Gestern waren wir gezwungen gewesen, unsern armen Pferden eine
übergroße Station von eilf Meilen aufzubürden, da die letzten neun
Meilen über ganz wüste und unbewohnte Strecken gingen, und wir auf
keine einzige Kothe trafen. Dafür hatten sie es aber heute desto
leichter, denn wir ritten nur anderthalb Meilen nach dem Oertchen
_Reikiadal_, wo ich diesen Tag zubrachte, um die berühmten
Springquellen zu besuchen.
Das Oertchen _Reikiadal_ besteht aus einer Kirche und einigen Kothen,
und liegt mitten zwischen schönen Wiesen. Ueberhaupt ist dieses Thal
reich an herrlichen Wiesengründen, man sieht daher auch viel einzeln
stehende Höfe und Kothen, schöne Heerden von Schafen, und ziemlich
viele Pferde; Kühe weniger.
Die Kirche zu Reikiadal ist eine der neuesten und geräumigsten, die mir
bisher vorgekommen ist. Auch das Häuschen des Priesters, obwohl auch
von allen Seiten mit Rasen bedeckt, ist doch groß genug, um behaglich
darin wohnen zu können. -- Der Bezirk dieser Pfründe ist groß, und
ziemlich bevölkert.
Meine erste Sorge gleich nach der Ankunft war, den Priester, Herrn
_Jonas Jonason_, zu ersuchen, mir so schnell als möglich frische Pferde
zu besorgen, nebst einem Führer, der mich nach den heißen Quellen
geleitete. -- Er versprach, in einer halben Stunde mir Beides zu
verschaffen, doch sah ich erst nach drei Stunden, und auch da noch mit
vieler Mühe, meine Bitte erfüllt. -- Nichts ärgerte mich stets mehr
in Island, als die Langsamkeit und Gleichgiltigkeit seiner Bewohner in
all ihrem Thun und Treiben. Auf Alles, was man begehrt oder wünscht,
muß man die längste Zeit warten. -- Wäre ich dem guten Pastor nicht
unausgesetzt zur Seite gewesen, ich glaube schwerlich, daß ich diesen
Tag mein Ziel erreicht haben würde. -- Endlich war Alles bereit, und
der Pastor selbst war so gütig mein Führer zu sein.
Wir ritten bei ¾ Meilen in diesem schönen Thale den Dampfsäulen zu,
und mußten auf diesem Wege gewiß mehr als ein halb Dutzend Mal über
den Fluß _Sidumule_ setzen, der in unendlichen Krümmungen das
ganze Thal durchströmt. Endlich gelangten wir an die erste heiße
Springquelle; sie entspringt einem ungefähr sechs Fuß hohen Fels, der
in der Mitte eines Moores steht. Der Durchmesser der obern Oeffnung des
Kessels, in welchem das Wasser beständig heftig kocht und braust,
mag zwischen zwei und drei Fuß betragen. -- Diese Quelle springt
beständig; der Strahl erhebt sich zwei, ja manchmal bei vier Fuß
hoch, und ist ungefähr anderthalb Fuß dick. Man kann ihn auch auf
Augenblicke verstärken, wenn man große Steine oder Erdklumpen hinein
wirft, und die Quelle dadurch aufreizt. Sie schleudert dann die Steine
mit Gewalt heraus, während sie die Erdklumpen auflöst, und das Wasser
dadurch gefärbt und beschmutzt erscheint.
Wer den Sprudel zu Karlsbad in Böhmen gesehen hat, kann sich eine
getreue Vorstellung von dieser Springquelle machen; sie gleichen sich
vollkommen.
Gleich neben dieser Springquelle ist ein Schlund, in welchem Wasser
heftig kocht, aber nie in die Höhe steigt. Weitere Springquellen sind
etwas entfernter, auf einem höhern Fels, der im Fluße Sidumule ganz
nahe am Ufer steht. Es sind deren dreie darauf, deren jede nur einige
Schritte von der andern entfernt liegt, und nehmen beinahe die ganze
obere Fläche des Felsens ein. Etwas tiefer unten befindet sich
ebenfalls ein Kessel mit stark kochendem Wasser; auch sind am Fuße
des Felsens und am Ufer viele heiße Quellen, die meisten jedoch nur
unbedeutend. Manche dieser Quellen entspringen beinah in dem kalten
Fluße.
Die eigentliche Hauptgruppe liegt aber noch etwas entfernter auf einem
Fels, der bei zwanzig Fuß hoch und bei fünfzig Fuß lang sein mag,
_Tunga-Huer_ heißt, und aus der Mitte eines Moorgrundes empor ragt. --
Auf diesem Fels entspringen 16 solcher Quellen, und zwar, theils in
der Tiefe desselben, theils in und ober der Mitte; ganz oben entspringt
keine.
Die Kessel, so wie der Durchmesser und die Höhe der Strahlen sind ganz
so beschaffen, wie bei jenen, die ich bereits beschrieben habe. -- Alle
diese 16 Quellen sind so nahe beisammen, daß sie nicht einmal
zwei Wände des Felsens einnehmen. -- Man kann sich durchaus keine
Vorstellung von der Pracht und Außerordentlichkeit dieses Schauspieles
machen; wahrhaft feenartig wird es aber, wenn man den Muth hat, den
Fels selbst zu erklimmen, was zwar nicht beschwerlich, aber doch etwas
gefährlich ist. -- Die obere Schichte des Felsens ist nämlich weich
und warm, und gleicht mehr einem verdichteten mit Sand und Steinchen
vermischten Brodem. Jeder Fußtritt läßt die Spur zurück, und man
schwebt immer in der größten Angst einzubrechen und in eine nur leicht
überdeckte kochende Quelle zu sinken. Der gute Priester ging mit einem
Stocke voran, und sondirte so viel möglich die gefährliche Decke, ich
-- blieb nicht zurück, und so standen wir plötzlich oben am Rande des
Felsens. -- Da konnten wir mit _einem_ Blicke die an den beiden Seiten
des Felsens befindlichen 16 Springquellen übersehen. -- War der Anblick
von unten aus einer der interessantesten und merkwürdigsten, -- wie
soll ich erst diesen nennen? -- Sechzehn Wasserspeier mit einem Blicke
überschauen, sechzehn Kessel, in den verschiedensten Gestalten und
Formen, so ganz nahe unter den Füßen aufgedeckt zu sehen -- -- das
war des Wundervollen zu viel. -- Ich vergaß aller kleinlichen Furcht,
und bewunderte und verehrte Gott in diesen erhabenen Schöpfungen. Lange
stand ich da oben, und ward nicht müde in die Schlünde zu sehen, und
in die weißschäumenden Wassermassen, wie sie zischend und brausend der
finstern Nacht entstiegen, und dann ruhig und vereint dem nahen Fluße
zueilten. -- Wohl mehrmalen mußte mich der gute Priester mahnen,
daß unser Standpunkt hier eben nicht zu den sichersten und bequemsten
gehöre, und daß es bereits Zeit sein dürfte, ihn zu verlassen. -- Ich
hatte ganz vergessen auf die Unsicherheit des Bodens, der uns trug,
und bemerkte kaum die mächtigen, heißen Dampfwolken, die uns oft
umhüllten, und beinah zu ersticken drohten, so daß wir auch öfters
mit ganz benäßtem Gesichte mehrere Schritte zurück weichen mußten.
Ein Glück, daß die Wässer äußerst wenig Schwefel enthalten, sonst
hätten wir wohl schwerlich so lange da oben verweilen können.
Der Fels, auf welchem diese Quellen entspringen, besteht aus einer
röthlichen Masse, und auch das Flußbett, in welches das Wasser
abläuft, ist ganz mit röthlichen Steinchen bedeckt.
Auf dem Rückwege sahen wir in der Nähe einer Kothe abermals eine
merkwürdige Naturerscheinung. -- Es ist da nämlich ein Kessel, in
dessen Tiefe das Wasser heftig kocht und siedet, und neben dem Kessel
sind zwei unförmliche Löcher, aus welchen periodenmäßig Dampfsäulen
mit großem Getöse empor wirbeln. Während dieß geschieht, füllt sich
der Kessel immer mehr und mehr mit Wasser, doch nie so hoch, daß er
überläuft, oder daß die Quelle in die Höhe springt; dann läßt
Dampf und Getöse in jenen beiden Oeffnungen nach, und das Wasser im
Kessel sinkt wieder mehrere Fuß tief zurück.
Dieß seltsame Spiel währt gewöhnlich eine Minute, und es erneuert
sich so periodisch, daß man beinah eine Wette eingehen könnte, das
Steigen und Fallen des Wassers, so wie das stärkere und mindere Brausen
des Dampfes während einer Stunde 60-65 Mal zu sehen und zu hören.
In Verbindung mit diesem Kessel steht ein anderer, der ungefähr hundert
Schritte entfernt in einer kleinen Niederung liegt, und ebenfalls mit
kochendem Wasser angefüllt ist. -- Wie nun das Wasser im obern Kessel
nach und nach versiegt, fängt es hier unten an zu brausen und zu
lärmen, steigt im Kessel empor, und springt endlich zwei bis drei
Fuß hoch in die Luft; dann sinkt es wieder zurück und erneuert so
fortwährend sein Spiel, stets wechselnd mit dem im obern Kessel.
Bei der obern Quelle befindet sich auch ein Dunstbad. Es besteht aus
einem Kämmerchen, das knapp an dem Kessel liegt, aus Steinen gebaut,
mit Rasen überlegt und mit einer niedrigen schmalen Oeffnung versehen
ist, durch die man halb kriechend hinein gelangt. Der Boden besteht aus
Steinplatten, die vermuthlich über einer heißen Quelle liegen, denn
sie sind sehr erhitzt. -- Wer nun dieses Bad gebrauchen will, begibt
sich in dieß Kämmerchen, und verschließt sorgfältig jede Oeffnung,
wodurch sich bald eine erstickende Hitze erzeugt, die den ganzen Körper
in heftigen Schweiß bringt. Dieß Bad wird jedoch höchst selten von
dem Volke benützt.
Bei der Rückkehr hatte ich noch den Kessel mit der Springquelle zu
besuchen, die ganz nahe an der Kirche in einer schönen Wiese sich
befindet, und um die eine kleine Steinwand gezogen ist, damit das Vieh
im Eifer des Grasens nicht zu nahe kömmt, und abgebrüht wird. --
Ungefähr 80 Schritte von dieser Quelle entfernt ist noch das Wollbad
zu sehen, welches _Snorri Sturluson_ errichtet hatte. -- Es besteht
aus einem steinernen Becken von 3-4 Fuß Tiefe und bei 18-20 Fuß im
Durchmesser. Einige Stufen führen da hinab, und im Innern ist eine
niedere steinerne Bank, welche rund herum läuft. Das Wasser ist von der
nahen Springquelle hergeleitet, hat aber noch eine solche Hitze, daß
es unmöglich ist, sich darin zu baden, ohne es abzukühlen. -- Es steht
unter freiem Himmel, und man sieht nirgends eine Spur einer einstmaligen
Ueberdeckung. -- -- Jetzt dient es als Waschplatz für die Schafwolle
und Wäsche.
Ich hatte nun alle merkwürdigen Quellen auf dieser Seite des Thales
gesehen. -- Jene Dampfsäulen, welche man am entgegengesetzten Ende des
Thales aufsteigen sieht, kommen von heißen Quellen, die außer ihrer
Hitze nichts Interessantes bieten sollen.
Als wir zurückkehrten, führte mich der Priester auch auf den
Friedhof, der etwas abseits von seiner Wohnung lag, und wies mir da die
vorzüglichsten Gräber. Ich fand diesen Anblick zwar recht schön, aber
eben nicht sehr erquicklich, wenn ich an die herannahende Nacht dachte,
die ich in ihrer Mitte, in der Kirche zuzubringen hatte.
Die Grabeshügel sind sehr hoch, und auf den meisten steht eine Art
hölzernen Sarges, so, daß es aussieht, als wäre der Verstorbene
hier ausgesetzt. -- Ich konnte mich kaum eines unheimlichen Gefühles
erwehren, und -- so weit geht die Macht des Vorurtheils -- ich gestehe
meine Schwäche -- wurde sogar verleitet, den Priester zu ersuchen,
einen der Deckel zu öffnen. -- Obwohl ich wußte, daß der Todte tief
in der Erde und nicht im Sarge ruhe, stand ich dennoch während der
Zeit als der Deckel geöffnet wurde, mit großer Beklommenheit daneben,
glaubte den Todten zu erblicken, und sah nur, -- was mir der Priester
schon vorher gesagt hatte, -- einen Grabstein mit den üblichen
Inschriften, der durch diese sargähnliche Bedeckung gegen die
Winterstürme der rauhen Natur geschützt wird.
Unmittelbar vor dem Eingange der Kirche ist der Grabeshügel, unter
welchem die Gebeine des berühmten Dichters _Snorri Sturluson_[10]
ruhen; sein Grab ist mit einem schmalen Runensteine bedeckt, der so
lange ist, wie das Grab. Er soll einst ganz mit Runenzeichen bedeckt
gewesen sein; nun gingen aber über ihn durch mehr als 500 Jahre alle
Stürme und Gewitter, und diese verlöschten, da er in keinem Sarg lag,
jede Spur davon. -- Auch der Stein selbst ist der Länge nach in zwei
Stücke zersprungen. -- Der Grabeshügel wird oft erneuert, so daß man
glauben konnte, ein frisches Grab vor sich zu haben. -- Ich pflückte
alle Schmalzblümchen, die diesem Hügel entsprossen, und legte
sie sorgfältig in ein Buch. -- Vielleicht kann ich manchem meiner
Landsleute eine Freude machen, mit solch einem Blümchen von dem Grabe
des größten isländischen Gelehrten.
[10]: Die Geschichte sagt von diesem großen isländischen
Dichter, daß durch seinen Verrath die freie Insel Island unter den
norwegischen Scepter gekommen sei. Er durfte sich deßhalb in Island
nirgends ohne große Bedeckung zeigen, und besuchte den Althing zu
Thingvalla stets in Begleitung eines kleinen Heeres von 5 bis 600
Mann. In Reikiadal wurde er endlich in seinem Hause von seinen
Feinden überfallen, deren Streichen er nach kurzer Vertheidigung
erlag.