Prag

erreichten wir Nachts um 11 Uhr.

Ich wollte schon nach zwei Tagen meine Reise fortsetzen, und mein erster

Gang war am folgenden Morgen auf das Polizeiamt, um nebst dem Paß das

viel wichtigere Dokument eines Passirscheines zu holen, -- mein zweiter

auf die Hauptmauth, um ein Kistchen in Empfang zu nehmen, das ich

fünf Tage vor meiner Abreise aufgegeben hatte und nach des Spediteurs

Zusicherung bei meiner Ankunft vorfinden würde.[1] -- Ach Herr

Spediteur! das Kistchen war nicht da. -- Auf Samstag folgt Sonntag;

Sonntags aber ist die Mauth geschlossen. -- Ein Tag also war verloren,

ein ganzer Tag, in dem man hätte nach Dresden fahren, und sogar noch

die Oper besuchen können.

[1]: Ich erzähle diese Kleinigkeit, um dadurch jeden Reisenden zu

warnen, sich von seinen Effekten zu trennen.

Aber Montag Früh eilte ich auf die Mauth, in banger Erwartung -- das

Kistchen war noch nicht da. Es standen jedoch mehrere beladene Wagen

hier, auf deren einem es sich befinden konnte. -- Ach, wie sehnte

ich mich mein Theuerstes zu erblicken, um es, zwar nicht an's Herz zu

drücken, wohl aber um es aufzuschließen, und -- vor den Zollbeamten

auszukramen. --

In Prag hielt ich nur schnelle Uebersicht, da ich schon vor mehreren

Jahren Alles genau besehen hatte. Ich bewunderte den schönen Graben und

Roßmarkt, und die breiten, mit netten Häusern eingefaßten Straßen

der Neustadt. -- Mit einem eigenen Gefühle betrat ich die alte

Steinbrücke, von welcher der heilige Johann von Nepomuck in die Moldau

gestürzt wurde, weil er das Sündenbekenntniß der Gemahlin des Königs

Wenzel nicht veröffentlichen wollte. Am jenseitigen Ufer bestieg ich

den Hradschin und besuchte den Dom, in welchem ein großer Sarkophag,

von Engeln umgeben und getragen, und von einem Baldachin aus

dunkelrothem Damast überwölbt, dem Andenken dieses Heiligen gewidmet

ist. -- Das Monument ist von Silber, und der Werth des dazu verwendeten

Metalles allein wird auf 80,000 fl. geschätzt. Die Kirche selbst ist

nicht groß, aber im edlen gothischen Style gehalten, gegen welchen

leider die Nebenaltäre mit ihren zahllosen, hölzernen, vergoldeten

Figuren und Verzierungen sehr kleinlich abstechen. -- In den

Seiten-Capellen sind viele Sarkophage, auf welchen Bischöfe und Ritter,

in Stein gehauen, ruhen, aber so beschädigt sind, daß Hände und

Füße, ja Manchem sogar der Kopf fehlt. -- Rechts am Eingange der

Kirche, ist die berühmte St. Wenzeslaus-Capelle, deren Wände mit

Fresken, wovon Farben und Zeichnungen beinahe verschwunden, geschmückt,

und mit kostbaren Steinen ausgelegt sind.

Unweit des Domes steht der ungemein fensterreiche Pallast des Grafen

Czernin, er zählt nicht mehr und nicht weniger Fenster, als das Jahr

Tage. Ich war in einem gewöhnlichen Jahre da, folglich sah ich 365;

-- wie es sich in einem Schaltjahre verhält, weiß ich nicht. --

Die Aussicht auf dem Belvedere dieses Pallastes ist sehr lohnend. Man

übersieht die Alt- und Neustadt, den schönen Strom mit seinen beiden

Brücken (der antiken, ehrwürdigen Steinbrücke und der zierlich

hängenden 600 Schritt langen Kettenbrücke) und die Hügel rings umher,

besä't mit Gärten und niedlichen Landhäusern.

Die Gassen der Kleinseite sind nicht besonders schön, meist enge, krumm

und hügelich; doch findet man auch hier manch merkwürdigen Pallast,

worunter wohl jener des Wallenstein-Friedland den ersten Platz behaupten

mag.

Nachdem ich noch die St. Nicolaus-Kirche, die sich durch die Höhe ihres

Schiffes und die schön gewölbte Kuppel auszeichnet, besucht hatte,

ging ich auf die Wimmerischen Anlagen, und auf die Bastei, die

gewöhnlichen Versammlungsorte des Prager Publikums.

Von da aus sah ich die Verheerungen, die das Wasser kurz vor meiner

Ankunft hier angerichtet hatte. -- Die Moldau hatte ihre Ufer so

ungestüm überstiegen, daß sie manch' Häuschen, ja unweit Prag ein

ganzes Dörfchen in ihren Fluthen begraben und alle Häuser, die an

ihren Ufern standen, mehr oder minder beschädiget hatte. Das Wasser war

zwar schon gefallen, doch waren die Mauern der Häuser durch und durch

naß, die Thüren fehlten, und aus den zerbrochenen Fenstern blickte

Niemand nach den Vorübergehenden. Die Höhe des Wasserstandes betrug

um zwei Schuh mehr als im Jahre 1784, wo die Moldau auch eine

ungewöhnliche Höhe erreichte.

Von demselben Standpunkte aus übersah ich den großen, erst kürzlich

angekauften Platz, welchen bald die Bahnhöfe der Wiener- und

Dresdner-Eisenbahnen zieren werden. -- Obwohl viele darauf stehende

Häuser erst niedergerissen wurden, und von wenigen Bauten die

Grundlagen angefangen waren, versicherte man mich doch, daß Alles

binnen sechs Monaten beendet sein würde.

Noch muß ich einer Sache erwähnen, die mir auf meinen

Morgenwanderungen auffiel, nämlich die seltsame Art und Weise, auf

welche hier Milch, Gemüse und andere Lebensmittel zur Stadt gebracht

werden. Ich glaubte mich nach Lapp- oder Grönland versetzt, als ich

überall Karren begegnete, mit zwei drei bis vier Hunden bespannt; ein

Paar derselben zieht in der Ebene drei Centner. Geht die Fahrt über

einen Hügel, so hilft der Kutscher mit; außerdem sind sie sorgsame

Wächter, und ich würde Niemanden rathen, einem solchen Karren nahe zu

kommen, wenn er vor der Schänke steht, in welcher der Eigenthümer das

so eben eingenommene Geld verzecht.

* * * * *

Prag verließ ich am 15. Morgens 5 Uhr und fuhr mit dem Postwagen

drei Meilen, bis _Obristwy_ an der Elbe wo ich mich auf dem Dampfboote

»Bohemia,« von 50 Pferdekraft, einem elenden alten Schiffe, dem Luxus

und Pracht schon in der Jugend fremd waren, nach Dresden (22. M.)

einschiffte. -- Der Preis für diese kurze Fahrt von 8 bis 9 Stunden ist

entsetzlich theuer; doch werden die übertrieben fordernden Unternehmer

bald an den Reisenden durch eine Eisenbahn gerächt, auf der man

diese Strecke mit viel weniger Zeit- und Geldaufwand wird zurücklegen

können.

Aber anziehender ist jedenfalls die Fahrt auf dem Strome, da man

theilweise an wunderschönen Partien, und endlich an jenen der

sächsischen Schweiz vorüberschifft. -- Anfänglich ist die Fahrt

freilich nichts weniger als schön, rechts sieht man kahle Hügel und

links große Ebenen, über die sich in diesem Frühjahre der Strom noch

fessellos ergoß, die Bäume bis zu ihren Kronen, die Hütten bis zu

ihren Dächern bedeckend. Hier übersah ich die Zerstörungen erst

recht; viele Häuser waren durch die Gewalt der Fluthen gänzlich

niedergerissen, die Saaten sammt dem Erdreiche weggeschwemmt, -- --

eine schauerliche Scene verschwand, um einer noch schauerlicheren Platz

zu machen.

So ging es fort bis _Melnick_; da wurden die Hügel höher und zwischen

den zahllosen Weingärten standen Gruppen von Häusern. Dem Städtchen

gegenüber strömt die Moldau in die Elbe. -- Links in weiter Ferne

erblickt man den berühmten _St. Georgsberg_, von dem die Sage erzählt,

daß von ihm aus, _Czech_ Besitz von ganz Böhmen nahm.

Unterhalb des Städtchens _Raudnitz_ werden die Hügel zu Bergen, und da

viele Schwärmer nur jene Gegenden romantisch finden, wo die Berge mit

halb verfallenen Burgen und Schlössern geschmückt sind, so hat die

gute alte Zeit auch dafür Sorge getragen, und zwei schöne Ruinen,

_Hafenberg_ und _Skalt_, erfreuen das Auge solch empfindsamer

Beobachter.

Bei _Leitmeritz_, einem Städtchen mit einem artigen Schlosse und einer

Kirche sammt Kloster, strömt die Eger in die Elbe, auch verbindet

da beide Ufer eine hochgewölbte hölzerne Brücke. -- Unsere armen

Matrosen hatten da viele Mühe mit dem Umlegen des Schornsteines und des

Mastes.

Das ziemlich hübsche Dorf _Groß-Czernoseck_ ist merkwürdig durch die

großartigen, in Felsen gehauenen Keller. -- Man kann mit einem Postzuge

hineinfahren und ganz bequem darin umkehren. Die Fässer sind natürlich

den Kellern angemessen, besonders die zwölf Apostel, von denen jeder

200 Eimer enthält. -- Hier sollte doch füglich angehalten werden,

um jedem tüchtigen Weinhelden das Vergnügen zu verschaffen, diese

Palläste von Kellern zu beschauen, und den Aposteln eine Libation

darzubringen, -- doch das Schiff glitt vorüber, und man mußte sich an

den Beschreibungen Jener laben, die in diesen Gegenden heimischer waren,

und gewiß oft ganz begeistert jenen Tiefen entstiegen sind.

Die Fahrt wird nun immer reizender, -- die Berge rücken näher und

engen das Flußbett ein; romantische Felspartieen, deren Spitzen noch

romantischere Ruinen krönen, thürmen sich dazwischen. Besonders schön

ist die alte, ziemlich gut erhaltene Burg _Schreckenstein_, welche auf

einem an der Elbe liegenden, schroff empor ragenden Felskogel erbaut

ist, und den ganzen obern Raum deckt; -- Schlangenpfade in Fels gehauen,

führen hinauf.

Bei dem Städtchen _Aussig_ sind die größten Stein- und

Braunkohlen-Gruben von ganz Böhmen. -- In der Nähe liegt auch ein

kleines Felsgebiet _Paschkal_, auf welchem eine Weingattung wächst, die

dem Champagner ähnlich sein soll.

Die Berge werden immer höher; über alle aber ragt der Gigant

_Jungfernsprung_; und die Schönheit dieser Gegend wird nur durch die

Lage des Städtchens und Schlosses _Tetschen_ übertroffen. Das Schloß

steht auf einem 20 bis 30 Fuß hohen Fels, der sich aus der Elbe zu

erheben scheint. Er ist von Gewächshäusern und schönen Garten-Anlagen

umgeben, die sich zu dem Städtchen hinabziehen, das an einem kleinen

Hafen in einem blühenden Thale liegt. Letzteres ist von einer hohen

Bergkette umschlossen, und scheint dadurch wie von der übrigen Welt

ganz abgeschieden zu sein.

Das linke Ufer ist dermaßen von Felsen und Felswänden eingenommen,

daß nur hie und da für einen einzelnen Bauerhof oder eine Hütte Raum

bleibt. -- Da sieht man plötzlich zwischen den hohen Felsen die Spitzen

von Masten emporragen, eine Erscheinung die jedoch bald natürlich

wird, da ein großer Einschnitt in eine der Felsenwände das schönste

Wasserbecken bildet.

Und nun kamen wir nach _Schandau_, das nur aus einigen Häusern besteht,

und der sächsische Grenzort ist. -- Zollbeamte, von einer Grenze

unzertrennlich, kamen nun auf unser Schiff und stöberten Alles durch.

-- Mein, in einem Kistchen verschlossener Daguerrotyp-Apparat schien

ihnen verdächtig, auf meine Versicherung aber, daß ich ihn nur zu

meinem eigenen Gebrauche mitführe, wurde ich sammt ihm recht _artig_

entlassen.

Auf der weiteren Reise sieht man Felsen von oft merkwürdigen Formen,

denen auch ihre Namen entsprechen; so heißt einer _Zirkelstein_,

ein anderer _Lilienstein_ u. s. w. Der _Königsstein_ besteht aus

zackichten Felsmassen, auf welchen die Festung gleichen Namens liegt,

und als Gefängniß für schwere Verbrecher dient. An den Fuß dieser

Felsmassen lehnt sich das Städtchen _Königsstein_. -- Unweit davon

sieht man an der rechten Seite einen ungeheuren Felsblock auf andern

ruhend, der die höchst natürliche Gestalt eines Kopfes bildet. -- Die

ferneren Felspartieen heißen jene von _Rathen_, welche aber schon zur

sächsischen Schweiz gezählt werden. -- Die _Basteien_ dieser

Schweiz, an welchen man nun unmittelbar vorübersegelt, sind eine der

wunderbarsten Uebereinanderhäufungen hoher und seltsam gestalteter

Felsmassen. -- Leider trieb uns der Dampf so schnell dahin, daß

während wir auf die eine Seite blickten, uns auf der andern die

reizendsten Bilder schon wieder entschwunden waren. Viel zu schnell

kamen wir an dem Städtchen _Pirna_ vorüber, das an den Ausläufern

dieses Gebirgszuges liegt. Ueber alle Gebäude dieses Städtchens ragt

das sehr antike Stadtthor hoch empor.

Noch sieht man das große Schloß _Sonnenstein_ auf Felsen liegend, das

jetzt als Narrenhaus dient.

Das Reizende und Schöne dieser Stromfahrt war nun vorüber, und

kleinlich nimmt sich gegen diese großartige Natur, das königliche

Lustschloß _Pilnitz_ mit seinen zahllosen chinesischen Dachspitzchen

aus. -- Daran reiht sich eine Kette von Hügeln, bedeckt mit den

Landsitzen der Städter, und rechts eine große Ebene an deren fernem

Ende uns Sachsens Hauptstadt entgegen schimmerte. -- Doch was ist jetzt

Ferne? -- Kaum hatten wir Zeit das Gepäck zu ordnen, und schon war,

unfern der schönen Dresdner Brücke, der Anker ausgeworfen.

Auch diese Brücke ließ das tobende Element nicht unbeschädigt. Einer

der mittleren Pfeiler gab nach, und das Kreuz und Schildhäuschen, die

darauf standen, wurden in die Fluthen gestürzt. Anfänglich konnte

sie noch befahren werden, erst später entdeckte man die große

Beschädigung dieser Brücke, und das Fahren wurde auf viele Monate

eingestellt.

Da ich Dresdens Merkwürdigkeiten schon vor mehreren Jahren besehen,

und mir nur das prächtige Theater neu war, so benützte ich die Paar

Abendstunden meines Aufenthaltes um selbes zu besuchen.

Es steht in der Mitte des schönen Domplatzes, und zieht durch den

rotundenartigen prachtvollen Bau gleich die Aufmerksamkeit auf sich. --

Ein herrlicher, breiter und hoher Corridor, mit schönen Bogenfenstern

umgibt das innere Theater, und gerade aufsteigende, breite Treppen

führen von verschiedenen Seiten zu den Gallerien. Das Innere des

Theaters ist zwar nicht so groß, als man nach der Außenseite zu

schließen berechtiget wäre, aber Bau und Decorirung sind wahrhaft

prachtvoll und überraschend. -- Die Logen sind alle offen, nur durch

eine ganz niedere Wand getrennt, die Wände und Stühle derselben sind

mit schweren Seidenstoffen überdeckt, und die Bänke der dritten

und vierten Gallerie mit Halbseiden-Stoffen. -- Nur Eines war mir in

akustischer Hinsicht störend: -- ich hörte nämlich das leiseste

Geflüster des Souffleurs so deutlich, als säße Jemand hinter mir und

läse die Rollen ab. -- Kaum war der Vorhang gefallen, so war auch schon

Alles leer, und doch nirgend ein Gedränge. Da wurde ich erst auf die

schöne Einrichtung der vielen und bequemen Ausgänge aufmerksam.

Reise nach dem skandinavischen Norden und der Insel Island im Jahre 1845. Erster Band. · 第 12 / 27 题