17. Juni.

Unsere heutige Station war noch stärker als die gestrige. Wir hatten,

wie man mir sagte, bis _Reikholt_ (auch _Reikiadal_ genannt) eilf volle

Meilen zu machen. -- Nach der Karte kann man die Entfernungen nicht

immer genau bemessen; es thürmen sich oft unwegsame Gegenden dazwischen

auf, die man nur in großen Umkreisen umgehen kann. So war es auch heute

der Fall. Nach der Karte hätte man denken sollen, daß die Entfernung

von Thingvalla nach Reikholt viel geringer sei, als jene von Reikjavik

nach Thingvalla, und doch ritten wir über 14 Stunden, -- um zwei

Stunden länger als bei unserer gestrigen Tour.

So lange der Weg durch das Thal Thingvalla führt, hat man der

Abwechslungen mehrere. Bald hat man einen Arm des Flußes Oxer zu

übersetzen, bald sieht man eine artige Wiese und bald kömmt man sogar

durch kleine Waldpartieen, d. h. nach der Isländer Meinung; -- denn

bei uns zu Lande würde man dergleichen reizende Partieen für unnützes

Gestrüppe ansehen, und ausrotten. Es wuchert am Boden fort, und erhebt

sich kaum 2 bis 3 Fuß hoch. Erreicht einmal ein Stämmchen bei 4 Fuß,

so gehört es schon zu dem Riesengeschlechte der Bäume. Der größte

Theil dieser eingebildeten Wälder gedeiht auf der Lava, die das Thal

überdeckt.

Die Lavabildung ist hier wieder anderer Art. Bisher hatte ich sie meist

nur als Gerölle, oder in größeren Steinmassen, oder als Ströme über

einander geschichtet gesehen, hier aber überdeckte sie den größten

Theil des Bodens in der Form von flachen ungeheuren Felsplatten oder

Felspartieen, die sich oft in Tiefen spalteten. Ich sah lange Klüfte

von 8-10 Fuß Breite und 10-15 Fuß Tiefe. In diesen Spalten blühten

die Blumen etwas zeitlicher, und auch das Farnkraut wuchs höher und

üppiger als auf der rauheren Oberwelt.

Nachdem man das Thal Thingvalla durchzogen hat, wird die Reise sehr

einförmig. Die weitere Gegend ist gänzlich unbewohnt; wir legten viele

Meilen zurück ohne auf eine einzige Kothe zu stoßen. Von einem öden

Thale kamen wir in das andere; alle waren mit lichtgrauem, gelblichem

Lava-Gerölle überdeckt, stellenweise auch mit schönem feinem Sande,

in welchem die Pferde bei jedem Schritte bis über den Huf einsanken.

Die Gebirge, welche die Thäler umgaben, gehörten nicht zu den

höchsten; selten, daß ein Jokul (Gletscher) aus ihnen hervor

leuchtete. Die Berge sahen wie polirt; die Seiten waren vollkommen

glatt und glänzend. Nur an manchen Bergen bildeten Lavamassen herrliche

Gruppen, welche Säulentrümmern und Resten antiker Bauten glichen und

an den glatten Wänden ganz eigenthümlich schön hervorragten.

Die Berge haben verschiedene Farben, sie sind schwarz, braun, grau,

lichtgelb u. s. w.; und wunderbar machen sich die Schattirungen und

Abstufungen dieser Farben im hellen Glanze der Sonnenbeleuchtung.

Nachdem wir neun Stunden unausgesetzt geritten waren, kamen wir auf

einen sehr großen Moorgrund, der höchst spärlich mit Gras bewachsen

war. Und dennoch war dieß der einzige Weideplatz, der uns auf der

langen Strecke zwischen Thingvalla und hier vorkam. Wir machten also

da zwei Stunden Rast, um unsern armen Pferden ein kärgliches Mahl zu

gönnen. -- Ganze Schwärme von kleinen Mücken, die Einem beinah in

Mund, Nase und Augen flogen, machten diesen Aufenthalt zu einer wahren

Qual.

Auf diesem Moorgrunde befand sich auch ein kleiner See, und hier war es,

wo ich zum ersten Mal eine kleine Schaar von Schwänen sich niederlassen

sah. Leider sind diese Thiere aber so außerordentlich scheu, daß sie

sich bei der leisesten Annäherung eines Menschen mit Blitzesschnelle

in die Lüfte heben. Ich mußte mich also begnügen diese stolzen

Vögel immer nur von der Ferne zu betrachten. -- Sie halten sich immer

paarweise zusammen, und der größte Schwarm, den ich sah, bestand aus

vier Paaren.

Schon seit meiner Ankunft auf Island hatte ich dessen Einwohner für ein

etwas träges Volk gehalten; heute ward ich in dieser Meinung bestärkt,

und zwar durch eine Kleinigkeit. -- Der Moorgrund, auf dem wir Rast

hielten, war durch einen schmalen Wassergraben von dem daran stossenden

Lavafelde getrennt. Ueber diesen Graben lagen einige Steine und Platten,

die eine kleine Brücke bildeten. Nun war aber diese Brücke so voll

Löcher, daß die Pferde nicht wußten, wohin sie den Fuß setzen

sollten, und sich hartnäckig weigerten darüber zu schreiten, so daß

wir absteigen und sie hinüber führen mußten. Kaum hatten wir diese

Stelle passirt und uns gelagert, kam eine Caravane von 15 Pferden, die

mit Brettern, trocknen Fischen, u. s. w. beladen waren. Die armen

Thiere bemerkten natürlich auch die gefährlichen Stellen, und konnten

nur durch derbe Peitschenhiebe gezwungen werden darüber zu setzen. Kaum

zwanzig Schritte entfernt lagen Steine in Menge. Ehe aber diese trägen

Menschen einige Minuten darauf verwendet hätten, die Löcher damit

auszufüllen, prügelten sie lieber die Pferde durch, und setzten sie

der Gefahr aus, den Fuß zu brechen. -- Mich dauerten die armen Thiere,

die künftig noch über diese Brücke ziehen werden, so sehr, daß ich,

als die Leute schon weit entfernt waren, einige Zeit meiner Rast dazu

verwendete, Steine zu holen, und die Löcher damit auszufüllen, -- eine

Arbeit, die kaum fünfzehn Minuten währte.

Interessant ist es zu beobachten, wie die Pferde jede gefährliche

Stelle im Steingerölle, im Moore und in Sümpfen durch den Instinkt

errathen. Kommen sie an dergleichen Stellen, so senken sie den Kopf zur

Erde und spüren nach allen Seiten umher. Finden sie keinen sichern Halt

für den Fuß, bleiben sie gleich stehen, und sind dann nur mittelst

vieler Schläge vorwärts zu bringen.

Nach einer Rast von zwei Stunden setzten wir die Reise fort, und zwar

abermals über lauter Lavafelder. Nach neun Uhr Abends kamen wir auf

eine Hochebene und nachdem wir sie in einer halben Stunde durchritten

hatten, sahen wir in das große zu unsern Füssen liegende Thal Reikholt

oder Reikiadal. Es ist drei, vier Meilen lang, ziemlich breit und von

einer Reihe Gebirge umfaßt, worunter auch mehrere Jokuls in ihrem

eisigen Gewande prangen.

Ein ganz eigener, bezaubernd schöner Anblick ist in der wilderhabenen

Natur Islands der Sonnenuntergang. -- Ueber diese großen Thäler,

ohne Baum und Strauch, die mit dunkler Lava überdeckt und mit beinahe

schwarzen Bergen umgeben sind, verbreitet die scheidende Sonne eine

wahrhaft magische Beleuchtung. Die Spitzen der Berge erglänzen in

ihrem letzten hellschimmernden Lichte, die Jokuls sind mit dem zartesten

Rosaschleier umhüllt, während die untern Theile der Berge im tiefen

Schatten stehen und düster in die Thäler blicken, die einem

weiten dunkelblauen Wasserspiegel gleichen, über welchem eine

bläulich-röthliche Atmosphäre schwebt. Am ergreifendsten aber ist

die Stille, die Einsamkeit, da hört man keinen Laut, da sieht man kein

lebendes Wesen. Alles ist todt. -- -- -- In den weiten Thälern sieht

man kein Städtchen, kein Dörfchen, ja nicht einmal ein Häuschen,

oder einen Baum, oder einen Strauch. Das Auge verliert sich in

der unermeßlichen Einförmigkeit, und findet nicht den geringsten

Gegenstand, an dem es haften könnte.

Heute Nacht, als wir nach eilf Uhr an den Rand der Hochebene gelangten,

sah ich solch einen unvergeßlichen Sonnenuntergang. Die Sonne

entschwand hinter den Bergen und an ihre Stelle trat eine glänzende

Abendröthe, die Berg und Thal und Gletscher wundervoll beleuchtete. --

Lange konnte ich mein Auge nicht ablenken von den herrlichen mit Glanz

erfüllten Höhen und doch bot auch das Thal recht viel des Schönen und

Merkwürdigen.

Das ganze lange Thal war beinah nur eine Wiese, an deren beiden

äußersten Endpunkten Rauchsäulen aus kochenden Quellen empor

qualmten. -- Die Dünste waren so ziemlich verflogen und die Atmosphäre

war so rein und klar, ja viel reiner und durchsichtiger, als sie mir

noch irgend in einem andern Lande vorgekommen war; -- da bemerkte ich

erst, daß die Helle in dem Thale dem Tageslichte nicht viel nachgab,

und daß man die kleinsten Gegenstände vollkommen unterscheiden konnte.

-- Dieß war aber auch sehr nothwendig, denn schreckliche Wege leiten

über Gestein und Gerölle schroff in das Thal hinab. Und zur Seite

strömte ein kleiner Fluß, der mehrere hübsche Fälle bildete, unter

welchen mancher über 30 Fuß hoch sein mochte.

Vergebens strengte ich mein Auge an, um in diesem großen Thale ein

Kirchlein zu erspähen, das mir zur Nachtruhe, wenn auch nur eine harte

Bank, doch wenigstens Schutz gegen den scharfen Nachtwind verleihen

würde; denn es ist wahrhaftig kein Spaß 15 Stunden zu reiten, außer

Brod und Käs den ganzen Tag nichts genossen zu haben, und dann nicht

einmal die frohe Aussicht auf ein Hôtel =a la ville de Londre= oder =de

Paris=. -- Ach meine Wünsche waren ja viel bescheidener; ich erwartete

weder einen Portier, der bei meiner Ankunft das Zeichen gäbe, noch

einen Oberkellner oder eine Kammerjungfer; -- ich wünschte nur ein

kleines Fleckchen in der Nähe meiner lieben verstorbenen Isländer. --

Aus diesen seligen Betrachtungen wurde ich plötzlich durch die Stimme

meines Führers aufgeschreckt, der da rief: »Nun sind wir für heute

am Ziele« -- Freudig sah ich umher, -- ach -- ich erblickte nur einige

jener Kothen, die man nicht früher bemerken kann, als bis man mit der

Nase daran stößt, weil sich ihre grasbedeckten Mauern und Dächer kaum

von der Wiese unterscheiden. Es war bereits Mitternacht. -- Wir hielten

an, und ließen die Pferde auf der nächsten Wiese Nahrung und Ruhe

suchen. Uns fiel das Loos nicht so gut. Die Einwohner lagen bereits im

tiefen Schlummer, und wurden selbst durch der Hunde Gebell, das uns bei

der Ankunft empfing, nicht zur Auferstehung gebracht. -- Freilich

würde mir ein Schälchen Kaffee recht gut gethan haben, doch ich mochte

deßhalb Niemanden wecken lassen. Ein Stückchen Brod stillte ja auch

meinen Hunger, und ein Trunk Wasser aus der nahen Quelle schmeckte

trefflich dazu. Nach diesem einfachen Mahle sucht' ich mir ein Lager an

der Seite einer Kothe, die mich vor der gar zu argen Zudringlichkeit des

Windes ein bischen schützte, hüllte mich in meinen Mantel, streckte

mich auf den Boden, und wünschte mir von ganzem Herzen, einmal auch

im Freien, und bei hellem Tage[9] tüchtig schlafen und träumen zu

können. Ich fing gerade an einzuschlummern, da überraschte mich ein

sanfter Regen, der natürlich jede Spur des Schlafes vertilgte. Nun

mußte ich doch Jemanden wecken lassen, um unter Dach und Fach zu

kommen.

[9]: Man vergesse nicht, daß zu dieser Zeit gar keine Dämmerung,

viel weniger Nacht ist.

Man sperrte mir das beste Gemach, die Vorrathskammer auf, und stellte da

eine kleine hölzerne Truhe zu meiner beliebigen Verfügung. Dergleichen

Kammern finden sich glücklicher Weise überall, wo einige Kothen

beisammen stehen; doch sind sie nichts weniger als einladend, da die

getrockneten Fische, Thran, Talg, und weiß der Himmel was noch für

andere Artikel eine schreckliche Atmosphäre verursachen, -- und

dennoch ziehe ich sie bei weitem den Wohngemächern der Bauern vor, die,

nebenbei gesagt, das Ekelhafteste sind, was man sich denken kann. Nebst

allen denkbaren üblen Gerüchen herrscht da ein Schmutz, und in Folge

dessen ein Ueberfluß an Ungeziefer, daß es höchstens bei den Grön-

und Lappländern noch ärger sein kann.

Ich bezog also mit stoischer Ergebung die Vorrathskammer, und harrte

geduldig aus bis zur Weiterreise.

Reise nach dem skandinavischen Norden und der Insel Island im Jahre 1845. Erster Band. · 第 21 / 27 题