Seine literarische Arbeit kam ihm teuer zu stehn. Einmal sagte er mir,
die Ärzte hätten von ihm als erste Bedingung einer Heilung seiner
Krankheit verlangt, daß er das Schreiben ganz und gar aufgäbe. Das war
ihm natürlich nicht möglich, selbst wenn er sich zu einem solchen Leben
hätte entschließen können – zu einem Leben ohne die Erfüllung dessen,
wozu er sich berufen fühlte. Aber er hatte noch nicht einmal die
Möglichkeit, sich ein bis zwei Jahre wenigstens gut zu erholen. Erst
kurz vor seinem Tode gestalteten sich seine Verhältnisse – hauptsächlich
dank der Sorge Anna Grigorjewnas, seiner zweiten Frau – soweit günstig,
daß er sich eine zeitweilige Erholung hin und wieder gestatten konnte;
doch andererseits war er gerade vor seinem Tode weniger denn je zu einem
Ausspannen und Stehenbleiben auf seinem Wege geneigt.
Die epileptischen Anfälle wiederholten sich ungefähr einmal in jedem
Monat; das war der gewöhnliche Verlauf der Krankheit. Bisweilen aber,
wenn auch nur sehr selten, kamen die Anfälle öfter, sogar zweimal
wöchentlich. Im Auslande, wo er mehr Ruhe hatte und wohl auch infolge
des milderen Klimas sich besser fühlte, sollen manchmal ganze vier
Monate in Ruhe vergangen sein. Er hatte stets ein Vorgefühl des Anfalls,
doch es konnte auch täuschen.
Einmal – es war, wenn ich nicht irre, im Jahre 1863 am Ostersonnabend –
kam er ziemlich spät, etwa gegen elf Uhr, zu mir und wir gerieten in ein
lebhaftes Gespräch. Ich erinnere mich nicht mehr, über welchen
Gegenstand wir gerade sprachen, aber jedenfalls war es ein sehr
wichtiges abstraktes Thema. Fjodor Michailowitsch war sehr angeregt und
begann im Zimmer auf und ab zu gehen, während ich am Tische saß. Er
sagte irgend etwas Großartiges, Frohes, und als ich seinem Gedanken mit
einer Bemerkung beistimmte, da wandte er sich mit begeistertem Gesicht
zu mir, mit einem Ausdruck, der deutlich verriet, daß seine Begeisterung
ihren höchsten Grad erreicht hatte. Für einen Augenblick blieb er
stehen, als suche er nach Worten für seinen Gedanken, und öffnete schon
den Mund. Ich sah ihn mit Spannung an, denn ich fühlte, daß er etwas
Außergewöhnliches sagen, daß ich vielleicht eine Offenbarung hören
würde. Plötzlich drang aus seinem offenen Munde ein seltsamer,
gezogener, sinnloser Schrei, und er fiel bewußtlos mitten im Zimmer hin.
Der Anfall war nur von mittlerer Stärke. Infolge der Krämpfe streckte
sich der ganze Körper und an den Mundwinkeln trat Schaum hervor. Nach
Verlauf einer halben Stunde kam er wieder zu sich, und ich begleitete
ihn zu Fuß nach Haus, da er sehr nah wohnte.
Ich habe mehrmals von Fjodor Michailowitsch gehört, daß er vor dem
Anfall Augenblicke der größten Verzückung und Begeisterung erlebe. „In
diesen wenigen Augenblicken,“ sagte er, „empfinde ich ein Glück, wie man
es in normalem Zustande niemals empfindet, und von dem die anderen
Menschen sich gar keine Vorstellung machen können. Ich fühle
vollständige Harmonie in mir und mit der ganzen Welt, und dieses Gefühl
ist so stark und süß, daß man für die wenigen Sekunden einer solchen
Seligkeit zehn Jahre seines Lebens, ja sogar das ganze Leben hingeben
könnte.“
Als Folge der Krämpfe stellten sich bei ihm nach einem Anfalle Schmerzen
in den Muskeln ein, abgesehen von den Schmerzen der Verletzungen, die er
sich manchmal beim Fall zuzog. Bisweilen zeigte das Gesicht eine
auffallende Röte oder auch nur rote Flecke. Doch das Schlimmste war, daß
der Kranke die Erinnerung verlor und für zwei bis drei Tage sich wie
zerschlagen fühlte. Sein Gemütszustand war dann ein sehr bedrückter, –
er konnte seinen Kummer und eine gewisse gesteigerte Sensibilität kaum
überwinden. Das Wesen dieses Kummers bestand nach seinen Worten darin,
daß er sich als Verbrecher empfand und den Wahn nicht abschütteln
konnte, eine unbekannte Schuld, ein ungeheures Verbrechen laste auf ihm.
Es läßt sich hiernach leicht denken, wie schädlich für ihn alles war,
was einen Blutandrang in den Kopf hervorruft, also besonders das
Schreiben. Dies ist übrigens nur eine der vielen Qualen, die die
Schriftsteller im allgemeinen zu ertragen haben. Ich glaube, man
kann diejenigen unter ihnen Ausnahmen nennen, bei denen die
schriftstellerische Arbeit nicht mit einer Aufhebung des Gleichgewichts
in ihrem Organismus, nicht mit einer Empfindsamkeit und Anspannung
verbunden ist, die an Krankheit grenzen und deshalb unvermeidlich Qual
verursachen. Die Freuden des Schaffens, der geistigen Befriedigung haben
gleichfalls ihre Schattenseiten. Eine feine Sensibilität wird oft nur
durch qualvolle Verhältnisse ausgebildet, jedenfalls aber werden durch
sie sogar gewöhnliche Verhältnisse qualvoll.
Auch über seine Art, zu schreiben, sei hier einiges gesagt. Gewöhnlich
mußte er sich sehr beeilen, mußte zu einem Termin soundsoviel Druckbogen
liefern, weshalb er sich in der Arbeit überhastete und nicht selten
dennoch nicht fertig wurde. Da er nur von dem Honorar seiner
literarischen Arbeiten lebte und fast bis zu seinem Lebensende, oder
doch wenigstens bis zu den letzten drei oder vier Jahren sich immer
irgendwie durchschlagen mußte, war er gezwungen, beständig um Vorschuß
zu bitten und auf Bedingungen einzugehen, denen er nur schwer nachkommen
oder die er überhaupt nicht erfüllen konnte. Hinzu kam, daß er im
Geldausgeben weder Einteilung noch Vorsicht in demjenigen Maße besaß,
wie sie vonnöten sind für einen, der ausschließlich von literarischer
Arbeit lebt, die ja doch nichts Regelmäßiges und Bestimmtes einbringt.
So kam es denn, daß er sein Leben lang in seinen Schulden und
Verpflichtungen wie in einem Netz gefangen saß und sein Leben lang
gehetzt und überanstrengt arbeitete. Diese Mißstände hatten noch einen
anderen Grund, der sogar viel schwerwiegender war.
Fjodor Michailowitsch schob das Arbeiten immer bis zur letzten
Möglichkeit auf; erst wenn ihm nur noch knapp so viel Zeit bis zum
Termin übrigblieb, daß er, wenn er eifrig schrieb, das Manuskript
fertigstellen konnte – erst dann machte er sich an die Arbeit. Das war
eine gewisse Faulheit, die sogar sehr groß sein konnte; doch war es
immerhin keine gewöhnliche, sondern eine besondere, eben eine
_Künstlerfaulheit_. Die tiefere Ursache freilich war, daß in ihm eine
ununterbrochene Arbeit, eine rastlose Bewegung und ein Anwachsen der
Gedanken vor sich ging, weshalb es ihm immer sehr schwer fiel, sich von
dieser inneren Arbeit loszureißen und mit der äußeren, dem Schreiben, zu
beginnen. Während er scheinbar müßig war, arbeitete er in Wirklichkeit
unaufhörlich. Menschen, in denen diese innere Arbeit sich nicht
vollzieht, oder nur in geringem Maße, langweilen sich gewöhnlich ohne
eine äußere Beschäftigung, der sie sich darum auch meist mit Freuden
widmen.
Fjodor Michailowitsch dagegen langweilte sich infolge dieses Überflusses
von Gedanken und Gefühlen, die in ihm wogten, niemals, und schätzte den
äußeren Müßiggang über alles. Man kann sagen, daß in seinem Geist
fortwährend neue Gestalten, Pläne neuer Werke entstanden, indes die
alten Pläne reiften und sich entwickelten.
Er schrieb nahezu ausnahmslos in der Nacht. Nach elf Uhr, wenn alles im
Hause zur Ruhe ging, blieb er allein mit dem Samowar in seinem Zimmer
und schrieb bis fünf oder sechs Uhr morgens, wobei er zwischendurch
nicht sehr starken und fast kalten Tee trank. Infolgedessen stand er
dann auch erst um zwei, ja sogar erst um drei Uhr nachmittags auf, und
der Tag verging für ihn mit Empfang von Gästen und, nach einem
Spaziergang, mit Besuchen bei Bekannten.
Gerade an Fjodor Michailowitsch konnte man deutlich beobachten, welch
eine Riesenarbeit das Schreiben für Schriftsteller von seinem
Inhaltsreichtum ist.
Was die Flüchtigkeit und Unfertigkeit seiner Werke betrifft, so war sich
Fjodor Michailowitsch ihrer Mängel durchaus bewußt und gab sie auch ohne
alle Beschönigungen zu. Und nicht nur das. Es tat ihm zwar leid um diese
„unvollendeten Werke“, aber er bereute nicht nur nicht seine Eile in der
Arbeit, sondern hielt sie sogar für notwendig und nützlich. Für ihn war
die Hauptsache nicht das Werk an sich, sondern der Augenblick und der
Eindruck, wenn auch letzterer nicht vollständig fehlerfrei sein mochte.
In diesem Sinne war er ganz Journalist und ein Verleugner der Theorie
der reinen Kunst. Seine Pläne und Absichten waren zahllos und so trug er
sich immer mit mehreren Themen, die er alle bis zur Vollendung
auszuarbeiten gedachte – jedoch später irgend einmal, wenn er mehr Muße
haben werde, wenn die Zeiten ruhiger geworden seien! Vorläufig aber
schrieb und schrieb er halb ausgearbeitete Sachen – einerseits, um sich
die Mittel zum Lebensunterhalt zu verdienen, andererseits, um
fortwährend seine Stimme durchzusetzen, in der öffentlichen Meinung, in
den Debatten und Erörterungen der Tagesfragen, und um das Publikum nicht
in Ruhe zu lassen, sondern immer wieder mit seinen Gedanken
aufzurütteln.
Eine große und bedeutungsvolle Eigenheit unserer Literatur sind von
jeher die Zeitschriften, deren Kennzeichen Eile und Flüchtigkeit zu sein
pflegen. Die Mitarbeiter haben sich selbst und auch die Leser an ein
inhaltleeres Wortgepräge gewöhnt, an seichte Räsonnaden und formlose
Betrachtungen, die gedanklich höchstens einen Anfang, doch weder ein
Ende noch eine Mitte haben, und die fast ausnahmslos den Inhalt der
Zeitschriften bilden. Die Tatsache, daß die Literatur von dieser Art
ist, hängt natürlich damit zusammen, daß das Publikum nur Neues, nur
eben Geschehenes liest, im Neuen aber nicht Befriedigung seiner
Wißbegier oder seiner ästhetischen Neigungen sucht, sondern nur Angaben
der im Augenblick gerade neuesten Anschauungen des Westens oder
wenigstens unserer tonangebenden Literatenkreise. Unsere Leser sind
nicht Richter, sondern nur Schüler, nicht Menschen, die bereits ihre
festen Anschauungen haben, sondern Menschen, die anderen, die in ihren
Anschauungen fortgeschrittener sind, nicht nachstehen wollen. Sie
bedürfen einer Autorität, und sie verlangen nach einer leichten Lektüre,
die ihnen gleichzeitig die beruhigende Gewißheit gibt, daß sie den Geist
und die Richtung der allerneuesten, allerletzten Erscheinungen in
der Weltliteratur kennen. So hat sich denn diese riesige
Zeitschriftenliteratur entwickelt, deren Schreibmethode bis zur größten
Nachlässigkeit sinken kann. Da die Literatur nur eine dienende Rolle
spielte und folglich der Selbständigkeit entbehrte, mußte sie natürlich
verflachen und die Strenge sowohl in der Ausdrucksform wie im
Gedankeninhalt einbüßen.
Nichtsdestoweniger war diese Literatur weder unnütz noch unwürdig.
Immerhin verstand sie es, die Leser zu erziehen, und größtenteils war
sie sogar von ehrlichem Eifer für ihre Ziele erfüllt. Deshalb ist es
auch begreiflich, daß Fjodor Michailowitsch die Journalistik liebte und
ihr gern diente, wobei er sich selbstverständlich vollkommen dessen
bewußt war, was er tat und worin er von der strengen Form des Gedankens
und der Kunst abwich. Von Jugend auf an die Journalistik gewöhnt, von
ihr halbwegs sogar erzogen, blieb er ihr bis zuletzt treu, ja er schloß
sich ganz rückhaltlos, schloß sich vollkommen dieser Literatur an, die
ihn umgab, und stellte sich niemals abseits von ihr.
Seine regelmäßige Lektüre bildeten russische Zeitschriften und
Zeitungen, und seine Aufmerksamkeit war beständig auf seine Kollegen in
der schönen Literatur, auf alle Kritiker seiner eigenen wie auch fremder
Werke gerichtet. Es lag ihm sehr viel an jedem Erfolg, an jedem Lob,
während ihn Angriffe äußerst betrübten. Im Literarischen lagen nun
einmal seine hauptsächlichsten geistigen Interessen – doch übrigens auch
seine materiellen. Er lebte, wie gesagt, ausschließlich von seiner
literarischen Arbeit und dachte nicht einmal an eine andere
Beschäftigung, ja er verfiel überhaupt nicht auf den Gedanken, sich
durch einen Staatsdienst oder Privatdienst materiell sicherzustellen.
War er in Geldverlegenheit, so wandte er sich ganz ungeniert an die
betreffenden Redaktionen oder Verleger. So traf es sich bisweilen, daß
ich während seines Aufenthalts im Auslande auf seine Bitte hin mit
verschiedenen Verlegern zu unterhandeln hatte, gewöhnlich wegen einer
Summe, die er für eine noch _ungeschriebene_ Novelle zu erhalten
wünschte. Oft endeten die Unterhandlungen mit einer Weigerung des
Verlegers, und mir tat es bisweilen sehr weh, zu denken, _wem_ er diese
Vorschläge machte und dazu noch vergeblich. Er aber betrachtete diese
Fälle als unvermeidliche Unbequemlichkeit seines Berufes, denn er
begriff nur zu gut, daß man ihm deshalb keineswegs etwa Vorwürfe machen
konnte. Die Abhängigkeit von Redaktionen und Verlegern sind wie jedes
Angebot mit Unterhandlungen ein gütlicher Vertrag, eine Abmachung unter
Gleichgestellten, und können deshalb niemals so peinlich sein wie andere
Beziehungen.
So waren auch die Schattenseiten der Literatur für ihn nichts Fremdes;
er hatte sie nun einmal zu seinem Beruf erwählt und äußerte sich nicht
selten in dem Sinne, daß er stolz auf ihn sei. Denn er liebte die
Literatur, namentlich in der ersten Zeit, als jener Unterschied, der ihn
später zur Opposition gegen die allgemeine Petersburger Journalistik
veranlaßte, noch nicht scharf hervortrat. Und diese Liebe war der
wichtigste Grund, weshalb er nicht sogleich zu den Slawophilen überging.
Er empfand doch lebhaft die Feindseligkeit, mit der sich diese von jeher
ihren Prinzipien gemäß zur zeitgenössischen Literatur verhielten.
Der Vollständigkeit halber muß ich auch meine Stellungnahme ein wenig
erläutern. Da ich mich für die wissenschaftliche Laufbahn vorbereitet
hatte und erst spät in den Literatenkreis geriet, verhielt ich mich zur
Journalistik mit einer gewissen Skepsis und Geringschätzung. Nach
Möglichkeit vermied ich Vielschreiberei und bemühte mich, meine Artikel
auch wirklich auszuarbeiten. Diese Sorgfalt meinerseits rief gewöhnlich
Fjodor Michailowitschs Spott hervor. „Sie arbeiten immer für die
Gesamtausgabe Ihrer Werke!“ sagte er. „Die wird es nie geben,“ sagte
ich. Bald aber hatte ich mich doch so in die Literatur hineinziehen
lassen, daß ich ihre Interessen viel mehr zu Herzen zu nehmen begann. An
die Stelle der früheren Geringschätzung der Journalistik trat ein
ernsteres Verhältnis zu ihr, als sich zeigte, daß auf der Unterlage
dieser Räsonnaden solche Erscheinungen wachsen konnten wie der
Nihilismus. Die Feindschaft, die ich gegen diesen empfand, bemühte ich
mich auch Fjodor Michailowitsch einzuimpfen.
Seine Vorliebe für den Feuilletonstil hat Dostojewski nie ganz
verlassen. Ja er zwang sich selbst oft zu diesem Stil, um seine Gedanken
allgemeinverständlich auszudrücken, auf eine dem Leser vertraute Weise.
Dennoch wurde seine Schreibart mit den Jahren immer strenger, und auch
in seinen früheren Feuilletonartikeln finden sich manche Seiten von
einer künstlerischen Kraft und Strenge, die die Aufgaben eines
Feuilletons weit überragen.