Die Reise von Kalmannstunga nach Thingvalla beträgt 11 Meilen und ist
gewiß eine der schrecklichsten und beschwerlichsten, die man in Island
machen kann. Von _einem_ öden Thale kömmt man in das _andere_; stets
ist man von hohen Bergen und noch höhern Jokuln umschlossen, und wo
man den Blick hinwendet, begegnet man einer todten erstarrten Natur. --
Aengstliches Unbehagen bemächtiget sich des Wanderers, er durchirrt mit
doppelter Hast die ausgebreiteten Wüsteneien, und ersteigt begierig
die vor ihm aufgethürmten Berge, -- da hofft er Besseres zu sehen; --
vergebens; -- dieselbe Oede, -- dieselben Wüsten, -- dieselben Berge.
Auf den Hochebenen waren noch viele Stellen mit Schnee bedeckt; da
mußten wir hinüber, obwohl wir oft unter dem Schnee das Rauschen des
Wassers hörten. Auch über Eisrinden mußten wir, die zart und dünn
über Flüsse gespannt waren, und jene lichtblaue Farbe hatten, die das
Zeichen der Gefahr ist.
Unsere armen Pferde sträubten sich wohl oft dagegen; aber das half
nichts, sie wurden so lange durch Schläge angetrieben, bis sie uns
hinüber trugen. Das Packpferd wurde immer voran geprügelt, es mußte
die Bahn versuchen, und uns als Führer dienen. Ihm folgte mein Führer,
und zum Schluße kam ich. -- Häufig sanken die armen Thiere bis über
die Kniee in den Schnee, ja zweimal sanken sie bis über den Bauch ein.
-- Es war dieß einer der gefährlichsten Wege, die ich noch je gemacht
habe. -- Mein steter Gedanke dabei war, was ich wohl thun würde, wenn
mein Führer so tief einsänke, daß er sich nicht mehr heraus helfen
könnte. -- Meine Kräfte würden schwerlich hingereicht haben ihn zu
retten, und wohin hätte ich mich wenden sollen, um Hilfe zu suchen? --
Rings umher war nichts als Wüste und Schnee. Mir wäre dann vielleicht
der Hungertod als Loos zugefallen. Ich wäre herum geirrt, hätte
Wohnungen und Menschen gesucht, und mich dabei so in das Innere
der Wüsteneien verloren, daß ich wohl nie wieder heraus gefunden
hätte. --
Wenn ich so ein Schneefeld schon von weitem entdeckte, was leider nur
zu oft geschah, ward mir gar wunderlich zu Muthe; nur _der_ kann meine
Angst ermessen, der sich je selbst in einer ähnlichen Lage befand. --
Wäre ich in einer größern Gesellschaft gewesen, würde ich diese
Furcht nicht gekannt haben; da kann man sich doch gegenseitig helfen,
und durch dieß Bewußtsein erscheint die Gefahr viel geringer.
Dieser Weg wird aber auch in der Zeit, wo der Schnee schon keine sichere
Decke mehr bildet, nur sehr wenig benützt. Wir sahen nirgends eine
Spur von Fußtritten, weder von Menschen noch von Thieren; wir waren
die einzigen lebenden Wesen, die diese wahrhaft gräuliche Gegend
durchzogen. Freilich zankte ich meinen Führer tüchtig aus, mich einen
solchen Weg geführt zu haben; aber was half es? -- Das Umkehren wäre
so gefährlich gewesen, als das Weiterziehen. --
Noch beschwerlicher wurde diese Tour durch den Wechsel der Witterung,
die mich bisher so ziemlich begünstiget hatte. Schon als wir
Kalmannstunga verließen, fing der Himmel an, sich zu trüben, und die
Sonne beglückte uns nur auf Augenblicke mit einigen Strahlen. Noch
schlechter war es, als wir auf die höhern Bergen gelangten; da zogen
uns Wolken und Nebel entgegen, ließen ihre Wuth über uns ergehen, und
zogen nur weiter um wieder andern Platz zu machen. Ein eisiger Sturm
von den nahen Gletschern war ihr steter Begleiter, der mich dermaßen
durchschüttelte, daß ich mich kaum auf dem Pferde erhalten konnte.
-- Wir waren schon über 13 Stunden geritten. Der Regen strömte
unaufhörlich, und Nässe und Kälte hatten uns halb erstarrt gemacht;
da beschloß ich an der ersten Kothe zu halten, -- die fanden wir
endlich eine halbe Meile von Thingvalla. Nun war ich zwar unter einem
Dache, aber weiter war auch nichts gewonnen. Die Kothe bestand aus
einem einzigen Gemache, und das war von vier breiten Betten beinah ganz
eingenommen. Ich zählte sieben Erwachsene und drei Kinder, die Alle in
diesen vier Betten untergebracht werden mußten. -- Zudem herrschte
in diesem Frühjahre die _Kvef_, eine Art Grippe, welcher fast Niemand
entging. Ich fand beinah überall, also auch hier, die meisten Menschen
damit befallen; das war von allen Seiten ein Husten und Aechzen
zum Erbarmen. Der Fußboden war vom Auswurfe aus Mund und Nase so
überdeckt, daß man ordentlich ausglitt.
Diese armen Leute waren so gut, mir gleich eines ihrer Betten
überlassen zu wollen, aber lieber hätte ich die ganze Nacht an
der Schwelle des Hauses gesessen, als sie in diesem ekelhaften Loche
zugebracht. Ich wählte zu meinem Nachtquartiere den engen Gang, welcher
die Küche vom Zimmer trennte; da fand ich ein paar Pflöcke, über
welche einige Bretter lagen, die die Milchkammer bildeten, -- eigentlich
war es aber eine Rauchkammer, denn in der Höhe befanden sich einige
Luftlöcher, durch welche der Rauch seinen Auszug hielt. -- In dieser
Milch- oder Rauchkammer, wie man sie nennen will, richtete ich mich ein,
um die Nacht zu verkümmern. Meinen durchnäßten Mantel hatte ich auf
eine Stange hängen müssen, und so war ich gezwungen, von diesen halb
kranken Leuten einen Kotzen zu borgen. Getrost legte ich mich
darauf, und stellte mich schläfrig, um mich von der Gegenwart meiner
neugierigen Wirthe zu befreien. -- Sie zogen sich in ihr Zimmer zurück,
und ich war nun allein und ungestört. Aber schlafen konnte ich doch
nicht; -- Kälte und Wind, welche durch die Zuglöcher auf mich, die
ohnehin noch ganz Erfrorne und Durchnäßte, eindrangen, hielten mich
wider Willen wach. -- Dazu gesellte sich noch ein anderes Unglück. --
So oft ich mich aus meinem stattlichen Lager aufsetzen wollte, bekam
mein armer Kopf einen derben Stoß. -- Ich vergaß nämlich die Stangen,
die auf jedem Vorplatze gezogen sind, um die Fische zu räuchern
u. s. w. Leider merkte ich mir diese Einrichtung erst, nachdem ich
schon ein halb Dutzend Kopfstücke erhalten hatte.