Seine Bedeutung

Wenn wir die Entwicklung Dostojewskis verfolgen, so sehen wir, daß mit

ihm dasselbe geschah, was nun schon seit dem achtzehnten Jahrhundert mit

allen unseren großen Schriftstellern geschehen ist: alle begannen sie

damit, daß sie sich für das _Fremde_ begeisterten, und alle kehrten sie

später zum _Eigenen_ zurück. So war es zum Teil mit Vonwisin und so

geschah es sehr ausgesprochen bei Karamsin, Gribojedoff, Puschkin und

Gogol. Dostojewski ist in dieser Beziehung ein neues Ärgernis für unsere

Westler, ein neuer und wichtiger Grund für sie, über unsere russische

Literatur aufgebracht zu sein.

Diese innere Umkehr, die sich in den Besten von uns vollzieht, wird oft

Verrat und Abtrünnigkeit genannt; doch gerade bei Dostojewski ist am

deutlichsten zu sehen, daß es sich hierbei nur um Entwicklung handelt,

um die Aufdeckung der Anlagen, die in der Natur des Menschen liegen,

nicht aber um einen Eintausch fremder Gedanken gegen andere fremde

Gedanken. Dostojewski ist von seinem ersten bis zu seinem letzten Werk

ein und derselbe; er konnte sich nicht verändern, denn schon in seinem

ersten Werk ist seine ganze Seele zu erkennen, die ganze Art seiner

Lebensauffassung. Von der Natur dieser Seele hing es ab, welche

Einflüsse auf sie einwirkten. Und diese Einflüsse waren: die russische

Literatur und das russische einfache Volk.

Als ich Dostojewski kennen lernte, war er ein glühender Verehrer

Puschkins und Gogols. Diese beiden Riesen unserer Literatur spiegeln

sich schon in seinem ersten Werk „Arme Leute“ in bemerkenswerter Weise

wieder. Hier finden wir es unmißverständlich ausgedrückt, daß der Autor

mit Gogol nicht ganz zufrieden ist und nur in Puschkin seinen

unmittelbaren Führer sieht. Der kleine Beamte Makar Djewuschkin, der

Held in „Arme Leute“, der auffallend an Gogols Held im „Mantel“ und in

den „Aufzeichnungen eines Irrsinnigen“ erinnert, ist sehr eingenommen

von Puschkins „Stationsaufseher“. Er kann die Novelle nicht genug loben

und bedauert sehr den armen Helden der Erzählung. Bald darauf liest er

aber Gogols Novelle „Der Mantel“, und die macht auf ihn einen geradezu

niederschmetternden Eindruck. Er ist aufs tiefste verletzt, da er in

dieser schonungslosen Darstellung sich selbst erkennt, er betrinkt sich

vor Leid und es widerfährt ihm infolgedessen ein Unglück nach dem

anderen. So wird denn die schonungslose Ironie Gogols als gar zu

grausame und herzlose Darstellung der Menschen vom Autor verurteilt. Und

noch mehr wird sie verurteilt durch die Art, wie Djewuschkin selbst

geschildert ist. Während in den Gestalten Gogols nur grauenvolle Leere

und Gemeinheit zu sehen ist, besitzt dieser Makar Djewuschkin Schätze an

Zartheit und Selbstverleugnung, und Herzenszüge, deren Schönheit er

selbst nicht einmal ahnt. Während niemand Gogols Akakij Akakijewitsch

oder Poprischtschin sein wollte, muß jeder Leser mit Neid auf den

unglücklichen Makar Djewuschkin blicken und sich gestehen, daß zwischen

dieser seelischen Schönheit und seiner eigenen Seele ein weiter Abstand

ist.

Das war Dostojewskis erster Schritt, im Jahre 1846 – eine kühne und

entschlossene Korrektur Gogols. Es war das zugleich eine entscheidende

Wendung in unserer Literatur. Ihre Bedeutung lag darin, daß die

Korrektur Gogols unentbehrlich war, daß unsere Literatur sie unbedingt

ausführen _mußte_ und sie auch noch bis zum heutigen Tage ausführt, daß

man in gewissem Sinne auch alle unsere anderen großen Schriftsteller,

Ostrowski, wie L. N. Tolstoi, eine Korrektur Gogols nennen und darin

ihre größte Originalität sehen kann. Dostojewski aber begann sie als

erster.

Gogol hat sich nicht grundlos gequält, nicht grundlos alle seine Kräfte

angespannt, um etwas Neues zu schaffen. Diese gespannt feinfühlige

Stimmung, in der sich die Gemeinheit des Seienden so deutlich Gogol

offenbarte, war am Ende unerträglich. Ein unüberwindlicher Ekel erhob

sich in ihm bei der Betrachtung des russischen Lebens, dieses Lebens, in

dem alles Gute sich schamhaft und hartnäckig in der Tiefe verbirgt,

während das Gemeine und Schmutzige auf der Oberfläche paradiert und

allen in die Augen springt. Gewiß hat Gogol die „heimlichen Tränen“

vergossen, von denen er spricht; aber das waren Tränen des Mitleids

eines ekstatischen Idealisten, nicht aber Tränen der Liebe. Und je mehr

wir in den Sinn der ganzen Literatur nach Gogol, die mit Dostojewski

beginnt, eindringen, um so klarer erkennen wir Gogols Grundfehler und

die ganze dringende Notwendigkeit, die unsere neueren Schriftsteller

empfanden – die Einseitigkeit zu vermeiden und einen neuen Weg

einzuschlagen.

Zweifellos wird man Dostojewskis Werke einmal anders auslegen; man wird

aus ihnen Schlüsse ziehen und mit ihnen Gefühle nähren, die Dostojewskis

wahren Gedanken und Gefühlen aufs tiefste widersprechen. Unsere

Intelligenz hat sich gar zu sehr daran gewöhnt, in gewissen Geleisen zu

denken. Es gibt zwei Gefühle, die für das Seelenleben unserer gebildeten

Leute außer den täglichen Lebensinteressen gewöhnlich bestimmend sind:

das eine davon ist das Gefühl des Unwillens, des sogenannten edlen

Unwillens über jegliches Böse und Gemeine in Rußland; das andere ist das

Gefühl des Mitleids mit Rußland, ein mitleidvolles Erkennen seiner

Armseligkeit und seines tragischen Loses. Beide Gefühle sind sehr gut,

jedoch zum Unglück nur durch einen gar zu dünnen Strich von schlechten

Gefühlen getrennt: der Unwille grenzt an Erbitterung und das Mitleid an

Selbstüberhebung, so daß oft Menschen, die sich anscheinend beständig

edelster Stimmung hingeben, im Grunde nur ihre schlechten Eigenschaften

nähren und nur aus ihnen ihren ganzen Edelsinn schöpfen. Von Dostojewski

kann ich dagegen mit aller Bestimmtheit bezeugen, daß ihn niemals auch

nur entfernt die Achtung vor seinem großen Vaterlande verlassen hat und

der Unwille bei ihm niemals zur Erbitterung geworden ist. In dieser

Hinsicht ist er für uns alle ein Beispiel. Man bedenke doch nur, wieviel

er unter den bestehenden Verhältnissen zu leiden hatte! Und dennoch war

nach allem, was er ausgestanden, nicht die leiseste Erbitterung in ihm

und ebensowenig maßte er sich ein Recht auf die Autorität an, die die

Gesellschaft bei uns so gern denen zuspricht, die gelitten haben, oder

die die Märtyrer sich oft eigenmächtig beimessen. Überhaupt war an ihm

die Entwicklung der Persönlichkeit, die ungewöhnliche seelische Energie

auffallend. Ich habe ihn in den schwersten Stunden gesehen, doch niemals

ließ er den Mut sinken, ja ich glaube sogar, daß man solche Umstände gar

nicht ersinnen könnte, unter denen er wirklich zusammengebrochen wäre.

So spricht er denn aus seiner eigenen Seele, wenn er einen seiner

Helden, Dmitri Karamasoff, sagen läßt: „... ich habe soviel Kraft in

mir, daß ich alles besiegen werde, alles werde ich überwinden, alles

Leid, nur um mir immer wieder sagen zu können: Ich bin! Unter tausend

Qualen – ich bin! Wenn ich mich auch auf der Folterbank krümme – aber

ich bin!“ Es war in ihm ein unerschöpflicher Kräftevorrat, der nach

jedem Nachlassen und sogar Sinken seines Schaffens sich immer wieder von

neuem zu noch höheren Schöpfungen emporschwang. Es war dabei etwas

Rätselhaftes in ihm. Neue Gestalten, neue Pläne tauchten beständig vor

ihm auf, belagerten ihn geradezu und störten ihn bei der Arbeit. Deshalb

sind auch einzelne seiner Romane ganze Knäule durcheinandergeflochtener,

verwickelter Themen.

Und so schildert er denn unermüdlich seine Gestalten, macht sie aber

nicht wie Viktor Hugo zu Theaterhelden, läßt sie weder Wunder, noch

Heldentaten vollbringen. Er hält sich unentwegt an den strengen

Realismus, der das Vermächtnis Gogols war, aber selbst unter der größten

Verkommenheit versteht er noch menschliche Züge zu entdecken. Dabei ist

in jeder Schilderung Dostojewskis soviel Wahrheit, eine solche Tiefe

seelischer Wahrheit enthalten, daß man den unmittelbaren Eindruck der

Wirklichkeit selbst zu erleben glaubt. Der Fieberzustand seines Idioten,

die Qualen eines Verbrechers oder eines Selbstmörders, Fieberträume,

Hallucinationen – alles ist verständlich und klar wiedergegeben. Der

Leser verfolgt mit Spannung die Gedanken und Gefühle von Personen, von

denen er früher überhaupt keine Vorstellung hatte, und sieht mit

Verwunderung, daß diese Gedanken und Gefühle in der eigenen Seele einen

Widerhall finden.

Leid, Verzweiflung, Verbrechen, Krankheit – das sind die stets

wiederkehrenden Themen Dostojewskis. Aber was ist denn ihr Sinn, welches

ist ihr Ergebnis? Etwa wieder Mutlosigkeit und Bitterkeit? O nein,

sondern _Verzeihen_ und _Liebe_. Das ist der herrschende Gedanke, den er

so glühend und unerschrocken in seinem letzten Roman („Die Brüder

Karamasoff“) offen ausspricht. In diesem Ideal Christi fand er die

Rechtfertigung seiner beständigen Liebe zum einfachen russischen Volk

und fand er den höheren Sinn seiner ganzen, großen, heißen

Vaterlandsliebe. Die Liebe zum einfachen Volk, zum _Erdboden_, wie er es

nannte, ist eine bedeutungsvolle Erscheinung in unserer Literatur

überhaupt. Die Erkenntnis der geistigen Schönheit und geistigen

Gesundheit, die das Volk sich erhalten hat, während wir sie eingebüßt

haben, hat bei uns schon lange begonnen und wächst mit jedem Tage. Einem

Menschen aber wie Dostojewski, der mit solcher Liebe Volkstypen

geschildert hat (bereits in seinen „Aufzeichnungen aus einem

Totenhause“) – einem solchen Menschen konnte der Hauptnerv des

Volkslebens natürlich nicht verborgen bleiben: Das hohe Ideal der

Heiligkeit. Zu diesem Ideal streben sowohl unsere einfältigsten Seelen,

wie unsere größten Geister, die bisweilen lange auf anderen Wegen

umherirren, bevor sie diesen Weg finden. Wir wissen bereits, daß das

Ideal Christi zum höchsten Ideal auch unseres anderen großen Dichters

geworden ist – des Grafen L. N. Tolstoi. Die Zusammenhänge sind bei ihm

dieselben wie bei Dostojewski. Auch er hat mit dem ganzen volklichen

Verstehen seines großen künstlerischen Gefühls in langer, liebevoller

Beobachtung des Volkes dessen Ideal erkannt. Diese Übereinstimmung mit

Dostojewski ist auffallend. Persönlich kannten sie sich nicht, doch

hatten sie in der letzten Zeit immer die Absicht, sich kennen zu lernen.

Ich erlaube mir, einige Zeilen aus einem Brief Tolstois, den ich im

September des vorigen Jahres von ihm erhielt, hier anzuführen. Er

schreibt:

„Ich verstehe nicht das Leben derjenigen Menschen in Moskau, die es

selbst nicht verstehen. Aber das Leben der Mehrzahl – der Bauern,

der Pilger und noch mancher Leute, die selbst ihr Leben verstehen –

verstehe auch ich und liebe es über alles. Ich fahre fort, dafür zu

arbeiten und wie mir scheint, nicht fruchtlos. Unlängst fühlte ich

mich nicht wohl und da nahm ich ‚das Totenhaus‘ zur Hand. Ich hatte

vieles vergessen, da las ich es nun wieder, und ich muß sagen, ich

kenne kein besseres Buch in der ganzen neuen Literatur, Puschkin

nicht ausgenommen. Nicht der Ton, sondern der Standpunkt ist ein so

natürlicher, wahrer und christlicher. Es ist ein gutes, belehrendes

Buch. Ich hatte gestern den ganzen Tag eine Freude daran, wie ich

mich lange nicht gefreut habe. Wenn Sie Dostojewski sehen, so sagen

Sie ihm, daß ich ihn liebe.“

(26. Sept. 1880).

Ich brachte diesen Brief Fjodor Michailowitsch, und das war einer der

schönsten Augenblicke für ihn, und auch für mich als Zeugen.

So findet denn in der Liebe zum Volk, aus der sich eine treue

Ergebenheit zum Volksideal entwickelt, das Schaffen unserer zwei besten

Künstler des Wortes seine Vollendung.

Hieraus offenbart sich uns am deutlichsten der Sinn der Schöpfungen

Dostojewskis. Außer seiner allgemeinen Sympathie zu allen „Erniedrigten

und Beleidigten“, hatte er, besonders in der zweiten Hälfte seines

Schaffens, noch eine bestimmte Aufgabe: die kranken Seiten unserer vom

Volk losgerissenen Gesellschaft aufzudecken. Er zeigt uns zwei Arten von

Typen: die „Nihilisten“, die sich in den letzten Jahrzehnten bei uns

entwickelt haben, und die älteren Typen der „vierziger Jahre“. So spielt

in seinem letzten Roman das Drama zwischen dem alten Karamasoff, der die

Anschauungen der vierziger Jahre teilt, und seinen Söhnen, Iwan und

Ssmerdjäkoff, dem Nihilisten. Mit unvergleichlicher Tiefe und Feinheit

zeichnet Dostojewski die Entartung dieser Seelen durch unsere sogenannte

Aufklärung. Sowohl hier wie in seinen anderen Romanen gehört sein

größeres Mitgefühl der jungen Generation, eben Iwan, in dem die ernste,

aufrichtige Überzeugungstreue – wenn auch die Überzeugungen falsch sind

– so dargestellt ist, daß sie zu Dichtung und Großartigkeit wird. Am

wenigsten schonte Dostojewski die Menschen der „vierziger Jahre“, was

aus seinen Werken nur zu deutlich hervorgeht; es ist geradezu, als könne

er ihnen nicht mehr vergeben, und so machte er sie entweder lächerlich,

wie z. B. Stepan Trofimowitsch in den „Dämonen“, oder ekelhaft

abstoßend, wie Fjodor Pawlowitsch Karamasoff, der gleichsam aus dem

Leben ausgeschnitten erscheint. Zu den Nihilisten aber verhielt er sich,

man kann sagen, mit väterlichem Kummer, mit väterlichem Mitgefühl. Und

unsere junge Generation begriff allmählich, mit welch einem Herzen er

sich zu ihr wandte und antwortete ihm mit Bezeugungen ihres Herzens.

In seinem letzten großen Roman hat Dostojewski klarer als in allen

anderen Romanen auch die positive Seite Rußlands gezeigt. Rußland

besteht doch nicht nur aus entarteten Westlern, wie der alte Karamasoff

einer ist, – und aus gedanklich so maßlos vermessenen Nihilisten wie

sein Sohn Iwan. Durch den unglücklichen Diener Ssmerdjäkoff ist der

Vatermord geschehen, dessen Schuld zu gleichen Teilen auf den Vater

dieses Dieners wie auf seinen Halbbruder Iwan fallen muß, der diese

bedauernswerte Kreatur irregeführt hat. Doch außer ihnen gibt es noch

Dmitri Karamasoff, den gewöhnlichen Russen, den barbarischen Recken, in

dem viel Böses, aber auch viel Gutes ist, und der bereit ist, für die

Schuld der anderen zu büßen. Auch hat uns Dostojewski noch im jungen

Aljoscha Hinweise gegeben, die wie Verheißungen für die Zukunft sind.

Und der Liebling des Dichters, Iwan Karamasoff, der in der Seele, im

Geiste den Vater erschlagen hat, wie die Nihilisten im Geiste Rußland

erschlagen wollen, Iwan wird von seinem Gewissen wie vom Donner gerührt,

und wenn er die Krankheit übersteht, wird er zur Besinnung kommen und

ein anderer Mensch werden. Das sollten wir nicht vergessen und auch uns

danach richten.

So seien wir denn stark und mutig wie Dmitri Karamasoff, der sich durch

kein Unglück brechen läßt; lernen wir es, fremde Schuld zu tragen und zu

verzeihen, denn es ist wahr, was er sagt: „Alle sind für alle schuldig.“

Das sind Züge des wahren russischen Geistes, des Geistes, in dem das

ganze Rußland lebt und wächst und stark ist. Lernen wir es, Rußland mit

dieser Liebe zu lieben, die in den „Brüdern Karamasoff“ atmet, und auf

unsere Heimat nicht wie ihre Sklaven mit einem Gefühl der Erniedrigung

zu blicken, und auch nicht mit Überhebung wie ihre Herren und Lehrer,

sondern mit dem Gefühl, mit welchem Söhne auf ihre Mutter sehen.

Versuchen wir, „aufzuerstehen“, wie Dmitri Karamasoff träumt, und, wie

er sagt, einen „neuen Menschen“ in uns zu erziehen, um ein Recht auf die

Stellung des Sohnes zu unserer Mutter zu haben: auf daß das Ideal der

Christlichkeit, das die Seele unseres großen Landes erfüllt, auch zu

unserem Ideale werde. Ich denke, dies ist es, was Dostojewskis großes

Vermächtnis uns gebietet.

_N. N. Strachoff._

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