18. Juni.

Gestern waren wir gezwungen gewesen, unsern armen Pferden eine

übergroße Station von eilf Meilen aufzubürden, da die letzten neun

Meilen über ganz wüste und unbewohnte Strecken gingen, und wir auf

keine einzige Kothe trafen. Dafür hatten sie es aber heute desto

leichter, denn wir ritten nur anderthalb Meilen nach dem Oertchen

_Reikiadal_, wo ich diesen Tag zubrachte, um die berühmten

Springquellen zu besuchen.

Das Oertchen _Reikiadal_ besteht aus einer Kirche und einigen Kothen,

und liegt mitten zwischen schönen Wiesen. Ueberhaupt ist dieses Thal

reich an herrlichen Wiesengründen, man sieht daher auch viel einzeln

stehende Höfe und Kothen, schöne Heerden von Schafen, und ziemlich

viele Pferde; Kühe weniger.

Die Kirche zu Reikiadal ist eine der neuesten und geräumigsten, die mir

bisher vorgekommen ist. Auch das Häuschen des Priesters, obwohl auch

von allen Seiten mit Rasen bedeckt, ist doch groß genug, um behaglich

darin wohnen zu können. -- Der Bezirk dieser Pfründe ist groß, und

ziemlich bevölkert.

Meine erste Sorge gleich nach der Ankunft war, den Priester, Herrn

_Jonas Jonason_, zu ersuchen, mir so schnell als möglich frische Pferde

zu besorgen, nebst einem Führer, der mich nach den heißen Quellen

geleitete. -- Er versprach, in einer halben Stunde mir Beides zu

verschaffen, doch sah ich erst nach drei Stunden, und auch da noch mit

vieler Mühe, meine Bitte erfüllt. -- Nichts ärgerte mich stets mehr

in Island, als die Langsamkeit und Gleichgiltigkeit seiner Bewohner in

all ihrem Thun und Treiben. Auf Alles, was man begehrt oder wünscht,

muß man die längste Zeit warten. -- Wäre ich dem guten Pastor nicht

unausgesetzt zur Seite gewesen, ich glaube schwerlich, daß ich diesen

Tag mein Ziel erreicht haben würde. -- Endlich war Alles bereit, und

der Pastor selbst war so gütig mein Führer zu sein.

Wir ritten bei ¾ Meilen in diesem schönen Thale den Dampfsäulen zu,

und mußten auf diesem Wege gewiß mehr als ein halb Dutzend Mal über

den Fluß _Sidumule_ setzen, der in unendlichen Krümmungen das

ganze Thal durchströmt. Endlich gelangten wir an die erste heiße

Springquelle; sie entspringt einem ungefähr sechs Fuß hohen Fels, der

in der Mitte eines Moores steht. Der Durchmesser der obern Oeffnung des

Kessels, in welchem das Wasser beständig heftig kocht und braust,

mag zwischen zwei und drei Fuß betragen. -- Diese Quelle springt

beständig; der Strahl erhebt sich zwei, ja manchmal bei vier Fuß

hoch, und ist ungefähr anderthalb Fuß dick. Man kann ihn auch auf

Augenblicke verstärken, wenn man große Steine oder Erdklumpen hinein

wirft, und die Quelle dadurch aufreizt. Sie schleudert dann die Steine

mit Gewalt heraus, während sie die Erdklumpen auflöst, und das Wasser

dadurch gefärbt und beschmutzt erscheint.

Wer den Sprudel zu Karlsbad in Böhmen gesehen hat, kann sich eine

getreue Vorstellung von dieser Springquelle machen; sie gleichen sich

vollkommen.

Gleich neben dieser Springquelle ist ein Schlund, in welchem Wasser

heftig kocht, aber nie in die Höhe steigt. Weitere Springquellen sind

etwas entfernter, auf einem höhern Fels, der im Fluße Sidumule ganz

nahe am Ufer steht. Es sind deren dreie darauf, deren jede nur einige

Schritte von der andern entfernt liegt, und nehmen beinahe die ganze

obere Fläche des Felsens ein. Etwas tiefer unten befindet sich

ebenfalls ein Kessel mit stark kochendem Wasser; auch sind am Fuße

des Felsens und am Ufer viele heiße Quellen, die meisten jedoch nur

unbedeutend. Manche dieser Quellen entspringen beinah in dem kalten

Fluße.

Die eigentliche Hauptgruppe liegt aber noch etwas entfernter auf einem

Fels, der bei zwanzig Fuß hoch und bei fünfzig Fuß lang sein mag,

_Tunga-Huer_ heißt, und aus der Mitte eines Moorgrundes empor ragt. --

Auf diesem Fels entspringen 16 solcher Quellen, und zwar, theils in

der Tiefe desselben, theils in und ober der Mitte; ganz oben entspringt

keine.

Die Kessel, so wie der Durchmesser und die Höhe der Strahlen sind ganz

so beschaffen, wie bei jenen, die ich bereits beschrieben habe. -- Alle

diese 16 Quellen sind so nahe beisammen, daß sie nicht einmal

zwei Wände des Felsens einnehmen. -- Man kann sich durchaus keine

Vorstellung von der Pracht und Außerordentlichkeit dieses Schauspieles

machen; wahrhaft feenartig wird es aber, wenn man den Muth hat, den

Fels selbst zu erklimmen, was zwar nicht beschwerlich, aber doch etwas

gefährlich ist. -- Die obere Schichte des Felsens ist nämlich weich

und warm, und gleicht mehr einem verdichteten mit Sand und Steinchen

vermischten Brodem. Jeder Fußtritt läßt die Spur zurück, und man

schwebt immer in der größten Angst einzubrechen und in eine nur leicht

überdeckte kochende Quelle zu sinken. Der gute Priester ging mit einem

Stocke voran, und sondirte so viel möglich die gefährliche Decke, ich

-- blieb nicht zurück, und so standen wir plötzlich oben am Rande des

Felsens. -- Da konnten wir mit _einem_ Blicke die an den beiden Seiten

des Felsens befindlichen 16 Springquellen übersehen. -- War der Anblick

von unten aus einer der interessantesten und merkwürdigsten, -- wie

soll ich erst diesen nennen? -- Sechzehn Wasserspeier mit einem Blicke

überschauen, sechzehn Kessel, in den verschiedensten Gestalten und

Formen, so ganz nahe unter den Füßen aufgedeckt zu sehen -- -- das

war des Wundervollen zu viel. -- Ich vergaß aller kleinlichen Furcht,

und bewunderte und verehrte Gott in diesen erhabenen Schöpfungen. Lange

stand ich da oben, und ward nicht müde in die Schlünde zu sehen, und

in die weißschäumenden Wassermassen, wie sie zischend und brausend der

finstern Nacht entstiegen, und dann ruhig und vereint dem nahen Fluße

zueilten. -- Wohl mehrmalen mußte mich der gute Priester mahnen,

daß unser Standpunkt hier eben nicht zu den sichersten und bequemsten

gehöre, und daß es bereits Zeit sein dürfte, ihn zu verlassen. -- Ich

hatte ganz vergessen auf die Unsicherheit des Bodens, der uns trug,

und bemerkte kaum die mächtigen, heißen Dampfwolken, die uns oft

umhüllten, und beinah zu ersticken drohten, so daß wir auch öfters

mit ganz benäßtem Gesichte mehrere Schritte zurück weichen mußten.

Ein Glück, daß die Wässer äußerst wenig Schwefel enthalten, sonst

hätten wir wohl schwerlich so lange da oben verweilen können.

Der Fels, auf welchem diese Quellen entspringen, besteht aus einer

röthlichen Masse, und auch das Flußbett, in welches das Wasser

abläuft, ist ganz mit röthlichen Steinchen bedeckt.

Auf dem Rückwege sahen wir in der Nähe einer Kothe abermals eine

merkwürdige Naturerscheinung. -- Es ist da nämlich ein Kessel, in

dessen Tiefe das Wasser heftig kocht und siedet, und neben dem Kessel

sind zwei unförmliche Löcher, aus welchen periodenmäßig Dampfsäulen

mit großem Getöse empor wirbeln. Während dieß geschieht, füllt sich

der Kessel immer mehr und mehr mit Wasser, doch nie so hoch, daß er

überläuft, oder daß die Quelle in die Höhe springt; dann läßt

Dampf und Getöse in jenen beiden Oeffnungen nach, und das Wasser im

Kessel sinkt wieder mehrere Fuß tief zurück.

Dieß seltsame Spiel währt gewöhnlich eine Minute, und es erneuert

sich so periodisch, daß man beinah eine Wette eingehen könnte, das

Steigen und Fallen des Wassers, so wie das stärkere und mindere Brausen

des Dampfes während einer Stunde 60-65 Mal zu sehen und zu hören.

In Verbindung mit diesem Kessel steht ein anderer, der ungefähr hundert

Schritte entfernt in einer kleinen Niederung liegt, und ebenfalls mit

kochendem Wasser angefüllt ist. -- Wie nun das Wasser im obern Kessel

nach und nach versiegt, fängt es hier unten an zu brausen und zu

lärmen, steigt im Kessel empor, und springt endlich zwei bis drei

Fuß hoch in die Luft; dann sinkt es wieder zurück und erneuert so

fortwährend sein Spiel, stets wechselnd mit dem im obern Kessel.

Bei der obern Quelle befindet sich auch ein Dunstbad. Es besteht aus

einem Kämmerchen, das knapp an dem Kessel liegt, aus Steinen gebaut,

mit Rasen überlegt und mit einer niedrigen schmalen Oeffnung versehen

ist, durch die man halb kriechend hinein gelangt. Der Boden besteht aus

Steinplatten, die vermuthlich über einer heißen Quelle liegen, denn

sie sind sehr erhitzt. -- Wer nun dieses Bad gebrauchen will, begibt

sich in dieß Kämmerchen, und verschließt sorgfältig jede Oeffnung,

wodurch sich bald eine erstickende Hitze erzeugt, die den ganzen Körper

in heftigen Schweiß bringt. Dieß Bad wird jedoch höchst selten von

dem Volke benützt.

Bei der Rückkehr hatte ich noch den Kessel mit der Springquelle zu

besuchen, die ganz nahe an der Kirche in einer schönen Wiese sich

befindet, und um die eine kleine Steinwand gezogen ist, damit das Vieh

im Eifer des Grasens nicht zu nahe kömmt, und abgebrüht wird. --

Ungefähr 80 Schritte von dieser Quelle entfernt ist noch das Wollbad

zu sehen, welches _Snorri Sturluson_ errichtet hatte. -- Es besteht

aus einem steinernen Becken von 3-4 Fuß Tiefe und bei 18-20 Fuß im

Durchmesser. Einige Stufen führen da hinab, und im Innern ist eine

niedere steinerne Bank, welche rund herum läuft. Das Wasser ist von der

nahen Springquelle hergeleitet, hat aber noch eine solche Hitze, daß

es unmöglich ist, sich darin zu baden, ohne es abzukühlen. -- Es steht

unter freiem Himmel, und man sieht nirgends eine Spur einer einstmaligen

Ueberdeckung. -- -- Jetzt dient es als Waschplatz für die Schafwolle

und Wäsche.

Ich hatte nun alle merkwürdigen Quellen auf dieser Seite des Thales

gesehen. -- Jene Dampfsäulen, welche man am entgegengesetzten Ende des

Thales aufsteigen sieht, kommen von heißen Quellen, die außer ihrer

Hitze nichts Interessantes bieten sollen.

Als wir zurückkehrten, führte mich der Priester auch auf den

Friedhof, der etwas abseits von seiner Wohnung lag, und wies mir da die

vorzüglichsten Gräber. Ich fand diesen Anblick zwar recht schön, aber

eben nicht sehr erquicklich, wenn ich an die herannahende Nacht dachte,

die ich in ihrer Mitte, in der Kirche zuzubringen hatte.

Die Grabeshügel sind sehr hoch, und auf den meisten steht eine Art

hölzernen Sarges, so, daß es aussieht, als wäre der Verstorbene

hier ausgesetzt. -- Ich konnte mich kaum eines unheimlichen Gefühles

erwehren, und -- so weit geht die Macht des Vorurtheils -- ich gestehe

meine Schwäche -- wurde sogar verleitet, den Priester zu ersuchen,

einen der Deckel zu öffnen. -- Obwohl ich wußte, daß der Todte tief

in der Erde und nicht im Sarge ruhe, stand ich dennoch während der

Zeit als der Deckel geöffnet wurde, mit großer Beklommenheit daneben,

glaubte den Todten zu erblicken, und sah nur, -- was mir der Priester

schon vorher gesagt hatte, -- einen Grabstein mit den üblichen

Inschriften, der durch diese sargähnliche Bedeckung gegen die

Winterstürme der rauhen Natur geschützt wird.

Unmittelbar vor dem Eingange der Kirche ist der Grabeshügel, unter

welchem die Gebeine des berühmten Dichters _Snorri Sturluson_[10]

ruhen; sein Grab ist mit einem schmalen Runensteine bedeckt, der so

lange ist, wie das Grab. Er soll einst ganz mit Runenzeichen bedeckt

gewesen sein; nun gingen aber über ihn durch mehr als 500 Jahre alle

Stürme und Gewitter, und diese verlöschten, da er in keinem Sarg lag,

jede Spur davon. -- Auch der Stein selbst ist der Länge nach in zwei

Stücke zersprungen. -- Der Grabeshügel wird oft erneuert, so daß man

glauben konnte, ein frisches Grab vor sich zu haben. -- Ich pflückte

alle Schmalzblümchen, die diesem Hügel entsprossen, und legte

sie sorgfältig in ein Buch. -- Vielleicht kann ich manchem meiner

Landsleute eine Freude machen, mit solch einem Blümchen von dem Grabe

des größten isländischen Gelehrten.

[10]: Die Geschichte sagt von diesem großen isländischen

Dichter, daß durch seinen Verrath die freie Insel Island unter den

norwegischen Scepter gekommen sei. Er durfte sich deßhalb in Island

nirgends ohne große Bedeckung zeigen, und besuchte den Althing zu

Thingvalla stets in Begleitung eines kleinen Heeres von 5 bis 600

Mann. In Reikiadal wurde er endlich in seinem Hause von seinen

Feinden überfallen, deren Streichen er nach kurzer Vertheidigung

erlag.

Reise nach dem skandinavischen Norden und der Insel Island im Jahre 1845. Erster Band. · 第 22 / 27 题