19. Juni

Um meine Reise ungehindert fortsetzen zu können, miethete ich frische

Pferde, und ließ die meinigen, die noch etwas ermüdet waren, leer

mitgehen. -- Der Zweck dieses ferneren Ausfluges war, die höchst

merkwürdige Höhle _Surthellir_ zu besuchen, welche von hier gute

sieben Meilen entfernt ist. Der Priester war abermal so gütig für

Alles zu sorgen, und selbst meinen Mentor dahin zu machen.

Wir zogen, zwar nur drei Köpfe stark, doch mit sieben Pferden von

dannen, und ritten bei zwei Meilen denselben Weg zurück, den ich

gestern früh von Reikholt gekommen war; dann aber wendeten wir uns

links und gelangten über Hügel und Höhen in andere Thäler, die

theils von den schönsten Lavaströmen durchzogen, theils mit herrlichen

Waldpartieen -- natürlich, wie bereits gesagt, nur nach Isländer

Meinung -- bedeckt waren. -- Ja, die einzelnen Stämmchen dieser magern

Gestrüppe waren sogar noch etwas höher als jene im Thale _Thingvalla_.

Zu _Kalmannstunga_ ließen wir die leeren Pferde zurück, und nahmen

einen Mann, der uns als Führer in der Höhle dienen sollte, zu welcher

wir nun noch anderthalb Meilen zu reiten hatten. Das große Thal, in

welchem diese Höhle liegt, gehört zu den merkwürdigsten von Island.

-- Es ist ein vorzügliches Bild vulkanischer Zerstörung. -- Die

schönsten Lavamassen, in den pittoreskesten Formen und in allen Farben,

füllen das ganze unübersehbare Thal aus. Da sieht man die Lava

in glasigem krausen Zustande, und die herrlichsten Zeichnungen und

Arabesken bildend, oder in ungeheuern Platten, die theils einzeln

liegen, theils wie aufgeschwemmt übereinander geschichtet sind, und

dazwischen thürmen sich große mächtige Ströme, die mitten im Laufe

erstarrt sein mußten. -- Man kann aus den verschiedenen Farben der

Lava, aus ihren Uebergängen vom lichtgrauen bis zum schwarzen, die zu

verschiedener Zeit stattgehabten Ausbrüche erkennen. -- Die das Thal

umgebenden Berge sind größtentheils von dunkler Farbe, manche sogar

schwarz, was gar mächtig absticht gegen die nachbarlichen Jokul's, die

in ihrer weiten Ausdehnung beinahe das Bild eines Eismeeres darstellen.

-- Einen dieser Jokuls fand ich gar besonders groß; seine glänzende

Decke zog sich tief gegen das Thal hinab, und seine obere Fläche war

kaum übersehbar. -- Was die Form der andern Berge betrifft, so sind sie

auch glatt, ordentlich wie gemeißelt, und ich sah im Vordergrund nur

_einen_, mit den wunderlichsten Gruppen und Auswüchsen erstarrter

Lava bedeckt. -- Auf der ganzen Umgebung, auf Thal und Bergen lastete

Todtenstille; Alles war ausgestorben, Alles öde und kahl, und somit

ächt isländisch. -- Den größten Theil von Island könnte man

füglich die _nordische Wüste_ nennen.

Die Höhle _Surthellir_ liegt auf einer etwas erhöhten ausgedehnten

Ebene, wo man sie wahrlich nicht suchen würde, da man gewohnt ist,

dergleichen Naturerscheinungen in den Eingeweiden der Berge zu finden.

Man ist daher sehr überrascht plötzlich vor einem weiten, rundlichen

Becken zu stehen, das ungefähr 15 Klafter im Durchmesser und 4 Klafter

in der Tiefe haben mag, und aufgedeckt zu den Füßen liegt. Grausig

war's, da hinab zu schauen auf die zahllosen übereinander gethürmten

Felsblöcke, die von einer Seite bis an den Rand des Beckens reichten,

und über welche der Weg hinab in die weiter fortlaufenden finstern

Schluchten leitete.

Auf Händen und Füßen mußten wir da hinunterklettern, bis wir in

einen breiten langen Gang kamen, der sich anfangs unmerklich abwärts

neigte, und dann fortlief unter der Ebene, die sich als Felsdecke über

unsern Häuptern wölbte. Ich schätze die verschiedenen Höhen der

Decke von mindestens 3 bis zu 10 Klafter, zu welcher letztern Höhe sie

sich jedoch selten empor hebt. Decke und Wände sind theilweise sehr

spitzig und rauh, eine Folge des Tropfsteines, der sich an sie ansetzt,

jedoch, ohne Figuren oder lange Spitzen und Zacken zu bilden.

Von diesem Hauptgange führen verschiedene Nebenwege weit und breit in

die Eingeweide dieser Steinregion; sie stehen aber unter einander nicht

in Verbindung, und man muß von jedem Seitenpfade wieder zum Hauptgange

zurückkehren. Manche dieser Nebengänge sind kurz, schmal und niedrig,

doch gibt es auch lange, breite und hohe.

In einem der entlegensten dieser Nebengänge zeigte man mir eine große

Menge Gebeine, die von geschlachteten Schafen und andern Thieren sein

sollten. So viel ich der Erzählung des Priesters entnehmen konnte,

sagt die Sage, daß da einst vor langen Jahren der Aufenthalt einer

mächtigen Räuberhorde gewesen sei. -- Es müssen wohl lange, lange

Zeiträume seither verflossen sein, da man sich nur Fabeln und Sagen

davon erzählt.

Ich wüßte nicht, was Räuber in Island gethan hätten; Piraten kamen

wohl öfters dahin; für diese war aber diese Gegend zu weit von der

See entfernt. -- Ich könnte mir nicht einmal denken, daß es Raubthiere

gewesen seien; denn weit und breit ist ja die Gegend öde und unbewohnt,

wie gesagt -- eine Wüste -- da hätten sie nicht einmal etwas zu rauben

gefunden. -- Kurz, ich überdachte alles Mögliche, und kann nur sagen,

daß mir dieß eine höchst sonderbare Erscheinung dünkte, in dieser

Einöde, so weit von allem Leben entfernt, eine solche Menge Beine

gesehen zu haben, die noch dazu so frisch aussahen, als wären die armen

Thiere erst kürzlich verspeiset worden. Leider konnte ich das Wahre der

Sache nicht ergründen.

Es kann nicht leicht etwas Beschwerlicheres geben, als in dieser Höhle

herum zu wandeln. So, wie sie sich uns beim ersten Anblick zeigte, so

ging es im Hauptgange fort und fort. Die ganze Bahn bestand aus losen,

über einander geworfenen großen Lavatrümmern, über welche wir

höchst mühsam klettern mußten. Keiner konnte dem Andern helfen;

Jeder hatte mit sich selbst genug zu thun. Da war nicht ein Fleckchen

zu finden, wohin man den Fuß hätte setzen können, ohne sich mit den

Händen anzuklammern. Oft mußten wir uns auf die Steine setzen, und so

auf die Füße hinab lassen, oft uns zusammenhalten, um uns gegenseitig

auf die gar zu hohen Steine hinauf zu ziehen, u. s. w.

Wir kamen noch zu einigen ungeheuren Becken oder Kratern, die sich über

uns öffneten, jedoch nicht zu ersteigen waren, da die Wände zu schroff

hinauf gingen. Das Licht, das durch diese Becken herein fiel, war nicht

einmal für den Haupteingang hinreichend, viel weniger für die vielen

Nebengänge.

Ich hatte zu _Kalmannstunga_ Fackeln anschaffen wollen, mußte aber

froh sein, einige Kerzen erhalten zu können, mit Fackeln muß man sich

gleich in Reikjavik versehen.

An den Stellen, über die sich die Becken öffneten lag noch ziemlich

viel Schnee, der das Gehen sehr gefährlich machte. Wir sanken oft ein,

und kamen mit den Füßen zwischen die Steine, so, daß wir uns kaum

zu erhalten vermochten. -- In den Nebengängen, die sich unweit

solcher Becken befanden, hatten sich Eisrinden gebildet, die mit Wasser

überdeckt waren, tiefer hinein hörte das Eis zwar auf, dagegen war es

aber meist sehr schmutzig, da statt der Steine eine Schichte Sand lag,

die sich mit dem Wasser vermischt hatte.

Mit Lavablöcken war nur der Hauptgang bedeckt, in den übrigen gab es

nur Sandschichten oder Lava-Gerölle.

Einen schönen Anblick gewährte die magische Sonnenbeleuchtung, die

durch eines dieser Becken in die Höhle strahlte. Die Sonne schien

senkrecht durch die Oeffnung, verbreitete einen wundervoll blendenden

Schimmer über den Schnee, und bildete einen zarten, färbigen Schein um

unsere Köpfe.

Von besonderer Wirkung war dieser helle Lichtpunkt, als Gegensatz zu den

beiden finstern Schlünden, aus deren einem wir gekommen waren, um in

dem Dunkel des andern unsere Wanderung wieder fortzusetzen.

Dieses unterirdische Labirinth soll sich mehrere Meilen weit in

verschiedenen Richtungen erstrecken. Wir durchzogen nur einen Theil

des Hauptganges und mehrere Nebengänge, und kehrten nach zwei Stunden,

recht ermüdet, in die Oberwelt zurück. Da machten wir eine halbe

Stunde Rast, und ritten dann im scharfen Trapp die anderthalb Meilen

nach Kalmannstunga zurück.

Leider besitze ich keine geognostischen Kenntnisse, um behaupten zu

können, daß diese Höhle ein ausgebrannter Vulkan sei. Wenn man sich

aber in einem Lande befindet, wo jeder Hügel und Berg, Alles was man

sieht, aus nichts als Lava besteht, so wird auch der Laie die Oeffnungen

zu entdecken suchen, aus welchen sich diese ungeheure Massen ergoßen.

Da betrachtet man neugierig jede Spitze der Berge, und glaubt überall

einen Krater sehen zu müssen, findet aber Berg und Thal glatt und

geschlossen. Wie froh ist man daher nicht, in dieser Höhle dem Dinge

doch ein bischen auf die Spur zu kommen! Ich wenigstens träumte,

hier in der einstigen Feuerstädte eines nun ausgebrannten Vulkans zu

wandeln, denn Alles was ich sah, die aufgehäuften Steinmassen unter

meinen Füßen, so wie die gewaltige Decke und die Becken oder Krater

über mir -- Alles war Lava. -- Ob ich recht habe, weiß ich nicht; ich

spreche nur nach meinen Begriffen und nach meinen Ansichten.

Diese Nacht mußte ich in einer Kothe zubringen; das Oertchen

Kalmannstunga zählt deren drei, aber keine Kirche. -- Zum Glück war

eine der Kothen etwas größer und reinlicher, als die gewöhnlichen;

es war schon eine Art sogenannter _Hof_. Auch waren die Leute so

aufmerksam, während der Zeit, als ich nach der Höhe ritt, das beste

Gemach zu säubern, und zu meinem Empfange mit möglichster Sorgfalt

herzurichten. -- Dieses Kämmerchen hatte 11 Fuß in der Länge und 7 in

der Breite; das Fenster war so klein und verschmutzt, daß ich, obwohl

die Sonne noch in voller Pracht erglänzte, kaum zum Schreiben sah.

-- Die Wände, ja selbst der Fußboden waren mit Holz getäfelt, der

höchste Luxus in diesem von Holz so entblößten Lande. Die Einrichtung

bestand aus einem breiten Bette, zwei Truhen und einem kleinen

Tischchen. Stühle oder Bänke sind den isländischen Bauern eine =terra

incognita=; sie sitzen auf den Betten oder Truhen; auch wüßte ich

wirklich nicht, wo in einer solchen Kammer ein derlei Möbel Platz

fände.

Meine Hausfrau, die Wittwe eines wohlhabenden Bauern, stellte mir ihre

vier Kinder vor, die recht hübsch und sehr nett gekleidet waren. Ich

bat die Mutter mir die Namen der Kleinen zu sagen, damit ich doch auch

einige isländische Namen in meinem Vaterlande zu nennen wüßte. Sie

war über diese meine Bitte sehr erfreut, und nannte sie mir, wie folgt:

Sigridur, Gudrun, Ingebör und Lars.

Ich würde mich da recht behaglich gefunden haben, indem ich gewohnt

bin, Entbehrungen jeder Art mit Gleichmuth zu ertragen, hätte man mich

nur allein gelassen. Aber man stelle sich mein Entsetzen vor, als nach

und nach alle Inwohner, sowohl dieser, als auch der andern Kothen zu mir

herein drangen, und sich theils im Gemache, theils vor demselben an der

Thüre aufpflanzten und mich da noch viel enger umlagert hielten, als zu

Krisuvik. -- Ich war diesen guten Leuten eine gar zu neue Erscheinung,

und da kamen sie und gafften mich an; -- und erst die Frauen und Kinder,

die waren gar sehr zutraulich, sie betasteten meinen ganzen Anzug,

und die Kleinen legten sogar ihre beschmutzten Gesichtchen auf meinen

Schooß. Dazu die Ausdünstung dieser Menschen, ihre schreckliche

Unreinlichkeit, ihr beständiges Schnauben _ohne_ Sacktuch, ihr

immerwährendes Umsichspucken -- -- ach, es war wirklich furchtbar!

-- Ich that und erlitt durch diese Besuche mehr Buße, als durch das

längste Fasten, -- und doch blieb auch dieses nur selten aus, indem ich

die meisten ihrer Gerichte nicht genießen konnte. -- Die Kochkunst der

isländischen Bauern umfaßt aber auch nichts als -- trockene Fische;

dazu genießen sie gegohrne Milch, die oft Monate alt ist, -- höchst

selten gekochte Grütze und dazu Flachbrod, gebacken aus fein geriebenem

isländischen Moos.

Merkwürdig kam es mir vor, daß die meisten dieser Leute bei mir eine

Menge Kenntnisse voraussetzten, die sonst nur den Männern eigen sind;

wahrscheinlich glaubten sie, im Auslande seien die Frauen so gelehrt wie

die Herren. -- Die Priester fragten mich z. B. stets, ob ich lateinisch

spräche, und schienen sehr verwundert, diese Kenntniß nicht bei mir zu

finden. -- Die gemeinen Leute baten mich um Rath für dieß oder

jenes Uebel; -- ja einmal, als ich auf meinen einsamen Wanderungen um

Reikjavik in eine Kothe trat, führte man mir sogar ein Wesen vor, das

ich kaum für ein Geschöpf meines Gleichen gehalten hätte; -- so war

es durch den Ausschlag Lepra entstellt. Nicht nur das Gesicht, sondern

auch der ganze Körper war damit behaftet; Letzterer war ganz abgezehrt,

und an manchen Stellen mit Beulen bedeckt. -- Für einen Arzt wäre

dieß sicherlich ein höchst interessantes Exemplar gewesen; jedoch

_ich_ wandte mit Entsetzen meinen Blick davon ab.

Doch hinweg von diesem Bilde! -- da will ich lieber mit dem

Engelsköpfchen kosen, das ich in Kalmannstunga sah. Es war ein Mädchen

von 10-12 Jahren, so über alle Beschreibung anmuthig, lieb und schön,

daß ich gewünscht hätte eine Malerin zu sein. Das zarte Gesichtchen

mit dem schelmischen Grübchen, und den sprechenden Augen, würde

ich gar zu gerne, wenigstens auf der Leinwand, mit in mein Vaterland

gebracht haben. Vielleicht ist es aber so besser; das Bild könnte

durch einen malitiösen Zufall in die Hände eines gar zu gefühlvollen

Jünglings gerathen, und der würde dann gleich -- wie Don Sylvio de

Rosalva, in Wielands »komischem Romane« -- die halbe Welt durchziehen,

um dieß bezaubernde Köpfchen auch in Wirklichkeit zu finden. Nach

Island aber würde ihn sein Forschungsgeist wahrscheinlich doch nicht

führen, indem man da eine solche Erscheinung gar nicht vermuthen

könnte, und da wäre denn der arme Unglückliche zu einer ewigen

Wanderung verurtheilt.

Reise nach dem skandinavischen Norden und der Insel Island im Jahre 1845. Erster Band. · 第 23 / 27 题