Mit voller Gesundheit wachte ich auf, erfreute mich ihrer aber nur
kurze Zeit. -- Wir hatten in der Nacht das _Kattegat_ und das _Skagerak_
verlassen, und trieben nun auf der bewegteren _Nordsee_ herum. Ein gar
zu emsiger Wind, der beinahe in Sturm ausgeartet war, warf unser armes
Schiff dermaßen herum, daß man schon ein tüchtiger Tanzkünstler
hätte sein müssen, um sich nur einigermaßen auf den Füßen erhalten
zu können; -- ich war leider schon in meiner Jugend keine Verehrerin
Therpsichorens gewesen, und also erst jetzt! -- Unerbittlich erfaßten
mich die Najaden dieser stürmenden See, und taumelten mit mir so lange
herum, bis sie mich in die Arme des schrecklichsten der Schrecken --
zwar nicht nach Schillers Deutung aber nach meiner Empfindung, -- der
Seekrankheit warfen. Anfangs achtete ich ihrer nicht sehr, und dachte,
dieß Uebel würde von einer, so wie ich, an Alles gewohnt sein
sollenden Reisenden, bald überwältigt. Umsonst war mein Kampf; -- ich
wurde immer leidender und mußte endlich in meiner Koje liegen bleiben,
wo mich nur der einzige Gedanke tröstete, daß wir heute auf offener
See waren, und ich ohnehin nichts hätte sehen können. -- Doch den
folgenden Tag schifften wir im Angesichte der Küste Norwegens;
die mußte ich sehen. -- Halbtodt schleppte ich mich auf das Deck,
begrüßte eine Reihe schöner, ziemlich hoher Gebirge, deren Gipfel in
so früher Jahreszeit noch in hellem Silber erglänzten, und eilte dann,
beinah erstarrt durch die Kälte des eisigen Windes, in mein gutes,
warmes Federbett zurück. -- Niemand, der es nicht selbst erprobte, kann
sich einen Begriff von der schneidenden, durchdringenden Kälte eines
nordischen Sturmwindes machen. -- Die Sonne stand glänzend am Himmel,
der Thermometer wies drei Grad -- ich rechne stets nach Reaumür --
Wärme, und obwohl ich doppelt so viel warme Kleider anhatte, als in
meinem Vaterlande bei einer Kälte von 6-8 Grad, so fror es mich doch
bis in das Innerste, -- ja es kam mir gerade so vor, als hätte ich gar
keine Kleider an.
In der Nacht vom 4. auf den 5. Tag segelten wir glücklich an den
_Schetlands-Inseln_ vorüber und noch denselben Tag gegen Abend kamen
wir so nahe an die herrlichen Felsgruppen der _Faröen_, daß wir
ordentlich fürchten mußten, bei den unausgesetzten Stürmen an sie
geschleudert zu werden.
Am siebenten Tage schon erreichten wir Islands Küste -- eine unerhört
schnelle Fahrt. Die Schiffer versicherten auch, daß ein günstiger
Sturm dem Dampfe selbst vorzuziehen sei, und wir dießmal gewiß jeden
Dampfer überflogen hätten. -- Doch ich arme Seele hätte gerne auf
Sturm und Dampf Verzicht geleistet, um nur einige Stunden Ruhe zu
gewinnen. Mein Leiden nahm dermaßen zu, daß ich am fünften Tage
beinah zu unterliegen wähnte. Eiskalter Schweiß durchnäßte meine
Glieder; ich war im höchsten Grade schwach, mein Mund ausgetrocknet und
die Uebelkeiten unausgesetzt. Ich fühlte die Nothwendigkeit entweder
einen Gewaltstreich vollführen oder erliegen zu müssen. Ich raffte
mich also auf, schleppte mich mit Hilfe des Schiffsjungen zu einem Sitze
und versprach jedes Mittel zu nehmen, das man für gut fände. -- Da gab
man mir feine Grütze in Wasser gekocht, mit Wein und Zucker gemischt;
davon mußte ich so lange genießen, bis es mein Magen behielt. Doch
nicht genug, auch kleine Stückchen rohen Speck, tüchtig mit Pfeffer
gewürzt, und sogar einige Tropfen Rum mußte ich verschlucken. -- Welch
ein herzhafter Entschluß zu solch einer Cur gehört, brauche ich wohl
nicht zu sagen. Mir blieb aber keine Wahl; es hieß mich bezwingen oder
unterliegen. Mit Ruhe und Ergebung verschluckte ich die mir gereichten
Gaben, so oft, bis endlich nach vielen Stunden mein verwünschter Magen
eine kleine Dosis davon behielt. Diese Cur wurde zwei ewig lange Tage
fortgesetzt, -- da fing ich erst an mich ein wenig zu erholen.
Ich beschreibe meine Krankheit und deren Heilart so genau, weil leider
so viele Menschen daran leiden, und sich in diesem Zustande so schwer
entschließen, eine Nahrung zu nehmen. Ich aber rathe Jedermann es nicht
so lange anstehen zu lassen, wie ich es that, sondern gleich Anfangs
Nahrung zu nehmen, und zwar so lange bis sie der Magen behält.
In der Reconvalescenz suchte ich meinen nicht minder krank gewordenen
Geist durch ein emsiges Studiren des Lebens und Treibens der nordischen
Seeleute auch wieder auf die Beine zu helfen.
Meine Schiffsgesellschaft bestand aus Herrn Knudson, Herrn Brüge,
einem Kaufmann, den wir an den Westmanns-Inseln absetzen sollten,
dem Capitän, dem Steuermann und sechs bis sieben Matrosen. -- Die
Lebensweise in der Kajüte war folgende: Des Morgens um 7 Uhr ward
schwarzer Kaffee gereicht, -- aber was für einer? -- das wissen
die Götter. -- Ich verkostete ihn durch eilf Tage, und war nie so
glücklich auf die Spur seines Vaterlandes zu gerathen. -- Um 10
Uhr wurde Butter, Brod, Käse, nebst etwas kaltem Ochsen- oder
Schweinefleisch genossen; -- alles herrliche Gerichte -- für gesunde
Leute. -- Den Schluß dieses Vormittags-Essens machte holländisches
Theewasser -- in Skandinavien und auch auf Island sagt man nie: »ich
trinke Thee,« man setzt immer »Wasser« hinzu: Ich trinke
Theewasser -- wenn möglich noch schlechter als sein Vorgänger, der
unvergleichliche Kaffee. -- Ich fiel also überall durch; die Gerichte
waren mir zu stark, die Getränke zu -- ich finde eigentlich gar
keinen Ausdruck -- vermuthlich zu verkünstelt. Mein Trost blieb die
Mittagstafel. -- Ach wie bald zerrann dieser schöne Traum! -- Am
sechsten Tage zum erstenmale setzte ich mich an den gedeckten Tisch.
Da fiel mir gleich das darüber gebreitete Tuch in die Augen. -- Bei
unserer Einschiffung mochte es vielleicht weiß gewesen sein, -- jetzt
keineswegs mehr. Das unaufhörliche Rollen und Werfen des Schiffes hatte
alle genossenen Gerichte und Getränke darauf verzeichnet. Eine Art
Netz von Holz wurde nun darüber gespannt, die Teller und Gläser darein
gesetzt, um so gegen das Hinabrollen gesichert zu sein. Ehe aber der
gute Schiffsjunge dieß that, nahm er jedes einzelne Teller und Glas und
reinigte es an einem in der Nähe hangenden Handtuche, welches zwar an
Farbe nicht einem Regenbogen wohl aber an Schmutz dem Fußboden glich;
und dieß wäre noch zu ertragen gewesen, -- aber des Morgens diente
es _wirklich_ als Handtuch und zu den andern Zeiten des Tages auch als
Handtuch -- für Teller und Gläser.
Bei dergleichen Operationen wandte ich immer die Augen ab, und dachte
mir, daß vielleicht gerade mein Glas und mein Teller am zartesten,
oder wohl gar nicht damit berührt worden sei, und wandte meine ganze
Aufmerksamkeit auf die nun zu erwartenden Speisen.
Eine Suppe machte den Anfang; aber statt der Rindsuppe war es eine
Wassersuppe, mit Reis und getrockneten Pflaumen verkocht. Darein wurde
bei Tische noch etwas rother Wein und Zucker gemischt, und nun war für
dänische Gaumen eines der kostbarsten Gerichte bereitet; -- mir behagte
es durchaus nicht. -- Die zweite und letzte Speise bestand aus einem
tüchtigen Ochsenbraten, an dem ich nichts aussetzen konnte, als, daß
er für meine noch schwache Gesundheit zu schwer war. -- Der Abend bot
dasselbe, was wir zum Vormittags-Imbiß gehabt hatten. Jede Mahlzeit
wurde noch überdieß mit Theewasser beschlossen. Im Anfange behagte mir
diese Lebensweise gar nicht; doch siehe, schon nach einigen Tagen meiner
Besserung gewöhnte ich mich daran, und konnte die Schiffskost recht gut
vertragen.[3]
[3]: Es würde mir sehr leid thun, wenn ich etwa durch diese meine
Beschreibung, »Lebensweise auf dem Schiffe,« den wackern Herrn K.
beleidiget hätte. Allein ich setze voraus, daß Jedermann weiß,
daß das Leben auf einem Schiffe ganz anders ist, als aus dem festen
Lande, im Kreise der Seinigen. So kann ich ebenfalls versichern,
daß Herr K. nicht nur in Kopenhagen, sondern, was viel mehr sagen
will, auch auf Island sehr angenehm zu leben wußte, und sich aller
Comforts, wie man sie nur in den großen Städten Europas haben
kann, erfreute.
Da der reiche Schiffsherr selbst am Bord war, so fehlte es auch nicht an
den besten Weinen, und selten verging sogar ein Abend, ohne daß nicht
auch Punsch gekostet worden wäre. -- Freilich fand man für jede
zu trinkende Flasche Wein oder Bowle Punsch irgend eine besondere
Veranlassung, z. B. bei der Abfahrt, oder wenn der Wind günstig war,
da trank man ihm zu, mit der Bitte so zu bleiben; war er ungünstig,
mit der Bitte anders zu werden; -- sah man Land, so mußte es mit einem
Gläschen Wein begrüßt werden; -- es mochten wohl oft auch mehrere
gewesen sein, zum Zählen war ich aber zu seekrank -- verloren wir es
wieder, mußte ihm »Lebewohl« gesagt werden, -- und so gab es täglich
drei, vier ganz besondere Veranlassungen.
Die Matrosen bekamen Morgens und Abends Theewasser ohne Zucker, und
ein Gläschen Brandwein, des Mittags Hülsenfrüchte, Grütze
oder Kartoffeln, dazu Stockfisch, Speck oder gesalzenes Fleisch;
Schiffszwieback, der recht gut schmeckt, konnten sie nehmen, so viel sie
wollten.
Uebrigens ist die Nahrung noch nicht das Schlechteste, was diese armen
Leute haben, deren Leben ein beständiger Kampf gegen die Elemente
genannt werden könnte, da sie gerade bei den fürchterlichsten
Stürmen, bei Regen und schneidender Kälte fortwährend auf das Deck
gewiesen sind. -- Ich bewunderte wirklich den Gleichmuth, ja ich möchte
sagen, die Heiterkeit und Unverdrossenheit mit der sie ihre schwere
Pflicht erfüllen. -- Und was haben sie dafür? -- Einen kargen Lohn,
die eben beschriebene Nahrung, und zur Schlafstelle den kleinsten,
unbrauchbarsten Raum im Schiffe, der nicht selten voll Ungeziefer,
finster und sehr übelriechend ist, denn da werden außerdem Oelfarben,
Firniß und Theer, Stock- und Trockenfische u. s. w. aufbewahrt.
Um dabei zufrieden zu sein, muß man wirklich sehr genügsam und
herzensgut sein. -- Die dänischen Matrosen sind es aber auch. --
Häufig, im Laufe der Reise auf diesem und auf andern Schiffen, hatte
ich Gelegenheit mich davon zu überzeugen.
Doch nun, nach all diesen ausführlichen Beschreibungen, ist es höchste
Zeit, zur Reise selbst wieder zurückzukehren.
Leider setzten die günstigen Stürme, die uns schon am siebenten Tage
bis in die Nähe der isländischen Küste getrieben hatten, plötzlich
um, und schlugen uns zurück. Wir lavirten hin und her auf dem
sturmbewegten Meere, das mit mancher spanischen Woge[4] unser Schiff
ganz überdeckte. Zweimal versuchten wir den Westmanns-Inseln (zu Island
gehörig) nahe zu kommen, um da bei günstiger Gelegenheit Anker zu
werfen, und unsern Reisegefährten Herrn Brüge abzusetzen; -- doch
vergebens, immer wieder wurden wir zurückgeschlagen. -- Endlich am
Schlusse des eilften Tages erreichten wir _Havenfiord_, einen sehr guten
Hafen, zwei Meilen von _Reikjavik_, der Hauptstadt Islands, entfernt.
[4]: Spanische Wogen oder Wellen nennen die Schiffer jene, welche
von der Westseite her aufspringen, und sich durch ihre Größe
auszeichnen.
Trotz diesem sehr ungelegenen Umsetzen des Sturmes hatten wir eine
unerhört schnelle Fahrt gemacht. -- Man rechnet von Kopenhagen
nach Island in gerader Linie 300 geographische Meilen; -- für ein
Segelschiff, das hin und her laviren und so viel möglich immer mit dem
Winde gehen muß, 350 bis 400. -- Hätte der uns Anfangs so günstige
Sturm am siebenten Tage nicht umgesetzt, und nur noch 30-40 Stunden
angehalten, so würden wir schon am achten oder neunten Tage in Island
gelandet haben, -- eine Fahrt die selbst ein Dampfer nicht so schnell
hätte machen können.
Die Gestade Islands erschienen mir ganz anders, als ich sie den
Schilderungen nach, die ich gelesen, mir vorstellte. Ich dachte sie
mir kahl, ohne Strauch, ohne Baum, wüst und öde, -- und da sah ich
Rasenhügel, Gesträuche, ja sogar Waldgruppen kleiner, wie es mir
schien, verzwergter Bäume; -- doch wir kamen näher und näher, und
ich konnte deutlicher unterscheiden. -- Da wurden die Rasenhügel zu
menschlichen Wohnungen mit kleinen Thüren und Fensterchen, und die
Baumgruppen entwirrten sich in 10-15 Fuß hohe Lavamassen, die mit
Moos und Gras ganz überwachsen waren. Alles war für mich neu und
überraschend; kaum konnte ich erwarten zu landen.
Endlich wurden die Anker ausgeworfen -- doch erst am folgenden Morgen
schlug die Stunde der Erlösung und Ausschiffung.
Noch eine Nacht -- -- dann war Alles überstanden, dann konnte ich
Island, das lange ersehnte, betreten, und schwelgen in den Wundern
dieser kunstarmen, aber dafür naturreichen Insel.
* * * * *
Bevor ich nun Island betrete, sei es mir erlaubt, einige Bemerkungen
über diese Insel vorauszuschicken. Ich entnehme sie der Beschreibung
Islands von Makenzie, einem Buche, dessen gediegener Werth überall
anerkannt ist.
»Man schreibt die Entdeckung Islands dem Unternehmungsgeiste einiger
norwegischer und schwedischer Seeräuber um das Jahr 860 n. Chr. G.
zu. Sie wurden dahin verschlagen, als sie nach den Faröer-Inseln
segelten. Aber erst im Jahre 874 wurde sie von freiwilligen
Auswanderern, die sich unter der Regierung Harald des Schönhaarigen
unglücklich fühlten, unter der Anführung Ingolf's bevölkert. Diese
Ankömmlinge sollen nirgends Spuren von Wohnungen gefunden haben, und so
waren also sie die ersten, welche die Insel in Beschlag nahmen.«
»Bei ihrer Ankunft soll die Insel noch so mit Dickicht bedeckt gewesen
sein, daß an einigen Orten erst Durchwege geöffnet werden mußten. --
Die Norweger brachten ihre Sprache, Religion, Sitten und historischen
Denkmäler mit herüber, nebst einer Art von Lehns-Verfassung, welche
aber ungefähr um das Jahr 928 etwas aristokratisch wurde, obwohl sie
republikanisch hieß. -- Die Insel wurde da in vier Provinzen getheilt,
und über jede ein erblicher Landvogt oder Richter gesetzt.«
»Die General-Versammlung von Island (All-Sing genannt) wurde jährlich
an den Küsten des See's _Thingvalla_ gehalten. Sie hatten ein
treffliches Gesetzbuch, das für alle Vorfälle in der Gesellschaft
gesorgt hatte. -- Diese Verfassung währte über 300 Jahre, und man
möchte diese Periode »Islands goldenes Zeitalter« nennen. Erziehung,
Literatur und selbst verfeinerte Poesie waren unter den Einwohnern in
Blüthe. -- Sie nahmen Theil an dem Handel und an den Abenteuern zur
See, welche die Norweger unternahmen, um neue Entdeckungen zu machen.«
Die _Sages_ oder Geschichten des Landes enthalten manche Erzählung
persönlicher Tapferkeit. Ihre Barden und Geschichtschreiber besuchten
andere Länder, wurden die Günstlinge der Monarchen, und kehrten
bedeckt mit Ehre und beladen mit Geschenken in ihre Insel zurück.
-- Die _Edda_ von _Sämund_ ist eine der geschätztesten Dichtungen
Island's älterer Zeit; der zweite Theil der Edda, _Skalda_ genannt,
stammt aus neuerer Zeit, und wird von Vielen dem berühmten _Snorri
Sturluson_ zugeschrieben. -- -- _Isleif_, der erste Bischof von
Skalholt, war der früheste isländische Geschichtschreiber, dann folgte
der berühmte _Snorri Sturluson_, welcher 1178 geboren der reichste und
mächtigste Mann in Island wurde.
»Zu den Generalversammlungen Islands begleitete ihn häufig ein
glänzendes Gefolge von 800 bewaffneten Männern. -- Er war ein großer
Geschichtschreiber und Dichter, besaß eine genaue Kenntniß der
griechischen und lateinischen Sprache, und war ein bewunderungswürdiger
Redner. Außer der _Edda_ schrieb er auch noch die _Haimskringla_.«
»Die erste Schule wurde zu Skalholt um die Mitte des 11. Jahrhunderts
unter _Isleif_, dem ersten Bischof zu Island, gestiftet, dann folgten
noch vier andere Schulen und einige Klöster. Poesie und Musik scheint
zu einem Zweige der Erziehung gehört zu haben.«
»Es scheint, daß das Clima einst in Island minder rauh war als jetzt;
es scheint, daß ehemals Korn wuchs, daß Bäume und Sträucher höher
und dicker wurden, als es jetzt der Fall ist. -- Die Bevölkerung
Islands soll damals beträchtlich stärker gewesen sein wie jetzt,
doch gab es auch damals weder Orte noch Dörfer; die Einwohner lebten
zerstreut im Lande herum. Die jährliche Volksversammlung wurde zu
Thingvalla unter freiem Himmel gehalten.«
»Die Hauptbeschäftigung der Einwohner war Fischfang. Ihre Kleidung
bestand aus der verarbeiteten Wolle ihrer Schafe; -- eine fernere
Beschäftigung gewährte ihnen ihr Handel mit dem Auslande.«
»Im Jahre 981 wurde die Lehre des Christenthums zuerst durch
_Friedrich_, einen Bischof zu Sachsen, eingeführt. Es wurden nun
viele Kirchen errichtet, und Zehnten zum Unterhalte der Geistlichkeit
eingeführt. -- _Isleif_, der erste Bischof zu Skalholt, wurde im Jahre
1057 ordinirt. Nach Einführung des Christenthums erfreuten sich
die Isländer beinahe zwei Jahrhunderte lang einer einfachen aber
ungestörten Religionsübung.«
»Grönland und der nördlichste Theil Amerika's soll von Isländern
entdeckt worden sein.«
»In der Mitte des 13. Jahrhunderts ging Island in die Gewalt der
norwegischen Könige über. -- Im Jahre 1380 wurde Norwegen mit der
dänischen Krone vereinigt, und Island ohne Widerstand der dänischen
Monarchie einverleibt. -- Seit dem Uebertritte an Norwegen und dann an
Dänemark folgte Ruhe und Sicherheit auf die innern Unruhen, welche vor
dieser Zeit häufig statt hatten; doch dieser ruhige Zustand brachte
Apathie und Indolenz hervor. -- Die Seeabenteuer wurden durch die neue
Regierung gehemmt, der Handel gerieth nach und nach in die Hände der
Eingebornen anderer Reiche. -- Es scheint sich auch das Clima verändert
zu haben, oder die verminderte Industrie und nicht genug Fleiß der
Einwohner haben den Ackerbau gänzlich in Verfall gebracht.«
»Im Jahre 1402 brach auf der Insel die Pest aus und verminderte die
Bevölkerung um zwei Dritttheile.«
»Die erste Buchdruckerpresse wurde zu Hoolum um's Jahr 1530, unter der
Aufsicht des Bischofs _John Areson_, nach Island gebracht.«
»Die Reformation in der isländischen Kirche kam nicht ohne Unruhe zu
Stande. Im Jahre 1551 wurde die Reformation gesetzlich eingeführt.«
»Die Isländer litten im 15. Jahrhundert viel von den seeräuberischen
Einfällen der Fremden. Selbst noch im Jahre 1616 hatte die
französische und englische Nation Theil an dieser Gräuelthat. Der
traurigste Vorfall aber dieser Art ereignete sich im Jahre 1627, als ein
großer Haufe algierischer Seeräuber Islands Küsten überfiel, bei 50
Einwohner ermordete, und bei 400 mit in die Gefangenschaft führte.«
»Das 18. Jahrhundert hob mit einer fürchterlichen Sterblichkeit
durch die Pocken an, daß mehr als 16,000 Einwohner dadurch aufgerieben
wurden. Im Jahre 1759 raffte eine Hungersnoth bei 10,000 Menschen
dahin.«
»Das Jahr 1793 zeichnete sich durch die schrecklichsten vulkanischen
Ausbrüche aus, welche im Innern der Insel statt hatten. Ungeheure
Ströme Lava bedeckten Alles vor sich her, große Flüsse wurden in
ihrem Laufe gehemmt und bildeten Seen. Länger als ein Jahr bedeckte
eine dichte Rauchwolke und vulkanische Asche ganz Island, und
verdunkelte beinah das Sonnenlicht. Hornvieh, Schafe und Pferde wurden
aufgerieben, Hungersnoth mit ihren begleitenden Krankheiten, und abermal
die bösartigen Pocken, rafften in einigen Jahren mehr als 11,000
Menschen dahin, ein Viertel der ganzen gegenwärtigen Bevölkerung.«
»Die Insel Island liegt im atlantischen Ocean; ihre größte Breite
beträgt 60 geographische Meilen und ihre Länge 35 geographische
Meilen. -- Die Einwohnerzahl rechnet man auf 48,000, den Flächeninhalt
auf 1800 Quadrat-Meilen.«
Meine Ankunft zu Havenfiord und Reise nach Reikjavik.
Am 16. Mai Morgens wurde ich in dem Hafenorte _Havenfiord_ ausgeschifft,
und betrat nun zum erstenmal die Gestade Island's. -- Obwohl ich von
der Seekrankheit, und mehr noch von dem immerwährenden Herumwerfen des
Schiffes ganz betäubt war, alle Gegenstände um mich her ordentlich
tanzen sah, und kaum einen festen sichern Schritt machen konnte, so litt
es mich doch nicht in Herrn Knudson's Hause, das er mir bereitwillig zum
Absteigquartier angeboten hatte; -- ich mußte gleich hinaus, und Alles
untersuchen und prüfen. Ganz Havenfiord fand ich nur bestehend aus drei
hölzernen Häusern, einigen Magazinen von demselben Material erbaut,
und mehreren Kothen (Bauernhäusern).
Die hölzernen Häuser sind von Kaufleuten oder ihren Factoren bewohnt,
und bilden nur Erdgeschosse mit vier bis sechs Fenstern Fronte. Ueber
zwei bis drei Stufen steigt man zum Eingange, der sich in der Mitte
befindet und zum Vorgemache führt, von welchem rechts und links die
Thüren in die vordern Zimmer gehen. Rückwärts ist die Küche, und
von da gelangt man in die Hofzimmer und in den Hofraum. -- Ein
solches Häuschen besteht aus 4-6 Zimmern im Erdgeschosse, und einigen
Kämmerchen unter dem Dache.
Die Einrichtung ist ganz europäisch, Möbel -- häufig sogar von
Mahagony-Holz, -- Spiegel, gußeiserne Oefen, -- -- Alles kömmt von
Kopenhagen. Schöne Teppiche liegen vor den Canapeen ausgebreitet,
niedliche Gardinen beschatten die Fenster, englische Kupferstiche zieren
die weiß übertünchten Wände, Porzellan, Silberzeug, geschliffene
Gläser u. s. w. stehen auf Kasten oder Ecktischen zur Schau
ausgebreitet, Blumentöpfe mit Rosen, Reseden, Nelken etc. verbreiten
einen herrlichen Duft, -- ja ich fand sogar ein Quer-Fortepiano hier. --
Könnte man Jemand plötzlich, ohne daß er die Reise gemacht hätte, in
solch ein Häuschen versetzen, er würde gewiß glauben, in einer Stadt
des Continents zu sein, und nicht in Island, dieser weit entfernten,
nackten und armen Insel. -- Und so wie hier in Havenfiord, fand ich die
Häuser der wohlhabenderen Classe auch in Reikjavik, und allen andern
Orten, die ich besuchte.
Von diesen schmucken Häusern begab ich mich in jene der Bauern, die
waren eigenthümlicher, schon mehr isländisch. -- Klein und nieder,
von Lava-Steinen zusammengefügt, die Zwischenräume mit Erde fest
ausgefüllt, und das Ganze mit großen Grasplatten überlegt, würde
man sie eher für natürliche Erderhöhungen halten, wenn nicht die
hervorragenden hölzernen Kamine, die niedrigen Thüren und die kaum
merkbaren Fensterchen auf ihre Bewohnbarkeit schließen ließen. Ein
ungefähr vier Fuß hoher, schmaler, finsterer Gang führt einerseits
in die Wohnstube, andererseits in einige Behältnisse, die theils zur
Aufbewahrung der Lebensvorräthe, theils den Kühen und Schafen im
Winter als Ställe dienen. -- Am Ende dieses Ganges, der so nieder
gebaut ist, um die Kälte mehr abzuhalten, befindet sich gewöhnlich die
Feuerstelle. Die Wohnstuben der ärmeren Classe haben weder getäfelte
Wände noch Fußböden, und sind gerade groß genug um darin schlafen
und allenfalls noch sich umdrehen zu können. Die ganze Einrichtung
besteht in Bettstellen mit sehr wenig Bettgewand, in einem Tischchen und
einigen Truhen. Betten und Truhen vertreten die Stelle der Bänke und
Stühle. Oberhalb der Betten sind Stangen gezogen, auf welchen die
Kleider, Schuhe, Strümpfe und dergleichen hängen. Gewöhnlich sieht
man da auch noch ein Brettchen aufgemacht, worauf einige Bücher liegen.
-- Oefen benöthigen sie keine. Ihre eigene Ausdünstung ist ergiebig,
der Raum klein, und der Bewohner sind genug.
Um die Feuerstellen sind ebenfalls Stangen gezogen, um die nassen
Kleidungsstücke zum Trocknen und die Fische zum Räuchern aufzuhängen.
Der Rauch verbreitet sich bis beinahe in die Stube, und zieht nur
langsam durch einige Luftlöcher in's Freie hinaus.
Brennholz hat man auf der ganzen Insel keines. -- Die Reichen lassen es
von Norwegen oder Dänemark kommen, die Armen brennen Torf, zu dem
sie oft noch Fischgräten oder sonstige Fette, stinkende Abfälle
von Fischen mengen, die dann natürlich den übelriechendsten Rauch
erzeugen.
Tritt man in eine solche Kothe, so weiß man wirklich nicht, was
schrecklicher ist, im Vorraume der erstickende Rauch oder in der
Wohnstube die durch die Ausdünstung und Unreinlichkeit so vieler
Menschen verpestete Luft. Ich möchte auch beinahe behaupten, daß der
in Island herrschende, schreckliche Ausschlag, Lepra genannt, mehr eine
Folge der beispiellosen Unreinlichkeit, als des Climas und der Nahrung
ist.
Auf meinen fernern Reisen im Lande fand ich die Kothen der Bauern
überall gleich ärmlich, und besonders unrein. Natürlich spreche ich
von der Mehrzahl und nicht von den Ausnahmen, denn auch hier gibt
es einzelne reiche Bauern, bei denen es, nach dem Stande ihrer
Wohlhabenheit oder ihres Ordnungssinnes, besser und wohnlicher aussieht.
Man muß aber, nach meiner Ansicht, als Basis, die Lebensweise der
großen Zahl und nicht, wie viele Reisende pflegen, die der Einzelnen
aufstellen. -- Und ach! wie selten traf ich solche Einzelne.
Die Umgebung Havenfiord bildet eines der schönsten, pittoreskesten
Lavafelder, das sich anfänglich hügelförmig erhebt, dann wieder in
Niederungen verläuft und endlich in einer großen Ebene bis zu den
nächsten Bergen fortläuft. Da sieht man Massen, oft schwarz und nackt,
in den verschiedenartigsten Formen sich 10 bis 15 Fuß hoch aufthürmen.
Sie bilden Wände, Säulentrümmer und kleine Grotten und Vertiefungen,
über welche letztere oft wieder große Platten wie natürliche Brücken
liegen. Alles, Alles besteht aus plötzlich erstarrten, angehäuften
Lavamassen, die auch stellenweise mit Gras und Moos bis hoch an
die Spitzen bedeckt sind, und so von ferne gesehen, jenen bereits
beschriebenen Gruppen verzwergter Bäume glichen. -- Pferde, Schafe
und Kühe kletterten da herum und suchten emsig nach jedem grünen
Plätzchen. -- Auch ich ward des Kletterns nicht müde; ich konnte diese
fürchterlich schöne Verwüstung nicht genug anstaunen und bewundern.
Schon nach einigen Stunden hatte ich die auf der See erlittenen
Beschwerden so ganz vergessen und fühlte mich so gestärkt, daß ich
noch denselben Tag, gegen 5 Uhr Abends meine Weiterreise nach Reikjavik
antrat. -- Herr K. schien sehr für mich zu fürchten; er warnte
mich vor den schlechten Wegen, und besonders vor den gefährlichen
Abgründen, an denen ich vorüber müsse, -- doch beruhigte ich ihn mit
der Versicherung, daß ich des Reitens kundig sei, und wohl schwerlich
schlechtere Wege finden könnte, als ich bereits in Syrien die Ehre
gehabt hatte, kennen zu lernen. -- Ich nahm also Abschied von diesem
guten Herrn, der noch 8-14 Tage in Havenfiord zu bleiben gedachte,
bestieg ein kleines Pferdchen, und setzte mich, in Begleitung meiner
Führerin, in Bewegung.
In dieser lernte ich eine merkwürdige Antiquität Island's kennen, die
wohl werth ist, ihrer mit einigen Worten zu erwähnen. Sie zählt über
70 Jahre, sieht aber aus, als hätte sie deren kaum 50, auch umgibt
dunkelblondes, reiches, halbgelocktes Haar ihren Kopf. Sie ist als Mann
gekleidet, verrichtet die größten und beschwerlichsten Botengänge,
rudert ein Boot so kräftig und sicher wie der gewandteste Fischer,
und besorgt alles schneller und genauer wie ein Mann, weil sie sich
auf ihren Wanderungen in nicht so häufige Vertraulichkeit mit der
Brandweinflasche setzt. Sie schritt mir so wacker voran, daß ich
mein Pferdchen mit manchem Peitschenhiebe zur größeren Eile stacheln
mußte.
Der Weg führte anfänglich zwischen Lavamassen, wo es allerdings etwas
schlecht zu reiten war, dann über Flächen und kleine Anhöhen,
von welchen letzteren man das ungeheure Thal übersah, in welchem
Havenfiord, Bässestadt, Reikjavik und noch andere Orte zerstreut lagen.
-- In _Bässestadt_, das auf einer Spitze liegt, die sich in das
Meer hinaus erstreckt, und stets sichtbar ist, befindet sich eine
Hauptschule, eine gemauerte Kirche und einige Kothen. -- Das Städtchen
_Reikjavik_ sieht man nicht, da es hinter einem Hügel verborgen liegt.
Auch die andern Orte, die meist nur aus 2-3 Kothen bestehen, sieht man
erst, wenn man ihnen schon ganz nahe ist. -- Mehrere Gebirgsketten, eine
die andere überragend, einige Jokuln (Gletscher) die jetzt noch
bis tief herab im winterlichen Kleide schimmerten, umgeben dieß
unübersehbare Thal, das nur auf einer Seite, gegen das Meer, offen war.
Manche der Ebenen und Hügeln erglänzten im saftigen Grün, so, daß
ich dachte, schöne Wiesen zu erblicken. Doch bei näherer Besichtigung
fand ich nur sumpfige Stellen und Anhäufungen von hundert und hundert
kleinen Erhöhungen, die theils Maulwurfshaufen, theils kleinen
Grabeshügeln glichen, und mit Gras und Moos überwachsen waren.
Ich übersah einen Umkreis von gewiß mehr als 8-10 Meilen und erblickte
keinen Baum, keinen Strauch, kein Stückchen Feld und kein freundlich
Dörfchen. -- Es war überall todt. -- Hie und da lagen einige Kothen;
selten schwirrte ein Vögelchen in der Luft, und noch seltener ward mir
der trauliche Gruß eines Menschen zu Theil. -- Lava-Gerölle, Sumpf-
und Torf-Stellen umgaben mich von allen Seiten; nirgends in dem weiten
Raume, war auch nur _ein_ Fleckchen zu sehen, das von einem Pfluge
hätte können durchfurcht werden.
Nachdem ich eine starke Meile zurückgelegt hatte, gelangte ich auf
einen Hügel, von welchem aus ich nun auch Reikjavik, das einzige
Städtchen und den Haupthafen der Insel erblickte. Meine Erwartungen
wurden aber sehr getäuscht; ich sah nur ein kleines Dörfchen.
Die Entfernung von Havenfiord bis Reikjavik beträgt kaum zwei Meilen;
da ich aber meine gute alte Wegweiserin nicht zu sehr ermüden wollte,
ritt ich doch über drei Stunden daran. -- Der Weg war größtentheils
sehr gut, bis auf einige Stellen, wo es über Lava-Gerölle ging. Von
den gefürchteten, schwindelerregenden Abgründen sah ich keine, es
müßten nur jene Stellen darunter gemeint gewesen sein, wo man manchmal
in der Nähe des Meeres auf ganz niederen Abhängen ritt, oder auf den
Lavafeldern, wo sich manchmal eine kleine Vertiefung von höchstens
15-16 Fuß aufthat.
Nach acht Uhr Abends war ich so glücklich _Reikjavik_ wohl und gesund
zu erreichen. Bereits war hier durch die gütige Fürsorge des Herrn K.
in einem seiner Häuser, bei der biedern Bäckerfamilie _Bernhöft_, ein
recht artiges Zimmerchen für mich gerichtet, und wahrlich -- bessere
Aufnahme hätte ich nirgends finden können.
Die ganze Familie bewies mir während meines langen Aufenthaltes eine
Herzlichkeit und Liebe, die man gewiß nur selten findet. -- Gar manche
Stunde entzog Herr Bernhöft seinem Geschäfte, opferte sie mir und
begleitete mich auf kleinen Ausflügen. Emsig suchte er gleich mir nach
Blumen, Käfern oder Muscheln, und hatte die herzlichste Freude, wenn
er etwas fand, das ich noch nicht hatte. Auch seine treffliche Frau
und lieben Kinder standen ihm an Gefälligkeit nicht nach. -- Ich
kann nichts sagen, als: Gott lohne ihnen tausendfältig ihre Güte und
Freundlichkeit!
Ich hatte hier sogar Gelegenheit meine theure Muttersprache zu hören,
und zwar von Herrn Bernhöft, einem Holsteiner von Geburt, der, obschon
lange, lange Jahre theils in Dänemark, theils in Island ansässig, das
liebe Deutsch doch noch nicht ganz vergessen.
Ich war also jetzt in Islands einziger Stadt, in dem Sitze der
sogenannten gebildeten Classe, deren Leben und Treiben ich nun auch
meinen verehrten Lesern schildern will.
Nichts war mir befremdender als der gewisse edle Anstand, den sich die
Damen hier zu geben versuchten, und der, wenn er nicht angeboren ist,
oder durch sehr viele Uebung natürlich wird, nur zu leicht in Steifheit
übergeht. Wenn man mit ihnen zusammen trifft, neigen sie den Kopf
gerade so vornehm und nachlässig, wie wir es kaum gegen den geringsten
Fremdling thun würden. -- Am Ende eines Besuches geleitet die Hausfrau
den Gast nur bis an die Thüre des Empfangzimmers. -- Ist der Gemahl
gegenwärtig, so setzt er diese Begleitung etwas weiter fort; ist dieß
nicht der Fall, so geräth man oft in einige Verlegenheit, indem man
nicht recht weiß, durch welche Thüre man zum Ausgange gelangt. --
Einen Diener, der den ferneren Wegweiser machen könnte, findet man
nirgends, als nur beim Stiftsamtmann (erster Beamter auf der Insel
Island). Schon in Hamburg traf ich die erste Spur dieser Steifheit; je
weiter ich aber gegen Norden kam, desto mehr nahm sie zu, bis sie in
Island die höchste Stufe erreichte.
Selbst gute Empfehlungsbriefe vermögen oft nicht die nordischen
Honorationen gegen Fremde geschmeidig zu machen. Als Beweis diene
folgendes Beispiel.
Ich hatte unter mehreren recht herzlichen Empfehlungsbriefen auch einen
an den hiesigen Stiftsamtmann Herrn von H.... erhalten. -- Als ich in
Kopenhagen ankam, erfuhr ich, daß auch er sich da befände. Ich begab
mich zu ihm; man wies mich in ein Zimmer, in welchem sich zwei junge
Frauen und drei Kinder befanden. Ich gab meinen Brief ab, und blieb
eine Weile ruhig stehen. Da man mir keinen Platz antrug, setzte ich mich
endlich ungeheißen auf den nächsten Stuhl, weit davon entfernt mir zu
denken, die Hausfrau selbst könne zugegen sein, und nicht einmal
die gewöhnlichsten, jedem Fremden gebührenden Artigkeitsformeln
beobachten. -- Nachdem ich schon ziemlich lange Zeit da gesessen und
gewartet, erschien Herr von H. in höchst eigener Person, äußerte
einiges Bedauern, daß er für mich nur äußerst wenig Zeit habe, indem
er im Kurzen sammt seiner Familie sich nach Island einschiffen müsse,
und hier noch eine große Menge sehr wichtige Geschäfte zu besorgen
habe. -- Schließlich gab er mir noch den gut gemeinten Rath, meinen
Plan, Island zu besuchen, aufzugeben, indem die Beschwerden des Reisens
in diesem Lande doch gar zu groß seien; da ich aber fest darauf
beharrte, versprach er, falls ich früher nach Reikjavik abginge als er,
mir einen Empfehlungsbrief dahin mitzugeben. Alles dieß ward in Eile
und zwar stehend abgemacht. -- Ich empfahl mich, und wollte auch gar
nicht mehr um den Brief kommen. Doch besann ich mich anders, schob die
Unfreundlichkeit des Benehmens auf gedrängte und vielleicht unangenehme
Geschäfte, und ging nach zwei Tagen wieder hin. Da ließ man mir den
Brief durch ein Dienstmädchen reichen; -- den hohen Herrschaften, die
ich im Nebenzimmer witterte, mochte die persönliche Uebergabe wohl zu
beschwerlich gewesen sein.
Als ich in Reikjavik dieser liebenswürdigen Familie meinen Besuch
abstattete, war ich sehr erstaunt in Frau v. H. eine jener Damen zu
erkennen, die in Kopenhagen nicht einmal so artig gewesen waren, mir
einen Stuhl anzutragen. -- Nach fünf, sechs Tagen erwiederte Herr
v. H. meinen Besuch, und lud mich zugleich zu einem Spazierritte nach
_Vatne_ ein. Ich nahm diese Artigkeit mit vieler Freude an, und bat ihn
im Stillen um Vergebung mit meinem Urtheile so rasch gewesen zu sein.
-- Seine gute Frau Gemahlin fand aber erst in der vierten Woche meines
Aufenthaltes zu Reikjavik den Weg zu mir, obwohl sie mir gegenüber
wohnte; auch lud sie mich gar nicht ein, sie wieder zu besuchen, was ich
denn natürlich auch unterließ, und so war unsere Bekanntschaft ein-
für allemal geendet. -- Und so wie sich das Haupt der Insel,
benahmen sich pflichtschuldigst auch die übrigen Honoratioren dieses
Städtchens. Kein Gegenbesuch, keine Einladungen wurden mir zu Theil,
obwohl ich gar oft von Lustpartieen, Diners und Abendgesellschaften
hörte. -- Hätte ich mich glücklicher Weise nicht selbst zu
beschäftigen gewußt, so wäre es mir hier wohl sehr schlecht ergangen.
-- Keine der Frauen hatte so viel Gemüth oder Zartgefühl zu denken,
daß ich hier ganz allein stehe, und daß Umgang mit gebildeten
Menschen mir Bedürfniß sein könnte -- Weniger wehe that mir diese
Unaufmerksamkeit von Seite der Herren. -- Jung bin ich nicht mehr, und
dieß schließt Alles in sich. -- Fehlte schon den Frauen Zartgefühl,
durfte ich es wohl bei den Herren um so weniger erwarten.
Ich suchte diesem Benehmen auf die Spur zu kommen, und fand sie nur zu
bald in einem Hauptcharakterzuge, in dem Eigennutze dieser Menschen.
Kaum war ich in Reikjavik angekommen, erkundigte man sich sehr
angelegentlich von allen Seiten, ob ich _reich_ sei, oft Gesellschaften
bei _mir_ sehen werde, oder ob sonst viel bei mir zu verdienen sein
werde.
Um hier gut aufgenommen zu werden, muß man entweder reich sein, oder
als Naturforscher reisen. Letztere werden meist von europäischen Höfen
gesandt, um die Merkwürdigkeiten des Landes zu untersuchen. Sie machen
große Sammlungen von Mineralien, Vögeln u. s. w.; sie bringen viele
und mitunter bedeutende Geschenke mit, die sie unter den Honoratioren
vertheilen; sie veranstalten manche Unterhaltung, ja sogar manch kleinen
Ball u. s. w. Sie kaufen Alles, was sie von Sammlungen erlangen
können, sie reisen immer in Gesellschaft, sie haben viel Gepäck bei
sich, und benöthigen viele Pferde. Letztere bekommt man in Island nicht
zu borgen, man muß sie kaufen. Bei solchen Gelegenheiten ist hier
zu Lande Jedermann Mäkler. Von allen Seiten werden Einem Pferde und
Sammlungen aller Art angetragen.
Am allerwillkommensten ist da freilich die französische Fregatte, die
alljährlich Island besucht, und an deren Bord es bald Gabelfrühstücke
und Mittagstafeln, bald kleine Abendgesellschaften und Bälle gibt. --
Da hat man doch Ersatz, und bekömmt noch obendrein schöne Geschenke;
der Stiftsamtmann erhält sogar von der französischen Regierung
jährlich 600 fl. als Ersatz für einige Gegenunterhaltungen, die er
den Marine-Officieren gibt.
Bei mir war dieß nun nicht der Fall; ich gab keine Gesellschaften,
ich brachte keine Geschenke, von mir hatten sie nichts zu hoffen, und
folglich zogen sie sich zurück.
Daher behaupte ich aber auch, daß nur Derjenige den wahren Charakter
der ihn umgebenden Menschen studieren kann, der anspruchslos in ihre
Mitte tritt, von dem sie nichts zu erwarten haben. Nur gegen diesen
zeigen sie sich in ihrer Natürlichkeit, und finden es nicht der Mühe
werth die Larve der Verstellung vorzunehmen. Freilich macht man da oft
schmerzliche Erfahrungen; trifft man aber auf gute Menschen, was denn
doch auch häufig geschieht, so weiß man, daß sie wirklich so sind. --
Und so werden es meine geneigten Leser und Leserinen verzeihlich finden,
wenn ich aller jener Menschen erwähne, die sich der anspruchslosen
Fremden mit Herzlichkeit annehmen. Durch nichts anders bin ich im Stande
ihnen meine Dankbarkeit auszudrücken.
Ich hatte also nur mit wenigen Personen Umgang, und daher Zeit genug zu
einsamen Spaziergängen, auf welchen ich Alles um mich her genau besehen
und beobachten konnte.
Das Städtchen Reikjavik besteht nur aus einer einzigen breiten Gasse,
um welche herum noch einzelne Häuser und Kothen liegen. -- Die Zahl der
Einwohner beträgt nicht ganz 500.
Die Häuser der Wohlhabenden sind aus Holz gebaut, haben aber alle nur
Erdgeschoß, bis auf Eines, in welches kommendes Jahr die Hochschule,
die bis jetzt in Bässastadt ihren Sitz hat, hierher versetzt wird;
-- dieß hat ein Stockwerk. Das Haus des Stiftsamtmanns ist von Stein
gebaut. Es war ursprünglich zum Gefängniß bestimmt, allein da es in
Island so selten Verbrecher gibt, so ist es nun seit vielen Jahren zur
Wohnung dieses königlichen Beamten umgestaltet.
Ein zweites Steinhaus, das man von Reikjavik aus sieht, liegt zu
_Laugarnes_ -- eine halbe Meile von dem Städtchen entfernt -- nahe am
Meere, ist von Wiesen umgeben und der Sitz des Bischofes.
Die Kirche kann höchstens 100 bis 150 Personen fassen; sie ist von
Stein gebaut, und mit einem hölzernen Dache versehen, unter welchem die
Bibliothek aufbewahrt wird, die aus mehreren tausend Bänden besteht.
-- Diese Kirche besitzt einen Schatz, um den sie gewiß viele andere,
größere und reichere beneiden würden: einen Taufstein, -- eine Arbeit
_Thorwaldson's_, dessen Eltern aus Island stammten. -- Er selbst war
in Dänemark geboren, und schien durch dieß Geschenk das Land seiner
Voreltern ehren zu wollen.
An manche Häuser Reikjavik's schließt sich ein Stückchen Garten.
Darunter versteht man ein durch unendliche Mühe und mit großen Kosten
geschaffenes Plätzchen, worauf Salat, Spinat, Petersilie, Kartoffeln
und einige Rübengattungen fortkommen. Die Beetchen sind durch
fußbreite Graswege geschieden, auf welchen höchstens einige
Wiesenblumen wachsen.
Was die Bewohner Islands betrifft, so sind sie von ziemlich kräftigem,
mittelgroßem Schlage. Sie haben blondes, oft in's Röthliche spielendes
Haar und blaue Augen. Die Männer sind meist häßlich, die Weiber
weniger, ja, unter den Mädchen findet man manchmal sogar recht
liebliche Gesichtchen. Ein Alter von siebenzig bis achtzig Jahren soll
zu den Seltenheiten gehören.
Die Bauern haben viele Kinder und dennoch wenige; -- es werden viele
geboren, aber die wenigsten erreichen das erste Lebensjahr. Die Mütter
säugen sie nicht, und ziehen sie bei äußerst schlechter Nahrung auf.
Die, welche das erste Jahr überleben, sehen dann kräftig aus; nur
haben sie gar sonderbar rothgefärbte Backen, als bekämen sie einen
Ausschlag. Ob dieß von der scharfen Luft, an die die zarten Gesichter
noch nicht gewöhnt sind, oder von der Nahrung herrührt, -- -- weiß
ich nicht.
An manchen Küstenorten, wenn die armen Fischer im Winter, der
fürchterlichen Stürme wegen, wochenlang die See nicht befahren
können, leben sie beinahe ausschließend von getrockneten Fischköpfen;
die Fische selbst haben sie eingesalzen und verkauft, und mit dem
gelösten Gelde theils ihre Steuern und Abgaben berichtiget, theils ihre
Schulden bezahlt für bereits erhaltene Bedürfnisse, unter denen leider
Brandwein und Schnupftabak nur zu bedeutende Rollen spielen.
Eine zweite Ursache der sich nicht vermehrenden Volkszahl sollen
die vielen Unglücksfälle sein, welche sich in den stürmischen
Jahreszeiten beim Fischfange ereignen. -- Mit Gesang und Freude ziehen
sie hinaus, -- ein schöner Himmel, ein ruhiges Wetter verkünden ihnen
Glück! -- Doch wehe! -- Sturm und Schneegestöber überfällt die
Armen, die ruhige See wird aufgewühlt, -- mächtige Wogen steigen empor
und reißen Fischer und Kahn mit sich in die unergründliche Tiefe.
Spurlos gehen sie verloren. -- Selten bemannt ein Vater mit seinen
Söhnen ein und dasselbe Boot. Sie vertheilen sich auf mehreren, damit
wenn Eines versinkt, nicht die ganze Familie damit zu Grunde gehe.
Die Bauernwohnungen um Reikjavik fand ich zum Theil noch kleiner und
schlechter als jene zu Havenfiord. Dieß mag aber wohl nur Folge ihrer
Trägheit sein; denn an Steinen fehlt es nirgends und Baumeister ist
jeder selbst. Die Kühe und Schafe überwintern in einem elenden Loche,
das in der Kothe selbst oder nahe daran gebaut ist. -- Die Pferde sind
das ganze Jahr unter Gottes freien Himmel gewiesen, und müssen sich
ihre Nahrung selbst suchen. Nur selten schaufelt der Bauer von einem
kleinen Plätzchen den Schnee weg, um so die armen Thiere leichter auf
die Spur des darunter verborgenen Grases oder Mooses zu leiten.
Ihren Füßen bleibt es dann überlassen, den Schnee immer weiter
wegzuscharren. -- Daß sie durch diese Lebensweise ungemein abgehärtet
sind, versteht sich wohl von selbst; zu wundern aber ist es, daß sie
bei dieser kärglichen Nahrung den Winter überleben, und im späten
Frühjahr und Sommer auch kräftig und ausdauernd sind. -- Hafer ist
ihnen so fremd, daß sie, wenn man ihnen einen vorsetzt, solchen gar
nicht berühren; auch das Heu fressen sie nicht gerne.
Da ich zeitlich im Frühjahre nach Island kam, so sah ich die Pferde
und Schafe noch in ihrer Winterkleidung. Erstere scheinen gar nicht
mit Haaren bewachsen zu sein, sondern haben eine dicke, wollige Decke,
während Schweif und Mähne sehr lang, und von unbeschreiblicher Fülle
sind. Ende Mai oder Anfangs Juni werden Schweif und Mähne gestutzt und
ausgeschnitten; die Winterwolle verlieren sie von selbst und sehen dann
so ziemlich glatt aus. -- Auch die Schafe haben im Winter einen sehr
reichlichen Pelz. Sie werden nicht geschoren, sondern man zieht ihnen
Anfangs Juni die Wolle stückweise mit den Händen vom Körper. Dieß
gibt oft einen komischen Anblick, wenn nämlich das Schaf auf einer
Seite schon ganz nackt ist, während es auf der andern noch die Wolle
trägt.
Pferde und Kühe sind bedeutend kleiner als die unsrigen. Man brauchte
jedoch nicht so weit zu reisen, um solch verzwergtes Vieh zu sehen.
Schon in unserm Galizien sind die Pferde und die Kühe der Bauern um
kein Haar größer oder stärker, wie jene der Isländer. Die Kühe der
Letzteren zeichnen sich höchstens noch durch ihre ganz kleinen Hörner
aus. -- Die Schafe sind auch etwas kleiner als die unsrigen.
Jeder Bauer hält sich Pferde. Der Unterhalt ist höchst einfach, die
Entfernungen sind groß, die Wege schlecht, und sehr oft bedeutende
Flüsse, Moore oder Sümpfe zu passiren; da reitet denn auch Alles,
Männer, Weiber und Kinder. Auf dieser Insel kennt man den Gebrauch
eines Wagens eben so wenig als in Syrien.
Die allernächste Umgebung Reikjavik's sieht so ziemlich freundlich aus.
Einige der Städter verwenden viele Mühe und Kosten darauf, die Steine
in der Nähe ihrer Häuser theils zu sammeln, theils zu sprengen, und
vermischen das Bischen Erdreich so lange mit Dünger, Torf und Asche,
bis endlich doch etwas brauchbarer Grund daraus entsteht. Dieß ist aber
ein solch riesiges Unternehmen, daß man sich durchaus nicht wundern
darf, an derlei, von der Natur gänzlich vernachlässigten Stellen, nur
äußerst wenig Cultur zu finden. -- Herr Bernhöft führte mich auf
eine kleine Wiese, deren Grund er auf zwanzig Jahre um den jährlichen
Pachtzins von 30 kr. gemiethet. Um aber diesen Grund in die jetzige
Wiese, die ihm nun das Winter-Futter für _eine_ Kuh gibt, umzuwandeln,
mußte er mehr als 150 fl. und nebst dem noch eigene Müh und Arbeit
darauf verwenden. -- Auch ist der Arbeitslohn für Bauersleute im
Verhältnisse zu ihren wenigen Bedürfnissen sehr hoch gestellt; er
beträgt für den Tag 30 auch 40 kr., ja in der Zeit der Heuernte sogar
1 fl.
Der Boden, weit und breit um das Städtchen, besteht aus Stein, Torf und
Sümpfen. -- Die letzteren sind meist mit hundert und hundert kleinern
und größeren festen Erhöhungen durchzogen, und man kann daher leicht,
von einer auf die andere springend, den ganzen Sumpf überschreiten,
ohne die geringste Gefahr zu laufen, ja ohne nur einen nassen Fuß zu
bekommen.
Trotz dem hätte mich auf einer meiner einsamen Wanderungen eine solche
Stelle bald in nicht geringe Verlegenheit gesetzt. -- Ich spazierte
nämlich ganz gemächlich umher, da flog plötzlich ein kleiner
Schmetterling vor mir auf. Es war der erste, den ich in diesem Lande
sah, und meine Begierde ihn zu fangen war daher sehr groß. Ich eilte
ihm nach, dachte weder an Sumpf noch Gefahr, und bemerkte in der Hitze
des Verfolgens gar nicht, daß diese Erhöhungen immer seltener wurden,
und weiter auseinander lagen. -- Bald befand ich mich in der Mitte des
Sumpfes und konnte weder vor- noch rückwärts. -- Weit und breit sah
ich keinen Menschen, selbst die Thiere waren entfernt von mir, woraus
ich auf die Gefahr des Sumpfes schließen konnte. Nun blieb mir nichts
anderes übrig, als eine Gegend in das Auge zu fassen, und tapfer
darnach zu schreiten. Ich mußte oft zwei, drei Schritte im Sumpfe wagen
um wieder auf eine Erhöhung zu gelangen, auf der ich dann triumphirend
stehen blieb, und überlegte, wie die nächste zu erobern sei. -- So
lange ich noch Spuren eines Pferdehufes entdeckte, ward mir nicht bange;
doch auch diese verloren sich und ich stand nun da, verlassen -- im
Sumpfe. -- Auf meiner eroberten Warte konnte ich nicht ewig verweilen,
und so blieb mir nichts übrig, als mich in den Sumpf zu wagen. Ich muß
gestehen, daß ich mich Anfangs, wenn der Fuß so schnell in die Tiefe
sank, der Furcht nicht erwehren konnte. Bald aber, als ich merkte, daß
es nicht tiefer als bis über die Knöchel ging, kehrte mein Muth wieder
zurück; ich schritt tapfer fort, und kam glücklich mit dem bloßen
Schrecken und sehr durchnäßten Füßen durch.
Die beschwerlichsten Anstellungen in diesem Lande sind jene der Aerzte
und der Geistlichen. Ihr Bezirk ist sehr ausgedehnt, besonders jener der
Aerzte. Diese haben oft von einem Ende zum andern, 20 bis 30
deutsche Meilen zu machen. Hiezu denke man sich die schreckliche
Winterjahreszeit, die bei 7 bis 8 Monate währt, und man wird kaum
begreifen, daß es möglich ist, Leute zu diesem Amte zu finden.
Im Winter kommen die Bauern häufig mit Schaufeln, Hacken und einigen
Pferden und holen den Arzt. Sie schreiten ihm dann voraus, und bahnen
die unwegsamsten Stellen, während er abwechselnd bald das eine, bald
das andere Pferd reiten muß, damit auch sie nicht der Last erliegen.
Und so geht es fort viele, viele Meilen, bei Nacht und Nebel, bei Sturm
und Schneegestöber, denn von seiner Eile hängt ja oft Leben und Tod
ab. -- Kehrt er dann, oft ganz erschöpft und erstarrt, in den Schooß
der Seinigen zurück, und gedenkt sich zu erholen und zu stärken, und
sich mit ihnen über die so eben überstandenen Gefahren und Beschwerden
zu freuen, -- -- ach da warten seiner schon wieder neue, wichtige
Gänge und Fahrten, so daß er kaum Zeit findet seine Lieben zu
grüßen; -- er muß abermal fort.
Manchmal holt man ihn zur See, wo die Gefahr auf dem oft sturmbewegten
Elemente noch größer ist.
Der Gehalt der Aerzte ist ihren Mühen durchaus nicht angemessen, aber
doch noch bei weitem besser, als jener der Priester.
Die ärmsten Pfründen betragen jährlich 6-8 fl., die reichsten
200 fl. Außerdem erhalten sie von der Regierung ein Häuschen, oft
nicht viel besser als die Kothe eines Bauers, einige Wiesengründe und
etwas Vieh. -- Auch ist der Bauer verpflichtet ihnen kleine Gaben, als
Heu, Schafwolle, Fische u. s. w. zu liefern. Die meisten Priester sind
so arm, daß sie sammt ihrer Familie ebenso gekleidet gehen, wie die
Bauern, von denen man sie auch kaum auseinander kennt. -- Die Frau sieht
dem Viehe nach und melkt Kühe und Schafe, trotz einer Magd, während
der Priester auf die Wiese geht, und mit seinem Knechte das Gras
abmäht. -- Sein ganzer Umgang ist natürlich auch nur auf den Bauer
beschränkt, und darin besteht das patriarchalische Leben, das so
mancher Reisende entzückend findet und schildert; -- ich möchte
wissen, ob er es zu führen wünschte?
Ueberdieß hat so ein armer Priester oft noch zwei bis vier Districte zu
versehen, die 1 bis 3 Meilen von seinem Wohnsitze entfernt sind. Er
muß jeden Sonntag abwechselnd an dem einen oder dem andern Orte den
Gottesdienst verrichten, so zwar, daß der Gottesdienst nur alle 3-4
Wochen an einer und derselben Stelle abgehalten wird. -- Jedoch darf es
der Priester mit seinen Reisen nicht so genau nehmen wie der Arzt, denn
ist das Wetter an Sonntagen, besonders im Winter gar zu schlecht, so
unterläßt er es die entlegenen Orte zu besuchen. Er würde ohnehin nur
für einige Bauern predigen, da die Entfernteren sich ebenfalls nicht
einfänden.
Am besten steht der Sysselmann -- bei uns so viel als _Kreishauptmann_.
-- Der hat einen guten Gehalt und nicht viel zu thun, und an manchen
Orten auch das Strandrecht, welches durch das angeschwemmte Holz, das
von dem amerikanischen Festlande kömmt, nicht unbedeutend wird.
Fischfang und Jagd sind frei, nur der Lachsfang in den Flüssen ist
königlich und wird verpachtet. -- Eidergänse dürfen nicht geschossen
werden; es ist darauf eine Geldstrafe gesetzt. -- Militärpflichtigkeit
ist keine. Auf der ganzen Insel bedarf man keines Soldaten, selbst in
Reikjavik sind nur zwei Polizeidiener vorhanden.
Der Handel ist ebenfalls frei; -- doch besitzen die Isländer so wenig
Spekulationsgeist, daß, wenn sie auch die Geldmittel dazu besäßen,
sie sich doch nie in solche Spekulationen einlassen würden.
Der ganze Handel liegt also in den Händen dänischer Kaufleute, die
alljährlich ihre Schiffe nach Island schicken, und in den verschiedenen
Häfen Faktoreien errichtet haben, durch welche der Kleinabsatz
geschieht.
Diese Schiffe bringen den Isländern Alles: Getreide, Holz, Weine,
Colonial- und Manufactur-Waaren u. s. w. Die Einfuhr ist frei. Es
würde sich der Regierung nicht lohnen, für den kleinen Bedarf dieser
Insel Zölle zu errichten und Beamte zu erhalten. Colonial-Artikel,
Weine u. s. w. sind daher auch bedeutend wohlfeiler als in andern
Ländern.
Die Gegenfracht besteht in Fischen -- besonders Stockfischen -- in
Fischrogen, Talg, Thran, Eiderdunen, oder andern Vogelfedern, die den
Eiderdunen an Güte sehr nahe kommen, in Schafwolle und eingesalzenem
oder geräuchertem Lammfleische. -- Sonst haben sie aber auch durchaus
nichts; denn als Herr Knudson vor dreizehn Jahren ein Backhaus
errichtete,[5] mußte er nicht nur den Baumeister, sondern sogar alle
Baumaterialien, als Steine, Kalk u. s. w. von Kopenhagen bringen
lassen, denn obwohl die ganze Insel mit Steinmassen und Gerölle
überdeckt ist, finden sich doch darunter weder solche Steine, aus denen
man einen Backofen erbauen könnte noch solche, aus denen sich Kalk
brennen ließe. -- Alles ist Lava.
[5]: Dieses Backhaus ist das einzige in Island; man bekommt so gutes
Brod und Zwieback als in Dänemark.
Wenn zwei bis drei Kothen beisammen stehen, so nennt man das schon einen
_Ort_. Diese Orte, so wie auch einzelne Kothen, liegen meist auf kleinen
Anhöhen, welche von Wiesen umgeben sind. Die Wiesen werden häufig von
einer zwei bis drei Fuß hohen Stein- oder Erdwand umschlossen, um sie
gegen das Weiden der Kühe, Pferde und Schafe zu schützen. Das Gras
von diesen Wiesen wird zu Heu gemacht, und für die Kühe auf den Winter
gespart.
Ueber die Kälte im Winter klagen die Leute nicht sehr; sie soll selten
20 Grade erreichen, und die See soll oft kaum einige Fuß breit an
der Küste gefroren sein. Dagegen sollen aber die Stürme und das
Schneegestöber oft so heftig und furchtbar sein, daß man kaum vor die
Thüre des Hauses treten kann. -- Die Tageshelle währt kaum 5 bis
6 Stunden, und die armen Isländer werden nur mit dem Nordlichte
entschädiget, das sich hier aber auch ungemein ausbreiten, und die
Nächte wunderbar erleuchten soll.
Der dießjährige Sommer war einer der schönsten, den man seit Jahren
erlebt hatte. Der Thermometer wies im Monat Juni um die Mittagsstunde
mehrmalen auf 20 Grade Hitze. Die Einwohner fanden diese Hitze so
unerträglich, daß sie behaupteten, während des Tages weder arbeiten,
noch größere Botengänge verrichten zu können. Das Heumachen fingen
sie an solchen Tagen erst des Abends an, wo sie dann die halbe Nacht
hindurch arbeiteten.
Sehr bedeutend ist der Wechsel der Witterung. So hatten wir den einen
Tag 20 Grad Wärme, den folgenden fiel Regen ein, und der Thermometer
sank auf 5 Grade. Am 5. Juni hatten wir noch des Morgens um 8 Uhr sogar
einen Grad Kälte. -- Merkwürdig ist es, daß die Donnerwetter in
Island im Winter erscheinen; -- im Sommer soll es keine geben.
Vom 16. oder 18. bis Ende Juni ist es fortwährend Tag. Da scheint die
Sonne gerade nur auf kurze Zeit hinter einen Berg zu treten, und bildet
zu gleicher Zeit Abend- und Morgenröthe. Auf einer Seite erbleicht
der letzte Strahl, um auf der andern Seite mit frischem Feuer wieder
hervorzubrechen.
Ich war vom 15. Mai bis 29. Juli in Island, ging nie vor eilf Uhr zu
Bette, und hatte nie ein Kerzenlicht nöthig. -- Im Mai, eben so auch
wieder in der letzten Hälfte des Monats Juli dämmerte es ungefähr 1
bis 2 Stunden, -- finster aber wurde es nie. Ja selbst in den letzten
Tagen meines hiesigen Aufenthaltes konnte ich bis halb eilf Uhr lesen.
Anfangs kam es mir ganz sonderbar vor, bei hellem Tage zu Bette zu
gehen. Ich gewöhnte mich jedoch recht gut daran, und bald war, wenn es
gegen eilf Uhr ging, kein Sonnenlicht mehr kräftig genug, mich um den
Schlaf zu betrügen. -- Am meisten ergötzte es mich, Abends, so
nach zehn Uhr, nicht bei schwachem Mondesschimmer, nein -- bei vollem
Sonnenschein spazieren zu gehen.
Viel schwerer als an die Sonne, war es mir mich an die Kost zu
gewöhnen. -- Die Frau des Bäckers verstand zwar die Küche, nach
isländisch und dänischer Art, sehr gut zu führen; aber leider
ist eben diese ganz anders, als die unsrige. Nur eines war gut, der
Morgen-Kaffee mit Rahm[6] (Schmetten); an dem hätte selbst der feinste
Gutschmecker nichts auszusetzen gefunden; ich habe aber auch seit meiner
Abreise von Island keinen solchen Kaffee mehr getrunken. -- Da hätte
ich meine lieben Wienerinen herbei gewünscht. -- Der Rahm war so dick,
daß ich das erste Mal meinte, man habe mich falsch verstanden, und
mir sauren gebracht. Die Butter, welche aus der isländischen Kuh- oder
Schafmilch erzeugt wird, sieht eben nicht sehr einladend aus; sie ist
weiß wie Schweineschmalz, -- der Geschmack ist jedoch gut und süß.
Die gemeinen Isländer finden ihn aber zu wenig pikant, und vermengen
daher die Butter gewöhnlich mit Thran. Ueberhaupt spielt der Thran in
der isländischen Küche eine große Rolle; der isländische Bauer hält
ihn für den kostbarsten Artikel und ist im Stande, ganze Stücke davon
ohne Brod oder sonstigen Imbiß zu verzehren.
[6]: _Rahm_ wird das Obers oder der Schmetten schon in Hamburg
genannt, und in Island verstand man dieses Wort auch noch.
Die Mittagstafel mundete mir durchaus nicht; Sie bot zwei Gerichte, das
erste bestand aus abgekochtem Klippfisch, Dorsch oder Flachfisch, --
dazu kam Essig, und statt des Oeles zerlassene Butter, -- das zweite aus
abgekochten Kartoffeln. Leider bin ich keine Freundin von Fischen, und
nun waren diese meine tägliche Kost. -- Ach! wie seufzte ich nach einer
Rindsuppe, nach einem Stückchen Fleisch, nach Gemüse; -- vergebens!
So lange ich in Island war, mußte ich meiner vaterländischen Kost ganz
und gar entsagen.
Und mit den abgekochten Fischen und Kartoffeln ging es mit der Zeit
doch noch so ziemlich gut, -- wenn nur nicht die Leckergerichte gekommen
wären! -- Arme Frau Bernhöft, -- sie meinte es stets so gut mit mir,
-- und es ist ja nicht ihre Schuld, daß in Island anders gekocht wird,
als bei uns -- -- aber den Leckergerichten konnte ich durchaus keinen
Geschmack abgewinnen. -- Sie waren verschieden. Die einen bestanden aus
einem Gehacke von Fischen, harten Eiern und Kartoffeln, über welches
eine braune, dicke Brühe gegossen wurde, die zu gleicher Zeit
gepfeffert, gezuckert und gesäuert war, -- oder aus Kartoffeln, in
Butter und Zucker geröstet, -- oder aus fein gehacktem Kohl, der durch
Wasser sehr verdünnt und mit Zucker gewürzt wurde, dazu kam ein Stück
geräuchertes Lammfleisch, das einen höchst unangenehmen böcklichen
Geruch hatte.
An einem Sonntage bekamen wir manchmal _rothe Grütze_, welches
eigentlich ein skandinavisches Gericht ist, und aus feinerm Sago
besteht, der in rothem Wein oder saurem Johannisbeerensaft zu einem
Gelée (Gallert) gekocht wird. Dazu wird dann süßer Rahm und Zucker
servirt. Auch eine Gattung Topfen (weicher Käs) wurde manchmal mit Rahm
und Zucker gegeben.
In den Monaten Juni und Juli änderte sich das Ding ein wenig zu meinem
Vortheile. Da bekamen wir häufig trefflichen Lachs, manchmal gebratenes
Lammfleisch und mitunter auch Vögel, worunter die _Moosschnepfen_
besonders gut waren. -- Des Abends kam Butter, Käse, kalter Fisch,
geräuchertes Lammfleisch oder Eier von den Eidergänsen, die etwas
minder zart schmeckten als die Hühnereier, -- und an diese Kost ward
ich mit der Zeit auch so gewöhnt, daß mir weder Suppe noch Rindfleisch
abging, und ich mich vollkommen wohl dabei befand.
Mein Getränk bestand aus gutem frischem Wasser; die Männer tranken am
Eingange der Mahlzeit ein Gläschen Brandwein, Alle aber während der
Mahlzeit Bier, das Herr Bernhöft selbst braute, und sehr gut schmeckte.
-- An Sonntagen verirrte sich sogar manchmal eine Flasche Bordeaux oder
Portwein an unsere Tafel. -- Und so wie im Hause des Herrn Bernhöft
gelebt wurde, lebt man auch in jenen der Kaufleute und der Beamten.
Ich war in Reikjavik auch Zeuge einer großen Kirchenfeierlichkeit. Es
wurden drei Canditaten zur Priesterwürde erhoben. -- Obwohl hier Alles
lutherisch ist, so glaube ich doch, daß der Ritus hin und wieder von
jenem des europäischen Festlandes abweichen mag, und ich will daher
die nähern Umstände erzählen. Die Feierlichkeit begann um zwölf Uhr
Mittags, und endete erst um vier Uhr. Vor Allem fiel mir auf, daß sich
die Leute beim Eintritt in die Kirche, so wie auch beim Austritt aus
derselben, auf einen Augenblick das Gesicht bedeckten, und zwar die
Männer mit den Hüten, die Frauen mit den Taschentüchern. In der
Kirche saßen die meisten mit dem Gesichte gegen den Altar gewendet,
manche aber auch umgekehrt. Die Priester waren so gekleidet wie die
unsrigen, und es schien eine Art Messe zu beginnen, die sammt dem ersten
Evangelium ziemlich mit der unsrigen verglichen werden konnte. -- Nun
aber ward alles anders. Da trat bald der Bischof mit den Geistlichen an
den Altar, und verrichtete daselbst Ceremonien, bald stieg der Eine auf
die Kanzel und las ein Stück Predigt oder sang einen Psalm, während
die Andern sich auf Stühle setzten und zuzuhören schienen, bald stieg
wieder ein zweiter oder dritter auf die Kanzel, oder es wurden abermal
am Altare Predigten gehalten und Psalmen gesungen, oder auch zu gleicher
Zeit auf der Kanzel Predigten abgelesen und am Altare Ceremonien
verrichtet. Die Meßkleider wurden bald umgenommen, und bald abgelegt,
und sehr oft hieß es _Amen_; doch begann die Geschichte immer wieder
von Neuem, und währte, wie gesagt, bis vier Uhr. -- Diese unendliche
Abwechslung fiel mir um so mehr auf, da gewöhnlich bei den Lutheranern
die Kirchen-Ceremonien höchst einfach und einförmig sind.
Ich fand bei dieser Feierlichkeit ziemlich viel Landvolk versammelt, und
hatte daher die beste Gelegenheit ihre Landestracht zu studieren. -- Die
Weiber und Mädchen sind ganz in schwarzem groben Wollzeuge gekleidet.
Der Anzug selbst besteht aus einem langen Rocke, einem Spenser und
einer gefärbten Schürze. Der Kopf ist mit einer schwarzwollenen
Männerschlafhaube bedeckt, die in einer umgestülpten Spitze endigt,
an welcher eine lange Quaste von Seide oder Wolle hängt, die bis an die
Schulter hinab fällt. Dieser einfache Kopfputz steht recht gut, da Alt
und Jung eine Fülle von Haaren hat, die malerisch um Kopf und Hals und
Nacken fällt. Sie tragen das Haar ungebunden, und nicht länger als bis
an die Schulter, -- bei Manchen ist es auch etwas weniges gelockt. --
Unwillkührlich fielen mir die poetischen Schilderungen der Dichter ein,
wenn sie begeistert von den goldgelockten Engelsköpfchen ihrer Ideale
schwärmten. -- Ja, die Haare sieht man hier wohl auf solche Weise
tragen, und von Skalden mögen auch unsere Dichter jene Schilderungen
entlehnt haben. -- Was aber die schönen Gesichtchen betrifft, die
da heraus lächeln und schmachten, die blieben ein ungeschmälertes
Verdienst ihrer Fantasie.
Putz sieht man sehr wenig. Unter der ganzen Versammlung bemerkte ich
nur vier Weiber oder Mädchen, die etwas geschmückter waren, als die
andern. -- Bei diesen waren die Leisten des Spensers und der Gürtel mit
einer zwei Zoll breiten in Silber gestickten Guirlande geziert, der
Rock war von feinem schwarzen Tuche, und unten mit einer färbigen,
handbreiten, seidenen Borte besetzt. Um den Hals hatten sie eine Art
steifer, handbreiter Krägen, von schwarzem Sammt, mit einer Guirlande
in Silber gestickt, und auf dem Kopfe trugen sie, nebst einem
umgebundenen schwarzseidenen Tüchelchen, noch einen ganz sonderbaren
Aufsatz. Dieser Aufsatz bestand in einem Halbbogen, der am Hinterkopfe
befestiget war, und 5-6 Zoll hoch frei über der Stirne schwebte. Er
war mit weißem Perkail in gelegten Falten überzogen. Seine Breite mag
rückwärts 1½ Zoll betragen, gegen vorne erweitert er sich aber auf
5-6 Zoll.
Die Männer fand ich beinah so gekleidet wie unsere Bauern. Sie trugen
dunkle Tuchhosen, Spenser und Westen, einen Filzhut oder eine Pelzkappe,
und nur statt der Stiefel ein Stück Schaf- Kuh- oder Seehundsfell,
in Form von Schuhen, mittelst eines Riemens um den Fuß befestiget. --
Diese Art Fußbekleidung tragen auch die Weiber, ja sogar die Kinder der
Kaufleute und Beamten.
Gar so ärmlich und abgerissen gekleidete Leute, wie man deren nur
zu viele in großen Städten findet, sah ich hier nur höchst selten,
-- -- ohne Schuhe und gute warme Strümpfe, gar Niemanden.
Die bessern Stände -- Kaufleute, Beamte u. dgl. sind französisch, und
zwar ziemlich nach der Mode gekleidet. Es fehlt da weder an Seiden- noch
an andern Stoffen. Manches wird von England, das meiste von Dänemark
herüber gebracht.
Am Geburtstage des Königs, der alljährlich beim Stiftsamtmanne
gefeiert wird, soll es recht pomphaft zugehen; da erscheinen die Frauen
in Seide, die Mädchen in weißen Linnen, -- die Beleuchtung besteht aus
Milli-Kerzen.
Ein speculativer Kopf hat auch eine Art Clubb errichtet. Er hält
nämlich ein oder zwei Zimmer, wo sich die Städter des Abends
versammeln und Theewasser, Butterbrod, auch eine Flasche Wein oder
eine Bowle Punsch erhalten können. Im Winter veranstaltet er in diesem
Locale sogar Bälle, die Eintrittskarte á 20 kr. Da versammeln sich
die Honoratioren und Handwerksleute, kurz: Alles, was nur irgend Lust
hat. Da soll es ganz republikanisch zugehen. Der Schuster führt die
Gattin des Stiftsamtmannes zum Tanze, und der Stiftsamtmann dagegen die
Frau oder Tochter des Schusters oder des Bäckers u. s. w. Die
Credenz besteht in Theewasser und Butterbrod, und die Beleuchtung in
Talglichtern. Das Gräßlichste soll aber die Musik sein, eine Art
Violine mit drei Saiten und eine Pfeife.
Im Sommer machen die Honoratioren häufige Reitpartieen, bei welchen
es aber durchaus nicht an Lebensmitteln aller Art fehlen darf. Meistens
steuern Alle zusammen; die Einen geben die Weine, die Andern Kuchen,
die Dritten Kaffee u. s. w. Die Damen reiten auf schönen
englischen Sätteln, sie tragen hübsche Reitkleider und recht nette
Männer-Filzhütchen mit grünen Schleiern. -- Doch finden natürlich
alle diese Unterhaltungen nur in Reikjavik statt, denn außer diesem
Städtchen gibt es, wie schon gesagt, in ganz Island keinen einzigen
Ort, der aus mehr als höchstens 2-3 Kaufläden, und 5-6 Kothen
bestände.
In Reikjavik fand ich zu meinem größten Erstaunen in den verschiedenen
Familien sechs Quer-Fortepianos, und hörte Walzer von unserm
beliebtesten Compositeur, auch Variationen von Herz und Einiges von
Lißt, Wilmers und Thalberg, -- aber wie gespielt?! Ich glaube kaum,
daß diese Herren ihre Compositionen erkannt haben würden.
Schließlich muß ich noch Einiges über das Reisen in diesem Lande
bemerken.
Die beste Zeit hiezu ist vom halben Juni bis höchstens Ende August.
Früher sind die Ströme durch das viele Schneewasser zu sehr
angeschwollen und reißend, und daher sehr gefährlich sie zu
durchreiten. Auch manches Schneefeld, das die Sonne noch nicht ganz
vertilgte, und Schluchten und Lava-Massen deckt, muß der Reisende
überschreiten. Da ist nun die Gefahr nicht minder groß. Man sinkt
beinahe bei jedem Tritte ein, und muß noch Gott danken, wenn nicht die
ganze, bereits mürbe Decke einbricht. -- Im Monat September fangen oft
schon die heftigen Stürme und Regen an, und auch Schneegestöber ist da
täglich zu gewärtigen.
Ein Zelt, Lebensmittel, Kochgeschirr, Polster, Decken und warme Kleider
sind höchst nothwendig. -- Mir würde dieß zu viel Unkosten verursacht
haben; ich hatte nichts dergleichen bei mir, -- war daher auch den
schrecklichsten Entbehrungen und Mühen ausgesetzt, und mußte oft die
angestrengtesten Ritte machen, um ein Kirchlein, oder eine Kothe zur
Nachtherberge zu erreichen. Acht bis zehn Tage lebte ich oft nur von
Käse und Brod, und die Nächte brachte ich meist auf Kisten oder
Bänken zu, wo ich oft vor Kälte kein Auge schließen konnte.
Gegen den Regen, der hier gar häufig fällt, ist es am besten sich mit
einem Regenmantel und einem glanzledernen Matrosenhute zu versehen. Ein
Regenschirm ist ganz unnütz, denn gewöhnlich ist der Regen von Sturm,
oder wenigstens von einem starken Winde begleitet; -- dazu an manchen
Stellen das schnelle Reiten, und man kann sich wohl vorstellen, daß da
von einem Offenhalten des Schirmes gar nie die Rede sein kann.
Ich fand überhaupt das Reisen in diesem Lande viel beschwerlicher als
im Oriente. Mir wenigstens waren die schrecklichen Stürme und
Winde, die scharfe Luft, der häufige Regen und die Kälte bei weitem
unerträglicher, als die orientalische Hitze. Von dieser bekam ich weder
je aufgesprungene Lippen, noch Schuppen auf der Haut des Gesichtes. --
Hier bluteten mir schon am fünften Tage die Lippen, und im Gesichte
bekam ich später Schuppen, wie wenn ich den Rothlauf gehabt hätte.
Eine sehr unangenehme Sache ist ferner das Reiten mit den langen
Frauenkleidern, denn man muß stets warm angezogen sein, und da schlagen
sich die schweren, oft noch vom Regen triefenden Kleider derart um die
Füße, daß man beim Auf- und Absteigen vom Pferde im höchsten Grade
unbeholfen ist. Das Schrecklichste aber ist, während der Regenzeit auf
einer Wiese die Ruhestunde halten zu müssen. Die langen Kleider saugen
da auch noch das Wasser vom nassen Grase auf, und man hat dann wirklich
oft nicht einen einzigen trocknen Faden mehr an sich.
Kälte und Wärme scheinen in diesem Lande einen ganz besondern Eindruck
auf den Fremden zu machen. Die Kälte kam mir empfindlicher, die Hitze
drückender vor, als ich beide bei demselben Stande des Thermometers in
meinem Vaterlande fühlte.
Die Wege sind im Sommer über alle Verwunderung gut; man kann
größtentheils scharf reiten. Zu befahren sind sie jedoch nicht, theils
sind sie zu schmal, theils trifft man auch auf einzelne sehr schlechte
Stellen. Es gibt daher auf der ganzen Insel keinen Wagen.
Gefährlich ist der Weg nur, wenn er durch Sümpfe und Moor, oder über
Lavafelder führt. -- Von letzteren hat man besonders jene zu fürchten,
die mit weißem Moose überdeckt sind. Unter diesen gibt es oft recht
abscheuliche Löcher, in welche das Pferd nur zu leicht mit dem Fuße
gerathen kann. -- Auch an den Höhen hinauf und hinunter gibt es viele
fürchterliche Stellen. In Sümpfen und Mooren verliert sich die Bahn
des Weges oft so, daß auch nicht die geringste Spur davon zu entdecken
ist, und es mir stets wunderbar vorkam, wie mein Führer wieder richtig
auf den sichtbaren Pfad gelangte. -- Man möchte beinahe glauben, daß
auf solch gefährlichen Bahnen, Führer und Pferd durch den Instinkt
geleitet werden.
Das Reisen in Island kömmt theurer als irgendwo, besonders wenn man
allein ist, und die Kosten des Gepäckes, Führers, der Ueberfahrten
u. s. w. ungetheilt zahlen muß. -- Pferde werden nicht ausgeliehen;
man muß sie kaufen, bekommt sie jedoch sehr wohlfeil; ein Packpferd
um 18 bis 24 fl., ein Reitpferd um 40 bis 50 fl. Will man aber einige
Bequemlichkeiten haben, so benöthiget man gleich mehrere Packpferde;
denn man kann ihnen nicht viel aufbürden, und braucht dazu auch wieder
einen Knecht mehr, da der Führer nur die Reitpferde und höchstens 1
bis 2 Packpferde besorgt. -- Kehrt man dann von der Reise zurück,
und sucht die Thiere wieder zu verkaufen, so wird Einem ein so
niederträchtiger Preis dafür geboten, daß es gleich so gut ist,
sie zu verschenken. Dieß beweist neuerdings, daß der Mensch überall
seinen Vortheil zu benützen versteht. Die Leute wissen, daß man die
Pferde auf jeden Fall zurück lassen muß, und daher bieten sie nichts.
Ich muß gestehen, daß ich den Charakter des Isländers bei jeder
Gelegenheit tief unter meiner Erwartung fand, und noch tiefer unter den
Schilderungen, die ich in Büchern gelesen hatte.
Die isländischen Pferde halten trotz dem, daß sie auf die kärglichste
Nahrung angewiesen sind, zum Verwundern viel aus. -- Man kann mehrere
Tage hindurch, jeden Tag acht bis zehn Meilen zurücklegen; nur kostet
es stets Mühe, das Pferd im gehörigen Gange zu erhalten. Der Isländer
stößt nämlich das arme Thier beständig mit den Füßen in die Seite,
und daran ist es so gewöhnt, daß es beinahe nicht geht, wenn man dieß
unterläßt. -- An schlechten Stellen muß man den Zügel stets scharf
anhalten, um das häufige Stolpern zu vermeiden, -- zwei Sachen die sehr
ermüden.
Viel gibt es wahrlich zu überlegen, wenn man eine Reise in den hohen
Norden unternehmen will; -- doch mich schreckte nichts, -- und selbst
unter den größten Gefahren und Leiden bereute ich mein Unternehmen
nicht einen Augenblick, und wäre um keinen Preis davon abgestanden.
Ich machte nach allen Gegenden Islands Ausflüge, und bin dadurch in den
Stand gesetzt, die bedeutendsten Merkwürdigkeiten dieses interessanten
Landes der Reihe nach meinen Lesern vorzuführen. Ich beginne gleich mit
den nächsten Umgebungen Reikjaviks.
Kleine Ausflüge nach Vatne, der Insel Vidöe und nach Lachselv zum
Lachsfange.
Cavalcade nach Vatne.
(2 Meilen von Reikjavik.)