Unsere heutige Station war noch stärker als die gestrige. Wir hatten,
wie man mir sagte, bis _Reikholt_ (auch _Reikiadal_ genannt) eilf volle
Meilen zu machen. -- Nach der Karte kann man die Entfernungen nicht
immer genau bemessen; es thürmen sich oft unwegsame Gegenden dazwischen
auf, die man nur in großen Umkreisen umgehen kann. So war es auch heute
der Fall. Nach der Karte hätte man denken sollen, daß die Entfernung
von Thingvalla nach Reikholt viel geringer sei, als jene von Reikjavik
nach Thingvalla, und doch ritten wir über 14 Stunden, -- um zwei
Stunden länger als bei unserer gestrigen Tour.
So lange der Weg durch das Thal Thingvalla führt, hat man der
Abwechslungen mehrere. Bald hat man einen Arm des Flußes Oxer zu
übersetzen, bald sieht man eine artige Wiese und bald kömmt man sogar
durch kleine Waldpartieen, d. h. nach der Isländer Meinung; -- denn
bei uns zu Lande würde man dergleichen reizende Partieen für unnützes
Gestrüppe ansehen, und ausrotten. Es wuchert am Boden fort, und erhebt
sich kaum 2 bis 3 Fuß hoch. Erreicht einmal ein Stämmchen bei 4 Fuß,
so gehört es schon zu dem Riesengeschlechte der Bäume. Der größte
Theil dieser eingebildeten Wälder gedeiht auf der Lava, die das Thal
überdeckt.
Die Lavabildung ist hier wieder anderer Art. Bisher hatte ich sie meist
nur als Gerölle, oder in größeren Steinmassen, oder als Ströme über
einander geschichtet gesehen, hier aber überdeckte sie den größten
Theil des Bodens in der Form von flachen ungeheuren Felsplatten oder
Felspartieen, die sich oft in Tiefen spalteten. Ich sah lange Klüfte
von 8-10 Fuß Breite und 10-15 Fuß Tiefe. In diesen Spalten blühten
die Blumen etwas zeitlicher, und auch das Farnkraut wuchs höher und
üppiger als auf der rauheren Oberwelt.
Nachdem man das Thal Thingvalla durchzogen hat, wird die Reise sehr
einförmig. Die weitere Gegend ist gänzlich unbewohnt; wir legten viele
Meilen zurück ohne auf eine einzige Kothe zu stoßen. Von einem öden
Thale kamen wir in das andere; alle waren mit lichtgrauem, gelblichem
Lava-Gerölle überdeckt, stellenweise auch mit schönem feinem Sande,
in welchem die Pferde bei jedem Schritte bis über den Huf einsanken.
Die Gebirge, welche die Thäler umgaben, gehörten nicht zu den
höchsten; selten, daß ein Jokul (Gletscher) aus ihnen hervor
leuchtete. Die Berge sahen wie polirt; die Seiten waren vollkommen
glatt und glänzend. Nur an manchen Bergen bildeten Lavamassen herrliche
Gruppen, welche Säulentrümmern und Resten antiker Bauten glichen und
an den glatten Wänden ganz eigenthümlich schön hervorragten.
Die Berge haben verschiedene Farben, sie sind schwarz, braun, grau,
lichtgelb u. s. w.; und wunderbar machen sich die Schattirungen und
Abstufungen dieser Farben im hellen Glanze der Sonnenbeleuchtung.
Nachdem wir neun Stunden unausgesetzt geritten waren, kamen wir auf
einen sehr großen Moorgrund, der höchst spärlich mit Gras bewachsen
war. Und dennoch war dieß der einzige Weideplatz, der uns auf der
langen Strecke zwischen Thingvalla und hier vorkam. Wir machten also
da zwei Stunden Rast, um unsern armen Pferden ein kärgliches Mahl zu
gönnen. -- Ganze Schwärme von kleinen Mücken, die Einem beinah in
Mund, Nase und Augen flogen, machten diesen Aufenthalt zu einer wahren
Qual.
Auf diesem Moorgrunde befand sich auch ein kleiner See, und hier war es,
wo ich zum ersten Mal eine kleine Schaar von Schwänen sich niederlassen
sah. Leider sind diese Thiere aber so außerordentlich scheu, daß sie
sich bei der leisesten Annäherung eines Menschen mit Blitzesschnelle
in die Lüfte heben. Ich mußte mich also begnügen diese stolzen
Vögel immer nur von der Ferne zu betrachten. -- Sie halten sich immer
paarweise zusammen, und der größte Schwarm, den ich sah, bestand aus
vier Paaren.
Schon seit meiner Ankunft auf Island hatte ich dessen Einwohner für ein
etwas träges Volk gehalten; heute ward ich in dieser Meinung bestärkt,
und zwar durch eine Kleinigkeit. -- Der Moorgrund, auf dem wir Rast
hielten, war durch einen schmalen Wassergraben von dem daran stossenden
Lavafelde getrennt. Ueber diesen Graben lagen einige Steine und Platten,
die eine kleine Brücke bildeten. Nun war aber diese Brücke so voll
Löcher, daß die Pferde nicht wußten, wohin sie den Fuß setzen
sollten, und sich hartnäckig weigerten darüber zu schreiten, so daß
wir absteigen und sie hinüber führen mußten. Kaum hatten wir diese
Stelle passirt und uns gelagert, kam eine Caravane von 15 Pferden, die
mit Brettern, trocknen Fischen, u. s. w. beladen waren. Die armen
Thiere bemerkten natürlich auch die gefährlichen Stellen, und konnten
nur durch derbe Peitschenhiebe gezwungen werden darüber zu setzen. Kaum
zwanzig Schritte entfernt lagen Steine in Menge. Ehe aber diese trägen
Menschen einige Minuten darauf verwendet hätten, die Löcher damit
auszufüllen, prügelten sie lieber die Pferde durch, und setzten sie
der Gefahr aus, den Fuß zu brechen. -- Mich dauerten die armen Thiere,
die künftig noch über diese Brücke ziehen werden, so sehr, daß ich,
als die Leute schon weit entfernt waren, einige Zeit meiner Rast dazu
verwendete, Steine zu holen, und die Löcher damit auszufüllen, -- eine
Arbeit, die kaum fünfzehn Minuten währte.
Interessant ist es zu beobachten, wie die Pferde jede gefährliche
Stelle im Steingerölle, im Moore und in Sümpfen durch den Instinkt
errathen. Kommen sie an dergleichen Stellen, so senken sie den Kopf zur
Erde und spüren nach allen Seiten umher. Finden sie keinen sichern Halt
für den Fuß, bleiben sie gleich stehen, und sind dann nur mittelst
vieler Schläge vorwärts zu bringen.
Nach einer Rast von zwei Stunden setzten wir die Reise fort, und zwar
abermals über lauter Lavafelder. Nach neun Uhr Abends kamen wir auf
eine Hochebene und nachdem wir sie in einer halben Stunde durchritten
hatten, sahen wir in das große zu unsern Füssen liegende Thal Reikholt
oder Reikiadal. Es ist drei, vier Meilen lang, ziemlich breit und von
einer Reihe Gebirge umfaßt, worunter auch mehrere Jokuls in ihrem
eisigen Gewande prangen.
Ein ganz eigener, bezaubernd schöner Anblick ist in der wilderhabenen
Natur Islands der Sonnenuntergang. -- Ueber diese großen Thäler,
ohne Baum und Strauch, die mit dunkler Lava überdeckt und mit beinahe
schwarzen Bergen umgeben sind, verbreitet die scheidende Sonne eine
wahrhaft magische Beleuchtung. Die Spitzen der Berge erglänzen in
ihrem letzten hellschimmernden Lichte, die Jokuls sind mit dem zartesten
Rosaschleier umhüllt, während die untern Theile der Berge im tiefen
Schatten stehen und düster in die Thäler blicken, die einem
weiten dunkelblauen Wasserspiegel gleichen, über welchem eine
bläulich-röthliche Atmosphäre schwebt. Am ergreifendsten aber ist
die Stille, die Einsamkeit, da hört man keinen Laut, da sieht man kein
lebendes Wesen. Alles ist todt. -- -- -- In den weiten Thälern sieht
man kein Städtchen, kein Dörfchen, ja nicht einmal ein Häuschen,
oder einen Baum, oder einen Strauch. Das Auge verliert sich in
der unermeßlichen Einförmigkeit, und findet nicht den geringsten
Gegenstand, an dem es haften könnte.
Heute Nacht, als wir nach eilf Uhr an den Rand der Hochebene gelangten,
sah ich solch einen unvergeßlichen Sonnenuntergang. Die Sonne
entschwand hinter den Bergen und an ihre Stelle trat eine glänzende
Abendröthe, die Berg und Thal und Gletscher wundervoll beleuchtete. --
Lange konnte ich mein Auge nicht ablenken von den herrlichen mit Glanz
erfüllten Höhen und doch bot auch das Thal recht viel des Schönen und
Merkwürdigen.
Das ganze lange Thal war beinah nur eine Wiese, an deren beiden
äußersten Endpunkten Rauchsäulen aus kochenden Quellen empor
qualmten. -- Die Dünste waren so ziemlich verflogen und die Atmosphäre
war so rein und klar, ja viel reiner und durchsichtiger, als sie mir
noch irgend in einem andern Lande vorgekommen war; -- da bemerkte ich
erst, daß die Helle in dem Thale dem Tageslichte nicht viel nachgab,
und daß man die kleinsten Gegenstände vollkommen unterscheiden konnte.
-- Dieß war aber auch sehr nothwendig, denn schreckliche Wege leiten
über Gestein und Gerölle schroff in das Thal hinab. Und zur Seite
strömte ein kleiner Fluß, der mehrere hübsche Fälle bildete, unter
welchen mancher über 30 Fuß hoch sein mochte.
Vergebens strengte ich mein Auge an, um in diesem großen Thale ein
Kirchlein zu erspähen, das mir zur Nachtruhe, wenn auch nur eine harte
Bank, doch wenigstens Schutz gegen den scharfen Nachtwind verleihen
würde; denn es ist wahrhaftig kein Spaß 15 Stunden zu reiten, außer
Brod und Käs den ganzen Tag nichts genossen zu haben, und dann nicht
einmal die frohe Aussicht auf ein Hôtel =a la ville de Londre= oder =de
Paris=. -- Ach meine Wünsche waren ja viel bescheidener; ich erwartete
weder einen Portier, der bei meiner Ankunft das Zeichen gäbe, noch
einen Oberkellner oder eine Kammerjungfer; -- ich wünschte nur ein
kleines Fleckchen in der Nähe meiner lieben verstorbenen Isländer. --
Aus diesen seligen Betrachtungen wurde ich plötzlich durch die Stimme
meines Führers aufgeschreckt, der da rief: »Nun sind wir für heute
am Ziele« -- Freudig sah ich umher, -- ach -- ich erblickte nur einige
jener Kothen, die man nicht früher bemerken kann, als bis man mit der
Nase daran stößt, weil sich ihre grasbedeckten Mauern und Dächer kaum
von der Wiese unterscheiden. Es war bereits Mitternacht. -- Wir hielten
an, und ließen die Pferde auf der nächsten Wiese Nahrung und Ruhe
suchen. Uns fiel das Loos nicht so gut. Die Einwohner lagen bereits im
tiefen Schlummer, und wurden selbst durch der Hunde Gebell, das uns bei
der Ankunft empfing, nicht zur Auferstehung gebracht. -- Freilich
würde mir ein Schälchen Kaffee recht gut gethan haben, doch ich mochte
deßhalb Niemanden wecken lassen. Ein Stückchen Brod stillte ja auch
meinen Hunger, und ein Trunk Wasser aus der nahen Quelle schmeckte
trefflich dazu. Nach diesem einfachen Mahle sucht' ich mir ein Lager an
der Seite einer Kothe, die mich vor der gar zu argen Zudringlichkeit des
Windes ein bischen schützte, hüllte mich in meinen Mantel, streckte
mich auf den Boden, und wünschte mir von ganzem Herzen, einmal auch
im Freien, und bei hellem Tage[9] tüchtig schlafen und träumen zu
können. Ich fing gerade an einzuschlummern, da überraschte mich ein
sanfter Regen, der natürlich jede Spur des Schlafes vertilgte. Nun
mußte ich doch Jemanden wecken lassen, um unter Dach und Fach zu
kommen.
[9]: Man vergesse nicht, daß zu dieser Zeit gar keine Dämmerung,
viel weniger Nacht ist.
Man sperrte mir das beste Gemach, die Vorrathskammer auf, und stellte da
eine kleine hölzerne Truhe zu meiner beliebigen Verfügung. Dergleichen
Kammern finden sich glücklicher Weise überall, wo einige Kothen
beisammen stehen; doch sind sie nichts weniger als einladend, da die
getrockneten Fische, Thran, Talg, und weiß der Himmel was noch für
andere Artikel eine schreckliche Atmosphäre verursachen, -- und
dennoch ziehe ich sie bei weitem den Wohngemächern der Bauern vor, die,
nebenbei gesagt, das Ekelhafteste sind, was man sich denken kann. Nebst
allen denkbaren üblen Gerüchen herrscht da ein Schmutz, und in Folge
dessen ein Ueberfluß an Ungeziefer, daß es höchstens bei den Grön-
und Lappländern noch ärger sein kann.
Ich bezog also mit stoischer Ergebung die Vorrathskammer, und harrte
geduldig aus bis zur Weiterreise.