Die Puschkinfeier

(vom 6. bis 8. Juni 1880)

Als Zeuge des Sieges, den Fjodor Michailowitsch auf der Puschkinfeier in

Moskau davontrug, will ich versuchen, den ganzen Vorgang, an dem ich

leidenschaftlichen Anteil nahm, so gut ich kann, wiederzugeben. Da ich

nur Zuschauer war, konnte ich das innere Drama, das sich während dieser

Feier abspielte und dessen Hauptrolle Fjodor Michailowitsch zufiel, um

so besser erkennen. Er war aus Staraja Russa, wo er den Sommer mit

seiner Familie verbrachte, als einer der offiziellen Vertreter des

slawischen Wohltätigkeitsvereins kurz vor der Hauptfeier, also bereits

vor mir, in Moskau eingetroffen und hatte, wie ich später erfuhr, schon

an einem Bankett teilgenommen, das von seinen Verehrern ihm zu Ehren

gegeben worden war.

Als ich mich zur Feier aufmachte, erwartete ich, offen gestanden, nichts

Gutes. Ich fürchtete viel Lärm, viel leeren Enthusiasmus, und es war

sehr möglich, daß sich dabei nichts von Bedeutung ereignen würde. Zum

Glück hatte ich mich diesmal getäuscht. Die Rede Dostojewskis gab der

Feier einen Inhalt, der nach dem vergänglichen Feuerwerk des ganzen

Festes wie ein harter glänzender Kristall bestehen blieb.

Nach der Enthüllung des Puschkindenkmals am 6. Juni, den Festlichkeiten

der Moskauer Duma und der Universität, begann am 7. Juni im Adelssaal

der literarische Teil der Puschkinfeier mit einer öffentlichen

Versammlung der „Gesellschaft der Liebhaber russischer Literatur“. An

diesem Tage sollten Turgenjeff und nach ihm Aksakoff ihre Reden halten,

also zwei Vertreter der entgegengesetzten Richtungen. Doch da sich die

Eröffnung mit allen Ansprachen usw. sehr lange hinzog, so konnte nur

Turgenjeff noch zu Wort kommen. Seine Rede wurde selbstverständlich mit

großem Beifall aufgenommen. Unter den Literaten aber entspann sich

nachher ein lebhafter Streit über den Inhalt dieser Rede, und man

äußerte den Wunsch, sie zu widerlegen oder wenigstens zu ergänzen.

Anders war es auch nicht zu erwarten von einer „Gesellschaft“, zu der so

viele Slawophile gehörten. Besonders war es aufgefallen, auf welche

Stufe Turgenjeff Puschkin stellte. Er erkannte ihn zwar als volklichen,

d. h. als selbständigen Dichter an, doch stellte er darauf noch die

Frage: war Puschkin deshalb ein nationaler Dichter? Denn national könne

man nach der Meinung des Redners nur den großen und universalen Dichter

nennen. Erst wenn ein Dichter den Geist seines Volkes vollkommen

ausdrückt, erst dann ist er der „große“ und zugleich der universale

Dichter, der der Schatzkammer der Menschheit einen Beitrag zuträgt. Die

Antwort aber auf diese Frage verweigerte der Redner. „Ich behaupte

nicht,“ sagte er, „daß Puschkin diese Bedeutung zukomme, aber ich wage

auch nicht, sie ihm abzusprechen.“

Das alles und noch manches andere erregte große Unzufriedenheit. In der

Gruppe der aktiven Teilnehmer an der Feier hinterließ die Rede ein

Gefühl des Unbefriedigtseins und der Unklarheit. Man zerpflückte

kritisch die Worte Turgenjeffs und einige Literaten, die am nächsten

Tage zu reden hatten, wollten sich zu seiner Stellungnahme äußern und

Puschkin gewissermaßen verteidigen. Aber das, was am nächsten Tage, am

8. Juni zur Verteidigung Puschkins geschah, überstieg doch alle

Erwartungen und Absichten. Zuerst sollte Aksakoff seine Rede halten,

dann Dostojewski, doch weiß ich nicht, aus welchem Grunde beschlossen

wurde, daß Dostojewski beginnen sollte. Zwar las er seine Rede vor, aber

das war kein Lesen; das waren Worte, die unmittelbar aus dem Herzen

kamen und jedes Herz ergriffen. Der ganze Enthusiasmus und die ganze

Natürlichkeit, die dem Stil Dostojewskis eigen sind, kamen durch seinen

meisterhaften Vortrag noch mehr zur Geltung. Ich spreche noch nicht

einmal vom Inhalt der Rede, obgleich er es war, der die Kraft des

Vortrags ausmachte. Ist es mir doch, als hörte ich in diesem Augenblick

wie über der atemlosen Stille der ganzen großen Versammlung seine Stimme

sich erhob: „Demütige dich, stolzer Mensch, arbeite, müßiger Mensch!“

Schon nach den ersten Worten, mit denen Dostojewski begann, horchte

alles auf und verstummte. Man hörte zu, als sei vorher nichts von

Puschkin gesagt worden, – bis die Spannung sich im ersten Beifallssturm

löste. Dann aber war im Publikum jede Zurückhaltung vergessen und

schrankenlos gab es sich seiner Begeisterung hin. Sah man doch einen

Menschen vor sich, der selbst ganz erfüllt war von Begeisterung, und von

diesem Menschen vernahm man eine Deutung, die diese Begeisterung

wahrlich auch verdiente.

Von dem Sturm, der sich nach dem Schluß der Rede im Saal erhob, kann

sich wohl kaum jemand, der ihn nicht selbst erlebt hat, eine Vorstellung

machen. Man erstürmte förmlich die Estrade; ein Jüngling, der sich bis

zu Dostojewskis durchgedrängt hatte, fiel in Ohnmacht. Dostojewski wurde

umarmt, geküßt. Ich erinnere mich nicht mehr aller Ausrufe der

Begeisterten. Aksakoff wandte sich mit den Worten an ihn: „Turgenjeff

und ich, er als Vertreter der Westler und ich als Vertreter der

Slawophilen, wir sind Ihnen beide unsere volle Zustimmung und unseren

tiefsten Dank schuldig!“ Und Annenkoff[9] kam auf mich zu und sagte ganz

begeistert: „Was doch eine wirklich geniale Charakteristik bedeutet! –

sie hat mit einem Schlage die ganze Sache entschieden!“

Als Aksakoff, der alte Liebling der Moskowiter, später seine Rede halten

sollte und das Publikum mit lebhaftem Applaus sein Erscheinen auf der

Estrade begrüßte, sagte er nur kurz, daß er nach der Rede Dostojewskis

nichts mehr zu sagen habe, denn alles, was er zu sagen beabsichtigt und

niedergeschrieben, sei nur eine schwache Variation bloß einiger Themen

dieser „_genialen Rede_“. Diese Worte riefen wieder stürmischen Applaus

hervor. „Ich betrachte“, fuhr Aksakoff fort, „die Rede Dostojewskis als

ein _Ereignis_ in unserer Literatur. Gestern konnte man noch darüber

streiten, ob sie es sei oder nicht; heute ist diese Frage bereits

abgetan. Wir kennen jetzt die wahre Bedeutung Puschkins und somit ist

alles weitere Reden überflüssig.“ Mit diesen Worten verließ Aksakoff die

Rednerbühne. Und wieder wollten die Ovationen der Begeisterten kein Ende

nehmen, doch diesmal galt der Beifall auch der Handlungsweise Aksakoffs

wie seinem Urteil über die Rede Dostojewskis.

So feierte man in Dostojewski den Helden dieses Tages, der der ganzen

Feier Inhalt und Farbe gegeben, der alle Erwartungen nicht nur erfüllt,

sondern sogar weit übertroffen hatte, und man war ihm dankbar für die

Befreiung von der zuletzt qualvollen Spannung. Das Publikum verlor ihn

von nun an nicht mehr aus den Augen und überschüttete ihn bei jeder

Gelegenheit mit den lautesten Beifallsbezeugungen. Dasselbe geschah

schon am Abend dieses Tages, an dem die dreitägige Puschkinfeier mit

einer literarisch-musikalischen Ausführung ihren Abschluß fand und

Dostojewski auf allgemeines Bitten hin Puschkins Gedicht „Der Prophet“

zweimal mit bewunderungswürdiger Meisterschaft vortrug.

So endete diese herrliche Feier. Der letzte Applaus war verstummt, und

müde und befriedigt löste sich die Versammlung auf. Der Eindruck, den

ich davontrug, war nicht allein stark, er war mir auch vollkommen klar.

Ich gedachte jener literarischen Bewegung, in der ich einst mit solchem

Interesse mitgewirkt hatte, unseres ganzen Literatenkreises, der zuerst

(1859) für das „Russische Wort“ geschrieben hatte, dann für die „Zeit“,

die „Epoche“, die „Morgenröte“, den „Bürger“ ... Das waren Gruppen von

Menschen, die der Literatur immer eine große Bedeutung beigemessen

hatten und ihr am treuesten dienten. In Puschkin sahen sie _ihren_

Dichter, wie denn auch niemand besser über Puschkin geschrieben hat als

Apollon Grigorjeff. Ihnen hatte sich Dostojewski angeschlossen, war für

einige von ihnen der Führer geworden und hatte ihrer Richtung den Namen

gegeben, indem er sie die Richtung der „_Bodenständigen_“ nannte. Und

diese Richtung war es, die hier gesiegt hatte.

Zugleich hatte Dostojewski uns in zweierlei Hinsicht ein großes Beispiel

gegeben: das Beispiel eines echten Konservativen und ein Beispiel, wie

wir uns zu allem uns National-Feindlichen zu verhalten haben.

Konservatismus und Patriotismus hält man oft für geistige

Beschränktheit, für Dummheit und Stumpfheit, was sie freilich auch oft

genug sind, da sie von einer Menge Menschen geteilt werden, der Verstand

der Menschen aber im allgemeinen schwach und begrenzt ist. Doch das

berührt noch nicht die Sache selbst. Was kann im Grunde natürlicher und

richtiger sein, als die Liebe zu unserer Umgebung und der Wunsch, das zu

erhalten, was wir lieben? Und selbst lieben lernen wir doch von

Menschen, die uns nahestehen, und lernen verstehen auf Grund des

geistigen Inhalts, der uns zuerst gegeben wird. Ein feinfühliges Herz

und ein feiner Geist entdecken allmählich die positive Seite des sie

umgebenden Lebens und eignen sie sich an, ebenso wie seine Geistesart

und Schönheit, die den Hauptnerv jedes Menschendaseins ausmachen und

ohne die das Leben unmöglich ist. Was aber von einem Menschen einmal

liebgewonnen, einmal begriffen ist, wird eine tiefe Natur ganz gewiß

nicht mehr vergessen, das kann sie nicht mehr wie etwas Überflüssiges

und Gleichgültiges fortwerfen. So kann der einfachste und gewöhnlichste

Vorgang in begabten Menschen die größte Bedeutung erlangen. Menschen,

die für den Konservatismus wenig Sinn haben, die mit Leichtigkeit die

Gefühle und Gedanken, die einst in ihnen gelebt, abschütteln können,

beweisen damit doch zweifellos nur ihre geringe Feinfühligkeit, die

Schwäche ihres Herzensgedächtnisses. Sie lassen sich gewöhnlich von

ihrer Energie fortreißen, und darin liegt ihre Rechtfertigung; doch das

Schädliche des Nichtverstehens, der Verachtung, der Vergewaltigung

drängt sich unvermeidlich in ihre Tätigkeit und entstellt oft eine Tat,

die für den edelsten Zweck ausgeführt wird.

Dostojewski war von Natur konservativ. In ihm vollzog sich mächtig, doch

schnell der Prozeß, der fast unterschiedslos die Entwicklung aller

bedeutenden russischen Schriftsteller charakterisiert. Zuerst begeistern

sie sich für abstrakte Gedanken, für Ideale, die sie vom Westen

übernehmen, dann kommt es zum inneren Kampf und zur Enttäuschung, bis

schließlich die zeitweilig unterdrückten Gefühle, die Liebe zu dem

Heiligtum, das Rußlands Leben und Stärke ausmacht, erwachen. Auch

Dostojewski gab es auf, nach höheren, führenden Ideen im Westen zu

suchen, doch bewahrte er trotzdem Liebe und Verehrung für das

europäische Geistesleben. Anderseits vermochte gerade er in der

Ausbreitung des extremen Westlertums, das sich Nihilismus nennt, die

Wurzel dieser entarteten Bestrebungen zu entdecken, und er verstand und

bedauerte auch diese verirrten Seelen. Sein Blick, der nicht nur alle

Gegensätze, sondern auch die Möglichkeit eines Ausgleichs der Gegensätze

sah, diese feine und tiefe Sympathie, mit der er die beiden Pole unseres

geistigen Lebens umfaßte und sie zu einem höheren Lebensprinzip und

durch die Tat zu vereinigen suchte – das war der charakteristische Zug

Dostojewskis. Seine Feindschaft gegen etwas bedeutete bei ihm nie eine

bedingungslose Verneinung des Feindlichen.

Und gerade diese seine Fähigkeit des versöhnenden Verstehens und

Mitempfindens war es, die in seiner Rede zur Puschkinfeier zum Ausdruck

kam und die Bestrebungen der Westler und der Slawophilen als auf ein und

dasselbe höhere Ziel gerichtet zu deuten verstand. Da war es kein

Wunder, daß Begeisterung die alten Gegner erfaßte und sie sich in diesem

Augenblick versöhnt die Hände reichten.

* * * * *

Nach der Puschkinfeier, die ihm den größten und schönsten seiner

literarischen Erfolge verschaffte, blieb ihm nicht mehr viel Zeit zum

Leben – kaum acht Monate. Doch gerade diese letzte Zeit verbrachte er in

der größten Tätigkeit. Außer der Erläuterung und Verteidigung seiner

Moskauer Rede schrieb er in dieser zweiten Hälfte des Jahres 1880 den

Schluß der „Brüder Karamasoff“, und noch bevor dieser im „Russischen

Boten“ veröffentlicht war, lasen wir bereits die Anzeige, daß im

nächsten Jahr das „Tagebuch“ wieder in jedem Monat erscheinen werde. Der

Druck der Januarnummer war fast schon beendet, als der Tod seiner

fieberhaften Tätigkeit ein Ende setzte.

Für diejenigen, die ihn näher kannten, kam sein Tod eigentlich nicht

überraschend. Er lebte augenscheinlich nur noch von den Nerven, denn

sein Körper hatte schon einen solchen Grad von Abgezehrtheit erreicht,

daß ihn der erste, geringste Stoß zerbrechen konnte. Am erstaunlichsten

war dabei seine Unermüdlichkeit in der geistigen Arbeit, obgleich ihm

das Arbeiten, wie er mir selbst einmal sagte, schwer fiel und er zum

Schreiben eines Druckbogens zweimal oder dreimal mehr Zeit brauchte als

früher. Außerdem wurde er in den letzten Jahren, besonders seit der

Herausgabe des „Tagebuchs“, mit Briefen überschüttet und von Besuchern

zu Tode erschöpft. Aus allen Ecken und Enden von Petersburg kam man zu

ihm, oft mit Bitten um Unterstützung, da er Armen stets half und für

fremdes Unglück immer Teilnahme hatte. Doch ebensooft kam man zu ihm mit

Gewissensfragen, oder um seine Ansichten zu widerlegen, oder um ihm

Verehrung zu bezeugen. Von derselben Art waren auch die Briefe, die er

aus allen Gegenden Rußlands erhielt. Seine Popularität freute ihn. Er

sah darin Beweise, daß seine Worte nicht ungehört verklangen. Das freute

ihn sehr, denn er hielt es für seine Pflicht, Menschen zu ermutigen und

zum Guten zu lenken. Besonders aufmerksam verhielt er sich zur Jugend,

zu Studenten und Studentinnen. War doch der „bekehrte Nihilist“ sein

Thema, das er liebte, und nicht nur in „Rodion Raskolnikoff“ hat er es

ausgearbeitet, wir finden es auch in allen seinen folgenden Werken

wieder. Deshalb ist es verständlich, daß die Jugend sich so zu ihm

hingezogen fühlte.

Er war sehr streng gegen sich selbst und von nahezu übertriebener

Gewissenhaftigkeit. Er erlaubte sich nicht nur keine häßliche oder böse

Handlung, sondern verzieh sich nicht einmal eine häßliche oder böse

Empfindung. Man kann sagen, daß er sich in seinem Leben wie in der

Arbeit beständig selbst erzog, nur die besten Gefühle in sich

entwickelte und in seinen Handlungen nicht nur tadellos und

uneigennützig war, sondern sogar bis zur Selbstverleugnung ging.

Obgleich er von seiner Begabung eine sehr hohe Meinung hatte – und wohl

mit Recht –, so hat er sich doch nie abseits von der ganzen großen Menge

der Schreibenden gestellt, nie hochmütig auf die Tagesliteratur

herabgesehen. Dieses Fehlen selbst des geringsten _literarischen

Aristokratismus_ war sogar rührend. Er wußte, daß er, wenn er in die

Öffentlichkeit trat, wie es jeder Schriftsteller tut, damit auf den

Markt, auf die Straße hinaustrat, doch es fiel ihm nicht ein, sich

seines Handwerks oder seiner Handwerksgenossen zu schämen, denn er wußte

nur zu gut, daß das, was er auf den Markt hinaustrug und den Lesern

anbot, unermeßlich höher war als Geld und Geldeswert. Er war stolz auf

sein Handwerk, es war für ihn etwas Großes, Heiliges – und diese

Auffassung kann uns vieles in seinem Verhalten erklären. Denn er wußte,

was er tat, wenn er seine Seele auf die Straße trug.

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