Fjodor Michailowitsch als Journalist

Ich will mich hier nicht über seine Ansichten, nicht über seine eigene

Stellung zu seiner Arbeit und die Dinge, mit denen er sich abgab,

ausführlich verbreiten. Den besten Teil seiner Seele hat er uns in

seinen Werken offenbart. Ich will nur sagen – was vielleicht manche

unerfahrene Leser nicht vermuten: daß er einer der aufrichtigsten

Schriftsteller war, daß alles, was er geschrieben, von ihm selbst erlebt

und empfunden worden ist, und zwar mit großer Leidenschaft und Hingabe.

Ja, Dostojewski ist der subjektivste aller Schriftsteller, er hat in den

Personen seiner Romane fast ausnahmslos sich selbst geschildert. Nur

selten hat er volle Objektivität erreicht. Für mich, der ich ihm so

lange nahe stand, war die Subjektivität seiner Darstellungen nur zu

erkennbar, und deshalb ging mir immer die Hälfte des Eindrucks verloren,

des Eindrucks der Werke, die auf andere Leser verblüffend wirkten, da

sie in seinen Gestalten vollkommen objektive Schilderungen sahen.

Sehr oft wurde mir für ihn bange, wenn ich las, wie er gewisse dunkle,

krankhafte Stimmungen wiedergab. So schilderte er z. B. im „Idiot“

ausführlich die Stimmung vor einem epileptischen Anfall, obgleich die

Ärzte Epileptikern stets vorschreiben, sich nicht diesen Erinnerungen

hinzugeben, da sie unter Umständen ebenso einen Anfall herbeiführen

können, wie der Anblick eines epileptischen Anfalls bei einem anderen.

Doch Dostojewski schreckte vor nichts zurück, und was er auch

schilderte, er blieb fest überzeugt, daß er seinen Gegenstand in voller

Objektivität gebe. Häufig habe ich von ihm gehört, daß er sich für einen

vollständigen Realisten halte, daß jene Verbrechen, Selbstmorde und alle

anderen Ausschreitungen und Entartungen, die in der Regel das Thema

seiner Romane bilden, in der Wirklichkeit häufige und gewöhnliche

Erscheinungen seien, denen wir bloß keine Beachtung schenken. Auf Grund

dieser Überzeugung schilderte er dann dreist das Dunkelste und

Schmutzigste; niemand ist in der Schilderung der verschiedenen

Verkommenheiten der Menschenseele so weit gegangen wie er. Und er

erreichte, was er wollte: es gelang ihm, seinen Geschöpfen so viel

Realität und Objektivität zu verleihen, daß die Leser aus anfänglicher

Betroffenheit in Entzücken gerieten. In seinen Bildern war so viel

Wahrheit, psychologische Richtigkeit und Tiefe, daß sie selbst solchen

Leuten, denen die Sujets vollkommen fremd waren, verständlich wurden.

Oft ging es mir durch den Sinn, daß er, wenn er erkennen würde, wie

stark subjektiv seine Bilder gefärbt sind, sich im Schreiben beengt

fühlen müßte, und wenn er die Art seines Schaffens bemerkte, nicht mehr

schaffen könnte. So war für ihn eine gewisse Dosis Selbstbetrug

erforderlich, wie fast für jeden Schriftsteller.

Doch jeder Mensch hat bekanntlich nicht nur die Mängel seiner Vorzüge,

sondern mitunter auch den Vorzug seiner Mängel. Dostojewski schildert

seine elenden und bedauernswerten, gemeinen und furchtbaren Menschen,

alle die seelischen Krankheiten und Pestbeulen, weil er über sie das

höhere Urteil zu fällen verstand oder zu verstehen glaubte. Er sah den

göttlichen Funken selbst im verkommensten Menschen; er verfolgte und

beobachtete das geringste Aufblitzen dieses Funkens und erspähte Züge

seelischer Schönheit in Menschen, zu denen wir mit Verachtung, Spott

oder Abscheu uns zu verhalten gewöhnt sind. Wegen dieser Schönheit, die

Dostojewski unter der scheußlichen und abstoßenden Äußerlichkeit

durchschimmernd entdeckte, verzieh er den Menschen und liebte er sie.

Eine feine und hohe Menschenliebe könnte man seine Muse nennen; und sie

war es auch, die für ihn das Maß bildete, nach dem er Gut und Böse

abwog, das Maß, mit dem er in die tiefsten und schrecklichsten Abgründe

der Menschenseele hinabstieg. Sein Glaube an sich und den Menschen war

unerschütterlich, und deshalb war er auch so aufrichtig und nahm er so

ohne weiteres sogar seine Subjektivität für vollkommen objektiven

Realismus. – Unter dem Wort „Muse“ verstehe ich jenen idealistischen

Charakter, jene Art des Verstandes und Herzens, die der Mensch annimmt,

wenn er zu schreiben und Gestalten zu schaffen anfängt. Die Muse und der

Mensch selbst sind zwei verschiedene Wesen, obschon sie aus einer Wurzel

hervorgehen und enger als die siamesischen Zwillinge zusammengewachsen

sind. Aus dem Gesagten geht hervor, daß der Mensch Dostojewski und seine

„Muse“ ungemein eng miteinander verbunden waren.

Von seinen persönlichen, rein menschlichen Zügen wäre noch zu sagen, daß

an ihm nicht die geringste Spur einer Verbitterung oder Kränkung durch

die von ihm ausgestandenen Leiden zu bemerken war und nie auch nur der

Schatten des Wunsches, die Rolle eines Märtyrers zu spielen. Er war

absolut frei von jedem gehässigen Gefühl der Regierung gegenüber und tat

so, als sei in seiner Vergangenheit nichts Besonderes vorgefallen,

zeigte sich weder enttäuscht noch irgendwie seelisch getroffen, sondern

war heiter und guter Dinge, wenn die Gesundheit es ihm erlaubte. Ich

erinnere mich, wie ihm einmal eine Dame, die ihn mit großer

Aufmerksamkeit betrachtet hatte, plötzlich sagte: „Wenn ich Sie

betrachte, glaube ich, in Ihrem Gesicht die Leiden zu sehen, die Sie zu

ertragen hatten ...“ Diese Bemerkung war ihm sichtlich unangenehm. „Was

für Leiden!“ ... unterbrach er sie fast schroff, um dann sofort über

ganz nebensächliche Dinge zu scherzen. Desgleichen erinnere ich mich

noch eines anderen ähnlichen Falles. Er sollte sich an einem

literarischen Vortragsabend, wie sie damals sehr in Mode waren,

beteiligen und irgend etwas aus seinen Werken vorlesen. Die Wahl fiel

ihm schwer. „Es muß etwas Neues, Interessantes sein,“ sagte er zu mir. –

„Aus dem ‚Totenhause‘ vielleicht?“ schlug ich vor. – „Daraus habe ich

schon oft vorgelesen, und ich möchte eigentlich nicht ... Es scheint mir

dann immer, daß ich vor dem Publikum klage, mich immer beklage ... Das

ist nicht gut.“

Überhaupt kehrte er nicht gern zu der Vergangenheit zurück, als habe er

sie ganz und gar abgetan, oder wenn er sich einmal Erinnerungen hingab,

dann gedachte er irgendwelcher froher Erlebnisse, auf die er gleichsam

stolz war. Deshalb hätte ein Uneingeweihter schwerlich vermuten können,

wenn er ihn so sah und hörte, was in seinem früheren Leben vorgefallen

war.

In seinem Verhältnis zur Regierung stand er fest auf dem Standpunkt, der

für alle echten Russen so selbstverständlich ist. Jeder Gedanke an

Auflehnung war ihm fern, obschon er sich bisweilen tief bekümmert oder

mit ehrlichem Unwillen über manche Leute und Maßregeln äußerte. Er

selbst ertrug die unbequemen herrschenden Zustände nicht nur

stillschweigend, sondern sogar mit vollkommenster Ruhe, wie etwa eine

allgemeine Lebensbedingung, die keineswegs ihn persönlich anging. So

entsinne ich mich nicht, ihn jemals über die Zensoren aufgebracht

gesehen zu haben, obgleich diese Herren – im allgemeinen sehr

liebenswürdige Leute, die sich zumeist mit Respekt zur Literatur

verhielten – nicht selten ein Überflüssiges taten, und, wenn sie nicht

viel Verfängliches fanden, wenigstens kleine Korrekturen anbrachten, um

doch nicht ganz umsonst gelesen zu haben. Übrigens gehörte Fjodor

Michailowitsch zu den Schriftstellern, die, ohne an die Zensur zu

denken, unwillkürlich in den Grenzen bleiben, einfach weil sie viel zu

ernst sind, um sich Schroffheiten und persönliche Ausfälle zu erlauben.

Im Grunde waren wir sehr abstrakte Politiker, sprachen nur von

allgemeinen Fragen und Auffassungen, in der Praxis aber blieben wir beim

„reinen Liberalismus“, also bei dem Glauben, daß man in der inneren

Organisation eines Staates ohne Zwangsmaßregeln am weitesten komme, daß

die verschiedenen Interessen sich dann am deutlichsten äußern und am

besten ausgleichen könnten. Mit einem Wort, es waren die Grundsätze, an

die sich alle Anhänger der Gedanken-, Preß- und Handelsfreiheit usw.

halten, Grundsätze, die natürlich längst nicht die ganze Frage

erschöpfen, an die man sich aber in all den Fällen halten muß, wo zu

anderen Grundsätzen keine Veranlassung vorliegt. In der Wirklichkeit

freilich erwiesen sich gerade die liberalen Grundsätze als unfähig,

unsere Gesellschaft zu regieren, eben als zu schwerverständlich und noch

zu unerfüllbar, und überdies als durchaus ungeeignet, die Entwicklung

anderer, ihnen entgegengesetzter Grundsätze zu paralysieren. So kam es

unter den Anhängern des „reinen Liberalismus“ zu einer schnellen und

entsetzlichen Ernüchterung, und das Ende der liberalen Epoche war, daß

plötzlich Proklamationen auftauchten, die zum Aufstand, zur Revolution

aufforderten. Den Proklamationen folgten die Brandstiftungen, diesen der

polnische Aufstand und drei Jahre später das erste Attentat auf das

Leben des Zaren.

Ich führe dies hier an, um den Liberalismus unserer Zeitschrift und

folglich denjenigen, zu dem sich Fjodor Michailowitsch bekannte, zu

kennzeichnen. Leider herrschen bei uns trotz aller historischen

Erfahrungen und Debatten, sowohl schriftlicher wie mündlicher, noch die

größten Mißverständnisse in den Begriffen: und die wahre Bedeutung des

Liberalismus ist fast vergessen. Denn daß ein Liberaler dem Wesen der

Sache nach in der Mehrzahl der Fälle ein Konservativer und nicht ein

Progressist sein muß und schon in keinem Fall ein Revolutionär – das

wissen oder begreifen jetzt wohl nur sehr wenige. Diesem wahren

Liberalismus ist Fjodor Michailowitsch denn auch bis zu seinem Tode treu

geblieben. Wir standen keiner von den Parteien nahe, die praktische

Aufgaben und praktische Interessen hatten; wir sahen ein, daß wir in der

Sphäre allgemeiner abstrakter Fragen bleiben mußten, und da wir glühende

Patrioten und Russophile waren, so sahen wir auch unter diesen Umständen

eine Menge Arbeit vor uns, sowohl auf dem Gebiet der literarischen

Kritik wie auf dem der Auslegung der russischen Geschichte und des

russischen Lebens; ferner galt es, über den Westen zu schreiben, über

die europäischen geistigen und politischen Ereignisse, die bei uns von

so großem Einfluß sind. In allen diesen Beziehungen ist nicht zu

leugnen, daß die „Zeit“ eifrig arbeitete und in keiner Hinsicht von der

Verfolgung ihrer allgemeinen Aufgabe abwich.

Ein nicht zu umgehender Teil dieser Aufgabe war die Polemik, da die

übergroße Mehrzahl der Literaten zur Partei der Westler gehörte und der

entscheidende Einfluß von Zeitschriften ausging, die direkt zum

Nihilismus neigten. So wurde der Kampf mit dem Nihilismus gewissermaßen

eine Spezialität der „Zeit“, wenigstens ließ sie ihn nie aus dem Auge

und analysierte ihn von allen Seiten. In dem Zeitraum bis zum Erscheinen

des Romans „Väter und Söhne“ von Turgenjeff (1862) hatte sie seine

wesentlichen Züge bereits festgestellt, dieselben Züge, die Turgenjeff

in lebendigen Bildern so treffend darstellte.

Den Kampf gegen die nihilistische Richtung eröffnete Fjodor

Michailowitsch, indem er gegen die grobmaterialistische Auffassung der

Kunst schrieb, nur begnügte er sich mit recht schwachem, nachsichtigem

Widerspruch. Da hielt ich es nicht aus und verfocht bei der ersten

Gelegenheit offen und kategorisch eine den nihilistischen Lehren

entgegengesetzte Richtung. Ich kann wohl sagen, daß in mir beständig

eine gewisse organische Abneigung vor dem Nihilismus vorhanden war und

daß ich seit dem Jahre 1855, als er zuerst sich bemerkbar zu machen

begann, mit wachsendem Unwillen sein Hervortreten in der Literatur

wahrgenommen hatte. Schon in den Jahren 1859 und 60 hatte ich gegen die

Absurditäten, die da so unzweideutig und ungeniert ausgesprochen wurden,

geschrieben, doch selbst befreundete Redakteure wiesen mich mit aller

Entschiedenheit ab und nahmen mir sogar alle Hoffnung, jemals meine

Artikel veröffentlicht zu sehen. Damals begriff ich, welch eine

Autorität die Blätter dieser Richtung hatten. Um so größer war meine

Freude, als die Redaktion der „Zeit“, natürlich nur dank Fjodor

Michailowitsch, meinen Artikel „Über die Petersburger Literatur“ für die

Juninummer 1861 annahm. Daraufhin schrieb ich fast für jede Nummer in

diesem Geiste. Ich erzähle dies alles nur zur Charakteristik der

Literatur jener Zeit.

Ich bemühte mich um die größte Gewissenhaftigkeit, suchte meine Angriffe

durch ein wirkliches Urteil zu begründen und scheute in der Beziehung

keine Mühe; um so mehr interessierte Fjodor Michailowitsch die in ihnen

enthaltene Klarlegung der Frage. Ich erwähne das deshalb, weil dieselbe

so überaus wichtige Folgen hatte: sie führte zunächst zum vollständigen

Bruch der „Zeit“ mit dem „Zeitgenossen“, dem angesehensten Petersburger

Journal, und später zur allgemeinen Feindschaft fast des gesamten

Petersburger Literatentums gegen die „Zeit“.

Das Problem der bei uns in Rußland sich äußernden Verneinung wurde für

unsere Literatur, für das öffentliche Bewußtsein erst durch den Roman

Turgenjeffs „Väter und Söhne“ klargestellt, durch denselben Roman, in

dem zum erstenmal das Wort „Nihilist“ vorkam, mit dem die Debatten über

die „neuen Menschen“ begannen und, kurz, das Ganze seine Formulierung

und Popularität erhielt. Turgenjeff verfolgte beständig mit größter

Aufmerksamkeit die Veränderungen der bei uns herrschenden Stimmungen und

der Ideale des „Helden der Zeit“, weshalb er unsere führenden

literarischen Kreise nie aus dem Auge verlor. In dem erwähnten Roman

hatte er nun einen Typ geschildert, der entschieden wie eine Offenbarung

wirkte, da ihn vorher niemand bemerkt hatte, doch den jetzt plötzlich

ein jeder in seiner Umgebung häufig vertreten sah. Die Verwunderung war

ungeheuer; man verlor geradezu den Kopf, da die Überraschung für die

Dargestellten gar so unerwartet kam und sie sich im Spiegelbilde des

Romans nicht erkennen wollten, – obschon der Autor sich keineswegs mit

entschiedener Ablehnung zu dem Helden des Romans verhielt. Doch der

jungen Generation war das zu wenig; sie erklärte deshalb mit einem

Riesenlärm, Turgenjeff, damals der erste Name in unserer Literatur, sei

geistig zurückgeblieben und ein Gegner der allgemeinen Sache. In den

damaligen endlosen Gesprächen und Disputen hatte ich häufig Gelegenheit,

unterschiedlichen Nihilisten zu beweisen, daß sie, wenn sie folgerichtig

dächten, sich zu denselben Anschauungen bekennen müßten, die der

Nihilist Basaroff im Turgenjeffschen Roman vertritt. Die Mehrzahl des

Publikums ereiferte sich, wie gewöhnlich, sehr, hatte aber von der

ganzen Sache nur ungenaue, meist recht bunte Vorstellungen. Die

eifrigsten Anhänger der nihilistischen Richtung vermuteten nicht einmal,

daß z. B. die Wissenschaft und die Kunst gleichfalls ihrem Götzen

geopfert werden müßten. Im April 1862 erschien in der „Zeit“ ein Artikel

von mir, der Turgenjeff als streng objektiven Künstler scharf

verteidigte, und der die Lebenswahrheit des von ihm geschilderten Typus

bewies. Turgenjeff, der kurz nach dem Erscheinen des Artikels in

Petersburg eintraf und auf der Redaktion der „Zeit“ erschien, wo er die

Brüder Dostojewski und mich antraf, und uns alle drei zu einem Diner im

Hotel einlud, war durch den Sturm, der sich gegen ihn erhoben hatte,

offenbar sehr beunruhigt. In den folgenden Jahren wurde Turgenjeff mit

einem ganzen Regen von Vorwürfen und Schimpf überschüttet, so daß er bis

1867 nichts Ähnliches veröffentlichte.

Inzwischen erschien im Jahre 1866 der Roman „Rodion Raskolnikoff“, in

dem mit bewunderungswürdiger Kraft ein gewisser extremer und

charakteristischer Ausdruck des Nihilismus dargestellt ist, und von

diesem Roman bis zu der kurz vor dem Tode geschriebenen „Legende vom

Großinquisitor“ zieht sich in den Werken Dostojewskis ununterbrochen

eine vielgestaltige und tiefe Analyse unserer sittlichen und geistigen

Problematik. Betrachtet man das Ganze von diesem Standpunkt aus, so muß

man Dostojewski noch ein ungeheures Verdienst um die Literatur und die

Gesellschaft zusprechen. Er allein hat die Aufgabe in ihrer ganzen Tiefe

und Breite erfaßt hat, alle Arten und Äußerungen dieser Dummheit und

Sittenlosigkeit gezeigt, die sich in russischen Menschen entwickeln,

wenn sie den Heimatboden verlassen, d. h. wenn sie sich von der Treue zu

Rußland und vom christlichen Geist lossagen. Er blickte in die Seelen

dieser Menschen und schilderte den Kampf ihrer Irrtümer mit dem guten

Element, das noch in ihrer Seele lebt. Dabei tritt bei ihm das religiöse

Element, wie auch die Sittlichkeit und Vaterlandsliebe des Volkes

deutlich als Gegengewicht hervor, als Zuflucht und Rettung vor dem Chaos

und der Albernheit der verweichlichten oberen Gesellschaftsschicht. Das

Ganze ist groß, feinsinnig und tief angefaßt, dazu mit beständigen

Hinwendungen zu den ewigen Aufgaben der Menschenseele, mit

künstlerischen Versuchen, die erhabensten, wie die anrüchigsten

Geheimnisse der Menschenherzen zu erspähen. Es ist kein Wunder, daß

solch ein Schriftsteller die Leser schließlich außerordentlich zu

interessieren begann.

In dieser kurzen Skizze der Stellungnahme unserer Literatur zum

Nihilismus muß ich aus Sachlichkeit auch auf meine kleine Rolle

hinweisen.

Auf Grund meines Artikels über Turgenjeff erschien in der nächsten

Nummer des „Zeitgenossen“ ein überaus scharfer, ausschließlich gegen

mich gerichteter Artikel. Diese Ehre hatte ich hauptsächlich meiner

Analyse der nihilistischen Richtung zu verdanken. Und mehr noch dieser

meiner Richtung als einigen meiner positiven Anschauungen schreibe ich

die Bemerkung Fjodor Michailowitschs zu, die er – viel später einmal,

als unsere Freundschaft kühler war – mir gegenüber machte. Es war im

Jahre 1873, als er die Redaktion des „Bürger“ übernommen hatte. Da

verlangte er von mir, ich solle mehr schreiben; als ich darauf sagte,

ich hätte zu wenig Gedanken, um so viel zu schreiben, fiel er mir ins

Wort: „Wieso zu wenig Gedanken? Die Hälfte meiner Anschauungen sind Ihre

Anschauungen!“ Man wird es verstehen, daß diese in geärgertem Tone

gesagte Bemerkung sich als großes Kompliment in meinem Gedächtnis

erhalten hat, und ich schreibe sie, wie gesagt, meinem hartnäckigen

Einstehen für meinen Standpunkt gegen den Nihilismus zu. Menschen mit

künstlerischer Verstandesart sehen oft ein großes Verdienst in der

logischen Entwicklung eines Gedankens, wozu sie selbst wenig geneigt

sind, und wenn man dann im Kern der Sache eine Übereinstimmung findet,

wie es bei Fjodor Michailowitsch und mir größtenteils der Fall war, so

ist den Künstlern die abstrakte Formulierung ihrer Ideen und Gefühle

sehr angenehm.

Auf den erwähnten Angriff des „Zeitgenossen“ antwortete ich in unserer

Mainummer. Doch unsere Polemik wurde durch äußere Verhältnisse

unterbrochen. Durch irgendeine Beziehung oder eine Anzeige fiel auf

unseren Gegner der Verdacht, mit den revolutionären Proklamationen –

nach denen die Brandstiftungen in Petersburg begannen – in Verbindung zu

stehen, und der „Zeitgenosse“ wurde auf acht Monate verboten. Wir waren

darüber aufrichtig betrübt, denn damit war uns der Gegner genommen,

während wir gerade dem Kampf gegen ihn eine große Bedeutung beimaßen.

Wir wußten sehr gut, daß seine Richtung trotz seines Schweigens oder

sogar noch mehr dank diesem unfreiwilligen Schweigen fortfuhr, sich im

Publikum zu entwickeln und zu erstarken. Uns aber fehlte jetzt der

allgemein anerkannte Repräsentant der Richtung. Doch ganz abgesehen von

diesem sozusagen internen Kummer, war schon die allgemeine Lage sehr

schwer und traurig. Die Feuersbrünste flößten ein Grauen ein, das sich

schwer beschreiben läßt. Ich entsinne mich noch, wie ich einmal mit

Fjodor Michailowitsch nach den Inseln hinausfuhr. Vom Schiff aus sah man

in der Ferne Rauchwolken, die sich an drei oder vier Stellen über der

Stadt erhoben. Wir kamen in einen der Vergnügungsparks, wo eine

Musikkapelle spielte und Zigeuner sangen. Aber wie gern wir uns auch

zerstreut und amüsiert hätten, die schwere Stimmung ließ sich doch nicht

verscheuchen, und es zog mich bald nach Haus. Daß bei diesen

Feuersbrünsten Brandstiftung vorlag, war kaum zu bezweifeln, nur sind

sowohl diese wie auch noch andere traurige Vorfälle jener Zeit aus

irgendwelchen Gründen vollkommen unaufgeklärt geblieben.

Im Juni dieses Jahres (1862) trat Fjodor Michailowitsch seine erste

Reise ins Ausland an. Er fuhr u. a. nach Paris und London, wo er mit

Alexander Herzen zusammentraf, den er damals noch sehr milde beurteilte.

Seine „Winteraufzeichnungen“ verraten sogar ein wenig den Einfluß

Herzens. Später aber, in den letzten Jahren, äußerte er oft seinen

Unwillen über die Unfähigkeit Herzens, das russische Volk zu verstehen

und seine volkliche Eigenart zu schätzen. Mißachtung der einfachsten und

gutmütigen Sitten, Stolz auf den Besitz der Aufklärung – diese Züge

Herzens ärgerten Fjodor Michailowitsch sehr; übrigens verurteilte er

dieselben auch an Gribojedoff, nicht nur an unseren Revolutionären und

kleinen Anklägern.

Aus Paris erhielt ich von Fjodor Michailowitsch einen Brief, in dem er

mir genau angab, wie und wo wir uns in Genf treffen könnten, wohin er

von Köln aus, den Rhein hinauf, fahren wollte. Die Fortsetzung des

Briefes führe ich hier an, da sie viel für ihn Bezeichnendes wiedergibt.

„... Liebster Nikolai Nikolajewitsch, es ist jetzt eine schlimme Zeit,

wie Sie schreiben – eine Zeit ungewisser und quälender Erwartung. Aber

eine Zeitschrift ist doch eine große Sache ... Herrgott, wenn man

bedenkt, wieviel noch nicht getan und noch nicht gesagt ist! Und ich

sitze hier in der sogenannten schönen Fremde und brenne doch schon

darauf, wenn auch nicht körperlich, so doch geistig, wieder nach Rußland

zurückzukehren. Ein jeder, ein jeder muß jetzt mithelfen und vor allem

danach trachten, auf den richtigen Weg zu kommen! Gar zu sehr haben sich

die Begriffe in unserer Gesellschaft verwirrt. Ein allgemeines Zweifeln

und Nicht-Wissen hat begonnen ... Ach, Nikolai Nikolajewitsch, Paris ist

die langweiligste Stadt, und wenn es hier nicht sehr viel wirklich gar

zu bemerkenswerte Dinge gäbe, so könnte man wahrlich sterben vor

Langweile. Die Franzosen sind, bei Gott, ein Volk, von dem einem übel

wird. Sie sprachen einmal von den selbstzufrieden-frechen und gemeinen

Gesichtern, die auf unseren Petersburger mondänen Promenaden florieren.

Aber ich schwöre Ihnen, die hiesigen wiegen die unsrigen auf. Bei uns

sind es einfach fleischfressende Lumpen, und zwar wissen sie das

größtenteils selber. Hier aber ist der Kerl vollkommen überzeugt, daß es

gerade so sein müsse. Der Franzose ist still, ehrlich, höflich, aber

falsch und das Geld ist bei ihm alles. Von Idealen keine Spur. Nicht nur

keine Überzeugungen, sogar eigenes Nachdenken dürfen Sie nicht

verlangen. Das Niveau der allgemeinen Bildung ist bis zum Äußersten

niedrig (ich spreche nicht von den staatlich angestellten Gelehrten,

dieser gibt es doch nicht viele, und schließlich, ist denn Gelehrtheit

Bildung in dem Sinne, wie wir dieses Wort zu verstehen gewöhnt sind?)

... Es gibt gewisse Dinge, die zu bemerken und zu verstehen eine halbe

Stunde genügt, und die doch ganze Seiten der Nation deutlich bezeichnen,

eben durch den Beweis, daß solche Tatsachen möglich sind, daß es so

etwas wirklich gibt ... Und noch etwas, Nikolai Nikolajewitsch: Sie

ahnen nicht, wie die Einsamkeit einem hier die Seele bedrückt. Man kommt

in eine ganz sehnsüchtige und schwermütige Stimmung. Freilich, Sie sind

ein einsamer Mensch und haben keinen Grund, mich deshalb besonders zu

bedauern. Aber nichtsdestoweniger: man fühlt sich gewissermaßen

losgelöst vom Erdboden und zurückgeblieben hinter der wichtigen, von uns

verrichteten Arbeit und den laufenden Fragen im eigenen Vaterlande.

Allerdings habe ich es bisher ungünstig getroffen im Auslande;

scheußliches Wetter und zudem treibe ich mich immer noch in Nordeuropa

umher und habe von den Naturwundern nur den Rhein mit seinen Ufern

gesehen. (Nikolai Nikolajewitsch! Das ist wirklich ein Wunder!) Was wird

es erst weiterhin geben, wenn ich von den Alpen in die Täler Italiens

hinabsteige. Ach, wenn wir’s doch zusammen könnten! Wir sehen uns dann

Neapel an, gehen in Rom spazieren, ja vielleicht liebkosen wir sogar

eine junge Venezianerin in der Gondel (– Was meinen Sie? Nikolai

Nikolajewitsch?) Doch – ‚kein Wort, kein Wort, ich schweige schon‘, –

wie Poprischtschin[5] in einem ähnlichen Falle sagt ... Leben Sie wohl.

Übrigens richtiger: auf Wiedersehen. Es ist doch nicht möglich, daß wir

uns hier im Auslande _nicht_ treffen! Das würde ich mir niemals

verzeihen. Ich drücke Ihnen kräftig die Hand. Grüßen Sie von mir alle

unsere gemeinsamen Bekannten. Wie benimmt sich Ihr unerzogener Kater?

Addio!

Sämtliche Werke 12 · 第 12 / 44 题