20. Juni.

Die Reise von Kalmannstunga nach Thingvalla beträgt 11 Meilen und ist

gewiß eine der schrecklichsten und beschwerlichsten, die man in Island

machen kann. Von _einem_ öden Thale kömmt man in das _andere_; stets

ist man von hohen Bergen und noch höhern Jokuln umschlossen, und wo

man den Blick hinwendet, begegnet man einer todten erstarrten Natur. --

Aengstliches Unbehagen bemächtiget sich des Wanderers, er durchirrt mit

doppelter Hast die ausgebreiteten Wüsteneien, und ersteigt begierig

die vor ihm aufgethürmten Berge, -- da hofft er Besseres zu sehen; --

vergebens; -- dieselbe Oede, -- dieselben Wüsten, -- dieselben Berge.

Auf den Hochebenen waren noch viele Stellen mit Schnee bedeckt; da

mußten wir hinüber, obwohl wir oft unter dem Schnee das Rauschen des

Wassers hörten. Auch über Eisrinden mußten wir, die zart und dünn

über Flüsse gespannt waren, und jene lichtblaue Farbe hatten, die das

Zeichen der Gefahr ist.

Unsere armen Pferde sträubten sich wohl oft dagegen; aber das half

nichts, sie wurden so lange durch Schläge angetrieben, bis sie uns

hinüber trugen. Das Packpferd wurde immer voran geprügelt, es mußte

die Bahn versuchen, und uns als Führer dienen. Ihm folgte mein Führer,

und zum Schluße kam ich. -- Häufig sanken die armen Thiere bis über

die Kniee in den Schnee, ja zweimal sanken sie bis über den Bauch ein.

-- Es war dieß einer der gefährlichsten Wege, die ich noch je gemacht

habe. -- Mein steter Gedanke dabei war, was ich wohl thun würde, wenn

mein Führer so tief einsänke, daß er sich nicht mehr heraus helfen

könnte. -- Meine Kräfte würden schwerlich hingereicht haben ihn zu

retten, und wohin hätte ich mich wenden sollen, um Hilfe zu suchen? --

Rings umher war nichts als Wüste und Schnee. Mir wäre dann vielleicht

der Hungertod als Loos zugefallen. Ich wäre herum geirrt, hätte

Wohnungen und Menschen gesucht, und mich dabei so in das Innere

der Wüsteneien verloren, daß ich wohl nie wieder heraus gefunden

hätte. --

Wenn ich so ein Schneefeld schon von weitem entdeckte, was leider nur

zu oft geschah, ward mir gar wunderlich zu Muthe; nur _der_ kann meine

Angst ermessen, der sich je selbst in einer ähnlichen Lage befand. --

Wäre ich in einer größern Gesellschaft gewesen, würde ich diese

Furcht nicht gekannt haben; da kann man sich doch gegenseitig helfen,

und durch dieß Bewußtsein erscheint die Gefahr viel geringer.

Dieser Weg wird aber auch in der Zeit, wo der Schnee schon keine sichere

Decke mehr bildet, nur sehr wenig benützt. Wir sahen nirgends eine

Spur von Fußtritten, weder von Menschen noch von Thieren; wir waren

die einzigen lebenden Wesen, die diese wahrhaft gräuliche Gegend

durchzogen. Freilich zankte ich meinen Führer tüchtig aus, mich einen

solchen Weg geführt zu haben; aber was half es? -- Das Umkehren wäre

so gefährlich gewesen, als das Weiterziehen. --

Noch beschwerlicher wurde diese Tour durch den Wechsel der Witterung,

die mich bisher so ziemlich begünstiget hatte. Schon als wir

Kalmannstunga verließen, fing der Himmel an, sich zu trüben, und die

Sonne beglückte uns nur auf Augenblicke mit einigen Strahlen. Noch

schlechter war es, als wir auf die höhern Bergen gelangten; da zogen

uns Wolken und Nebel entgegen, ließen ihre Wuth über uns ergehen, und

zogen nur weiter um wieder andern Platz zu machen. Ein eisiger Sturm

von den nahen Gletschern war ihr steter Begleiter, der mich dermaßen

durchschüttelte, daß ich mich kaum auf dem Pferde erhalten konnte.

-- Wir waren schon über 13 Stunden geritten. Der Regen strömte

unaufhörlich, und Nässe und Kälte hatten uns halb erstarrt gemacht;

da beschloß ich an der ersten Kothe zu halten, -- die fanden wir

endlich eine halbe Meile von Thingvalla. Nun war ich zwar unter einem

Dache, aber weiter war auch nichts gewonnen. Die Kothe bestand aus

einem einzigen Gemache, und das war von vier breiten Betten beinah ganz

eingenommen. Ich zählte sieben Erwachsene und drei Kinder, die Alle in

diesen vier Betten untergebracht werden mußten. -- Zudem herrschte

in diesem Frühjahre die _Kvef_, eine Art Grippe, welcher fast Niemand

entging. Ich fand beinah überall, also auch hier, die meisten Menschen

damit befallen; das war von allen Seiten ein Husten und Aechzen

zum Erbarmen. Der Fußboden war vom Auswurfe aus Mund und Nase so

überdeckt, daß man ordentlich ausglitt.

Diese armen Leute waren so gut, mir gleich eines ihrer Betten

überlassen zu wollen, aber lieber hätte ich die ganze Nacht an

der Schwelle des Hauses gesessen, als sie in diesem ekelhaften Loche

zugebracht. Ich wählte zu meinem Nachtquartiere den engen Gang, welcher

die Küche vom Zimmer trennte; da fand ich ein paar Pflöcke, über

welche einige Bretter lagen, die die Milchkammer bildeten, -- eigentlich

war es aber eine Rauchkammer, denn in der Höhe befanden sich einige

Luftlöcher, durch welche der Rauch seinen Auszug hielt. -- In dieser

Milch- oder Rauchkammer, wie man sie nennen will, richtete ich mich ein,

um die Nacht zu verkümmern. Meinen durchnäßten Mantel hatte ich auf

eine Stange hängen müssen, und so war ich gezwungen, von diesen halb

kranken Leuten einen Kotzen zu borgen. Getrost legte ich mich

darauf, und stellte mich schläfrig, um mich von der Gegenwart meiner

neugierigen Wirthe zu befreien. -- Sie zogen sich in ihr Zimmer zurück,

und ich war nun allein und ungestört. Aber schlafen konnte ich doch

nicht; -- Kälte und Wind, welche durch die Zuglöcher auf mich, die

ohnehin noch ganz Erfrorne und Durchnäßte, eindrangen, hielten mich

wider Willen wach. -- Dazu gesellte sich noch ein anderes Unglück. --

So oft ich mich aus meinem stattlichen Lager aufsetzen wollte, bekam

mein armer Kopf einen derben Stoß. -- Ich vergaß nämlich die Stangen,

die auf jedem Vorplatze gezogen sind, um die Fische zu räuchern

u. s. w. Leider merkte ich mir diese Einrichtung erst, nachdem ich

schon ein halb Dutzend Kopfstücke erhalten hatte.

Reise nach dem skandinavischen Norden und der Insel Island im Jahre 1845. Erster Band. · 第 24 / 27 题