16. April.

Die Dresdner Omnibuse kann man als Muster der Bequemlichkeit aufstellen;

da hat man doch gehörig Platz, und weder übermäßige Beleibtheit der

Mitfahrenden, noch deren Pelze und Mäntel zu befürchten. Im Innern des

Wagens ist ein Glockenzug angebracht, und jeder Aussteigende kann so

dem Kutscher ein Zeichen geben. -- Diese Omnibuse fahren bei allen

größeren Gasthöfen vor, halten einen Augenblick an; ist aber der

Reisende nicht schon bereit, so muß er zurück bleiben.

Um halb 6 Uhr früh hielt er vor unserm Gasthofe; ich hatte ihn schon

erwartet, und rollte ganz gemächlich zur Eisenbahn. Von hier bis

Leipzig rechnet man 12 Meilen, welche wir in 3 Stunden zurücklegten.

Die ersten drei Meilen waren sehr angenehm; Gärten, Felder und Wiesen,

Tannen-Gehölze in der Ebene und auf den Hügeln, dazwischen Dörfer,

Bauernhöfe, Landhäuser und einsame Capellen bildeten eine recht

liebliche Landschaft; doch dann hört dieß auf, und die links liegende,

durch ihre Porzellan-Fabrik berühmte Stadt _Meissen_ scheint den

Schlußstein des Schönen zu machen.

Eine einförmige, langweilige Ebene, die nur selten durch Dörfer oder

einzelne Höfe belebt wird, zieht sich bis Leipzig; da ist nichts zu

sehen als ein großer Tunnel und der Fluß _Pleisse_; letzterer (oder

vielmehr die _Elster_) berühmt durch den Tod des Fürsten Poniatowsky.

Die Stadt Leipzig, weltberühmt durch ihre Messen, und ganz besonders

durch ihren ungeheuern Bücherverlag, bietet im Innern ein dem großen

Verkehr entsprechendes Gewühl. Ich fand Straßen, Plätze und Gasthöfe

überfüllt.

Nicht leicht mag es eine Stadt geben, deren Häuser und dadurch auch die

Gassen so entstellt sind durch die unzähligen Ankündigungstafeln, die

in allen Formen und Größen, oft mehrere Schuh hervorragend, an den

Häusern angebracht sind. -- Unter den Gebäuden gefielen mir am besten

das _Augusteum_ und die _Bürgerschule_. Die _Bücherhalle_ hat wohl

ihren Ruf nur dem geistigen Inhalte, nicht aber der Bauart und der

Außenseite zu verdanken. Die Halle selbst ist zwar groß und zieht

sich über das ganze Gebäude hin, dessen untere Räume einige Säle

enthalten, aber Halle, Gebäude und Säle sind einfach und ohne

besondere Ausschmückung. -- Die Tuchhalle ist ein einfaches großes

Haus, deren weite Gewölber nichts als Vorräthe von Tuch enthalten. --

Das Theater steht auf einem sehr großen Platze und zeichnet sich weder

von Außen noch von Innen durch etwas Großartiges aus. Neu war für

mich die Einrichtung, auf der zweiten und dritten Gallerie Reihen von

Sperrsitzen vor den Logen zu sehen. -- Das Orchester hörte ich nur;

-- wo es sich befand, mochten die Götter wissen. Wahrscheinlich war es

hinter den Coulissen angebracht. Man versicherte mich, daß dieß

nur bei ganz außerordentlichen Fällen geschähe, wo man die

Orchester-Plätze in Sperrsitze umwandle. -- Dieß fand nun gerade

heute statt. Man gab das beliebte Stück von Gutzkow »Das Urbild

Tartüff's.« -- Die Darstellung des Stückes war sehr brav.

Im Leipziger Theater hatte ich zum zweitenmal Gelegenheit zu bemerken,

daß, was die Eßlust anbelangt, die lieben Sachsen den so verrufenen

Wienern durchaus nicht nachstehen. Ich bewunderte schon in Dresden im

Theater ein Paar Damen, die neben mir saßen. Diese hatten ein recht

niedliches Säckchen bei sich, und darin einen ganz anständigen Vorrath

von Backwerk, an welches sie sich in den Zwischenakten tapfer hielten.

-- Aber zu Leipzig war es eine kräftigere Nahrung, die eine zarte

Mutter mit ihrem 15-16jährigen Söhnlein verspeiste, -- -- Weißbrod

mit Salami. -- Ich traute meinen Augen nicht und dachte es sei

künstliche Salami, in irgend einer Zuckerbäckerei bereitet;

doch bestätigte mich meine Nase nur zu bald in meinem Anfangs so

widerstrebenden Glauben.

Und beide Begebenheiten ereigneten sich nicht etwa in den höchsten

Regionen des Thalientempels, wo man es wohl auch manchmal bei uns finden

mag, -- nein -- auf Sperrsitzen der zweiten Gallerie.

Um die Stadt Leipzig ziehen sich schöne Alleen. Ich machte auch einen

Spaziergang nach dem Rosenthale, das ebenfalls aus wunderschönen Alleen

und Rasenplätzen besteht. Ein niedliches Kaffeehaus mit einem sehr

hübschen in Halboval erbauten Kiosk, ladet die Ermüdeten freundlich

zur Ruhe und Stärkung ein, und eine angenehme Musik verbreitet Lust und

Heiterkeit.

Die übrige Umgebung Leipzigs bietet nichts als das Bild einer

einförmigen, unübersehbaren Ebene.

Reise nach dem skandinavischen Norden und der Insel Island im Jahre 1845. Erster Band. · 第 13 / 27 题