Um meine Reise ungehindert fortsetzen zu können, miethete ich frische
Pferde, und ließ die meinigen, die noch etwas ermüdet waren, leer
mitgehen. -- Der Zweck dieses ferneren Ausfluges war, die höchst
merkwürdige Höhle _Surthellir_ zu besuchen, welche von hier gute
sieben Meilen entfernt ist. Der Priester war abermal so gütig für
Alles zu sorgen, und selbst meinen Mentor dahin zu machen.
Wir zogen, zwar nur drei Köpfe stark, doch mit sieben Pferden von
dannen, und ritten bei zwei Meilen denselben Weg zurück, den ich
gestern früh von Reikholt gekommen war; dann aber wendeten wir uns
links und gelangten über Hügel und Höhen in andere Thäler, die
theils von den schönsten Lavaströmen durchzogen, theils mit herrlichen
Waldpartieen -- natürlich, wie bereits gesagt, nur nach Isländer
Meinung -- bedeckt waren. -- Ja, die einzelnen Stämmchen dieser magern
Gestrüppe waren sogar noch etwas höher als jene im Thale _Thingvalla_.
Zu _Kalmannstunga_ ließen wir die leeren Pferde zurück, und nahmen
einen Mann, der uns als Führer in der Höhle dienen sollte, zu welcher
wir nun noch anderthalb Meilen zu reiten hatten. Das große Thal, in
welchem diese Höhle liegt, gehört zu den merkwürdigsten von Island.
-- Es ist ein vorzügliches Bild vulkanischer Zerstörung. -- Die
schönsten Lavamassen, in den pittoreskesten Formen und in allen Farben,
füllen das ganze unübersehbare Thal aus. Da sieht man die Lava
in glasigem krausen Zustande, und die herrlichsten Zeichnungen und
Arabesken bildend, oder in ungeheuern Platten, die theils einzeln
liegen, theils wie aufgeschwemmt übereinander geschichtet sind, und
dazwischen thürmen sich große mächtige Ströme, die mitten im Laufe
erstarrt sein mußten. -- Man kann aus den verschiedenen Farben der
Lava, aus ihren Uebergängen vom lichtgrauen bis zum schwarzen, die zu
verschiedener Zeit stattgehabten Ausbrüche erkennen. -- Die das Thal
umgebenden Berge sind größtentheils von dunkler Farbe, manche sogar
schwarz, was gar mächtig absticht gegen die nachbarlichen Jokul's, die
in ihrer weiten Ausdehnung beinahe das Bild eines Eismeeres darstellen.
-- Einen dieser Jokuls fand ich gar besonders groß; seine glänzende
Decke zog sich tief gegen das Thal hinab, und seine obere Fläche war
kaum übersehbar. -- Was die Form der andern Berge betrifft, so sind sie
auch glatt, ordentlich wie gemeißelt, und ich sah im Vordergrund nur
_einen_, mit den wunderlichsten Gruppen und Auswüchsen erstarrter
Lava bedeckt. -- Auf der ganzen Umgebung, auf Thal und Bergen lastete
Todtenstille; Alles war ausgestorben, Alles öde und kahl, und somit
ächt isländisch. -- Den größten Theil von Island könnte man
füglich die _nordische Wüste_ nennen.
Die Höhle _Surthellir_ liegt auf einer etwas erhöhten ausgedehnten
Ebene, wo man sie wahrlich nicht suchen würde, da man gewohnt ist,
dergleichen Naturerscheinungen in den Eingeweiden der Berge zu finden.
Man ist daher sehr überrascht plötzlich vor einem weiten, rundlichen
Becken zu stehen, das ungefähr 15 Klafter im Durchmesser und 4 Klafter
in der Tiefe haben mag, und aufgedeckt zu den Füßen liegt. Grausig
war's, da hinab zu schauen auf die zahllosen übereinander gethürmten
Felsblöcke, die von einer Seite bis an den Rand des Beckens reichten,
und über welche der Weg hinab in die weiter fortlaufenden finstern
Schluchten leitete.
Auf Händen und Füßen mußten wir da hinunterklettern, bis wir in
einen breiten langen Gang kamen, der sich anfangs unmerklich abwärts
neigte, und dann fortlief unter der Ebene, die sich als Felsdecke über
unsern Häuptern wölbte. Ich schätze die verschiedenen Höhen der
Decke von mindestens 3 bis zu 10 Klafter, zu welcher letztern Höhe sie
sich jedoch selten empor hebt. Decke und Wände sind theilweise sehr
spitzig und rauh, eine Folge des Tropfsteines, der sich an sie ansetzt,
jedoch, ohne Figuren oder lange Spitzen und Zacken zu bilden.
Von diesem Hauptgange führen verschiedene Nebenwege weit und breit in
die Eingeweide dieser Steinregion; sie stehen aber unter einander nicht
in Verbindung, und man muß von jedem Seitenpfade wieder zum Hauptgange
zurückkehren. Manche dieser Nebengänge sind kurz, schmal und niedrig,
doch gibt es auch lange, breite und hohe.
In einem der entlegensten dieser Nebengänge zeigte man mir eine große
Menge Gebeine, die von geschlachteten Schafen und andern Thieren sein
sollten. So viel ich der Erzählung des Priesters entnehmen konnte,
sagt die Sage, daß da einst vor langen Jahren der Aufenthalt einer
mächtigen Räuberhorde gewesen sei. -- Es müssen wohl lange, lange
Zeiträume seither verflossen sein, da man sich nur Fabeln und Sagen
davon erzählt.
Ich wüßte nicht, was Räuber in Island gethan hätten; Piraten kamen
wohl öfters dahin; für diese war aber diese Gegend zu weit von der
See entfernt. -- Ich könnte mir nicht einmal denken, daß es Raubthiere
gewesen seien; denn weit und breit ist ja die Gegend öde und unbewohnt,
wie gesagt -- eine Wüste -- da hätten sie nicht einmal etwas zu rauben
gefunden. -- Kurz, ich überdachte alles Mögliche, und kann nur sagen,
daß mir dieß eine höchst sonderbare Erscheinung dünkte, in dieser
Einöde, so weit von allem Leben entfernt, eine solche Menge Beine
gesehen zu haben, die noch dazu so frisch aussahen, als wären die armen
Thiere erst kürzlich verspeiset worden. Leider konnte ich das Wahre der
Sache nicht ergründen.
Es kann nicht leicht etwas Beschwerlicheres geben, als in dieser Höhle
herum zu wandeln. So, wie sie sich uns beim ersten Anblick zeigte, so
ging es im Hauptgange fort und fort. Die ganze Bahn bestand aus losen,
über einander geworfenen großen Lavatrümmern, über welche wir
höchst mühsam klettern mußten. Keiner konnte dem Andern helfen;
Jeder hatte mit sich selbst genug zu thun. Da war nicht ein Fleckchen
zu finden, wohin man den Fuß hätte setzen können, ohne sich mit den
Händen anzuklammern. Oft mußten wir uns auf die Steine setzen, und so
auf die Füße hinab lassen, oft uns zusammenhalten, um uns gegenseitig
auf die gar zu hohen Steine hinauf zu ziehen, u. s. w.
Wir kamen noch zu einigen ungeheuren Becken oder Kratern, die sich über
uns öffneten, jedoch nicht zu ersteigen waren, da die Wände zu schroff
hinauf gingen. Das Licht, das durch diese Becken herein fiel, war nicht
einmal für den Haupteingang hinreichend, viel weniger für die vielen
Nebengänge.
Ich hatte zu _Kalmannstunga_ Fackeln anschaffen wollen, mußte aber
froh sein, einige Kerzen erhalten zu können, mit Fackeln muß man sich
gleich in Reikjavik versehen.
An den Stellen, über die sich die Becken öffneten lag noch ziemlich
viel Schnee, der das Gehen sehr gefährlich machte. Wir sanken oft ein,
und kamen mit den Füßen zwischen die Steine, so, daß wir uns kaum
zu erhalten vermochten. -- In den Nebengängen, die sich unweit
solcher Becken befanden, hatten sich Eisrinden gebildet, die mit Wasser
überdeckt waren, tiefer hinein hörte das Eis zwar auf, dagegen war es
aber meist sehr schmutzig, da statt der Steine eine Schichte Sand lag,
die sich mit dem Wasser vermischt hatte.
Mit Lavablöcken war nur der Hauptgang bedeckt, in den übrigen gab es
nur Sandschichten oder Lava-Gerölle.
Einen schönen Anblick gewährte die magische Sonnenbeleuchtung, die
durch eines dieser Becken in die Höhle strahlte. Die Sonne schien
senkrecht durch die Oeffnung, verbreitete einen wundervoll blendenden
Schimmer über den Schnee, und bildete einen zarten, färbigen Schein um
unsere Köpfe.
Von besonderer Wirkung war dieser helle Lichtpunkt, als Gegensatz zu den
beiden finstern Schlünden, aus deren einem wir gekommen waren, um in
dem Dunkel des andern unsere Wanderung wieder fortzusetzen.
Dieses unterirdische Labirinth soll sich mehrere Meilen weit in
verschiedenen Richtungen erstrecken. Wir durchzogen nur einen Theil
des Hauptganges und mehrere Nebengänge, und kehrten nach zwei Stunden,
recht ermüdet, in die Oberwelt zurück. Da machten wir eine halbe
Stunde Rast, und ritten dann im scharfen Trapp die anderthalb Meilen
nach Kalmannstunga zurück.
Leider besitze ich keine geognostischen Kenntnisse, um behaupten zu
können, daß diese Höhle ein ausgebrannter Vulkan sei. Wenn man sich
aber in einem Lande befindet, wo jeder Hügel und Berg, Alles was man
sieht, aus nichts als Lava besteht, so wird auch der Laie die Oeffnungen
zu entdecken suchen, aus welchen sich diese ungeheure Massen ergoßen.
Da betrachtet man neugierig jede Spitze der Berge, und glaubt überall
einen Krater sehen zu müssen, findet aber Berg und Thal glatt und
geschlossen. Wie froh ist man daher nicht, in dieser Höhle dem Dinge
doch ein bischen auf die Spur zu kommen! Ich wenigstens träumte,
hier in der einstigen Feuerstädte eines nun ausgebrannten Vulkans zu
wandeln, denn Alles was ich sah, die aufgehäuften Steinmassen unter
meinen Füßen, so wie die gewaltige Decke und die Becken oder Krater
über mir -- Alles war Lava. -- Ob ich recht habe, weiß ich nicht; ich
spreche nur nach meinen Begriffen und nach meinen Ansichten.
Diese Nacht mußte ich in einer Kothe zubringen; das Oertchen
Kalmannstunga zählt deren drei, aber keine Kirche. -- Zum Glück war
eine der Kothen etwas größer und reinlicher, als die gewöhnlichen;
es war schon eine Art sogenannter _Hof_. Auch waren die Leute so
aufmerksam, während der Zeit, als ich nach der Höhe ritt, das beste
Gemach zu säubern, und zu meinem Empfange mit möglichster Sorgfalt
herzurichten. -- Dieses Kämmerchen hatte 11 Fuß in der Länge und 7 in
der Breite; das Fenster war so klein und verschmutzt, daß ich, obwohl
die Sonne noch in voller Pracht erglänzte, kaum zum Schreiben sah.
-- Die Wände, ja selbst der Fußboden waren mit Holz getäfelt, der
höchste Luxus in diesem von Holz so entblößten Lande. Die Einrichtung
bestand aus einem breiten Bette, zwei Truhen und einem kleinen
Tischchen. Stühle oder Bänke sind den isländischen Bauern eine =terra
incognita=; sie sitzen auf den Betten oder Truhen; auch wüßte ich
wirklich nicht, wo in einer solchen Kammer ein derlei Möbel Platz
fände.
Meine Hausfrau, die Wittwe eines wohlhabenden Bauern, stellte mir ihre
vier Kinder vor, die recht hübsch und sehr nett gekleidet waren. Ich
bat die Mutter mir die Namen der Kleinen zu sagen, damit ich doch auch
einige isländische Namen in meinem Vaterlande zu nennen wüßte. Sie
war über diese meine Bitte sehr erfreut, und nannte sie mir, wie folgt:
Sigridur, Gudrun, Ingebör und Lars.
Ich würde mich da recht behaglich gefunden haben, indem ich gewohnt
bin, Entbehrungen jeder Art mit Gleichmuth zu ertragen, hätte man mich
nur allein gelassen. Aber man stelle sich mein Entsetzen vor, als nach
und nach alle Inwohner, sowohl dieser, als auch der andern Kothen zu mir
herein drangen, und sich theils im Gemache, theils vor demselben an der
Thüre aufpflanzten und mich da noch viel enger umlagert hielten, als zu
Krisuvik. -- Ich war diesen guten Leuten eine gar zu neue Erscheinung,
und da kamen sie und gafften mich an; -- und erst die Frauen und Kinder,
die waren gar sehr zutraulich, sie betasteten meinen ganzen Anzug,
und die Kleinen legten sogar ihre beschmutzten Gesichtchen auf meinen
Schooß. Dazu die Ausdünstung dieser Menschen, ihre schreckliche
Unreinlichkeit, ihr beständiges Schnauben _ohne_ Sacktuch, ihr
immerwährendes Umsichspucken -- -- ach, es war wirklich furchtbar!
-- Ich that und erlitt durch diese Besuche mehr Buße, als durch das
längste Fasten, -- und doch blieb auch dieses nur selten aus, indem ich
die meisten ihrer Gerichte nicht genießen konnte. -- Die Kochkunst der
isländischen Bauern umfaßt aber auch nichts als -- trockene Fische;
dazu genießen sie gegohrne Milch, die oft Monate alt ist, -- höchst
selten gekochte Grütze und dazu Flachbrod, gebacken aus fein geriebenem
isländischen Moos.
Merkwürdig kam es mir vor, daß die meisten dieser Leute bei mir eine
Menge Kenntnisse voraussetzten, die sonst nur den Männern eigen sind;
wahrscheinlich glaubten sie, im Auslande seien die Frauen so gelehrt wie
die Herren. -- Die Priester fragten mich z. B. stets, ob ich lateinisch
spräche, und schienen sehr verwundert, diese Kenntniß nicht bei mir zu
finden. -- Die gemeinen Leute baten mich um Rath für dieß oder
jenes Uebel; -- ja einmal, als ich auf meinen einsamen Wanderungen um
Reikjavik in eine Kothe trat, führte man mir sogar ein Wesen vor, das
ich kaum für ein Geschöpf meines Gleichen gehalten hätte; -- so war
es durch den Ausschlag Lepra entstellt. Nicht nur das Gesicht, sondern
auch der ganze Körper war damit behaftet; Letzterer war ganz abgezehrt,
und an manchen Stellen mit Beulen bedeckt. -- Für einen Arzt wäre
dieß sicherlich ein höchst interessantes Exemplar gewesen; jedoch
_ich_ wandte mit Entsetzen meinen Blick davon ab.
Doch hinweg von diesem Bilde! -- da will ich lieber mit dem
Engelsköpfchen kosen, das ich in Kalmannstunga sah. Es war ein Mädchen
von 10-12 Jahren, so über alle Beschreibung anmuthig, lieb und schön,
daß ich gewünscht hätte eine Malerin zu sein. Das zarte Gesichtchen
mit dem schelmischen Grübchen, und den sprechenden Augen, würde
ich gar zu gerne, wenigstens auf der Leinwand, mit in mein Vaterland
gebracht haben. Vielleicht ist es aber so besser; das Bild könnte
durch einen malitiösen Zufall in die Hände eines gar zu gefühlvollen
Jünglings gerathen, und der würde dann gleich -- wie Don Sylvio de
Rosalva, in Wielands »komischem Romane« -- die halbe Welt durchziehen,
um dieß bezaubernde Köpfchen auch in Wirklichkeit zu finden. Nach
Island aber würde ihn sein Forschungsgeist wahrscheinlich doch nicht
führen, indem man da eine solche Erscheinung gar nicht vermuthen
könnte, und da wäre denn der arme Unglückliche zu einer ewigen
Wanderung verurtheilt.