Endlich ward es Morgen, und bald erreichten wir die große Handelsstadt,
die, durch den fürchterlichen Brand im Jahre 1842 halb eingeäschert,
prächtiger und herrlicher als früher aus dem Schutte erstanden war. --
Ich stieg hier bei meiner Base ab, die an den königl. würtembergischen
Consul und Kaufmann Schmidt verheirathet ist, und verlebte da volle acht
Tage in Freude und Vergnügen. Mein Vetter war so gütig mich selbst
herum zu führen, und mir die Hauptmerkwürdigkeiten Hamburgs zu zeigen.
Vor Allem besuchten wir die Börse und zwar zwischen 1 und 2 Uhr, wo sie
am belebtesten ist, und daher dem Fremden den richtigsten Begriff von
der Größe und Wichtigkeit des hiesigen Handelsverkehres geben kann.
-- Das Gebäude enthält einen sehr großen Saal mit Arkaden und
Gallerieen, und mehrere große Gemächer, die theils zu Besprechungen
dienen, theils Erfrischungen spenden. -- Das Interessanteste ist aber
unstreitig, sich auf die Gallerie zu setzen, das Anschwellen der Menge,
ihr Umhertreiben in dem ungeheuern Saale, in den Bogengängen und
Gemächern zu beobachten, und das Summen und Lärmen der tausend
untereinander schreienden Stimmen zu hören. Um halb 2 Uhr erreicht
das Gedränge im Saale den Höhepunkt, und das Lärmen wird wahrhaft
betäubend; -- es wird nämlich der Cours angeschrieben, nach welchem
Alle ihre Geschäfte ordnen.
Von der Börse wanderten wir nach dem großen Hafen, und durchkreuzten
ihn auf einem Boote in allen Richtungen. Ich wollte hier nur die
Dreimaster zählen, hörte aber bald auf, denn ihre Anzahl erdrückte
mich ordentlich, dazu noch die Menge der prachtvollsten Dampfer,
Briggen, Schaluppen und anderer Schiffe, -- -- kurz: ich sah nur und
staunte, denn es lagen da wohlgezählte 900 Fahrzeuge.
Nun denke man sich eine Spazierfahrt zwischen 900 Schiffen und
Schiffleins, die an beiden Ufern der Elbe in drei- und mehrfachen Reihen
aufgestellt waren, das Hin- und Herkreuzen der zahllosen Boote, die
die Fracht von den Schiffen holten oder dahin brachten das Lärmen und
Jubeln der Matrosen, das Aufwinden der Anker, das Vorbeibrausen der
Dampfer, -- -- und man wird ein Bild sehen, wie es nur die Weltstadt
London noch großartiger bieten mag.
Die Ursache dieser ungewöhnlichen Belebtheit des Hafens war in der
Strenge des Winters gelegen. Seit 70 Jahren hatte man keinen
solchen Winter gesehen; Elbe und Ostsee lagen Monate lang in starrer
Unthätigkeit gefangen und kein Schiff konnte die eisbedeckten Flächen
durchziehen, keines Anker lichten oder Anker werfen. Erst kurz vor
meiner Ankunft war die Bahn wieder frei geworden.
In der Nähe des Hafens liegen die meisten der sogenannten _Höfe_. Ich
hatte so manches darüber gelesen, daß sie von Außen gewöhnlichen
Häusern gleichen, im Innern aber ganze Quartiere mit Sackgäßchen
bilden und der Aufenthalt unzähliger Familien sein sollen. -- Ich
besuchte daher mehrere solche Höfe und kann versichern, daß ich
gar nichts Außerordentliches fand. -- Häuser mit zwei langen
Seitenflügeln die ein Sackgäßchen von 80-100 Schritten bilden,
findet man in jeder größern Stadt, und daß so viele Familien in einem
solchen Hause wohnen, ist auch nicht merkwürdig, wenn man weiß, daß
sie Alle arm sind, und jede einzelne nur ein Zimmerchen besitzt.
Der beliebteste Spaziergang in der Stadt ist der _Jungfernstieg_, eine
breite Allee, die sich um ein großes und schönes Wasserbecken der
Alster zieht, und an deren einen Seite die prachtvollsten Gasthöfe, an
denen Hamburg durchaus keinen Mangel hat, so wie auch viele nicht minder
schöne Privathäuser stehen. Andere Spaziergänge sind: der Wall, der
sich um die Stadt zieht, und der botanische Garten, der einem schönen
Parke gleicht.
Das herrlichste Gebäude, ausgezeichnet durch Alles, was Luxus, Kunst,
Dauerhaftigkeit und Zierlichkeit betrifft, ist der _Bazar_. Ein wahres
Riesenwerk, um so mehr anzustaunen, da es nicht auf Actien, sondern
auf Kosten eines einzigen Mannes, Herrn Carl Sillem, erbaut wurde. Der
Architekt heißt: Overdick. Es ist ganz aus Quadersteinen aufgeführt.
Die Wände des großen Saales und der Halle sind mit Marmor ausgelegt.
Eine hohe Kuppel und ungeheure Wölbungen mit Glas gedeckt, überspannen
Saal und Halle; -- schöne Statuen, aus Stein gehauen, zieren die oberen
Balustraden. Abends ist Alles reich mit Gas erleuchtet, dazu denke man
sich noch die schönen Ausstellungen der herrlichsten Waaren aus allen
Ländern der Welt, und man wird sich in einen Feentempel versetzt
glauben.
Ueberhaupt besteht in Hamburg ein sehr großer Luxus in den Auslagen.
Die Waaren liegen höchst geschmackvoll ausgebreitet hinter ungeheuren
Glaswänden, die oft 5-6 Fuß breit, und 8-10 Fuß hoch sind, und aus
den schönsten reinsten Spiegelgläsern bestehen, von denen oft die
einzelne Tafel bei 600 fl. CM. kostet. Dieser Spiegelglas-Luxus
erstreckt sich aber nicht nur auf die Auslagen, sondern auch auf die
Fenster, und nicht blos auf Hamburg, sondern auch auf Altona und auf
die geschmackvollen Landhäuser der Hamburger. -- Manche Fensterscheibe
kostet 8-10 fl. Sie werden aber so gegen das Zerschlagen assecurirt,
wie die Häuser gegen den Brand.
Der Aufwand an Spiegelgläsern entspricht auch jenem an Möbeln; -- alle
sind von Mahagoni. Dieß Holz ist hier so allgemein, daß man in den
sehr eleganten Häusern sogar die Treppengeländer daraus verfertigt
sieht. Ja selbst die Lootsen haben gar häufig Mahagoni-Möbel.
Die schönste und belebteste Straße ist der _neue Wall_. Was mir in
allen Straßen Hamburgs auffiel, waren die vielen Verkaufsläden und
Wohnungen unter der Erde, zu denen sechs bis acht Stufen hinabführen,
und vor welchen ein Eisengeländer an der Seite der Treppe angebracht
ist, um die Vorübergehenden vor dem Hinabstürzen zu bewahren.
Eine sehr zweckmäßige Einrichtung ist das große Schlachthaus,
in welchem sämmtliches Stechvieh an bestimmten Tagen der Woche
geschlachtet wird.
Von der Stadt _Altona_ bemerke ich nur, daß sie mir eine Fortsetzung
Hamburgs schien, und auch nur durch eine einfache hölzerne Pforte davon
getrennt ist. Eine schöne, sehr breite Straße, oder eigentlich
besser gesagt -- ein in die Länge gezogener Platz mit doppelten Reihen
mächtiger Bäume -- ist das Merkwürdigste in dieser Stadt, die der
dänischen Regierung zugehört, und nach Kopenhagen die bedeutendste im
ganzen Reiche sein soll.
Die Fahrt nach dem zwei Meilen entfernten Dorfe _Blankenese_ ist
allerliebst; man kömmt an lauter herrlichen Landhäusern und großen
parkähnlichen Gärten vorüber. -- Blankenese selbst ist in recht
malerischen Gruppen um den Sülberg gelegen, von dem man eine weit
ausgebreitete Fernsicht hat, da er in dem großen ausgedehnten
Flachlande die einzige Erhöhung ist. Man kann den Lauf der Elbe, die
in gemäßigter Eile der Ostsee zuzieht, beinahe bis Kuxhaven, ihrem
Mündungsorte, verfolgen. -- Die Breite der Elbe mag bei Blankenese
über eine halbe Meile betragen.
Ein anderer interessanter Ausflug ist nach den _neuen Mühlen_; es
ist dieß ein Dörfchen knapp an der Elbe gelegen, höchstens eine
Viertelstunde von Altona entfernt, und nur von Fischern und Lootsen
bewohnt. -- Hierher muß man gehen, wenn man einen Begriff von
holländischer Niedlichkeit und Reinlichkeit bekommen will. -- Man kann
sich unmöglich etwas idyllenartigeres denken. -- Die Häuschen sind
meist stockhoch, zierlich und nett gebaut, an den Thüren blinken die
schönsten messingenen Handgriffe, die Fenster sind spiegelblank geputzt
und über Letztere hängen weiße Vorhänge, malerisch drapirt.
Schon in Sachsen sah ich manche Wohnungen der Bauern recht nett
und ordentlich, und jedenfalls mehr Wohlstand verrathend, als man
gewöhnlich bei dieser Menschenclasse findet, doch mit diesem Dörfchen
können sie nicht in die Schranken treten.
Solch ein Bild des Aeußeren muß Aug und Herz erfreuen, denn es läßt
auch auf Glück und Zufriedenheit im Innern schließen.
Von ländlichen Trachten die ich hier sah, gefiel mir nur jene der
Vierländerinen. Sie tragen kurze, faltenreiche Röcke von schwarzem
Zeuge, weiße, feine Hemden mit langen, weiten Aermeln und färbige
Leibchen, die mit Seidenschnüren oder Silberspangen leicht
zusammengehalten werden. -- Gar komisch sehen ihre Strohhüte aus; --
die Ränder sind viel höher als die Mitte, so daß der eigentliche Gupf
des Hutes ganz eingesunken erscheint. -- Viele hübsche junge Mädchen,
der Art gekleidet, kommen als Blumenverkäuferinen nach Hamburg, und
schlagen an der Börse ihren Hauptsitz auf.
Der 26. April, der festgesetzte Tag meiner Abreise rückte nur zu
schnell heran. Doch Scheiden ist das beständige Loos des Reisenden; nur
scheidet man manchmal leicht und manchmal schwer. Hier braucht es wohl
keines Commentars, um zu sagen, wie mir in der Stunde der Trennung zu
Muthe war; -- es waren ja die letzten Verwandten, die letzten Freunde,
von denen ich schied. -- Nun ging es hinaus in die weite Welt, unter
lauter -- Fremde.
Um acht Uhr Morgens also fuhr ich von Altona auf der Eisenbahn nach
Kiel. -- Auf dieser Bahn sah ich mit Vergnügen, daß sogar die dritte
Classe herrlich gedeckte mit Glasfenstern versehene Wagen hatte, die
sich von denen der ersten und zweiten Classe im Aeußern nur durch die
Farbe, und im Innern durch die nicht gepolsterten Bänke unterschieden.
Wir legten die ganze Strecke von 15 Meilen in drei Stunden zurück, --
eine schnelle, aber auch nur durch die Schnelligkeit angenehme Fahrt,
denn die ganze Gegend bot nichts als ungeheure Ebenen, Torf- und
Moorgründe, sandige Stellen und Haiden und nur gar wenig Wiesen- oder
Ackerland. Das Wasser in den Gräben und auf den Feldern sah, in Folge
des dunkeln Grundes, so schwarz aus, wie Tinte.
Bei _Binneburg_ bemerkt man einige verkrüppelte Waldpartieen.
Von _Elmsholm_ geht eine Seitenbahn nach _Glücksstadt_, und von
_Neumünster_, einem großen Orte mit bedeutenden Tuchfabriken, eine
nach _Rendsburg_. -- Nun sieht man aber auch nichts mehr als ein
Kloster, in welchem mehrere Herzoge von Holstein begraben liegen, und
mehrere unbedeutende Seen, als den _Bernsholmer_, den _Einfelder_
und den _Schulhofer_. -- Das Flüßchen _Eider_ würde mir gar nicht
aufgefallen sein, hätten nicht einige der Reisenden großes Aufheben
davon gemacht. -- In den herrlichsten Ländern fand ich die Eingebornen
lange nicht so entzückt über wirklich Schönes und Großartiges, als
sie es hier über ein Nichts waren. -- Ja, eine recht artige Frau,
meine Reisenachbarin, konnte in Lobpreisung ihres so wunderschönen
Vaterlandes gar nicht ermüden. Der verkrüppelte Wald schien ihr ein
herrlicher Park, die öde Fläche ein unermeßlicher Spielraum für das
Auge, -- jede Kleinigkeit wußte sie groß zu deuten. -- Ich wünschte
ihr zu dieser reichen Fantasie im Stillen Glück, konnte aber leider
meinem kalten Gemüthe nichts davon einhauchen.
Gegen _Kiel_ zu gestaltet sich die Ebene zu einem niedrigen Hügellande.
-- Kiel selbst liegt recht artig an der Ostsee, die von hier gesehen,
einem mittelgroßen See gleicht. Der Hafen soll gut sein, doch lagen
nur wenige Schiffe davor, darunter das Dampfboot, das mich weiter nach
Kopenhagen bringen sollte, und von dem ich mir nicht dachte, daß es mir
so unvergeßlich bleiben würde.
Durch die liebevolle Fürsorge meines Vetters Schmidt empfing mich
bereits an der Eisenbahn Einer seiner Verwandten, Herr Brauer, welcher
mich gleich in den Kreis seiner Familie einführte, und mir die paar
Stunden meines Aufenthalts recht angenehm vergehen machte.
_Kiel_ hat ein hübsches königliches Schloß, das gegenwärtig von der
jüngern Tochter des letzt verstorbenen Königs bewohnt wird. Der daran
stoßende öffentliche Park ist mehr durch seine Lage an der See,
als durch sonst etwas ausgezeichnet. -- Die Umgebung besteht aus
Hügelketten, auf und an welchen die Landhäuser und Gärten der
Städter liegen. Eine der schönsten Villa's gehört Herrn Brauer. Die
höchsten Punkte sind mit Kiosken oder Lauben geziert, von welchen aus
man eine schöne Fernsicht über die nicht sehr breite See bis an's
jenseitige Ufer genießt. -- Seit ich Dresdens Umgebung Lebewohl gesagt
hatte, war dieß die lieblichste Landschaft, die mir bis jetzt zu
Gesichte gekommen war.
_Kiel_ gehört eben nicht zu den größeren Städten Dänemarks, sieht
aber nett und freundlich aus. Viele der Häuser sind nicht mit Kalk und
Sand beworfen, was ihnen das Ansehen gibt, als wären sie noch nicht
fertig gebaut; die Dachungen bestehen aus Ziegeln, die oft noch mit
einer Art Firniß überzogen sind, der ihnen nebst einem schönen Glanz
auch eine größere Dauerhaftigkeit verleiht. -- Auch hier bemerkte ich
hin und wieder jene theuern Hamburger Spiegelgläser; es scheint, daß
sich dieser Luxus sehr weit verbreitet.
Der Abend und mit ihm die Stunde der Einschiffung rückte heran. Die
liebenswürdige Familie Brauer geleitete mich an Bord, wo ich mit Dank
erfülltem Herzen Abschied von ihnen nahm.
In dem Dampfschiffe »Christian =VIII.=« von 180 Pferdekraft lernte
ich ein so schmutziges und unbequemes Schiff kennen, wie es mir auf all
meinen bisherigen See-Reisen noch nicht vorgekommen war. Scheuern und
Fegen schien hier durchaus nicht Sitte zu sein. Die Treppe, welche in
die Kajüte führte, war so abschüssig, daß man sehr auf der Hut sein
mußte, nicht gar zu eilig z. B. durch einen Sturz hinab zu gelangen.
Von Abtheilungen für Herren und Frauen war auf dem zweiten Platze gar
keine Rede. -- Kurz, Alles war darauf eingerichtet, jedem Reisenden
dieses Schiff für immer unvergeßlich zu machen.
Um neun Uhr verließen wir Kiel. -- Da der Tag und die Dämmerung
hier schon länger währen, als in den westlich und südlich gelegenen
Ländern, so war es mir noch möglich die Festung Friedrichsort, an der
wir gegen 10 Uhr vorübersegelten, aus dem Schatten des sie umhüllenden
Dunkels zu scheiden.