Stiftsamtmann v. H. war so gütig mir einen Besuch zu machen, und mich
für heute Nachmittag zu einer Reit-Partie nach dem großen See _Vatne_
einzuladen. -- Mit Vergnügen nahm ich die Einladung an; denn nach den
Aeußerungen des Stiftsamtmannes dachte ich ein wahres Eden zu sehen,
dabei die Erholungen der hiesigen höhern Stände kennen zu lernen,
und meine Sammlung an Pflanzen, Schmetterlingen und Käfern bedeutend
bereichern zu können. Auch mit den Eigenschaften der isländischen
Pferde hoffte ich hier vertrauter zu werden, als auf meiner ersten Tour
von Havenfiord hierher, denn damals mußte ich, meiner alten Begleiterin
wegen, immer im Schritte reiten.
Die Stunde des Ausfluges war für zwei Uhr festgesetzt. -- Ich, die
Pünktlichkeit selbst, war schon lange vorher bereit, und wollte zur
bestimmten Stunde an den Versammlungsort eilen; da sagte mir meine
Hausfrau, es sei noch lange Zeit, denn Herr v. H. sitze noch beim
Speisen. -- Kurz: aus zwei Uhr ward es drei Uhr, und auch da saßen
wir noch ein Viertelstündchen zu Pferde, bis sich der Zug in Bewegung
setzte. -- O syrische Eile und Pünktlichkeit! Dich begrüßte ich auch
hier, beinah am entgegengesetzten Ende der Welt.
Die Gesellschaft bestand aus dem hier anwesenden Adel, und aus den
Honoratioren. -- Zu Ersterem gehörten der Stiftsamtmann v. H. sammt
Gemahlin, ein Kammerherr H. v. B. der von Kopenhagen herüber gesandt
worden war, um dem Althing (politischen Verhandlungen) beizuwohnen, und
ein dänischer Baron, der den Kammerherrn begleitet hatte. -- Zu den
Honoratioren gehörten die Gemahlin des Apothekers, und die Töchter
einiger hier ansässigen Kaufleute. -- Ein Diener schloß den Zug.
Der Weg führte über Lavafelder, Sümpfe und höchst dürftige
Grasstellen, in einem großen öden Thale fort, das von sanften Hügeln
durchzogen war. Von drei Seiten war dieß Thal von Bergen umkränzt,
die, in mehreren Reihen aufgethürmt, in den mannigfaltigsten Formen in
die Lüfte stiegen. Einige Jokuln (Gletscher) erhoben in noch weiterer
Ferne ihre Häupter, und sahen mit stolzer Miene auf diese Vorgebirge,
und schienen sie zu fragen: »was wollt denn ihr die Aufmerksamkeit auf
euch ziehen, wo wir in unserm Silberschmucke prangen?« -- -- Schön
waren die Gletscher noch in dieser Jahreszeit; denn Schnee deckte nicht
nur die Höhen, er deckte sie so tief herab, als sie unsern Blicken
blosgestellt waren. -- Die vierte Seite des Thales war von der See
umgeben, die in unendlicher Ferne mit dem Himmel verschwamm. Viele
Buchten schnitten in das Land, die dann eben so viele Seen zu bilden
schienen.
Der Pfad war gut, so daß wir größtentheils schnell reiten konnten,
und höchst selten trafen wir auf kleine Stellen, wo das isländische
Pferd seine Geschicklichkeit und seinen Scharfsinn erproben konnte.
Mein Pferd war fromm und gut; es trug mich vollkommen sicher über
Steingerölle und Felsenrisse; was ich aber durch seinen Trapp litt, ist
nicht zu beschreiben. -- Man sagt, für Leberkranke sei das Reiten sehr
zweckmässig. Es ist möglich, aber auf solch einem Edelpferde, und noch
dazu auf einem isländischen Frauensattel durch vier Wochen denselben
Ritt zu machen, und ich glaube ganz gewiß, man hätte keine Leber mehr;
-- sie müßte zu Brei zusammengerüttelt worden sein.
Die ganze Gesellschaft hatte gute englische Sättel, nur der meinige war
ein vaterländisches Product. Er war wie ein Stuhl mit einer Lehne; man
mußte nach der Quer auf dem Pferde sitzen, und hatte gar keine feste
Haltung; nur mit vieler Mühe trottete ich den Andern nach, denn in
Galopp war mein Pferd durchaus nicht zu bringen.
Endlich nach ein einer halben Stunde kamen wir in ein Thal. -- Da lag
in der Mitte einer ziemlich frischen Wiese ein für Island recht
ansehnlicher Bauernhof,[7] und unweit davon ein ganz kleiner See. Ich
wagte nicht zu fragen, ob dieß der große See _Vatne_, und ob dieß die
herrliche Gegend sei? Man hätte wahrscheinlich meine Frage für Ironie
gehalten. -- Um so mehr erstaunte ich, als Herr v. H. diese Landschaft
für herrlich, den Anblick des Sees für hinreißend erklärte. -- Ganz
begeistert stimmte ich bei, noch nie eine schönere Gegend, noch nie
einen grösseren See gesehen zu haben.
[7]: So viel, als in unserm Lande ein Pacht- oder Freihof.
Hier wurde nun Halt gemacht, und bald lagerte sich die Gesellschaft auf
die Wiese. Während nun Anstalten zu einem fröhlichen Mahle getroffen
wurden, begann ich meine Wißbegierde zu befriedigen.
Vor Allem fesselte das Bauernhaus meine Aufmerksamkeit. -- Ich fand
darin eine große und zwei kleine Stuben, eine Vorrathskammer, und
ausgedehnte Stallungen, von welchen man auf den bedeutenden Viehstand
des Eigners schließen konnte. Ich erfuhr später, daß dieser
fünfzig Schafe, acht Kühe und fünf Pferde besaß, und für einen
der wohlhabendsten Besitzer in der ganzen Umgebung gehalten wurde.
Die Küche befand sich ganz am Ende des Gebäudes, der Schornstein in
derselben schien aber nur ein Schutzmittel gegen Regen und Schnee zu
sein, denn der Rauch verbreitete sich in der ganzen Küche, räucherte
die aufgehangenen Fische, und stieg nur theilweise und äußerst langsam
dem Luftloche zu.
In dem großen Gemache stand eine hölzerne Bücherstelle, die bei
vierzig Bücher enthielt. Ich blätterte sie durch, und brachte, trotz
meiner geringen Kenntniß der dänischen Sprache, doch so viel heraus,
daß sie größtentheils religiösen Inhaltes waren. -- Doch auch
Gedichte schien der Bauer zu schätzen; ich las die Namen Kleist,
Müller und selbst Homers Odyssee. -- Von den isländischen Büchern
verstand ich nichts; als ich mich aber nach dem Inhalte derselben
erkundigte, sagte man mir, daß sie Alle von religiösen Gegenständen
handelten.
Nach dieser Musterung ging ich auf die Wiese, um Blumen und Kräuter zu
suchen; von ersteren fand ich in dieser Jahreszeit noch Unbedeutendes,
von letzteren etwas mehr, und sogar einigen wilden Klee. --
Schmetterlinge oder Käfer sah ich keine, hörte aber zu meiner
nicht geringen Verwunderung zwei wilde Bienen summen, und war auch so
glücklich eine davon zu erhaschen, die ich mit nach Hause nahm, und in
Spiritus setzte.
Nun kehrte ich wieder zu meiner Gesellschaft zurück, die noch immer
wohlgemuth auf der Wiese um einen Tisch lagerte, der mittlerweile
reichlich mit Butter, Käse, Brod, Kuchen, Lammsbraten, Rosinen,
Mandeln, einigen Orangen und Wein besetzt war. -- Stühle oder
Bänke waren keine vorhanden, denn selbst wohlhabende Bauern besitzen
höchstens in ihren Zimmern an Ort und Stelle festgenagelte Bänke; --
wir saßen alle auf dem Rasen, und sprachen dem köstlichen Kaffee, der
das Mahl eröffnete, tüchtig zu. -- Fröhlichkeit und Scherz herrschte
dabei in solchem Maße, daß ich unter lebhafte Italiener und nicht
unter kalte Nordländer gerathen zu sein dachte. --
Auch Witz mangelte nicht; nur war dießmal ich Unglückliche die
Zielscheibe desselben. -- Und was war Schuld daran? -- Meine alberne
Bescheidenheit. Das Gespräch wurde dänisch geführt; -- einige
Mitglieder der Gesellschaft sprachen zwar deutsch oder französisch,
allein ich benützte absichtlich ihre Sprachkenntnisse nicht, um sie
ihren heitern Gesprächen nicht zu entziehen. Still und ruhig saß ich
in ihrer Mitte, und fand reichlichen Ersatz an ihrer Munterkeit. Doch
dieß Benehmen wurde wohl als Albernheit gedeutet, denn bald entnahm ich
ihren Reden, daß sie mich mit dem steinernen Gaste aus Mozarts »Don
Juan«, verglichen. -- Hätten die guten Leute die wahre Ursache meines
Schweigens geahndet, würden sie mir gewiß nur Dank dafür gezollt
haben.
Während wir bei unserm Mahle sassen, vernahm ich vom Bauernhause her,
einen isländischen Gesang. -- Er glich in der Ferne dem Gesumme einiger
Bienen; in der Nähe klang er eintönig, schleppend und melancholisch.
Als wir uns zum Abschiede anschickten, reichte der Bauer, sein Weib und
seine Knechte Jedem von uns die Hand. Dieß ist der übliche Gruß gegen
so _hohe_ Personen, wie wir in unserer Gesellschaft zählten. Der ganz
eigenthümliche Gruß besteht in einem recht herzhaften Kusse. --
Zu Hause angekommen fühlte ich die Wirkungen des starken Kaffee's; ich
konnte nicht schlafen, und so hatte ich volle Zeit, genaue Bemerkungen
über die Tageslänge und die Dämmerung anzustellen. -- Bis eilf Uhr
Nachts konnte ich in meinem Stübchen gewöhnlichen Druck lesen. -- Von
eilf bis ein Uhr dämmerte es, doch nie so stark, daß ich im Freien
nicht hätte lesen können. Im Zimmer nahm ich auch den kleinsten
Gegenstand, ja die Stunde auf meiner Taschenuhr wahr. Um ein Uhr konnte
ich schon wieder im Zimmer lesen.
Nach Vidöe.
Die kleine Insel Vidöe, eine Meile von Reikjavik entfernt, wird in
den meisten Reisebeschreibungen als Hauptaufenthalt der Eidergänse
bezeichnet. -- Ich besuchte sie am achten Juni, ward aber in meinen
Erwartungen getäuscht. Ich sah zwar viele an den Abhängen der Wiesen,
zwischen Felsstücken u. s. w. ruhig auf ihren Nestern sitzen, allein
von Tausenden war da wohl keine Rede. Ich mochte im Ganzen vielleicht
über einhundert bis einhundertfünfzig Nester gesehen haben.
Das Merkwürdigste ist die Zahmheit der Eidergänse während ihrer
Brütezeit. -- Ich habe immer die Erzählungen davon für Fabeln
gehalten, und würde es jetzt noch thun -- hätte ich mich nicht selbst
davon überzeugt und meine eigenen Hände auf sie gelegt, -- ja ich
konnte ganz zu ihnen hintreten, und sie liebkosen, ohne daß sie von
ihrem Neste aufflogen. -- Manche verließen es zwar, wenn ich sie
berühren wollte, aber sie flogen doch nicht auf, sondern spazierten
ganz gemächlich einige Schritte vom Neste weg, und blieben da sitzen,
bis ich mich wieder entfernte. Diejenigen aber, die schon lebendige
Junge hatten, schlugen, wenn ich mich ihnen näherte, mit den Flügeln
kräftig um sich, hauten mit dem Schnabel nach mir und ließen sich eher
aufheben, als daß sie vom Neste wichen. Sie haben ungefähr die
Größe unserer Enten; ihre Eier sind grünlich grau, etwas größer
als Hühner-Eier und schmecken sehr gut. Sie legen im Ganzen gegen eilf
Eier. Die feinsten Dunen sind jene, mit welchen sie das erstemal ihr
Nest ausfüttern, und sehen ganz dunkelgrau aus. Die Isländer nehmen
die Dunen sammt den erstgelegten Eiern weg. -- Nun beraubt sich der
arme Vogel abermal einer Portion Dunen, die aber schon nicht mehr von
so zarter Qualität sind, wie die ersten, und legt abermal einige Eier.
Auch dießmal wird ihm Alles genommen, und erst wenn er zum drittenmal
das Nest mit seinen Dunen ausgefüllt, und einige Eier gelegt hat, wird
er in Ruhe gelassen. -- Die Dunen der zweiten und besonders der dritten
Gattung sind viel lichter als jene der ersten. -- Ich war ebenfalls so
grausam, aus einigen Nestern etwas Dunen und ein Paar Eier zu nehmen.
Die gefährliche Einsammlung der Dunen und Eier, zwischen Klippen und
unzugänglichen Felsen, an denen sich die Leute nur mittelst Stricke und
mit Gefahr des Lebens hinab lassen oder herauf ziehen können, sah ich
nicht, da es in der Umgebung von Reikjavik keine so halsbrecherischen
Stellen gibt.
Lachsfang.