Die Geistesrichtung Fjodor Michailowitschs war eine besondere Art
Slawophilismus. Das geht bereits deutlich aus dem Prospekt hervor, der
im September 1860 das Erscheinen der „Zeit“ für das folgende Jahr
ankündigte und den zweifellos Fjodor Michailowitsch ganz allein
ausgearbeitet hat. So enthält dieser Prospekt bereits einzelne Gedanken
und Bestrebungen, die für seine ganze fernere Tätigkeit charakteristisch
sind. Es ist, wie gesagt, eine Art Slawophilismus, denn Fjodor
Michailowitsch fußt geradezu auf der Erkenntnis, daß es zwischen dem
Volk und der Intelligenz einen durch die Reform Peters hervorgerufenen
Zwiespalt gibt. Und aus diesem Grunde behauptet er – zum erstenmal 1860
in der Rede zur Puschkinfeier –, daß uns Russen eine eigene,
selbständige Entwicklung bevorstehe, weshalb er eine Rückkehr zum
Nationalen, zum Volklichen verlangt. Doch wem die Ansichten unserer
literarischen Parteien bekannt sind, für den dürfte es unschwer zu
erkennen sein, daß dies noch nicht der echte Slawophilismus ist.
Erstens ist der Ausgangspunkt offenbar ein anderer. Der Gedanke
Dostojewskis besteht darin, daß man die gebildeten Kreise mit dem Volk
derart aussöhnen und vereinigen müsse, daß dabei weder die ersteren sich
von ihrer Bildung und der Wissenschaft, noch die letzteren sich von
ihrem Grundwesen loszusagen brauchen. Es wäre also eine gewisse Synthese
erforderlich, die sowohl die einen wie die anderen Prinzipien in sich
aufnimmt. An der Möglichkeit dieser Synthese hat Dostojewski nie
gezweifelt. Ja er ging sogar noch weiter, denn er glaubte, daß dem
russischen Volk geistige Kräfte gegeben seien, mit denen es eine
_universale Synthese_, d. h. die Auflösung und Versöhnung aller
Widersprüche, die sich in der historischen Menschheit gezeigt, zustande
bringen könne. Der Gedanke, daß das russische Volk diese Eigenschaft
habe und zur Verwirklichung dieser Aufgabe ausersehen sei, bildet den
Inhalt der Rede Fjodor Michailowitschs zur Puschkinfeier, somit hat er
diesen Glauben bis zuletzt gehabt.
Diese Auffassung ist für ihn äußerst charakteristisch. Sie ist vor allem
ein Beweis der Breite der Basis seiner Sympathien. Er hätte zwar seine
verschiedenen, oft entgegengesetzten Sympathien logisch nicht in
Einklang zu bringen vermocht, wie er auch die Widersprüche, zu denen sie
in weiteren Folgerungen führen, nicht entdeckte und wie er auch die
Formel nicht gefunden hat, die diese Widersprüche beseitigen könnte;
aber er versöhnte sie psychologisch und ästhetisch in seinem Inneren.
Diese Veranlagung spielte in seinem ganzen Schaffen eine große Rolle und
wurde für ihn sehr fruchtbar. Der auffallendste Zug war dabei wohl das
vollständige Fehlen von Haß und Verachtung in seinem Verhalten zu
unserem großen Streit zwischen der westlichen und der russischen Idee.
Dieser Zug war die Ursache der geradezu elektrischen Wirkung seiner Rede
zur Puschkinfeier. Und derselbe Zug charakterisiert auch seine Romane
und sein „Tagebuch“.
Der zweite charakteristische Zug in diesem Prospekt wie in der
Puschkinrede, ist die _Unbestimmtheit_ der Prinzipien, auf die er sich
stützt. Das war aber bei dem Ausgangspunkt und der gedanklichen Richtung
Dostojewskis auch nicht anders zu erwarten. Er sah seinen Gedanken
vorläufig nur in den Umrissen. Während die Slawophilen von vornherein
gewisse sehr bestimmte religiöse, philosophische und politische
Auffassungen vertraten, _suchte_ Dostojewski erst die Prinzipien, die zu
der erwünschten Versöhnung führen sollten. Nichtsdestoweniger sprach er
aber von diesen noch gesuchten Prinzipien mit großer Bestimmtheit und
Beharrlichkeit. Das ist gleichfalls eine seiner charakteristischen
Eigenschaften. Die abstraktesten Gedanken, ganz im allgemeinen
ausgesprochen, wirkten überaus stark auf ihn und er ließ sich nicht
selten von ihnen einfach hinreißen. Überhaupt war er ein in hohem Maße
begeisterungsfähiger und empfindsamer Mensch. Manch ein einfacher
Gedanke, ja mitunter sogar irgendein schon allen bekannter, ganz
gewöhnlicher Gedanke konnte ihn plötzlich ungeheuer begeistern, wenn er
ihm einmal in seiner ganzen Bedeutung aufging. Der Grund hierfür war
wohl der, daß er, man kann sagen, ungemein lebhaft die _Gedanken
fühlte_. Darum sprach er _seinen_ Gedanken in verschiedenen Formen aus,
gab ihm bisweilen einen sehr scharfen plastischen Ausdruck, obschon er
ihn nicht logisch erklärte, nicht seinen Inhalt auseinandersetzte. Denn
in erster Linie war er doch Künstler, dachte in Bildern und ließ sich
von Gefühlen leiten.
Der dritte bemerkenswerte Zug ist natürlich seine lebhafte Zuversicht,
mit der er auf die Schnelligkeit und Möglichkeit der Verwirklichung
jener Aufgaben vertraute, der Glaube, daß jene Ziele mit Leichtigkeit zu
erreichen seien. Das ist gleichfalls auf die Lebhaftigkeit des Gefühls,
das ihn erfüllte, zurückzuführen. Während die Slawophilen, die die
Aufgabe in ihrer ganzen Tiefe erkannt hatten, die ganze Schwierigkeit
ihrer Ausführung begriffen und, je lauter der Lärm der literarischen und
gesellschaftlichen Bewegung war, um so klarer sahen, daß die
Verwirklichung ihrer geliebten Wünsche durch ebendiese Bewegung
hinausgeschoben wurde – erhob Dostojewski, indem er sich von der
herrschenden Erregung hinreißen ließ, und da er in ihr nicht die
Elemente sah, die seinem Ideal vollkommen feindlich waren, kühn die
Fahne seiner Idee in dem festen Glauben, die erregte Masse mitreißen zu
können. Diese Fähigkeit, glühend zu glauben und zu hoffen, verblieb ihm
bis zu seinem Tode. Er ließ sich stets von der Gewalt seiner Gedanken
hinreißen und war nahezu fest überzeugt, daß das, was sein geistiger
Blick schon so klar sah, unfehlbar und bald sich auch verwirklichen
werde.
Übrigens konnte damals, zu Anfang der sechziger Jahre, kaum jemand der
allgemeinen Begeisterung widerstehen. Es war eine Zeit so voll von
Hoffnung und Unternehmungslust. Alle Geister waren angeregt, alles war
im Brodeln, so daß man in der Tat glauben konnte, das Unglaublichste
werde geschehen. Das Gefühl für die Wirklichkeit war uns abhanden
gekommen und man dachte: was wir wollen, das können wir auch vollbringen
...
Um diese Stimmung, in der wir uns alle befanden und unter deren Einfluß
die Ansichten der Brüder Dostojewski sich entwickelten, zu verstehen,
muß man sich den Geist jener Zeit vergegenwärtigen. Es war im Jahre der
Bauernbefreiung, 1861, in der lichtesten Zeit der Regierung Alexanders
II. Es hatte den Anschein, als müsse in ganz Rußland ein neues Leben
beginnen, etwas ganz Außergewöhnliches müsse kommen! Wenigstens fiel uns
der Glaube an die baldige Verwirklichung selbst der kühnsten Hoffnungen
leicht und erschien uns nur natürlich. Alle wußten, daß die
vorbereitenden Arbeiten zur Aufhebung der Leibeigenschaft sich bereits
ihrem Ende näherten, und schon die dritte Nummer der „Zeit“ enthielt den
Wortlaut des Manifestes vom 19. Februar, das am 5. März offiziell
bekanntgegeben wurde.
Leider folgten dieser frohen Zeit bald schwere Stunden, gegen Ende
desselben Jahres die Studentenunruhen, im folgenden Jahre die unzähligen
Brandstiftungen in Petersburg, zu Anfang 1863 der polnische Aufstand. Im
Gegensatz zu dieser schweren Zeit hatte sich bis dahin, vom Jahre 1855
an, die frohe Erwartung in der Gesellschaft und in der Literatur
unausgesetzt gesteigert. Nach dem Regierungswechsel waren fortwährend
verschiedene Erleichterungen, Befreiungen und Reformen eingeführt
worden, die Zensur wurde mit jedem Jahre nachsichtiger, die Zahl der
Zeitschriften und neuen Bücher wuchs schnell. In dieser Zeit wurden nun
die Meinungen und Stimmungen, die in der Periode des Schweigens bis 1855
entstanden und erstarkt waren, ausgesprochen. Jetzt, in der Freiheit und
inmitten der allgemeinen Belebung erging man sich kühn in der Anwendung
und Entwicklung seiner Prinzipien, doch die alte Gewöhnung an die Zensur
und der immerhin nicht ganz aufgehobene Einfluß derselben, verliehen
allem ein sowohl sehr gediegenes wie auch recht verführerisches
Aussehen. So bildeten sich denn in diesen sieben Jahren die Richtungen
aus, die heute noch herrschen. Die letzte Erscheinung dieser Art war die
Richtung der „Zeit“, die Fjodor Michailowitsch angab.
Es war das seiner Ansicht nach eine absolut neue, besondere Richtung,
die dem neuen Leben, das nun augenscheinlich in ganz Rußland einsetzte,
entsprechen und die Richtungen der alten Parteien, der Westler und der
Slawophilen, ersetzen oder verdrängen sollte. Die Unbestimmtheit des
Gedankens an sich machte ihm weiter keine Sorgen, da er an der
Entwicklung desselben nicht den geringsten Zweifel hegte. Hinzu kam, daß
die damalige Literatur einen Charakter hatte, der ihm zu glauben
erlaubte, daß die zwei alten literarischen Parteien, die Westler und die
Slawophilen, ausgestorben oder im Aussterben begriffen seien und daß
etwas Neues zu erstehen beginne. Dieser Charakter beruhte darauf, daß
die Parteien damals nicht schroff hervortraten und die gesamte Literatur
wie ein einiges Ganzes zusammenhing. Ich erinnere mich noch gut jenes
fast freundschaftlichen Gefühls, das damals unter den Schriftstellern
herrschte. Man hatte erst kurz zuvor die Möglichkeit erhalten, seine
Gedanken auszusprechen, mußte immer noch den allgemeinen Aufseher, die
einst so strenge Zensur, im Auge behalten: so sahen denn die Literaten
es für ihre Pflicht an, sich gegenseitig zu schützen und zu
unterstützen. Überhaupt war man der Ansicht, daß die Literatur
eine gewisse gemeinsame Sache sei, vor der die einzelnen
Meinungsverschiedenheiten zurücktreten müßten. In der Tat, alle standen
in gleichem Maße für die Aufklärung ein, für die Freiheit des Wortes,
die Aufhebung mannigfacher Bedrückungen und Belästigungen usw., mit
einem Wort, für die ersten liberalen Forderungen, die man in einer Weise
abstrakt auffaßte, daß sie sich mit den verschiedensten, ja sogar mit
entgegengesetzten Anschauungen vereinen ließen. Natürlich kannten die
Anhänger der verschiedenen Richtungen die Grenzen zwischen sich und den
anderen. Aber für die gewöhnlichen Leser und selbst für die Mehrzahl der
Schreibenden war die Literatur ein ungeteiltes Ganzes. Im Grunde aber
war sie ein Chaos, ein formloses und doch vielgestaltiges, und deshalb
konnte leicht der Wunsch entstehen, diesem Chaos eine Form zu geben,
oder wenigstens einen gewissen bestimmteren Weg einzuschlagen. Der
Träger dieses Wunsches war Fjodor Michailowitsch, und von ihm persönlich
kann man bezüglich seiner ganzen journalistischen Tätigkeit sagen, daß
er erreicht hat, was er wollte. Inmitten der Petersburger Literatur
ertönte seine Stimme oft laut und machtvoll, namentlich in den letzten
Jahren seines Lebens, wo sie sogar alle anderen Stimmen übertönte, wenn
sie protestierte und den neuen Weg wies.
Außer in Fjodor Michailowitsch fand dieser Gedanke in Apollon Grigorjeff
einen überzeugten Anhänger, der nach dem Erscheinen der ersten Nummer
der „Zeit“ ihr eifriger Mitarbeiter wurde. Ich erinnere mich noch, wie
es zum Teil durch meine Vermittlung dazu kam. Man wünschte damals von
mir literarische Kritiken; ich weigerte mich, solche zu schreiben und
empfahl dringend Grigorjeff, in dem ich unseren besten Kritiker sah und
auch jetzt noch sehe. Zu meiner Freude erklärte Fjodor Michailowitsch,
daß Grigorjeff ihm sehr gefalle und seine Mitarbeiterschaft ihm sehr
erwünscht wäre. Seit der Zeit sahen wir alle in Grigorjeff unseren
Führer auf dem Gebiet literarischer Kritik. Leider verloren wir ihn
bald. Er starb 1864.
Der erste Artikel Grigorjeffs, den er für die zweite Nummer der „Zeit“
schrieb, begann mit der kategorischen Erklärung, daß es die beiden
Richtungen, die sich vor zehn Jahren feindlich gegenüberstanden, die
westliche und die östliche, bereits nicht mehr gäbe. Und diese Tatsache
zur allgemeinen Kenntnis zu bringen, sei jetzt die höchste Zeit, „denn
für die Erkenntnis der einzelnen, für die Erkenntnis eines jeden von uns
schreibenden und denkenden Menschen ist sie schon längst erwiesen.“
Eine so feste Überzeugung, daß die zwei Hauptrichtungen unserer
Literatur endgültig abgetan seien, wurde dem Verfasser natürlich nur
durch den _Wunsch_, daß es sich so verhalten möge, eingegeben. Zum
besseren Verständnis der Situation sei hier ein wenig an Grigorjeffs
literarische Herkunft erinnert. Er gehörte zur sogenannten _jungen
Redaktion_ des „Moskwitjänin“, den Pogodin[4] in Moskau herausgab und zu
dem ein ganzer Kreis bekannter Namen gehörte. Dieser Kreis, wie auch
Pogodin selbst, hielt sich im Grunde zu den Slawophilen, war aber in
seinen Sympathien doch sehr frei und entfernte sich denn auch allmählich
vom reinen Slawophilismus. Pogodin, der seinerzeit auf Puschkin und die
ersten Slawophilen Einfluß gehabt, wurde auch von der „jungen Redaktion“
wegen seines glühenden Patriotismus und seiner lebhaften, echt
russischen Sympathien überaus geachtet, obschon er seinen früheren
Überzeugungen treublieb und sich die _alte Redaktion_ nannte. Dennoch
räumte er in seiner Zeitschrift „Moskwitjänin“ dem jungen Kreise volle
Freiheit ein. Das Charakteristische dieses Kreises war eine begeisterte
Verehrung der poetischen Literatur; in ihr sahen sie den besten Ausdruck
des Volksgeistes und des Zeitgeistes zugleich, und in ihr suchten sie
Offenbarungen und Gesetze. In diesem Kreise wurde Ostrowski verehrt,
wurde von ihm gesagt, er bringe ein „neues Wort“; hier wurden Gogol und
Puschkin verehrt und hier kämpfte man gegen die „realistische Schule“
und die Petersburger.
Zu dieser Partei der „jungen Redaktion“ gehörte nun Apollon Grigorjeff,
und mit seinem Wunsch, sich von den Slawophilen abzusondern,
unterstützte er in bedeutendem Maße Fjodor Michailowitschs Gedanken,
eine neue Richtung zu gründen. Die Autorität Apollon Grigorjeffs war für
uns alle in dieser Frage von entscheidender Bedeutung. So entstand dann
jene Partei, die in der Petersburger Literatur lange Zeit unter einem
besonderen Namen bekannt war: man nannte sie die Partei der
„_Bodenständigen_“. Ausdrücke, wie z. B. „wir sind von unserem Boden
getrennt“ oder „wir müssen unseren Boden suchen“ waren geradezu
Lieblingsausdrücke Fjodor Michailowitschs, und finden sich schon in
seinem Einführungsartikel. Dieser Ausdruck, der übrigens sehr plastisch
und lebendig ist, hatte auch noch den Vorteil, daß er zugleich sehr
allgemein war und kein bestimmtes Prinzip aussprach. Unter ihm konnte
man natürlich auch Slawophilismus verstehen, aber die „Zeit“ ließ doch
beständig durchblicken, namentlich anfangs, daß sie damit eine andere,
wenn auch verwandte Richtung meinte.
Das Verhältnis zu den Slawophilen war ungefähr folgendes. Apollon
Grigorjeff sprach von ihnen sowohl mündlich wie schriftlich stets mit
der größten Hochachtung. Von ihm lernten auch wir diese Hochachtung, die
aus der Petersburger Literatur unmöglich zu lernen gewesen wäre, da
diese die Slawophilen nie ohne Spott und Verachtung erwähnte. Auch heute
noch verhält es sich nicht viel anders. Die Brüder Dostojewski aber
waren unmittelbar aus der Petersburger Literatur hervorgegangen – das
muß man bei einer Beurteilung ihrer literarischen Art und ihrer
Ansichten immer im Auge behalten. Michail Michailowitsch stand natürlich
mehr unter ihrem Einfluß und verhielt sich den Slawophilen gegenüber
kühl oder sogar voreingenommen. Fjodor Michailowitsch dagegen, der zwar
damals die Slawophilen fast noch gar nicht kannte, war doch nicht
geneigt, Grigorjeff zu widersprechen, und überdies fühlte er bereits,
wer von ihnen recht hatte. Doch wie dem auch sein mochte, jedenfalls
schloß sich die Richtung der „Zeit“, eben durch Apollon Grigorjeff, an
den einen Zweig des Pogodinschen Slawophilismus an, und Grigorjeff
gebührt das Verdienst, daß er die große, wesentliche Bedeutung des
reinen Slawophilismus in unserem geistigen Leben erkannte.
Dennoch spielte die größte und fruchtbarste Rolle in dieser ganzen
Angelegenheit Fjodor Michailowitsch. Er war es, der bewußt und ohne zu
zögern anfangs A. Grigorjeff und später den Slawophilen entgegenkam. Bei
der Schnelligkeit und Geschmeidigkeit seines Auffassungsvermögens
begriff er leicht diese Anschauungen in ihren Grundlagen; doch das
Entscheidende wird hierbei wohl gewesen sein, daß er schon infolge der
ganzen Art seiner Ansichten, seiner Annäherung an das Volk und der
dadurch hervorgerufenen inneren Wandlung seiner Gedanken, ein unbewußter
Slawophile war. Der Slawophilismus ist doch nicht eine vom Leben
losgelöste Theorie; er ist eine vollkommen natürliche Erscheinung,
sowohl von seiner positiven Seite – als Konservatismus – wie von seiner
negativen Seite – als Reaktion, d. h. als Wunsch, das geistige wie
moralische Joch des Westens abzuwerfen. So ist es denn erklärlich, daß
sich in Fjodor Michailowitsch eine ganze Reihe von Ansichten und viele
Sympathien entwickelt hatten, die vollkommen slawophil waren, und daß er
mit ihnen hervortrat, ohne zunächst seine Übereinstimmung mit der schon
längst existierenden Partei zu bemerken, um dann später unmittelbar und
offen sich zu ihr zu bekennen. Gerade solche Parteigänger sind aber die
wertvollsten. Sie sind nicht Schüler, die sklavisch die Worte der Lehrer
wiederholen, sondern selbständige Träger der Idee, die sie auch weiter
zu entwickeln fähig sind. Mit größter Feinfühligkeit erriet Fjodor
Michailowitsch die richtige Anwendung seiner Prinzipien und entdeckte
ihre verschiedenen Seiten.
Zur Vervollständigung des Bildes füge ich noch ein paar Worte über mich
hinzu. Der Gedanke, eine neue Richtung zu gründen, interessierte mich
anfänglich nicht wenig, was ich dem Einfluß Grigorjeffs zuschreibe. Bald
jedoch gewann ich die Überzeugung – vielleicht infolge meiner Abneigung
gegen alles Unbestimmte –, daß man sich einfach für einen Slawophilen
ausgeben mußte, auch wenn man nur die Grundprinzipien dieser Lehre
teilte. Deshalb stimmte ich eine Zeitlang mit der Richtung der „Zeit“
nicht überein, doch kann ich nicht sagen, daß ich diese Differenz jemals
besonders betont hätte.
Anders verhielt es sich mit den jüngeren Mitarbeitern der Zeitschrift,
die sich alle eng um A. Grigorjeff scharten, der sie sowohl durch seinen
Verstand, wie durch seine kindliche Schlichtheit und Gutmütigkeit anzog.
Diese jungen Menschen trugen sich lange mit dem Gedanken, eine neue
Richtung zu gründen. Es handelte sich dabei natürlich vor allem darum,
der slawophilen Anschauung größere Freiheit zu geben, in ihren Horizont
auch die Erscheinungen einzubeziehen, die sie konsequent mied und
verneinte, wie z. B. die zeitgenössische Literatur oder die
verschiedenen westlichen Einflüsse. Hierbei gab es endlose Dispute und
es wurde täglich versucht, die eigene Weltanschauung zu verbessern, oder
womöglich von Grund aus umzubauen.
So hatte denn die Richtung der „Bodenständigen“ ihre eifrigsten Anhänger
und auch eine gewisse Existenzberechtigung. Wenigstens war sie eine
russische, patriotische Richtung, die vorläufig ihre Formulierung suchte
und, wie das die Logik verlangte, sich zuletzt doch dem Slawophilismus
anschloß. In der ersten Zeit aber hatte die Redaktion der Zeitschrift
doppelte Ursache, sich ihm nicht anzuschließen: erstens vertraute sie
auf die eigenen Kräfte und wollte selbständig sein und zweitens wollte
sie ihre Ideen möglichst schnell verbreiten, das Publikum interessieren,
fesseln und vor allem Zusammenstöße mit den Vorurteilen der Leser
vermeiden. Deshalb wäre eine offizielle Berufung auf die Slawophilen
unklug gewesen, selbst wenn die Redaktion sich zu einer solchen bereit
gefunden hätte.
„Die Zeit“ hatte einen entschiedenen und schnellen Erfolg. Die
Abonnentenzahl, die für uns alle von so großer Wichtigkeit war, stieg in
den zweieinhalb Jahren von 2300 auf 4302. Die Ursache dieses schnellen
und großen Erfolges lag erstens im Namen Fjodor Michailowitschs, der
bereits sehr bekannt war – von seinen Sträflingsjahren in Sibirien wußte
ein jeder; – zweitens war der Roman „Erniedrigte und Beleidigte“, der in
der ersten Nummer begann, trotz all seiner Mängel ein Werk, das die
durch den Namen Dostojewski gewonnenen Abonnenten in würdiger Weise
belohnte; drittens spielte hierbei wohl auch noch die allgemeine
Stimmung des Publikums eine Rolle, denn weder vorher noch nachher hat es
eine Zeit gegeben, wo man mit solchem Interesse nach literarischen
Neuerscheinungen griff, wie damals. Mit dem schnellen Erfolg wuchs unser
Selbstvertrauen, was unter günstigen Verhältnissen der Sache sehr
dienlich war, dagegen unter ungünstigen ihr sehr schadete.
Damals, 1861, waren wir nach diesem schnellen Erfolge sehr optimistisch
und machten uns eifrig an die Arbeit. Ich gab meine Lehrtätigkeit auf
und Michail Michailowitsch Dostojewski wollte seine Tabakfabrik
schließen, von der er in der Zeit nach 1849 gelebt hatte, als der
Literatur jede Freiheit genommen war.
Die Mitarbeiter der „Zeit“ teilten sich in zwei Gruppen: die eine hatte
zum Mittelpunkt Apollon Grigorjeff, um den sich, wie gesagt, die Jugend
scharte, die andere bildeten Fjodor Michailowitsch und ich. Wir hatten
eine ganz besondere Freundschaft geschlossen und kamen an jedem Tage
mindestens einmal zusammen. Im Sommer des Jahres 1861 zog ich aus dem
Universitätsviertel auf dem Wassili Ostroff in die Nähe der Kleinen
Meschtschanskaja, wo sich die Redaktion und die Wohnung Michail
Michailowitschs befanden. Fjodor Michailowitsch wohnte an der Mittleren
Meschtschanskaja und Apollon Grigorjeff, sowie die ganze junge Kompagnie
wohnte am Wosnessenski Prospekt in möblierten Zimmern. Ich erwähne das
nur, um zu sagen, wie nah beieinander und in welcher Gegend wir lebten.
Ich erinnere mich noch gut des damaligen Charakters dieser ziemlich
schmutzigen Straßen mit den zum Teil niedrigen Häusern, die alle dicht
bevölkert waren von Petersburger kleinen Leuten dritter Kategorie.
Fjodor Michailowitsch hat in mehreren Erzählungen und Romanen, vor allem
in „Rodion Raskolnikoff“, die Physiognomie dieser Straßen und ihrer
Bewohner bewunderungswürdig erfaßt und wiedergegeben.
Inmitten dieser Umgebung, die die Seele bedrückt und Ekel einflößt,
verlebten wir sehr glückliche Jahre. Es gibt nichts Interessanteres und
Anregenderes als journalistische Arbeit – wenn die Sache gut geht.
Hierbei vereint sich die ganze Anregung eines Lebens in der
Öffentlichkeit mit der ganzen Schönheit einsamen Nachdenkens und stiller
Arbeit. Seiten, die man in der Stille sorgfältig durchdacht hat, treten
plötzlich vor das Publikum, werden von zahllosen Menschen gelesen und
werden zum Gegenstand der Dispute und Kritiken, von denen viele
sogleich, wie Antworten auf Fragen, zu einem zurückkehren. Gerade damals
war es üblich, daß jede Zeitschrift von allen anderen Zeitschriften
sprach, so daß der Eindruck eines Artikels sich sehr bald feststellen
ließ. Dostojewski, Grigorjeff und ich konnten überzeugt sein, daß wir in
jeder neuen Nummer der literarischen Zeitschriften unsere Namen finden
würden. Der Wettkampf der verschiedenen Redaktionen, die Spannung, mit
der man die verschiedenen Richtungen, ihre Ideen, die Polemik, verfolgte
– all das machte die journalistische Tätigkeit zu einem so fesselnden
Spiel, daß, wer einmal an ihm teilgenommen hat, dem Wunsch nicht
widerstehen kann, wieder an ihm teilzunehmen.
Gewöhnlich trafen wir uns gegen drei Uhr nachmittags in der Redaktion,
Fjodor Michailowitsch nach seinem Morgentee, ich nach meiner
Morgenarbeit. Hier sahen wir die Zeitungen und Zeitschriften durch,
nahmen Kenntnis von allen Neuigkeiten, und machten dann meist zusammen
einen Spaziergang bis zum Mittagessen um fünf, worauf er nicht selten –
etwa gegen sieben Uhr – wieder zu mir zum Tee kam und die Zeit bis zum
Abendessen bei mir verbrachte. Überhaupt war er häufiger bei mir als ich
bei ihm, denn ich war Junggeselle, folglich konnte man mich zu jeder
Zeit besuchen, ohne befürchten zu müssen, daß man andere störe. Hatte
ich einen Artikel beendet oder auch nur einen Teil eines Artikels
geschrieben, so bestand er gewöhnlich darauf, daß ich das Geschriebene
vorlas. Es ist mir, als hörte ich noch seine Stimme, die dann aus dem
Stimmengewirr der anderen ungeduldig drängend und bittend erklang:
„Lesen Sie, Nikolai Nikolajewitsch, lesen Sie!“ Damals begriff ich
übrigens noch nicht ganz, wieviel Schmeichelhaftes für mich in dieser
Ungeduld lag. Er widersprach mir nie. Ich erinnere mich eigentlich nur
eines einzigen Streites zwischen uns, zu dem es infolge eines Artikels
von mir kam. Aber er sagte mir ebensowenig ein Wort des Lobes und
äußerte nie eine besondere Anerkennung.
Unsere damalige Freundschaft hatte zwar einen vornehmlich geistigen
Charakter, aber wir standen uns auch als Menschen sehr nahe. Das
Einander-Nahestehen hängt bei den Menschen von ihrer Natur ab und
überschreitet oft auch unter den günstigsten Verhältnissen nicht eine
gewisse Grenze. Ein jeder von uns zieht gleichsam einen Strich um sich
herum, den er niemanden überschreiten läßt, oder richtiger – nicht
überschreiten lassen kann. So fand auch unsere Annäherung ein Hindernis
in unseren persönlichen Veranlagungen, doch will ich durchaus nicht
sagen, daß der _kleinere_ Teil dieses Widerstandes auf meiner Seite war.
Fjodor Michailowitsch hatte bisweilen Augenblicke argwöhnischer
Vermutungen. Dann sagte er mißtrauisch: „Strachoff hat keinen, mit dem
er sprechen kann, deshalb hält er sich an mich.“ Aber dieser flüchtige
Zweifel zeigt ja nur, wie fest wir an die Gegenseitigkeit unserer
Zuneigung glaubten. In den ersten Jahren war es ein Gefühl, das zu einem
unbeschränkten Zutrauen wurde. Wenn Fjodor Michailowitsch einen
epileptischen Anfall gehabt hatte, so befand er sich nach der
Bewußtlosigkeit anfangs in einer unerträglich schweren Stimmung. Alles
reizte oder schreckte ihn und selbst durch die Anwesenheit der Nächsten
fühlte er sich bedrückt. Dann schickte sein Bruder oder seine Frau nach
mir; in meiner Gegenwart fühlte er sich leichter, und es wurde ihm
allmählich besser. Indem ich mich dieser Vergangenheit erinnere, leben
in meinem Gedächtnis einige meiner besten Gefühle wieder auf und ich
denke, daß ich damals wohl ein besserer Mensch gewesen sein muß, als ich
es jetzt bin.
Unsere Gespräche waren endlos, und es waren die schönsten Gespräche, die
mir in meinem Leben beschieden gewesen sind. Er sprach in jener
schlichten, lebendigen, anspruchslosen Art, die den Reiz und die
Schönheit der russischen Gespräche ausmacht. Dazwischen scherzte er oft,
namentlich in jener Zeit, aber sein Witz gefiel mir nicht sonderlich; es
war häufig nur ein äußerlicher Humor, ähnlich dem französischen, also
ein Spiel mehr mit Worten und Bildern, als mit Gedanken. Beispiele
dieser Witzchen finden sich zumeist in seinen kritischen und polemischen
Artikeln. Doch was mich in der Hauptsache fesselte und sogar frappierte,
das war sein ungewöhnlicher Verstand, die Schnelligkeit, mit der er
jeden Gedanken, schon nach dem ersten Wort, der ersten Andeutung,
erfaßte. In dieser Leichtigkeit des Verstehens liegt der größte Reiz
eines Gesprächs, wenn man sich unbehindert dem eigenen Gedankengang
hingeben kann, nicht zu wiederholen und zu erklären braucht, wenn man
auf eine Frage sofort die richtige Antwort erhält und wenn die
Entgegnung gerade auf den zentralen Gedanken erfolgt, die Zustimmung
gerade zu dem Gedanken gegeben wird, zu welchem man sie hören möchte,
und es keine Mißverständnisse und Unklarheiten gibt. So sind mir unsere
damaligen Gespräche in der Erinnerung geblieben, die Gespräche, die für
mich eine große Freude und mein Stolz waren. Der Gesprächsstoff stand
natürlich zumeist mit der Zeitschrift in Zusammenhang, doch außerdem
sprachen wir noch über alle nur möglichen Themen, sehr oft über die
abstraktesten Fragen. Fjodor Michailowitsch liebte diese Fragen nach dem
Wesen der Dinge und den Grenzen des Wissens, und ich weiß noch, wie es
ihn amüsierte, wenn ich seine Anschauungen nach den Lehren der
verschiedenen Philosophen, die die Weltgeschichte kennt, klassifizierte.
Es zeigte sich, daß es schwer hielt, sich etwas Neues auszudenken und er
tröstete sich scherzend damit, daß er in seinen Anschauungen wenigstens
mit dem einen oder anderen der großen Denker übereinstimmte.