Heute stand ich noch mit der Sonne auf, bald wird dieß aber eine
sehr schwere Sache sein, da die gute Göttin des Lichtes dem Norden im
Frühjahre und Sommer vergilt, was sie ihm im Winter entzieht. -- Ich
ging auf das Deck und überblickte die weite endlose Meeresfläche. Es
war kein Land zu sehen; doch bald erschien eine Küste, die dann wieder
verschwand, bis eine neue, fernere aus dem Meere auftauchte. Gegen
Mittag erreichten wir die Insel Möen, die ungefähr 40 Meilen[2] von
Kopenhagen liegt. Sie bildet eine kleine wunderschöne Felsgruppe,
deren Wände weiß wie Kreide, glatt und glänzend, schroff dem
Meere entsteigen. Die höchste dieser Wände ragt 400 Fuß über dem
Meeresspiegel empor.
[2]: Zur See rechne ich Seemeilen, wovon vier auf eine geographische
gehen.
Bald sahen wir auch Schwedens Küste, dann die Insel Malmö und endlich
_Kopenhagen_, wo wir um 4 Uhr nach Mittag landeten. -- Die Entfernung
von Kiel bis Kopenhagen beträgt 136 See-Meilen.
Ich blieb hier sieben Tage und hätte daher Muße genug gehabt, Alles
genau zu besichtigen, wäre nur das Wetter etwas freundlicher gewesen.
So aber stürmte und regnete es der Art, daß ich auf die ferneren
Umgebungen gänzlich Verzicht leisten, und nur einige der nahen
Spaziergänge mir mühsam erkämpfen mußte.
Schon die erste Straße Kopenhagens, die man vom Hafen kommend, betritt,
macht einen großartigen Eindruck. Es ist dieß die _breite Gasse_, die
vom Hafen an durch einen großen Theil der Stadt führt. Sie ist sehr
breit, was aber noch mehr sagen will, auch lang, regelmäßig, und durch
die beiderseitigen Fronten der herrlichen Palläste und Häuser wirklich
wunderbar schön.
Einen ganz eigenen Eindruck macht es, inmitten dieses stolzen
Stadtviertels plötzlich eine Ruine zu erblicken, ein großartiges
Gebäude, auf riesenhaften Säulen ruhend, halb geendet, mit Gras und
Moos theilweise überwachsen. -- Es sollte einst eine prachtvolle Kirche
werden, ganz von Marmor, doch der weiche Boden ertrug diese Last nicht,
und das halb geendete Gebäude fing an zu sinken, so, daß man der
Fortsetzung des Baues auf immer entsagen mußte.
Noch gibt es viele andere Gassen, die der _breiten_ an Pracht und
Größe gleichen. Darunter besonders die _Amalienstraße_. -- Die
belebtesten, aber bei Weitem nicht die schönsten, sind die _Oster_- und
_Gotherstraße_. Da zu gehen ist für den Fremden anfänglich eine
wahre Kunst. Auf der einen Seite des Trottoirs, das ungefähr einen
Fuß höher als die Fahrstraße ist, stößt man bei jedem Schritte
auf Stufen, die theils zu Gewölben hinauf, theils an Vertiefungen in
Gewölbe hinab führen. Die Stufen, welche in die Tiefe hinab führen,
sind nicht, wie jene zu Hamburg, mit Geländern umgeben. -- Die andere
Seite des Trottoirs ist durch ein kleines bescheidenes Bächlein
begrenzt, das die unpoetischen Leute »Kanal« nennen, und in welches
aus allen Häusern eben so liebliche Quellen hinein sprudeln. Da heißt
es denn gehörig Acht geben, um nicht rechts oder links, oder wohl auch
gerade vor sich in eine der verrätherischen Tiefen zu stolpern, oder
sich an den hervorragenden Stufen anzustoßen und zu beschädigen.
An der Seite der Straße ist das Trottoir mit anderthalb Fuß breiten
Steinplatten belegt, auf welchen es sich natürlich herrlich geht. Die
sucht aber auch Jeder zu erringen, um dem höckerigen und spitzigen
Pflaster darneben ein Schnippchen zu schlagen. -- Dazu füge man noch
das entsetzliche Gedränge, und man wird gerne glauben, daß sich
Niemand diese Straße zum Spazierengehen wählt, um so weniger, da weder
die Läden schöne Auslagen enthalten, noch die Häuser pallastähnlich
oder geschmackvoll erbaut sind, noch die Straßen selbst zu den
breitesten oder reinlichsten gezählt werden können.
Die Plätze sind alle groß und regelmäßig. Der schönste ist der
_Königsneumarkt_ (Kongensnytorf). Einige hübsche Palläste, die
Hauptwache, das Theater, die vorzüglichsten Kaffee- und Gasthäuser,
die Akademie der bildenden Künste und das Gebäude des botanischen
Gartens -- beide Letztere meist unter dem Namen »Charlottenburg«
bekannt -- zieren diesen herrlichen Platz, in dessen Mitte ein schönes
Monument steht, Christian =V.= zu Pferde, von mehreren Figuren umgeben.
Nicht so groß, aber durch die vollkommene Regelmäßigkeit eigentlich
noch schöner, ist der _Amalienplatz_, welchen vier königliche, ganz
gleich gebaute Palläste umfassen, und vier breite Straßen in der Form
eines Kreuzes durchschneiden. Auch diesen Platz ziert ein in der Mitte
stehendes Monument, Friedrich =V.= darstellend. -- Auf dem _Neumarkt_
(Nytorf), einem ebenfalls schönen Platze, sah ich einen Springbrunnen,
dessen kleines Figürchen höchst bescheidene Wasserstrahlen spendete,
und der mir nur deßhalb auffiel, weil es der einzige war, den ich in
Kopenhagen erblickte.
Was die Palläste betrifft, sei kann man sich kaum des Erstaunens
erwehren, deren so viele und so prächtige zu sehen. Man sollte wirklich
glauben, in die Residenzstadt eines der größten Reiche versetzt worden
zu sein. -- Wahrhaft kaiserlich ist die _Christianensburg_, die im Jahre
1794 gänzlich abbrannte, aber schöner und herrlicher wieder aufgebaut
wurde. -- Ganz merkwürdig ist die darin enthaltene Schloßkapelle;
-- man meint in einen Conzert-Saal zu treten, aber nicht in ein zu
religiösen Funktionen bestimmtes Gebäude. -- Geschmackvoll dekorirte
Logen, darunter besonders die königliche, nehmen nebst den Gallerieen
den oberen Theil des Saales ein, während der untere mit Bänken
angefüllt ist, die mit rothen Sammt- und Seidenstoffen überlegt
sind. _Kanzel_ und _Altar_ aber stehen so schmucklos da, daß man sie
anfänglich gar nicht bemerkt.
In diesem Pallaste befindet sich auch das _nordische Museum_, das
sich besonders durch seine Reichhaltigkeit an Schmuck, Waffen,
Blasinstrumenten und andern Geräthschaften nordischer Völker
auszeichnet.
Die Winterreitschule, in der auch viele Conzerte abgehalten werden, ist
regelmäßig und groß. -- Sehr gut gefielen mir die Stallungen, aber
noch besser mehrere darin stehende prächtige Schimmel -- Abkömmlinge
echter Araber und wilder norwegischer Pferde -- deren Mähnen und
Schweife fein, glänzend und seidenartig, von ungewöhnlicher Länge und
Fülle waren. -- Jeder Pferdekenner, ja selbst jeder Laie kann nur mit
Entzücken diese Pferde betrachten.
An die Christianensburg stoßt das _Museum Thorwaldson's_, ein
viereckiges Gebäude, mit schönen Hallen, die das Licht von oben
erhalten. Noch war es nicht vollendet; die Wände wurden so eben von
den vorzüglichsten eingebornen Künstlern als Fresko gemalt. Die
Kunstschätze waren zwar schon da, aber leider noch in Kisten verpackt.
In der Mitte des Hofraumes baut man sein Grabmahl; da wird seine Hülle
ruhen, und sein vollendet schöner Löwe wird der Grabstein sein.
Unter den Kirchen ist die größte die _Frauenkirche_. Sie zeichnet sich
in ihrem Bau nicht aus, -- Säulen, Wölbungen und Kuppel sind von Holz,
mit Sand und Gips überkleidet. Was ihr aber an äußerm Prunk fehlt,
ist reichlich durch den Inhalt ersetzt. Da findet man Thorwaldson's
Meisterwerke, da stehen am Hochaltare sein herrlicher Christus, in den
Nischen an den Wänden seine zwölf colossalen Apostel. -- Ueber diese
Kunstwerke vergißt man auf die Hülle, die sie umgibt. Nur möge
das Schicksal gnädig sein, und diese halb hölzerne Kirche nie einer
Feuersgefahr Preis geben.
Die _katholische Kirche_ ist klein, aber über alle Beschreibung
niedlich. Ihr wurden von dem letztverstorbenen Kaiser von Oesterreich
eine gute volltönige Orgel und zwei Oelgemälde, das eine von
Kuppelwieser, das andere von einem seiner Schüler gemalt, als
Ausstattung zugesandt.
Im _Kunst-Museum_ interessirten mich am meisten der antike Stuhl,
welchen einstens _Tyho de Brahe_ stets benützte.
Ein gar wunderliches antikes Gebäude ist die _Börse_. Sie ist sehr
lang und schmal, mit Arabesken und neun Aufsätzen gekrönt, aus
deren Mitte ein merkwürdig spitziger Thurm ragt, der aus ineinander
geflochtenen Schwänzen von vier Crocodilen gebildet ist. -- Der kleine,
niedere und dunkle Börsesaal enthält das lebensgroße Bild Tyho de
Brahe's. -- Der größte Theil des obern Gebäudes ist zu einer Art
Bazar verwendet, das Erdgeschoß zu kleinen sehr schmutzigen Buden.
Einen eigenthümlichen Reiz verleihen der Stadt mehrere Kanäle, welche
von der See herein münden. Sie bilden eben so viele Märkte; denn die
darin liegenden Schiffe und Barken sind mit Lebensmitteln jeder Art
angefüllt, welche da zum Kaufe ausgeboten werden.
Die _Matrosenstadt_, welche sich an Kopenhagen anschließt und nahe am
Hafen liegt, ist besonders nett und hübsch. Sie besteht aus langen,
breiten, geraden Straßen, und so gleichmäßig gebauten Häusern, daß
gewiß eine gute Kenntniß dazu gehört, bei Nacht und Nebel das rechte
heraus zu finden. Es sieht gerade so aus, als zöge sich auf jeder Seite
der Straße ein endloses, ebenerdiges Gebäude hin, das nur in der
Mitte durch ein einstockiges Haus, den Wohnsitz des Commandanten und der
Aufseher, unterbrochen wird.
Was die Straßen-Beleuchtung betrifft, so ist sie in Kopenhagen wie bei
uns in den Landstädten. Steht im Kalender _Mondschein_, so wird
keine Laterne angezündet. Und verbirgt sich der liebe Mond hinter
verdunkelnden Wolken, so ist das seine Schuld, und es wäre nur
Vermessenheit seinen Götterschein durch schmähliches Lampenlicht
ersetzen zu wollen. -- Eine löbliche Verordnung!? --
Von nahen Spaziergängen gefiel mir der Garten an der _Rosenburg_ --
innerhalb der Stadt -- recht gut, so auch die _lange Linie_, eine Allee
schöner Bäume, die sich längs der See hinzieht, und in welcher man
auch fahren und reiten kann. -- Ein Kaffeehaus, vor welchem bei schöner
Jahreszeit Musik gemacht wird, zieht viele Spaziergänger an. Am
schönsten aber ist es oberhalb der langen Linie auf dem _Kastell_, von
dem man die herrlichste Aussicht genießt. Da liegt die Stadt zu den
Füßen, aufgerollt in ihrer ganzen Pracht, der Hafen mit den vielen
Schiffen, der blauschimmernde Sund, der sich unübersehbar zwischen
Dänemarks und Schwedens Küste ausbreitet und manch liebliche
Inselgruppe, dem einen oder dem andern Staate gehörend, in sich birgt.
Nur der Hintergrund schließt matt, da keine Kette von Bergen dem endlos
über die Flächen Dänemark's schweifenden Auge Schranken setzt.
Unter den vielen Schiffen, die im Hafen vor Anker lagen, sah ich nur
wenige Dreimaster, und noch weniger Dampfschiffe. Die Schiffe der Flotte
sahen ganz sonderbar aus; sie gleichen auf den ersten Blick großen
Häusern mit Flaggenstangen. Jedes Schiff war nämlich mit einem
Wetterdache versehen, aus welchem die Masten hoch in die Lüfte ragten,
und dann standen sie alle sehr hoch außer Wasser, wodurch alle Lucken
der Kanonen und alle Fenster der Kajüten in zwei, drei Stockwerken
übereinander sichtbar wurden.
Ein etwas weiterer Ausflug, den man aber sehr bequem in einem
prächtigen Omnibus machen kann, geht nach dem königlichen Lustschlosse
_Friedrichsberg_, welches vor dem Wasserthor, eine halbe Meile von der
Stadt entfernt liegt. Herrliche Alleen führen zu diesem Orte, an
dem man alle Vergnügungen findet, die nur irgend im Stande sind,
den Städter auf's Land zu locken. Da gibt es ein Tivoli, und eine
Eisenbahn, Cabinette und Buden mit Wachsfiguren und zahllosen andern
Sehenswürdigkeiten, Kaffeehäuser, Bierhallen und Musik. In den hierzu
gehörigen Gärten sind an den Seiten lauter kleine Lauben angebracht,
deren jede Tische und Bänke enthält, und deren Vorderseiten alle
offen sind, wodurch man in den Stand gesetzt wird, mit einem Blicke alle
Besucher dieser schönen Natur-Logen zu übersehen, ein Bild, das sich
an einem Sonntage, wo gewöhnlich Alles überfüllt ist, gar herrlich
macht.
Auf dem Wege zu diesem Kopenhagner Prater kommt man auch an einigen
artigen Landhäusern vorüber, die in der Mitte hübscher Blumengärten
liegen.
Das königliche Schloß steht auf der Spitze eines Hügels, am Ende der
Allee, und ist von einem sehr schönen ausgedehnten Parke umgeben.
Es beherrscht die Ansicht über einen großen Theil der Stadt, des
umliegenden Landes und der See; doch ziehe ich die Aussicht auf dem
Kastelle bei weitem vor. Der Park enthält eine große Insel, die ich in
_dieser_ Jahreszeit von einem sehr reichen Wasserarm umgeben fand.
Diese Insel behält sich der Hof vor, der übrige Park ist dem Publicum
geöffnet.
Gleich außerhalb dem Wasserthore steht ein _Obelisk_, nicht
durch Schönheit oder Kunst auffallend, da er aus mehreren Steinen
zusammengefügt und von keiner besondern Höhe ist, aber durch die
Veranlassung seiner Entstehung gewiß interessant. Die dankbaren
Unterthanen setzten ihn dem Andenken des letzt verstorbenen Königs
Christian =VI.= -- als Erinnerung an die Abschaffung der Frohndienste.
-- Ein Monument, das jeder fühlende Mensch nur mit Freude und Rührung
betrachten kann.
Ich habe nun treulich berichtet, was ich während der kurzen Zeit meines
Aufenthaltes in, an und um Kopenhagen gesehen. Es bleibt mir nun nur
noch übrig, einige Volkseigenthümlichkeiten zu schildern, und da fange
ich gleich mit dem Ende an -- mit dem Begräbnisse der Verstorbenen.
In Dänemark, so wie überhaupt in ganz Skandinavien, Island auch nicht
ausgenommen, herrscht die Gewohnheit, die Todten erst nach acht oder
zehn Tagen zu beerdigen. Im Winter mag dieß noch hingehen, aber im
Sommer -- da mag es gerade nicht sehr angenehm sein, mit solch einem
Wesen unter einem Dache zu wohnen.
Während meiner Anwesenheit zu Kopenhagen fand das Leichenbegängniß
des königlichen Leibarztes =Dr.= Brandis statt. Dem Leichenwagen
folgten zwei königliche Wagen und eine große Zahl anderer; die
ersteren so wie auch mehrere der letzteren waren leer, die Diener gingen
darneben. -- Unter den Leidtragenden bemerkte ich keine einzige Frau.
Ich dachte, dieß sei nur Sitte bei Bestattungen der Herren, allein man
versicherte mich, daß dieß immer so sei, auch bei den Bestattungen der
Frauen. Ja, diese Fürsorge für mein zartes Geschlecht geht so weit,
daß an dem Tage des Begräbnisses in dem Trauerhause keine Frau gesehen
werden darf. Die Leidtragenden versammeln sich in der Wohnung des
Verstorbenen, und werden da mit kalten Speisen und mit Getränken
bewirthet. Nach Beendigung der Ceremonie wiederholt sich diese
Bewirthung.
Was mir in Kopenhagen sehr gefiel, war, daß ich nie, bei keiner
Gelegenheit Bettler sah, ja nicht einmal so ärmlich und schlecht
gekleidete Menschen, wie man deren leider in großen Städten nur zu
viele findet. -- Arme wird es wohl auch geben, so gut wie in der ganzen
Welt, doch betteln sieht man sie nicht. -- Ich kann nicht umhin, bei
dieser Gelegenheit einer Einrichtung zu erwähnen, die gewiß Nachahmung
verdiente. Diese Einrichtung besteht darin, daß große Häuser, die
theils der königlichen Familie, theils einzelnen Reichen oder ganzen
Gesellschaften gehören, ausschließend zur Aufnahme armer Familien
bestimmt sind, die darin die Wohnungen bedeutend billiger als in den
andern Häusern bekommen.
Die Landestrachten gefielen mir nicht besonders. Die Bäuerinnen tragen
Röcke von grünen oder schwarzen Wollenzeugen, die bis an die Knöchel
reichen, und unten mit breiten, färbigen Wollborten eingefaßt sind.
Die Leisten des Spensers, so wie die Ausschnitte um die Achseln sind
ebenfalls mit schmalen färbigen Borten besetzt. Den Kopf hüllen sie
in ein Tuch, über das sie oft noch eine Art Vordach, das einem
Hute gleicht, setzen. -- An Sonntagen sah ich an Manchen auch
kleine zierliche Häubchen in Seide gestickt, und vorne mit mehr als
handbreiten sehr gesteiften Spitzen ganz glatt besetzt; rückwärts
hingegen große Schleifen von schönem Bande daran, deren Enden bis
über den halben Körper hinabhingen. -- An der Tracht der Bauern fand
ich nichts besonderes zu bemerken. -- Körperkraft oder Schönheit fand
ich unter dem Bauernstande nicht mehr und nicht minder, als bei unsern
Oesterreichern. -- Was die Schönheit des weiblichen Geschlechtes
anbelangt, so möchte ich den Oesterreicherinen unbedingt den Vorzug
geben. Vorherrschend sind blonde Haare und lichte Augen.
Militär sah ich nur wenig; ihre Uniformen, besonders jene der Leibgarde
des Königs sind ausgezeichnet schön.
Auffallend waren mir die Trommelschläger; die bestanden aus lauter
10-12jährigen Knaben. Da hätte man wohl mit Recht sagen können:
»Trommel, wo trägst du den Knaben hin?« -- Marschiren, den
beschwerlichen Feldübungen beiwohnen, eine so große Trommel tragen,
und sie dabei noch fleißig bearbeiten, das nenne ich doch eine kleine
Grausamkeit. Wie manche zerstörte Gesundheit mag dieser Brauch zu
verantworten haben.
Ich brachte manche Stunde während meines Aufenthaltes zu Kopenhagen
sehr angenehm bei Herrn Professor Mariboe, seinen liebenswürdigen
Verwandten und dem gütigen Gesandtschaftspriester Herrn Zimmermann zu.
Sie nahmen sich meiner mit wahrer Güte und Herzlichkeit an; sie zogen
mich in ihre Kreise, in denen ich mich bald vollkommen heimisch
fühlte. Ich werde ihre Freundschaft nie vergessen, und jede Gelegenheit
benützen, ihnen nah und ferne meinen Dank zu offenbaren. Eben so auch
Herrn Eduard Gottschalk und Herrn Knudson. An Ersteren wandte ich mich
mit der Bitte, mir eine Gelegenheit nach Island zu ermitteln, und er war
so gefällig, sich deßhalb bei Herrn Knudson für mich zu verwenden.
Herr Knudson ist einer von den ersten Großhändlern zu Kopenhagen, und
hat unter allen nach Island handelnden Häusern daselbst die meisten und
ausgebreitetsten Verbindungen. Er hat jetzt noch, da er schon anfängt
sich zurück zu ziehen, weil ihm das beständige Reisen zu lästig
wird, eine bedeutende Zahl größerer und kleinerer eigener Schiffe,
die theils dem Fischfange obliegen, theils alle möglichen Lebens- und
Luxus-Bedürfnisse nach den verschiedenen Häfen Islands bringen.
Er selbst begleitet seine Schiffe jedes Jahr, und bleibt immer einige
Monate in Island, um seine dortigen Geschäfte zu regeln. -- Auf
die Empfehlung Herrn Gottschalks war nun Herr Knudson so gütig mich
mitzunehmen, und zwar auf demselben Schiffe, auf welchem er die Reise
machte, -- eine Gefälligkeit die ich gewiß zu würdigen weiß.
Es gehört wahrhaftig viel dazu, eine Frau auf solch eine Reise
mitzunehmen. Herr Knudson kannte weder meine Beharrlichkeit noch
meine Ausdauer; er wußte nicht ob ich den Beschwerden einer Nordfahrt
gewachsen sein würde, ob ich die Seekrankheit ruhig ertragen könne,
und im Sturm und Unwetter Kühnheit genug besitze, nicht durch Klagen
und Jammern das in solchen Fällen ohnehin nur zu beschäftigte Gemüth
des Schiffers zu ermüden und zu belästigen. -- Nichts von alledem
berücksichtigte der brave Mann; er traute meinen Versprechungen, mich
in allen Fällen standhaft zu halten, und nahm mich mit. Ja, seine
Güte ging so weit, daß ich selbst in Island jede Annehmlichkeit, jede
Erleichterung in Betreff der Ausführung meiner Reisen nur ihm zu danken
hatte. Unter günstigeren Verhältnissen hätte ich unmöglich meine
Reise antreten können.
Alle Schiffe, die Island besuchen, fahren Ende April, längstens Mitte
Mai von Kopenhagen aus. Später wird nur ein einziges Schiff abgesendet,
das Postschiff der dänischen Regierung, welches im Monat Oktober
Kopenhagen verläßt, die Wintermonate in Island verbleibt, und im Monat
März wieder zurückkehrt. Den Gewinn und Verlust dieser Expedition
übernehmen die Kaufleute zu Kopenhagen auf Actien.
Auch eine französische Fregatte kömmt jedes Frühjahr nach Island und
kreuzt da in den verschiedenen Häfen bis halben August. Sie überwacht
ihre Fischer, die durch den reichlichen Gewinn des Fischfanges angezogen
diese Meere im Sommer in großer Anzahl besuchen.
Um von Island zurückzukehren, findet man während des Sommers bis
Ende September Gelegenheiten auf den Handelsschiffen, die mit den
Rückfrachten nach Dänemark, England und Spanien gehen.
Von Kopenhagen nach Island.
Sonntag den 4. Mai trat endlich günstiger Wind ein; Herr Knudson ließ
mich benachrichtigen, gegen Mittag bereit zu sein, um mich auf der
schönen Brigg »_Johannes_« einzuschiffen.
Ich ging daher sogleich an Bord. -- Die Anker wurden gelichtet, und die
Segel entfalteten sich gleich herrlichen Flügeln, die uns mit sanften
Schwingungen aus Kopenhagens Hafen trugen. -- Kein schwerer Abschied von
Kindern, Verwandten oder lang bewährten Freunden trübte diese Stunde,
-- ich verließ die Stadt mit leichtem, fröhlichem Gemüthe, und lebte
nur der frohen Hoffnung, mein lange geträumtes, lange ersehntes Ziel
nun bald zu erreichen.
Der heiterste Himmel lächelte uns zu, der günstigste Wind schwellte
unsere Segel. Ich saß auf dem Verdecke und schwelgte in dem Anblicke
der nie geschauten Bilder. -- Hinter mir lag die herrlich ausgebreitete
Stadt, vor mir der Sund, ein prachtvolles Wasserbecken, das ich einem
großen schönen Schweizer-See vergleichen möchte, und links und rechts
die Küsten von Dänemark und Schweden, die sich so zu einander neigen,
daß sie dem kühnen Schiffer die Weiterfahrt zu verweigern scheinen.
Bald fuhren wir an dem schwedischen Städtchen _Carlskrona_ vorüber,
und bald an der öden Insel _Hreen_, auf welcher Tyho de Brahe den
größten Theil seines Lebens zubrachte, und den Lauf der Gestirne
beobachtete und verfolgte. -- Und nun kam eine etwas gefährliche
Stelle, der Ausgang des Sundes in das Kattegat. -- Die eingeengte See
und die starke Strömung erforderten des Schiffers ganze Behutsamkeit.
Die beiden Küsten treten hier bis auf eine viertel Meile Entfernung
zusammen. Auf schwedischer Seite liegt das hübsche Städtchen
_Helsingborg_, auf dänischer _Helsingör_, und an der Spitze einer
hervortretenden Erdzunge die Festung _Kronburg_, die den durchziehenden
Schiffen den Zoll abfordert, und für den Weigerungsfall eine große
Zahl drohender Feuerschlünde weis't. Wir hatten schon bei Zeiten
in Kopenhagen unsere Abgabe entrichtet, waren genau signalisirt und
segelten furchtlos vorüber.
Diesen Durchgang überwunden, gelangten wir in das Kattegat, das
schon mehr ein Bild der großen See gab; -- die Ufer wichen immer mehr
zurück, und die meisten Schiffe und Barken, die uns im Sunde von allen
Seiten umgaukelt hatten, sagten uns »Lebewohl!« Die einen zogen
gegen Westen, die andern gegen Osten, nur wir -- allein auf der weiten
verlassenen Bahn -- segelten nach dem kalten, starren Norden. -- Die
Dämmerung begann erst nach neun Uhr Abends einzubrechen, und bald
flimmerten die Sterne gar herrlich am Himmel, und an den Küsten
blitzten die Feuer der Leuchtthürme auf, dem nächtlichen Schiffer die
gefährlich hervorragenden Klippen bezeichnend.
Nun sagte ich Gott meinen innigen Dank für all seine bisherige Güte,
bat ihn um seinen ferneren Schutz, stieg hinab in die Kajüte, wo mich
eine bequeme Koje -- an der Schiffswand festgemachte Schlafstätte --
aufnahm, und bald sank ich in tiefen erquickenden Schlaf.