewesen, aber diese Rede

hatte immer irgendwie klassisch und theatralisch geklungen!) Als aber

diese Männer endlich von der „Volkswahrheit“ zu reden anfingen, da sah

man sie erstaunt an und hielt sie für Epileptiker und Idioten, und man

glaubte, ihr Ideal sei: „Rettich zu essen und Denunziationen zu

schreiben“. Ja, Denunziationen! Sie setzten eben durch ihr Erscheinen

und ihre Ansichten alle so in Erstaunen, daß die Liberalen schon

bedenklich wurden und zu fürchten anfingen: wie, wollten diese

sonderbaren Leute sie nicht am Ende denunzieren? Nun urteilen Sie

selbst: sind von den heutigen Liberalen wohl schon viele weit abgekommen

von einer so lächerlich dummen Auffassung der Slawophilen?

Doch zur Sache! Sie sagen, Aleko sei von Dershimorda zu den Zigeunern

gelaufen. Gut, nehmen wir an, daß es sich so verhält. Aber das Schlimme

dabei ist, daß Sie selbst, Herr Gradowskij, mit vollkommener Überzeugung

Aleko das Recht auf diesen Widerwillen zusprechen. Sie sagen zwischen

den Zeilen ungefähr: „Es war ihm eben unmöglich, _nicht_ zu den

Zigeunern fortzulaufen, denn Dershimorda war doch gar zu gemein.“ Ich

aber behaupte, daß Aleko und Onegin in ihrer Art gleichfalls

Dershimordas waren, und in einer Beziehung sogar noch schlimmere. Nur

tue ich das mit dem Unterschied, daß ich nicht ihnen die Schuld daran

zuschreibe, da ich die Tragik ihres Schicksals vollkommen begreife, Sie

aber loben sie noch dafür, daß sie fortliefen: „So große und

interessante Menschen, wie sie waren, wie hätten sie sich mit solchen

Ungeheuern einleben sollen?“ meinen Sie, wenn Sie es auch nicht

aussprechen. Sie irren sich aber sehr. Da behaupten Sie auch gleich,

Aleko und Onegin wären durchaus nicht vom Boden losgerissen gewesen und

hätten durchaus nicht die Volkswahrheit verneint. Und nicht nur das:

„Sie waren auch durchaus nicht hochmütig“ – sogar das behaupten Sie.

Aber hier ist doch der Hochmut die gerade, logische und unvermeidliche

Folge ihrer Abstraktheit, ihrer Losgerissenheit vom Volksboden. Sie

können doch nicht leugnen, daß sie das Land nicht gekannt haben, da sie

in Instituten aufwuchsen und erzogen wurden, daß sie Rußland in

Petersburg, im Staatsdienst, kennen lernten und zum Volk immer im

Verhältnis des Herrn zum Leibeigenen standen. Und wenn sie auch auf

ihren Gütern in nächster Nähe der Bauern lebten, so kannten sie diese

doch nicht. Jener Feldjäger hatte auch sein Leben lang mit Postkutschern

zu tun gehabt und sah dennoch nichts anderes in ihnen, als Wesen, die

nur Schläge seiner Faust verdienten. Aleko und Onegin verhielten sich

Rußland gegenüber wie erhaben über alles, und waren hochmütig und

anmaßend und unduldsam, wie alle, die in einem vom Volk getrennten engen

Kreise leben, unter Bedingungen, die man mit „alles-frei“ bezeichnen

kann, nämlich frei sowohl von der Bauernarbeit wie auch von der

europäischen Kulturarbeit, von der sie gleichfalls die Nutznießung

gratis hatten. Gerade daraus aber – daß alle unsere intelligenten Leute

infolge einer gewissen historischen Entwicklung fast im Laufe der ganzen

letzten zwei Jahrhunderte unserer Geschichte sich in Müßiggänger, die

bloß ihre Hände pflegten, verwandelt haben, läßt sich ihre Abstraktion,

ihre Losgelöstheit vom Heimatboden erklären. Nicht an Dershimorda

scheiterte er, sondern an sich selbst, weil er sich Dershimorda und

dessen Herkunft nicht zu erklären verstand. Dazu war er viel zu stolz.

Aus diesem Grunde fand er auch keine Möglichkeit, auf dem eigenen Felde

zu arbeiten. Die anderen aber, die an diese Möglichkeit glaubten, hielt

er für Dummköpfe oder gleichfalls für Dershimordas. Und nicht nur in

seinem Verhalten zu Dershimorda war unser Skitaletz stolz, er war es

auch ganz Rußland gegenüber, denn nach seiner Überzeugung bestand

Rußland nur aus Sklaven und Dershimordas. Wenn es aber noch etwas

Edleres enthielt, so waren sie allein dieses Edlere, sie, Aleko und

Onegin, sonst aber niemand außer ihnen. Daraus folgte die Überhebung

ganz von selbst. Indem sie in ihrer Absonderung vom Volk verblieben,

mußten sie sich natürlich wundern, wie hoch sie in ihrer Bildung über

den gemeinen Dershimordas standen, selbstverständlich ohne auch nur das

Geringste von diesen zu begreifen. Wären sie nicht stolz gewesen, so

hätten sie begriffen, daß auch sie selbst Dershimordas waren, nach

dieser Einsicht aber hätten sie dann – und zwar gerade durch diese

Einsicht – vielleicht auch den Weg zur Versöhnung gefunden. Dem Volk

gegenüber aber empfanden sie eigentlich nicht einmal so sehr Stolz als

einfach Ekel, und zwar alle ausnahmslos. Sie werden das freilich nicht

glauben wollen, im Gegenteil, Sie geben nur oberflächlich zu, daß

einzelne Charakterzüge Alekos und Onegins allerdings nicht angenehm

sind, um mir gleich darauf den Text zu lesen und anmaßend zu behaupten,

ich hätte einen beschränkten Blick und es wäre wohl kaum vernünftig,

„die Symptome zu kurieren, die Wurzel der Krankheit aber unangerührt zu

lassen“. Sie glauben, daß ich, wenn ich sage: „Demütige dich, stolzer

Mensch“ – damit Aleko nur seine persönlichen Eigenschaften, seine

Privatfehler zum Vorwurf mache, den eigentlichen Grund des Übels jedoch

vollständig übersehe, „als läge das ganze Wesen der Sache nur in den

persönlichen Eigenschaften der Stolzen, die sich nicht demütigen

wollen“, wie Sie meinen. „Es ist ja noch gar nicht festgestellt,“ sagen

Sie, „wem gegenüber der Skitaletz denn nun eigentlich so stolz war, und

damit ist auch die Frage noch offen, wovor er sich denn hätte demütigen

sollen.“ Das ist mir denn doch ein gar zu hochmütiger Einwurf von Ihnen!

Ich glaube, ausdrücklich gesagt zu haben, daß der Skitaletz ein Produkt

der historischen Entstehung unserer Gesellschaft ist, folglich wälze ich

doch nicht die ganze Schuld nur auf seine Person, auf seine persönlichen

Eigenschaften. Sie haben das gelesen, denn ich habe es geschrieben und

es steht gedruckt, weshalb übergehen Sie es also? Sie zitieren meinen

ganzen Passus über das „Demütige dich“ und schreiben dann von sich aus:

„Mit diesen Worten hat Herr Dostojewski das ‚Allerheiligste‘ seiner

Überzeugungen ausgesprochen, das, was zugleich die Stärke und

Schwäche des Autors der ‚Brüder Karamasoff‘ ausmacht. In diesen

Worten ist ein großes _religiöses_ Ideal enthalten, eine mächtige

Predigt _persönlicher_ Ethik, aber es fehlt jede Andeutung

_sozialer_ Ideale.“

Und darauf beginnen Sie sogleich, die Idee der „persönlichen

Vervollkommnung im Geiste der christlichen Liebe“ zu kritisieren. Auf

Ihre diesbezügliche Meinung werde ich noch zu sprechen kommen, zunächst

will ich Ihnen Ihre ganze Unterlage, die Sie, wie es scheint, zu

verbergen wünschen, aufdecken und sie Ihnen zeigen, und zwar

folgendermaßen: Sie ärgern sich über mich nicht nur deshalb, weil ich

dem Skitaletz manches zum Vorwurf mache, sondern weil ich in ihm nicht

wie Sie die Idealgestalt sittlicher Vervollkommnung sehe und ihn nicht

für den gesunden Russen halte, wie er nur sein kann und sein soll. Daß

Sie trotzdem zugeben, Aleko und Onegin hätten freilich einige

„unsympathische Charakterzüge“, ist nur eine Finte von Ihnen. Ihrer

inneren Auffassung nach, die Sie aus irgendeinem Grunde nicht ganz

aussprechen wollen, ist der Skitaletz der Typ des normalen und

ästhetischen Menschen, letzteres schon deshalb, weil er von Dershimorda

fortläuft. Sie sind sogar höchst ungehalten, wenn jemand es wagt, in

diesem Typ auch nur einen Fehler zu finden. Sie sagten bereits

unumwunden: „Es ist doch sinnlos, zu behaupten, daß sie an ihrem Stolz

gescheitert seien und sich nicht vor der Volkswahrheit hätten demütigen

wollen.“ Und zum Schluß behaupten Sie noch mit Eifer, daß gerade diese

unsere Menschenklasse die Bauern befreit habe. Sie schreiben:

„Sagen wir mehr: wenn in der Seele der besten dieser Skitaltzy aus

der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts ein Gedanke lebte, so war das

gerade der Gedanke an das Volk, und ihr glühendster Haß galt gerade

der Sklaverei, die dieses Volk bedrückte. Gewiß haben sie auf ihre

Art das Volk geliebt und die Leibeigenschaft gehaßt, meinetwegen

‚als Europäer‘, wenn man will. Aber wer war es denn, wenn nicht sie,

die unsere Gesellschaft zur Aufhebung der Leibeigenschaft

vorbereiteten? Wo sie konnten, haben auch sie dem ‚eigenen Acker‘

gedient, anfangs als Verbreiter der Befreiungsidee, dann aber als

Vermittler, als welche sie in erster Reihe wirkten.“

Das ist es eben, daß die Skitaltzy die Leibeigenschaft in ihrer Art

haßten, eben „europäisch“ haßten, darin liegt ja der ganze Kern der

Sache. Das ist es eben, daß sie die Leibeigenschaft nicht um der

russischen Bauern willen haßten, um des Russen willen, der für sie

arbeitete, als ihr Leibeigener, dessen Arbeit sie ernährte und der

folglich auch von ihnen – wenn sie es auch in Gemeinschaft mit anderen

taten, so doch immerhin auch von ihnen – geknechtet wurde. Wer verbot

ihnen denn, wenn sie schon so sehr unter dieser Beleidigung ihres

staatsbürgerlichen Gefühls litten, daß sie zu den Zigeunern liefen oder

auf die Barrikaden nach Paris – wer hinderte sie denn, ganz einfach

wenigstens ihre eigenen Bauern zu befreien und einen Teil des eigenen

Landes unter ihnen zu verteilen, um damit wenigstens das eigene Gewissen

von diesem Unrecht und sich selbst von der persönlichen Verantwortung

freizumachen? Aber von solchen Befreiungen hat man seltsamerweise nicht

viel gehört, staatsbürgerliches Wehgeschrei dagegen ertönte doch genug

und allerorten. „Das Milieu“, heißt es ja wohl, „das Milieu war die

Fessel, und wie hätte er sich selbst seines Vermögens berauben sollen?“

Aber weshalb denn nicht, wenn die Bauern ihm schon so leid taten, daß er

auf die Barrikaden lief? Ja, sehen Sie, das war es nun wieder, daß man

in diesem „Städtchen Paris“ nicht ohne Geld auskam, selbst wenn man an

den Barrikadenkämpfen teilnahm, die Leibeigenen aber – schickten den

Zins. Oder man machte es noch einfacher: man verpfändete oder verkaufte

die Bauern, oder tauschte sie ein (war das nicht ganz gleich?), und

hatte man das Kapital flüssig gemacht, dann fuhr man nach Paris, um dort

behilflich zu sein, französische radikale Journale und Revuen

herauszugeben, jetzt schon zum Heil der ganzen Menschheit, und nicht nur

des russischen Bauern. Sie versichern, Herr Gradowskij, daß der Kummer

um den leibeigenen Bauer sie alle gepeinigt habe? Nun, es war wohl nicht

gerade ein Kummer wegen der Leibeigenschaft der russischen Bauern,

sondern der ganz abstrakte Kummer wegen der Knechtschaft des

Menschengeschlechtes im allgemeinen: „Die sollte es doch überhaupt nicht

mehr geben, sie ist rückständig, sie verträgt sich nicht mit der

Aufklärung! _Liberté, Egalité et Fraternité!_“ – nur daran dachten sie.

Was jedoch den russischen Bauern persönlich anbelangt, so hat der Kummer

um ihn diese großen Herren ganz gewiß nicht allzu sehr geplagt. Ich habe

eine Menge vertraulicher Meinungsäußerungen sehr, sogar sehr

„gebildeter“ Herren der guten alten Zeit gehört und genau im Gedächtnis

behalten. Zum Beispiel: „Die Sklaverei ist ja freilich ein

fürchterliches Übel, das steht außer Frage,“ äußerten sie, wenn sie

unter sich waren, „aber wenn man es genau betrachtet, so ist doch unser

Volk – ja, ist denn das überhaupt ein Volk? Kann man es denn auch nur

entfernt z. B. mit dem Pariser Volk von siebzehnhundertdreiundneunzig

vergleichen? Es hat sich ja doch schon an die Sklaverei gewöhnt, sein

Gesicht, seine ganze Gestalt drückt schon den Sklaven aus, ja, und wenn

Sie wollen – die Rute zum Beispiel ist ja natürlich eine schreckliche

Gemeinheit, im allgemeinen gesprochen, aber beim russischen Bauern ist

sie doch, bei Gott, ganz unentbehrlich. Unser Bäuerlein muß die Rute zu

fühlen bekommen, sonst wird’s trübselig. Tja, nichts zu machen, aber so

ist es nun einmal, unser Volk!“ heißt es – das habe ich seinerzeit mit

eigenen Ohren gehört, ich schwöre es, und sogar von sehr gebildeten

Leuten. Das ist die sogenannte „nüchterne Wahrheit“.

Onegin wird seine Leibeigenen wahrscheinlich nicht geprügelt haben,

obschon es schwerhält, hierüber mit Bestimmtheit etwas auszusagen; aber

Aleko – nun, was diesen betrifft, so bin ich überzeugt, daß er seine

Leibeigenen mitunter hat prügeln lassen, allerdings nicht aus

Herzenshärte, sondern fast sogar aus Mitleid, fast sogar um des Guten

willen, in dem Sinne etwa wie: „Das ist doch für ihn eine Notwendigkeit,

ohne sie kommt er doch nicht aus, er kommt ja selber und bittet: ‚Straf

mich, Herr, mach mich wieder zum Menschen, bin ganz aus der Zucht

geraten!‘ Was soll man denn mit solch einer Natur anfangen, sagen Sie

doch gefälligst? Nun, und so tut man ihm denn den Gefallen!“

Ich wiederhole es, ihr Gefühl für den Bauern grenzte oft an Ekel vor

ihm. Und wieviel schmutzige Anekdoten wurden unter ihnen vom Bauern, von

seiner Sklavenseele, seinem „Götzendienst“, seinem Popen und seinem

Weibe erzählt, und zwar ganz leichten Herzens, zuweilen von Leuten,

deren eigenes Familienleben fast einem Bordelleben glich. Oh, versteht

sich, das geschah ja nicht immer in irgendeiner bösen Absicht, sondern

nur aus übermäßigem Eifer bei der Aufnahme der letzten europäischen

Ideen, die nach unserer Art aufgefaßt wurden, und geschah gleich mit der

ganzen russischen Leidenschaftlichkeit. Sie waren eben in allem Russen!

Oh, die russischen sich grämenden „Skitaltzy“ waren bisweilen große

Schelme, Herr Gradowskij, und gerade diese kleinen Anekdoten vom

russischen Bauern und die Geringschätzung für ihn (wenn nicht

Verachtung) haben in den Herzen dieser Herren ihrem Kummer ob der

Leibeigenschaft immer die Spitze dadurch abgebrochen, daß er einen

gewissen abstrakt universalen Charakter annahm. Mit einem solchen Kummer

aber läßt es sich noch ganz gut, sogar sehr gut leben, namentlich wenn

man sich dabei geistig von der Betrachtung seiner eigenen moralischen

Schönheit und der Erhabenheit nährte, die man im Fluge seiner

staatsbürgerlichen Ideen entwickelte, und körperlich, nun – körperlich

immerhin vom Zins dieser selben Bauern, und sogar wie noch, sich nährte!

Da fällt mir soeben eine Geschichte ein, die vor kurzem ein alter Herr

im Journal zum besten gab. Es war im Sommer 1845 auf einem in der Nähe

von Moskau belegenen entzückenden Landgut, dessen Besitzer, nach den

Worten dieses alten Herrn, „grandiose Diners“ zu geben pflegte. So

hatten sich dort wieder einmal die humansten Professoren, die

seltsamsten Liebhaber und Kenner der schönen Künste und noch manches

anderen, die berühmtesten Demokraten, die sich in der Folge sogar als

Staatsmänner ausgezeichnet und fast einen Weltruf erworben haben, ferner

Kritiker, Schriftsteller und die reizendsten Damen, sie alle Menschen

von höchster geistiger Entwicklung, versammelt. Und plötzlich bricht die

ganze Gesellschaft auf, wahrscheinlich nach einem Diner mit Champagner,

getrüffelten Pasteten und meinetwegen Vogelmilch (es muß doch etwas

Besonderes gegeben haben, wenn man die Diners „grandios“ nennt), um

einen Spaziergang zu machen. Auf dem Felde im reifen Roggen treffen sie

eine Schnitterin. Nun, die Feldarbeit ist doch wohl nichts weniger als

leicht: die Bauern stehen um 4 Uhr morgens auf, um dann bis zum Abend

das Korn zu schneiden – zwölf Stunden gebückt unter sengenden

Sonnenstrahlen. Und dort im Roggen findet nun unsere Gesellschaft die

Schnitterin in – können Sie sich das vorstellen! – in „primitivem

Kostüm“ (das heißt wohl einfach im Hemde?)! Wie entsetzlich! Alle

Friedensgefühle und Humanitätsbegriffe sind vor den Kopf gestoßen, und

sogleich läßt sich eine beleidigte Stimme vernehmen: „Von allen Weibern

ist es nur das russische Weib, das sich vor keinem Menschen schämt!“ Und

darauf, versteht sich, sogleich die Folgerung: „Nur das russische Weib

ist von allen das einzige, vor dem sich niemand schämt“ (d. h. nicht zu

schämen braucht, etwa, als müsse es so sein!). Es kam zum Streit.

Einzelne verteidigten die Bäuerin, aber was waren das für Verteidiger

und mit welchen Entgegnungen hatten sie zu kämpfen! Und so etwas

war möglich in einer Gesellschaft von diesen meist aus dem

Gutsbesitzerstande hervorgegangenen „Skitaltzy“, die sich lukullisch

sattgegessen, Champagner und Austern geschlürft hatten – und zwar für

wessen Geld? Für ein Geld, das sie aus der Bauern Arbeit bezogen! Für

Sie, meine Herren Weltschmerzleidende, arbeitet diese Bäuerin doch, für

das aus ihrer Arbeit gewonnene Geld haben Sie sich doch sattgegessen!

Weil sie im hohen Roggen, wo niemand sie sehen konnte, gequält von Hitze

und Schweiß, ihren Rock ausgezogen und im Hemde arbeitet – deshalb soll

sie schamlos sein, soll sie Ihr Schamgefühl verletzt haben – „von allen

Weibern das schamloseste!“ – ach Sie Keuschheitspriester! Aber Ihre

Pariser Zerstreuungen und Ihre Erlebnisse im „Städtchen Paris“ und der

Cancan im Jardin Mabille, vor dem unsere russischen Herren wie Butter an

der Sonne zergehen – selbst wenn von ihm nur die Rede war, und das nette

Liedchen –

„_Ma commère quand je danse_

_Comment va mon cotillon?_“

mit dem graziösen Raffen des Röckchens und dem Ruck mit dem

Hinterteilchen dazu – das alles empört unsere schamhaften Herren

keineswegs, im Gegenteil, es zieht sie sogar ungeheuer an!

„Aber ich bitte Sie, das ist bei ihnen doch alles so graziös, dieses

Cancanchen, dieses Röckchen und ... na ja – das sind doch in ihrer Art

die elegantesten _Articles de Paris_, hier aber – wie kann man das

überhaupt vergleichen: hier ist’s doch nur ein Weib, ein russisches

Bauernweib, ein Klotz, ein unbehauener Klotz!“

Nein, das war sogar nicht einmal bloßes Überzeugtsein von der Gemeinheit

unseres Bauern und Volkes, da war die Ansicht schon ins Gefühl

übergegangen, schon zum Gefühl geworden, da verriet sich bereits eine

physische Empfindung des Ekels vor unserem Bauern – oh, natürlich nur

eine unwillkürliche, fast unbewußte Empfindung, die sie selbst

vielleicht gar nicht bemerkten. Und ich muß gestehen, ich kann mit Ihrem

kapitalen Streitsatz keineswegs übereinstimmen, Herr Gradowskij: daß

diese „Skitaltzy“ es gewesen seien, die in unserer Gesellschaft für die

Befreiung der Leibeigenen vorgearbeitet hätten. Vielleicht mit

abstraktem Geschwätz, indem sie ihren bürgerlichen Kummer nach allen

Regeln überall hervorkehrten – oh, natürlich kam schließlich alles der

Sache zugute. Bewirkt aber haben die Befreiung der Bauern, geholfen

haben denen, die die Befreiung durchführen wollten, eher solche Männer

wie z. B. Ssamarin[29], nicht aber Ihre Skitaltzy. Jener anderen

dagegen, jener vom Schlage eines Ssamarin, die wohl in keiner Beziehung

den Alekos und Onegins glichen, gab es doch damals gar nicht so wenige,

und die halfen alle bei der großen Arbeit mit, Herr Gradowskij, von

ihnen aber reden Sie natürlich kein Wort. Ihren Leuten jedoch ist die

Geschichte, nach allen Anzeichen zu urteilen, sehr bald langweilig

geworden, und sie begannen wieder zu schmollen. Sie wären auch keine

„Skitaltzy“ gewesen, wenn sie sich anders verhalten hätten. Als sie dann

nach der Aufhebung der Leibeigenschaft erst das Geld für ihre

losgekauften Bauern erhalten hatten, da verkauften sie auch ihr übriges

Land an Aufkäufer zum Aussaugen und ihre Wälder zum Abholzen. Sie selbst

siedelten ins Ausland über und führten bei uns den Absentismus ein ...

Sie werden mit mir darin natürlich nicht übereinstimmen, Herr Professor,

aber was soll ich denn tun: es ist mir nun einmal absolut unmöglich, den

Ihnen so teuren, der oberen Schicht entstammenden liberalen Russen für

das Ideal des normalen echten Russen anzuerkennen, für den besten Typ,

der der Rasse angeblich jemals wirklich war, ist und sogar in Zukunft

sein soll. Ich sehe nur, daß dieser Typ in den letzten Dezennien wenig

auf dem Arbeitsfelde seines Volkes geleistet hat. Und diese Auffassung

halte ich für etwas richtiger und begründeter als Ihre Dithyrambe auf

jene Herren.

Sämtliche Werke 12 · 第 25 / 44 题