Ihr Dostojewski.“

In meiner Antwort auf diesen Brief versprach ich, zur rechten Zeit in

Genf einzutreffen, was ich denn auch tat. Um ihn dort zu finden,

versuchte ich es mit einem bewährten Mittel: ich begab mich auf die

Hauptpromenade, den Kai, und suchte dort die besten Cafés auf. Wenn ich

nicht irre, traf ich ihn gleich im ersten. Unsere Freude war natürlich

groß, zumal wir uns beide lange Zeit in der Umgebung von ausschließlich

Fremden vereinsamt gefühlt hatten, und unsere Begrüßung war denn auch so

lebhaft und unsere Freude so laut, daß wir die anderen Cafébesucher, die

würdig und schweigsam an ihren Tischchen vor den Zeitungen saßen,

belästigten. Wir beeilten uns deshalb, hinauszukommen und waren von nun

an selbstverständlich unzertrennlich. Fjodor Michailowitsch war kein

Meister im Reisen; ihn interessierte weder die Natur besonders, noch

historische Sehenswürdigkeiten, noch Kunstwerke, außer vielleicht die

allergrößten. Seine ganze Aufmerksamkeit war auf die Menschen gerichtet:

und nur ihre Natur, ihren Charakter suchte er zu erfassen und vielleicht

noch so den Gesamteindruck des Straßenlebens. Er begann mir auch

sogleich mit Eifer auseinanderzusetzen, daß er die übliche Manier der

Reisenden verachte – nach dem Führer alles Berühmte sich anzusehen. Und

tatsächlich, wir sahen uns nichts an, sondern spazierten nur, wo es mehr

Menschen gab, und unterhielten uns. Genf fand er im allgemeinen düster

und langweilig. Auf meinen Vorschlag machten wir an einem schönen Tage

einen Ausflug nach Luzern. Dann wollte ich unbedingt nach Florenz, von

welcher Stadt Apollon Grigorjeff so begeistert geschrieben und erzählt

hatte. Wir fuhren über Turin, Genua, Livorno. Von Turin, der Stadt mit

den geraden, ebenen Straßen, sagte Fjodor Michailowitsch, daß es ihn an

Petersburg erinnere. In Florenz verbrachten wir eine Woche in einem

bescheidenen Hotel „Pension Suisse“ (Via Tornabuoni). Wir hatten es dort

gut, denn das Hotel war nicht nur bequem und solid eingerichtet, es

zeichnete sich auch noch durch gewisse patriarchalische Sitten aus und

nicht durch jene widerlichen Ansprüche auf Luxus und andere

Hotelunsitten, die sich in ihm schon ziemlich eingebürgert hatten, als

ich 1875 wieder dort einkehrte. Auch in Florenz taten wir nichts von

alledem, was Touristen zu tun pflegen. Wir brachten die Tage zu in

Spaziergängen und bei der Lektüre von Victor Hugos Roman „_Les

misérables_“, der damals erschien und den Fjodor Michailowitsch Teil für

Teil kaufte und von denen wir drei oder vier in dieser Woche durchlasen.

Aber ich wollte doch nicht die Gelegenheit versäumen, die großen

Kunstschätze kennen zu lernen, und wollte in ruhiger, aufmerksamer

Betrachtung versuchen, den geistigen Überschwang, der diese Schönheit

geschaffen hatte, zu erfassen und nachzuempfinden. So besuchte ich denn

mehreremal die _galleria degli Uffizii_. Einmal gingen wir auch zusammen

hin. Da wir aber keinen bestimmten Vorsatz hatten und unvorbereitet

waren, so begann Fjodor Michailowitsch sich alsbald zu langweilen und

wir verließen die Galerie, ich glaube, noch bevor wir zur Venus von

Medici gekommen waren. Dafür waren unsere Spaziergänge in der Stadt sehr

unterhaltsam, obschon Fjodor Michailowitsch manchmal fand, daß der Arno

an die Fontanka, einen Petersburger Kanal, erinnere, und obgleich wir

kein einziges Mal in den Cascinen waren. Am schönsten aber waren unsere

Gespräche abends vor dem Schlafengehen bei einem Glase roten Landweins.

Da ich auf den Wein zu sprechen gekommen bin, möchte ich bemerken, daß

Fjodor Michailowitsch in dieser Beziehung äußerst mäßig war. Ich

erinnere mich nicht eines einzigen Falles in den ganzen zwanzig Jahren,

wo ich an ihm auch nur die geringste Wirkung getrunkenen Weines bemerkt

hätte. Eher bekundete er eine kleine Vorliebe für Süßigkeiten. Sonst war

er im Essen sehr mäßig.

Aus den „Winteraufzeichnungen“ werden die Leser am besten ersehen,

worauf seine Aufmerksamkeit im Auslande wie überall gerichtet war: ihn

interessierten die Menschen, ausschließlich die Menschen mit ihrer

Seelenart, ihrer Lebensweise, ihren Gefühlen und Gedanken.

In Florenz trennten wir uns. Er wollte nach Rom reisen (wozu es jedoch

nicht kam) und ich wollte noch auf eine Woche nach Paris.

Im September war unsere ganze Redaktion wieder vollzählig in Petersburg

versammelt. Apollon Grigorjeff war schon im Sommer aus Orenburg

zurückgekehrt. Wir machten uns alle mit Lust an die Arbeit und es ging

so gut, daß es eine Freude war.

Das folgende Jahr, 1863, war eine bedeutungsvolle Zeit in unserer

allgemeinen Entwicklung. Im Januar brach der polnische Aufstand aus und

rief in unserer Gesellschaft eine große Bestürzung hervor, die eine

schroffe Wandlung einzelner Ansichten zur Folge hatte. Bei der liberalen

Stimmung nicht nur der Gesellschaft, sondern auch der regierenden

Kreise, hatte man die polnische Frage anfangs überhaupt nicht richtig

aufzufassen verstanden. Polen, der Selbständigkeit beraubt, erwies sich

als Ausgangspunkt unvermeidlicher Erschütterungen. Nicht wenige

Patrioten sagten schon lange, daß wir Polen, indem wir es Rußland

einverleibten, _in unseren Körper_ wie irgendeine schädlich wirkende

Medizin aufgenommen hätten. Deshalb vertraten der „Tag“ und die

„Moskauer Nachrichten“ zunächst den Standpunkt, daß die beste Lösung des

Problems vielleicht wäre, Polen abzuschütteln und seinem eignen

Schicksal zu überlassen. Da kamen aber die Ansprüche der Polen auf das

Westgebiet, und diese warfen einerseits ein ganz neues Problem auf,

andererseits verwirrten sie die Mehrzahl der gebildeten Leute so weit,

daß sie in ihrer tiefen Unkenntnis der Sache mit der Erfüllung dieser

neuen Forderungen einverstanden gewesen wären. Da waren es die beiden

genannten Moskauer Blätter, die viel zu einer richtigen Beurteilung der

Sachlage beitrugen. In der Gesellschaft kam es zu einem krassen

Umschwung der Anschauungen: der Patriotismus loderte auf, die nicht

bodenständigen Liberalen verloren ihre Bedeutung und Alexander Herzen,

der es sich einfallen ließ, für die Polen einzutreten, verlor auf immer

sein Ansehen bei den Lesern.

Die Petersburger Literatur hatte zu diesen Vorgängen von Anfang an fast

ausnahmslos geschwiegen, vielleicht deshalb, weil sie nicht wußte, was

sie sagen sollte, oder weil sie von ihrem abstrakten Standpunkte aus

urteilte und den Anmaßungen der Aufständischen sogar beistimmte. Dieses

Schweigen reizte die Moskauer Patrioten und die patriotisch Gesinnten

der Regierungskreise. Sie fühlten, daß in der Gesellschaft eine den

Staatsinteressen in diesem Augenblick feindliche Stimmung oder Richtung

vorhanden war und waren darüber mit Recht empört. Und diese Empörung

wartete nur auf die erste Kundgebung der geheimen Stimmung, die sich

vorläufig nur durch Schweigen ausdrückte, um sie dann als Feind im

Innern niederzuschlagen. Und so geschah es denn auch, nur daß die Strafe

infolge eines Mißverstehens nicht die Schuldigen traf, sondern die

„Zeit“.

Es muß eingestanden werden, daß unsere Zeitschrift den Aufgaben, die zu

erfüllen die Pflicht eines jeden Blattes, besonders eines patriotischen

gewesen wäre, nur mangelhaft nachkam. Die „Zeit“ war in diesem Jahr in

literarischer Hinsicht allerdings interessant, aber zur Polnischen Frage

hatte sie sich überhaupt noch nicht geäußert. Ihr erster Artikel über

dieses Problem war ein Aufsatz von mir in der Aprilnummer: „Eine

verhängnisvolle Frage.“ Und eben dieser Aufsatz wurde mißverstanden und

veranlaßte das Verbot der Zeitschrift.

Selbstverständlich war weder bei den Brüdern Dostojewski noch bei mir

auch nur eine Spur von Polonophilismus vorhanden. Der Sinn meines

Artikels war der, daß wir mit den Polen nicht nur materiell, sondern

auch geistig kämpfen müßten und die endgültige Lösung des Problems erst

dann eintreten würde, wenn wir die Polen geistig besiegt hätten. Die

Polnische Frage erfordert mehr als jede andere die Mitwirkung auch aller

unserer inneren Kräfte, sie erinnert uns an unseren Unterschied von

Europa und verheißt Klärung und Entwicklung unserer selbständigen

Elemente. In Wirklichkeit, im Leben, übertreffen wir die Polen

unendlich; doch diese unsere Stärke muß man zu Bewußtsein bringen und

aus ihr klare Formen geistiger und kultureller Entwicklung schöpfen.

Beide Dostojewskis waren mit meinem Artikel sehr zufrieden und stolz

darauf, daß sie ihn brachten. Im Grunde war es eine Umprägung der

politischen Frage in eine abstrakte Formel. Aber das Leben mit seinen

konkreten Gefühlen und Taten ging so glühend vorwärts, daß es diesmal

die Abstraktheit nicht ertrug. Insofern war dieser unselige Artikel

natürlich schlecht geschrieben. Nachher machte mir Fjodor Michailowitsch

einen leisen Vorwurf eben wegen der trockenen Abstraktheit meiner

Ausführungen, was mich damals ein wenig kränkte; doch jetzt gebe ich

gern zu, daß er recht hatte. Es tut mir weh, an den Kummer zu denken,

den ich unfreiwillig vielen Patrioten zufügte. Aber eine noch viel

größere Strafe war es, daß andere wiederum mich für einen Polonophilen

hielten und mir gegenüber gerade aus diesem Grunde eine besondere

Hochachtung bezeugten. Das schmerzte mich mehr als alle verächtlichen

Blicke, deren ich so viele zu ertragen hatte, und alle betonte Kühlheit

sogar meiner nahen Bekannten, weil ich in ihren Augen ein Konservativer

und Rückschrittler war. Dieses unklare Denken, diese kurzsichtige und

enge Auffassung aller Fragen, diese verblüffende Armut an Logik und

Kritik findet man in jeder Gesellschaft, in der unsrigen aber hat sie

einen besonderen Einfluß. Das ist natürlich von großem Übel, denn es

stört die Entwicklung des Denkens und somit auch die der Literatur. Doch

um den unangenehmen Eindruck zu erklären, den der Ton meiner Schrift

hervorrief, muß ich noch ein paar Worte über mich sagen.

Grenzenloser Patriotismus – das war die Gefühlswelt, in der ich fern von

den Hauptstädten aufgewachsen und erzogen worden war. Rußland erschien

mir als ein Land von ungeheuren Kräften, mit unvergleichlichem Ruhm

bedeckt, als erstes Land der Welt, so daß ich im buchstäblichen Sinn des

Wortes Gott dafür dankte, daß ich als Russe zur Welt gekommen war.

Deshalb konnte ich es lange Zeit überhaupt nicht fassen, daß es Menschen

gab, die in der Beziehung anders fühlten und dachten, und ebenso schwer

war mir, Anschauungen zu verstehen, die diesem meinem Gefühl

widersprachen. Als ich mich aber schließlich überzeugte, daß Europa uns

verachtet, daß es in uns ein halbbarbarisches Volk sieht und daß es für

uns nicht nur schwierig, sondern einfach unmöglich ist, die europäischen

Völker zu einer anderen Auffassung von uns zu bekehren, da war diese

Entdeckung unsäglich schmerzlich für mich, und diesen Schmerz empfinde

ich auch jetzt noch. Aber ich habe nie auch nur daran gedacht, mich von

meinem Patriotismus loszusagen oder meinem Vaterlande und seinem Geist

den Geist gleichviel welch eines anderen Landes vorzuziehen. Wenn es mir

auch häufig schien, daß Rußland, wie der Dichter Tjutscheff sagt, „nicht

mit dem Verstande zu erfassen“ sei und man an Rußland „nur glauben“

könne, so begann ich doch mit der Zeit immer besser zu erkennen, wie es

kam, daß „der stolze Blick der andren Völker nicht verstehen und nicht

erkennen kann, was in Rußlands demütiger Nacktheit glüht und voll

Geheimnis leuchtet“. Die Verachtung der Europäer war nur der beständige

Stachel, der sowohl meine Treue zum Geist meines Volkes verstärkte, wie

er das Verstehn dieses Geistes förderte. Eben diese Treue und dieses

Verstehen wollte ich auch in anderen erwecken, und deshalb hatte ich von

der Anmaßung der Polen geschrieben und darauf hingewiesen, daß wir uns

nur durch unerschütterlichen Glauben an uns selbst und die Erkenntnis

des Geistes, den wir in uns tragen, über ihre Anmaßung stellen können.

Unser Unglück besteht vorläufig nur in der Schwierigkeit und Unklarheit

dieser Erkenntnis. Doch dieses Unglück lastet nur auf denen, die sich

vom Boden losgerissen haben. Wer aber von uns bestehen will, der suche

diesen Geist und richte seinen Verstand darauf, sein Wesen zu erkennen.

Der polnische Aristokratismus ist schon im allgemeinen, besonders aber

in seinem Gegensatz zu dem angrenzenden russischen Gebiet, für jeden

Russen etwas Widerliches; er hat auch am meisten zum Untergang Polens

beigetragen. Er selbst hat sich durch die traditionelle Aneignung der

europäischen Bildung entwickelt, auf der er auch jetzt noch beruht.

Daraus folgt, daß es zuweilen besser ist, in der Kultur zurückzubleiben,

dafür aber seinen eigenen Geist zu behalten und nicht in diesen

rettungslosen Zwiespalt der Ziele und Gefühle zu geraten, in dem sich

jetzt die Polen befinden. In diesem Sinne hatte ich meinen Artikel „Eine

verhängnisvolle Frage“ genannt. Ich war bereit, unumwunden zu sagen, daß

es für die Polen keine Rettung mehr gibt, daß die Geschichte sie zum

Untergang verurteilt hat. Doch der Artikel entsprach in seiner zu

abstrakten Form nicht den landläufigen Begriffen und man verstand ihn

falsch. Als sich das Gerücht verbreitete, der „Zeit“ drohe Gefahr,

wollten wir es zunächst nicht glauben, denn unser Gewissen war rein.

Bald aber war es zu spät zu einer Erklärung: man hatte uns für

schuldig befunden und erlaubte uns nicht einmal mehr einen

Rechtfertigungsversuch. Die Zeitschrift wurde bedingungslos untersagt

und zwar für immer. Ich hatte natürlich alles getan, was ich konnte und

wozu man mir riet, doch selbst Persönlichkeiten wie Katkoff[6] und

Aksakoff[7] vermochten nicht das Geringste auszurichten.

Unsere Lage war nicht nur ärgerlich, sie war sogar ziemlich schwierig.

Mir drohte Ausweisung aus Petersburg, wir alle verloren den Abnehmer für

unsere Arbeiten, und noch schlimmer wurden durch den Schlag die

Redakteure getroffen, die nun alle ihre Hoffnungen vernichtet sahen.

Dennoch kann ich nicht behaupten, daß wir den Kopf hängen ließen. Wir

trösteten uns damit, daß der ganze unangenehme Zwiespalt immerhin eine

glänzende Reklame für uns sei, zumal der wahre Sachverhalt in den

literarischen Kreisen und im Publikum schon bekannt wurde.

Doch unseren neuen Hoffnungen war es nicht bestimmt, in Erfüllung zu

gehen. Michail Michailowitsch erhielt nach acht Monaten allerdings die

Erlaubnis, ein neues Blatt zu gründen, die „Epoche“, doch begann sie

nach mehrfachen Verzögerungen unter sehr ungünstigen Verhältnissen zu

erscheinen. Fjodor Michailowitsch war gegen Ende des Sommers ins Ausland

gereist und hatte dort wieder gespielt, aber diesmal verloren. Kennen

gelernt hatte er das Roulette schon auf der ersten Reise und dabei über

1000 Francs gewonnen. Im Spiel sah er übrigens für sich nichts

Schlimmes, da er sich sagte, als Schriftsteller müsse er auch diese

Leidenschaft und die Sitten der Spielorte kennen lernen. Soweit ich mich

erinnere, hatte er genügend Geld zur Reise mitgenommen, doch infolge der

Spielverluste erhielt ich Ende September einen Brief von ihm, in dem er

mich dringend bat, zum Verleger Boborykin zu gehen und für einen noch

ungeschriebenen Roman dreihundert Rubel als Vorschuß zu erbitten. „Mag

Boborykin erfahren,“ schrieb er, „wie es der ‚Zeitgenosse‘ und die

‚Vaterländischen Annalen‘ erfahren haben, daß ich, abgesehen von meinem

ersten Roman ‚Arme Leute‘, in meinem Leben noch niemals etwas

geschrieben habe, ohne das Honorar im voraus fordern zu müssen. Ich bin

als Literat ein Proletarier und wenn jemand meine Arbeit wünscht, so muß

er mir vorher meinen Lebensunterhalt sichern. Diese Methode verwünsche

ich selbst. Aber es ist einmal so und wird sich wahrscheinlich nie

ändern ...“ Aus dem Auslande kehrte er im Spätherbst zurück. Als jedoch

die „Epoche“ zu erscheinen begann, war er in Moskau, wo seine Frau im

Sterben lag, und, selber krank, konnte er nichts schreiben. Mein

Leitartikel „Der Umschwung“ wurde von der Zensur gestrichen, da sie mich

für sehr gefährlich hielt, obgleich ich nur den einen Wunsch hatte,

meine patriotische Gesinnung zu beweisen. Die anderen Mitarbeiter

hielten nicht mehr so zusammen wie früher. Doch vor allem hatte sich das

Verhalten des Publikums zur Literatur geändert. Es hatte sich im Jahre

1863 allerdings ein mächtiger „Umschwung“ der Meinungen vollzogen. Das

gutgläubige Publikum hatte zum erstenmal wahrgenommen, wohin die gewisse

Literaturpartei es führte, und wandte sich nicht nur von ihr, sondern

von der Literatur überhaupt ab. Ganz Russland wurde von Patriotismus

erfaßt, und da die Literatur nicht sehr patriotisch war, so verlor man

den Geschmack an ihr. Unter solchen Umständen hätte es von seiten des

Redakteurs einer besonderen Energie bedurft, um die Sache durchzuführen,

diese aber fehlte Michail Michailowitsch. Auch Fjodor Michailowitsch

konnte nach dem Tode des Bruders trotz aller Energie den Fall der

Zeitschrift nicht abwenden. Als die „Epoche“ mit dem Februarheft 1865 zu

Ende ging, war außer den Einnahmen auch noch das Kapital verloren, das

eine reiche Moskauer Verwandte den beiden Brüdern vermacht und auf deren

Bitte im voraus ausgezahlt hatte (jedem zehntausend Rubel), und überdies

lastete auf Fjodor Michailowitsch noch eine Schuld von fünfzehntausend

Rubeln. Wenn wir jedoch in Erwägung ziehen, daß nach dem Abbruch der

journalistischen Tätigkeit schon im nächsten Jahre (1866) der Roman

„Rodion Raskolnikoff“, 1868 der „Idiot“, 1870 die „Dämonen“ erschienen,

so muß man den Bankerott der „Epoche“ für ein Glück ansehen, denn hätte

die Zeitschrift weiterbestanden, so wäre Fjodor Michailowitschs

Arbeitskraft von ihr absorbiert worden.

Im Juli 1865 trat Fjodor Michailowitsch wieder eine Auslandsreise an,

von der er im November nach Petersburg zurückkehrte, wo er das ganze

nächste Jahr blieb. Diese beiden Jahre waren für ihn eine sehr schwere

Zeit. Krank, einsam, von Gläubigern bedrängt, hatte er noch für die

zahlreiche Familie des verstorbenen Bruders zu sorgen. Man kann nicht

umhin, die Energie zu bewundern, mit der er alles überwindet und in

derselben Zeit noch sein erstes großes Werk „Rodion Raskolnikoff“

schreibt. Im Oktober 1866 begann er den kleinen Roman „Der Spieler“

niederzuschreiben, doch als er sah, daß er zum Termin nicht fertig

werden konnte, erkundigte er sich bei einem Lehrer der Stenographie nach

einer Stenographin. Der Lehrer empfahl ihm seine beste Schülerin, Anna

Grigorjewna Ssnitkina, ein junges Mädchen, das kurz vorher das

Mariengymnasium beendet und in demselben Jahre seinen Vater verloren

hatte. Sie war mit Freuden bereit, der Aufforderung Dostojewskis, des

von ihrem Vater bevorzugten Schriftstellers, nachzukommen, um so mehr,

als er auch von ihr wie von ihrer ganzen Verwandtschaft mit Spannung

gelesen wurde. Dieses junge Mädchen sollte später seine Frau werden.

Auch in der Ehe half ihm Anna Grigorjewna beständig bei der Arbeit. Er

diktierte ihr nach seinen Entwürfen, die er ins unreine mit vielen

Korrekturen, Einschaltungen usw. niedergeschrieben hatte, worauf sie

ihre stenographische Niederschrift umschrieb. Ihre Trauung fand am 15.

Februar 1867 statt. Der Ehe entsprossen vier Kinder: Ssofja, geb. am 28.

Februar 1868 in Genf und gest. am 12. Mai; Ljubow, geb. am 14. September

1869 in Dresden; Fjodor, geb. am 16. Juli 1871 in Petersburg; und

Alexei, der am 12. August 1875 in Staraja Russa zur Welt kam und am 16.

Mai 1878 in Petersburg starb.

Im zweiten Monat nach der Hochzeit reisten sie ins Ausland, wo sie viel

länger verblieben, als sie beabsichtigt hatten und wünschten. Von Berlin

fuhren sie nach Dresden, wo sie sich zwei Monate aufhielten, von dort

nach Baden-Baden, wo Fjodor Michailowitsch wieder spielte, zuerst

gewann, später aber alles verlor, so daß er nur dank dem von Katkoff

nachgeschickten Vorschuß Baden-Baden verlassen konnte. In Genf trafen

sie mit nur dreißig Franken ein. Dort verlebten sie den Winter 1867–68,

in welcher Zeit Fjodor Michailowitsch den „Idiot“ schrieb. Sie führten

ein einsames, einförmiges Leben, hatten keine Bekannten, außer einem

Landsmann, der sie zuweilen besuchte und ihnen manchmal aus der größten

Verlegenheit half, indem er ihnen fünf oder zehn Franken lieh. Die

Geburt des ersten Töchterchens war eine große Freude. Fjodor

Michailowitsch lebte förmlich auf und verbrachte jeden freien Augenblick

am Kinderwagen und freute sich über jede Bewegung der Kleinen. Ihren Tod

hat er nie verschmerzen können. Den Sommer 1868 verbrachten sie in Vevey

am Genfer See. Im September reisten sie nach Italien; zwei Monate

verlebten sie in Mailand, darauf den Winter 1868/69 in Florenz, wo er

den „Idiot“ beendete. Das Leben in Florenz verlief für sie ebenso

eintönig wie in der Schweiz, doch konnten sie hier wenigstens die

Gemäldegalerien besuchen, was besonders Anna Grigorjewna sehr oft tat.

Zu den Kunstwerken, die Fjodor Michailowitsch am meisten gefielen,

gehörte der Turm des Florentiner Domes von Giotto und die Türen des

Battistero von Lorenzo Ghiberti. Zu den Italienern verhielt er sich

übrigens immer mit großer Sympathie, fand sie schlicht und gutmütig –

die Menschen aus dem einfachen Volk erinnerten ihn an russische Bauern.

Zuweilen besuchten Dostojewskis auch das Theater, doch das geschah

immerhin sehr selten, da bei ihnen ständig Geldmangel herrschte.

Im Juli 1869 kehrten sie über Venedig, Triest, Wien und Prag nach

Dresden zurück. In den letzten Monaten des Jahres 1869 schrieb er die

Novelle „Der Gatte“ und das ganze folgende Jahr die „Dämonen“. In

Dresden, wo ihnen wieder ein Töchterchen geboren wurde, mußten sie fast

volle zwei Jahre bleiben, was Fjodor Michailowitsch sehr schwer fiel, da

ihn beständig Heimweh und der Gedanke quälte, daß er Rußland fremd

werde, Rußland nicht mehr kenne. Die Rückkehr war ihnen jedoch

unmöglich, da sie dazu einer größeren Summe bedurften. Das Geld aber,

das sie erhielten, reichte trotz ihres bescheidenen Lebens nicht aus:

einen bedeutenden Teil desselben verbrauchte der Unterhalt der Witwe des

Bruders und seines Stiefsohnes aus erster Ehe, und außerdem mußten noch

Prozente für die bei der Abreise versetzten Sachen bezahlt werden;

trotzdem verfielen sie zu guter Letzt. Schließlich wurde ihnen der

Aufenthalt im Auslande doch zu unerträglich, und sie beschlossen, alle

schweren Folgen auf sich zu nehmen – es galt, noch die Schulden zu

bezahlen – und am 8. Juli 1871 trafen sie in Petersburg ein.

Das letzte Jahrzehnt seines Lebens brachte Fjodor Michailowitsch in

Petersburg zu, abgesehen von kürzeren Reisen nach Ems zu Kurzwecken und

dem Sommeraufenthalt in Staraja Russa, wo sie seit 1872 nicht nur jeden

Sommer, sondern auch den einen Winter verlebten, als Fjodor

Michailowitsch seinen vierten großen Roman schrieb (1874/75). Im

Frühling des Jahres 1876 kauften sie sich in Staraja Russa (im

Gouvernement Novgorod, südlich vom Ilmen-See) ein Haus mit einem großen

alten Garten. Im Juni des Jahres 1879 machte er mit Wladimir

Ssolowjoff[8] eine Reise nach einem Kloster in der Nähe von Koselsk (im

Gouvernement Kaluga), der Koselskaja Optina, wo er sich fast eine Woche

aufhielt. Die Eindrücke dieser Reise sind in den „Brüdern Karamasoff“

wiedergegeben. So sehen wir denn, daß das Leben Fjodor Michailowitschs

zu guter Letzt in vollkommen geregelten Verhältnissen verlief und aus

einem mehr oder weniger unsteten ein seßhaftes wurde. Diese Besserung

der Verhältnisse, die ihm eine gesündere Lebensweise und Freiheit in der

Wahl seines Aufenthaltsortes gestattete, war hauptsächlich darauf

zurückzuführen, daß Anna Grigorjewna es auf sich nahm, im Selbstverlage

Neuausgaben seiner früheren Werke zu machen, was sie im Jahre 1873 mit

den „Dämonen“ begann. Fjodor Michailowitsch war nicht nur auf den

geistigen Erfolg seines Schaffens aufrichtig stolz, er war auch stolz

auf den materiellen Erfolg und freute sich, daß er seine Schulden

bezahlen konnte und sich nicht mehr mit dem Gedanken zu quälen brauchte,

daß seine Familie einst in Armut zurückbleiben werde. 1878 wandte er

sich zum letztenmal mit der Bitte um Vorschuß an die Redaktion des

„Russischen Boten“, die ihren Mitarbeiter so lange und bereitwillig mit

großen und kleinen Vorschüssen unterstützt hatte. Später hatte er es

nicht mehr nötig und konnte sogar ein kleines Kapital beiseite legen.

Die Redaktion der „Vaterländischen Annalen“, in denen seine zwei letzten

Romane erschienen, zahlte allein für den ersten Abdruck der „Jugend“ 250

Rubel pro Druckbogen, für den Abdruck der „Brüder Karamasoff“ 300 Rubel

pro Druckbogen.

Im letzten Jahrzehnt seines Lebens trat er als Publizist nur in den

Jahren 1873 und 1876/77 hervor. Die Redaktion des „Bürgers“ war ihm vom

Fürsten W. Meschtscherski angeboten worden. Er erhielt für seine

Tätigkeit 250 Rubel monatlich, außer dem Honorar für seine Artikel.

Fürst Meschtscherski war ihm überaus zugetan und ließ sich gern von ihm

beeinflussen. Wer diesen Jahrgang des „Bürger“ liest, wird sich alsbald

überzeugen, wieviel Arbeit und Sorgfalt vom Redakteur auf ihn verwandt

worden ist. Leider ist es mir nicht bekannt, aus welchen Gründen und

Erwägungen Fjodor Michailowitsch die Redaktion später niederlegte.

„Das Tagebuch eines Schriftstellers“ erschien seit 1876. Es hatte einen

Riesenerfolg und war tatsächlich ein glücklicher Gedanke, da es dem

Bedürfnis und der Schreibweise Fjodor Michailowitschs durchaus

entsprach. Jede Nummer enthielt eigentlich nur eine Reihe von

Feuilletons, wenn man sich so ausdrücken kann, in denen er über die

verschiedensten Tagesfragen, vornehmlich jedoch über politische, soziale

und literarische Fragen schrieb. Ja man kann sagen, daß er in seinem

„Tagebuch“ gewissermaßen seine eigene Biographie dieser Zeit geschrieben

hat, denn er hat in ihm alles zur Sprache gebracht und erklärt, was ihn

in jedem der zwölf Monate dieser Jahre beschäftigt, was er gedacht und

gefühlt hat. Und nirgends, scheint es mir, drückt sich seine Energie und

sein Mut so deutlich aus wie in diesem „Tagebuch“. Besonders setzte die

Richtung dieser Zeitschrift die Leser in Erstaunen und riß sie

schließlich mit. Diese Richtung widersprach aufs schärfste den Meinungen

und Neigungen des Petersburger Publikums und war ein offensichtlicher

Protest gegen die herrschende geistige Strömung. Es läßt sich denken,

wie sehr sich alle diejenigen freuten, die mit den herrschenden

Anschauungen unzufrieden waren und nirgends einen Protest oder die

Vertretung der von ihnen geliebten Ideen fanden. Solcher gibt es viele

bei uns, doch gehören sie nicht zu denen, die sich mit der Literatur

befassen.

In den Jahren 1878, 79 und 80 unterließ Dostojewski aus Rücksicht auf

seine Gesundheit und die Arbeit an seinem letzten Werk die Fortführung

des „Tagebuchs“, obgleich zuletzt von jeder Nummer sechstausend

Exemplare gedruckt worden waren und einzelne Nummern noch eine zweite

und dritte Auflage erforderten.

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