Über Dostojewskis Leben und literarische Tätigkeit

Ich halte es für meine Pflicht, alles Bedeutungsvolle, das sich in

meiner Erinnerung an Fjodor Michailowitsch Dostojewski erhalten hat,

ferner alle seine Gedanken und Gefühlsäußerungen, so gut ich kann und

wie ich sie verstehe, für die Öffentlichkeit niederzuschreiben. Ich

stand ihm vor Jahren sehr nahe, namentlich während meiner

Mitarbeiterschaft an den Zeitschriften, die er leitete, weshalb ich

nicht nur seine Anschauungen und deren Entwicklungsgeschichte, sondern

auch die Entwicklungsgeschichte dieser Zeitschriften selbst von allen

noch Lebenden am besten zu kennen glaube. Gleichzeitig will ich mich

bemühen, mit aller Aufrichtigkeit und Genauigkeit wiederzugeben, was ich

von seinen persönlichen Eigenschaften und seinen Beziehungen zu anderen

Menschen kennen zu lernen oder zu hören Gelegenheit hatte. Doch mein

Hauptthema wird seine literarische und journalistische Tätigkeit sein.

* * * * *

Die journalistischen Arbeiten F. M. Dostojewskis sind, alles in allem

genommen, recht umfangreich. Er hatte die größte Vorliebe gerade für

diese Art Tätigkeit. Die letzten Zeilen, die er schrieb, sind die

Artikel der letzten Nummer seines „Tagebuchs“.

Die Zeitschriften, an denen er als Journalist, d. h. als Redakteur,

Publizist und Kritiker arbeitete, waren folgende:

1. „_Die Zeit_“ – eine umfangreiche Monatsschrift, die unter der

Redaktion seines älteren Bruders, Michail Michailowitsch Dostojewski,

vom Januar 1861 bis zum April 1863 erschien[1].

2. „_Die Epoche_“ – eine Monatsschrift wie die vorhergehende, die seit

dem Anfang des Jahres 1864 bis zum Februar 1865 erschien, in den ersten

Monaten gleichfalls unter der Redaktion Michail Michailowitschs, später,

nach seinem Tode am 4. Juni, unter der Redaktion A. U. Porezkis.

3. „_Der Bürger_“ – eine Wochenschrift, die im Jahre 1872 vom Fürsten W.

P. Meschtscherski[2] gegründet wurde. Im ersten Jahr war G. K.

Gradowskij ihr Redakteur, im zweiten, 1873, F. M. Dostojewski. In dieser

Wochenschrift begann er bereits, Feuilletons unter dem Titel „Tagebuch

eines Schriftstellers“ zu veröffentlichen, die somit der Anfang der

folgenden Zeitschrift sind.

4. „_Tagebuch eines Schriftstellers._“ Dasselbe erschien einmal

monatlich in den Jahren 1876 und 1877. Im Jahre 1880 erschien nur eine

Nummer im August, und 1881 das letzte Heft kurz nach dem Tode

Dostojewskis.

Der Geist und die Richtung dieser Zeitschriften verfolgten einen

besonderen Weg, im Gegensatz zu allen anderen Petersburger

Zeitschriften, die sich ja bekanntlich in ihren Zielen durch große

Gleichartigkeit auszeichnen, vermutlich infolge der gleichen

Bedingungen, unter denen sie sich entwickeln. Die Tätigkeit F. M.

Dostojewskis war dieser allgemeinen Petersburger Geistesart gerade

entgegengesetzt, und so war vornehmlich er derjenige, der durch die

Kraft seines Talentes und den Eifer seiner Überzeugungen der anderen

Richtung, nicht der Petersburger, sondern der breiteren, sagen wir, der

_russischen_, einen so bedeutenden Erfolg verschaffte.

Meine Bekanntschaft mit F. M. Dostojewski begann auf journalistischem

Gebiet und noch bevor die erste Dostojewskische Zeitschrift

herausgegeben wurde. Der Hauptmitarbeiter einer neuen Zeitschrift, A. P.

Miljukoff, damals mein Kollege an einem der Petersburger

Unterrichtsinstitute, hatte meinen ersten größeren Artikel angenommen

und mich gleichzeitig zu seinen Dienstagen eingeladen, an welchen Tagen

sich bei ihm ein bestimmter Literatenkreis zu versammeln pflegte. Seit

dem ersten Abend, den ich in dem Kreise verbrachte, betrachtete ich mich

gewissermaßen als in diese Gesellschaft aufgenommen und alles

interessierte mich sehr. Die hervorragendsten unter den Gästen A. P.

Miljukoffs waren die beiden alten Freunde des Hausherrn – die Brüder

Dostojewski, die man gewöhnlich zusammen sah. Außer ihnen erschienen

noch die Dichter Maikoff, Krestoffski, Minajeff und andere. Den ersten

Platz in diesem Kreise nahm natürlich F. M. Dostojewski ein. Alle sahen

in ihm bereits einen hervorragenden Schriftsteller, doch beherrschte er

den Kreis nicht etwa infolge seiner Berühmtheit, sondern auf eine ganz

natürliche Weise: durch seinen Gedankenreichtum und die Lebhaftigkeit,

mit der er seine Gedanken aussprach. Der Kreis war nicht groß und seine

Mitglieder standen einander sehr nahe, so daß von einer Gezwungenheit,

wie sie sonst in russischen Gesellschaften so oft herrscht, hier nicht

die Rede sein konnte. Schon damals hatte Dostojewski eine besondere Art

zu sprechen. Oft unterhielt er sich längere Zeit nur halblaut, fast nur

flüsternd mit einem von uns, bis ihn dann irgend etwas erregte und

hinriß und er plötzlich die Stimme erhob. Übrigens konnte man ihn zu

jener Zeit, was seine Gemütsverfassung betrifft, ziemlich heiter nennen;

es war in ihm damals noch sehr viel Weichheit, im Gegensatz zu den

letzten Lebensjahren, wo er sie nach allem Ausgestandenen langsam

eingebüßt hatte. Seines Äußeren erinnere ich mich noch lebhaft: er trug

damals nur einen Schnurrbart und hatte, ungeachtet der mächtigen Stirn

und der prachtvollen Augen, ein ganz soldatisches Aussehen, d. h.

Gesichtszüge, wie man sie unter dem einfachen Volke findet. Auch

erinnere ich mich seiner ersten Frau, die ich nur einmal ganz flüchtig

sah. Sie machte auf mich einen sehr angenehmen Eindruck durch ihre

bleichen, zarten Züge, obgleich dieselben unregelmäßig waren; überdies

konnte man ihr die Neigung zu der Krankheit, die sie ins Grab brachte,

schon ansehen. Sie starb an der Schwindsucht.

Die Gespräche in diesem literarischen Kreise interessierten mich

außerordentlich. Das war für mich eine neue Schule, in die ich hier

geriet, eine Schule, die in vieler Hinsicht meinen Ansichten und meiner

Geschmacksrichtung widersprach. Ich hatte bis dahin einem anderen Kreise

angehört, einem Kreise, in dem man die Wissenschaft sehr hoch hielt,

Dichtkunst und Musik, Puschkin und den Komponisten Glinka verehrte.

Damals beschäftigte ich mich viel mit Naturwissenschaft und Philosophie

und so studierte ich natürlich fleißig die Deutschen, in denen ich die

Führer der Aufklärung sah. Bei den Literaten verhielt es sich anders:

die lasen alle sehr eifrig die französischen Schriftsteller, während die

deutschen ihnen gleichgültig waren. Alle wußten, daß der ältere der

Brüder Dostojewski, Michail Michailowitsch, eine Ausnahme bildete, da er

die deutsche Sprache so weit beherrschte, daß er deutsche Bücher lesen

und aus dem Deutschen übersetzen konnte. Fjodor Michailowitsch hatte

zwar gleichfalls Deutsch gelernt, doch ganz wie die anderen das Gelernte

vergessen, und so las er bis an sein Lebensende von fremden Sprachen nur

Französisch. Während seiner Verbannung in Sibirien hat er zwar einmal,

wie aus einem Brief hervorgeht, den Vorsatz gefaßt, sich ernstlich an

die Arbeit zu machen. Er bat den Bruder, ihm Hegels Geschichte der

Philosophie in deutscher Sprache zu senden; aber das Buch blieb

ungelesen und bald nachdem er mich kennen gelernt hatte, schenkte er es

mir.

So hatten sich denn die Anschauungen dieses Literatenkreises unter dem

Einfluß der französischen Literatur entwickelt. Politische und soziale

Fragen spielten hier die erste Rolle und verdrängten die ausschließlich

künstlerischen Interessen. Ein Künstler mußte nach ihrer Auffassung die

Entwicklung gewisser sozialer Ideale verfolgen und verfechten, in die

Tagesfragen eingreifen, das entstehende Gute oder Schlechte der

Gesellschaft zu Bewußtsein bringen, überhaupt Leiter und Erläuterer, d.

h. im Grunde genommen ein Politiker und Publizist sein. So wurde fast

unumwunden verlangt, daß der Künstler die ewigen und allgemeinen

Interessen den zeitweiligen und gewissermaßen parteilichen unterordnen

solle. Von der Notwendigkeit dieser publizistischen Tätigkeit war Fjodor

Michailowitsch unerschütterlich überzeugt und blieb es bis zu seinem

Tode.

Die Aufgabe des Schriftstellers und Künstlers sah man hauptsächlich in

der Beobachtung und Schilderung verschiedener Menschentypen, vornehmlich

geringer und mitleiderregender, und in der Auslegung, wie sie unter dem

Einfluß ihres Milieus, ihrer Verhältnisse, sich zu dem entwickelt

hatten, was sie schließlich geworden waren. Deshalb war es bei den

Literaten Sitte, gelegentlich in die schmutzigsten und verrufensten

Lokale zu gehen und dort freundschaftliche Gespräche mit Leuten

anzuknüpfen, die selbst der Krämer und niedrigste Subalternbeamte

verabscheut hätte, und auch das Abstoßendste wurde von ihnen mit Mitleid

und Nachsicht beurteilt.

Ich sage offen, daß dieses Prinzip schädlich war. Schädlich nicht etwa,

weil es falsch ist, sondern weil die Ergebnisse nicht vollständig sind

und mit Zusätzen vervollständigt werden müssen, die wichtiger sind als

das Prinzip selbst. Man sollte meinen, was kann es besseres geben, als

Humanität? Oder was könnte interessanter sein als ein Kunstwerk, das den

gegenwärtigen Augenblick wiederspiegelt? Indessen führt Humanität ohne

leitende Grundsätze zum Verfall der Sitten, wie das unter den Cäsaren

und im achtzehnten Jahrhundert der Fall war. Denn Nachsicht und bloßes

Mitleid mit den Leiden der Menschen besagt wenig, man muß auch noch

wissen, wofür man die Menschen liebt, und muß verstehen, worin die

Schönheit und Würde der Menschenseele besteht. Deshalb vermag ein

Künstler nur dann dem Augenblick zu dienen, wenn seinem Geiste

Anschauungen zugrunde liegen, denen die Zeit nichts anhaben kann.

Andernfalls wird er, wie wir das schon oft gesehen haben, nicht der

Beherrscher, sondern der Sklave des Augenblicks sein.

Waren die Literaten dieses Kreises unter sich, so kam das Gespräch

beständig auf das Thema der verschiedenen Typen jener Art, und man

bewies viel Geist und Beobachtungsgabe bei Gelegenheit dieser

_physiologischen_ Erörterungen. Anfangs wunderte ich mich sehr, wenn das

Urteil über menschliche Eigenschaften oder Handlungen nicht von der Höhe

des sittlichen Standpunktes und seiner feststehenden Anforderungen

gefällt wurde, sondern unter dem Gesichtswinkel der unvermeidlichen

Übermacht der verschiedenen Einflüsse und der unvermeidlichen

Unterlegenheit der menschlichen Natur. Die besondere Art, wie Fjodor

Michailowitsch über diese Dinge dachte, die _über_ dieser Physiologie

stand, offenbarte sich mir erst in der Folge mit ganzer Klarheit. In der

ersten Zeit aber gewahrte ich sie gar nicht in dem allgemeinen Strom der

mir ganz neuen Ansichten.

Diese Gedankenrichtung, die man zweifellos auf den Einfluß der

französischen Literatur zurückführen muß, war eine der Richtungen der

_vierziger Jahre_, jener fruchtbaren Zeit, als Europa mit seinem ganz

besonders regen geistigen Leben auf uns Russen einen großen Einfluß

ausübte und in Rußland eine Saat säte, die erst lange nachher aufging.

Diese bei uns fortwährend sich wiederholende Erscheinung, daß wir hinter

Europa zurückbleiben, hat mir oft zu denken gegeben und erst spät habe

ich mich mit ihr ausgesöhnt. Offenbar stehen wir Europa immer deshalb

nach, weil wir nicht sein Leben leben, sondern von ihm nur seine

Gedanken nehmen, die wir dann auf immer behalten, während wir für andere

neue Lehren unserer Lehrerin taub und stumm bleiben. Nach dem Jahre 1848

trat in Westeuropa ein Umschwung in der allgemeinen Stimmung ein: die

frohen Hoffnungen verblaßten, das sittliche Niveau sank, es brach

gleichsam eine furchtbare Krankheit aus und überall verbreitete sich

Schwermut und begann Pessimismus zu herrschen. Der feinfühlige Alexander

Herzen[3], der dies alles mit eigenen Augen sah, äußerte sich darüber in

wahrer Verzweiflung. 1859 war Europa schon längst wieder in seine

unschöpferische Periode eingetreten, während bei uns gerade damals die

erste Saat aufzugehen begann. Es hat wohl kaum jemals in unserer

Literatur eine so frohe und belebte Stimmung geherrscht wie in der Zeit

von 1856 bis zu den Petersburger Brandstiftungen im Jahre 1862. Wir

waren noch in keiner Beziehung enttäuscht und ein jeder gab sich

unbehindert seinen Lieblingsgedanken hin und predigte das, was in Europa

seinen Wert schon verloren oder bereits eine ganz andere Bedeutung

erhalten hatte. Was mich betrifft, so gehörte ich in literarischer

Beziehung gleichfalls zu einer der Richtungen der vierziger Jahre,

jedoch zu einer noch älteren, als es diejenige war, zu der sich der

Literatenkreis, von dem hier die Rede ist, bekannte – nämlich zu der

Richtung, für die der Gipfel der Bildung nichts anderes bedeutete, als

Hegel zu verstehen und Goethe _auswendig_ zu kennen. Deshalb, und noch

aus Gründen bestimmter Meinungsverschiedenheiten, fiel mir die so ganz

andere Stimmung des Literatenkreises besonders auf.

Dieser Stimmung lag, wie bereits erwähnt, ein an sich gewiß herrliches

Gefühl zugrunde: Humanität, Mitleid mit Menschen, die in einer

schwierigen Lage sind, und ein Verzeihen ihrer Schwäche. In der Tat, man

kann sich leicht einer gewissen Grausamkeit schuldig machen, wenn man

seinen Mitmenschen die unerfüllte Pflicht vorhält – selbst wenn es sich

dabei um eine sittliche Pflicht handelt. So war denn der literarische

Kreis, in den ich eintrat, für mich in vieler Hinsicht eine Schule der

Humanität. Doch ein anderer Zug, der mich besonders frappierte, stellte

an sich eine weit größere Abweichung von meinen Ansichten dar. Zu meiner

größten Verwunderung bemerkte ich, daß man in diesem Kreise Ausartungen,

ja Ausschweifungen im Sinnlichen gar keine Bedeutung beimaß. Dieselben

Menschen, die in sittlicher Beziehung von so ungeheurer Feinfühligkeit

waren, die den höchsten Gedankenflug hatten und selber sogar

größtenteils jeder physischen Ausschweifung fernstanden, dieselben

Menschen sahen indessen mit vollkommenem Gleichmut auf alle

Extravaganzen, sprachen von ihnen wie von spaßigen Narreteien oder

nichtssagenden Lappalien, denen sich in einer freien Minute hinzugeben

durchaus statthaft sei. Geistige Unanständigkeit wurde streng und scharf

gerügt, fleischliche Unanständigkeit dagegen überhaupt nicht beachtet.

Diese sonderbare _Emanzipation des Fleisches_ wirkte geradezu

verführerisch, und in einigen Fällen hatte sie Folgen, an die zu denken

schmerzlich und furchtbar ist. Von denen, die ich während meiner

literarischen Mitarbeiterschaft, namentlich in den sechziger Jahren,

kennen lernte, habe ich einige infolge dieser physischen Sünden, die sie

für so belanglos hielten, sterben und wahnsinnig werden gesehen.

Fjodor Michailowitsch suchte stets den letzten und neuesten Charakterzug

des Lebens zu erhaschen, aber ungeachtet dessen, daß er sich beständig

in die Zeiterscheinungen hineindachte und stolz war auf ihre richtige

Wiedergabe in seinen Werken, stellte er doch gleichzeitig als Künstler

die strengen Forderungen der Kunst über alles andere. Zwar suchte er in

der Kunst immer irgendeine zeitliche oder nationale Bedeutung, aber die

Kunst an sich entzückte ihn auch ohne alle Bedingungen und in der

letzten Zeit begann er sogar, unumwunden die berühmte Formel „die Kunst

für die Kunst“ zu verteidigen. Dieser Widerspruch lebte beständig in

ihm, gleich vielen anderen Widersprüchen in seinen Gedanken und

Handlungen, die aber in der Tiefe seiner Seele ihren natürlichen

Ausgleich fanden und ihn in vielen Fällen vor falschen und unnormalen

Wegen zurückhielten. Indem er sich über diese Widersprüche stellte,

erhob er sich auf die Höhen, die seiner ganzen Tätigkeit ihre so

wunderbare Stimmung geben.

Diese seine Tätigkeit läßt sich in zwei deutlich zu unterscheidende

Hälften teilen: die erste Hälfte (von seinem ersten Werk „Arme Leute“

bis zu „Rodion Raskolnikoff“) verrät, was das Milieu und die Aufgaben

betrifft, den Einfluß Gogols; die zweite Hälfte, die selbständigere (von

Rodion Raskolnikoff bis zum Schluß) widmet sich ausnahmslos der damals

in unserer Gesellschaft auftretenden Erscheinung, unserer größten

inneren Krankheit – dem Nihilismus.

Hier dürfte die Bemerkung erforderlich sein, daß in diesen meinen

Aufzeichnungen nicht etwa Versuche, den verstorbenen Schriftsteller

vollkommen zu erklären, zu sehen sind. Das lehne ich mit aller

Entschiedenheit ab. Dazu ist er mir viel zu nah und unverständlich. Wenn

ich an ihn denke, so frappiert mich zunächst die unermüdliche

Beweglichkeit seines Geistes und die unerschöpfliche Fruchtbarkeit

seiner Seele. Es war in ihm gleichsam noch nichts endgültig

Ausgebildetes, in solchem Überfluß entstanden in ihm Gedanken und

Gefühle, soviel Unbekanntes und Unausgesprochenes blieb noch hinter dem

verborgen, was ihm auszusprechen gelang. Deshalb wuchs und erweiterte

sich auch seine literarische Tätigkeit wie in Ausbrüchen, jedenfalls auf

eine der gewöhnlichen Entwicklungsart ganz fremde Weise. Nach einer

gleichmäßigen Fortdauer und sogar einem scheinbaren Schwächerwerden

seines Talentes offenbarte er plötzlich neue Kräfte, zeigte er sich

wieder von einer neuen Seite. Natürlich ist er überall derselbe

Dostojewski. Nur kann man leider nicht sagen, daß er sich ganz

ausgesprochen habe; der Tod verhinderte ihn, sich in neuem und letztem

Aufschwunge zu erheben, und hat uns gewiß vieles vorenthalten.

Mit ganz ungewöhnlicher Deutlichkeit zeigte sich in ihm eine besondere

Art von Dualismus, der darin bestand, daß der Mensch, selbst wenn er

sich äußerst lebhaft gewissen Gedanken und Gefühlen hingibt, in seiner

Seele dennoch ein ununterjochbares und unerschütterliches Bewußtsein

behält, von dem aus er auf sich selber, auf seine Gedanken und Gefühle

sieht. Ich habe ihn mehrmals über diese seine Eigenschaft sprechen

hören, und er nannte sie „Reflexion“. Die Folge eines solchen Dualismus

ist, daß der Mensch immer die Möglichkeit behält, darüber zu urteilen,

was seine Seele erfüllt, daß die verschiedenen Gefühle und Stimmungen

sich nie restlos seiner Seele bemächtigen können, und daß aus diesem

tiefen seelischen Zentrum eine Energie hervorgeht, die die ganze

Tätigkeit und den ganzen Geist und Inhalt des Schaffens belebt und

gestaltet.

Doch wie dem auch sei, jedenfalls überraschte mich Fjodor Michailowitsch

immer durch die Ungebundenheit seines Denkens, durch seine Fähigkeit,

verschiedene und sogar entgegengesetzte Auffassungen zu verstehen. Als

ich ihn kennen lernte, zeigte er sich als größter Verehrer Gogols und

Puschkins und war von ihrer Kunst über alle Maßen entzückt. Ich erinnere

mich noch heute, wie ich ihn zum erstenmal Puschkins Gedichte lesen

hörte. Er wurde von Michail Michailowitsch dazu aufgefordert, der ihn

mit Genugtuung lesen hörte und offenbar mit größter Bewunderung zum

Bruder aussah. Fjodor Michailowitsch las allerdings sehr gut, aber mit

jener etwas unfreien, klanglosen Stimme, mit der in der Regel Ungeübte

ein Gedicht vortragen. Ich erwähne dies nur deshalb, weil er in den

letzten Lebensjahren tatsächlich wundervoll vortrug und das Publikum

durch seine Kunst mit Recht begeisterte.

Gogol war gegen Ende der fünfziger Jahre bei allen noch in frischer

Erinnerung, besonders bei den Literaten, die in ihren Gesprächen

fortwährend seine Ausdrücke und Redewendungen zu gebrauchen pflegten.

Ich erinnere mich, wie Fjodor Michailowitsch sehr feine Bemerkungen über

die richtig zu Ende gezeichneten Charaktere und die Lebenswahrheit aller

Gestalten Gogols machte. Überhaupt hatte die Literatur zu jener Zeit

noch eine Bedeutung, die sie heutzutage nicht mehr hat. Fjodor

Michailowitsch war ihr mit ganzem Herzen ergeben, und Puschkin und Gogol

hatten ihn nicht nur erzogen, er schöpfte auch später noch beständig aus

ihnen. Als seine Rede zur Puschkinfeier alle anderen Reden in den

Schatten stellte und ihm einen Triumph eintrug, wie sich schwerlich

jemand einen ähnlichen vorstellen kann, wenn er diesen nicht miterlebt

hat, da sagte ich mir, daß dieser Lohn ihm allein in Wahrheit gebührte,

denn von der ganzen Schar der Lobredner und Verehrer hatte wahrlich

niemand Puschkin so geliebt wie Dostojewski.

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