Die Beerdigung

Die Beerdigung Dostojewskis wurde zum Anlaß einer Kundgebung, die alle

in Erstaunen setzte. Einen solchen Andrang von Menschen, so zahllose

Beweise von Trauer und Verehrung hatten selbst die leidenschaftlichsten

Anhänger des Toten nicht erwartet. Man kann wohl behaupten, daß es eine

solche Beerdigung in Rußland noch nie gegeben hat. Dabei muß man nicht

vergessen, daß Dostojewski ganz unerwartet starb, daß viele von seinem

Ableben erst spät erfuhren, so daß in der kurzen Zeit bis zu seiner

Beerdigung irgendwelche Verabredungen nicht möglich waren. So handelte

jeder Verein, jede Schule aus eigenem Antrieb und jede der

zweiundsiebzig Deputationen, jeder der fünfzehn Sängerchöre unabhängig

von den anderen.

Und so einfach, so selbstverständlich, so ruhig und feierlich vollzog

sich alles. In der Kirche des Heiligen Geistes war nicht nur der Sarg

auf dem hohen Katafalk mit Blumen und Kränzen vollständig bedeckt, es

standen auch noch ringsum und hingen sogar an den Wänden riesige Kränze,

die der Kirche eine ganz besondere, eigenartige, weihevolle Stimmung

verliehen. Das Gedränge war groß, doch nichtsdestoweniger herrschte

vollkommene Stille. Durch die Ehrung, die man dem toten Schriftsteller

erwies – und an der sich alle beteiligten, so daß neben dem Riesenkranz

der Petersburger Studenten, den Kränzen der Großfürsten und

Großfürstinnen, die bescheidenen Blümchen der Bettler und der ärmsten

Kinder lagen –, wurde es erst sichtbar, wie ungeheuer groß der Kreis

seiner Anhänger war, und sowohl seine Nächsten wie seine Anhänger selbst

waren überrascht, als sie sahen, daß die Zahl seiner Verehrer so

unübersehbar war. In der ganzen Stadt begannen später erregte Debatten

über die Bedeutung und die Ursache dieser Kundgebung. Personen, die zu

Mißtrauen neigten und zur Literatur sich gleichgültig verhielten,

behaupteten, diese ungeheuere Menschenmenge habe nur den Wunsch gehabt,

den ehemaligen Sträfling zu ehren und dabei ihren Protest gegen die

Regierung auszudrücken; andere jedoch, die mit der Literatur besser

bekannt und selbst Anhänger fortschrittlicher Ideen waren, kamen der

Wahrheit schon näher, wenn sie zu ihrem Leidwesen feststellten, daß

diese Liebe und Hingebung dem „Patrioten“ gegolten, was ihrer Meinung

nach ein Beweis von Rückständigkeit war. Und schließlich gab es noch

eine dritte sonderbare Auslegung, die alles darauf zurückführte, daß

Dostojewski, wie sie sagten, der Darsteller alles Dunkeln und aller

Schrecken des russischen Lebens gewesen sei, jedoch nicht wie Gogol

darüber gelacht, sondern geweint habe.

Unter den Tausenden, die dem Toten das letzte Geleit gaben, werden

natürlich Vertreter der verschiedensten Anschauungen gewesen sein, doch

die Hauptmasse war entschieden von ganz anderen Gefühlen beherrscht: die

beerdigte in Dostojewski ihren Erzieher, ihren Lehrer, den, der zu ihr

gesagt hatte: „Demütige dich, stolzer Mensch! Arbeite, müßiger Mensch!“

Alle, die nach einer sittlichen Stütze suchten, sahen in ihm einen

Führer, der ihnen die Wege zeigte, auf denen man die Rettung suchen kann

und muß. Man achtete und liebte in ihm nicht nur den Patrioten und

Konservativen; für viele war er auch ein Trost und eine Hoffnung, und

das nicht nur deshalb, weil er die revolutionären Umtriebe gegeißelt und

bekämpft hatte, sondern weil er die höchsten, rein geistigen Interessen

der russischen Menschen verstand, weil in seinen Worten sich nicht nur

religiöse Stimmung, aufrichtige Liebe zum Volk offenbarte, sondern vor

allem deshalb, weil ihm unsere staatliche Macht teuer war, teuer unsere

volkliche Einheit und unsere politische Aufgabe, für die wir seit jeher

soviel geopfert haben und noch jederzeit zu opfern bereit sind.

Gewiß wird es in der ungeheuren Menge, die ihm zum Grabe folgte und in

der so viel Jugend vertreten war, auch viele bekehrte und unbekehrte

Nihilisten gegeben haben. Denn Dostojewski, der ihre Verirrungen so

scharf rügte, verstand die Verirrten doch so tief wie kein anderer, und

er war es auch, der ihnen wieder den richtigen Weg wies. Aber zweifellos

gab es unter ihnen auch solche, die uns die Hoffnung geben, daß wir

dieses große Übel überwinden werden. In dem großen Toten hatte diese

Hoffnung wie ein Feuer gebrannt und er hatte in dem Glauben gelebt, daß

er für diese rettenden Ansätze arbeitete.

Sein Tod war nicht der Tod eines verdienten Künstlers, der in Ruhe seine

Tage zu Ende gelebt, sondern der Tod eines politischen Kämpfers am

Vorabend seiner letzten glühenden Rede, die am Tage vor seiner

Beerdigung erschien.

Sämtliche Werke 12 · 第 16 / 44 题